SHOW ROOM
€URO 06|2522 Viele Deutsche sehnen sich nach Abgrenzung von den USA. Am Kapitalmarkt zeigt sich aber, wie eng die Verflechtung mit dem ökonomischen Giganten ist VON GREGOR DOLAK Den Knoten entwirren Seit US!Präsident Donald Trump auch Europa mit Zoll- drohungen überzieht, erkaltet die Amerikaliebe der Deutschen. Seit den 1980er-Jahren reisten viele gern dorthin, surften in Kalifornien, wanderten in den Nati- onalparks, shoppten in New York. Lange galten Nike-Turnschu- he und Apple-Geräte als Prestige-Importprodukte. Inzwischen geben rund 50 Prozent der deutschen Konsumenten in Umfra- gen an, dass sie beim Einkaufen US!Produkte meiden würden. Dahinter steht der Wunsch nach Abgrenzung. Dieser erreicht auch den Kapitalmarkt. So hat der ETF Xtrackers MSCI US-BINDUNG DOSSIER ➝
’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 50 45 40 35 30 Prognose €URO 06|25 23 BILD: WILDPIXEL/ISTOCK Stichtag: 31.03.2025; Quelle: Nasdaq, Bilanzen Transatlantiker Die vier größten/kleinsten Anteile von Investoren der Gegenseite Stichtag: 01.01.2025 Quelle: DIRV, S & P Global Dollar im DAX So viel halten Geldgeber aus den USA am deutschen Aktienindex US-Anteil am DAX in % Anteile von US- Investoren an DAX-Konzernen in % Anteile deutscher Investoren an Dow-Konzernen in % Walmart !," Procter & Gamble #,$ Johnson & Johnson ",% Salesforce ",& Apple ",$ Caterpillar $,' Chevron $,& Honeywell $,( Fresenius Med. Care !',$ Qiagen !',$ Brenntag !#,# Merck )',$ Porsche "(,# Eon "(,$ Hannover Rück "*,( Allianz "),&
€URO 06|2524 Dossier US-Bindung World ex USA, der in Unternehmen aus aller Welt außer den USA investiert, seit seiner Auflage vor einem Jahr rund eine Milliarde Euro Kapital eingesammelt. Doch wie schwierig die Vereinigten Staaten vom Rest der Welt zu entflechten sind, zeigt sich gerade an den Finanzmärkten. So steckt in deutschen Firmen wesentlich mehr amerikani- sches Geld als umgekehrt. Da viele deutsche Sparer Aktien mei- den, auch diejenigen einheimischer Firmen, ist der Anteil nord- amerikanischer Investoren am Aktienindex DAX auf mehr als 40 Prozent gestiegen. Mit der massiven Umschichtung von Ka- pital aus den USA nach Europa seit Beginn von Trumps Han- delskrieg dürfte der Anteil noch weiter gewachsen sein. Allen voran hat die Wall-Street-Firma Blackrock schon bis 2024 rund 72 Milliarden Dollar in die 40 größten deutschen Konzerne gesteckt, während die Deutsche Bank als größter institutioneller Investor aus Germany "ür 58 Milliarden Dollar Anteile an den 25 größten Dow-Jones-Firmen besitzt. Der Fall Blackrock veranschaulicht das Ungleichgewicht wie unter dem Brennglas: Allein das US!Unternehmen hält laut einer Studie von S & P Global rund neun Prozent aller frei umlaufenden DAX!Aktien, während alle deutschen Geldgeber zusammen nur 1,1 Prozent der Blackrock-Anteile besitzen. Die über Jahrzehnte gewachsene Verflechtung wirkt stabil und belastbar. Deutsche Firmen investieren jedes Jahr Milliar- den jenseits des Atlantiks, deutsche Gläubiger halten US!Schul- den im Wert von fast 300 Milliarden Euro in Staats- oder Un- ternehmensanleihen, deutsche Unternehmen exportieren Waren im Wert von 161 Milliarden Euro dorthin — Industrie- maschinen, Elektronik, chemische Produkte, Autos. Mögen deutsche Konsumenten auch weniger bei McDonald’s essen, weniger Coca-Cola oder Colgate-Zahnpasta kaufen — das Konsumverhalten lässt sich ebenfalls nur schwer abgrenzen. Denn wie amerikanisch sind manche deutschen Großunter- nehmen inzwischen? In DAX!Größen wie Fresenius Medical Care, Qiagen, Brenntag, Merck steckt bis zur Hälfte Kapital von jenseits des Atlantiks. Eher niedrig ist der Anteil von Pensions- fonds, Investmentgesellschaften, Privatanlegern aus Übersee an Versicherungen wie der Allianz (13,7 Prozent) oder Hanno- ver Rück (15,6 Prozent), an Versorgern wie Eon (16 Prozent) oder RWE (21 Prozent), selbst am Tech-Riesen SAP (18 Prozent). US!Präsident Trump ge"ährdet zwar die ökonomischen Ver- bindungen zwischen den Ländern. Rückstandsfrei auflösen lassen sie sich aber auch nicht. Maschinen, Elektronik Chemikalien, Plastik Autos, Züge, Flugzeuge Öl, Mineralien, Zement Stahl, Eisen, Metalle Optik, Messgeräte Holz, Papier Textilien digitale Dienstl., Forschung, Wissenschaft Unternehmensberatung Reisen Finanzdienstleistungen Deutschland → USAUSA → Deutschland 10 10 15 20 25 3005 5 26,7 18,6 11,9 5,9 4,1 2,2 1,0 5,9 4,5 1,8 1,0 0,5 Quelle: Deutsche Bundesbank, US Bureau of Economic Analysis, US-Department of Commerce, Statistisches Bundesamt Handelsbilanz Deutsche Exporte in die USA: 229,7 Mrd. €, US-Exporte retour: 156,4 Mrd. € Exportmeister Bis auf Öl, digitale Dienste, Un- ternehmensberatung liegt Deutschland im Plus BILD: WILDPIXEL/ISTOCK Anteile Waren und Dienstleistungen 2024 in % Warenhandel Dienstleistungen Handelsüberschuss nach Produkten 2024 in Mrd. € Deutschland → USA USA → Deutschland #',& !",( *%,!&$,)
€URO 06|25 25 Kapitalmarktzange Mit Investments in US-Aktien und US-Fonds haben deutsche Anleger stark aufgeholt Aufbau West Gegenseitige Investitionen in Fabriken und Filialen – deutsche Firmen produzieren stark in den USA Schuldenschere Deutsche Geldgeber zeichnen immer mehr US-Staats- und Unternehmensanleihen Investoren und Arbeitgeber In ihren Niederlassungen beschäftigen deutsche Firmen 923 600 US-Mitarbeiter ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 500 400 300 200 100 0 Deutschland → USA ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 50 40 30 20 10 0 Deutschland → USA ’14 ’15’13’12 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 Prognose 800 700 600 500 400 300 200 100 0 ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 300 250 200 150 100 50 Deutschland → USA Wechselseitige Wertpapierinvestments in Mrd. € Direktinvestitionen in Mrd. € Wechselseitige Anleihe-Investments in Mrd. € Kumulierte Direktinvestitionen deutscher Firmen in den USA in Mrd. US-$
Lecker: Nuss, Traube, Früchte – alles Mögliche wird Schokolade beigemischt. Und kaum einer liebt das Naschzeug so sehr wie die Deutschen
€URO 01|20 107 BILD: ANDREABASILE/ISTOCK Schokolade macht glücklich, nicht nur zur Weihnachtszeit. Doch der Kakaopreis schwankt mitunter gewaltig, was nicht nur an gierigen Spekulanten liegt VON JULIA PFANNER Glück in Tafeln Weihnachtsmänner, Adventskalender, Lebkuchen mit Schokoüberzug — Weihnachten ohne Scho- kolade ist schwer vorstellbar. Auch im Rest des Jahres lieben die Deutschen sie und gönnen sich fast acht Kilo davon pro Kopf und Jahr, so viel wie sonst kaum eine Nation, zeigen Zahlen des Marktforschers Euromonitor. Ohne Kakao gäbe es allerdings gar keine Schokolade. Den höchsten Verbrauch an Kakao haben vor allem Westeuropa und die USA. Die besten Bedingungen zum Wachsen !indet der Ka- kaobaum aber in Äquatornähe: Etwa drei Viertel des Kakaos weltweit kommen derzeit aus Westafrika. Vor allem aus der Elfenbeinküste, allein hier sollen in der Saison 2018/2019 gut 2,2 Millionen Tonnen Bohnen geerntet werden, prognostiziert die International Cocoa Organization, fast die Hälfte der ge- schätzten rund 4,9 Millionen Tonnen weltweit. Mehrere SCHOKOLADE DOSSIER ➝
€URO 01|20108 BILD: BAIBA OPULE/123RF, GRANDEDUC/ISTOCK [M], KOLESNIKOVSERG - STOCK.ADOBE.COM, PROSTOCK-STUDIO/ISTOCK, PAUL WILLIAMS/FUNKYSTOCK/IMAGEBROKER/MAURITIUS IMAGES Dossier Schokolade Millionen Tonnen Ernte klingen viel — aber mit solchen Mengen ist der Markt !ür Kakao relativ klein. Und der Kakaobaum ist an- !ällig. Wenn es in den Anbauländern zum Beispiel Dürren gibt oder zu viel Regen !ällt, !ührt das schnell zu großen Schwan- kungen bei der Ernte. Oft spüren die Länder die Folgen des Kli- mawandels oder Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño, das alle paar Jahre auftritt. Auch politische Unruhen, überal- terte Kakaobäume oder Schädlinge stören die Produktion. Des- halb geht es bei den Kakaopreisen oft turbulent zu. Die großen Schwankungen locken außerdem Spekulanten. Die wiederum verstärken das Preis-Tohuwabohu in dem kleinen Markt. Fast schon legendär sind die Geschichten um den britischen Hedgefondsmanager Anthony Ward. Sein Spitzname: Schoko- !inger, angelehnt an Gold!inger, den Bösewicht aus dem gleich- namigen James-Bond-Film, der das Gold in Fort Knox auf Jahr- zehnte radioaktiv verseuchen will, um den Wert des Goldes in seinem Besitz in die Höhe zu treiben. Schoko!inger schlug im Sommer 2010 am Kakaomarkt zu. Er kaufte mit seinem Hedge- fonds Armajaro an der Londoner Rohstoffbörse mehr als 240 000 Tonnen Kakao im Wert von etwa einer Milliarde US#Dollar, etwa sieben Prozent der weltweiten Produktion. Der Kakaopreis schnellte auf mehr als 2500 Pfund je Tonne nach oben. So hoch hatte er seit 33 Jahren nicht mehr gestanden. Nicht sein erster Coup, schon 1996 und 2002 hatte Schoko- !inger riesige Mengen gekauft. Vorwürfe, er sei ein Spekulant, der das Angebot verknappt und so den Preis künstlich in die Höhe treibt, wies er zurück. Mehrmals wurde wegen Ernteeinbrüchen und schwan- kenden Preisen von einigen schon der „Schokoladennotstand“ ausgerufen. In Zukunft könnte das öfter passieren, denn die Nachfrage etwa aus asiatischen Schwellenländern steigt. Allein Deutschland braucht jedes Jahr weit mehr als 400 000 Tonnen Kakaobohnen, fast zehn Prozent der globalen Ernte. 2018 stellte die Industrie hierzulande mit Kakao knapp 1,7 Mil- lionen Tonnen Produkte im Wert von fast 6,3 Milliarden Euro her, vor allem Pralinen, Tafeln oder Riegel, aber auch Trink-Ka- kao oder Kakaomasse. Laut Bundesverband der deutschen Süß- warenindustrie wurden gut 1,2 Millionen Tonnen (Wert: 5,2 Milliarden Euro) exportiert. Schokowaren gingen dabei vor al- lem etwa nach Frankreich oder ins Vereinigte Königreich. Deutschland ist laut Centre for the Promotion of Imports from developing countries (CBI) weltgrößter Schokoexporteur. Rund 774 000 Tonnen Kakaoprodukte !ür 3,1 Milliarden wurden im- portiert, Schokolade etwa aus der Schweiz, Polen oder Belgien. Kakao wird vor allem auf kleinen Farmen angebaut, und die Bauern erwirtschaften meist nicht genug zum Leben. Ghana und die Elfenbeinküste versuchen, Mindestpreise durchzuset- zen. Nachhaltig produzierter Kakao wird immer wichtiger, auch wenn das Siegel oft nicht hält, was es verspricht. Ökotest unter- suchte jüngst 25 Vollmilchschokoladen und fand heraus, dass nicht einmal !ür zerti!izierten Kakao ausreichend Löhne gezahlt wurden. Zudem gäbe es keine Garantie, dass keine Kinder auf den Felder schuften oder Regenwald gerodet wurde. Und: Bei den Siegeln Fairtrade und UTZ ist erlaubt, zerti!izierten mit nicht zerti!izierten Kakao zu mischen — den höheren Preis be- kommt der Bauer aber trotzdem bezahlt. 1 Viele Unternehmen beziehen gar keinen Rohkakao mehr. In diesen Fällen wurde bis Mai 2017; 6 keine Angaben gab es zu Blommer, ein weiterer großer Kakaover- Geschäft mit Süßem Bis aus Kakao Schokolade wird, durchläuft der Rohstoff mehrere Stufen. Vom Anbau über die Handels- und Verarbeitungsunternehmen bis hin zu den Schokoladenproduzenten und Einzel- händlern ist der Markt äußerst konzentriert. Es geht um viel Geld: 2017 lag der Umsatz mit Schokolade laut Statista weltweit bei etwa 130 Milliarden US-Dollar Lieblinge Schokolade ist laut Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie das beliebteste Naschwerk. Milchschokolade ist der absolute Favorit der Deutschen Teurer Naschen Der Preis für Schokoladentafeln ist in Deutschland von 2010 bis 2018 um 26,3 Prozent gestiegen, der von Bonbons nur um elf Prozent 47 % Milch-/Vollmilch- schokolade 28,5 % Bitter-/Zartbitter- schokolade 25,5 %Haselnuss- schokolade 29,6 %Nougat- schokolade 28,1 % weiße Schokolade Verbraucherpreisindex Schokoladentafeln und Bonbons (indexiert 2010 = 100) Schokolade Bonbons '05 130 120 110 100 90 80 '10 '15
BILD: XXXXXXXXXXXXXX 109€URO 01|20 mit dem entsprechenden Faktor von Kakaobutter, -masse oder -pulver ins Kakaobohnenäquivalent umgerechnet; 2 geschätzt; 3 geschätzt 2016; 4 September 2016 bis August 2017; 5 Juni 2016 arbeiter; 7 2016; Quelle: BDSI, Lindt & Sprüngli/Euromonitor, ICCO, Make Chocolate Fair, Statista/Statistisches Bundesamt, Statista/Stratistics MRC/Research and Markets, Südwind Institut Süßmäuler Nur Schweizer und Öster- reicher essen pro Kopf noch mehr Schoko- lade als die Deutschen Pro-Kopf-Konsum pro Jahr in kg Zutaten Kakaomasse, Kakaobutter und Zucker sind die Grundlagen der Schokolade. Weißer Schoko- lade fehlt die Kakaomasse Anbauländer Laut Prognose der Inter- national Cocoa Organization produziert das Hauptanbauland Elfenbeinküste 2,2 Millionen Tonnen Kakaobohnen. Welt- weit sind es knapp 4,9 Millionen Tonnen Schokohersteller Am meisten Kakao verbrauchen die drei Riesen Mondelez (USA), Nestlé (Schweiz) und Mars (USA) Prognose Produktion Kakaobohnen in der Erntezeit 2018/2019 in Tsd. Tonnen Verbrauch von Kakaobohnen 2017 in Tsd. Tonnen 1 Wer wie viel an einer Tafel Schokolade verdient in % 8,8 2220 830 270 250 220 450 2 Mondelez Mikado, Milka, Toblerone Nestlé After Eight, Choco Crossies, Kitkat Mars M & M’s, Mars, Snickers, Twix Hershey Hershey’s, Kisses, Reese’s Ferrero Ferrero Rocher, Kin- der Scho- kolade, Mon Chéri Lindt & Sprüngli Ghirardelli, Lindt, Russell Stover 434 410 3 200 2 135 4 128 310 Elfenbeinküste Ghana Kamerun Nigeria Indonesien Ecuador Händler/Verarbeiter Größter Kakao- verarbeiter der Welt ist der Schweizer Konzern Barry Callebaut. Auf Platz 2 folgt das Lebensmittel- und Agrarunter- nehmen Olam aus Singapur Anteile Das meiste verdienen Schoko- konzerne und Einzelhandel am Endprodukt Schokolade, den Bauern bleibt wenig Verbrauch von Kakaobohnen 2017 6 in Tsd. Tonnen 1 1020 4 950 593 500 400 7 750 5 Barry Callebaut Olam Ecom Sucden Touton Cargill Schweiz Österreich Deutschland Irland Großbritannien 8,1 7,9 7,9 7,6 44,2 Händler Schokoladen- hersteller 35,2 7,6 6,6 Verarbeiter Staatl. Behörden 4,2 Zwischenhandel 2,2 Kakaobauern
€URO 09|19102 Facebook will mit der Libra eine neue Kryptowährung schaffen. Mit einer ähnlichen Technik wie beim Bitcoin – und doch ganz anders VON JULIA PFANNER Weltgeld A uf alle, denen Bargeld heilig ist, wirkt dieser Plan von Facebook wohl wie ein Albtraum: Der Social-Media-Konzern will eine rein digitale Währung ein!ühren. Libra soll sie heißen und bereits im kommen- den Jahr starten. Mit ihr sollen Nutzer ein- facher online einkaufen und günstig Geld auch über Grenzen hinweg verschicken, voll digital, ohne Scheine und Münzen. Dass es rein digitale Währungen gibt, mit denen man mancherorts auch bezah- len kann, ist den meisten wohl spätestens seit dem Bitcoin ein Begriff. Die erste und zugleich bekannteste Kryptowährung hat vor zwei Jahren einen wahren Hype erlebt. Seit der Geburt des Bitcoin 2009 sind zahlreiche weitere Kryptowährungen entstanden, mittlerweile verzeichnet die Plattform Coinmarketcap weit mehr als 2000. Die meisten sind nur Fachleuten ein Begriff. Doch die Libra würde mit ei- nem ganz anderen Rückenwind auf den Markt kommen. Mit seinen Social-Media- Plattformen wie Facebook, Instagram oder Whatsapp bringt der US"Konzern bereits rund 2,7 Milliarden potenzielle Nutzer mit. In alle Dienste soll die Libra integriert werden. Anders als etwa der Bitcoin oder Ether, die nach Marktkapi- talisierung zweitgrößte Kryptowährung, soll die Libra vollständig mit risikoarmen Vermögenswerten wie Staatsanleihen oder Bankguthaben hinterlegt werden; die Libra entsteht, indem ihre Nutzer „klassische“ Währungen, eintauschen. Dadurch, dass die Libra an einen Wäh- rungskorb gekoppelt ist, würde ihr Wert KRYPTO- WÄHRUNGEN DOSSIER Große Namen Unter den Gründungsmitgliedern soll Facebook mit seiner Tochter Calibra nach dem Start nur eines von vielen sein. Mit dabei sind etwa schon Ebay, Visa oder Mastercard. Die Gründer müssen je zehn Millionen US-Dollar einzahlen
€URO 09|19 103 28 Unternehmen gehören bisher zur Libra Association, vor allem US-Konzerne. Bis zum Start der Libra 2020 sollen es etwa 100 werden Distributed Ledger (reguliert) 2 Milliarden Menschen weltweit haben kein Bank- konto, ein Teil davon aber ein Handy mit Internet- zugang. Sie könnten nun ein Konto führen Distributed Ledger (unreguliert) 1 Centralized Ledger 3 Stable Coin Libra wird mit klassischen Wäh- rungen gekauft und das Geld in Bankguthaben oder kurz laufenden sicheren Staatsanleihen angelegt (Libra Reserve) Technische Grundlage ist die Blockchain, eine Form der Distributed Ledger Technology („Verteiltes Kontenbuch“). 1 Teilnehmer (Nodes) haben eine Schreib- und Leseberechtigung. 2 Anders als bei Bitcoin etwa, wo im Prinzip jeder einen Node betreiben kann, soll Libra zunächst bis zu fünf Jahre lang zentralisierter sein: Wer einen betreiben und Änderungen vornehmen will, braucht eine Erlaub- nis. Die sollen zunächst nur Mitgliedsunternehmen haben. Damit wäre es nicht wie 3 komplett zentra- lisiert, dahinter steht mit der Association aber eine zentrale Instanz $ Nächstes Jahr will Facebook mit der Libra eine Kryptowährung etablieren. Digital und global soll sie sein, die Gebühren für Zahlungen und Überweisungen, auch über Länder und Kontinente hinweg, sollen minimal sein Libra Quelle: Libra Association, Weltbank: „Distributed Ledger Technology (DLT) and Blockchain“ (2017)
B €URO 09|19104 Dossier Kryptowährungen 1 Stand 24.07.2019; 2 Stand: 18.06.2019; Quelle: Coinmarketcap.com, Digiconomist, Statista 600 kWh 1 Bitcoin- Transaktion 172,9 Bitcoin 22,0 Ether 13,1 XRP 5,6 Litecoin 5,2 Bitcoin Cash 6/13 26 366 506 544 562 564 644 6/166/14 6/1512/13 12/1612/14 12/15 160 kWh 100 000 Visa- Transaktion Die wertvollsten Krypto- währungen: Bitcoin hat die mit Abstand größte Marktkapitalisierung. Es folgen Ether, Ripple (XRP), Litecoin und die Bitcoin- Abspaltung Bitcoin Cash Eine Bitcoin-Trans- aktion verbraucht etwa 600 Kilowatt- stunden Strom Anzahl und Wert von Kryptowährungen ²: Während die Zahl der Währungen in den vergangenen Jahren kontinuierlich stieg, schwankte ihr Gesamt- wert deutlich. Bitcoin allein macht über die Hälfte der gesamten Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen aus. Früher war der Anteil teilweise sogar noch viel höher 1,1 10,1 5,5 4,3 6,8 12,5 16,1 Marktkapitalisierung in Mrd. US-$ Marktkapi- talisierung ¹ in Mrd. US-$ Energieverbrauch je Transaktion in kWh Anzahl Kryptowährungen Bitcoin: Maximal 21 Millionen Bitcoins kann es geben. Bisher wurden gut 17,8 Millionen Stück erzeugt. Dieses „Schürfen“ neu- er Coins durch Dritte soll bei Libra nicht möglich sein Bitcoin und Co
€URO 09|19 105 BILD: BITCOIN, WIKIPEDIA (2) 871 1353 1547 2073 2238 6/17 6/18 6/1912/17 12/18 weniger stark schwanken als etwa der des Bitcoin, der schon zwischen wenigen Hundert und mehreren Tausend Dollar notierte. Die Libra soll aber keine alleinige Face- book-Währung sein. Zum Social-Media- Konzern kommen in der sogenannten Libra Association bisher 27 weitere Grün- dungsmitglieder dazu. Darunter etwa die Marktplattform Ebay, die Zahlungsdienst- leister Visa, Mastercard und Paypal, die Fahrdienstleister Uber und Lyft oder der Streaminganbieter Spotify. Die Kunden dieser Unternehmen wären ebenfalls po- tenzielle Nutzer der Währung. Facebook, so wird immer wieder betont, wäre nur eines von vielen Unternehmen. Die Libra Association ist eine gemeinnützige Orga- nisation mit Sitz in der Schweiz. Sie soll den Betrieb der Währung verantworten. An die Association gehen auch die Zinsen aus der Libra Reserve, die die Rücklagen enthält, um den Betrieb zu !inanzieren. Geld, das übrig bleibt, bekommen frühe Investoren als Dividende. Facebook etwa wolle laut David Marcus, Chef des Face- book-Projekts, zum Beispiel auch mit hö- heren Werbeeinnahmen durch einen stär- keren Onlinehandel pro!itieren. Alle Details zur Libra sind noch nicht bekannt. Doch Behörden, Zentralbanken oder Politiker sind aufgeschreckt. Das Projekt löse ernsthafte regulatorische und systemische Bedenken aus, teilten etwa die Finanzminister und Chefs der Notenbanken der G7"Staaten bei ihrem Treffen im Juli mit. Ob die Libra zugelassen und wie sie re- guliert werden kann, welche Auswirkun- gen die Währung aufs Finanzsystem ha- ben würde, ob sie Geldwäsche oder Ter- rorismus!inanzierung erleichtern würde und, und, und — all diese Fragen müssen noch geklärt werden. Die Libra wäre eine rein private Währung, sie könnte zum Beispiel nationale Geld- und Wirtschafts- politik erschweren. Eine eigene Geldpo- litik soll mit der Libra nicht betrieben werden. Dadurch, dass die Libra mit ei- nem Währungskorb und Anleihen hinter- legt sein soll, wäre sie Teil des etablierten Systems. Große Banken sind alarmiert: Die Libra könnte ihr Einlagengeschäft und ihr Geschäftsmodell untergraben, warnte etwa Bundesbank-Präsident Jens Weid- mann. Und was, wenn die Libra irgend- wann auch Kredite vergibt oder andere Finanzprodukte anbietet? Da stellt sich gerade bei Facebook mit mehreren Da- tenskandalen die Frage: Wie sicher sind die persönlichen Daten? Und sollte man dem Konzern zusätzliche Datenschätze in die Hand geben? Facebook verspricht: Nur mit ausdrücklicher Nutzer-Zustim- mung würden Libra-Daten mit Face- book-Daten verknüpft. Zudem werde die Libra erst nach Einigung mit den Regu- lierern einge!ührt. Neben viel Kritik werden digitalen Währungen aber auch große Chancen eingeräumt: Sie könnten vielen Men- schen, etwa in Entwicklungsländern, erstmals Zugang zu (günstigen) Finanz- dienstleistungen geben oder internatio- nale Überweisungen schneller und bil- liger machen. Deshalb sind auch schon Konzepte wie ein E"Euro im Gespräch. Technisch soll Libra wie etwa Bitcoin oder Ether auf einer Blockchain basieren. In einem Netzwerk aus Knotenpunkten (Nodes) werden alle Daten bzw. Trans- aktionen dezentral gespeichert und sind von allen Teilnehmern stets einsehbar. Wird in einem Node etwas geändert, müs- sen die Teilnehmer das validieren. Die Informationen sind unveränderlich: Wür- de ein früherer Datensatz verändert, würde die Kette brechen. Die Ambitionen !ür die Libra gehen über Einkäufe oder Geldversenden hin- aus: Ihre Blockchain soll auch eine Platt- form !ür Smart Contracts, eine Art auto- matischer Verträge, werden. Sie machen auch komplexe Finanzdienstleistungen möglich. Terawattstunden verbraucht das ge- samte Bitcoin-Netz- werk pro Jahr – in etwa der Stromver- brauch Österreichs. Das Problem des enormen Verbrauchs soll Libra laut Face- book nicht haben 109,2 614,2 252,0 130,5 282,7 Wien
124 €URO 10|21 Traumpaar: CSU-Chef Markus Söder tätschelt 2019 landesväterlich einen Baum im Hofgarten hinter der bayerischen Staatskanzlei
€URO 10|21 125 BILD: PETER KNEFFEL/DPA Der Wald ist in Gefahr: Hitze, Stürme und der Klimawandel setzen ihm zu. Gleichzeitig ist Holz als Rohstoff gefragt wie nie. Was das für Waldbesitzer bedeutet VON FELIX PETRUSCHKE Emotion schlägt Rendite M arkus Söder war mal wieder einer der Ersten. Vor rund zwei Jahren kündigte der bayerische Minis- terpräsident mit viel Tamtam ein massives Auf- forstungsprogramm an. Bis 2024 sollen in Bayern 30 Millionen neue Bäume gepflanzt werden. Schließlich ist der Freistaat der größte Waldbesitzer des Landes. Hintergrund von Söders Wandel zum Baumfreund und Naturschützer sind meh- rere extrem trockene und heiße Jahre in Folge. Diese haben dem deutschen Wald, besonders Nadelwäldern, stark zugesetzt und mancherorts Schneisen der Verwüstung hinterlassen. Allein 2020 !iel mit 60 Millionen Kubikmetern fast !ünfmal so viel Schadholz an wie 2015; vier von !ünf Bäumen zeigen Schäden; eine Fläche so groß wie das Saarland ist zerstört und muss aufgeforstet werden. Manche Bürgermeister, etwa im Harz, !ürchten, dass Touristen künftig ausbleiben. DER WALD DOSSIER ➝
€URO 10|21126 BILD: ALXYZT/ISTOCK Dossier Forstwirtschaft Der Wald ist aber nicht nur Rückzugsort !ür Mensch und Tier, sondern auch ein Ort, in dem gewirtschaftet wird. Mit 185 000 Unternehmen und einem jährlichen Umsatz von rund 170 Mil- liarden Euro sind 1,2 Millionen Menschen von ihm als Arbeit- geber abhängig — mehr als in der Automobilindustrie. „Der Wald ist das erste Opfer des Klimawandels“, sagt Laris- sa Schulz-Trieglaff vom Verband „Die Waldeigentümer“. Die- ser vertritt die Interessen von rund 1,8 Millionen privaten Wald- besitzern und fordert seit Längerem !inanzielle Zuschüsse des Bundes. „Das ist das Top-Thema der Mitglieder“, sagt Schulz- Trieglaff. Konkret geht es um 125 Euro je Hektar (10 000 Qua- dratmeter) und Jahr. Zusätzlich zu den staatlichen Auffors- tungsprogrammen soll diese Summe zum Aufbau von „klima- stabilen Mischwäldern“ dienen. Das bedeutet nichts weniger, als den Wald umzubauen, weg von Monokulturen hin zu mehr Naturwald. Die neuen Arten — in Bayern werden im Zuge des Söder’schen Programms aktuell Eichen, Weißtannen, Buchen und Douglasien gepflanzt — sollen den Auswirkungen des Kli- mawandels wie höheren Temperaturen und mehr Trockenheit widerstehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass der Erfolg oder Misserfolg der Bemühungen frühestens in 20 bis 30 Jahren zu sehen sein wird. „Die Unsicherheit bleibt groß“, sagt Schulz- Trieglaff. Es sei daher !ür Waldbesitzer wichtig, regional diffe- renziert zu entscheiden. Sie betont, dass in den vergangenen Jahren schon viel passiert sei und trotz der Schäden mehr Bäu- me in Deutschland nachwachsen als ge!ällt werden. Ein weitere Herausforderung !ür Waldbesitzer ist der Holz- preis: Dieser schwankt oft zwischen 20 und 120 Euro pro Fest- meter. Und das, obwohl Holz als Rohstoff !ür Immobilien seit dem Frühjahr so gefragt ist wie selten. China und die USA ha- ben die Märkte quasi leergekauft. Davon pro!itieren aber vor allem Sägewerke, die ihr Schnittholz zu Höchstpreisen verkau- fen können. Waldbesitzer können zwar mit einer stabilen Nach- frage rechnen, angesichts großer Mengen minderwertigen Schadholzes sind große Preissprünge aber unwahrscheinlich. Für Schulz-Trieglaff bleibt Wald als Investment daher ein eher unberechenbares Geschäft: „Mit Wald lässt sich kein schnelles Geld machen.“ Das sei aber vielen Verbandsmitglie- dern auch nicht das Wichtigste. Vor allem Leute mit nur weni- gen Hektar Wald ginge es häu!ig mehr um Emotionen als um Rendite. Diese Kleinflächen werden meist vererbt. Wirtschaft- lich interessant sei Wald aber erst ab einer Größe von 50 Hek- tar, sagt die Branchenexpertin. Dennoch könnte Wald als Investition — staatliche Hilfen vorausgesetzt — künftig an Bedeutung gewinnen, schreiben die Immobilienexperten von Colliers im „Marktbericht Forst“: Der Durchschnittspreis !ür Forstflächen lag 2018 beispielsweise bei 12 100 Euro pro Hektar und hat sich seitdem auf diesem Niveau stabilisiert. Vor allem als Inflationsschutz sei Wald interessant, heißt es bei Colliers. Allerdings variieren die Preise sehr stark: von 5000 Euro pro Hektar !ür einen Hektar in Thüringen über 13 000 Euro !ür einen Kiefernwald in Brandenburg bis zu 60 000 Euro !ür ein kleines Waldstück in Oberbayern. Colliers warnt zudem: Für Laien seien diese Unterschiede nur schwer nachzuvollziehen. Die Zukunft des Waldes bleibt also span- nend — in mehr als einer Hinsicht. Sägeindustrie Priv. Haushalte Biogasanlage Holzwerkstoffe (Möbel) Zellstoffindustrie (Papier) Sonstiges Stand: 2020 % Holzeinschlag in Mio. m3 Holzeinschlag In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil von Schadholz, verursacht durch Wetterextreme, vervielfacht. Der Borken- käfer setzt besonders Fichten schwer zu Wer Holz nutzt Holz als klimaneutraler Rohstoff wird international immer beliebter. Vor allem die Immobilienbranche setzt auf Holz. Die Grafik zeigt die Anteile in Deutschland Veränderung der Erzeugerpreise Auf Jahressicht ist der Holzpreis 17 Prozent im Plus. Dennoch schwanken die Preise stark: Für einen Festmeter bekommen Waldbesitzer zwischen 20 und 120 Euro 80,4 55,6 12,9 Schaden durch Insekten ..................43,3 Wind/Sturm ..........10,2 Trockenheit ............... 3,1 Schnee ........................ 0,3 Sonstiges ...................3,3 2015 2020 28,5 22,2 18,1 12,3 7,7 11,2 60,2 J J A S O N D J F M A M J Veränderung ggü. Vorjahr in % 30 25 20 15 10 5 0 -5 -10
€URO 10|21 127 Quelle: Statistisches Bundesamt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Waldbericht der Bundesregierung, Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, wald-prinz.de, Colliers Marktbericht Forst 2021, Die Waldeigentümer Thurn und Taxis 20 000 Hektar Die fünf größten privaten Waldeigentümer sind Adlige Christian Erbprinz zu Fürstenberg 18 000 Hektar Hatzfeldt-Wildenburg 15 000 Hektar Fürst von Hohenzollern 15 000 Hektar Riedesel Freiherren zu Eisenbach 14 000 Hektar Bayern Hessen Thüringen Durchschnitt €/ha Stand: 2020 Stand: 2020 Stand: 2018 29 000 11 000 12 100 5000 Wem gehört der Wald? Rund 1,8 Millionen private Eigentümer gibt es in Deutschland. Die meisten davon sind so- genannte Kleinst-Privatwaldbesitzer mit einer durchschnittlichen Waldfläche von rund 2,5 Hektar, das entspricht vier Fußballfeldern 11,2 Tonnen CO2bindet ein Hektar Wald pro Jahr. Waldbesitzer fordern daher eine staatliche Klimaprämie 1,2 MillionenMenschen sind im sogenannten Cluster „Wald und Holz“ beschäftigt – mehr als in der Autoindustrie. 185 000 Betriebe erwirtschaften einen Umsatz von rund 170 Milliarden Euro im Jahr Was kostet der Wald? Wie viel ein Stück Wald wert ist, hängt vom Alter der Bäume, dem Zustand, der Dichte und der Baumart ab. Und nicht zuletzt: von den Bodenpreisen Deutschland – Waldland Knapp ein Drittel der Bundesrepublik ist mit Wald bedeckt. Zu den am dichtes- ten bewaldeten Bundesländern gehören Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern. Der Norden, allen voran Schleswig-Holstein mit nur elf Prozent Waldfläche, ist deut- lich weniger bewaldet 32 % 11,4 Millionen Hektar 48 % Private Eigentümer 29 % Länder 19 % Kommunen und Kirchen 4 % Bund
108 €URO 12|19 Kleines Kügelchen, großer Ärger: Über Homöopathie wird leidenschaftlich gestritten. Ob sie wirkt – und wer dafür bezahlen soll
€URO 12|19 109 Die Homöopathie ist nur eine winzige Nische im Markt für Medikamente. Die Diskussionen um sie sind aber riesig – auch weil die Allgemeinheit zahlt VON JULIA PFANNER Kügelchen des Anstoßes Über 200 Jahre ist es her, dass der deutsche Arzt Sa- muel Hahnemann die Lehre von der Homöopathie begründete. Wer kann ihm verdenken, dass er nach einer anderen Art der medizinischen Behandlung suchte, schließlich waren damals noch Methoden wie der Ader- lass Standard. Er entwickelte extrem verdünnte Medikamen- te, die teils nichts, oft so gut wie nichts mehr von ihrer Aus- gangssubstanz enthielten. Am bekanntesten sind Globuli — klei- ne Zuckerkügelchen —, es gibt aber auch Tabletten oder Trop- fen, jeweils mit verschwindend geringen Dosen eines Wirkstoffs. Das können etwa Substanzen wie Mineralsalze, Pflanzen oder Tiere wie Honigbienen sein. Das Prinzip der Homöopathie: „Gleiches mit Gleichem“ behandeln: Ein Stoff, der ein ähnli- ches Leiden verursachen und die Krankheit zunächst ver- schlimmern soll, soll den Körper zur Selbstheilung anre- HOMÖOPATHIE DOSSIER ➝
€URO 12|19110 BILD: KRIEGBAUM, VIKIVECTOR/ISTOCK, GERARIA/ISTOCK, VALERIYA PICHUGINA/ISTOCK, SIARTMAILRU/ISTOCK, GBRUNDIN/ISTOCK [M] Dossier Homöopathie gen. Das Problem dabei: Auch nach mehr als zwei Jahrhunder- ten gibt es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Belege !ür die Wirksamkeit dieser Methode — bis auf einen Placeboeffekt. An der Homöopathie scheiden sich deshalb die Geister. Die einen halten sie !ür Humbug oder sogar eine Gefahr, weil man- che Patienten selbst bei schweren Krankheiten voll auf Homöo- pathie setzen und deshalb zum Beispiel ein nötiges Antibioti- kum oder im Extremfall sogar ein lebensrettendes Medikament nicht einnehmen. Andere sind überzeugt, dass Homöopathie wirkt, plädieren !ür sie als sanftere, ganzheitliche Methode, mit der man den übereilten Griff zur Chemiekeule vermeidet. Unter dem Strich ist sie durchaus beliebt: Über die Hälfte der Deutschen soll schon einmal Homöopathika verwendet haben, 2018 wurden in Deutschland laut Marktforscher IQVIA in Apo- theken und im Versandhandel immerhin über 54 Millionen Packungen !ür rund 670 Millionen Euro gekauft. Zwar gehört Homöopathie nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen, über zwei Drittel übernahmen Ende 2018 laut dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte aber entspre- chende Leistungen. Kinder bis zwölf und Jugendliche mit Ent- wicklungsstörungen bis 18 haben einen gesetzlichen Anspruch auf apothekenpflichtige homöopathische Medikamente. Dass aber wissenschaftliche Beweise !ür die Wirksamkeit fehlen, bereitet der alternativen Heilmethode immer mehr Probleme. Die Ärztekammern in Sachsen-Anhalt und Bremen bieten bald keine Weiterbildung im Bereich Homöopathie mehr an. Auch dass Krankenkassen in Deutschland da!ür Kosten erstatten, ist umstritten: In den solidarisch !inanzierten gesetz- lichen Kassen zahlt letztlich die Allgemeinheit. Ein „gesetz- liches Erstattungsverbot !ür Homöopathie“ forderte zuletzt etwa Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesver- einigung in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Bei der Diskussion geht es wohl mehr ums Prinzip als um Geld: Die gesetzlichen Kassen zahlen !ür solche Mittel laut Bun- desgesundheitsminister Jens Spahn 20 Millionen Euro pro Jahr, 0,05 Prozent ihrer Gesamtausgaben !ür Arzneien. Man könne darüber emotional diskutieren oder man könne sich fragen, ob es das angesichts der Größenordnung wert sei: „Ich habe mich entschlossen zu: Es ist so okay, wie es ist“, sagte er im Septem- ber bei einer Veranstaltung. Doch Mediziner, Bevölkerung und Politik sind gespalten, selbst bei den Grünen, wo das Thema traditionell viele Unterstützer hat, wird diskutiert. In anderen Ländern ist die Homöopathie noch stärker unter Druck: Im Sommer beschloss Frankreich, die Kassenübernah- me (derzeit 30 Prozent) !ür solche Mittel bis 2021 abzuschaffen. In Großbritannien hielt der staatliche Gesundheitsdienst NHS schon 2017 die Ärzte an, keine Homöopathika mehr zu ver- schreiben. All das hat auch die Diskussion in Deutschland wie- der verstärkt. Hier nimmt die Homöopathie nämlich eine selt- same Ausnahmestellung im Arzneimittelgesetz ein: Die Mittel müssen nicht zugelassen werden, solange Hersteller kein be- stimmtes Leiden angeben, gegen das sie helfen sollen. Eine Re- gistrierung reicht dann, die Wirksamkeit muss man nicht nach- weisen. Wenn sie doch eine Zulassung brauchen, kommt der sogenannte „Binnenkonsens“ ins Spiel: Homöopathen beschei- nigen die Wirksamkeit des Mittels dann einfach selbst. der 110 gesetzlichen Krankenkassen 1 übernehmen zumindest zum Teil die Kosten für homöopathische Mittel oder Behandlungen. In der privaten Kranken- versicherung sind Homöopathika grund- sätzlich erstattungsfähig, es hängt aber vom jeweiligen Tarif ab 2 40 Mrd. € betragen die Gesamt- ausgaben der gesetzli- chen Krankenkassen für Medikamente etwa pro Jahr. Davon entfallen auf Homöo- pathie laut Bundesgesund- heitsminister Jens Spahn 20 Mio. € Moleküle des Ausgangsstoffs finden sich zum Teil in homöopatischen Arznei- en. Je stärker verdünnt (mit Laktose oder einem Wasser-Alkohol-Gemisch) – also je höher „potenziert“ sie sind –, desto wirk- samer sollen sie laut Homöopathen sein. Argumentiert wird etwa, dass Wasser sich an die Ausgangssubstanzen „erinnert“. 0 2/3 Zahlen zum Apothekenumsatz und -absatz inklusive Versand- versicherung; 3 Umsatzermittlung bei rezeptpflichtigen Mit- Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller/IQVIA IMS
568 Mio. € Homöopathika Selbstmedikation 98 Mio. € Homöopathika verordnet Im Verhältnis klein Zwar ist der Markt für homöopathische Arzneimittel in Deutschland millionenschwer. Im Verhältnis zum gesamten Apothekenumsatz mit Medikamenten ist er mit knapp 1,2 Prozent aber winzig. Der Teil, den ge- setzliche Krankenkassen für Homöopathika bezahlen, ist im Vergleich zu ihren gesamten Medikamenten- ausgaben mit 0,05 Prozent sogar noch kleiner Der Großteil des Apotheken- umsatzes mit Homöopathie von rund 666 Millionen Euro war – mit 568 Millionen – Selbstmedikation, also wenn man sich Medikamente für die Eigenbehandlung kauft. Der kleine Rest (98 Millionen Euro) wurde von Ärzten verschrieben 666 Mio. € Homöopathie 6958 Mio. € Gesamt Bei rezeptfreien Arznei- mitteln machte Homöopathie 2018 knapp zehn Prozent des Apothekenumsatzes 3 aus Packungen 54 Mio. homöopathischer Arzneien verkauften Apotheken 2018 in Deutschland Apothekenumsatz mit homöopathischen 4 Arzeimitteln in Deutschland 2018 Apothekenumsatz mit Arzneimitteln 2018 3 55 831 Mio. €Gesamt 666 Mio. € Homöopathie handel und für rezeptfreie Homöopathika (fast alle homöopathischen Mittel bekommt man ohne Rezept); 1 Stand Dezember 2018; 2 laut Verband der privaten Kranken- teln auf Basis des Apothekenverkaufspreises ohne jegliche Abzüge, bei nicht rezeptpflichtigen auf Basis des effektiven Verkaufspreises; 4 inkl. Anthroposophika; PharmaScope/IQVIA OTC/GMS; Bundesverband Patienten für Homöopathie/Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte; dpa
€URO 10|2468 U m den Aktienmarkt ranken sich zahlreiche Hypothesen. Eine davon ist die von der Marktef!izienz. Ihre Verfech- ter nehmen an, dass alle !ür die Aktien- kurse relevanten Informationen frei ver- !ügbar sind und alle Marktteilnehmer sie auch nutzen. Die Hypothese geht auf keinen Geringeren als den US"Professor Eugene Fama zurück, Träger des Wirt- schafts-Nobelpreises 2013, der als einer der Väter der modernen Finanzwirt- schaft gilt. Wenn die aktuellen Aktien- kurse alle ver!ügbaren Informationen enthalten, sollten sie fair sein — und es laut Eugene Fama und seinen Jüngern unmöglich machen, den Gesamtmarkt durch das richtige Timing oder die be- wusste Auswahl einzelner Aktien zu schlagen. So weit die Theorie. Dann versuchen wir doch einmal, sie in der Praxis zu widerlegen. €uro stellt auf diesen und den nächsten Seiten sechs Aktien vor, die eigentlich nur eine Gemeinsamkeit ha- ben: Sie bieten die Chance auf einen Wertzuwachs von mindestens 50 Pro- zent, der sich bei der Mehrzahl von ihnen auch recht rasch einstellen könnte. Nur bei einem dieser Spezialwerte dürfte Geduld vonnöten sein. Gelegenheiten im halben Dutzend. Die Investmentthemen reichen dabei von einem Substanzwert auf dieser Sei- te, der von der Börse genommen werden könnte, über den gezielt betriebenen Abbau des typischen Abschlags einer Dachgesellschaft (Holding) bis hin zu einer gescheiterten Übernahme, der er- staunlich rasch ein neuer Deal folgen könnte. Aber lesen Sie doch selbst und urteilen, ob die Börse wirklich immer alle Informationen besitzt und auch rich- tig bewertet. HOWARD HUGHES Howard Hughes? Der höchst eigenwilli- ge und sagenumwobene Milliardär aus den Vereinigten Staaten? Auf sein Ver- mögen geht tatsächlich dieses Unter- nehmen zurück. In den vergangenen Jahren wurde das Portfolio gestrafft, zuletzt die Tochter Seaport Entertainment Group (WKN: A40 K3H, nur in den USA börsennotiert) abgespalten, die Liegenschaften und Aktivitäten in New York und Las Vegas hat. Howard Hughes selbst besitzt be- Anleger lieben Aktien in besonderen Konstellationen, die der Markt noch nicht richtig verstanden hat. Hier sind sechs Chancen auf 50 Prozent – und teils deutlich mehr VON JÖRG LANG Börse & Investments Aktien in Sondersituationen 5
-30 -20 -10 0 10 20 30 Wertentwicklung 1 Jahr in % Howard Hughes S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 69 reits Liegenschaften und zudem noch umfangreiche Landreserven, die einer kommerziellen Nutzung zuge!ührt wer- den sollen. Geplant ist die Entwicklung von eigenen Wohn- und Geschäftsvier- teln, aber auch der Verkauf an Interes- senten. Die bisherigen Aktivitäten in dem Sektor sind sehr erfolgreich und unterstreichen die Fokussierung auf die- ses Geschäft. Kein Wunder: Die Landreserven sind über das ganze Land verteilt, !inden sich vor allem aber in gefragten Gebieten wie etwa in Las Vegas, in Honolulu auf Hawaii oder in der Innenstadt von Co- lumbia. Die Entwicklung dieser Landre- serven wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Die Aktie ist ein solider Sub- stanzwert, der wahrscheinlich weit unter dem Wert seiner Landreserven gehandelt wird. Das Spannende an die- ser Konstellation ist, dass die Wahr- scheinlichkeit gar nicht so niedrig ist, dass zumindest ein Teil dieser Reserven gehoben wird. Hier kommt der bekannte Investor Bill Ackman ins Spiel. Er hat in seiner Invest- ment!irma Pershing Square schon in den vergangenen Jahren kontinuierlich Aktien gekauft und kontrolliert nun 37,5 Prozent der Gesellschaft. Ackman ist offensichtlich dabei, weitere strategische Alternativen zu evaluieren. Eine könnte eine sogenannte Going-Private-Transaktion sein. Dabei muss den freien Aktionären ein Gebot un- terbreitet werden. Ein Indiz, wo die Reise hingehen könnte: Der innere Wert der Ge- sellschaft liegt weit über 100 Euro pro Ak- tie. Mit einem Sicherheitsabschlag ergibt sich ein Kursziel von 100 Euro. WKN A3E RKJ Kurs 65,00 € Börsenwert 3,27 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 70,0 Kurs-Buchwert-Verhältnis 1,1 Dividendenrendite – Kurs/FFO (operat. Gewinn) 13,7 Performance 3 Jahre -14,8 % Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1HOWARD HUGHES ➝
-15 -10 -5 0 5 10 15 Wertentwicklung 1 Jahr in % Compagnie de l’Odet S O N D J F M A M J J A S €URO 10|2470 COMPAGNIE DE L’ODET Compagnie de l’Odet? Von dem Unter- nehmen haben Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Schon eher von Vin- cent Bolloré. In den vergangenen Jahren hat der französische Milliardär ein Beteiligungsgeflecht aufgebaut, zu dem unter anderem die börsennotierten Konzerne Vivendi und Universal Music Group (UMG) gehören. Die Struktur ist dabei reichlich un- übersichtlich. Es gibt die notierte Firma Bolloré, die die Beteiligungen hält. Dar- über sitzt die Holding!irma Compagnie de l’Odet, die mit einem kleinen Streu- besitz auch handelbare Aktien hat. Über diese Gesellschaft kontrolliert der Ty- coon die ganze Gruppe. Wie bei solchen Konstruktionen üblich, nehmen die Ab- schläge zum inneren Wert Richtung oben in der Futterkette zu. Weil es zwi- schen Bolloré und L’Odet auch noch Überkreuzbeteiligungen gibt, sind die ökonomischen Abschläge dabei noch größer als die offensichtlich messbaren Abschläge. Natürlich können solche Abschläge viele Jahre anhalten. In der Bolloré- Gruppe gibt es jetzt aber Indizien, dass der Abschlag aktiv angegangen wird. Das Erste ist, dass sich Vivendi selbst auf- teilen wird. Gleichzeitig hat Bolloré eine Zwischenholding, über die die Anteile an Vivendi und UMG gehalten wurden, aufgelöst. Weitere Straffungen sind an- gekündigt. Dazu kommt, dass es in der ganzen Gruppe Aktienrückkäufe und Zukäufe gibt. Bolloré hat eigene Aktien gekauft, aber auch den Anteil bei UMG aufge- stockt. L’Odet wiederum kauft Aktien Ölraffinerie: Das Beratungs- und Ingenieurunterneh- men John Wood zählt die Ölgiganten Exxon, Chevron und BP seit Jahrzehnten zu seinen Kunden Börse & Investments Aktien in Sondersituationen WKN 662 247 Kurs 1420,00 € Börsenwert 9,35 Mrd. € KGV* 4,5 Kurs-Buchwert-Verhältnis* 0,5 Kurs-Cashflow-Verhältnis* 3,9 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre 11,9 % Stichtag: !".!".#!#$; *Basis jeweils: letzte berichtete Zahlen; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1COMPAGNIE DE L’ODET 50
-45 -30 -15 0 15 30 45 Wertentwicklung 1 Jahr in % John Wood S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 71 von Bolloré. Wird das fortgesetzt, dürf- ten extrem hohe Werte gehoben werden. Ein entscheidender Baustein hier: Bol- loré hält aus dem Verkauf der Hafenakti- vitäten Barmittel in Höhe von sechs Mil- liarden Euro. Es ist zumindest vorstell- bar, dass diese Mittel auch zur Straffung der Gruppe eingesetzt werden könnten. Mit den Mitteln könnte etwa der kom- plette Streubesitz von Bolloré, der nicht von L’Odet gehalten wird, herausgekauft werden. Dadurch würden extreme Wer- te gehoben. Der innere Wert von Bolloré dürfte im Moment wohl doppelt so hoch sein wie der Kurs. Bei Aktienrückkäufen würde diese Substanz sogar noch nach oben Richtung L’Odet verschoben. Bei opti- maler Aus!ührung einer Straffung der Gruppe kann sich der Wert der Com- pagnie de l’Odet verdreifachen. JOHN WOOD Ein Gebot abgelehnt, das zweite geschei- tert: Die Aktie von John Wood ist einge- brochen, nachdem der potenzielle Käu- fer, die Firma Sidara aus Dubai, seine Offerte zurückgezogen hatte. 230 Pence pro Aktie wollte der Wettbewerber !ür den schottischen Öl- und Gasdienstleis- ter zahlen — 70 Prozent mehr als der ak- tuelle Kurs. Zuvor hatte sich auch noch die Beteiligungs!irma Apollo als Käufer angeboten, dessen Offerte wies das Management als zu niedrig zurück. Ge- messen an dem heutigen Kurs läge der Apollo-Deal um 50 Prozent höher. Das Käuferinteresse zeigt: Hier könn- te einiges an Potenzial liegen. Aus aktu- eller Sicht gibt es zwei Katalysatoren: Bei John Wood zeigen sich nach zwei Jahren harter Restrukturierung langsam die Früchte. Vor allem 2025 erwartet das Management einen sehr hohen Cash- flow. Und damit müsste die Trendwende dann auch aus eigener Kraft gelingen. John Wood verkaufte zudem im August zwei Randgeschäfte. Das bringt Barmit- telzuflüsse von 125 Millionen Euro. Die Aktie handelte vor dem Corona- Crash gut dreimal so hoch. In den Folge- jahren erreichte sie regelmäßig Kurs- levels zwischen 2,60, einmal sogar fast vier Euro. Mit einem hohen Cashflow sollte das wieder möglich sein. Das er- klärt natürlich auch, warum das Ma- nagement bei der Offerte von Apollo so zurückhaltend war. Die sich abzeichnen- den Verbesserungen kennen auch poten- zielle Käufer. Für sie könnte bald die letz- te Möglichkeit gekommen sein, bei ei- nem sehr niedrigen Aktienkurs noch ein- mal eine Offerte zu starten. Empire of the Sun, bei Universal Music unter Vertrag: UMG ist Teil eines Konstrukts, dessen Werte sichtbarer werden dürften WKN A1J GY5 Kurs 1,45 € Börsenwert 1,0 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 9,1 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,3 Kurs-Cashflow-Verhältnis 6,5 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre -45,8 % Stichtag: !".!".#!#%; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1JOHN WOOD BILD: UNIVERSAL MUSICBILD: ZORAZHUANG/E+/ISTOCK ➝
-50 -40 -30 -20 -10 0 10 Wertentwicklung 1 Jahr in % Capri Holdings S O N D J F M A M J J A S -20 -10 0 10 20 30 40 Wertentwicklung 1 Jahr in % KBC Ancora S O N D J F M A M J J A S €URO 10|2472 CAPRI HOLDINGS Bei einer Übernahme kommt es öfter einmal vor, dass die Abwicklung eines Deals mehr Zeit in Anspruch nimmt. Dann handelt die Aktie mit einem klei- nen Abschlag zum vereinbarten Preis. In den meisten Fällen ist der Abschlag über- schaubar. Ein ganz anderer Fall ist die Arbitrage-Wette bei der Aktie von Capri Holdings, früher unter dem Namen Michael Kors bekannt. Unter dem Dach der Gruppe tummeln sich geläu!ige Lu- xusmarken wie Michael Kors und Jimmy Choo, die hierzulande bekannteste dürf- te Versace sein. Vor einem Jahr bot die US"Luxusgruppe Tapestry 57 Dollar pro Aktie. Dass der Deal immer noch in der Schwebe ist, liegt vor allem daran, dass die US"Wettbewerbsbehörde das Ge- schäft verbieten will, es im Moment ge- richtlich blockiert. Die Argumentation ist, dass die Verbraucher geschädigt wer- den könnten, weil zu viele Marken in einer Hand lägen. Dagegen will sich Ta- pestry allerdings zur Wehr setzen und das Geschäft auf dem juristischen Weg durchboxen, mit nachvollziehbarer Ar- gumentation: Die Produktpalette sei sehr breit und in keinem Segment markt- beherrschend. Laut Firmenauskunft könnte ein Deal noch in diesem Jahr er- folgen. Gemessen am aktuellen Kurs von Capri Holdings wäre das ein Potenzial von 60 Prozent. Natürlich gibt es hier Risiken. Capri hatte zuletzt keine guten Zahlen veröffentlicht. Das heißt: Der Kurs würde wohl noch mal nachgeben, wenn der Deal platzt. Weil nun aber klar ist, dass der Markenkonzern zum Ver- kauf steht, könnten relativ schnell neue Käufer bereitstehen. KBC ANCORA Holdings handeln oft mit einem Ab- schlag. Spannend wird es wie im Fall von KBC Ancora, wenn die Gesellschaft ge- gen den Discount vorgeht und überdies der Wert der Beteiligung selbst noch deutlich zulegen könnte. Ancora hält 18,6 Prozent der Aktien des belgischen Finanzkonzerns KBC. Bei KBC selbst laufen die Geschäfte gut: „Mit einer Rentabilität, die deutlich über den Kapitalkosten liegt, und einem attrakti- ven Wachstum des Gewinns je Aktie in den kommenden Jahren gibt es reichlich Potenzial, dass die Aktien den Sektor übertreffen“, schrieb Berenberg nach Vorlage der Quartalszahlen des Finanz- konzerns am 8. August. Die Anlageemp- fehlung der Analysten !iel denn auch ein- deutig aus: Kaufen. Die Rechnung ist nun relativ ein- fach: Eine Aktie der Holding deckt eine KBC"Aktie ab. Die notiert aber um 46 Pro- zent höher. Die Analysten von Kepler Cheuvreux sprechen der Aktie des Fi- nanzkonzerns ein Potenzial von 84 Euro zu, das wären 82 Prozent über dem Kurs der Holding. Neben dem Potenzial der Beteiligungs!irma will Ancora den Ab- schlag reduzieren. So wird der Löwenan- teil der Dividende von KBC ausgeschüt- tet. Dank des niedrigen Kurses ist die Rendite der Holding deutlich höher, was die Aktie attraktiver macht. Zudem kauft KBC eigene Aktien zu- rück. Diese Transaktionen kann Ancora nutzen, Aktien anzudienen und im grö- ßeren Umfang eigene Aktien zurück- zukaufen. Damit steigt die Umtausch- relation auf über eins und somit auch der innere Wert. WKN A2P BDX Kurs 31,69 € Börsenwert 3,71 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 14,4 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,6 Kurs-Cashflow-Verhältnis 6,7 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre –37,2% Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1CAPRI HOLDINGS WKN A0M U0L Kurs 45,95 € Börsenwert 3,54 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 9,3 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Kurs-Cashflow-Verhältnis – Dividendenrendite (2025 erw.) 8,1 % Performance 3 Jahre 64,6 % Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1KBC ANCORA Börse & Investments Aktien in Sondersituationen BILD: MARIO ANZUONI/REUTERS
-75 -60 -45 -30 -15 0 15 Wertentwicklung 1 Jahr in % Novem S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 73 NOVEM Die Autoindustrie darbt, die Zulieferer ebenso. Abzulesen ist das bei vielen An- bietern am Kurs. Zu den Werten, die es besonders gebeutelt hat, zählt die Aktie von Novem, einem Spezialisten !ür In- nenverkleidungen hochwertiger Fahr- zeuge. Mit der Emission 2021 ist die Fir- ma ein Newcomer. Weil Novem die Ge- schäftsprognosen nicht einhalten konn- te und zudem die Dividende gestrichen wurde, ist die Notiz auf 29 Prozent des Emissionskurses von 16,50 Euro gefal- len, der Börsenwert beträgt nur noch 207 Millionen Euro. Die Situation ist zweifelsfrei nicht erfreulich. Doch im Kurs ist mehr als das eskomptiert. Die Investmentidee ist deshalb: Eine Normalisierung der Einschätzung der Gesellschaft am Kapitalmarkt müsste schon zu einer deutlichen Kurssteige- rung !ühren. Die Argumentation: Die Produktpalette des Unternehmens ist nicht abhängig von der Antriebsform. Der Trend nach höherwertigen Fahr- zeugen stützt zudem das Unternehmens- modell. Interessant auch: Das Unter- nehmen ist trotz der schwachen Absatz- entwicklung operativ noch erstaunlich pro!itabel. Im abgelaufenen Quartal wurde selbst bei einem Umsatzeinbruch von 20 Prozent eine Marge von über zehn Prozent erwirtschaftet. Das zeigt, was möglich sein könnte, wenn die Erlöse anziehen. Aber schon im Status quo scheint die Aktie unter- bewertet zu sein. Die Umrechnung von Umsatz und Marge auf potenzielle Marktwerte !ührt zu Kursen bei sieben Euro, rund 45 Prozent mehr als das ak- tuelle Niveau. WKN A3C SWZ Kurs 4,81 € Börsenwert 207 Mio. € KGV 2025 (erwartet) 6,7 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,3 Kurs-Cashflow-Verhältnis* 3,9 Dividendenrendite (2025 erw.) 8,0 % Performance 3 Jahre -64,9 % Stichtag: !".!".#!$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1NOVEM Versace-Model: Entweder die Über- nahme der Luxus- Holding geht juris- tisch durch – oder es könnten relativ schnell neue Käufer bereitstehen 50
€URO 09|21104 Stolz der Nation: Mutter und Kind am 2. Juli in Peking. Beim 100-jährigen Jubiläum der KP wird besonders auf Chinas eifrige Jugend hingewiesen
€URO 09|21 105 BILD: HAO YI/BEIJING YOUTH DAILY/VCG/GETTY IMAGES Lichtershow, Fahnentanz und treue Jugend: So feierte die Kommunistische Partei ihr 100-jähriges Jubiläum. Über eine Partei, die China prägt VON LARISSA STRASSER Roter Geburtstag Peking, Platz des Himmlischen Friedens: Militärflug- zeuge zeichnen die Zahl 100 in den Himmel, ein rotes Meer aus Fahnen wird vom Publikum in die Höhe ge- streckt, laute Hymnen ertönen. China ist in Feierstimmung. Zum großen Festakt eingeladen sind rund 70 000 sorg"ältig ausgewählte Gäste. Militär, Jugend- chor und treue Parteimitglieder strahlen wahrhaftigen Natio- nalstolz aus. Um das optische Erscheinungsbild nicht zu stö- ren, ist es den Zuschauern verboten, während des Fests den eigenen Sitzplatz zu verlassen. Staatschef Xi Jinping hält eine knapp einstündige Rede über Chinas harte Vergangenheit, glänzende Gegenwart und viel- versprechende Zukunft. Im ganzen Land verfolgen chinesische Bürger die Zeremonie über Fernsehen, Livestream und Radio. Zelebriert werden der Sieg über das Coronavirus, der stetige wirtschaftliche Erfolg und die Unabhängigkeit. CHINA DOSSIER ➝
€URO 09|21106 BILD: EXXORIAN/ISTOCK, AP IMAGES/DPA, MELDE BILD- AGENTUR/ULLSTEIN BILD, SOVFOTO/UNIVERSAL IMAGES GROUP/GETTY IMAGES, MAL LANGSDON/WS/REUTERS, JUSTIN CHIN/BLOOMBERG Xi richtet einen Appell an die chinesische Jugend, sich nicht unterkriegen zu lassen und stolz auf ihre Herkunft zu sein. Spe- ziell die feindlichen ausländischen Mächte stechen während seiner Rede hervor. Ein klarer Angriff auf den Westen: Wer ver- suche, die Volksrepublik zu unterdrücken, werde blutig und verwundet vor einer großen eisernen Mauer stehen, erbaut von 1,4 Milliarden Chinesen. Diese hart erarbeitete Widerstands- kraft verdanke das Volk einzig und allein der Kommunistischen Partei. Nur der Sozialismus könne, so Xi, China retten. Gekleidet im typischen grauen Anzug gleicht der Partei"üh- rer dem Gründungsvater Mao Zedong, dessen Porträt an die- sem Tag besonders hervorgehoben wird. 100 Jahre KP — vor allem Mao hat dabei seine Spuren hinterlassen. Quelle: China Daily, China-Park, Mercator Institute for China Studies, Nikkei Asia Nach dem Zerfall des Kaiserreichs 1911 ist zunächst die anti- kommunistische Volkspartei Kuomintang an der Macht, das Land ist geprägt von Hunger und Armut. Anfangs ist die KP ein kleiner Kreis von Rebellen, die sich gegen das kapitalistische System der Kolonialmächte, bestehend aus Japan, Europa und den USA, auflehnen. Überzeugt von der bolschewistischen Re- volution in Russland, sind sie entschlossen, den Kommunismus nach China zu bringen. Aus einer im Jahr 1921 gegründeten Gruppe entwickelt sich später eine Leitkultur. Mao gelingt es in den 1930er-Jahren, sich durchzusetzen, an die Parteispitze zu klettern und immer mehr Bürger "ür seine Politik zu begeistern. Seine Politik, nun als Präsident der Volksrepublik China, ist extrem brutal, kos- 1921 Gründung der Kommunistischen Partei in Shanghai 1958–1961 Mit dem „Großen Sprung nach vorn“ will Mao China zum Industriestaat machen, vernachlässigt aber die Landwirtschaft. Millionen Chinesen verhungern 1966–1976 Während der Kulturrevolu- tion hetzt Mao Jugendliche auf Lehrer und Professoren. Die Revolten führen zu ei- nem brutalen Bürgerkrieg 1972 Als erster US-Präsident besucht Richard Nixon das Land. China baut diplomatische Beziehungen zu einigen westlichen Staaten auf 1934/35 Auf der Flucht vor der Kuomintang erlangt Mao Zedong Macht über die KP 1949 ruft Mao in Peking die Volksrepublik China aus 1979 Deng Xiaoping über- nimmt die Macht 1989 Beim Tian’anmen- Massaker in Peking werden friedliche Proteste gewaltsam nieder- geschlagen 1993 Jiang Zemin setzt als neuer Partei- chef auf Wirtschaftsreformen 1997 China übernimmt nach 155 Jah- ren von den Briten die Kontrolle über Hongkong und richtet dort eine Sonderverwaltungszone ein ’21 ’34 ’58 ’66 ’72 ’79 ’89 ’93 ’97
€URO 09|21 107 China Dossier Der lange Weg in die Partei 1 Bewerbungsschreiben – Der Bewerber beschreibt sein Interesse und seine Motivation, in die Partei einzutreten 2 Überprüfung des Bewerbers – Lebenslauf, Karriere, sozialer und politischer Hintergrund 3 Einjährige Vorbereitungsphase – Einfüh- rungskurs Marxismus/Leninismus. Alle drei Monate Vorsprechen. Befragung von Kollegen und Nachbarn zur politischen Einstellung 4 Offizieller Aufnahmeprozess – Bewerbungs- gespräch durch ein übergeordnetes Komitee 5 Einjährige Testmitgliedschaft – Registrierung des Bewerbers, erste Parteigebühren 6 Offizielle Mitgliedschaft – Bei einwandfreiem Verlauf der Testmitgliedschaft wird der Bewer- ber offiziell als Parteimitglied akzeptiert Mitgliedermassen Die KP in China ist die größte Partei der Welt – mit mehr Mitgliedern, als Deutschland und Österreich zusammen Einwohner haben tet Hunderte Millionen Menschen das Leben. Dennoch wird Mao heute nahezu religiös verehrt. Über die Jahre hinweg steigt die wirtschaftliche Kraft Chi- nas. Besonders die Außenpolitik des Staatschefs Deng Xiaoping "ührt China in den Welthandel. Innerhalb der darauffolgenden vier Jahrzehnte wird das Land des Drachens zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Mit dem Projekt der „Neuen Sei- denstraße“ strebt China aktuell noch größeren globalen Ein- fluss an: Bisher sind mehr als 100 Länder beteiligt und einige bereits bei chinesischen Banken verschuldet. Seit Gründung der Partei wird dieser ökonomische Erfolg gänzlich dem Kommunismus zugeschrieben, so erzählt auch heute Xi Jinping die chinesische Landesgeschichte. Was Xi kaum erwähnt, sind kontroverse Themen wie der Streit um das abtrünnige Taiwan, das die Führung in Peking als Teil Chinas betrachtet, und die rigide Politik: Wer über Uiguren in Straf- lagern oder Proteste in Hongkong berichten will, darf seit Län- gerem nicht mehr einreisen. Xi festigt unterdessen seine Macht. Nachdem seine Amtszeit keine Obergrenze mehr habe, könne er weiterhin die Partei anleiten, sagt er selbst. Xis Nimbus wirkt. Seit 2015 bewerben sich mehr junge Chi- nesen "ür einen Parteiplatz als je zuvor — dieser verspricht hö- heres Ansehen, bessere Jobchancen und mehr Gehalt. Es gilt als der beste Weg, um am nationalen Fortschritt teilzuhaben. Die KP in China ist in diesem Jahr in Feierlaune und rechnet damit, im nächste Jahrhundert noch mächtiger zu werden. 30 Jahre und jünger 95 Millionen Mitglieder 31–40 Jahre 41–50 Jahre 51–60 Jahre 61 Jahre und älter Altersverteilung in % 13,2 21,6 19,1 28,2 17,9 2003 Nach dem Beitritt zur Welt- handelsorganisation WTO kommt Hu Jintao ins Amt 2013 Xi Jinping unterstützt als neuer Staatschef einen „Sozialismus mit chinesischer Prägung“ 2013 Start des Projekts „Neue Seidenstraße“ 2021 100 Jahre KP China 2009 China wird zum ersten Mal Exportweltmeister ’03 ’09 ’13 ’21
Konsumkollaps: In unseren Schränken befinden sich im Schnitt 95 Kleidungsstücke. Jedes Jahr kommen 60 neue dazu – mit fatalen Folgen
€URO 11|22 85 Billigkleidung findet sich in fast jedem Kleiderschrank. Die Branche erlebt einen Boom, sie hat aber auch Schattenseiten VON MICHELLE JURA Erst fesch, dann trash In Zeiten von Homeof!ice und Pandemie reichten die Jog- ginghose und das alte Shirt. Seitdem aber viele Events auch wieder in Präsenz statt!inden, muss der Kleiderschrank neu ge!üllt werden. Denn selbst wenn dieser bereits aus allen Nähten platzt, ist die typische, leicht panische Reaktion von Mann oder Frau auf eine Einladung: „Da!ür habe ich ja gar nichts zum Anziehen!“ Und es zieht sie zum Shoppen, um das zehnte Hemd oder das !ünfte Paar Schuhe zu kaufen. An Zara, H & M und Primark, den marktdominierenden Unternehmen der Fast-Fashion-Industrie, kommt man dabei kaum mehr vor- bei. Ihr Geschäftsmodell: extrem billige Kleidung, schnell ge- liefert und produziert — stets auf der Jagd nach dem neuesten Trend. Die zehn größten Unternehmen der Branche erwirt- schafteten 2021 einen Gesamtumsatz von rund 100 Milliarden Euro. Und die Nachfrage bleibt weiter hoch. 781,25 Euro — so viel gaben die Deutschen im vergangenen Jahr im Schnitt !ür Bekleidung und Schuhe aus. Für diese be- kommt man bei Fast-Fashion-Gigant Zara durchschnittlich 21 Kleidungsstücke, bei der Marke Shein sogar unglaubliche 85. Der chinesische Konzern wurde zwar erst 2008 gegründet, war aber im August 2022 bereits die meistbesuchte Internet- FAST FASHION DOSSIER ➝ BILD: SUNDRY PHOTOGRAPHY/ADOBESTOCK
€URO 11|2286 BILD: FREEPIK (5) Dossier Fast Fashion seite der Welt im Bereich Mode. Shein bringt nach eigenen Anga- ben jeden Tag mindestens 500 neue Kleidungsstücke auf den Markt. Das macht 182 500 pro Jahr. Shein pro!itiert dabei von der Digitalisierung und dem On-Demand-Fertigungsprozess (Fertigung nur bei Bestellung). Für Konsumenten hat das ebenfalls viele Vor- teile. Das Geschäftsmodell funktioniert aber nur auf Kosten ande- rer. Denn die Fast-Fashion-Industrie hat auch ihre Schattenseiten. Die schweizerische Nichtregierungsorganisation Public Eye hat herausgefunden, dass Arbeiter mindestens elf Stunden pro Tag !ür Shein arbeiten. Das sind deutlich mehr als die in China erlaubten 44 Stunden pro Woche. Außerdem gab es immer wieder Vorwür- fe, dass Shein Designs von anderen Marken kopiert. Damit nicht ge- nug: Nicht nur beim Kauf und bei der Produktion entstehen Folge- kosten, sondern vor allem dann, wenn die Kleider nicht mehr „in“ oder aufgrund der schlechten Qualität bald hinüber sind. Dann wandern sie schnell in die Altkleidersammlung. Was keinen Preis hat, hat !ür viele eben auch keinen Wert. Von den global anfallen- den Altkleidern landen nämlich rund 80 Prozent in der Verbren- nungsanlage oder auf einer Deponie, zumeist in ostafrikanischen Ländern wie Kenia, rechnet die Umweltorganisation Greenpeace vor. Nur ein Fünftel wird in einem sogenannten „Downcy- cling“-Prozess zu Putzlappen oder Dämmstoffen !ür die Industrie verarbeitet. Und nicht mal ein Prozent der alten Klamotten wird !ür neue Kleidung wiederverwendet. Immerhin: Die Deutschen sind im weltweiten Vergleich eher auf der bewussten Seite der Kon- sumenten. Einer Kantar-Umfrage zufolge verkaufen sie fast die Hälf- te ihrer gebrauchten Kleidung über Onlineplattformen wie Ebay oder Vinted an Dritte weiter. Durch Secondhand-Angebote kann somit vermieden werden, dass gebrauchte Kleidung im Müll lan- det, und stattdessen einen neuen Besitzer !indet. Neben Secondhand-Mode etablieren sich seit einigen Jahren auch immer mehr nachhaltigere Unternehmen wie Armed Angels, die sich bewusst vom schlechten Ruf der Fast-Fashion-Mode distanzie- ren möchten: Durch die Verwendung von Bio-Baumwolle werden etwa keine giftigen Pestizide benutzt und Bauern erhalten !ür ihre Arbeit mehr Geld. Diese sogenannte „Fair Fashion“-Industrie steht damit nicht nur !ür Nachhaltigkeit im ökologischen Sinn, sondern auch im sozialen. Außerdem verwendet sie in einigen Kollektionen recycelte Fasern aus alter Kleidung. Um Ressourcen zu sparen, ent- wickeln Fair-Fashion-Unternehmen auch neuartige Fasern, die aus nachhaltigem Holz oder Zellstoff hergestellt werden oder biologisch abbaubar sind. Allerdings: Gemessen am Umsatz machen Fair- Fashion-Firmen wie Armed Angels noch immer nur einen kleinen Teil des Markts aus. 2021 konnte Armed Angels 60 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, selbst „kleinere“ Fast-Fashion-Konzerne wie Mango haben im selben Jahr mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz generiert; Inditex mit Marken wie Zara, Pull & Bear oder Bershka sogar fast 28 Milliarden Euro. Aber auch die großen Fast-Fashion-Konzerne wollen sich einen grüneren Anstrich verpassen: Kollektionen wie „Conscious Choice“ von H & M oder die „Join Life“-Produkte von Zara bestehen zum Teil aus recycelten Fasern oder Bio-Materialien. Das zeigt: Die Branche arbeitet an einem besseren Image — nicht zuletzt deshalb, weil die Textilwirtschaft rund acht Prozent des weltweiten CO#-Ausstoßes verursacht. Tendenz steigend. Neue Kollektionen wie die von H & M und Zara sind zwar ein Anfang, mehr aber auch nicht. Quelle: Unternehmensangaben, Greenpeace, Bundesministerium für Umwelt, Ellen MacArthur Foundation, Bloomberg, Levi’s, Europäische Agentur für die Weniger als ein Prozent der global anfallenden Altkleider wird wieder zu neuer Mode recycelt. 80 Prozent landen derweil direkt in Verbrennungsanlagen oder Deponien in Osteuropa oder Afrika. Die restlichen fast 20 Prozent durchlaufen einen Downcycling-Prozess, wobei dann beispielsweise Putzlappen aus den ge- schredderten Fasern entstehen. kaufen Deutsche im Durchschnitt jedes Jahr 60 Modeartikel 1%Recyclingquote Umsatz um jeden Preis Das sind die fünf größten Fast-Fashion-Unternehmen der Welt Zara H & M Shein Uniqlo Primark 19,59 19,41 15,00 13,60 6,55 Umsätze 2021 in Mrd. €
€URO 11|22 87 Sicherheit des Seeverkehrs, Europäische Umweltagentur, Inter- national Council on Clean Transportation, Statista An der Börse schlägt Luxus die Billigmode Zu Beginn der Corona-Pandemie brachen alle vier Aktien zunächst stark ein. Doch während Inditex sich bis heute nicht erholt hat und H & M aktuell sogar 20 Prozent unter dem Kurs vom 13. März 2020 liegt, kön- nen sich der japanische Einzelhändler Fast Retailing und der Luxuskonzern LVMH über deutliche Kursstei- gerungen freuen. Grund dafür könnten die durch Inflati- on und steigende Energiekosten gesunkenen Konsu- mausgaben sein. Menschen, die sowieso zu Luxusgü- tern greifen, sind davon weniger stark eingeschränkt. Auch die Preissetzungsmacht spielt eine große Rolle. Baumwolle (USA, Brasilien, China, Griechenland) Spinnen, Weben, Färben (China) Schneiden, Nähen, Verarbeiten (Polen, Türkei) Verteilung (Frankreich, Spanien, Großbritannien) Kaufen (Deutschland) Der Wasserverbrauch für ein Kilogramm Baumwolle entspricht etwa dem von 200 Badewannen. Es gibt auch Stoffe in der Textil- industrie die wassersparender sind, dazu gehören zum Beispiel Hanf und Lyocell. Letztere Faser wird auch von Fast-Fashion-Konzernen wie H & M und Zara immer häufiger eingesetzt. Die Textilwirtschaft verursacht mehr CO² pro Jahr wie Luft- und Schifffahrt zusammen. Ein Drittel der Emissio- nen fällt aber erst nach der Herstellung an: Je nachdem, wie Ver- braucher ihre Kleidung waschen oder trocknen, verändert sich die CO²-Bilanz. Die lange Reise einer Levi’s-Jeans 4000Mio. Tonnen CO2 1kg 200 Lieferkette Aktienperformance von ausgewählten Modefirmen Inditex mit Marken wie Zara hat aktuell an der Börse wenig zu lachen 918 Mio. Tonnen CO2 777Mio. Tonnen CO2 Entwicklung in % 2018 250 200 150 100 50 0 -50 2019 2020 2021 2022 Fast Retailing LVMH Inditex H & M Stichtag:06.10.2022
€URO 08|2552 Tiger vor dem Sprung Institutionelle Investoren setzen auf Deutschland. Berlins Wachstumsoffensive verspricht einen kräftigen Aufschwung. Noch sind die Bewertungen günstig VON J. BILLINA
€URO 08|25 53 A m 3. April 1948 verabschie- dete der US!Kongress das Europäische Wiederaufbau- programm (ERP). Bis zum Jahr 1952 flossen nach heutigem Wert rund 157 Milliarden Euro aus den USA in 16 vom Zweiten Weltkrieg schwer getrof- fene westeuropäische Staaten. Deutsch- land erhielt aus dem besser unter Mar- shallplan bekannten Finanzpaket rund 18 Milliarden Euro. Die Mittel schufen die Voraussetzungen "ür das spätere Wirt- schaftswunder der Bundesrepublik. Die Finanzhilfen aus Washington "örderten zudem den Warenaustausch in Westeu- ropa und mit den USA. Sie festigten auch das transatlantische Bündnis. Die Erinnerung an den Marshallplan hilft, die von der Regierungskoalition be- schlossene Wachstumsoffensive Sonder- vermögen einzuordnen. Wird das rund eine Billion Euro schwere und damit weit über das ERP hinausgehende Fiskalpa- ket klug investiert und zügig umgesetzt, werden zudem strukturelle Probleme angegangen, kann es nach mehr als zwei Jahren Stagnation eine neue wirtschaft- liche Dynamik einleiten. „Die Ausgaben "ür Infrastruktur und Verteidigung sind durchaus geeignet, Deutschland wieder auf einen Wachs- tumskurs zu bringen, den man lange Zeit nicht mehr gekannt hat“, folgert Kevin Thozet, Mitglied des Investmentkomi- tees der französischen Fondsgesellschaft Carmignac. In den kommenden Jahren könne sich die „positive deutsche Über- raschung“ sogar noch verstärken. „Der deutsche Tiger erwacht“, bringt Thozet es auf den Punkt. Kräftige Konjunkturimpulse in Deutschland, der stärksten Volkswirt- schaft in der EU, sind auch aus einem weiteren Grund erforderlich: Die Bezie- hungen zwischen Europa und den USA haben sich verschlechtert. Statt enger Kooperation und Verlässlichkeit, auf- bauend auf gemeinsamen Werten und ökonomischen Interessen, driften die beiden Regionen zunehmend auseinan- der. „Die EU wurde nur gegründet, um die USA über den Tisch zu ziehen“, be- hauptet US!Präsident Donald Trump. Freihandel gegen Zölle. Der Vorwurf geht ins Leere. Neben der Förderung von Frieden, sozialer Gerechtigkeit und Wohlstand ist der faire und freie Handel mit internationalen Partnern zentrales Anliegen der EU. Ein frei von Barrieren statt"indender Warenaustausch "ördert Wachstum und Wohlstand, davon ist die Staatengemeinschaft überzeugt. Nicht aber Trump. Der Protektionist kündigt Zölle an. Wie hoch diese letzt- endlich ausfallen werden und wie lange sie in Kraft bleiben, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Zu spontan und Börse & Investments Die deutsche Chance BILD: DIRK FREDER/ISTOCK ➝ Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung Nach dem Zweiten Weltkrieg schoben knapp 18 Milliarden Euro (in heutige Kaufkraft umgewandelt) aus dem Marshallplan der USA das Wirtschaftswunder an. Eine Billion Euro sollten auch heute Schub geben 1 Billion € 17,9 Milliarden € 2025 1947
J/2025 F M A M JJ J A S O N D DAX 35 30 25 20 15 10 5 0 -5 -10 -15 S&P 500 €URO 08|2554 Stichtag: !"."#.$"$%; Quelle: Bloomberg wechselhaft agiert der Mann im Weißen Haus. Vielleicht weiß er es selbst nicht. Klar ist nur: Seine „Twists and Turns“ hemmen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, treffen den deutschen Export und sorgen "ür Nervosität an den Märkten. Und sie schaden Amerika. Im Mai sank der Stimmungsindex der US!Kon- sumenten auf 50,8 Punkte. Die Infla- tionserwartungen "ür die kommenden zwölf Monate stiegen dagegen laut CNBC zuletzt auf 7,3 Prozent — das ist der höchste Wert seit 1981. Spielräume "ür Zinssenkungen eröffnen sich da nicht, auch wenn Präsident Trump Notenbank- chef Jerome Powell mit wenig freundli- chen Worten massiv dazu drängt. demnach drei Jahre lang jeweils 30 Pro- zent ihrer Investitionen steuerlich abset- zen. Ab dem Jahr 2028 wird zudem die Körperschaftsteuer in "ünf Schritten um je einen Prozentpunkt gesenkt. Das Kie- ler Institut "ür Weltwirtschaft geht davon aus, dass die angekündigten Maßnah- men schon im kommenden Jahr einen Wachstumsschub von 1,6 Prozent auslö- sen können. Verglichen mit einer Sta- gnation entspräche dies einer Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistung um etwa 160 Milliarden Euro. Bei institutionellen Investoren und Ökonomen kommen die Regierungsplä- ne "ür eine Belebung des Wachstums, eine Verbesserung der Wettbewerbs"ä- higkeit und den Abbau von Bürokratie gut an. „Es besteht nun endlich die Chan- ce, strukturelle Wachstumshindernisse anzugehen und das große Potenzial un- serer innovativen Unternehmen freizu- setzen“, sagt Christoph Ohme, Manager des Oddo BHF German Equities. Der da- durch ausgelöste positive Börsentrend sollte seiner Meinung nach anhalten. Im ersten Halbjahr legte der DAX um 20 Pro- zent zu. Der S & P 500 bringt es dagegen nur auf rund sechs Prozent. „Eine ganze Reihe institutioneller Investoren setzt explizit auf Deutschland“, weiß Ohme. Auch auf der Berenberg-Konferenz in Manhattan im Mai war das Comeback Deutschlands Thema. Dank der Wei- chenstellungen in Berlin komme Europa Börse & Investments Die deutsche Chance Jungheinrich: Der Hersteller von Gabelstaplern will mit seiner Strategie 2030+ den Umsatz in fünf Jahren auf zehn Milliarden Euro steigern Europa und insbesondere Deutsch- land sehen dem erratischen Treiben Trumps jedoch nicht tatenlos zu. In den kommenden zehn Jahren investiert die Regierung massiv in den Ausbau der In- frastruktur, in den Klimaschutz, in Ener- gie, in Bildung und in die Stärkung der Verteidigungs"ähigkeit. Ziel von Bundes- kanzler Friedrich Merz ist es, „die Bun- deswehr zur konventionell stärksten Ar- mee der EU auszubauen“. Unternehmen entlasten. Zudem will die Regierung die Unternehmen zwi- schen den Jahren 2025 und 2029 um insgesamt knapp 46 Milliarden Euro entlasten — vor allem durch sogenannte Superabschreibungen. Firmen können Dax vorn: Das deutsche Börsenbarometer schlägt sich auf Sicht von einem Jahr besser als der S & P 500 Wertentwicklung in %
€URO 08|25 55 wieder in Schwung. Deutschland über- nehme endlich die Führungsrolle, die es schon seit 15 Jahren hätte einnehmen sol- len, fasst Chefvolkswirt Holger Schmie- ding die Einschätzungen der Teilnehmer zusammen. Und Charu Chanana, Chief Investment Strategist bei der Saxo Bank, ergänzt: „Deutschland gewinnt an stra- tegischer Bedeutung, da die Anleger ei- ne Diversi"izierung weg von den politi- schen und "iskalischen Risiken der USA anstreben — unterstützt durch wachs- tums"ördernde Reformen und durch die Stärke der Industrie.“ Kapitale Verschiebungen. Die positi- ven Entwicklungen in Deutschland ver- anlassen globale Anleger, ihre geogra- "ische Asset Allocation zu überprüfen: Ein Ende ökonomischer Fehlentschei- dungen in Washington ist ihren Analy- sen zufolge bislang nicht in Sicht. Euro- pa und vor allem Deutschland packen hingegen an. Zwar steigen die Schulden, doch die Verbindlichkeiten sind im Ge- gensatz zu den USA weiterhin problem- los und ohne Ratin$verschlechterung zu bedienen. Und: Die Bewertungen deut- scher Aktien sind (noch) günstiger als die von US-amerikanischen Titeln. Es erscheint daher klug, mehr Kapital in Europa und in deutsche Aktien zu in- vestieren. Zahlen von Vanguard zeigen, in welchem Umfang bereits umgeschich- tet wurde. So sammelten seit Jahres- beginn ETFs mit Schwerpunkt Europa 141,2 Milliarden US!Dollar ein — zum glei- chen Zeitpunkt 2024 waren es lediglich 93,8 Milliarden US!Dollar. Doch welche Fonds oder Einzelwerte sind "ür Anleger interessant? Zum lang- fristigen Vermögensaufbau eignet sich der von Christoph Ohme gesteuerte Oddo BHF German Equities. Der Mana- ger investiert sowohl in günstige Aktien als auch in aussichtsreiche Wachstums- werte. Hoch gewichtet sind aktuell Blue- chips wie Siemens, Deutsche Telekom, Adidas und Munich Re. Hinzu kommen Small und Mid Caps. Im Vergleich zum MSCI Germany weist der Fonds aktuell ein Übergewicht an kleineren Werten von rund elf Prozent auf. Seit Anfang Januar erzielte der be- reits im Mai 1974 aufgelegte Fonds 15 Pro- zent. In den vergangenen "ünf Jahren Jahren schaffte er 94 Prozent. Björn Glück und Jonas Liegl konzen- trieren sich ausschließlich auf deutsche Nebenwerte. Zu den Top-Ten-Positionen im Lupus alpha Smaller German Cham- pions zählt beispielsweise Bil"inger. Eine gute Wahl. Der Titel erzielte im ersten Halbjahr ein Plus von knapp 75 Prozent. Der Industriedienstleister zählt zu den Unternehmen, die direkt von den Mil- liardeninvestitionen in Verkehrswege, Energieinfrastruktur und öffentliche Ge- bäude pro"itieren. An der starken Kurs- entwicklung wirkt das Management kräftig mit und kauft eigene Aktien zu- rück. Langfristig positiv dürfte sich auch die im Juni erfolgte Aufnahme in den Stoxx Europe 600 auswirken. Die Aktie rückt so vermehrt ins Blickfeld instituti- oneller Investoren. Rüstungspotenzial. Ein weiterer Favo- rit der beiden Manager ist die Deutz AG. Das Unternehmen ist als Hersteller von Motoren "ür Baumaschinen, Landtech- nik und Nutzfahrzeuge bekannt. Mittler- weile wird Deutz auch als Rüstungs- GEA Group: Das Unternehmen stellt Maschinen und Anlagen her, die Produktionsprozesse effizienter gestalten ➝ BILD: JUNGHEINRICH, STEFAN KIEFER/GEA Prozent Wachstum – nach zwei Jahren Stagnation kann Deutschlands Wirtschaft 2026 wieder zulegen. 1,61,6
€URO 08|2556 wert gehandelt. Das Unternehmen liefert unter anderem Motoren "ür kleine und mittlere Militärfahrzeuge sowie Rad- panzer. Im laufenden Jahr erwartet Deutz im Bereich Defence einen Umsatz im mittleren zweistelligen Millionen- Euro-Bereich. Innerhalb eines Jahres leg- te der Titel bereits um rund 40 Prozent zu. Die Expertise von Lupus alpha im Nebenwertebereich zahlt sich aus. Der Fonds erzielte seit Auflegung im August 2001 rund 929 Prozent. Neben aktiv gemanagten Deutsch- land-Fonds können Anleger sich auch "ür die kostengünstigere Variante ETF ent- scheiden. Der iShares MDAX ETF bildet physisch die Wertentwicklung der 50 In- dexunternehmen ab, wie zum Beispiel der Deutschen Lufthansa, Thyssen- krupp, Knorr-Bremse, Kion, Hochtief oder des Ticketanbieters CTS Eventim. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Ge- winn-Verhältnis von 19,7 sind die Werte noch nicht zu teuer. Für Investoren, die nach attraktiven Einzelwerten aus dem Nebenwertebe- reich suchen, hat €uro vier Aktien her- ausge"iltert. Die Unternehmen können sowohl direkt als auch indirekt von der Wachstumsoffensive der Bundesregie- rung pro"itieren. Deutscher KI-Profiteur. Besonders die gezielte Förderung der Halbleiterindus- trie und zukunftsweisender Technolo- gien wie künstliche Intelligenz eröffnet unter anderem Aixtron große Chancen. Das Unternehmen liefert essenzielle Anlagen "ür die Produktion moderner Chips, die in der Elektromobilität, bei er- neuerbaren Energien und in der Digita- lisierung unverzichtbar sind. Investiert die Industrie — unterstützt durch staatli- che Fördermittel — verstärkt in neue Fer- tigungskapazitäten, steigt auch die Nach- frage nach den Anlagen von Aixtron. Im ersten Quartal 2025 musste Aix- tron zwar einen Gewinnrückgang ver- zeichnen. Dieser ist jedoch darauf zu- rückzu"ühren, dass das Unternehmen erhebliche Mittel in Forschung und Ent- wicklung investiert. Das Management rechnet in den kommenden Jahren mit weiter wachsenden Umsätzen, da der Bedarf an modernen Halbleitern kon- tinuierlich steigt. Anleger sollten sich allerdings auf Kursschwankungen ein- stellen: In den vergangenen drei Mona- ten Wochen (per 30.06.2025) konnte die Aktie um 46 Prozent zulegen, auf Sicht von zwölf Monaten liegt sie jedoch noch mit 15 Prozent im Minus. Auch United Internet zählt zu den Nutznießern des Wachstumsboosters aus Berlin. Als Anbieter von Internet- zugang, Cloud- und Hosting-Diensten ist das Unternehmen ähnlich wie Aixtron in zentralen Zukunftsbereichen aktiv. Die Investitionen der Bundesregierung in den Glasfaserausbau und die Moderni- sierung der Verwaltung sorgen "ür zu- sätzliche Nachfrage nach leistungs"ähi- gen Netzen. Die jüngsten Geschäftszahlen belegen das Wachstum: Im ersten Quartal 2025 stieg der Umsatz im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 4,2 Prozent, die Zahl der Kundenver- träge konnte erneut erhöht werden, und die Umsatzprognose "ür das Gesamtjahr wurde angehoben. In den vergangenen zwölf Monaten legte die Aktie um 20 Pro- zent zu. Eine weitere €uro-Empfehlung ist Jungheinrich. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung soll Automatisierung und umweltfreundliche Techniken "ör- dern — genau die Bereiche, in denen der Anbieter von Intralogistiklösungen be- Börse & Investments Die deutsche Chance Deutz: Das Unternehmen ist für seine Motorenprodukte bekannt. Diese werden jetzt auch in Militärfahrzeugen eingesetzt Thomas Gebert: „Der große Gebert“ Börsenbuch Verlag 336 Seiten, 29,99 € ISBN: 978-3-86470-254-9 Der Physiker und Börsenexperte Thomas Gebert hat seine bisherigen Klassiker überarbeit. Das neue Buch bietet eine nachvollziehbare Anleitung für erfolgreiches Anlegen.
€URO 08|25 57 reits stark ist und weiter expandieren möchte. Neue Kundengruppen will Jungheinrich mit seiner Midtech-Marke AntOn gewinnen. Dabei wird das Pro- duktportfolio um moderne, elektrische Flur"örderzeuge im mittleren Preisseg- ment erweitert, die speziell "ür die An- forderungen automatisierter Lager- und Logistikprozesse entwickelt wurden. AntOn gilt auch als wichtiger Baustein der Strategie 2030+, mit der das Unter- nehmen in "ünf Jahren einen Umsatz von zehn Milliarden Euro anstrebt. Im ver- gangen Jahr wurden 5,4 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das erwartete Kurs-Ge- winn-Verhältnis der Jungheinrich-Aktie "ür 2026 liegt laut Analystenschätzungen bei 11,4. Innerhalb eines Jahres stieg die Aktie um knapp 30 Prozent. Wenig volatil. Für mehr auf Sicherheit bedachte Anleger ist die GEA Group in- teressant. Die Aktie erscheint weniger an"ällig "ür extreme Kurssprünge als viele andere Werte. Im Zeitraum der ver- gangenen zwölf Monate lag die Schwan- kungsbreite bei 17,73 Prozent. Im Ver- gleich zu anderen Aktien ist das ein moderater Wert. Das Unternehmen stellt "ür die Nahrungsmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie Maschinen und Anla- gen her, die Produktionsprozesse nach- haltiger und ef"izienter machen. Für das laufende Geschäftsjahr geht das Management von einem Umsatz- wachstum zwischen einem und vier Pro- zent aus. Ambitioniert sind die Ziele "ür das Jahr 2030: ein organisches Umsatz- wachstum von mehr als "ünf Prozent pro Jahr, eine Ebitda-Marge von 17 bis 19 Pro- zent und eine Kapitalrendite (ROCE) von über 45 Prozent. Das "ür das kommende Jahr erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 18,5. Die Schweizer Großbank UBS gibt "ür die Aktie ein Kursziel von 67 Euro aus. George C. Marshall: Der damalige US-Außenminister brachte das Europäische Wiederaufbauprogramm (ERP) auf den Weg Mrd. Euro (nach heutigem Wert) stellten die USA von 1948 bis 1952 für West- europa bereit. Die Mittel sorgten für politische Stabilität und Wachstum. 157157 BILD: STEPHAN PICK/DEUTZ, BETTMANN ARCHIVE/GETTY IMAGES Die besten Anlagen für die deutsche Chance Institutionelle Investoren gewichten Deutschland höher. Privatanleger nutzen die Kurschancen mit passiven Exchange Traded Funds, aktiv gemanagten Fonds – oder sie setzen auf Einzelwerte Aktien WKN Kurs in € !"-Wochen- Hoch in € !"-Wochen- Tief in € KGV ! $"$# KBV " Dividenden- rendite in % Börsenwert in Mrd. € Bemerkung Aixtron A"W MPJ '#,#( $$,#' ),** '!," ',* ',** ',* Hersteller von Chip-Anlagen GEA Group ##" $"" %),*% #",#% !),"" '),% +," $,') (,' Systemanbieter für die Nahrungsmittelindustrie Jungheinrich #$' ((! !(,$$ +",!) $!,!" '',+ ',! $,"! ',) Lösungsanbieter Intralogistik United Internet %") ("! $!,)+ $+,## '+,%( )),)) ",* $,"+ +,' Internetdienstleister Fonds ISIN Kurs in € Wertentwicklung in % Agio in % Fonds- Note TER # in % Bemerkung # Jahr $ Jahre ! Jahre iShares MDAX ETF DE """ %(! !($ ! $+*,*% '),) '",$ '%,! ","" ! ",%' Kostengünstiger Exchange Traded Fund Lupus al. Smaller Ger. LU "'$ ($! !"( ! %"%,#! '!,% $",+ !%,% %,"" ! ',#% Fokus auf Nebenwerte Oddo BHF German Eq. DE """ )+* )"% ) $)+,*" '(,$ %+,+ +*,% %,"" ! ',)' Bluechips plus Nebenwerte Stichtag: "'."*.$"$%; # erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis: Je niedriger der Wert, desto günstiger ist die Aktie bewertet; " Kurs-Buch-Verhältnis: Werte unter ' gelten als günstig; $ TER = Total Expense Ratio (Gesamtkostenquote); Quelle: BO Data
€URO 07|2312 V orab eine Warnung: Die Lektüre dieses Textes kann depressiv machen. Jedenfalls der Anfang. Denn es geht darum, was künstliche Intelligenzen vom Schlage ChatGPT oder des Bildprogramms Dall-E 2 mit dem Arbeitsmarkt anstellen könnte, wie wir ihn zu kennen pflegten. Ein Arbeitsmarkt, auf dem selbst in der Rezession die Aussichten !ür Beschäftigte gut sind, die Arbeitslosenrate niedrig und die Zahl der offenen Stellen groß ist und Fachkräfte begehrt sind. Doch das war einmal, denn am 30. November 2022 kam ChatGPT. Das Kürzel steht !ür „Chatbot Generative Pre-trained Transformer“. Eine künstliche Intelligenz (KI), ein Sprachmo- dell, mit unvorstellbaren Daten- mengen trainiert, mit dem jeder über Texteingabe wie mit einem anderen Menschen kommunizie- ren kann. Das gelingt, weil der Sprachroboter gelernt hat, wie Menschen schreiben. Und er er- innert sich an das, was in einem Ja, klar – mit links! Kannst du meine Arbeit erledigen? R Der Aufstieg der KI-Sprachroboter wie ChatGPT lässt Millionen um ihre Jobs fürchten. Sind die Ängste berechtigt – oder ist der Wandel eine Chance? VON FRANK MERTGEN
13€URO 07|23 „Gespräch“ zuvor eingegeben wurde — so kann der Nutzer ei- nen regelrechten Dialog !ühren. Hunderte von Millionen nut- zen ChatGPT bereits (siehe Gra- !ik Seite 16 links unten), schon bald können es Milliarden sein — jeder, der einen Internetzugang hat. Nutzer trainieren die KI, die damit immer besser wird. Das Basismodell des Sprach-Bots ChatGPT kostet keinen Cent. Des- wegen durchdringt es die Gesell- schaft und die Wirtschaft viel schneller als zum Beispiel der PC oder das Smartphone. Einstiegsgehalt !ür ChatGPT: 183 000 Dollar. Und diese künst- liche Intelligenz kann jetzt schon so viel: Sie schreibt Aufsätze, mit denen Abiturienten ihre Prüfun- gen bestehen, und übersetzt das, wenn gewünscht, blitzschnell in Dutzende verschiedener Spra- chen. Sie besteht Medizinertests und knifflige juristische Exa- men — oder ChatGPT bekäme, nachdem die künstliche Intelli- genz den digitalen Einstellungs- test als Level-3#Programmierer bei Google bestanden hat, gleich ein Angebot !ür eine Stelle — mit einem Einstiegsgehalt von 183 000 Dollar. So hat es der amerikanische Wirtschaftssen- der CNBC berichtet. Politik & Wirtschaft Job-Killer KI? BILD: HIROSHI WATANABE/GETTY IMAGES ➝
€URO 07|2314 Politik & Wirtschaft Job-Killer KI? Dazu kommen KI#Bildprogramme wie Dall-E 2, die auf Zuruf neue Bilder kre- ieren können, und weitere Sprachrobo- ter wie Bard von Google. Prognostiker überbieten sich angesichts einer neuen Technologie, die mit der Er!indung des Rads oder des Buchdrucks verglichen wird, mit düsteren Prophezeiungen. Wendepunkt für die Menschheit. Das Äquivalent von 300 Millionen Vollar- beitsplätzen könnte wegen ChatGPT und Konsorten durch Automatisierung be- droht sein, warnt Goldman Sachs. „Jeder wird von einer qualitativen Veränderung der Arbeitsaktivitäten be- troffen sein, wobei ganze Bereiche der- zeitiger Bürobeschäftigungen ge!ährdet sind. Frühere arbeitssparende Innovati- onen betrafen größtenteils weniger qua- li!izierte Arbeitskräfte, während KI die derzeitige mittlere Wissensarbeit erset- zen wird“, warnt Deutsche-Bank-Chef- volkswirt David Folkerts-Landau. Große Sprachmodelle wie ChatGPT würden bis Ende des Jahrzehnts, wenn nicht früher, die im Westen mit dem relativen Rück- gang der Industrieproduktion über meh- rere Jahrzehnte entstandenen Büroser- vice-Branchen umwälzen. Er sieht einen „Wendepunkt !ür die Menschheit“. Ein Arbeitspapier vom März, das von Forschern in Zusammenarbeit mit ChatGPT#Betreiber OpenAI, OpenRe- search und der Universität von Pennsyl- vania verfasst wurde, deutet darauf hin, auslösen“, sagt Bain-Chef Manny Mace- da. „Hinzu kommen in diesem Fall spe- zielle negative Assoziationen, da wir mit Filmen aufgewachsen sind, in denen es Matrix-Maschinen gibt, die die Mensch- heit bedrohen.“ So ist die Angst um Arbeitsplätze längst Alltagsgespräch. Da kennt der Bruder einen Übersetzer, der wegen ChatGPT um seine Aufträge bangt. Der Freund weiß von den Sorgen eines Pa- tentanwalts zu berichten, und der Fuß- ballkumpel von den Zukunftsängsten der Kollegen im Reisebüro. Kein Wun- der, dass fast vier von zehn Deutschen laut einer Boston-Consulting-Umfrage !ürchten, dass ihre beruflichen Aufga- ben in den kommenden Jahren von einer KI übernommen werden. KI lässt Kurse abstürzen. Und haben sich nicht schon erste Unternehmen ge- äußert? IBM#Chef Arvind Krishna sagte im Mai, dass das Unternehmen die Einstellung !ür Positionen, die durch KI ersetzt werden könnten, verlangsamen oder aussetzen werde. 7800 Arbeitsplät- ze könnten betroffen sein. Bei Ängsten vor KI spricht der Kapitalmarkt schnell harte Urteile: Der Aktienkurs von Chegg !iel kürzlich binnen Stunden um die Hälfte. Der britische Anbieter von Haus- aufgabenhilfe musste einräumen, dass ChatGPT „Einfluss auf die Wachstums- rate bei neuen Kunden hat“. Umgekehrt beeilen sich Unterneh- men herauszustellen, wie stark sie auf KI Maurer vs. Pro- fessor: Der Job des Handwerkers wird durch KI gar nicht berührt – sie bedroht aber top bezahlte Weiße- Kragen-Jobs von Professoren dass etwa vier von !ünf US#Arbeitneh- mern mindestens ein Zehntel ihrer Auf- gaben durch die Ein!ührung großer Sprachmodelle beeinflusst sehen könn- ten, während knapp ein Fünftel der Ar- beitnehmer gar mindestens die Hälfte ihrer Aufgaben erfasst sehen könnten. UBS#Analysten untersuchten die Aus- wirkungen von KI auf 31 Branchen. In 30 Wirtschaftszweigen sollen ChatGPT und Co Kosten drücken. Die IT#Beratung Accenture schätzt, dass 40 Prozent aller Arbeitsstunden durch ChatGPT und der- gleichen beeinflusst werden könnten, da sprachbasierte Aufgaben 62 Prozent al- ler Mitarbeiterstunden ausmachen und 65 Prozent dieser Zeit produktiver gestal- tet werden könnten. Die Macht der Kinobilder. Die Ängste in der Bevölkerung werden sogar von der Kraft des Kinos geschürt: „Eine bahnbre- chende Technologie, die unser Leben, ei- ne Ära verändert, kann auch Besorgnis BILD: KADMY/ISTOCK, SEAN DE BURCA/GETTY IMAGES
ANZEIGE 20101990197019301910189018701850 1950 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Landwirtschaft Bergbau Handel, Transport, Versorger Information Finanzen Profess. u. geschäftl. Dienstleistung Private Ausbildung und Gesundheit Freizeit u. Gastgewerbe Andere Dienstleistungen Industrie und Bau bauen. Der Otto Versand will Hunderte lern!ähige, durch KI gesteuerte Roboter einsetzen, um einzelne Produkte zu individuellen Bestellungen zusammen- zustellen und zu verpacken. Duolingo !ührt seine App zum Sprachenlernen, Duolingo Max, ein, die maßgeschneider- te Sprachlektionen und Funktionen zum Rollenspiel und zur Erklärung von Antworten bietet. Der Werberiese WPP wird KI verwenden, um Kampagnen zu erstellen. Allen & Overy, eine renom- mierte Londoner Anwaltskanzlei mit 3500 Anwälten in 43 Büros weltweit, ver- wendet Harvey KI, erstellt mit OpenAIs GPT#Technologie, um bei ersten Entwür- fen !ür rechtliche Dokumente zu helfen. Der US#Spielzeughersteller Mattel ➝ Quelle: Deutsche Bank Wandel Innovationen erst im Agrarsektor, dann etwa durch die Elektrizität oder den PC legten die Basis für neue, produktivere Wirtschaftszweige Anteil von Sektoren an den privaten US-Arbeitsplätzen in %
Monate 1 2 3 4 5 250 200 150 100 50 0 neue höher- wertige Aufgaben automatisierte Aufgaben entfallen Unverändert Verbessert Bestehende Aufgaben: Aufgaben nach KI: €URO 07|2316 Stichtag: !".#$.%#%&; Quelle: UBS Schnell durchgesetzt ChatGPT hat über 200 Millionen Nutzer Tägliche aktive Nutzer, 7-Tage-Schnitt in Mio. (Barbie) nutzt den Bildgenerator DALL- E 2, um neue Spielzeuge zu gestalten. Noch ein weiterer Beitrag zur allge- meinen Verunsicherung: Es kursieren immer neue Listen mit den durch die neuen künstlichen Intelligenzen am meisten ge!ährdeten Berufen. Die bereits erwähnte Studie von OpenAI und der Universität von Pennsylvania sieht zum Beispiel starke Auswirkungen auf Buch- halter oder Korrektoren, während etwa bei Köchen und Maurern keine Folgen zu erwarten seien (siehe Kasten Seite 17). Auch eine Studie von Ed Felton (Prince- ton), Manav Raj (University of Pennsyl- vania und Robert Seamans (New York University) untersucht, wie ChatGPT und dergleichen die Beschäftigung ver- ändern. Am meisten ge!ährdet durch die Sprachroboter sind demnach Telefonver- käufer und viele Hochschullehrer, etwa !ür Literatur und Soziologie. So weit, so hoffnungslos. Oder? Ge- mach. Prognosen überschätzen oft die Gefahren. Innerhalb der nächsten zehn oder 20 Jahre sei fast die Hälfte der US- Jobs durch Automatisierung ge!ährdet, prognostizierten 2013 Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Univer- sität Oxford. Zehn Jahre später ist nicht die Prognose, sondern das Gegenteil ein- getreten. Die Arbeitslosigkeit ist in den USA wie in anderen Industrieländern stark gesunken. Zudem sind Menschen schwieriger zu ersetzen als oft angenom- men. Zum Beispiel sind in den USA Lkw- Fahrer gesucht wie noch nie — trotz zahl- reicher Vorhersagen, sie würden dank fahrerloser Fahrzeuge bald arbeitslos. Noch beruhigender: Selbst die War- ner von heute wie Joseph Briggs von Goldman Sachs sind eigentlich Optimis- ten. „Obwohl der Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt wahrscheinlich signi!ikant sein wird, sind die meisten Jobs und In- dustrien nur teilweise der Automatisie- rung ausgesetzt und werden daher eher ergänzt als durch KI ersetzt“, sagt er. In die gleiche Kerbe schlagen Jim Reid und Henry Allen von Deutsche Bank Re- search: „Wenige Arbeitsplätze können vollständig durch generative KI automa- tisiert werden. Die Verwendung eines KI#Werkzeugs !ür bestimmte Aufgaben kann jedoch dazu !ühren, dass Arbeits- kräfte ihre Arbeit auf Aufgaben auswei- ten können, die nicht automatisiert wer- den können.“ Recht haben sie. Denn wann !ällt eine Stelle wirklich weg? Nicht, wenn zehn oder 20 Prozent der Aufgaben von KI übernommen werden könnten. Konkret am Beispiel Kunden- service: Von 13 typischen Aufgaben eines Mitarbeiters würden nach einer Studie !ünf unverändert bleiben, !ünf würden durch KI erweitert und vier Aufgaben ent!ielen vollständig, würden aber durch neue, höherwertige Aufgaben ersetzt (siehe Gra!ik rechts unten). 100 Millionen virtuelle Kollegen. Da- bei könnten viele Beschäftigte, deren Job durch ChatGPT und Co verwandelt wer- den, einen neuen Helfer zur Hand haben: Bis 2026 werden 100 Millionen Beschäf- tigte einen virtuellen Kollegen/Assisten- ten haben, der ihnen zur Hand geht, er- wartet Marktforscher Gartner. Darüber hinaus wurden historisch durch Automatisierung verdrängte Ar- beitsplätze durch neu geschaffene Jobs aufgefangen, und das Aufkommen neu- er Berufe nach technologischen Innova- tionen macht laut Goldman-Studie den Großteil des langfristigen Beschäfti- Die meisten Jobs sind nur teils der Automatisierung ausgesetzt und werden daher eher ergänzt als durch KI ersetzt.“ Joseph Briggs, KI-Experte Goldman Sachs Stand: %#%%; Quelle: Deutsche Bank Neuerung Beispiel eines Service- mitarbeiters: Aufgaben änden sich Aufgaben im Kundenservice vor/nach KI-Einsatz
€URO 07|23 17 Job-Killer KI? Politik & Wirtschaft Köchin vs. Steuerberaterin: Generell gelten Handwerks- berufe als immun gegen den Aufstieg der KI-Tools – während Büroberufe als bedroht gelten gungswachstums aus. Zum Beispiel !ühr- ten Innovationen in der Informations- technologie zu neuen Berufen wie Web- designern, Softwareentwicklern und Fachleuten !ür digitales Marketing. Der Münchner Professor Stefan Feuerriegel von der LMU sagte kürzlich dem „Han- delsblatt“: „Die Digitalisierung erzeugt Arbeit — und dasselbe werden wir jetzt bei der KI sehen: In den nächsten !ünf bis zehn Jahren müssen in diesem Be- reich extrem viele Leute eingestellt wer- den, Unternehmen müssen ihre Strate- gien aktualisieren. Wenn ich ein KI#Pro- dukt installiere, etwa ein smartes Pri- cing, müssen komplette Prozesse ver- ändert werden, bis hinein in den Ver- kauf. Und das wird sehr viel Arbeit !ür Menschen erzeugen.“ Es gab historisch auch stets Folge- effekte neu entstandener Arbeitsplätze, da die Steigerung des Gesamteinkom- mens indirekt die Nachfrage nach Dienst- leistern in Branchen wie Gesundheitswe- sen, Bildung und Gastronomie antrieb. Chance auf Produktivitätssprung. Noch besser: Die neue Technologie könnte auch die globale Arbeitsproduk- tivität in den nächsten zehn Jahren um 1,5 Prozent jährlich steigern, wobei Gold- man schätzt, dass KI die globale Wirt- schaftsleistung jährlich um sieben Pro- zent erhöhen könnte. Die Produktivität sinkt in den Industrieländern weltweit und könnte einen neuen Schub gebrau- chen (siehe Gra!ik Seite 18 rechts oben). „Wenn neue Technologien auftauchen, die Raum !ür erhebliche Produktivitäts- steigerungen bieten, legen die Lehren der Geschichte nahe, dies zu begrüßen. Die ef!izientere Herstellung von Gütern und Dienstleistungen schafft Ressour- cen !ür andere Aufgaben, ermöglicht es uns, mehr zu verdienen, und verbessert allgemein den Lebensstandard“, schrei- ben auch Jim Reid und Henry Allen von Deutsche Bank Research. „Wenn die Ford-Fließbandproduktion in ihren An- fangstagen gestoppt worden wäre, hät- ten wir nie von den zahlreichen zusätz- lichen Vorteilen der weitverbreiteten Autonutzung pro!itiert, oder zumindest hätten wir viel länger da!ür gebraucht.“ Staat federt den Wandel ab. Sie räu- men ein, dass es angesichts der schnel- len Verbreitung der neuen KI#Tools kurz- fristig zu Störungen auf dem Arbeits- markt kommen könnte. Dann aber wer- de der Staat eingreifen. „In der heutigen Gesellschaft ist die Toleranz !ür dras- tische Veränderungen der Beschäfti- gungsaussichten gering. Wenn also die Auswirkungen umwälzend wären, könn- ten wir neue Gesetze, Vorschriften und !inanzielle Unterstützung erwarten, um die kurzfristigen Auswirkungen zu redu- zieren.“ Laut den Wissenschaftlern um Ed Felten sind 14 der 20 durch ChatGPT und Co am meisten ge!ährdeten Berufe Lehrberufe. „Aber nur die mutigste Re- gierung würde Lehrer durch KI erset- zen“, urteilt der „Economist“. JOBKILLER Starke Auswirkungen Dolmetscher & Übersetzer Umfrageforscher Schriftsteller und Autoren Spezialisten für Öffentlich- keitsarbeit Steuerberater Mathematiker Blockchain-Ingenieure Korrektoren Buchhalter, Unternehmens- berater Keine Auswirkungen Berufssportler Automechaniker Maurer Köche Baumaschinenführer Steinmetze Reifenmonteure Tellerwäscher Handwerksberufe BILD: LIGHTFIELDSTUDIOS/ISTOCK, ANDREY POPOV/SHUTTERSTOCK ➝
A ndrea Orcel gilt als Star unter Europas Bankern. Im Früh- jahr 2021 übernahm er den Chefposten der italienischen Großbank Unicredit. Als Orcel Chef wur- de, notierte die Unicredit-Aktie unter zehn Euro. Er transformiert die Bank. Seit seinem Amtsantritt verdreieinhalb- fachte sich der Kurs der Aktie fast. Dabei stieg er 2023 um rund 85 Prozent. Rech- net man die Dividende mit ein, verdop- pelten Aktionäre ihr Kapital im vergan- genen Jahr fast. Die Entwicklung der Unicredit-Aktie zeigt: Anleger können Ciao Mailand In Italien gibt es starke Unternehmen. Auch nach der Aktienrally an der Mailänder Börse 2023 bieten sich Chancen – mit vier Aktien-Ideen VON JULIA PFANNER Börse & Investments Italien Von Fiat bis Drinks: An der italienischen Börse gibt es einige interessante Invest- ments für Anleger Andrea Orcel: Seit der Italiener im April 2021 den Chefpos- ten bei der Großbank Unicredit übernahm, hat sich der Kurs der Unicredit-Aktie mehr als verdreifacht
€URO 03|24 83 mit italienischen Aktien sehr gut fahren. Das Bankpapier war nicht der einzige italienische Titel, bei dem es im ver- gangenen Jahr mehr als rund lief. Der italienische Leitindex FTSE MIB, der die Entwicklung der 40 größten und liquidesten italienischen Aktien abbil- det, legte inklusive Dividenden ein Plus von gut 34 Prozent hin. Da mag über- raschen, dass der Bewertungsabstand, gemessen am !ür 2024 erwarteten Kurs- Gewinn-Verhältnis, zwischen dem FTSE MIB und dem MSCI World, der die Ent- wicklung von Unternehmen aus Indus- trieländern abbildet, zuletzt so groß war wie seit mehr als zehn Jahren nicht (sie- he auch Seite 66). Rally trotz Problemen. Italienische Aktien sind schon lange niedriger bewer- tet als der weltweite Aktienmarkt. Auch derzeit gibt es da!ür Gründe. Dazu gehört die hohe Staatsverschuldung. Würde die Kreditwürdigkeit Italiens von Ratingagenturen herabgestuft, hätte das auf Firmen negative Auswirkungen, et- wa auf hoch verschuldete. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Me- loni will Anteile des Staats an Unterneh- men verkaufen, um die Schuldenlast zu senken. So ist nun etwa der Verkauf ei- nes Anteils an Poste Italiane geplant. Das Wirtschaftswachstum in Italien ist seit 20 Jahren schwach, mit Ausnahme des Aufschwungs nach der Corona-Pande- mie. Die alternde Bevölkerung belastet. Zur starken Entwicklung des FTSE MIB 2023 trugen die gestiegenen Zinsen bei. Von ihnen pro!itierten Banken, die im italienischen Leitindex ein großes Ge- wicht haben. Aber auch der Autosektor, Versorger und Energie!irmen sind stark im Index vertreten. Auch solche Aktien wie die vom Autokonzern Stellantis, Sportwagenhersteller Ferrari oder Ver- sorger Enel legten 2023 deutlich zu (rund 74, 54 und 43 Prozent Wertentwicklung). „Banken, Energie!irmen und Stellantis haben im Index ein großes Gewicht und sind immer noch günstig“, erklärt Alber- to Chiandetti, Fondsmanager des Fideli- ty Italy, die niedrige Bewertung des FTSE MIB. Während unter den großen Unter- nehmen — mit wenigen Ausnahmen wie Ferrari oder Stellantis — viele stark von der italienischen Wirtschaft getrieben seien, würden mittelgroße, global aufge- stellte Firmen aus Sektoren wie Luxus, Konsum oder Industrie dagegen die ech- te italienische Wirtschaft widerspiegeln. „Sie sind günstiger als früher, weil sich Investoren in Europa und den USA ➝ BILD: HOLLIE ADAMS/BLOOMBERG, VISIT ROEMVANITCH/ISTOCK, MAX SAROTTO/FIAT, POPOUT/STOCK.ADOBE.COM [M] Griechenland Italien Frankreich Spanien EU Deutschland Niederlande Schweden 0 50 100 150 165,5 111,9 109,8 82,6 64,8 45,9 29,7 140,6 2019 2020 2021 2022 2023 2024 32 000 30 000 28 000 26 000 24 000 22 000 20 000 18 000 16 000 14 000 Quelle: Statista/Eurostat Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Hohe Kreditlast Die Schuldenquote Italiens ist hoch Rally 2023 lief es beim italienischen Leitindex FTSE MIB sehr gut Staatsschulden in % des BIP im 3. Quartal 2023 FTSE MIB in Punkten
-60 -30 0 30 60 90 120Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World deLonghi 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -50 0 50 100 150 200 250Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Unicredit 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -40 -20 0 20 40 60 80Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Campari 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -80 -40 0 40 80 120 160Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Stellantis 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 84 €URO 03|24 in den vergangenen zwei Jahren auf grö- ßere Unternehmen konzentriert haben“, erläutert Chiandetti. Gute Aussichten für Aktien. Dem FTSE MIB muss dieses Jahr kein ähnli- ches Kunststück gelingen wie 2023. Es gibt aber Hinweise auf ein positives Um- feld !ür italienische Aktien. Im vierten Quartal wuchs die italienische Wirt- schaft zum Vorquartal überraschend um 0,2 Prozent. „Dieses Wachstum, gepaart mit der unerwarteten politischen Stabi- lität unter der Regierung Meloni, macht italienische Aktien attraktiv“, heißt es vom Portfoliomanagement von Habbel, Pohlig & Partner Vermögensverwaltung, verantwortlich !ür den Aktien Südeuro- pa Nachhaltigkeit UI. 2023 wuchs Itali- ens Wirtschaft um 0,7 Prozent, 2024 er- wartet der IWF dasselbe Wachstum. Im Fonds Prévoir Gestion Actions, der sich auf Firmen aus der EU konzentriert, waren italienische Aktien zuletzt mit 12,9 Prozent nach niederländischen und französischen die drittgrößte Gruppe. Das spiegle die sehr gute Gesundheit des italienischen Markts im Gegensatz etwa zum deutschen Markt wider, insbeson- dere bei mittelgroßen Unternehmen, so- wie die Qualität des Managements, das seine Unternehmen in den vergangenen Jahren stabil und konstant entwickeln konnte, heißt es von den Fondsmana- gern Louis Puga und Fares Hendi. Anleger können sich also ruhig nach italienischen Aktien umsehen. Angefan- gen etwa bei Unicredit. Die durchschnitt- liche Schätzung des !ür 2024 erwarteten KGV bei Bloomberg liegt trotz der star- ken Performance 2023 bei 6,2. Italiens zweitgrößte Bank könnte immer noch unterschätzt werden. Für 2023 lieferte sie einen überraschend hohen Rekord- gewinn von 8,6 Milliarden Euro. Er soll über Dividenden und Aktienrückkäufe komplett an die Aktionäre gehen. Trotz schwierigerem Umfeld soll das Ergebnis 2024 ähnlich sein, die Ausschüttungs- quote künftig bei mindestens 90 Prozent des bereinigten Nettogewinns liegen. Die Bank sitzt auf viel Cash. Auch deshalb WKN 694 642 Kurs 29,58 € Börsenwert 4,5 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 15,9 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,4 Dividendenrendite 2,2 % Eigenkapitalrendite (ROE) 13,9 % WKN A2DJV6 Kurs 29,06 € Börsenwert 49,8 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 6,2 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Dividendenrendite 6,1 % Eigenkapitalrendite (ROE) 16,3 % WKN A2P 8B7 Kurs 9,62 € Börsenwert 11,8 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 24,5 Kurs-Buchwert-Verhältnis 3,7 Dividendenrendite 0,7 % Eigenkapitalrendite (ROE) 13,3 % WKN A2Q L01 Kurs 21,20 € Börsenwert 66,5 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 4,0 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Dividendenrendite 7,2 % Eigenkapitalrendite (ROE) 23,2 % Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Der Kaffeemaschinenhersteller ist nicht mehr so günstig bewertet wie noch vor einigen Monaten, überzeugt aber durch gute Wachstumsaussichten. Chef Andrea Orcel strukturiert die italienische Bank um. Die derzeitige Bewertung scheint trotz der jüngst starken Performance zu günstig zu sein. Die schwache Kursentwicklung beim Aperol-Hersteller in den vergangenen Monaten kann jetzt einen guten Einstiegszeitpunkt bieten. Von Peugeot über Fiat bis Maserati oder Jeep – die Geschäfte beim Autoriesen Stellantis liefen zuletzt gut, gleichzeitig ist die Aktie günstig bewertet. €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG 1 1 1 1 DE’LONGHI UNICREDIT CAMPARI STELLANTIS
KEINE SINNESTÄUSCHUNG 103 KLASSIK 12 H Auf 300 Exemplare limitierter Fliegerchronograph, exklusiv erhältlich auf www.armbanduhren-online.de € 3590,- Sinn Spezialuhren in Kooperation mit ARMBANDUHREN Seit den 1960er-Jahren gibt es die Modellreihe 103 bei Sinn Spezialuhren. Zum Jubiläum 30 Jahre ARMBANDUHREN wird das Erfolgsmodell 103 Klassik 12 mit Keramiklünette und Wechselarmband in brandneuer Ästhetik wiederaufgelegt. könnte es bald Zukäufe geben. Sinken die Zinsen dieses Jahr, dürften das Banken wie Unicredit und Intesa Sanpaolo zwar spüren. Doch: „Der Bankensektor ist so gut kapitalisiert und hat so stark restruk- turiert, dass es trotzdem bei bestimmten Namen und trotz der zuletzt starken Per- formance immer noch Potenzial gibt“, sagt Chiandetti. Unicredit ist in seinem Fonds eine der Top-Positionen. Obwohl die Aktie des Autokonzerns Stellantis 2023 um fast 60 Prozent zu- gelegt hat, ist sie mit einem erwarteten 2024er-KGV von vier niedrig bewertet. Stellantis ging 2021 aus der Fusion von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Peugeot (Groupe PSA) hervor. Automar- ken wie Fiat, Opel, Peugeot, Citroën, Maserati oder Jeep gehören zum italie- nisch-französisch-amerikanischen Kon- zern. Stellantis kann nach der Fusion Synergien umsetzen und will bis 2030 eine zweistellige bereinigte operative Marge aufrecht erhalten. Das Geschäft lief zuletzt gut, die hohe Dividendenren- dite ist verlockend. Etwas spekulativer dürfte derzeit die Aktie von Davide Campari Milano sein. Der Spirituosenhersteller wurde 2023 wie Konkurrenten etwa von einer schwä- cheren Nachfrage in den USA belastet. Im Dezember kündigte er die Übernah- me des Cognac-Herstellers Courvoisier an. Unter anderem !ür die Finanzierung der geplanten Übernahme gab Campari jüngst eine Wandelanleihe und neue Ak- tien aus. Anleger reagierten darauf nicht besonders begeistert. Cognac war nach der Pandemie auch weniger gefragt. Doch die Analysten der Deutschen Bank glauben, Cognac sei eine der attraktivs- ten Kategorien bei globalen Spirituosen durch hohe Eintrittsbarrieren und weit- gehend rationale Wettbewerber. Ansons- ten hat Campari Marken wie Aperol, die umsatzstärkste Marke im Konzern, so- wie Campari, Skyy Vodka, Averna oder Wild Turkey im Programm. Der zuletzt gesunkene Kurs sollte eine Einstiegsge- legenheit !ür längerfristige Anleger sein. De’Longhi gehört zu den mittelgro- ßen Firmen und ist vor allem !ür seine Kaffeemaschinen bekannt, die den größ- ten Teil des Geschäfts ausmachen. Da- zu kommen Küchengeräte wie Stand- mixer. De’Longhi ist gut aufgestellt, um zu wachsen. Die geplante Übernahme des Espressomaschinen-Produzenten La Marzocco über einen Zusammenschluss mit einer Konzernmarke kommt bei den Analysten von Berenberg gut an. De’Longhi dürfte zudem pro!itabler als die Konkurrenz sein. Italien Börse & Investments
€URO 07|19€URO 07|19 113112 BILD: XURZON/ISTOCK, RAWPIXEL/ISTOCK, LBRINCK MMIX/ISTOCK, OLIVER HENZE/ADOBESTOCK, DNY59/ISTOCK, DJIGGIBODGI/ADOBESTOCK [M] Solche Inserate haben es in sich: „Reihenmittelhaus: 900 000 Eu- ro“ oder „Reiheneckhaus: 1,2 Mil- lionen Euro“. In München sind diese Preise längst normal. „Meine Kol- legen und ich diskutieren schon einige Jahre darüber, wie lange der Anstieg noch anhält“, sagt Michael Dangl, Geschäfts"ührer des Vermittlers Bau- "inanz 24 in Ismaning. Seit ein paar Mo- naten scheint der Höhenflug zumindest ins Stocken geraten zu sein. „Die Ver- Check24 wertete vor einiger Zeit die Kreditanfragen des vergangenen Jahres aus. Die Münchner errichten dabei eine durchschnittliche Darlehenshöhe von 504 000 Euro. Robert Tzschöckel, Grün- der des Baugeldvermittlers zinsBewusst in München, weiß aus der Praxis: „Man- che leihen sich 600 000 oder 700 000 Euro von der Bank.“ Eigentlich sollten Banker, wenn sie Geld verleihen, vorsichtiger sein, so sieht es zumindest die seit drei Jahren gelten- de Wohnimmobilienkreditrichtlinie vor. Mittlerweile "inanzieren die Banken Pri- vatleuten aber auch ihr Eigenheim, oh- ne dass sie eigene Mittel in die Immobi- lie stecken. Solche 100$Prozent-Finanzie- rungen gibt es allerdings nur, wenn das Einkommen, die Gesamtverschuldung marktungsdauer ist nun etwas länger“, meint Dangl. Vor drei Jahren hätten die Kau"interessenten bei Bauträgern noch Schlange gestanden. Angesichts solcher Preise wirkt das billige Baugeld — Kredite mit zehn Jahren Zinsbindung kosten im Schnitt knapp unter ein Prozent Zinsen — "ür viele Kauf- willige wie ein Rettungsanker. So verlan- gen einige Institute "ür Darlehen mit einer zehnjährigen Laufzeit momentan Zinsen in Höhe von knapp einem Pro- und das Alter des Kreditnehmers stim- men. „Es kommt wirklich auf die indi- viduelle Situation des Käufers an“, sagt Bau"inanzierungsberater Dangl. Wer jung ist, viel verdient und irgendwann noch erbt, hat gute Chancen. „Solche Vorhaben lassen sich nicht pauschal be- werten“, meint auch Josephine Holzhäu- ser, Referentin "ür Finanzdienstleistun- gen bei der Verbraucherzentrale Rhein- land-Pfalz. Trotzdem mahnt die Exper- tin zur Vorsicht: „Der Erwerb der eigenen vier Wände ist mit Emotionen verbun- den, schließlich sucht man einen Ort zum Wohnen und Leben.“ Darum beste- he die Gefahr, dass mancher "inanzielle Risiken ausblende. „Wir empfehlen in der Regel 20 bis 30 Prozent Eigenkapital, um solide zu "inanzieren“, sagt sie. zent. Billiger geht es kaum. Die Mixtur aus hohen Immobilienpreisen und nied- rigen Bauzinsen hat die Kreditvolumina in die Höhe getrieben. Im Schnitt haben Immobilienkäufer in Deutschland nach Angaben des Finanzdienstleisters Dr. Klein im Monat April 248 000 Euro auf- genommen, um die eigenen vier Wände zu "inanzieren — ein neuer Höchststand (vgl. Gra"ik unten). In einer Stadt wie München kommt man mit einer solchen Summe nicht weit. Das Internetportal Auf Kredit gebaut Baugeld ist billig wie nie, Immobilien sind teuer. Käufer und Bauherren nehmen immer höhere Kredite auf. Wie sich Darlehensnehmer vor Risiken schützen können VON S. GRÖNEWEG Steuern & Sparen Baufinanzierung Quelle: Dr. Klein Trendindikator Bau!in. (DTB) Quelle: Eigene Berechnungen Mehr Schulden Durchschnittliche Darlehen für Baufinanzierungen in ! ➝ 64 52 39 33 28 25 22 1,3 Prozent Zinssatz 2,3 Prozent 20 1% Tilgung 2% Tilgung 3% Tilgung 4% Tilgung Kreditlaufzeit in Jahren 777 €Monatliche Rate in € 1100 € 1434 € 1767 € 2100 € 1100 € 1433 € 1767 € Schnell tilgen Wie die Tilgungsrate dafür sorgt, dass ein Darlehen über 400 000 Euro mit gleichbleibendem Zins früher oder später getilgt ist 142 000 09/2009 142 000 04/2010 149 000 09/2010 145 000 04/2011 151 000 09/2011 153 000 04/2012 157 000 09/2012 168 000 04/2013 161 000 09/2013 159 000 04/2014 169 000 09/2014 179 000 04/2015 164 000 09/2015 193 000 04/2016 199 000 09/2016 197 000 04/2017 200 000 09/2017 213 000 04/2018 228 000 09/2018 248 000 04/2019
€URO 09|1974 10 Fragen zu Der Goldpreis hat in den vergangenen zwölf Monaten über 20 Prozent zugelegt, seit Juni geht es besonders steil aufwärts. Doch woran liegt das? Geht das so weiter? Und wie kann man in Gold investieren? €uro klärt die wichtigsten Fragen VON ANDREAS HÖSS BILD: PETER HERMUS/BEELDBEWERKING/ISTOCKPHOTO [M]Der Goldpreis hängt hauptsächlich von einem Faktor ab: dem Finanzmarkt. Es wandert zwar mehr Gold in die Indus- trie oder in die Schmuckherstellung, aller- dings erwerben diese das Edelmetall rela- tiv konstant und verlässlich. Private An- leger werfen hingegen manchmal viele Tonnen auf den Markt oder kaufen diesen in kurzer Zeit panisch leer. Das macht sie zum Zünglein an der Waage. In den ver- gangenen Monaten war die Goldnachfrage von Investoren enorm. Allein im Juni kauf- ten Indexfonds weltweit fast 130 Tonnen, so viel wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise in Europa vor sieben Jah- 1 Warum ist der Goldpreis so stark gestiegen? ren. Damit hievten sie die Notierungen erstmals seit 2013 wieder über die Marke von 1500 US-Dollar je Feinunze (siehe Gra- fik). Der Hintergrund der Käufe: Panik im Finanzsystem. Gold gilt als Angstwäh- rung und Krisenmetall, sein Kurs steigt, wenn die Unsicherheit an den Börsen zu- nimmt. Das tut sie im Moment, denn es gibt zahlreiche Krisenherde. Die beschränken sich nicht nur auf politische Problemfelder wie den immer weiter eskalierenden Han- delskrieg, den möglicherweise chaotischen Brexit oder den brandgefährlichen Konflikt mit dem Iran. All diese Ereignissen können große Auswirkungen auf die ohnehin schwächelnde Weltwirtschaft und auf die Finanzmärkte haben. Auch die Finanzsta- bilität scheint durch die hohen Schulden- Stichtag: 01.08.2019; Quelle: World Gold Council Faktor Mensch Der Goldpreis hängt von der Nachfrage an den Finanzmärkten ab '04 '10 '12 '14 '16 '18 Goldbestände in Index- fonds in Tonnen (links) Goldpreis in US-$/Unze (rechts)3000 2500 2000 1500 1000 500 0 1600 1200 800 400 0
€URO 09|19 75 Börse & Investments Gold Geht es nach den eingefleischten Goldfans, ist ein weiterer Anstieg des Gold- preises ausgemachte Sache. Allerdings geben diese meist keine konkreten Preisprognosen mehr ab – einfach weil sich ihre euphorischen Schätzungen in den vergangenen Jahren nicht erfüllt haben. Im Gegenteil, selbst nach der jüngsten Preisexplosion kostet eine Unze Gold etwa ein Viertel weniger als im Rekordjahr 2011. Dass dieser Rückstand schnell aufgeholt wird, halten die meisten Experten für unrealistisch. So erwarten die vom Datendienst Bloomberg befragten Analys- ten im Schnitt, dass eine Unze Gold im zweiten Quartal 2020 knapp 1420 Dollar kostet. Das wäre minimal weniger als momentan – eine eher ernüchternde Per- spektive für Goldanleger. Die tiefste Prognose liegt bei 1325 Dollar, die höchste bei 1500 Dollar. Für steigende Goldpreise spricht, dass zehnjährige US-Staatsanleihen mit 1,7 Prozent nur noch knapp über der US-Inflationsrate von derzeit 1,6 Prozent rentieren. Fallen die Renditen weiter, verliert man mit US-Anleihen nach Abzug der Inflation also Geld. Bei Eurozonen-Papieren ist das längst der Fall. Historisch gese- hen hat sich Gold in Zeiten mit solchen sogenannten negativen Realzinsen meist verteuert. Ob die Notenbanken ihre Geldpolitik weiter lockern und die Zinsen sen- ken, hängt davon ab, ob aus der Krisenstimmung in der Wirtschaft und an den Fi- nanzmärkten tatsächlich eine veritable Krise wird. Passiert das, wird der Goldpreis davon profitieren. Entspannt sich die Lage aber, dürfte er fallen oder stagnieren. Dafür sollten dann die Aktienmärkte von großen Rückschlägen verschont bleiben. 2 Geht der Preisanstieg weiter? berge wieder in Gefahr. Verlieren Investo- ren zum Beispiel den Glauben an die Zah- lungsfähigkeit Italiens, dessen Regierung zerbricht und dessen Wirtschaft nicht auf die Beine kommt, könnte das die Eurozone erneut in eine Existenzkrise stürzen. Rü- ckenwind bekommt der Goldpreis vor al- lem aber durch die Notenbanken. Und das nicht nur, weil sie ihre Goldreserven seit Jahren aufstocken. Die US-Notenbank hat gerade erstmals seit der Finanzkrise wie- der die Zinsen gesenkt, andere könnten nachziehen. Das drückt in großen Teilen der Welt die Renditen von Anleihen nach unten und nimmt Gold einen seiner großen Nachteile – dass es weder Zinsen noch Dividenden abwirft und somit für Investo- ren eigentlich nicht lukrativ ist. Bleiben die Zinsen lange niedrig, wie es derzeit wie- der scheint, ist das gut für Gold. ➝
€URO 09|1976 Börse & Investments Gold Sieben Währungen in 150 Jahren: Bei so vielen Währungsschnitten ist es viel- leicht kein Wunder, dass die Deutschen wenig Vertrauen in ihr Geld haben. Be- sonders die Hyperinflation in den 1920ern, als Deutschland dem Goldstandard kurz den Rücken kehrte, hat das dumpfe Gefühl hinterlassen, dass Geld nicht mehr wert ist als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Für kurze Zeit war das auch so: Kin- der bauten 1923 mitunter Türme aus Geldscheinen (Foto). Gold gilt seither dagegen als Stabilitätsanker, weil es nicht an Wert verlor. Noch heute halten 70 Prozent der Bundesbürger das Edelmetall laut einer Forsa-Umfrage für eine sichere Geldanlage, die Deutschen horten etwa 9000 Tonnen Gold – mehr als die US-Notenbank. Die Bundesbank besitzt zudem die zweitgrößten Goldreserven weltweit. Sie stammen aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Damals überschrieben die USA der jungen Exportnation Goldbestände, um das durch den Kauf deutscher Waren entstandene Bilanzdefizit auszugleichen. Die wachsenden Reserven waren Ausdruck der wieder- erlangten nationalen Stärke, was das Image des Edelmetalls weiter aufpolierte. Jein. Für die ägyptischen Pharaonen war Gold zunächst ein Kult- und Schmuck- gegenstand. Unter dem Lyderkönig Krösus wurde es dann im 6. Jahrhundert vor Chris- tus erstmals zum Zahlungsmittel und setzte sich fortan fast überall auf der Welt durch. Im Lauf der Zeit trat jedoch das praktische- re Papiergeld Schritt für Schritt seinen Siegeszug an. Völlig bedeutungslos wurde Gold aber nie. Auch das internationale Währungssystem war bis weit in das 20. Jahrhundert mit Goldreserven hinter- legt, erst 1973 wurde der Goldstandard ab- geschafft. Heute sind zwar die Goldmünzen der Bundesbank, Wiener Philharmoniker in Österreich, kanadische Maple Leaf oder American Eagle in ihren Ländern offizielles Zahlungsmittel. Mit ihnen beim Metzger Wurst zu kaufen, wäre allerdings ein schlechtes Geschäft: Die Unzen-Münze der Wiener Philharmoniker (Foto) hat in Öster- reich einen staatlich garantierten Nennwert von 100 Euro, das dort verarbeitete Gold ist aber im Moment über 1300 Euro wert. Ob dieser Materialwert gerechtfertigt ist, ist umstritten. Fans schreiben Gold einen inne- ren Wert zu, da es nur in begrenzter Menge zur Verfügung steht und schwer aus dem Boden zu holen ist. Das gesamte in der Menschheitsgeschichte geförderte Gold passt in einen Würfel mit einer Kantenlänge von nur 20 Metern. Skeptiker entgegnen, dass Gold nicht mehr als ein nutzloses Me- tall ist. Wie beim Papiergeld beruhe sein Wert lediglich darauf, dass die Menschen daran glauben, dass es viel wert sei. 3 Ist Gold Geld? Warum sind die Deutschen solche Goldfans?4 Sollte man Gold im Depot haben?5Klares Ja. Gold gehört in jedes breit aufgestellte Depot – und das, ob- wohl es weder Zinsen garantiert noch Dividenden abwirft. Dafür hat das Edelmetall eine andere gute Eigen- schaft: Sein Preis steigt, wenn die Ak- tienkurse einbrechen, was es zu einer Art Depotversicherung in Finanzkri- sen macht. Deshalb hält zum Beispiel auch Fondsmanager Bert Flossbach in seinem milliardenschweren Misch- fonds Multiple Opportunities neben Aktien und Anleihen rund zehn Pro- zent Gold. Viel größer sollte der Edel- metallanteil im Portfolio aber nicht sein, raten Experten. Denn der Gold- preis ist weniger stabil als gemeinhin vermutet: Nach seinem Rekordhoch 2011 brach er um mehr als 40 Prozent ein. In ruhigen Zeiten ist die Depot- versicherung also wie jede andere Versicherung: Sie kostet viel Geld. BILD: COININVEST GMBH/WIKIPEDIA (CC BY-SA 4.0), WORLD HISTORY ARCHIVE/UNITED ARCHIVES/MAURITIUS IMAGES, DEM10/ISTOCK, MILKOS/ISTOCKPHOTO
€URO 09|19 77 7 6 Worauf muss man bei Goldkäufen aufpassen? Wie lege ich am besten in Gold an? Wer physisches Gold kauft, muss sicher sein, dass er keine Fälschungen ange- dreht bekommt oder mit Mondpreisen über den Tisch gezogen wird. In windigen Internetshops kann das passieren. Große Goldhändler sind hin- gegen über solche Zweifel erhaben, wie der jähr- liche Test in unserem Schwestermagazin €uro am Sonntag (Ausgabe 41/2018) zeigt, bei dem Kriterien wie Preise oder Sicherheit bewertet werden. Dort landeten zuletzt GoldSilberShop.de, Degussa, Philoro, Coininvest und ESG auf den vorderen Plätzen. Doch auch beim Einkauf dort sollten Kunden die anfallenden Handelskosten beachten. Kauft man Gold in kleinen Gramm- barren, zahlt man fast ein Viertel mehr als den aktuellen Goldpreis, bei einer Unze sind es im- mer noch bis zu drei Prozent. Bei Münzen können die Aufpreise minimal höher liegen, was mit dem größeren Produktionsaufwand zu tun hat. Ver- kauft man Gold, muss man hingegen meist einen Abschlag hinnehmen. Ein ebenfalls oft unter- schätzter Faktor beim Goldhandel ist das Wäh- rungsrisiko. Gold wird an der Börse in Dollar ge- handelt, auch die Berichterstattung bezieht sich oft auf den Dollar-Preis. Für deutsche Goldbesit- zer ist beim Kauf und Verkauf aber nur der Euro- preis relevant – und der kann stark abweichen. Seit 2018 ist der Goldpreis in Euro stärker gestie- gen als in Dollar (siehe Chart), doch das ist nicht immer so. Deshalb genau nachrechnen, ob man trotz in Dollar gestiegener Notierungen nicht doch mit Verlust verkauft. Dieses Risiko besteht nicht nur bei physischem Gold, sondern auch bei den meisten Finanzprodukten auf Gold. Laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale Hessen hat Sicherheit für Goldkäufer höchste Priorität. Neun von zehn Befragten konnten sich Goldkäufe nicht zuletzt des- wegen vorstellen, weil „Gold weiterhin einen Wert hat, auch wenn das Finanzsystem zusammenbricht“. Wer sich mit Gold wirklich gegen einen Kollaps des Finanzsystems wappnen will, sollte physisches Edelmetall kaufen. Allerdings keine Sammlermünzen etwa aus römischer Zeit, sondern Barren oder Anlagemünzen (Krügerrand, Philharmoniker, American Eagle etc.). Doch Vorsicht: Je kleiner die erworbene Einheit, desto größer die fälligen Handelskosten (siehe Frage 7). Zudem muss Gold irgendwo verwahrt werden. Wer Banken nicht traut, für den bleibt nur der eigene Tresor – sofern er einen hat. Zudem bieten große Goldhändler wie Degussa oder Pro Aurum Schließfächer, doch die kosten. Physisches Gold hat also auch viele Nachteile. Unkomplizierter sind Finanzprodukte, die das Auf und Ab des Goldpreises abbil- den. Sie eignen sich für Anleger, die Extremereignisse wie Währungsschnitte oder einen Kollaps des Finanzsystems für unwahrscheinlich halten, ihr Portfolio aber diversifizieren und so die Auswirkungen möglicher Börsencrashs etwas abfe- dern wollen. Sie können in sogenannte ETCs investieren, die mit physischem Gold hinterlegt sind. Die bekanntesten sind Xetra-Gold (ISIN: DE 000 A0S 9GB 0) und Euwax-Gold II (DE 000EWG 2LD 7). Das in Tresoren verwahrte Gold kann man sich jederzeit ausliefern lassen. Allerdings ist die Liefe- rung mit hohen Kosten verbunden, weshalb sie kaum in An- spruch genommen wird. Daneben gibt es noch Aktien von Goldförderern. Wegen des Goldpreisanstiegs haben diese Minenaktien stark zugelegt, der Market Access Gold Bugs ETF (LU 025 932 226 0) ist seit Jahresbeginn 40 Prozent im Plus. Doch Goldförderung ist ein schwieriges und riskantes Geschäft. Die Papiere schwanken extrem, der ETF brachte auf Sicht von zehn Jahren rund 25 Prozent Minus. Sparpläne auf Gold sind nur selten ein gutes Angebot. Hier gibt es viele unseriöse Angebote. Und selbst bei seriösen Offerten werden gern hohe Handelsgebühren und Lagerkosten verlangt, was die meisten Edelmetall-Sparpläne zur Kostenfalle macht. Stichtag: 08.08.2019; Quelle: Bloomberg Getrennte Wege Gold entwickelt sich in Euro und US-Dollar unterschiedlich Gold in € Gold in US-$ 25 20 15 10 5 0 -5 2017 2018 2019 Wertentwicklung in % ➝
€URO 09|1978 Börse & Investments Gold Nur, wenn es um die Optik geht. Der Rapper Jordan Houston trägt hier zum Beispiel einen „Grill“ genannten Zahnschmuck (Foto). Anders als üblich ist der nicht mit Gold, sondern mit Diamanten besetzt – sieht auch chic aus. Als Krisenversicherung für die Geldanlage eignen sich Preziosen wie Diaman- ten, Silber, Platin und Palladium hingegen nicht. Der Silberpreis entwickelt sich noch am ehesten ähnlich wie der Goldpreis. Er schwankt aber stärker, zu- dem wird Silber öfter in der Industrie genutzt, weshalb die Notierungen mehr von der Wirtschaftslage als von Faktoren wie der Finanzmarktpanik abhän- gen. Bei Platin und Palladium, die etwa in Autokatalysatoren verbaut werden, ist das genauso. Sie sind keine gute Absicherung gegen die Auswirkungen von Wirtschafts- und Finanzkrisen. Von Diamanten als Geldanlage sollte man komplett die Finger lassen. Sie verlangen enorme Expertise, die Preise hän- gen von Faktoren wie Qualität, Seltenheit, Farbe oder Verarbeitung ab. 10 Sind andere Edelmetalle eine Alternative zu Gold? Barren und Münzen sind beim Kauf von der Mehrwertsteuer befreit. Ausnah- me: Sammlermünzen, die vor dem 19. Jahr- hundert geprägt wurden. Auch mögliche Gewinne werden unterschiedlich gehand- habt. Bei physischem Anlagegold sind sie nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Wer vor dem Ende der Spekulationsfrist mit Gewinn veräußert, zahlt darauf jedoch den persönlichen Einkommensteuersatz. Finanzprodukte, die dem Goldpreis folgen, sind ebenso steuerfrei, sofern sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie müssen zu min- destens 95 Prozent mit physischem Gold besichert sein, und Anleger müssen sich ihr Kapital jederzeit grammgenau in Gold ausliefern lassen können. Das ist laut Urteilen des Bundesfinanzhofs bei Xetra- Gold der Fall und gilt auch für vergleich- bare Wertpapiere wie EuwaxGold II. Für Erträge aus nicht physisch hinterlegten Goldzertifikaten, Gold-Investmentfonds oder Goldminenaktien fallen hingegen un- abhängig von der Haltedauer 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich 5,5 Prozent Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer an. 9 Wie wird Gold besteuert? Eher nicht. Gold stammt oft aus Asien, Afrika oder Südame- rika und wird unter schwierigen Bedingungen geschürft. Zwar haben die großen Minengesellschaften ihre Arbeits- und Umweltstandards erhöht, außerdem meiden sie Bürgerkriegs- gebiete mittlerweile weitestgehend. Wirklich sauber ist der Ab- bau aber nicht – schon deshalb, weil mindestens ein Viertel des weltweit geförderten Goldes aus unregulierten Klein- und Kleinst- minen stammt (Foto: Kleinstmine in Dunkwa, West-Ghana). Man- che Raffinerien nehmen es offenbar mit Ethikstandards nicht so genau. Sie schmelzen auch Gold aus Konfliktregionen ein und verkaufen es mit „sauberem“ Herkunftssiegel (siehe Seite 128). Auswege bieten rein aus Recycling gewonnenes Gold und Fair- trade-Gold. Beides gibt es ohne großen Aufpreis etwa bei ESG Edelmetall-Handel, bisher wird es aber nur selten verkauft. 8 Kann man Gold mit gutem Gewissen kaufen? BILD: BRIAN SNYDER/REUTERS, HEREWARD HOLLAND/REUTERS
€URO 06|2522 Viele Deutsche sehnen sich nach Abgrenzung von den USA. Am Kapitalmarkt zeigt sich aber, wie eng die Verflechtung mit dem ökonomischen Giganten ist VON GREGOR DOLAK Den Knoten entwirren Seit US!Präsident Donald Trump auch Europa mit Zoll- drohungen überzieht, erkaltet die Amerikaliebe der Deutschen. Seit den 1980er-Jahren reisten viele gern dorthin, surften in Kalifornien, wanderten in den Nati- onalparks, shoppten in New York. Lange galten Nike-Turnschu- he und Apple-Geräte als Prestige-Importprodukte. Inzwischen geben rund 50 Prozent der deutschen Konsumenten in Umfra- gen an, dass sie beim Einkaufen US!Produkte meiden würden. Dahinter steht der Wunsch nach Abgrenzung. Dieser erreicht auch den Kapitalmarkt. So hat der ETF Xtrackers MSCI US-BINDUNG DOSSIER ➝
’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 50 45 40 35 30 Prognose €URO 06|25 23 BILD: WILDPIXEL/ISTOCK Stichtag: 31.03.2025; Quelle: Nasdaq, Bilanzen Transatlantiker Die vier größten/kleinsten Anteile von Investoren der Gegenseite Stichtag: 01.01.2025 Quelle: DIRV, S & P Global Dollar im DAX So viel halten Geldgeber aus den USA am deutschen Aktienindex US-Anteil am DAX in % Anteile von US- Investoren an DAX-Konzernen in % Anteile deutscher Investoren an Dow-Konzernen in % Walmart !," Procter & Gamble #,$ Johnson & Johnson ",% Salesforce ",& Apple ",$ Caterpillar $,' Chevron $,& Honeywell $,( Fresenius Med. Care !',$ Qiagen !',$ Brenntag !#,# Merck )',$ Porsche "(,# Eon "(,$ Hannover Rück "*,( Allianz "),&
€URO 06|2524 Dossier US-Bindung World ex USA, der in Unternehmen aus aller Welt außer den USA investiert, seit seiner Auflage vor einem Jahr rund eine Milliarde Euro Kapital eingesammelt. Doch wie schwierig die Vereinigten Staaten vom Rest der Welt zu entflechten sind, zeigt sich gerade an den Finanzmärkten. So steckt in deutschen Firmen wesentlich mehr amerikani- sches Geld als umgekehrt. Da viele deutsche Sparer Aktien mei- den, auch diejenigen einheimischer Firmen, ist der Anteil nord- amerikanischer Investoren am Aktienindex DAX auf mehr als 40 Prozent gestiegen. Mit der massiven Umschichtung von Ka- pital aus den USA nach Europa seit Beginn von Trumps Han- delskrieg dürfte der Anteil noch weiter gewachsen sein. Allen voran hat die Wall-Street-Firma Blackrock schon bis 2024 rund 72 Milliarden Dollar in die 40 größten deutschen Konzerne gesteckt, während die Deutsche Bank als größter institutioneller Investor aus Germany "ür 58 Milliarden Dollar Anteile an den 25 größten Dow-Jones-Firmen besitzt. Der Fall Blackrock veranschaulicht das Ungleichgewicht wie unter dem Brennglas: Allein das US!Unternehmen hält laut einer Studie von S & P Global rund neun Prozent aller frei umlaufenden DAX!Aktien, während alle deutschen Geldgeber zusammen nur 1,1 Prozent der Blackrock-Anteile besitzen. Die über Jahrzehnte gewachsene Verflechtung wirkt stabil und belastbar. Deutsche Firmen investieren jedes Jahr Milliar- den jenseits des Atlantiks, deutsche Gläubiger halten US!Schul- den im Wert von fast 300 Milliarden Euro in Staats- oder Un- ternehmensanleihen, deutsche Unternehmen exportieren Waren im Wert von 161 Milliarden Euro dorthin — Industrie- maschinen, Elektronik, chemische Produkte, Autos. Mögen deutsche Konsumenten auch weniger bei McDonald’s essen, weniger Coca-Cola oder Colgate-Zahnpasta kaufen — das Konsumverhalten lässt sich ebenfalls nur schwer abgrenzen. Denn wie amerikanisch sind manche deutschen Großunter- nehmen inzwischen? In DAX!Größen wie Fresenius Medical Care, Qiagen, Brenntag, Merck steckt bis zur Hälfte Kapital von jenseits des Atlantiks. Eher niedrig ist der Anteil von Pensions- fonds, Investmentgesellschaften, Privatanlegern aus Übersee an Versicherungen wie der Allianz (13,7 Prozent) oder Hanno- ver Rück (15,6 Prozent), an Versorgern wie Eon (16 Prozent) oder RWE (21 Prozent), selbst am Tech-Riesen SAP (18 Prozent). US!Präsident Trump ge"ährdet zwar die ökonomischen Ver- bindungen zwischen den Ländern. Rückstandsfrei auflösen lassen sie sich aber auch nicht. Maschinen, Elektronik Chemikalien, Plastik Autos, Züge, Flugzeuge Öl, Mineralien, Zement Stahl, Eisen, Metalle Optik, Messgeräte Holz, Papier Textilien digitale Dienstl., Forschung, Wissenschaft Unternehmensberatung Reisen Finanzdienstleistungen Deutschland → USAUSA → Deutschland 10 10 15 20 25 3005 5 26,7 18,6 11,9 5,9 4,1 2,2 1,0 5,9 4,5 1,8 1,0 0,5 Quelle: Deutsche Bundesbank, US Bureau of Economic Analysis, US-Department of Commerce, Statistisches Bundesamt Handelsbilanz Deutsche Exporte in die USA: 229,7 Mrd. €, US-Exporte retour: 156,4 Mrd. € Exportmeister Bis auf Öl, digitale Dienste, Un- ternehmensberatung liegt Deutschland im Plus BILD: WILDPIXEL/ISTOCK Anteile Waren und Dienstleistungen 2024 in % Warenhandel Dienstleistungen Handelsüberschuss nach Produkten 2024 in Mrd. € Deutschland → USA USA → Deutschland #',& !",( *%,!&$,)
€URO 06|25 25 Kapitalmarktzange Mit Investments in US-Aktien und US-Fonds haben deutsche Anleger stark aufgeholt Aufbau West Gegenseitige Investitionen in Fabriken und Filialen – deutsche Firmen produzieren stark in den USA Schuldenschere Deutsche Geldgeber zeichnen immer mehr US-Staats- und Unternehmensanleihen Investoren und Arbeitgeber In ihren Niederlassungen beschäftigen deutsche Firmen 923 600 US-Mitarbeiter ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 500 400 300 200 100 0 Deutschland → USA ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 50 40 30 20 10 0 Deutschland → USA ’14 ’15’13’12 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 Prognose 800 700 600 500 400 300 200 100 0 ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 ’18 ’19 ’20 ’21 ’22 ’23 ’24 USA → Deutschland 300 250 200 150 100 50 Deutschland → USA Wechselseitige Wertpapierinvestments in Mrd. € Direktinvestitionen in Mrd. € Wechselseitige Anleihe-Investments in Mrd. € Kumulierte Direktinvestitionen deutscher Firmen in den USA in Mrd. US-$
Lecker: Nuss, Traube, Früchte – alles Mögliche wird Schokolade beigemischt. Und kaum einer liebt das Naschzeug so sehr wie die Deutschen
€URO 01|20 107 BILD: ANDREABASILE/ISTOCK Schokolade macht glücklich, nicht nur zur Weihnachtszeit. Doch der Kakaopreis schwankt mitunter gewaltig, was nicht nur an gierigen Spekulanten liegt VON JULIA PFANNER Glück in Tafeln Weihnachtsmänner, Adventskalender, Lebkuchen mit Schokoüberzug — Weihnachten ohne Scho- kolade ist schwer vorstellbar. Auch im Rest des Jahres lieben die Deutschen sie und gönnen sich fast acht Kilo davon pro Kopf und Jahr, so viel wie sonst kaum eine Nation, zeigen Zahlen des Marktforschers Euromonitor. Ohne Kakao gäbe es allerdings gar keine Schokolade. Den höchsten Verbrauch an Kakao haben vor allem Westeuropa und die USA. Die besten Bedingungen zum Wachsen !indet der Ka- kaobaum aber in Äquatornähe: Etwa drei Viertel des Kakaos weltweit kommen derzeit aus Westafrika. Vor allem aus der Elfenbeinküste, allein hier sollen in der Saison 2018/2019 gut 2,2 Millionen Tonnen Bohnen geerntet werden, prognostiziert die International Cocoa Organization, fast die Hälfte der ge- schätzten rund 4,9 Millionen Tonnen weltweit. Mehrere SCHOKOLADE DOSSIER ➝
€URO 01|20108 BILD: BAIBA OPULE/123RF, GRANDEDUC/ISTOCK [M], KOLESNIKOVSERG - STOCK.ADOBE.COM, PROSTOCK-STUDIO/ISTOCK, PAUL WILLIAMS/FUNKYSTOCK/IMAGEBROKER/MAURITIUS IMAGES Dossier Schokolade Millionen Tonnen Ernte klingen viel — aber mit solchen Mengen ist der Markt !ür Kakao relativ klein. Und der Kakaobaum ist an- !ällig. Wenn es in den Anbauländern zum Beispiel Dürren gibt oder zu viel Regen !ällt, !ührt das schnell zu großen Schwan- kungen bei der Ernte. Oft spüren die Länder die Folgen des Kli- mawandels oder Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño, das alle paar Jahre auftritt. Auch politische Unruhen, überal- terte Kakaobäume oder Schädlinge stören die Produktion. Des- halb geht es bei den Kakaopreisen oft turbulent zu. Die großen Schwankungen locken außerdem Spekulanten. Die wiederum verstärken das Preis-Tohuwabohu in dem kleinen Markt. Fast schon legendär sind die Geschichten um den britischen Hedgefondsmanager Anthony Ward. Sein Spitzname: Schoko- !inger, angelehnt an Gold!inger, den Bösewicht aus dem gleich- namigen James-Bond-Film, der das Gold in Fort Knox auf Jahr- zehnte radioaktiv verseuchen will, um den Wert des Goldes in seinem Besitz in die Höhe zu treiben. Schoko!inger schlug im Sommer 2010 am Kakaomarkt zu. Er kaufte mit seinem Hedge- fonds Armajaro an der Londoner Rohstoffbörse mehr als 240 000 Tonnen Kakao im Wert von etwa einer Milliarde US#Dollar, etwa sieben Prozent der weltweiten Produktion. Der Kakaopreis schnellte auf mehr als 2500 Pfund je Tonne nach oben. So hoch hatte er seit 33 Jahren nicht mehr gestanden. Nicht sein erster Coup, schon 1996 und 2002 hatte Schoko- !inger riesige Mengen gekauft. Vorwürfe, er sei ein Spekulant, der das Angebot verknappt und so den Preis künstlich in die Höhe treibt, wies er zurück. Mehrmals wurde wegen Ernteeinbrüchen und schwan- kenden Preisen von einigen schon der „Schokoladennotstand“ ausgerufen. In Zukunft könnte das öfter passieren, denn die Nachfrage etwa aus asiatischen Schwellenländern steigt. Allein Deutschland braucht jedes Jahr weit mehr als 400 000 Tonnen Kakaobohnen, fast zehn Prozent der globalen Ernte. 2018 stellte die Industrie hierzulande mit Kakao knapp 1,7 Mil- lionen Tonnen Produkte im Wert von fast 6,3 Milliarden Euro her, vor allem Pralinen, Tafeln oder Riegel, aber auch Trink-Ka- kao oder Kakaomasse. Laut Bundesverband der deutschen Süß- warenindustrie wurden gut 1,2 Millionen Tonnen (Wert: 5,2 Milliarden Euro) exportiert. Schokowaren gingen dabei vor al- lem etwa nach Frankreich oder ins Vereinigte Königreich. Deutschland ist laut Centre for the Promotion of Imports from developing countries (CBI) weltgrößter Schokoexporteur. Rund 774 000 Tonnen Kakaoprodukte !ür 3,1 Milliarden wurden im- portiert, Schokolade etwa aus der Schweiz, Polen oder Belgien. Kakao wird vor allem auf kleinen Farmen angebaut, und die Bauern erwirtschaften meist nicht genug zum Leben. Ghana und die Elfenbeinküste versuchen, Mindestpreise durchzuset- zen. Nachhaltig produzierter Kakao wird immer wichtiger, auch wenn das Siegel oft nicht hält, was es verspricht. Ökotest unter- suchte jüngst 25 Vollmilchschokoladen und fand heraus, dass nicht einmal !ür zerti!izierten Kakao ausreichend Löhne gezahlt wurden. Zudem gäbe es keine Garantie, dass keine Kinder auf den Felder schuften oder Regenwald gerodet wurde. Und: Bei den Siegeln Fairtrade und UTZ ist erlaubt, zerti!izierten mit nicht zerti!izierten Kakao zu mischen — den höheren Preis be- kommt der Bauer aber trotzdem bezahlt. 1 Viele Unternehmen beziehen gar keinen Rohkakao mehr. In diesen Fällen wurde bis Mai 2017; 6 keine Angaben gab es zu Blommer, ein weiterer großer Kakaover- Geschäft mit Süßem Bis aus Kakao Schokolade wird, durchläuft der Rohstoff mehrere Stufen. Vom Anbau über die Handels- und Verarbeitungsunternehmen bis hin zu den Schokoladenproduzenten und Einzel- händlern ist der Markt äußerst konzentriert. Es geht um viel Geld: 2017 lag der Umsatz mit Schokolade laut Statista weltweit bei etwa 130 Milliarden US-Dollar Lieblinge Schokolade ist laut Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie das beliebteste Naschwerk. Milchschokolade ist der absolute Favorit der Deutschen Teurer Naschen Der Preis für Schokoladentafeln ist in Deutschland von 2010 bis 2018 um 26,3 Prozent gestiegen, der von Bonbons nur um elf Prozent 47 % Milch-/Vollmilch- schokolade 28,5 % Bitter-/Zartbitter- schokolade 25,5 %Haselnuss- schokolade 29,6 %Nougat- schokolade 28,1 % weiße Schokolade Verbraucherpreisindex Schokoladentafeln und Bonbons (indexiert 2010 = 100) Schokolade Bonbons '05 130 120 110 100 90 80 '10 '15
BILD: XXXXXXXXXXXXXX 109€URO 01|20 mit dem entsprechenden Faktor von Kakaobutter, -masse oder -pulver ins Kakaobohnenäquivalent umgerechnet; 2 geschätzt; 3 geschätzt 2016; 4 September 2016 bis August 2017; 5 Juni 2016 arbeiter; 7 2016; Quelle: BDSI, Lindt & Sprüngli/Euromonitor, ICCO, Make Chocolate Fair, Statista/Statistisches Bundesamt, Statista/Stratistics MRC/Research and Markets, Südwind Institut Süßmäuler Nur Schweizer und Öster- reicher essen pro Kopf noch mehr Schoko- lade als die Deutschen Pro-Kopf-Konsum pro Jahr in kg Zutaten Kakaomasse, Kakaobutter und Zucker sind die Grundlagen der Schokolade. Weißer Schoko- lade fehlt die Kakaomasse Anbauländer Laut Prognose der Inter- national Cocoa Organization produziert das Hauptanbauland Elfenbeinküste 2,2 Millionen Tonnen Kakaobohnen. Welt- weit sind es knapp 4,9 Millionen Tonnen Schokohersteller Am meisten Kakao verbrauchen die drei Riesen Mondelez (USA), Nestlé (Schweiz) und Mars (USA) Prognose Produktion Kakaobohnen in der Erntezeit 2018/2019 in Tsd. Tonnen Verbrauch von Kakaobohnen 2017 in Tsd. Tonnen 1 Wer wie viel an einer Tafel Schokolade verdient in % 8,8 2220 830 270 250 220 450 2 Mondelez Mikado, Milka, Toblerone Nestlé After Eight, Choco Crossies, Kitkat Mars M & M’s, Mars, Snickers, Twix Hershey Hershey’s, Kisses, Reese’s Ferrero Ferrero Rocher, Kin- der Scho- kolade, Mon Chéri Lindt & Sprüngli Ghirardelli, Lindt, Russell Stover 434 410 3 200 2 135 4 128 310 Elfenbeinküste Ghana Kamerun Nigeria Indonesien Ecuador Händler/Verarbeiter Größter Kakao- verarbeiter der Welt ist der Schweizer Konzern Barry Callebaut. Auf Platz 2 folgt das Lebensmittel- und Agrarunter- nehmen Olam aus Singapur Anteile Das meiste verdienen Schoko- konzerne und Einzelhandel am Endprodukt Schokolade, den Bauern bleibt wenig Verbrauch von Kakaobohnen 2017 6 in Tsd. Tonnen 1 1020 4 950 593 500 400 7 750 5 Barry Callebaut Olam Ecom Sucden Touton Cargill Schweiz Österreich Deutschland Irland Großbritannien 8,1 7,9 7,9 7,6 44,2 Händler Schokoladen- hersteller 35,2 7,6 6,6 Verarbeiter Staatl. Behörden 4,2 Zwischenhandel 2,2 Kakaobauern
€URO 09|19102 Facebook will mit der Libra eine neue Kryptowährung schaffen. Mit einer ähnlichen Technik wie beim Bitcoin – und doch ganz anders VON JULIA PFANNER Weltgeld A uf alle, denen Bargeld heilig ist, wirkt dieser Plan von Facebook wohl wie ein Albtraum: Der Social-Media-Konzern will eine rein digitale Währung ein!ühren. Libra soll sie heißen und bereits im kommen- den Jahr starten. Mit ihr sollen Nutzer ein- facher online einkaufen und günstig Geld auch über Grenzen hinweg verschicken, voll digital, ohne Scheine und Münzen. Dass es rein digitale Währungen gibt, mit denen man mancherorts auch bezah- len kann, ist den meisten wohl spätestens seit dem Bitcoin ein Begriff. Die erste und zugleich bekannteste Kryptowährung hat vor zwei Jahren einen wahren Hype erlebt. Seit der Geburt des Bitcoin 2009 sind zahlreiche weitere Kryptowährungen entstanden, mittlerweile verzeichnet die Plattform Coinmarketcap weit mehr als 2000. Die meisten sind nur Fachleuten ein Begriff. Doch die Libra würde mit ei- nem ganz anderen Rückenwind auf den Markt kommen. Mit seinen Social-Media- Plattformen wie Facebook, Instagram oder Whatsapp bringt der US"Konzern bereits rund 2,7 Milliarden potenzielle Nutzer mit. In alle Dienste soll die Libra integriert werden. Anders als etwa der Bitcoin oder Ether, die nach Marktkapi- talisierung zweitgrößte Kryptowährung, soll die Libra vollständig mit risikoarmen Vermögenswerten wie Staatsanleihen oder Bankguthaben hinterlegt werden; die Libra entsteht, indem ihre Nutzer „klassische“ Währungen, eintauschen. Dadurch, dass die Libra an einen Wäh- rungskorb gekoppelt ist, würde ihr Wert KRYPTO- WÄHRUNGEN DOSSIER Große Namen Unter den Gründungsmitgliedern soll Facebook mit seiner Tochter Calibra nach dem Start nur eines von vielen sein. Mit dabei sind etwa schon Ebay, Visa oder Mastercard. Die Gründer müssen je zehn Millionen US-Dollar einzahlen
€URO 09|19 103 28 Unternehmen gehören bisher zur Libra Association, vor allem US-Konzerne. Bis zum Start der Libra 2020 sollen es etwa 100 werden Distributed Ledger (reguliert) 2 Milliarden Menschen weltweit haben kein Bank- konto, ein Teil davon aber ein Handy mit Internet- zugang. Sie könnten nun ein Konto führen Distributed Ledger (unreguliert) 1 Centralized Ledger 3 Stable Coin Libra wird mit klassischen Wäh- rungen gekauft und das Geld in Bankguthaben oder kurz laufenden sicheren Staatsanleihen angelegt (Libra Reserve) Technische Grundlage ist die Blockchain, eine Form der Distributed Ledger Technology („Verteiltes Kontenbuch“). 1 Teilnehmer (Nodes) haben eine Schreib- und Leseberechtigung. 2 Anders als bei Bitcoin etwa, wo im Prinzip jeder einen Node betreiben kann, soll Libra zunächst bis zu fünf Jahre lang zentralisierter sein: Wer einen betreiben und Änderungen vornehmen will, braucht eine Erlaub- nis. Die sollen zunächst nur Mitgliedsunternehmen haben. Damit wäre es nicht wie 3 komplett zentra- lisiert, dahinter steht mit der Association aber eine zentrale Instanz $ Nächstes Jahr will Facebook mit der Libra eine Kryptowährung etablieren. Digital und global soll sie sein, die Gebühren für Zahlungen und Überweisungen, auch über Länder und Kontinente hinweg, sollen minimal sein Libra Quelle: Libra Association, Weltbank: „Distributed Ledger Technology (DLT) and Blockchain“ (2017)
B €URO 09|19104 Dossier Kryptowährungen 1 Stand 24.07.2019; 2 Stand: 18.06.2019; Quelle: Coinmarketcap.com, Digiconomist, Statista 600 kWh 1 Bitcoin- Transaktion 172,9 Bitcoin 22,0 Ether 13,1 XRP 5,6 Litecoin 5,2 Bitcoin Cash 6/13 26 366 506 544 562 564 644 6/166/14 6/1512/13 12/1612/14 12/15 160 kWh 100 000 Visa- Transaktion Die wertvollsten Krypto- währungen: Bitcoin hat die mit Abstand größte Marktkapitalisierung. Es folgen Ether, Ripple (XRP), Litecoin und die Bitcoin- Abspaltung Bitcoin Cash Eine Bitcoin-Trans- aktion verbraucht etwa 600 Kilowatt- stunden Strom Anzahl und Wert von Kryptowährungen ²: Während die Zahl der Währungen in den vergangenen Jahren kontinuierlich stieg, schwankte ihr Gesamt- wert deutlich. Bitcoin allein macht über die Hälfte der gesamten Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen aus. Früher war der Anteil teilweise sogar noch viel höher 1,1 10,1 5,5 4,3 6,8 12,5 16,1 Marktkapitalisierung in Mrd. US-$ Marktkapi- talisierung ¹ in Mrd. US-$ Energieverbrauch je Transaktion in kWh Anzahl Kryptowährungen Bitcoin: Maximal 21 Millionen Bitcoins kann es geben. Bisher wurden gut 17,8 Millionen Stück erzeugt. Dieses „Schürfen“ neu- er Coins durch Dritte soll bei Libra nicht möglich sein Bitcoin und Co
€URO 09|19 105 BILD: BITCOIN, WIKIPEDIA (2) 871 1353 1547 2073 2238 6/17 6/18 6/1912/17 12/18 weniger stark schwanken als etwa der des Bitcoin, der schon zwischen wenigen Hundert und mehreren Tausend Dollar notierte. Die Libra soll aber keine alleinige Face- book-Währung sein. Zum Social-Media- Konzern kommen in der sogenannten Libra Association bisher 27 weitere Grün- dungsmitglieder dazu. Darunter etwa die Marktplattform Ebay, die Zahlungsdienst- leister Visa, Mastercard und Paypal, die Fahrdienstleister Uber und Lyft oder der Streaminganbieter Spotify. Die Kunden dieser Unternehmen wären ebenfalls po- tenzielle Nutzer der Währung. Facebook, so wird immer wieder betont, wäre nur eines von vielen Unternehmen. Die Libra Association ist eine gemeinnützige Orga- nisation mit Sitz in der Schweiz. Sie soll den Betrieb der Währung verantworten. An die Association gehen auch die Zinsen aus der Libra Reserve, die die Rücklagen enthält, um den Betrieb zu !inanzieren. Geld, das übrig bleibt, bekommen frühe Investoren als Dividende. Facebook etwa wolle laut David Marcus, Chef des Face- book-Projekts, zum Beispiel auch mit hö- heren Werbeeinnahmen durch einen stär- keren Onlinehandel pro!itieren. Alle Details zur Libra sind noch nicht bekannt. Doch Behörden, Zentralbanken oder Politiker sind aufgeschreckt. Das Projekt löse ernsthafte regulatorische und systemische Bedenken aus, teilten etwa die Finanzminister und Chefs der Notenbanken der G7"Staaten bei ihrem Treffen im Juli mit. Ob die Libra zugelassen und wie sie re- guliert werden kann, welche Auswirkun- gen die Währung aufs Finanzsystem ha- ben würde, ob sie Geldwäsche oder Ter- rorismus!inanzierung erleichtern würde und, und, und — all diese Fragen müssen noch geklärt werden. Die Libra wäre eine rein private Währung, sie könnte zum Beispiel nationale Geld- und Wirtschafts- politik erschweren. Eine eigene Geldpo- litik soll mit der Libra nicht betrieben werden. Dadurch, dass die Libra mit ei- nem Währungskorb und Anleihen hinter- legt sein soll, wäre sie Teil des etablierten Systems. Große Banken sind alarmiert: Die Libra könnte ihr Einlagengeschäft und ihr Geschäftsmodell untergraben, warnte etwa Bundesbank-Präsident Jens Weid- mann. Und was, wenn die Libra irgend- wann auch Kredite vergibt oder andere Finanzprodukte anbietet? Da stellt sich gerade bei Facebook mit mehreren Da- tenskandalen die Frage: Wie sicher sind die persönlichen Daten? Und sollte man dem Konzern zusätzliche Datenschätze in die Hand geben? Facebook verspricht: Nur mit ausdrücklicher Nutzer-Zustim- mung würden Libra-Daten mit Face- book-Daten verknüpft. Zudem werde die Libra erst nach Einigung mit den Regu- lierern einge!ührt. Neben viel Kritik werden digitalen Währungen aber auch große Chancen eingeräumt: Sie könnten vielen Men- schen, etwa in Entwicklungsländern, erstmals Zugang zu (günstigen) Finanz- dienstleistungen geben oder internatio- nale Überweisungen schneller und bil- liger machen. Deshalb sind auch schon Konzepte wie ein E"Euro im Gespräch. Technisch soll Libra wie etwa Bitcoin oder Ether auf einer Blockchain basieren. In einem Netzwerk aus Knotenpunkten (Nodes) werden alle Daten bzw. Trans- aktionen dezentral gespeichert und sind von allen Teilnehmern stets einsehbar. Wird in einem Node etwas geändert, müs- sen die Teilnehmer das validieren. Die Informationen sind unveränderlich: Wür- de ein früherer Datensatz verändert, würde die Kette brechen. Die Ambitionen !ür die Libra gehen über Einkäufe oder Geldversenden hin- aus: Ihre Blockchain soll auch eine Platt- form !ür Smart Contracts, eine Art auto- matischer Verträge, werden. Sie machen auch komplexe Finanzdienstleistungen möglich. Terawattstunden verbraucht das ge- samte Bitcoin-Netz- werk pro Jahr – in etwa der Stromver- brauch Österreichs. Das Problem des enormen Verbrauchs soll Libra laut Face- book nicht haben 109,2 614,2 252,0 130,5 282,7 Wien
124 €URO 10|21 Traumpaar: CSU-Chef Markus Söder tätschelt 2019 landesväterlich einen Baum im Hofgarten hinter der bayerischen Staatskanzlei
€URO 10|21 125 BILD: PETER KNEFFEL/DPA Der Wald ist in Gefahr: Hitze, Stürme und der Klimawandel setzen ihm zu. Gleichzeitig ist Holz als Rohstoff gefragt wie nie. Was das für Waldbesitzer bedeutet VON FELIX PETRUSCHKE Emotion schlägt Rendite M arkus Söder war mal wieder einer der Ersten. Vor rund zwei Jahren kündigte der bayerische Minis- terpräsident mit viel Tamtam ein massives Auf- forstungsprogramm an. Bis 2024 sollen in Bayern 30 Millionen neue Bäume gepflanzt werden. Schließlich ist der Freistaat der größte Waldbesitzer des Landes. Hintergrund von Söders Wandel zum Baumfreund und Naturschützer sind meh- rere extrem trockene und heiße Jahre in Folge. Diese haben dem deutschen Wald, besonders Nadelwäldern, stark zugesetzt und mancherorts Schneisen der Verwüstung hinterlassen. Allein 2020 !iel mit 60 Millionen Kubikmetern fast !ünfmal so viel Schadholz an wie 2015; vier von !ünf Bäumen zeigen Schäden; eine Fläche so groß wie das Saarland ist zerstört und muss aufgeforstet werden. Manche Bürgermeister, etwa im Harz, !ürchten, dass Touristen künftig ausbleiben. DER WALD DOSSIER ➝
€URO 10|21126 BILD: ALXYZT/ISTOCK Dossier Forstwirtschaft Der Wald ist aber nicht nur Rückzugsort !ür Mensch und Tier, sondern auch ein Ort, in dem gewirtschaftet wird. Mit 185 000 Unternehmen und einem jährlichen Umsatz von rund 170 Mil- liarden Euro sind 1,2 Millionen Menschen von ihm als Arbeit- geber abhängig — mehr als in der Automobilindustrie. „Der Wald ist das erste Opfer des Klimawandels“, sagt Laris- sa Schulz-Trieglaff vom Verband „Die Waldeigentümer“. Die- ser vertritt die Interessen von rund 1,8 Millionen privaten Wald- besitzern und fordert seit Längerem !inanzielle Zuschüsse des Bundes. „Das ist das Top-Thema der Mitglieder“, sagt Schulz- Trieglaff. Konkret geht es um 125 Euro je Hektar (10 000 Qua- dratmeter) und Jahr. Zusätzlich zu den staatlichen Auffors- tungsprogrammen soll diese Summe zum Aufbau von „klima- stabilen Mischwäldern“ dienen. Das bedeutet nichts weniger, als den Wald umzubauen, weg von Monokulturen hin zu mehr Naturwald. Die neuen Arten — in Bayern werden im Zuge des Söder’schen Programms aktuell Eichen, Weißtannen, Buchen und Douglasien gepflanzt — sollen den Auswirkungen des Kli- mawandels wie höheren Temperaturen und mehr Trockenheit widerstehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass der Erfolg oder Misserfolg der Bemühungen frühestens in 20 bis 30 Jahren zu sehen sein wird. „Die Unsicherheit bleibt groß“, sagt Schulz- Trieglaff. Es sei daher !ür Waldbesitzer wichtig, regional diffe- renziert zu entscheiden. Sie betont, dass in den vergangenen Jahren schon viel passiert sei und trotz der Schäden mehr Bäu- me in Deutschland nachwachsen als ge!ällt werden. Ein weitere Herausforderung !ür Waldbesitzer ist der Holz- preis: Dieser schwankt oft zwischen 20 und 120 Euro pro Fest- meter. Und das, obwohl Holz als Rohstoff !ür Immobilien seit dem Frühjahr so gefragt ist wie selten. China und die USA ha- ben die Märkte quasi leergekauft. Davon pro!itieren aber vor allem Sägewerke, die ihr Schnittholz zu Höchstpreisen verkau- fen können. Waldbesitzer können zwar mit einer stabilen Nach- frage rechnen, angesichts großer Mengen minderwertigen Schadholzes sind große Preissprünge aber unwahrscheinlich. Für Schulz-Trieglaff bleibt Wald als Investment daher ein eher unberechenbares Geschäft: „Mit Wald lässt sich kein schnelles Geld machen.“ Das sei aber vielen Verbandsmitglie- dern auch nicht das Wichtigste. Vor allem Leute mit nur weni- gen Hektar Wald ginge es häu!ig mehr um Emotionen als um Rendite. Diese Kleinflächen werden meist vererbt. Wirtschaft- lich interessant sei Wald aber erst ab einer Größe von 50 Hek- tar, sagt die Branchenexpertin. Dennoch könnte Wald als Investition — staatliche Hilfen vorausgesetzt — künftig an Bedeutung gewinnen, schreiben die Immobilienexperten von Colliers im „Marktbericht Forst“: Der Durchschnittspreis !ür Forstflächen lag 2018 beispielsweise bei 12 100 Euro pro Hektar und hat sich seitdem auf diesem Niveau stabilisiert. Vor allem als Inflationsschutz sei Wald interessant, heißt es bei Colliers. Allerdings variieren die Preise sehr stark: von 5000 Euro pro Hektar !ür einen Hektar in Thüringen über 13 000 Euro !ür einen Kiefernwald in Brandenburg bis zu 60 000 Euro !ür ein kleines Waldstück in Oberbayern. Colliers warnt zudem: Für Laien seien diese Unterschiede nur schwer nachzuvollziehen. Die Zukunft des Waldes bleibt also span- nend — in mehr als einer Hinsicht. Sägeindustrie Priv. Haushalte Biogasanlage Holzwerkstoffe (Möbel) Zellstoffindustrie (Papier) Sonstiges Stand: 2020 % Holzeinschlag in Mio. m3 Holzeinschlag In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil von Schadholz, verursacht durch Wetterextreme, vervielfacht. Der Borken- käfer setzt besonders Fichten schwer zu Wer Holz nutzt Holz als klimaneutraler Rohstoff wird international immer beliebter. Vor allem die Immobilienbranche setzt auf Holz. Die Grafik zeigt die Anteile in Deutschland Veränderung der Erzeugerpreise Auf Jahressicht ist der Holzpreis 17 Prozent im Plus. Dennoch schwanken die Preise stark: Für einen Festmeter bekommen Waldbesitzer zwischen 20 und 120 Euro 80,4 55,6 12,9 Schaden durch Insekten ..................43,3 Wind/Sturm ..........10,2 Trockenheit ............... 3,1 Schnee ........................ 0,3 Sonstiges ...................3,3 2015 2020 28,5 22,2 18,1 12,3 7,7 11,2 60,2 J J A S O N D J F M A M J Veränderung ggü. Vorjahr in % 30 25 20 15 10 5 0 -5 -10
€URO 10|21 127 Quelle: Statistisches Bundesamt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Waldbericht der Bundesregierung, Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, wald-prinz.de, Colliers Marktbericht Forst 2021, Die Waldeigentümer Thurn und Taxis 20 000 Hektar Die fünf größten privaten Waldeigentümer sind Adlige Christian Erbprinz zu Fürstenberg 18 000 Hektar Hatzfeldt-Wildenburg 15 000 Hektar Fürst von Hohenzollern 15 000 Hektar Riedesel Freiherren zu Eisenbach 14 000 Hektar Bayern Hessen Thüringen Durchschnitt €/ha Stand: 2020 Stand: 2020 Stand: 2018 29 000 11 000 12 100 5000 Wem gehört der Wald? Rund 1,8 Millionen private Eigentümer gibt es in Deutschland. Die meisten davon sind so- genannte Kleinst-Privatwaldbesitzer mit einer durchschnittlichen Waldfläche von rund 2,5 Hektar, das entspricht vier Fußballfeldern 11,2 Tonnen CO2bindet ein Hektar Wald pro Jahr. Waldbesitzer fordern daher eine staatliche Klimaprämie 1,2 MillionenMenschen sind im sogenannten Cluster „Wald und Holz“ beschäftigt – mehr als in der Autoindustrie. 185 000 Betriebe erwirtschaften einen Umsatz von rund 170 Milliarden Euro im Jahr Was kostet der Wald? Wie viel ein Stück Wald wert ist, hängt vom Alter der Bäume, dem Zustand, der Dichte und der Baumart ab. Und nicht zuletzt: von den Bodenpreisen Deutschland – Waldland Knapp ein Drittel der Bundesrepublik ist mit Wald bedeckt. Zu den am dichtes- ten bewaldeten Bundesländern gehören Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern. Der Norden, allen voran Schleswig-Holstein mit nur elf Prozent Waldfläche, ist deut- lich weniger bewaldet 32 % 11,4 Millionen Hektar 48 % Private Eigentümer 29 % Länder 19 % Kommunen und Kirchen 4 % Bund
108 €URO 12|19 Kleines Kügelchen, großer Ärger: Über Homöopathie wird leidenschaftlich gestritten. Ob sie wirkt – und wer dafür bezahlen soll
€URO 12|19 109 Die Homöopathie ist nur eine winzige Nische im Markt für Medikamente. Die Diskussionen um sie sind aber riesig – auch weil die Allgemeinheit zahlt VON JULIA PFANNER Kügelchen des Anstoßes Über 200 Jahre ist es her, dass der deutsche Arzt Sa- muel Hahnemann die Lehre von der Homöopathie begründete. Wer kann ihm verdenken, dass er nach einer anderen Art der medizinischen Behandlung suchte, schließlich waren damals noch Methoden wie der Ader- lass Standard. Er entwickelte extrem verdünnte Medikamen- te, die teils nichts, oft so gut wie nichts mehr von ihrer Aus- gangssubstanz enthielten. Am bekanntesten sind Globuli — klei- ne Zuckerkügelchen —, es gibt aber auch Tabletten oder Trop- fen, jeweils mit verschwindend geringen Dosen eines Wirkstoffs. Das können etwa Substanzen wie Mineralsalze, Pflanzen oder Tiere wie Honigbienen sein. Das Prinzip der Homöopathie: „Gleiches mit Gleichem“ behandeln: Ein Stoff, der ein ähnli- ches Leiden verursachen und die Krankheit zunächst ver- schlimmern soll, soll den Körper zur Selbstheilung anre- HOMÖOPATHIE DOSSIER ➝
€URO 12|19110 BILD: KRIEGBAUM, VIKIVECTOR/ISTOCK, GERARIA/ISTOCK, VALERIYA PICHUGINA/ISTOCK, SIARTMAILRU/ISTOCK, GBRUNDIN/ISTOCK [M] Dossier Homöopathie gen. Das Problem dabei: Auch nach mehr als zwei Jahrhunder- ten gibt es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Belege !ür die Wirksamkeit dieser Methode — bis auf einen Placeboeffekt. An der Homöopathie scheiden sich deshalb die Geister. Die einen halten sie !ür Humbug oder sogar eine Gefahr, weil man- che Patienten selbst bei schweren Krankheiten voll auf Homöo- pathie setzen und deshalb zum Beispiel ein nötiges Antibioti- kum oder im Extremfall sogar ein lebensrettendes Medikament nicht einnehmen. Andere sind überzeugt, dass Homöopathie wirkt, plädieren !ür sie als sanftere, ganzheitliche Methode, mit der man den übereilten Griff zur Chemiekeule vermeidet. Unter dem Strich ist sie durchaus beliebt: Über die Hälfte der Deutschen soll schon einmal Homöopathika verwendet haben, 2018 wurden in Deutschland laut Marktforscher IQVIA in Apo- theken und im Versandhandel immerhin über 54 Millionen Packungen !ür rund 670 Millionen Euro gekauft. Zwar gehört Homöopathie nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen, über zwei Drittel übernahmen Ende 2018 laut dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte aber entspre- chende Leistungen. Kinder bis zwölf und Jugendliche mit Ent- wicklungsstörungen bis 18 haben einen gesetzlichen Anspruch auf apothekenpflichtige homöopathische Medikamente. Dass aber wissenschaftliche Beweise !ür die Wirksamkeit fehlen, bereitet der alternativen Heilmethode immer mehr Probleme. Die Ärztekammern in Sachsen-Anhalt und Bremen bieten bald keine Weiterbildung im Bereich Homöopathie mehr an. Auch dass Krankenkassen in Deutschland da!ür Kosten erstatten, ist umstritten: In den solidarisch !inanzierten gesetz- lichen Kassen zahlt letztlich die Allgemeinheit. Ein „gesetz- liches Erstattungsverbot !ür Homöopathie“ forderte zuletzt etwa Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesver- einigung in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Bei der Diskussion geht es wohl mehr ums Prinzip als um Geld: Die gesetzlichen Kassen zahlen !ür solche Mittel laut Bun- desgesundheitsminister Jens Spahn 20 Millionen Euro pro Jahr, 0,05 Prozent ihrer Gesamtausgaben !ür Arzneien. Man könne darüber emotional diskutieren oder man könne sich fragen, ob es das angesichts der Größenordnung wert sei: „Ich habe mich entschlossen zu: Es ist so okay, wie es ist“, sagte er im Septem- ber bei einer Veranstaltung. Doch Mediziner, Bevölkerung und Politik sind gespalten, selbst bei den Grünen, wo das Thema traditionell viele Unterstützer hat, wird diskutiert. In anderen Ländern ist die Homöopathie noch stärker unter Druck: Im Sommer beschloss Frankreich, die Kassenübernah- me (derzeit 30 Prozent) !ür solche Mittel bis 2021 abzuschaffen. In Großbritannien hielt der staatliche Gesundheitsdienst NHS schon 2017 die Ärzte an, keine Homöopathika mehr zu ver- schreiben. All das hat auch die Diskussion in Deutschland wie- der verstärkt. Hier nimmt die Homöopathie nämlich eine selt- same Ausnahmestellung im Arzneimittelgesetz ein: Die Mittel müssen nicht zugelassen werden, solange Hersteller kein be- stimmtes Leiden angeben, gegen das sie helfen sollen. Eine Re- gistrierung reicht dann, die Wirksamkeit muss man nicht nach- weisen. Wenn sie doch eine Zulassung brauchen, kommt der sogenannte „Binnenkonsens“ ins Spiel: Homöopathen beschei- nigen die Wirksamkeit des Mittels dann einfach selbst. der 110 gesetzlichen Krankenkassen 1 übernehmen zumindest zum Teil die Kosten für homöopathische Mittel oder Behandlungen. In der privaten Kranken- versicherung sind Homöopathika grund- sätzlich erstattungsfähig, es hängt aber vom jeweiligen Tarif ab 2 40 Mrd. € betragen die Gesamt- ausgaben der gesetzli- chen Krankenkassen für Medikamente etwa pro Jahr. Davon entfallen auf Homöo- pathie laut Bundesgesund- heitsminister Jens Spahn 20 Mio. € Moleküle des Ausgangsstoffs finden sich zum Teil in homöopatischen Arznei- en. Je stärker verdünnt (mit Laktose oder einem Wasser-Alkohol-Gemisch) – also je höher „potenziert“ sie sind –, desto wirk- samer sollen sie laut Homöopathen sein. Argumentiert wird etwa, dass Wasser sich an die Ausgangssubstanzen „erinnert“. 0 2/3 Zahlen zum Apothekenumsatz und -absatz inklusive Versand- versicherung; 3 Umsatzermittlung bei rezeptpflichtigen Mit- Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller/IQVIA IMS
568 Mio. € Homöopathika Selbstmedikation 98 Mio. € Homöopathika verordnet Im Verhältnis klein Zwar ist der Markt für homöopathische Arzneimittel in Deutschland millionenschwer. Im Verhältnis zum gesamten Apothekenumsatz mit Medikamenten ist er mit knapp 1,2 Prozent aber winzig. Der Teil, den ge- setzliche Krankenkassen für Homöopathika bezahlen, ist im Vergleich zu ihren gesamten Medikamenten- ausgaben mit 0,05 Prozent sogar noch kleiner Der Großteil des Apotheken- umsatzes mit Homöopathie von rund 666 Millionen Euro war – mit 568 Millionen – Selbstmedikation, also wenn man sich Medikamente für die Eigenbehandlung kauft. Der kleine Rest (98 Millionen Euro) wurde von Ärzten verschrieben 666 Mio. € Homöopathie 6958 Mio. € Gesamt Bei rezeptfreien Arznei- mitteln machte Homöopathie 2018 knapp zehn Prozent des Apothekenumsatzes 3 aus Packungen 54 Mio. homöopathischer Arzneien verkauften Apotheken 2018 in Deutschland Apothekenumsatz mit homöopathischen 4 Arzeimitteln in Deutschland 2018 Apothekenumsatz mit Arzneimitteln 2018 3 55 831 Mio. €Gesamt 666 Mio. € Homöopathie handel und für rezeptfreie Homöopathika (fast alle homöopathischen Mittel bekommt man ohne Rezept); 1 Stand Dezember 2018; 2 laut Verband der privaten Kranken- teln auf Basis des Apothekenverkaufspreises ohne jegliche Abzüge, bei nicht rezeptpflichtigen auf Basis des effektiven Verkaufspreises; 4 inkl. Anthroposophika; PharmaScope/IQVIA OTC/GMS; Bundesverband Patienten für Homöopathie/Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte; dpa
€URO 10|2468 U m den Aktienmarkt ranken sich zahlreiche Hypothesen. Eine davon ist die von der Marktef!izienz. Ihre Verfech- ter nehmen an, dass alle !ür die Aktien- kurse relevanten Informationen frei ver- !ügbar sind und alle Marktteilnehmer sie auch nutzen. Die Hypothese geht auf keinen Geringeren als den US"Professor Eugene Fama zurück, Träger des Wirt- schafts-Nobelpreises 2013, der als einer der Väter der modernen Finanzwirt- schaft gilt. Wenn die aktuellen Aktien- kurse alle ver!ügbaren Informationen enthalten, sollten sie fair sein — und es laut Eugene Fama und seinen Jüngern unmöglich machen, den Gesamtmarkt durch das richtige Timing oder die be- wusste Auswahl einzelner Aktien zu schlagen. So weit die Theorie. Dann versuchen wir doch einmal, sie in der Praxis zu widerlegen. €uro stellt auf diesen und den nächsten Seiten sechs Aktien vor, die eigentlich nur eine Gemeinsamkeit ha- ben: Sie bieten die Chance auf einen Wertzuwachs von mindestens 50 Pro- zent, der sich bei der Mehrzahl von ihnen auch recht rasch einstellen könnte. Nur bei einem dieser Spezialwerte dürfte Geduld vonnöten sein. Gelegenheiten im halben Dutzend. Die Investmentthemen reichen dabei von einem Substanzwert auf dieser Sei- te, der von der Börse genommen werden könnte, über den gezielt betriebenen Abbau des typischen Abschlags einer Dachgesellschaft (Holding) bis hin zu einer gescheiterten Übernahme, der er- staunlich rasch ein neuer Deal folgen könnte. Aber lesen Sie doch selbst und urteilen, ob die Börse wirklich immer alle Informationen besitzt und auch rich- tig bewertet. HOWARD HUGHES Howard Hughes? Der höchst eigenwilli- ge und sagenumwobene Milliardär aus den Vereinigten Staaten? Auf sein Ver- mögen geht tatsächlich dieses Unter- nehmen zurück. In den vergangenen Jahren wurde das Portfolio gestrafft, zuletzt die Tochter Seaport Entertainment Group (WKN: A40 K3H, nur in den USA börsennotiert) abgespalten, die Liegenschaften und Aktivitäten in New York und Las Vegas hat. Howard Hughes selbst besitzt be- Anleger lieben Aktien in besonderen Konstellationen, die der Markt noch nicht richtig verstanden hat. Hier sind sechs Chancen auf 50 Prozent – und teils deutlich mehr VON JÖRG LANG Börse & Investments Aktien in Sondersituationen 5
-30 -20 -10 0 10 20 30 Wertentwicklung 1 Jahr in % Howard Hughes S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 69 reits Liegenschaften und zudem noch umfangreiche Landreserven, die einer kommerziellen Nutzung zuge!ührt wer- den sollen. Geplant ist die Entwicklung von eigenen Wohn- und Geschäftsvier- teln, aber auch der Verkauf an Interes- senten. Die bisherigen Aktivitäten in dem Sektor sind sehr erfolgreich und unterstreichen die Fokussierung auf die- ses Geschäft. Kein Wunder: Die Landreserven sind über das ganze Land verteilt, !inden sich vor allem aber in gefragten Gebieten wie etwa in Las Vegas, in Honolulu auf Hawaii oder in der Innenstadt von Co- lumbia. Die Entwicklung dieser Landre- serven wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Die Aktie ist ein solider Sub- stanzwert, der wahrscheinlich weit unter dem Wert seiner Landreserven gehandelt wird. Das Spannende an die- ser Konstellation ist, dass die Wahr- scheinlichkeit gar nicht so niedrig ist, dass zumindest ein Teil dieser Reserven gehoben wird. Hier kommt der bekannte Investor Bill Ackman ins Spiel. Er hat in seiner Invest- ment!irma Pershing Square schon in den vergangenen Jahren kontinuierlich Aktien gekauft und kontrolliert nun 37,5 Prozent der Gesellschaft. Ackman ist offensichtlich dabei, weitere strategische Alternativen zu evaluieren. Eine könnte eine sogenannte Going-Private-Transaktion sein. Dabei muss den freien Aktionären ein Gebot un- terbreitet werden. Ein Indiz, wo die Reise hingehen könnte: Der innere Wert der Ge- sellschaft liegt weit über 100 Euro pro Ak- tie. Mit einem Sicherheitsabschlag ergibt sich ein Kursziel von 100 Euro. WKN A3E RKJ Kurs 65,00 € Börsenwert 3,27 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 70,0 Kurs-Buchwert-Verhältnis 1,1 Dividendenrendite – Kurs/FFO (operat. Gewinn) 13,7 Performance 3 Jahre -14,8 % Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1HOWARD HUGHES ➝
-15 -10 -5 0 5 10 15 Wertentwicklung 1 Jahr in % Compagnie de l’Odet S O N D J F M A M J J A S €URO 10|2470 COMPAGNIE DE L’ODET Compagnie de l’Odet? Von dem Unter- nehmen haben Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Schon eher von Vin- cent Bolloré. In den vergangenen Jahren hat der französische Milliardär ein Beteiligungsgeflecht aufgebaut, zu dem unter anderem die börsennotierten Konzerne Vivendi und Universal Music Group (UMG) gehören. Die Struktur ist dabei reichlich un- übersichtlich. Es gibt die notierte Firma Bolloré, die die Beteiligungen hält. Dar- über sitzt die Holding!irma Compagnie de l’Odet, die mit einem kleinen Streu- besitz auch handelbare Aktien hat. Über diese Gesellschaft kontrolliert der Ty- coon die ganze Gruppe. Wie bei solchen Konstruktionen üblich, nehmen die Ab- schläge zum inneren Wert Richtung oben in der Futterkette zu. Weil es zwi- schen Bolloré und L’Odet auch noch Überkreuzbeteiligungen gibt, sind die ökonomischen Abschläge dabei noch größer als die offensichtlich messbaren Abschläge. Natürlich können solche Abschläge viele Jahre anhalten. In der Bolloré- Gruppe gibt es jetzt aber Indizien, dass der Abschlag aktiv angegangen wird. Das Erste ist, dass sich Vivendi selbst auf- teilen wird. Gleichzeitig hat Bolloré eine Zwischenholding, über die die Anteile an Vivendi und UMG gehalten wurden, aufgelöst. Weitere Straffungen sind an- gekündigt. Dazu kommt, dass es in der ganzen Gruppe Aktienrückkäufe und Zukäufe gibt. Bolloré hat eigene Aktien gekauft, aber auch den Anteil bei UMG aufge- stockt. L’Odet wiederum kauft Aktien Ölraffinerie: Das Beratungs- und Ingenieurunterneh- men John Wood zählt die Ölgiganten Exxon, Chevron und BP seit Jahrzehnten zu seinen Kunden Börse & Investments Aktien in Sondersituationen WKN 662 247 Kurs 1420,00 € Börsenwert 9,35 Mrd. € KGV* 4,5 Kurs-Buchwert-Verhältnis* 0,5 Kurs-Cashflow-Verhältnis* 3,9 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre 11,9 % Stichtag: !".!".#!#$; *Basis jeweils: letzte berichtete Zahlen; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1COMPAGNIE DE L’ODET 50
-45 -30 -15 0 15 30 45 Wertentwicklung 1 Jahr in % John Wood S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 71 von Bolloré. Wird das fortgesetzt, dürf- ten extrem hohe Werte gehoben werden. Ein entscheidender Baustein hier: Bol- loré hält aus dem Verkauf der Hafenakti- vitäten Barmittel in Höhe von sechs Mil- liarden Euro. Es ist zumindest vorstell- bar, dass diese Mittel auch zur Straffung der Gruppe eingesetzt werden könnten. Mit den Mitteln könnte etwa der kom- plette Streubesitz von Bolloré, der nicht von L’Odet gehalten wird, herausgekauft werden. Dadurch würden extreme Wer- te gehoben. Der innere Wert von Bolloré dürfte im Moment wohl doppelt so hoch sein wie der Kurs. Bei Aktienrückkäufen würde diese Substanz sogar noch nach oben Richtung L’Odet verschoben. Bei opti- maler Aus!ührung einer Straffung der Gruppe kann sich der Wert der Com- pagnie de l’Odet verdreifachen. JOHN WOOD Ein Gebot abgelehnt, das zweite geschei- tert: Die Aktie von John Wood ist einge- brochen, nachdem der potenzielle Käu- fer, die Firma Sidara aus Dubai, seine Offerte zurückgezogen hatte. 230 Pence pro Aktie wollte der Wettbewerber !ür den schottischen Öl- und Gasdienstleis- ter zahlen — 70 Prozent mehr als der ak- tuelle Kurs. Zuvor hatte sich auch noch die Beteiligungs!irma Apollo als Käufer angeboten, dessen Offerte wies das Management als zu niedrig zurück. Ge- messen an dem heutigen Kurs läge der Apollo-Deal um 50 Prozent höher. Das Käuferinteresse zeigt: Hier könn- te einiges an Potenzial liegen. Aus aktu- eller Sicht gibt es zwei Katalysatoren: Bei John Wood zeigen sich nach zwei Jahren harter Restrukturierung langsam die Früchte. Vor allem 2025 erwartet das Management einen sehr hohen Cash- flow. Und damit müsste die Trendwende dann auch aus eigener Kraft gelingen. John Wood verkaufte zudem im August zwei Randgeschäfte. Das bringt Barmit- telzuflüsse von 125 Millionen Euro. Die Aktie handelte vor dem Corona- Crash gut dreimal so hoch. In den Folge- jahren erreichte sie regelmäßig Kurs- levels zwischen 2,60, einmal sogar fast vier Euro. Mit einem hohen Cashflow sollte das wieder möglich sein. Das er- klärt natürlich auch, warum das Ma- nagement bei der Offerte von Apollo so zurückhaltend war. Die sich abzeichnen- den Verbesserungen kennen auch poten- zielle Käufer. Für sie könnte bald die letz- te Möglichkeit gekommen sein, bei ei- nem sehr niedrigen Aktienkurs noch ein- mal eine Offerte zu starten. Empire of the Sun, bei Universal Music unter Vertrag: UMG ist Teil eines Konstrukts, dessen Werte sichtbarer werden dürften WKN A1J GY5 Kurs 1,45 € Börsenwert 1,0 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 9,1 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,3 Kurs-Cashflow-Verhältnis 6,5 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre -45,8 % Stichtag: !".!".#!#%; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1JOHN WOOD BILD: UNIVERSAL MUSICBILD: ZORAZHUANG/E+/ISTOCK ➝
-50 -40 -30 -20 -10 0 10 Wertentwicklung 1 Jahr in % Capri Holdings S O N D J F M A M J J A S -20 -10 0 10 20 30 40 Wertentwicklung 1 Jahr in % KBC Ancora S O N D J F M A M J J A S €URO 10|2472 CAPRI HOLDINGS Bei einer Übernahme kommt es öfter einmal vor, dass die Abwicklung eines Deals mehr Zeit in Anspruch nimmt. Dann handelt die Aktie mit einem klei- nen Abschlag zum vereinbarten Preis. In den meisten Fällen ist der Abschlag über- schaubar. Ein ganz anderer Fall ist die Arbitrage-Wette bei der Aktie von Capri Holdings, früher unter dem Namen Michael Kors bekannt. Unter dem Dach der Gruppe tummeln sich geläu!ige Lu- xusmarken wie Michael Kors und Jimmy Choo, die hierzulande bekannteste dürf- te Versace sein. Vor einem Jahr bot die US"Luxusgruppe Tapestry 57 Dollar pro Aktie. Dass der Deal immer noch in der Schwebe ist, liegt vor allem daran, dass die US"Wettbewerbsbehörde das Ge- schäft verbieten will, es im Moment ge- richtlich blockiert. Die Argumentation ist, dass die Verbraucher geschädigt wer- den könnten, weil zu viele Marken in einer Hand lägen. Dagegen will sich Ta- pestry allerdings zur Wehr setzen und das Geschäft auf dem juristischen Weg durchboxen, mit nachvollziehbarer Ar- gumentation: Die Produktpalette sei sehr breit und in keinem Segment markt- beherrschend. Laut Firmenauskunft könnte ein Deal noch in diesem Jahr er- folgen. Gemessen am aktuellen Kurs von Capri Holdings wäre das ein Potenzial von 60 Prozent. Natürlich gibt es hier Risiken. Capri hatte zuletzt keine guten Zahlen veröffentlicht. Das heißt: Der Kurs würde wohl noch mal nachgeben, wenn der Deal platzt. Weil nun aber klar ist, dass der Markenkonzern zum Ver- kauf steht, könnten relativ schnell neue Käufer bereitstehen. KBC ANCORA Holdings handeln oft mit einem Ab- schlag. Spannend wird es wie im Fall von KBC Ancora, wenn die Gesellschaft ge- gen den Discount vorgeht und überdies der Wert der Beteiligung selbst noch deutlich zulegen könnte. Ancora hält 18,6 Prozent der Aktien des belgischen Finanzkonzerns KBC. Bei KBC selbst laufen die Geschäfte gut: „Mit einer Rentabilität, die deutlich über den Kapitalkosten liegt, und einem attrakti- ven Wachstum des Gewinns je Aktie in den kommenden Jahren gibt es reichlich Potenzial, dass die Aktien den Sektor übertreffen“, schrieb Berenberg nach Vorlage der Quartalszahlen des Finanz- konzerns am 8. August. Die Anlageemp- fehlung der Analysten !iel denn auch ein- deutig aus: Kaufen. Die Rechnung ist nun relativ ein- fach: Eine Aktie der Holding deckt eine KBC"Aktie ab. Die notiert aber um 46 Pro- zent höher. Die Analysten von Kepler Cheuvreux sprechen der Aktie des Fi- nanzkonzerns ein Potenzial von 84 Euro zu, das wären 82 Prozent über dem Kurs der Holding. Neben dem Potenzial der Beteiligungs!irma will Ancora den Ab- schlag reduzieren. So wird der Löwenan- teil der Dividende von KBC ausgeschüt- tet. Dank des niedrigen Kurses ist die Rendite der Holding deutlich höher, was die Aktie attraktiver macht. Zudem kauft KBC eigene Aktien zu- rück. Diese Transaktionen kann Ancora nutzen, Aktien anzudienen und im grö- ßeren Umfang eigene Aktien zurück- zukaufen. Damit steigt die Umtausch- relation auf über eins und somit auch der innere Wert. WKN A2P BDX Kurs 31,69 € Börsenwert 3,71 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 14,4 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,6 Kurs-Cashflow-Verhältnis 6,7 Dividendenrendite – Performance 3 Jahre –37,2% Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1CAPRI HOLDINGS WKN A0M U0L Kurs 45,95 € Börsenwert 3,54 Mrd. € KGV 2025 (erwartet) 9,3 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Kurs-Cashflow-Verhältnis – Dividendenrendite (2025 erw.) 8,1 % Performance 3 Jahre 64,6 % Stichtag: !".!".#!#$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1KBC ANCORA Börse & Investments Aktien in Sondersituationen BILD: MARIO ANZUONI/REUTERS
-75 -60 -45 -30 -15 0 15 Wertentwicklung 1 Jahr in % Novem S O N D J F M A M J J A S €URO 10|24 73 NOVEM Die Autoindustrie darbt, die Zulieferer ebenso. Abzulesen ist das bei vielen An- bietern am Kurs. Zu den Werten, die es besonders gebeutelt hat, zählt die Aktie von Novem, einem Spezialisten !ür In- nenverkleidungen hochwertiger Fahr- zeuge. Mit der Emission 2021 ist die Fir- ma ein Newcomer. Weil Novem die Ge- schäftsprognosen nicht einhalten konn- te und zudem die Dividende gestrichen wurde, ist die Notiz auf 29 Prozent des Emissionskurses von 16,50 Euro gefal- len, der Börsenwert beträgt nur noch 207 Millionen Euro. Die Situation ist zweifelsfrei nicht erfreulich. Doch im Kurs ist mehr als das eskomptiert. Die Investmentidee ist deshalb: Eine Normalisierung der Einschätzung der Gesellschaft am Kapitalmarkt müsste schon zu einer deutlichen Kurssteige- rung !ühren. Die Argumentation: Die Produktpalette des Unternehmens ist nicht abhängig von der Antriebsform. Der Trend nach höherwertigen Fahr- zeugen stützt zudem das Unternehmens- modell. Interessant auch: Das Unter- nehmen ist trotz der schwachen Absatz- entwicklung operativ noch erstaunlich pro!itabel. Im abgelaufenen Quartal wurde selbst bei einem Umsatzeinbruch von 20 Prozent eine Marge von über zehn Prozent erwirtschaftet. Das zeigt, was möglich sein könnte, wenn die Erlöse anziehen. Aber schon im Status quo scheint die Aktie unter- bewertet zu sein. Die Umrechnung von Umsatz und Marge auf potenzielle Marktwerte !ührt zu Kursen bei sieben Euro, rund 45 Prozent mehr als das ak- tuelle Niveau. WKN A3C SWZ Kurs 4,81 € Börsenwert 207 Mio. € KGV 2025 (erwartet) 6,7 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,3 Kurs-Cashflow-Verhältnis* 3,9 Dividendenrendite (2025 erw.) 8,0 % Performance 3 Jahre -64,9 % Stichtag: !".!".#!$; Quelle: BO Data €URO-EMPFEHLUNG 1NOVEM Versace-Model: Entweder die Über- nahme der Luxus- Holding geht juris- tisch durch – oder es könnten relativ schnell neue Käufer bereitstehen 50
€URO 09|21104 Stolz der Nation: Mutter und Kind am 2. Juli in Peking. Beim 100-jährigen Jubiläum der KP wird besonders auf Chinas eifrige Jugend hingewiesen
€URO 09|21 105 BILD: HAO YI/BEIJING YOUTH DAILY/VCG/GETTY IMAGES Lichtershow, Fahnentanz und treue Jugend: So feierte die Kommunistische Partei ihr 100-jähriges Jubiläum. Über eine Partei, die China prägt VON LARISSA STRASSER Roter Geburtstag Peking, Platz des Himmlischen Friedens: Militärflug- zeuge zeichnen die Zahl 100 in den Himmel, ein rotes Meer aus Fahnen wird vom Publikum in die Höhe ge- streckt, laute Hymnen ertönen. China ist in Feierstimmung. Zum großen Festakt eingeladen sind rund 70 000 sorg"ältig ausgewählte Gäste. Militär, Jugend- chor und treue Parteimitglieder strahlen wahrhaftigen Natio- nalstolz aus. Um das optische Erscheinungsbild nicht zu stö- ren, ist es den Zuschauern verboten, während des Fests den eigenen Sitzplatz zu verlassen. Staatschef Xi Jinping hält eine knapp einstündige Rede über Chinas harte Vergangenheit, glänzende Gegenwart und viel- versprechende Zukunft. Im ganzen Land verfolgen chinesische Bürger die Zeremonie über Fernsehen, Livestream und Radio. Zelebriert werden der Sieg über das Coronavirus, der stetige wirtschaftliche Erfolg und die Unabhängigkeit. CHINA DOSSIER ➝
€URO 09|21106 BILD: EXXORIAN/ISTOCK, AP IMAGES/DPA, MELDE BILD- AGENTUR/ULLSTEIN BILD, SOVFOTO/UNIVERSAL IMAGES GROUP/GETTY IMAGES, MAL LANGSDON/WS/REUTERS, JUSTIN CHIN/BLOOMBERG Xi richtet einen Appell an die chinesische Jugend, sich nicht unterkriegen zu lassen und stolz auf ihre Herkunft zu sein. Spe- ziell die feindlichen ausländischen Mächte stechen während seiner Rede hervor. Ein klarer Angriff auf den Westen: Wer ver- suche, die Volksrepublik zu unterdrücken, werde blutig und verwundet vor einer großen eisernen Mauer stehen, erbaut von 1,4 Milliarden Chinesen. Diese hart erarbeitete Widerstands- kraft verdanke das Volk einzig und allein der Kommunistischen Partei. Nur der Sozialismus könne, so Xi, China retten. Gekleidet im typischen grauen Anzug gleicht der Partei"üh- rer dem Gründungsvater Mao Zedong, dessen Porträt an die- sem Tag besonders hervorgehoben wird. 100 Jahre KP — vor allem Mao hat dabei seine Spuren hinterlassen. Quelle: China Daily, China-Park, Mercator Institute for China Studies, Nikkei Asia Nach dem Zerfall des Kaiserreichs 1911 ist zunächst die anti- kommunistische Volkspartei Kuomintang an der Macht, das Land ist geprägt von Hunger und Armut. Anfangs ist die KP ein kleiner Kreis von Rebellen, die sich gegen das kapitalistische System der Kolonialmächte, bestehend aus Japan, Europa und den USA, auflehnen. Überzeugt von der bolschewistischen Re- volution in Russland, sind sie entschlossen, den Kommunismus nach China zu bringen. Aus einer im Jahr 1921 gegründeten Gruppe entwickelt sich später eine Leitkultur. Mao gelingt es in den 1930er-Jahren, sich durchzusetzen, an die Parteispitze zu klettern und immer mehr Bürger "ür seine Politik zu begeistern. Seine Politik, nun als Präsident der Volksrepublik China, ist extrem brutal, kos- 1921 Gründung der Kommunistischen Partei in Shanghai 1958–1961 Mit dem „Großen Sprung nach vorn“ will Mao China zum Industriestaat machen, vernachlässigt aber die Landwirtschaft. Millionen Chinesen verhungern 1966–1976 Während der Kulturrevolu- tion hetzt Mao Jugendliche auf Lehrer und Professoren. Die Revolten führen zu ei- nem brutalen Bürgerkrieg 1972 Als erster US-Präsident besucht Richard Nixon das Land. China baut diplomatische Beziehungen zu einigen westlichen Staaten auf 1934/35 Auf der Flucht vor der Kuomintang erlangt Mao Zedong Macht über die KP 1949 ruft Mao in Peking die Volksrepublik China aus 1979 Deng Xiaoping über- nimmt die Macht 1989 Beim Tian’anmen- Massaker in Peking werden friedliche Proteste gewaltsam nieder- geschlagen 1993 Jiang Zemin setzt als neuer Partei- chef auf Wirtschaftsreformen 1997 China übernimmt nach 155 Jah- ren von den Briten die Kontrolle über Hongkong und richtet dort eine Sonderverwaltungszone ein ’21 ’34 ’58 ’66 ’72 ’79 ’89 ’93 ’97
€URO 09|21 107 China Dossier Der lange Weg in die Partei 1 Bewerbungsschreiben – Der Bewerber beschreibt sein Interesse und seine Motivation, in die Partei einzutreten 2 Überprüfung des Bewerbers – Lebenslauf, Karriere, sozialer und politischer Hintergrund 3 Einjährige Vorbereitungsphase – Einfüh- rungskurs Marxismus/Leninismus. Alle drei Monate Vorsprechen. Befragung von Kollegen und Nachbarn zur politischen Einstellung 4 Offizieller Aufnahmeprozess – Bewerbungs- gespräch durch ein übergeordnetes Komitee 5 Einjährige Testmitgliedschaft – Registrierung des Bewerbers, erste Parteigebühren 6 Offizielle Mitgliedschaft – Bei einwandfreiem Verlauf der Testmitgliedschaft wird der Bewer- ber offiziell als Parteimitglied akzeptiert Mitgliedermassen Die KP in China ist die größte Partei der Welt – mit mehr Mitgliedern, als Deutschland und Österreich zusammen Einwohner haben tet Hunderte Millionen Menschen das Leben. Dennoch wird Mao heute nahezu religiös verehrt. Über die Jahre hinweg steigt die wirtschaftliche Kraft Chi- nas. Besonders die Außenpolitik des Staatschefs Deng Xiaoping "ührt China in den Welthandel. Innerhalb der darauffolgenden vier Jahrzehnte wird das Land des Drachens zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Mit dem Projekt der „Neuen Sei- denstraße“ strebt China aktuell noch größeren globalen Ein- fluss an: Bisher sind mehr als 100 Länder beteiligt und einige bereits bei chinesischen Banken verschuldet. Seit Gründung der Partei wird dieser ökonomische Erfolg gänzlich dem Kommunismus zugeschrieben, so erzählt auch heute Xi Jinping die chinesische Landesgeschichte. Was Xi kaum erwähnt, sind kontroverse Themen wie der Streit um das abtrünnige Taiwan, das die Führung in Peking als Teil Chinas betrachtet, und die rigide Politik: Wer über Uiguren in Straf- lagern oder Proteste in Hongkong berichten will, darf seit Län- gerem nicht mehr einreisen. Xi festigt unterdessen seine Macht. Nachdem seine Amtszeit keine Obergrenze mehr habe, könne er weiterhin die Partei anleiten, sagt er selbst. Xis Nimbus wirkt. Seit 2015 bewerben sich mehr junge Chi- nesen "ür einen Parteiplatz als je zuvor — dieser verspricht hö- heres Ansehen, bessere Jobchancen und mehr Gehalt. Es gilt als der beste Weg, um am nationalen Fortschritt teilzuhaben. Die KP in China ist in diesem Jahr in Feierlaune und rechnet damit, im nächste Jahrhundert noch mächtiger zu werden. 30 Jahre und jünger 95 Millionen Mitglieder 31–40 Jahre 41–50 Jahre 51–60 Jahre 61 Jahre und älter Altersverteilung in % 13,2 21,6 19,1 28,2 17,9 2003 Nach dem Beitritt zur Welt- handelsorganisation WTO kommt Hu Jintao ins Amt 2013 Xi Jinping unterstützt als neuer Staatschef einen „Sozialismus mit chinesischer Prägung“ 2013 Start des Projekts „Neue Seidenstraße“ 2021 100 Jahre KP China 2009 China wird zum ersten Mal Exportweltmeister ’03 ’09 ’13 ’21
Konsumkollaps: In unseren Schränken befinden sich im Schnitt 95 Kleidungsstücke. Jedes Jahr kommen 60 neue dazu – mit fatalen Folgen
€URO 11|22 85 Billigkleidung findet sich in fast jedem Kleiderschrank. Die Branche erlebt einen Boom, sie hat aber auch Schattenseiten VON MICHELLE JURA Erst fesch, dann trash In Zeiten von Homeof!ice und Pandemie reichten die Jog- ginghose und das alte Shirt. Seitdem aber viele Events auch wieder in Präsenz statt!inden, muss der Kleiderschrank neu ge!üllt werden. Denn selbst wenn dieser bereits aus allen Nähten platzt, ist die typische, leicht panische Reaktion von Mann oder Frau auf eine Einladung: „Da!ür habe ich ja gar nichts zum Anziehen!“ Und es zieht sie zum Shoppen, um das zehnte Hemd oder das !ünfte Paar Schuhe zu kaufen. An Zara, H & M und Primark, den marktdominierenden Unternehmen der Fast-Fashion-Industrie, kommt man dabei kaum mehr vor- bei. Ihr Geschäftsmodell: extrem billige Kleidung, schnell ge- liefert und produziert — stets auf der Jagd nach dem neuesten Trend. Die zehn größten Unternehmen der Branche erwirt- schafteten 2021 einen Gesamtumsatz von rund 100 Milliarden Euro. Und die Nachfrage bleibt weiter hoch. 781,25 Euro — so viel gaben die Deutschen im vergangenen Jahr im Schnitt !ür Bekleidung und Schuhe aus. Für diese be- kommt man bei Fast-Fashion-Gigant Zara durchschnittlich 21 Kleidungsstücke, bei der Marke Shein sogar unglaubliche 85. Der chinesische Konzern wurde zwar erst 2008 gegründet, war aber im August 2022 bereits die meistbesuchte Internet- FAST FASHION DOSSIER ➝ BILD: SUNDRY PHOTOGRAPHY/ADOBESTOCK
€URO 11|2286 BILD: FREEPIK (5) Dossier Fast Fashion seite der Welt im Bereich Mode. Shein bringt nach eigenen Anga- ben jeden Tag mindestens 500 neue Kleidungsstücke auf den Markt. Das macht 182 500 pro Jahr. Shein pro!itiert dabei von der Digitalisierung und dem On-Demand-Fertigungsprozess (Fertigung nur bei Bestellung). Für Konsumenten hat das ebenfalls viele Vor- teile. Das Geschäftsmodell funktioniert aber nur auf Kosten ande- rer. Denn die Fast-Fashion-Industrie hat auch ihre Schattenseiten. Die schweizerische Nichtregierungsorganisation Public Eye hat herausgefunden, dass Arbeiter mindestens elf Stunden pro Tag !ür Shein arbeiten. Das sind deutlich mehr als die in China erlaubten 44 Stunden pro Woche. Außerdem gab es immer wieder Vorwür- fe, dass Shein Designs von anderen Marken kopiert. Damit nicht ge- nug: Nicht nur beim Kauf und bei der Produktion entstehen Folge- kosten, sondern vor allem dann, wenn die Kleider nicht mehr „in“ oder aufgrund der schlechten Qualität bald hinüber sind. Dann wandern sie schnell in die Altkleidersammlung. Was keinen Preis hat, hat !ür viele eben auch keinen Wert. Von den global anfallen- den Altkleidern landen nämlich rund 80 Prozent in der Verbren- nungsanlage oder auf einer Deponie, zumeist in ostafrikanischen Ländern wie Kenia, rechnet die Umweltorganisation Greenpeace vor. Nur ein Fünftel wird in einem sogenannten „Downcy- cling“-Prozess zu Putzlappen oder Dämmstoffen !ür die Industrie verarbeitet. Und nicht mal ein Prozent der alten Klamotten wird !ür neue Kleidung wiederverwendet. Immerhin: Die Deutschen sind im weltweiten Vergleich eher auf der bewussten Seite der Kon- sumenten. Einer Kantar-Umfrage zufolge verkaufen sie fast die Hälf- te ihrer gebrauchten Kleidung über Onlineplattformen wie Ebay oder Vinted an Dritte weiter. Durch Secondhand-Angebote kann somit vermieden werden, dass gebrauchte Kleidung im Müll lan- det, und stattdessen einen neuen Besitzer !indet. Neben Secondhand-Mode etablieren sich seit einigen Jahren auch immer mehr nachhaltigere Unternehmen wie Armed Angels, die sich bewusst vom schlechten Ruf der Fast-Fashion-Mode distanzie- ren möchten: Durch die Verwendung von Bio-Baumwolle werden etwa keine giftigen Pestizide benutzt und Bauern erhalten !ür ihre Arbeit mehr Geld. Diese sogenannte „Fair Fashion“-Industrie steht damit nicht nur !ür Nachhaltigkeit im ökologischen Sinn, sondern auch im sozialen. Außerdem verwendet sie in einigen Kollektionen recycelte Fasern aus alter Kleidung. Um Ressourcen zu sparen, ent- wickeln Fair-Fashion-Unternehmen auch neuartige Fasern, die aus nachhaltigem Holz oder Zellstoff hergestellt werden oder biologisch abbaubar sind. Allerdings: Gemessen am Umsatz machen Fair- Fashion-Firmen wie Armed Angels noch immer nur einen kleinen Teil des Markts aus. 2021 konnte Armed Angels 60 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, selbst „kleinere“ Fast-Fashion-Konzerne wie Mango haben im selben Jahr mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz generiert; Inditex mit Marken wie Zara, Pull & Bear oder Bershka sogar fast 28 Milliarden Euro. Aber auch die großen Fast-Fashion-Konzerne wollen sich einen grüneren Anstrich verpassen: Kollektionen wie „Conscious Choice“ von H & M oder die „Join Life“-Produkte von Zara bestehen zum Teil aus recycelten Fasern oder Bio-Materialien. Das zeigt: Die Branche arbeitet an einem besseren Image — nicht zuletzt deshalb, weil die Textilwirtschaft rund acht Prozent des weltweiten CO#-Ausstoßes verursacht. Tendenz steigend. Neue Kollektionen wie die von H & M und Zara sind zwar ein Anfang, mehr aber auch nicht. Quelle: Unternehmensangaben, Greenpeace, Bundesministerium für Umwelt, Ellen MacArthur Foundation, Bloomberg, Levi’s, Europäische Agentur für die Weniger als ein Prozent der global anfallenden Altkleider wird wieder zu neuer Mode recycelt. 80 Prozent landen derweil direkt in Verbrennungsanlagen oder Deponien in Osteuropa oder Afrika. Die restlichen fast 20 Prozent durchlaufen einen Downcycling-Prozess, wobei dann beispielsweise Putzlappen aus den ge- schredderten Fasern entstehen. kaufen Deutsche im Durchschnitt jedes Jahr 60 Modeartikel 1%Recyclingquote Umsatz um jeden Preis Das sind die fünf größten Fast-Fashion-Unternehmen der Welt Zara H & M Shein Uniqlo Primark 19,59 19,41 15,00 13,60 6,55 Umsätze 2021 in Mrd. €
€URO 11|22 87 Sicherheit des Seeverkehrs, Europäische Umweltagentur, Inter- national Council on Clean Transportation, Statista An der Börse schlägt Luxus die Billigmode Zu Beginn der Corona-Pandemie brachen alle vier Aktien zunächst stark ein. Doch während Inditex sich bis heute nicht erholt hat und H & M aktuell sogar 20 Prozent unter dem Kurs vom 13. März 2020 liegt, kön- nen sich der japanische Einzelhändler Fast Retailing und der Luxuskonzern LVMH über deutliche Kursstei- gerungen freuen. Grund dafür könnten die durch Inflati- on und steigende Energiekosten gesunkenen Konsu- mausgaben sein. Menschen, die sowieso zu Luxusgü- tern greifen, sind davon weniger stark eingeschränkt. Auch die Preissetzungsmacht spielt eine große Rolle. Baumwolle (USA, Brasilien, China, Griechenland) Spinnen, Weben, Färben (China) Schneiden, Nähen, Verarbeiten (Polen, Türkei) Verteilung (Frankreich, Spanien, Großbritannien) Kaufen (Deutschland) Der Wasserverbrauch für ein Kilogramm Baumwolle entspricht etwa dem von 200 Badewannen. Es gibt auch Stoffe in der Textil- industrie die wassersparender sind, dazu gehören zum Beispiel Hanf und Lyocell. Letztere Faser wird auch von Fast-Fashion-Konzernen wie H & M und Zara immer häufiger eingesetzt. Die Textilwirtschaft verursacht mehr CO² pro Jahr wie Luft- und Schifffahrt zusammen. Ein Drittel der Emissio- nen fällt aber erst nach der Herstellung an: Je nachdem, wie Ver- braucher ihre Kleidung waschen oder trocknen, verändert sich die CO²-Bilanz. Die lange Reise einer Levi’s-Jeans 4000Mio. Tonnen CO2 1kg 200 Lieferkette Aktienperformance von ausgewählten Modefirmen Inditex mit Marken wie Zara hat aktuell an der Börse wenig zu lachen 918 Mio. Tonnen CO2 777Mio. Tonnen CO2 Entwicklung in % 2018 250 200 150 100 50 0 -50 2019 2020 2021 2022 Fast Retailing LVMH Inditex H & M Stichtag:06.10.2022
€URO 08|2552 Tiger vor dem Sprung Institutionelle Investoren setzen auf Deutschland. Berlins Wachstumsoffensive verspricht einen kräftigen Aufschwung. Noch sind die Bewertungen günstig VON J. BILLINA
€URO 08|25 53 A m 3. April 1948 verabschie- dete der US!Kongress das Europäische Wiederaufbau- programm (ERP). Bis zum Jahr 1952 flossen nach heutigem Wert rund 157 Milliarden Euro aus den USA in 16 vom Zweiten Weltkrieg schwer getrof- fene westeuropäische Staaten. Deutsch- land erhielt aus dem besser unter Mar- shallplan bekannten Finanzpaket rund 18 Milliarden Euro. Die Mittel schufen die Voraussetzungen "ür das spätere Wirt- schaftswunder der Bundesrepublik. Die Finanzhilfen aus Washington "örderten zudem den Warenaustausch in Westeu- ropa und mit den USA. Sie festigten auch das transatlantische Bündnis. Die Erinnerung an den Marshallplan hilft, die von der Regierungskoalition be- schlossene Wachstumsoffensive Sonder- vermögen einzuordnen. Wird das rund eine Billion Euro schwere und damit weit über das ERP hinausgehende Fiskalpa- ket klug investiert und zügig umgesetzt, werden zudem strukturelle Probleme angegangen, kann es nach mehr als zwei Jahren Stagnation eine neue wirtschaft- liche Dynamik einleiten. „Die Ausgaben "ür Infrastruktur und Verteidigung sind durchaus geeignet, Deutschland wieder auf einen Wachs- tumskurs zu bringen, den man lange Zeit nicht mehr gekannt hat“, folgert Kevin Thozet, Mitglied des Investmentkomi- tees der französischen Fondsgesellschaft Carmignac. In den kommenden Jahren könne sich die „positive deutsche Über- raschung“ sogar noch verstärken. „Der deutsche Tiger erwacht“, bringt Thozet es auf den Punkt. Kräftige Konjunkturimpulse in Deutschland, der stärksten Volkswirt- schaft in der EU, sind auch aus einem weiteren Grund erforderlich: Die Bezie- hungen zwischen Europa und den USA haben sich verschlechtert. Statt enger Kooperation und Verlässlichkeit, auf- bauend auf gemeinsamen Werten und ökonomischen Interessen, driften die beiden Regionen zunehmend auseinan- der. „Die EU wurde nur gegründet, um die USA über den Tisch zu ziehen“, be- hauptet US!Präsident Donald Trump. Freihandel gegen Zölle. Der Vorwurf geht ins Leere. Neben der Förderung von Frieden, sozialer Gerechtigkeit und Wohlstand ist der faire und freie Handel mit internationalen Partnern zentrales Anliegen der EU. Ein frei von Barrieren statt"indender Warenaustausch "ördert Wachstum und Wohlstand, davon ist die Staatengemeinschaft überzeugt. Nicht aber Trump. Der Protektionist kündigt Zölle an. Wie hoch diese letzt- endlich ausfallen werden und wie lange sie in Kraft bleiben, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Zu spontan und Börse & Investments Die deutsche Chance BILD: DIRK FREDER/ISTOCK ➝ Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung Nach dem Zweiten Weltkrieg schoben knapp 18 Milliarden Euro (in heutige Kaufkraft umgewandelt) aus dem Marshallplan der USA das Wirtschaftswunder an. Eine Billion Euro sollten auch heute Schub geben 1 Billion € 17,9 Milliarden € 2025 1947
J/2025 F M A M JJ J A S O N D DAX 35 30 25 20 15 10 5 0 -5 -10 -15 S&P 500 €URO 08|2554 Stichtag: !"."#.$"$%; Quelle: Bloomberg wechselhaft agiert der Mann im Weißen Haus. Vielleicht weiß er es selbst nicht. Klar ist nur: Seine „Twists and Turns“ hemmen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, treffen den deutschen Export und sorgen "ür Nervosität an den Märkten. Und sie schaden Amerika. Im Mai sank der Stimmungsindex der US!Kon- sumenten auf 50,8 Punkte. Die Infla- tionserwartungen "ür die kommenden zwölf Monate stiegen dagegen laut CNBC zuletzt auf 7,3 Prozent — das ist der höchste Wert seit 1981. Spielräume "ür Zinssenkungen eröffnen sich da nicht, auch wenn Präsident Trump Notenbank- chef Jerome Powell mit wenig freundli- chen Worten massiv dazu drängt. demnach drei Jahre lang jeweils 30 Pro- zent ihrer Investitionen steuerlich abset- zen. Ab dem Jahr 2028 wird zudem die Körperschaftsteuer in "ünf Schritten um je einen Prozentpunkt gesenkt. Das Kie- ler Institut "ür Weltwirtschaft geht davon aus, dass die angekündigten Maßnah- men schon im kommenden Jahr einen Wachstumsschub von 1,6 Prozent auslö- sen können. Verglichen mit einer Sta- gnation entspräche dies einer Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistung um etwa 160 Milliarden Euro. Bei institutionellen Investoren und Ökonomen kommen die Regierungsplä- ne "ür eine Belebung des Wachstums, eine Verbesserung der Wettbewerbs"ä- higkeit und den Abbau von Bürokratie gut an. „Es besteht nun endlich die Chan- ce, strukturelle Wachstumshindernisse anzugehen und das große Potenzial un- serer innovativen Unternehmen freizu- setzen“, sagt Christoph Ohme, Manager des Oddo BHF German Equities. Der da- durch ausgelöste positive Börsentrend sollte seiner Meinung nach anhalten. Im ersten Halbjahr legte der DAX um 20 Pro- zent zu. Der S & P 500 bringt es dagegen nur auf rund sechs Prozent. „Eine ganze Reihe institutioneller Investoren setzt explizit auf Deutschland“, weiß Ohme. Auch auf der Berenberg-Konferenz in Manhattan im Mai war das Comeback Deutschlands Thema. Dank der Wei- chenstellungen in Berlin komme Europa Börse & Investments Die deutsche Chance Jungheinrich: Der Hersteller von Gabelstaplern will mit seiner Strategie 2030+ den Umsatz in fünf Jahren auf zehn Milliarden Euro steigern Europa und insbesondere Deutsch- land sehen dem erratischen Treiben Trumps jedoch nicht tatenlos zu. In den kommenden zehn Jahren investiert die Regierung massiv in den Ausbau der In- frastruktur, in den Klimaschutz, in Ener- gie, in Bildung und in die Stärkung der Verteidigungs"ähigkeit. Ziel von Bundes- kanzler Friedrich Merz ist es, „die Bun- deswehr zur konventionell stärksten Ar- mee der EU auszubauen“. Unternehmen entlasten. Zudem will die Regierung die Unternehmen zwi- schen den Jahren 2025 und 2029 um insgesamt knapp 46 Milliarden Euro entlasten — vor allem durch sogenannte Superabschreibungen. Firmen können Dax vorn: Das deutsche Börsenbarometer schlägt sich auf Sicht von einem Jahr besser als der S & P 500 Wertentwicklung in %
€URO 08|25 55 wieder in Schwung. Deutschland über- nehme endlich die Führungsrolle, die es schon seit 15 Jahren hätte einnehmen sol- len, fasst Chefvolkswirt Holger Schmie- ding die Einschätzungen der Teilnehmer zusammen. Und Charu Chanana, Chief Investment Strategist bei der Saxo Bank, ergänzt: „Deutschland gewinnt an stra- tegischer Bedeutung, da die Anleger ei- ne Diversi"izierung weg von den politi- schen und "iskalischen Risiken der USA anstreben — unterstützt durch wachs- tums"ördernde Reformen und durch die Stärke der Industrie.“ Kapitale Verschiebungen. Die positi- ven Entwicklungen in Deutschland ver- anlassen globale Anleger, ihre geogra- "ische Asset Allocation zu überprüfen: Ein Ende ökonomischer Fehlentschei- dungen in Washington ist ihren Analy- sen zufolge bislang nicht in Sicht. Euro- pa und vor allem Deutschland packen hingegen an. Zwar steigen die Schulden, doch die Verbindlichkeiten sind im Ge- gensatz zu den USA weiterhin problem- los und ohne Ratin$verschlechterung zu bedienen. Und: Die Bewertungen deut- scher Aktien sind (noch) günstiger als die von US-amerikanischen Titeln. Es erscheint daher klug, mehr Kapital in Europa und in deutsche Aktien zu in- vestieren. Zahlen von Vanguard zeigen, in welchem Umfang bereits umgeschich- tet wurde. So sammelten seit Jahres- beginn ETFs mit Schwerpunkt Europa 141,2 Milliarden US!Dollar ein — zum glei- chen Zeitpunkt 2024 waren es lediglich 93,8 Milliarden US!Dollar. Doch welche Fonds oder Einzelwerte sind "ür Anleger interessant? Zum lang- fristigen Vermögensaufbau eignet sich der von Christoph Ohme gesteuerte Oddo BHF German Equities. Der Mana- ger investiert sowohl in günstige Aktien als auch in aussichtsreiche Wachstums- werte. Hoch gewichtet sind aktuell Blue- chips wie Siemens, Deutsche Telekom, Adidas und Munich Re. Hinzu kommen Small und Mid Caps. Im Vergleich zum MSCI Germany weist der Fonds aktuell ein Übergewicht an kleineren Werten von rund elf Prozent auf. Seit Anfang Januar erzielte der be- reits im Mai 1974 aufgelegte Fonds 15 Pro- zent. In den vergangenen "ünf Jahren Jahren schaffte er 94 Prozent. Björn Glück und Jonas Liegl konzen- trieren sich ausschließlich auf deutsche Nebenwerte. Zu den Top-Ten-Positionen im Lupus alpha Smaller German Cham- pions zählt beispielsweise Bil"inger. Eine gute Wahl. Der Titel erzielte im ersten Halbjahr ein Plus von knapp 75 Prozent. Der Industriedienstleister zählt zu den Unternehmen, die direkt von den Mil- liardeninvestitionen in Verkehrswege, Energieinfrastruktur und öffentliche Ge- bäude pro"itieren. An der starken Kurs- entwicklung wirkt das Management kräftig mit und kauft eigene Aktien zu- rück. Langfristig positiv dürfte sich auch die im Juni erfolgte Aufnahme in den Stoxx Europe 600 auswirken. Die Aktie rückt so vermehrt ins Blickfeld instituti- oneller Investoren. Rüstungspotenzial. Ein weiterer Favo- rit der beiden Manager ist die Deutz AG. Das Unternehmen ist als Hersteller von Motoren "ür Baumaschinen, Landtech- nik und Nutzfahrzeuge bekannt. Mittler- weile wird Deutz auch als Rüstungs- GEA Group: Das Unternehmen stellt Maschinen und Anlagen her, die Produktionsprozesse effizienter gestalten ➝ BILD: JUNGHEINRICH, STEFAN KIEFER/GEA Prozent Wachstum – nach zwei Jahren Stagnation kann Deutschlands Wirtschaft 2026 wieder zulegen. 1,61,6
€URO 08|2556 wert gehandelt. Das Unternehmen liefert unter anderem Motoren "ür kleine und mittlere Militärfahrzeuge sowie Rad- panzer. Im laufenden Jahr erwartet Deutz im Bereich Defence einen Umsatz im mittleren zweistelligen Millionen- Euro-Bereich. Innerhalb eines Jahres leg- te der Titel bereits um rund 40 Prozent zu. Die Expertise von Lupus alpha im Nebenwertebereich zahlt sich aus. Der Fonds erzielte seit Auflegung im August 2001 rund 929 Prozent. Neben aktiv gemanagten Deutsch- land-Fonds können Anleger sich auch "ür die kostengünstigere Variante ETF ent- scheiden. Der iShares MDAX ETF bildet physisch die Wertentwicklung der 50 In- dexunternehmen ab, wie zum Beispiel der Deutschen Lufthansa, Thyssen- krupp, Knorr-Bremse, Kion, Hochtief oder des Ticketanbieters CTS Eventim. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Ge- winn-Verhältnis von 19,7 sind die Werte noch nicht zu teuer. Für Investoren, die nach attraktiven Einzelwerten aus dem Nebenwertebe- reich suchen, hat €uro vier Aktien her- ausge"iltert. Die Unternehmen können sowohl direkt als auch indirekt von der Wachstumsoffensive der Bundesregie- rung pro"itieren. Deutscher KI-Profiteur. Besonders die gezielte Förderung der Halbleiterindus- trie und zukunftsweisender Technolo- gien wie künstliche Intelligenz eröffnet unter anderem Aixtron große Chancen. Das Unternehmen liefert essenzielle Anlagen "ür die Produktion moderner Chips, die in der Elektromobilität, bei er- neuerbaren Energien und in der Digita- lisierung unverzichtbar sind. Investiert die Industrie — unterstützt durch staatli- che Fördermittel — verstärkt in neue Fer- tigungskapazitäten, steigt auch die Nach- frage nach den Anlagen von Aixtron. Im ersten Quartal 2025 musste Aix- tron zwar einen Gewinnrückgang ver- zeichnen. Dieser ist jedoch darauf zu- rückzu"ühren, dass das Unternehmen erhebliche Mittel in Forschung und Ent- wicklung investiert. Das Management rechnet in den kommenden Jahren mit weiter wachsenden Umsätzen, da der Bedarf an modernen Halbleitern kon- tinuierlich steigt. Anleger sollten sich allerdings auf Kursschwankungen ein- stellen: In den vergangenen drei Mona- ten Wochen (per 30.06.2025) konnte die Aktie um 46 Prozent zulegen, auf Sicht von zwölf Monaten liegt sie jedoch noch mit 15 Prozent im Minus. Auch United Internet zählt zu den Nutznießern des Wachstumsboosters aus Berlin. Als Anbieter von Internet- zugang, Cloud- und Hosting-Diensten ist das Unternehmen ähnlich wie Aixtron in zentralen Zukunftsbereichen aktiv. Die Investitionen der Bundesregierung in den Glasfaserausbau und die Moderni- sierung der Verwaltung sorgen "ür zu- sätzliche Nachfrage nach leistungs"ähi- gen Netzen. Die jüngsten Geschäftszahlen belegen das Wachstum: Im ersten Quartal 2025 stieg der Umsatz im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 4,2 Prozent, die Zahl der Kundenver- träge konnte erneut erhöht werden, und die Umsatzprognose "ür das Gesamtjahr wurde angehoben. In den vergangenen zwölf Monaten legte die Aktie um 20 Pro- zent zu. Eine weitere €uro-Empfehlung ist Jungheinrich. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung soll Automatisierung und umweltfreundliche Techniken "ör- dern — genau die Bereiche, in denen der Anbieter von Intralogistiklösungen be- Börse & Investments Die deutsche Chance Deutz: Das Unternehmen ist für seine Motorenprodukte bekannt. Diese werden jetzt auch in Militärfahrzeugen eingesetzt Thomas Gebert: „Der große Gebert“ Börsenbuch Verlag 336 Seiten, 29,99 € ISBN: 978-3-86470-254-9 Der Physiker und Börsenexperte Thomas Gebert hat seine bisherigen Klassiker überarbeit. Das neue Buch bietet eine nachvollziehbare Anleitung für erfolgreiches Anlegen.
€URO 08|25 57 reits stark ist und weiter expandieren möchte. Neue Kundengruppen will Jungheinrich mit seiner Midtech-Marke AntOn gewinnen. Dabei wird das Pro- duktportfolio um moderne, elektrische Flur"örderzeuge im mittleren Preisseg- ment erweitert, die speziell "ür die An- forderungen automatisierter Lager- und Logistikprozesse entwickelt wurden. AntOn gilt auch als wichtiger Baustein der Strategie 2030+, mit der das Unter- nehmen in "ünf Jahren einen Umsatz von zehn Milliarden Euro anstrebt. Im ver- gangen Jahr wurden 5,4 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das erwartete Kurs-Ge- winn-Verhältnis der Jungheinrich-Aktie "ür 2026 liegt laut Analystenschätzungen bei 11,4. Innerhalb eines Jahres stieg die Aktie um knapp 30 Prozent. Wenig volatil. Für mehr auf Sicherheit bedachte Anleger ist die GEA Group in- teressant. Die Aktie erscheint weniger an"ällig "ür extreme Kurssprünge als viele andere Werte. Im Zeitraum der ver- gangenen zwölf Monate lag die Schwan- kungsbreite bei 17,73 Prozent. Im Ver- gleich zu anderen Aktien ist das ein moderater Wert. Das Unternehmen stellt "ür die Nahrungsmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie Maschinen und Anla- gen her, die Produktionsprozesse nach- haltiger und ef"izienter machen. Für das laufende Geschäftsjahr geht das Management von einem Umsatz- wachstum zwischen einem und vier Pro- zent aus. Ambitioniert sind die Ziele "ür das Jahr 2030: ein organisches Umsatz- wachstum von mehr als "ünf Prozent pro Jahr, eine Ebitda-Marge von 17 bis 19 Pro- zent und eine Kapitalrendite (ROCE) von über 45 Prozent. Das "ür das kommende Jahr erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 18,5. Die Schweizer Großbank UBS gibt "ür die Aktie ein Kursziel von 67 Euro aus. George C. Marshall: Der damalige US-Außenminister brachte das Europäische Wiederaufbauprogramm (ERP) auf den Weg Mrd. Euro (nach heutigem Wert) stellten die USA von 1948 bis 1952 für West- europa bereit. Die Mittel sorgten für politische Stabilität und Wachstum. 157157 BILD: STEPHAN PICK/DEUTZ, BETTMANN ARCHIVE/GETTY IMAGES Die besten Anlagen für die deutsche Chance Institutionelle Investoren gewichten Deutschland höher. Privatanleger nutzen die Kurschancen mit passiven Exchange Traded Funds, aktiv gemanagten Fonds – oder sie setzen auf Einzelwerte Aktien WKN Kurs in € !"-Wochen- Hoch in € !"-Wochen- Tief in € KGV ! $"$# KBV " Dividenden- rendite in % Börsenwert in Mrd. € Bemerkung Aixtron A"W MPJ '#,#( $$,#' ),** '!," ',* ',** ',* Hersteller von Chip-Anlagen GEA Group ##" $"" %),*% #",#% !),"" '),% +," $,') (,' Systemanbieter für die Nahrungsmittelindustrie Jungheinrich #$' ((! !(,$$ +",!) $!,!" '',+ ',! $,"! ',) Lösungsanbieter Intralogistik United Internet %") ("! $!,)+ $+,## '+,%( )),)) ",* $,"+ +,' Internetdienstleister Fonds ISIN Kurs in € Wertentwicklung in % Agio in % Fonds- Note TER # in % Bemerkung # Jahr $ Jahre ! Jahre iShares MDAX ETF DE """ %(! !($ ! $+*,*% '),) '",$ '%,! ","" ! ",%' Kostengünstiger Exchange Traded Fund Lupus al. Smaller Ger. LU "'$ ($! !"( ! %"%,#! '!,% $",+ !%,% %,"" ! ',#% Fokus auf Nebenwerte Oddo BHF German Eq. DE """ )+* )"% ) $)+,*" '(,$ %+,+ +*,% %,"" ! ',)' Bluechips plus Nebenwerte Stichtag: "'."*.$"$%; # erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis: Je niedriger der Wert, desto günstiger ist die Aktie bewertet; " Kurs-Buch-Verhältnis: Werte unter ' gelten als günstig; $ TER = Total Expense Ratio (Gesamtkostenquote); Quelle: BO Data
€URO 07|2312 V orab eine Warnung: Die Lektüre dieses Textes kann depressiv machen. Jedenfalls der Anfang. Denn es geht darum, was künstliche Intelligenzen vom Schlage ChatGPT oder des Bildprogramms Dall-E 2 mit dem Arbeitsmarkt anstellen könnte, wie wir ihn zu kennen pflegten. Ein Arbeitsmarkt, auf dem selbst in der Rezession die Aussichten !ür Beschäftigte gut sind, die Arbeitslosenrate niedrig und die Zahl der offenen Stellen groß ist und Fachkräfte begehrt sind. Doch das war einmal, denn am 30. November 2022 kam ChatGPT. Das Kürzel steht !ür „Chatbot Generative Pre-trained Transformer“. Eine künstliche Intelligenz (KI), ein Sprachmo- dell, mit unvorstellbaren Daten- mengen trainiert, mit dem jeder über Texteingabe wie mit einem anderen Menschen kommunizie- ren kann. Das gelingt, weil der Sprachroboter gelernt hat, wie Menschen schreiben. Und er er- innert sich an das, was in einem Ja, klar – mit links! Kannst du meine Arbeit erledigen? R Der Aufstieg der KI-Sprachroboter wie ChatGPT lässt Millionen um ihre Jobs fürchten. Sind die Ängste berechtigt – oder ist der Wandel eine Chance? VON FRANK MERTGEN
13€URO 07|23 „Gespräch“ zuvor eingegeben wurde — so kann der Nutzer ei- nen regelrechten Dialog !ühren. Hunderte von Millionen nut- zen ChatGPT bereits (siehe Gra- !ik Seite 16 links unten), schon bald können es Milliarden sein — jeder, der einen Internetzugang hat. Nutzer trainieren die KI, die damit immer besser wird. Das Basismodell des Sprach-Bots ChatGPT kostet keinen Cent. Des- wegen durchdringt es die Gesell- schaft und die Wirtschaft viel schneller als zum Beispiel der PC oder das Smartphone. Einstiegsgehalt !ür ChatGPT: 183 000 Dollar. Und diese künst- liche Intelligenz kann jetzt schon so viel: Sie schreibt Aufsätze, mit denen Abiturienten ihre Prüfun- gen bestehen, und übersetzt das, wenn gewünscht, blitzschnell in Dutzende verschiedener Spra- chen. Sie besteht Medizinertests und knifflige juristische Exa- men — oder ChatGPT bekäme, nachdem die künstliche Intelli- genz den digitalen Einstellungs- test als Level-3#Programmierer bei Google bestanden hat, gleich ein Angebot !ür eine Stelle — mit einem Einstiegsgehalt von 183 000 Dollar. So hat es der amerikanische Wirtschaftssen- der CNBC berichtet. Politik & Wirtschaft Job-Killer KI? BILD: HIROSHI WATANABE/GETTY IMAGES ➝
€URO 07|2314 Politik & Wirtschaft Job-Killer KI? Dazu kommen KI#Bildprogramme wie Dall-E 2, die auf Zuruf neue Bilder kre- ieren können, und weitere Sprachrobo- ter wie Bard von Google. Prognostiker überbieten sich angesichts einer neuen Technologie, die mit der Er!indung des Rads oder des Buchdrucks verglichen wird, mit düsteren Prophezeiungen. Wendepunkt für die Menschheit. Das Äquivalent von 300 Millionen Vollar- beitsplätzen könnte wegen ChatGPT und Konsorten durch Automatisierung be- droht sein, warnt Goldman Sachs. „Jeder wird von einer qualitativen Veränderung der Arbeitsaktivitäten be- troffen sein, wobei ganze Bereiche der- zeitiger Bürobeschäftigungen ge!ährdet sind. Frühere arbeitssparende Innovati- onen betrafen größtenteils weniger qua- li!izierte Arbeitskräfte, während KI die derzeitige mittlere Wissensarbeit erset- zen wird“, warnt Deutsche-Bank-Chef- volkswirt David Folkerts-Landau. Große Sprachmodelle wie ChatGPT würden bis Ende des Jahrzehnts, wenn nicht früher, die im Westen mit dem relativen Rück- gang der Industrieproduktion über meh- rere Jahrzehnte entstandenen Büroser- vice-Branchen umwälzen. Er sieht einen „Wendepunkt !ür die Menschheit“. Ein Arbeitspapier vom März, das von Forschern in Zusammenarbeit mit ChatGPT#Betreiber OpenAI, OpenRe- search und der Universität von Pennsyl- vania verfasst wurde, deutet darauf hin, auslösen“, sagt Bain-Chef Manny Mace- da. „Hinzu kommen in diesem Fall spe- zielle negative Assoziationen, da wir mit Filmen aufgewachsen sind, in denen es Matrix-Maschinen gibt, die die Mensch- heit bedrohen.“ So ist die Angst um Arbeitsplätze längst Alltagsgespräch. Da kennt der Bruder einen Übersetzer, der wegen ChatGPT um seine Aufträge bangt. Der Freund weiß von den Sorgen eines Pa- tentanwalts zu berichten, und der Fuß- ballkumpel von den Zukunftsängsten der Kollegen im Reisebüro. Kein Wun- der, dass fast vier von zehn Deutschen laut einer Boston-Consulting-Umfrage !ürchten, dass ihre beruflichen Aufga- ben in den kommenden Jahren von einer KI übernommen werden. KI lässt Kurse abstürzen. Und haben sich nicht schon erste Unternehmen ge- äußert? IBM#Chef Arvind Krishna sagte im Mai, dass das Unternehmen die Einstellung !ür Positionen, die durch KI ersetzt werden könnten, verlangsamen oder aussetzen werde. 7800 Arbeitsplät- ze könnten betroffen sein. Bei Ängsten vor KI spricht der Kapitalmarkt schnell harte Urteile: Der Aktienkurs von Chegg !iel kürzlich binnen Stunden um die Hälfte. Der britische Anbieter von Haus- aufgabenhilfe musste einräumen, dass ChatGPT „Einfluss auf die Wachstums- rate bei neuen Kunden hat“. Umgekehrt beeilen sich Unterneh- men herauszustellen, wie stark sie auf KI Maurer vs. Pro- fessor: Der Job des Handwerkers wird durch KI gar nicht berührt – sie bedroht aber top bezahlte Weiße- Kragen-Jobs von Professoren dass etwa vier von !ünf US#Arbeitneh- mern mindestens ein Zehntel ihrer Auf- gaben durch die Ein!ührung großer Sprachmodelle beeinflusst sehen könn- ten, während knapp ein Fünftel der Ar- beitnehmer gar mindestens die Hälfte ihrer Aufgaben erfasst sehen könnten. UBS#Analysten untersuchten die Aus- wirkungen von KI auf 31 Branchen. In 30 Wirtschaftszweigen sollen ChatGPT und Co Kosten drücken. Die IT#Beratung Accenture schätzt, dass 40 Prozent aller Arbeitsstunden durch ChatGPT und der- gleichen beeinflusst werden könnten, da sprachbasierte Aufgaben 62 Prozent al- ler Mitarbeiterstunden ausmachen und 65 Prozent dieser Zeit produktiver gestal- tet werden könnten. Die Macht der Kinobilder. Die Ängste in der Bevölkerung werden sogar von der Kraft des Kinos geschürt: „Eine bahnbre- chende Technologie, die unser Leben, ei- ne Ära verändert, kann auch Besorgnis BILD: KADMY/ISTOCK, SEAN DE BURCA/GETTY IMAGES
ANZEIGE 20101990197019301910189018701850 1950 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Landwirtschaft Bergbau Handel, Transport, Versorger Information Finanzen Profess. u. geschäftl. Dienstleistung Private Ausbildung und Gesundheit Freizeit u. Gastgewerbe Andere Dienstleistungen Industrie und Bau bauen. Der Otto Versand will Hunderte lern!ähige, durch KI gesteuerte Roboter einsetzen, um einzelne Produkte zu individuellen Bestellungen zusammen- zustellen und zu verpacken. Duolingo !ührt seine App zum Sprachenlernen, Duolingo Max, ein, die maßgeschneider- te Sprachlektionen und Funktionen zum Rollenspiel und zur Erklärung von Antworten bietet. Der Werberiese WPP wird KI verwenden, um Kampagnen zu erstellen. Allen & Overy, eine renom- mierte Londoner Anwaltskanzlei mit 3500 Anwälten in 43 Büros weltweit, ver- wendet Harvey KI, erstellt mit OpenAIs GPT#Technologie, um bei ersten Entwür- fen !ür rechtliche Dokumente zu helfen. Der US#Spielzeughersteller Mattel ➝ Quelle: Deutsche Bank Wandel Innovationen erst im Agrarsektor, dann etwa durch die Elektrizität oder den PC legten die Basis für neue, produktivere Wirtschaftszweige Anteil von Sektoren an den privaten US-Arbeitsplätzen in %
Monate 1 2 3 4 5 250 200 150 100 50 0 neue höher- wertige Aufgaben automatisierte Aufgaben entfallen Unverändert Verbessert Bestehende Aufgaben: Aufgaben nach KI: €URO 07|2316 Stichtag: !".#$.%#%&; Quelle: UBS Schnell durchgesetzt ChatGPT hat über 200 Millionen Nutzer Tägliche aktive Nutzer, 7-Tage-Schnitt in Mio. (Barbie) nutzt den Bildgenerator DALL- E 2, um neue Spielzeuge zu gestalten. Noch ein weiterer Beitrag zur allge- meinen Verunsicherung: Es kursieren immer neue Listen mit den durch die neuen künstlichen Intelligenzen am meisten ge!ährdeten Berufen. Die bereits erwähnte Studie von OpenAI und der Universität von Pennsylvania sieht zum Beispiel starke Auswirkungen auf Buch- halter oder Korrektoren, während etwa bei Köchen und Maurern keine Folgen zu erwarten seien (siehe Kasten Seite 17). Auch eine Studie von Ed Felton (Prince- ton), Manav Raj (University of Pennsyl- vania und Robert Seamans (New York University) untersucht, wie ChatGPT und dergleichen die Beschäftigung ver- ändern. Am meisten ge!ährdet durch die Sprachroboter sind demnach Telefonver- käufer und viele Hochschullehrer, etwa !ür Literatur und Soziologie. So weit, so hoffnungslos. Oder? Ge- mach. Prognosen überschätzen oft die Gefahren. Innerhalb der nächsten zehn oder 20 Jahre sei fast die Hälfte der US- Jobs durch Automatisierung ge!ährdet, prognostizierten 2013 Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Univer- sität Oxford. Zehn Jahre später ist nicht die Prognose, sondern das Gegenteil ein- getreten. Die Arbeitslosigkeit ist in den USA wie in anderen Industrieländern stark gesunken. Zudem sind Menschen schwieriger zu ersetzen als oft angenom- men. Zum Beispiel sind in den USA Lkw- Fahrer gesucht wie noch nie — trotz zahl- reicher Vorhersagen, sie würden dank fahrerloser Fahrzeuge bald arbeitslos. Noch beruhigender: Selbst die War- ner von heute wie Joseph Briggs von Goldman Sachs sind eigentlich Optimis- ten. „Obwohl der Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt wahrscheinlich signi!ikant sein wird, sind die meisten Jobs und In- dustrien nur teilweise der Automatisie- rung ausgesetzt und werden daher eher ergänzt als durch KI ersetzt“, sagt er. In die gleiche Kerbe schlagen Jim Reid und Henry Allen von Deutsche Bank Re- search: „Wenige Arbeitsplätze können vollständig durch generative KI automa- tisiert werden. Die Verwendung eines KI#Werkzeugs !ür bestimmte Aufgaben kann jedoch dazu !ühren, dass Arbeits- kräfte ihre Arbeit auf Aufgaben auswei- ten können, die nicht automatisiert wer- den können.“ Recht haben sie. Denn wann !ällt eine Stelle wirklich weg? Nicht, wenn zehn oder 20 Prozent der Aufgaben von KI übernommen werden könnten. Konkret am Beispiel Kunden- service: Von 13 typischen Aufgaben eines Mitarbeiters würden nach einer Studie !ünf unverändert bleiben, !ünf würden durch KI erweitert und vier Aufgaben ent!ielen vollständig, würden aber durch neue, höherwertige Aufgaben ersetzt (siehe Gra!ik rechts unten). 100 Millionen virtuelle Kollegen. Da- bei könnten viele Beschäftigte, deren Job durch ChatGPT und Co verwandelt wer- den, einen neuen Helfer zur Hand haben: Bis 2026 werden 100 Millionen Beschäf- tigte einen virtuellen Kollegen/Assisten- ten haben, der ihnen zur Hand geht, er- wartet Marktforscher Gartner. Darüber hinaus wurden historisch durch Automatisierung verdrängte Ar- beitsplätze durch neu geschaffene Jobs aufgefangen, und das Aufkommen neu- er Berufe nach technologischen Innova- tionen macht laut Goldman-Studie den Großteil des langfristigen Beschäfti- Die meisten Jobs sind nur teils der Automatisierung ausgesetzt und werden daher eher ergänzt als durch KI ersetzt.“ Joseph Briggs, KI-Experte Goldman Sachs Stand: %#%%; Quelle: Deutsche Bank Neuerung Beispiel eines Service- mitarbeiters: Aufgaben änden sich Aufgaben im Kundenservice vor/nach KI-Einsatz
€URO 07|23 17 Job-Killer KI? Politik & Wirtschaft Köchin vs. Steuerberaterin: Generell gelten Handwerks- berufe als immun gegen den Aufstieg der KI-Tools – während Büroberufe als bedroht gelten gungswachstums aus. Zum Beispiel !ühr- ten Innovationen in der Informations- technologie zu neuen Berufen wie Web- designern, Softwareentwicklern und Fachleuten !ür digitales Marketing. Der Münchner Professor Stefan Feuerriegel von der LMU sagte kürzlich dem „Han- delsblatt“: „Die Digitalisierung erzeugt Arbeit — und dasselbe werden wir jetzt bei der KI sehen: In den nächsten !ünf bis zehn Jahren müssen in diesem Be- reich extrem viele Leute eingestellt wer- den, Unternehmen müssen ihre Strate- gien aktualisieren. Wenn ich ein KI#Pro- dukt installiere, etwa ein smartes Pri- cing, müssen komplette Prozesse ver- ändert werden, bis hinein in den Ver- kauf. Und das wird sehr viel Arbeit !ür Menschen erzeugen.“ Es gab historisch auch stets Folge- effekte neu entstandener Arbeitsplätze, da die Steigerung des Gesamteinkom- mens indirekt die Nachfrage nach Dienst- leistern in Branchen wie Gesundheitswe- sen, Bildung und Gastronomie antrieb. Chance auf Produktivitätssprung. Noch besser: Die neue Technologie könnte auch die globale Arbeitsproduk- tivität in den nächsten zehn Jahren um 1,5 Prozent jährlich steigern, wobei Gold- man schätzt, dass KI die globale Wirt- schaftsleistung jährlich um sieben Pro- zent erhöhen könnte. Die Produktivität sinkt in den Industrieländern weltweit und könnte einen neuen Schub gebrau- chen (siehe Gra!ik Seite 18 rechts oben). „Wenn neue Technologien auftauchen, die Raum !ür erhebliche Produktivitäts- steigerungen bieten, legen die Lehren der Geschichte nahe, dies zu begrüßen. Die ef!izientere Herstellung von Gütern und Dienstleistungen schafft Ressour- cen !ür andere Aufgaben, ermöglicht es uns, mehr zu verdienen, und verbessert allgemein den Lebensstandard“, schrei- ben auch Jim Reid und Henry Allen von Deutsche Bank Research. „Wenn die Ford-Fließbandproduktion in ihren An- fangstagen gestoppt worden wäre, hät- ten wir nie von den zahlreichen zusätz- lichen Vorteilen der weitverbreiteten Autonutzung pro!itiert, oder zumindest hätten wir viel länger da!ür gebraucht.“ Staat federt den Wandel ab. Sie räu- men ein, dass es angesichts der schnel- len Verbreitung der neuen KI#Tools kurz- fristig zu Störungen auf dem Arbeits- markt kommen könnte. Dann aber wer- de der Staat eingreifen. „In der heutigen Gesellschaft ist die Toleranz !ür dras- tische Veränderungen der Beschäfti- gungsaussichten gering. Wenn also die Auswirkungen umwälzend wären, könn- ten wir neue Gesetze, Vorschriften und !inanzielle Unterstützung erwarten, um die kurzfristigen Auswirkungen zu redu- zieren.“ Laut den Wissenschaftlern um Ed Felten sind 14 der 20 durch ChatGPT und Co am meisten ge!ährdeten Berufe Lehrberufe. „Aber nur die mutigste Re- gierung würde Lehrer durch KI erset- zen“, urteilt der „Economist“. JOBKILLER Starke Auswirkungen Dolmetscher & Übersetzer Umfrageforscher Schriftsteller und Autoren Spezialisten für Öffentlich- keitsarbeit Steuerberater Mathematiker Blockchain-Ingenieure Korrektoren Buchhalter, Unternehmens- berater Keine Auswirkungen Berufssportler Automechaniker Maurer Köche Baumaschinenführer Steinmetze Reifenmonteure Tellerwäscher Handwerksberufe BILD: LIGHTFIELDSTUDIOS/ISTOCK, ANDREY POPOV/SHUTTERSTOCK ➝
A ndrea Orcel gilt als Star unter Europas Bankern. Im Früh- jahr 2021 übernahm er den Chefposten der italienischen Großbank Unicredit. Als Orcel Chef wur- de, notierte die Unicredit-Aktie unter zehn Euro. Er transformiert die Bank. Seit seinem Amtsantritt verdreieinhalb- fachte sich der Kurs der Aktie fast. Dabei stieg er 2023 um rund 85 Prozent. Rech- net man die Dividende mit ein, verdop- pelten Aktionäre ihr Kapital im vergan- genen Jahr fast. Die Entwicklung der Unicredit-Aktie zeigt: Anleger können Ciao Mailand In Italien gibt es starke Unternehmen. Auch nach der Aktienrally an der Mailänder Börse 2023 bieten sich Chancen – mit vier Aktien-Ideen VON JULIA PFANNER Börse & Investments Italien Von Fiat bis Drinks: An der italienischen Börse gibt es einige interessante Invest- ments für Anleger Andrea Orcel: Seit der Italiener im April 2021 den Chefpos- ten bei der Großbank Unicredit übernahm, hat sich der Kurs der Unicredit-Aktie mehr als verdreifacht
€URO 03|24 83 mit italienischen Aktien sehr gut fahren. Das Bankpapier war nicht der einzige italienische Titel, bei dem es im ver- gangenen Jahr mehr als rund lief. Der italienische Leitindex FTSE MIB, der die Entwicklung der 40 größten und liquidesten italienischen Aktien abbil- det, legte inklusive Dividenden ein Plus von gut 34 Prozent hin. Da mag über- raschen, dass der Bewertungsabstand, gemessen am !ür 2024 erwarteten Kurs- Gewinn-Verhältnis, zwischen dem FTSE MIB und dem MSCI World, der die Ent- wicklung von Unternehmen aus Indus- trieländern abbildet, zuletzt so groß war wie seit mehr als zehn Jahren nicht (sie- he auch Seite 66). Rally trotz Problemen. Italienische Aktien sind schon lange niedriger bewer- tet als der weltweite Aktienmarkt. Auch derzeit gibt es da!ür Gründe. Dazu gehört die hohe Staatsverschuldung. Würde die Kreditwürdigkeit Italiens von Ratingagenturen herabgestuft, hätte das auf Firmen negative Auswirkungen, et- wa auf hoch verschuldete. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Me- loni will Anteile des Staats an Unterneh- men verkaufen, um die Schuldenlast zu senken. So ist nun etwa der Verkauf ei- nes Anteils an Poste Italiane geplant. Das Wirtschaftswachstum in Italien ist seit 20 Jahren schwach, mit Ausnahme des Aufschwungs nach der Corona-Pande- mie. Die alternde Bevölkerung belastet. Zur starken Entwicklung des FTSE MIB 2023 trugen die gestiegenen Zinsen bei. Von ihnen pro!itierten Banken, die im italienischen Leitindex ein großes Ge- wicht haben. Aber auch der Autosektor, Versorger und Energie!irmen sind stark im Index vertreten. Auch solche Aktien wie die vom Autokonzern Stellantis, Sportwagenhersteller Ferrari oder Ver- sorger Enel legten 2023 deutlich zu (rund 74, 54 und 43 Prozent Wertentwicklung). „Banken, Energie!irmen und Stellantis haben im Index ein großes Gewicht und sind immer noch günstig“, erklärt Alber- to Chiandetti, Fondsmanager des Fideli- ty Italy, die niedrige Bewertung des FTSE MIB. Während unter den großen Unter- nehmen — mit wenigen Ausnahmen wie Ferrari oder Stellantis — viele stark von der italienischen Wirtschaft getrieben seien, würden mittelgroße, global aufge- stellte Firmen aus Sektoren wie Luxus, Konsum oder Industrie dagegen die ech- te italienische Wirtschaft widerspiegeln. „Sie sind günstiger als früher, weil sich Investoren in Europa und den USA ➝ BILD: HOLLIE ADAMS/BLOOMBERG, VISIT ROEMVANITCH/ISTOCK, MAX SAROTTO/FIAT, POPOUT/STOCK.ADOBE.COM [M] Griechenland Italien Frankreich Spanien EU Deutschland Niederlande Schweden 0 50 100 150 165,5 111,9 109,8 82,6 64,8 45,9 29,7 140,6 2019 2020 2021 2022 2023 2024 32 000 30 000 28 000 26 000 24 000 22 000 20 000 18 000 16 000 14 000 Quelle: Statista/Eurostat Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Hohe Kreditlast Die Schuldenquote Italiens ist hoch Rally 2023 lief es beim italienischen Leitindex FTSE MIB sehr gut Staatsschulden in % des BIP im 3. Quartal 2023 FTSE MIB in Punkten
-60 -30 0 30 60 90 120Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World deLonghi 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -50 0 50 100 150 200 250Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Unicredit 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -40 -20 0 20 40 60 80Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Campari 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 -80 -40 0 40 80 120 160Wertentwicklung 5 Jahre in % MSCI World Stellantis 02/19 02/2102/20 02/22 02/23 02/24 84 €URO 03|24 in den vergangenen zwei Jahren auf grö- ßere Unternehmen konzentriert haben“, erläutert Chiandetti. Gute Aussichten für Aktien. Dem FTSE MIB muss dieses Jahr kein ähnli- ches Kunststück gelingen wie 2023. Es gibt aber Hinweise auf ein positives Um- feld !ür italienische Aktien. Im vierten Quartal wuchs die italienische Wirt- schaft zum Vorquartal überraschend um 0,2 Prozent. „Dieses Wachstum, gepaart mit der unerwarteten politischen Stabi- lität unter der Regierung Meloni, macht italienische Aktien attraktiv“, heißt es vom Portfoliomanagement von Habbel, Pohlig & Partner Vermögensverwaltung, verantwortlich !ür den Aktien Südeuro- pa Nachhaltigkeit UI. 2023 wuchs Itali- ens Wirtschaft um 0,7 Prozent, 2024 er- wartet der IWF dasselbe Wachstum. Im Fonds Prévoir Gestion Actions, der sich auf Firmen aus der EU konzentriert, waren italienische Aktien zuletzt mit 12,9 Prozent nach niederländischen und französischen die drittgrößte Gruppe. Das spiegle die sehr gute Gesundheit des italienischen Markts im Gegensatz etwa zum deutschen Markt wider, insbeson- dere bei mittelgroßen Unternehmen, so- wie die Qualität des Managements, das seine Unternehmen in den vergangenen Jahren stabil und konstant entwickeln konnte, heißt es von den Fondsmana- gern Louis Puga und Fares Hendi. Anleger können sich also ruhig nach italienischen Aktien umsehen. Angefan- gen etwa bei Unicredit. Die durchschnitt- liche Schätzung des !ür 2024 erwarteten KGV bei Bloomberg liegt trotz der star- ken Performance 2023 bei 6,2. Italiens zweitgrößte Bank könnte immer noch unterschätzt werden. Für 2023 lieferte sie einen überraschend hohen Rekord- gewinn von 8,6 Milliarden Euro. Er soll über Dividenden und Aktienrückkäufe komplett an die Aktionäre gehen. Trotz schwierigerem Umfeld soll das Ergebnis 2024 ähnlich sein, die Ausschüttungs- quote künftig bei mindestens 90 Prozent des bereinigten Nettogewinns liegen. Die Bank sitzt auf viel Cash. Auch deshalb WKN 694 642 Kurs 29,58 € Börsenwert 4,5 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 15,9 Kurs-Buchwert-Verhältnis 2,4 Dividendenrendite 2,2 % Eigenkapitalrendite (ROE) 13,9 % WKN A2DJV6 Kurs 29,06 € Börsenwert 49,8 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 6,2 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Dividendenrendite 6,1 % Eigenkapitalrendite (ROE) 16,3 % WKN A2P 8B7 Kurs 9,62 € Börsenwert 11,8 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 24,5 Kurs-Buchwert-Verhältnis 3,7 Dividendenrendite 0,7 % Eigenkapitalrendite (ROE) 13,3 % WKN A2Q L01 Kurs 21,20 € Börsenwert 66,5 Mrd. € KGV 2024 (erwartet) 4,0 Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,8 Dividendenrendite 7,2 % Eigenkapitalrendite (ROE) 23,2 % Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Stichtag: !".!#.#!#$; Quelle: Bloomberg Der Kaffeemaschinenhersteller ist nicht mehr so günstig bewertet wie noch vor einigen Monaten, überzeugt aber durch gute Wachstumsaussichten. Chef Andrea Orcel strukturiert die italienische Bank um. Die derzeitige Bewertung scheint trotz der jüngst starken Performance zu günstig zu sein. Die schwache Kursentwicklung beim Aperol-Hersteller in den vergangenen Monaten kann jetzt einen guten Einstiegszeitpunkt bieten. Von Peugeot über Fiat bis Maserati oder Jeep – die Geschäfte beim Autoriesen Stellantis liefen zuletzt gut, gleichzeitig ist die Aktie günstig bewertet. €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG €URO-EMPFEHLUNG 1 1 1 1 DE’LONGHI UNICREDIT CAMPARI STELLANTIS
KEINE SINNESTÄUSCHUNG 103 KLASSIK 12 H Auf 300 Exemplare limitierter Fliegerchronograph, exklusiv erhältlich auf www.armbanduhren-online.de € 3590,- Sinn Spezialuhren in Kooperation mit ARMBANDUHREN Seit den 1960er-Jahren gibt es die Modellreihe 103 bei Sinn Spezialuhren. Zum Jubiläum 30 Jahre ARMBANDUHREN wird das Erfolgsmodell 103 Klassik 12 mit Keramiklünette und Wechselarmband in brandneuer Ästhetik wiederaufgelegt. könnte es bald Zukäufe geben. Sinken die Zinsen dieses Jahr, dürften das Banken wie Unicredit und Intesa Sanpaolo zwar spüren. Doch: „Der Bankensektor ist so gut kapitalisiert und hat so stark restruk- turiert, dass es trotzdem bei bestimmten Namen und trotz der zuletzt starken Per- formance immer noch Potenzial gibt“, sagt Chiandetti. Unicredit ist in seinem Fonds eine der Top-Positionen. Obwohl die Aktie des Autokonzerns Stellantis 2023 um fast 60 Prozent zu- gelegt hat, ist sie mit einem erwarteten 2024er-KGV von vier niedrig bewertet. Stellantis ging 2021 aus der Fusion von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Peugeot (Groupe PSA) hervor. Automar- ken wie Fiat, Opel, Peugeot, Citroën, Maserati oder Jeep gehören zum italie- nisch-französisch-amerikanischen Kon- zern. Stellantis kann nach der Fusion Synergien umsetzen und will bis 2030 eine zweistellige bereinigte operative Marge aufrecht erhalten. Das Geschäft lief zuletzt gut, die hohe Dividendenren- dite ist verlockend. Etwas spekulativer dürfte derzeit die Aktie von Davide Campari Milano sein. Der Spirituosenhersteller wurde 2023 wie Konkurrenten etwa von einer schwä- cheren Nachfrage in den USA belastet. Im Dezember kündigte er die Übernah- me des Cognac-Herstellers Courvoisier an. Unter anderem !ür die Finanzierung der geplanten Übernahme gab Campari jüngst eine Wandelanleihe und neue Ak- tien aus. Anleger reagierten darauf nicht besonders begeistert. Cognac war nach der Pandemie auch weniger gefragt. Doch die Analysten der Deutschen Bank glauben, Cognac sei eine der attraktivs- ten Kategorien bei globalen Spirituosen durch hohe Eintrittsbarrieren und weit- gehend rationale Wettbewerber. Ansons- ten hat Campari Marken wie Aperol, die umsatzstärkste Marke im Konzern, so- wie Campari, Skyy Vodka, Averna oder Wild Turkey im Programm. Der zuletzt gesunkene Kurs sollte eine Einstiegsge- legenheit !ür längerfristige Anleger sein. De’Longhi gehört zu den mittelgro- ßen Firmen und ist vor allem !ür seine Kaffeemaschinen bekannt, die den größ- ten Teil des Geschäfts ausmachen. Da- zu kommen Küchengeräte wie Stand- mixer. De’Longhi ist gut aufgestellt, um zu wachsen. Die geplante Übernahme des Espressomaschinen-Produzenten La Marzocco über einen Zusammenschluss mit einer Konzernmarke kommt bei den Analysten von Berenberg gut an. De’Longhi dürfte zudem pro!itabler als die Konkurrenz sein. Italien Börse & Investments
€URO 07|19€URO 07|19 113112 BILD: XURZON/ISTOCK, RAWPIXEL/ISTOCK, LBRINCK MMIX/ISTOCK, OLIVER HENZE/ADOBESTOCK, DNY59/ISTOCK, DJIGGIBODGI/ADOBESTOCK [M] Solche Inserate haben es in sich: „Reihenmittelhaus: 900 000 Eu- ro“ oder „Reiheneckhaus: 1,2 Mil- lionen Euro“. In München sind diese Preise längst normal. „Meine Kol- legen und ich diskutieren schon einige Jahre darüber, wie lange der Anstieg noch anhält“, sagt Michael Dangl, Geschäfts"ührer des Vermittlers Bau- "inanz 24 in Ismaning. Seit ein paar Mo- naten scheint der Höhenflug zumindest ins Stocken geraten zu sein. „Die Ver- Check24 wertete vor einiger Zeit die Kreditanfragen des vergangenen Jahres aus. Die Münchner errichten dabei eine durchschnittliche Darlehenshöhe von 504 000 Euro. Robert Tzschöckel, Grün- der des Baugeldvermittlers zinsBewusst in München, weiß aus der Praxis: „Man- che leihen sich 600 000 oder 700 000 Euro von der Bank.“ Eigentlich sollten Banker, wenn sie Geld verleihen, vorsichtiger sein, so sieht es zumindest die seit drei Jahren gelten- de Wohnimmobilienkreditrichtlinie vor. Mittlerweile "inanzieren die Banken Pri- vatleuten aber auch ihr Eigenheim, oh- ne dass sie eigene Mittel in die Immobi- lie stecken. Solche 100$Prozent-Finanzie- rungen gibt es allerdings nur, wenn das Einkommen, die Gesamtverschuldung marktungsdauer ist nun etwas länger“, meint Dangl. Vor drei Jahren hätten die Kau"interessenten bei Bauträgern noch Schlange gestanden. Angesichts solcher Preise wirkt das billige Baugeld — Kredite mit zehn Jahren Zinsbindung kosten im Schnitt knapp unter ein Prozent Zinsen — "ür viele Kauf- willige wie ein Rettungsanker. So verlan- gen einige Institute "ür Darlehen mit einer zehnjährigen Laufzeit momentan Zinsen in Höhe von knapp einem Pro- und das Alter des Kreditnehmers stim- men. „Es kommt wirklich auf die indi- viduelle Situation des Käufers an“, sagt Bau"inanzierungsberater Dangl. Wer jung ist, viel verdient und irgendwann noch erbt, hat gute Chancen. „Solche Vorhaben lassen sich nicht pauschal be- werten“, meint auch Josephine Holzhäu- ser, Referentin "ür Finanzdienstleistun- gen bei der Verbraucherzentrale Rhein- land-Pfalz. Trotzdem mahnt die Exper- tin zur Vorsicht: „Der Erwerb der eigenen vier Wände ist mit Emotionen verbun- den, schließlich sucht man einen Ort zum Wohnen und Leben.“ Darum beste- he die Gefahr, dass mancher "inanzielle Risiken ausblende. „Wir empfehlen in der Regel 20 bis 30 Prozent Eigenkapital, um solide zu "inanzieren“, sagt sie. zent. Billiger geht es kaum. Die Mixtur aus hohen Immobilienpreisen und nied- rigen Bauzinsen hat die Kreditvolumina in die Höhe getrieben. Im Schnitt haben Immobilienkäufer in Deutschland nach Angaben des Finanzdienstleisters Dr. Klein im Monat April 248 000 Euro auf- genommen, um die eigenen vier Wände zu "inanzieren — ein neuer Höchststand (vgl. Gra"ik unten). In einer Stadt wie München kommt man mit einer solchen Summe nicht weit. Das Internetportal Auf Kredit gebaut Baugeld ist billig wie nie, Immobilien sind teuer. Käufer und Bauherren nehmen immer höhere Kredite auf. Wie sich Darlehensnehmer vor Risiken schützen können VON S. GRÖNEWEG Steuern & Sparen Baufinanzierung Quelle: Dr. Klein Trendindikator Bau!in. (DTB) Quelle: Eigene Berechnungen Mehr Schulden Durchschnittliche Darlehen für Baufinanzierungen in ! ➝ 64 52 39 33 28 25 22 1,3 Prozent Zinssatz 2,3 Prozent 20 1% Tilgung 2% Tilgung 3% Tilgung 4% Tilgung Kreditlaufzeit in Jahren 777 €Monatliche Rate in € 1100 € 1434 € 1767 € 2100 € 1100 € 1433 € 1767 € Schnell tilgen Wie die Tilgungsrate dafür sorgt, dass ein Darlehen über 400 000 Euro mit gleichbleibendem Zins früher oder später getilgt ist 142 000 09/2009 142 000 04/2010 149 000 09/2010 145 000 04/2011 151 000 09/2011 153 000 04/2012 157 000 09/2012 168 000 04/2013 161 000 09/2013 159 000 04/2014 169 000 09/2014 179 000 04/2015 164 000 09/2015 193 000 04/2016 199 000 09/2016 197 000 04/2017 200 000 09/2017 213 000 04/2018 228 000 09/2018 248 000 04/2019
€URO 07|19€URO 07|19 115114 BILD: SIRIKORNT/ISTOCK Wenn sich ein junges Paar hoch verschul- de und dessen Eltern noch zusätzlich bürgen müssten, um eine Immobilie zu "inanzieren, sei das einfach grenzwertig. Eine Immobilie kann ein sinnvoller Baustein der persönlichen Altersvorsor- ge sein, sie kann aber auch zum Stolper- stein werden — insbesondere wenn sich die Arbeitsmarktlage verschlechtert. Die jüngsten wirtschaftlichen Boomjahre haben die Situation entspannt. Die Zahl derer, die sich wegen Zahlungsschwie- rigkeiten an ihre Bank wenden, ist eher nen unkalkulierbare Schicksalsschläge wie Krankheit, Tod oder Scheidung ein- treten. Die Absicherung der wichtigsten Risiken ist daher schon mal unerlässlich. Wer mehrere Hunderttausend Euro aufnimmt, muss sich über seine Lebens- planung im Klaren sein. „Ich spreche bei Paaren das Thema Kinder sehr aus"ühr- lich an“, sagt Vermittler Dangl. Die Be- troffenen müssten wissen, dass sich als Familie die "inanzielle Situation ändert. Dazu gehören der mögliche Wegfall eines Einkommens sowie höhere Kosten. Ob Steuern & Sparen Baufinanzierung Baufinanzierung Steuern & Sparen eine neue Waschmaschine, ein Auto oder der jährliche Urlaub — all das muss be- zahlt werden. Es habe durchaus Fälle in seiner Laufbahn gegeben, da hätte er von einem Immobilienkauf abgeraten, erzählt Tzschöckel. „Betroffene sollten sich bewusst machen, dass sie eventuell auf andere Sachen verzichten müssen“, sagt er. In der Regel hätten sich potenziel- le Käufer aber sehr gut über den Markt und ihre Möglichkeiten informiert. Schuldenberg tilgen. Wer sich den Traum vom Eigenheim er"üllt, dessen monatliche Belastung ist angesichts der niedrigen Zinsen erst einmal überschau- bar. Das macht ein Beispiel deutlich: Ei- ne Familie nimmt ein Immobiliendarle- hen in Höhe von 400 000 Euro mit einer Laufzeit von zehn Jahren auf. Angenom- men, der Kredit kostet 1,3 Prozent, die Familie tilgt zwei Prozent. Das bedeutet: Sie zahlt 3,3 Prozent "ür Zins und Til- gung. Monatlich würden also 1100 Euro "ällig. Eine komfortable Ausgangssituati- on. Nun kommt es darauf an, wie schnell die Familie ihre Schulden tilgen will und wie sich die Zinsen langfristig entwi- ckeln. Zahlt die Familie ihre monatliche Rate, nutzt aber keine Sondertilgungen, liegt die Restschuld nach zehn Jahren noch bei mehr als 314 000 Euro. Das wä- re vielleicht kein Problem, wenn die Zin- sen auf diesem extrem niedrigen Niveau verharren würden. Doch was ist, wenn sie auf 4,5 Prozent steigen? Die Rate er- höht sich auf 1700 Euro, wenn die Fami- lie den Tilgungssatz zehn Jahre später weiterhin bei zwei Prozent belässt. Ste- hen zur selben Zeit noch Investitionen ins Haus an oder tauchen andere Belas- tungen auf, wird es "inanziell eng. Immobilienkäufer sollten also mög- lichst großzügig tilgen. Nach Angaben des Finanzdienstleisters Dr. Klein liegt der durchschnittliche Tilgungssatz der- zeit bei 2,83 Prozent. Einige Banken bie- ten sogar sogenannte Volltilgerdarlehen an (siehe die beiden linken Tabellen). Sie eignen sich "ür ambitionierte Eigen- tümer, die ihren Schuldenberg ganz schnell abtragen wollen. Die Tabellen zeigen, dass der Kreditnehmer jeden Mo- nat eine üppige Rate überweisen muss. Da"ür hat sich das Thema Schulden be- reits nach 15 oder 20 Jahren erledigt. Ei- Annuitätendarlehen Dieser Klassiker ist in der Regel der wichtigste Baustein einer Finanzierung. Dabei handelt es sich um einen Immobilienkredit mit gleichbleibenden Raten aus Zins und Tilgung. Die üblichen Laufzeiten liegen zwischen fünf und 20 Jahren. Wäh- rend der Laufzeit müssen sich die Dar- lehensnehmer keine Gedanken über Zinserhöhungen machen. Zahlreiche Kreditgeber erlauben pro Jahr eine Sondertilgung von fünf bis zehn Pro- zent der Nettodarlehenssumme, und zwar ohne Aufpreis. Das sorgt für etwas Flexibilität. Volltilgerdarlehen Bei dieser Variante zahlt der Kunde das Geld bis zum Ende der Laufzeit komplett zurück. Einer- seits ein ehrgeiziges Ziel, andererseits schafft das Sicherheit. Wer solch ein Darlehen nutzt, muss sich keine Gedan- ken über eine Anschlussfinanzierung machen. Dafür müssen die Kreditneh- mer meist hohe Tilgungen und Monats- raten zahlen und auf Flexibilität verzich- ten. Der Zins liegt im Gegenzug etwas unter dem Marktzins. Cap-Darlehen Flexibler geht es kaum. Diese Art Darlehen passt sich alle zwei bis drei Monate dem aktuellen Zinsni- veau an. Außerdem kann ein Kreditneh- mer Sondertilgungen in jeglicher Höhe leisten. Dank des Caps, der Deckelung, können die Zinsen nicht ins Unermess- liche steigen. Interessenten sollten je- doch wissen, dass diese Sicherheit wie- derum Zinsaufschläge kostet. Kombi-Darlehen Ein Teil des Kredits wird langfristig fest mit einem Zins gebunden, der Restbetrag über ein vari- ables Darlehen finanziert. Bei Letzte- rem richtet sich die Höhe des Zinssat- zes nach dem sogenannten Drei-Mo- nats-Euribor. Doch aufgepasst! Diese Darlehen sollte man nicht mit den Kombi-Krediten der Bausparkassen verwechseln. Die bestehen nämlich
€URO 09|1974 10 Fragen zu Der Goldpreis hat in den vergangenen zwölf Monaten über 20 Prozent zugelegt, seit Juni geht es besonders steil aufwärts. Doch woran liegt das? Geht das so weiter? Und wie kann man in Gold investieren? €uro klärt die wichtigsten Fragen VON ANDREAS HÖSS BILD: PETER HERMUS/BEELDBEWERKING/ISTOCKPHOTO [M]Der Goldpreis hängt hauptsächlich von einem Faktor ab: dem Finanzmarkt. Es wandert zwar mehr Gold in die Indus- trie oder in die Schmuckherstellung, aller- dings erwerben diese das Edelmetall rela- tiv konstant und verlässlich. Private An- leger werfen hingegen manchmal viele Tonnen auf den Markt oder kaufen diesen in kurzer Zeit panisch leer. Das macht sie zum Zünglein an der Waage. In den ver- gangenen Monaten war die Goldnachfrage von Investoren enorm. Allein im Juni kauf- ten Indexfonds weltweit fast 130 Tonnen, so viel wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise in Europa vor sieben Jah- 1 Warum ist der Goldpreis so stark gestiegen? ren. Damit hievten sie die Notierungen erstmals seit 2013 wieder über die Marke von 1500 US-Dollar je Feinunze (siehe Gra- fik). Der Hintergrund der Käufe: Panik im Finanzsystem. Gold gilt als Angstwäh- rung und Krisenmetall, sein Kurs steigt, wenn die Unsicherheit an den Börsen zu- nimmt. Das tut sie im Moment, denn es gibt zahlreiche Krisenherde. Die beschränken sich nicht nur auf politische Problemfelder wie den immer weiter eskalierenden Han- delskrieg, den möglicherweise chaotischen Brexit oder den brandgefährlichen Konflikt mit dem Iran. All diese Ereignissen können große Auswirkungen auf die ohnehin schwächelnde Weltwirtschaft und auf die Finanzmärkte haben. Auch die Finanzsta- bilität scheint durch die hohen Schulden- Stichtag: 01.08.2019; Quelle: World Gold Council Faktor Mensch Der Goldpreis hängt von der Nachfrage an den Finanzmärkten ab '04 '10 '12 '14 '16 '18 Goldbestände in Index- fonds in Tonnen (links) Goldpreis in US-$/Unze (rechts)3000 2500 2000 1500 1000 500 0 1600 1200 800 400 0
€URO 09|19 75 Börse & Investments Gold Geht es nach den eingefleischten Goldfans, ist ein weiterer Anstieg des Gold- preises ausgemachte Sache. Allerdings geben diese meist keine konkreten Preisprognosen mehr ab – einfach weil sich ihre euphorischen Schätzungen in den vergangenen Jahren nicht erfüllt haben. Im Gegenteil, selbst nach der jüngsten Preisexplosion kostet eine Unze Gold etwa ein Viertel weniger als im Rekordjahr 2011. Dass dieser Rückstand schnell aufgeholt wird, halten die meisten Experten für unrealistisch. So erwarten die vom Datendienst Bloomberg befragten Analys- ten im Schnitt, dass eine Unze Gold im zweiten Quartal 2020 knapp 1420 Dollar kostet. Das wäre minimal weniger als momentan – eine eher ernüchternde Per- spektive für Goldanleger. Die tiefste Prognose liegt bei 1325 Dollar, die höchste bei 1500 Dollar. Für steigende Goldpreise spricht, dass zehnjährige US-Staatsanleihen mit 1,7 Prozent nur noch knapp über der US-Inflationsrate von derzeit 1,6 Prozent rentieren. Fallen die Renditen weiter, verliert man mit US-Anleihen nach Abzug der Inflation also Geld. Bei Eurozonen-Papieren ist das längst der Fall. Historisch gese- hen hat sich Gold in Zeiten mit solchen sogenannten negativen Realzinsen meist verteuert. Ob die Notenbanken ihre Geldpolitik weiter lockern und die Zinsen sen- ken, hängt davon ab, ob aus der Krisenstimmung in der Wirtschaft und an den Fi- nanzmärkten tatsächlich eine veritable Krise wird. Passiert das, wird der Goldpreis davon profitieren. Entspannt sich die Lage aber, dürfte er fallen oder stagnieren. Dafür sollten dann die Aktienmärkte von großen Rückschlägen verschont bleiben. 2 Geht der Preisanstieg weiter? berge wieder in Gefahr. Verlieren Investo- ren zum Beispiel den Glauben an die Zah- lungsfähigkeit Italiens, dessen Regierung zerbricht und dessen Wirtschaft nicht auf die Beine kommt, könnte das die Eurozone erneut in eine Existenzkrise stürzen. Rü- ckenwind bekommt der Goldpreis vor al- lem aber durch die Notenbanken. Und das nicht nur, weil sie ihre Goldreserven seit Jahren aufstocken. Die US-Notenbank hat gerade erstmals seit der Finanzkrise wie- der die Zinsen gesenkt, andere könnten nachziehen. Das drückt in großen Teilen der Welt die Renditen von Anleihen nach unten und nimmt Gold einen seiner großen Nachteile – dass es weder Zinsen noch Dividenden abwirft und somit für Investo- ren eigentlich nicht lukrativ ist. Bleiben die Zinsen lange niedrig, wie es derzeit wie- der scheint, ist das gut für Gold. ➝
€URO 09|1976 Börse & Investments Gold Sieben Währungen in 150 Jahren: Bei so vielen Währungsschnitten ist es viel- leicht kein Wunder, dass die Deutschen wenig Vertrauen in ihr Geld haben. Be- sonders die Hyperinflation in den 1920ern, als Deutschland dem Goldstandard kurz den Rücken kehrte, hat das dumpfe Gefühl hinterlassen, dass Geld nicht mehr wert ist als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Für kurze Zeit war das auch so: Kin- der bauten 1923 mitunter Türme aus Geldscheinen (Foto). Gold gilt seither dagegen als Stabilitätsanker, weil es nicht an Wert verlor. Noch heute halten 70 Prozent der Bundesbürger das Edelmetall laut einer Forsa-Umfrage für eine sichere Geldanlage, die Deutschen horten etwa 9000 Tonnen Gold – mehr als die US-Notenbank. Die Bundesbank besitzt zudem die zweitgrößten Goldreserven weltweit. Sie stammen aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Damals überschrieben die USA der jungen Exportnation Goldbestände, um das durch den Kauf deutscher Waren entstandene Bilanzdefizit auszugleichen. Die wachsenden Reserven waren Ausdruck der wieder- erlangten nationalen Stärke, was das Image des Edelmetalls weiter aufpolierte. Jein. Für die ägyptischen Pharaonen war Gold zunächst ein Kult- und Schmuck- gegenstand. Unter dem Lyderkönig Krösus wurde es dann im 6. Jahrhundert vor Chris- tus erstmals zum Zahlungsmittel und setzte sich fortan fast überall auf der Welt durch. Im Lauf der Zeit trat jedoch das praktische- re Papiergeld Schritt für Schritt seinen Siegeszug an. Völlig bedeutungslos wurde Gold aber nie. Auch das internationale Währungssystem war bis weit in das 20. Jahrhundert mit Goldreserven hinter- legt, erst 1973 wurde der Goldstandard ab- geschafft. Heute sind zwar die Goldmünzen der Bundesbank, Wiener Philharmoniker in Österreich, kanadische Maple Leaf oder American Eagle in ihren Ländern offizielles Zahlungsmittel. Mit ihnen beim Metzger Wurst zu kaufen, wäre allerdings ein schlechtes Geschäft: Die Unzen-Münze der Wiener Philharmoniker (Foto) hat in Öster- reich einen staatlich garantierten Nennwert von 100 Euro, das dort verarbeitete Gold ist aber im Moment über 1300 Euro wert. Ob dieser Materialwert gerechtfertigt ist, ist umstritten. Fans schreiben Gold einen inne- ren Wert zu, da es nur in begrenzter Menge zur Verfügung steht und schwer aus dem Boden zu holen ist. Das gesamte in der Menschheitsgeschichte geförderte Gold passt in einen Würfel mit einer Kantenlänge von nur 20 Metern. Skeptiker entgegnen, dass Gold nicht mehr als ein nutzloses Me- tall ist. Wie beim Papiergeld beruhe sein Wert lediglich darauf, dass die Menschen daran glauben, dass es viel wert sei. 3 Ist Gold Geld? Warum sind die Deutschen solche Goldfans?4 Sollte man Gold im Depot haben?5Klares Ja. Gold gehört in jedes breit aufgestellte Depot – und das, ob- wohl es weder Zinsen garantiert noch Dividenden abwirft. Dafür hat das Edelmetall eine andere gute Eigen- schaft: Sein Preis steigt, wenn die Ak- tienkurse einbrechen, was es zu einer Art Depotversicherung in Finanzkri- sen macht. Deshalb hält zum Beispiel auch Fondsmanager Bert Flossbach in seinem milliardenschweren Misch- fonds Multiple Opportunities neben Aktien und Anleihen rund zehn Pro- zent Gold. Viel größer sollte der Edel- metallanteil im Portfolio aber nicht sein, raten Experten. Denn der Gold- preis ist weniger stabil als gemeinhin vermutet: Nach seinem Rekordhoch 2011 brach er um mehr als 40 Prozent ein. In ruhigen Zeiten ist die Depot- versicherung also wie jede andere Versicherung: Sie kostet viel Geld. BILD: COININVEST GMBH/WIKIPEDIA (CC BY-SA 4.0), WORLD HISTORY ARCHIVE/UNITED ARCHIVES/MAURITIUS IMAGES, DEM10/ISTOCK, MILKOS/ISTOCKPHOTO
€URO 09|19 77 7 6 Worauf muss man bei Goldkäufen aufpassen? Wie lege ich am besten in Gold an? Wer physisches Gold kauft, muss sicher sein, dass er keine Fälschungen ange- dreht bekommt oder mit Mondpreisen über den Tisch gezogen wird. In windigen Internetshops kann das passieren. Große Goldhändler sind hin- gegen über solche Zweifel erhaben, wie der jähr- liche Test in unserem Schwestermagazin €uro am Sonntag (Ausgabe 41/2018) zeigt, bei dem Kriterien wie Preise oder Sicherheit bewertet werden. Dort landeten zuletzt GoldSilberShop.de, Degussa, Philoro, Coininvest und ESG auf den vorderen Plätzen. Doch auch beim Einkauf dort sollten Kunden die anfallenden Handelskosten beachten. Kauft man Gold in kleinen Gramm- barren, zahlt man fast ein Viertel mehr als den aktuellen Goldpreis, bei einer Unze sind es im- mer noch bis zu drei Prozent. Bei Münzen können die Aufpreise minimal höher liegen, was mit dem größeren Produktionsaufwand zu tun hat. Ver- kauft man Gold, muss man hingegen meist einen Abschlag hinnehmen. Ein ebenfalls oft unter- schätzter Faktor beim Goldhandel ist das Wäh- rungsrisiko. Gold wird an der Börse in Dollar ge- handelt, auch die Berichterstattung bezieht sich oft auf den Dollar-Preis. Für deutsche Goldbesit- zer ist beim Kauf und Verkauf aber nur der Euro- preis relevant – und der kann stark abweichen. Seit 2018 ist der Goldpreis in Euro stärker gestie- gen als in Dollar (siehe Chart), doch das ist nicht immer so. Deshalb genau nachrechnen, ob man trotz in Dollar gestiegener Notierungen nicht doch mit Verlust verkauft. Dieses Risiko besteht nicht nur bei physischem Gold, sondern auch bei den meisten Finanzprodukten auf Gold. Laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale Hessen hat Sicherheit für Goldkäufer höchste Priorität. Neun von zehn Befragten konnten sich Goldkäufe nicht zuletzt des- wegen vorstellen, weil „Gold weiterhin einen Wert hat, auch wenn das Finanzsystem zusammenbricht“. Wer sich mit Gold wirklich gegen einen Kollaps des Finanzsystems wappnen will, sollte physisches Edelmetall kaufen. Allerdings keine Sammlermünzen etwa aus römischer Zeit, sondern Barren oder Anlagemünzen (Krügerrand, Philharmoniker, American Eagle etc.). Doch Vorsicht: Je kleiner die erworbene Einheit, desto größer die fälligen Handelskosten (siehe Frage 7). Zudem muss Gold irgendwo verwahrt werden. Wer Banken nicht traut, für den bleibt nur der eigene Tresor – sofern er einen hat. Zudem bieten große Goldhändler wie Degussa oder Pro Aurum Schließfächer, doch die kosten. Physisches Gold hat also auch viele Nachteile. Unkomplizierter sind Finanzprodukte, die das Auf und Ab des Goldpreises abbil- den. Sie eignen sich für Anleger, die Extremereignisse wie Währungsschnitte oder einen Kollaps des Finanzsystems für unwahrscheinlich halten, ihr Portfolio aber diversifizieren und so die Auswirkungen möglicher Börsencrashs etwas abfe- dern wollen. Sie können in sogenannte ETCs investieren, die mit physischem Gold hinterlegt sind. Die bekanntesten sind Xetra-Gold (ISIN: DE 000 A0S 9GB 0) und Euwax-Gold II (DE 000EWG 2LD 7). Das in Tresoren verwahrte Gold kann man sich jederzeit ausliefern lassen. Allerdings ist die Liefe- rung mit hohen Kosten verbunden, weshalb sie kaum in An- spruch genommen wird. Daneben gibt es noch Aktien von Goldförderern. Wegen des Goldpreisanstiegs haben diese Minenaktien stark zugelegt, der Market Access Gold Bugs ETF (LU 025 932 226 0) ist seit Jahresbeginn 40 Prozent im Plus. Doch Goldförderung ist ein schwieriges und riskantes Geschäft. Die Papiere schwanken extrem, der ETF brachte auf Sicht von zehn Jahren rund 25 Prozent Minus. Sparpläne auf Gold sind nur selten ein gutes Angebot. Hier gibt es viele unseriöse Angebote. Und selbst bei seriösen Offerten werden gern hohe Handelsgebühren und Lagerkosten verlangt, was die meisten Edelmetall-Sparpläne zur Kostenfalle macht. Stichtag: 08.08.2019; Quelle: Bloomberg Getrennte Wege Gold entwickelt sich in Euro und US-Dollar unterschiedlich Gold in € Gold in US-$ 25 20 15 10 5 0 -5 2017 2018 2019 Wertentwicklung in % ➝
€URO 09|1978 Börse & Investments Gold Nur, wenn es um die Optik geht. Der Rapper Jordan Houston trägt hier zum Beispiel einen „Grill“ genannten Zahnschmuck (Foto). Anders als üblich ist der nicht mit Gold, sondern mit Diamanten besetzt – sieht auch chic aus. Als Krisenversicherung für die Geldanlage eignen sich Preziosen wie Diaman- ten, Silber, Platin und Palladium hingegen nicht. Der Silberpreis entwickelt sich noch am ehesten ähnlich wie der Goldpreis. Er schwankt aber stärker, zu- dem wird Silber öfter in der Industrie genutzt, weshalb die Notierungen mehr von der Wirtschaftslage als von Faktoren wie der Finanzmarktpanik abhän- gen. Bei Platin und Palladium, die etwa in Autokatalysatoren verbaut werden, ist das genauso. Sie sind keine gute Absicherung gegen die Auswirkungen von Wirtschafts- und Finanzkrisen. Von Diamanten als Geldanlage sollte man komplett die Finger lassen. Sie verlangen enorme Expertise, die Preise hän- gen von Faktoren wie Qualität, Seltenheit, Farbe oder Verarbeitung ab. 10 Sind andere Edelmetalle eine Alternative zu Gold? Barren und Münzen sind beim Kauf von der Mehrwertsteuer befreit. Ausnah- me: Sammlermünzen, die vor dem 19. Jahr- hundert geprägt wurden. Auch mögliche Gewinne werden unterschiedlich gehand- habt. Bei physischem Anlagegold sind sie nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Wer vor dem Ende der Spekulationsfrist mit Gewinn veräußert, zahlt darauf jedoch den persönlichen Einkommensteuersatz. Finanzprodukte, die dem Goldpreis folgen, sind ebenso steuerfrei, sofern sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie müssen zu min- destens 95 Prozent mit physischem Gold besichert sein, und Anleger müssen sich ihr Kapital jederzeit grammgenau in Gold ausliefern lassen können. Das ist laut Urteilen des Bundesfinanzhofs bei Xetra- Gold der Fall und gilt auch für vergleich- bare Wertpapiere wie EuwaxGold II. Für Erträge aus nicht physisch hinterlegten Goldzertifikaten, Gold-Investmentfonds oder Goldminenaktien fallen hingegen un- abhängig von der Haltedauer 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich 5,5 Prozent Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer an. 9 Wie wird Gold besteuert? Eher nicht. Gold stammt oft aus Asien, Afrika oder Südame- rika und wird unter schwierigen Bedingungen geschürft. Zwar haben die großen Minengesellschaften ihre Arbeits- und Umweltstandards erhöht, außerdem meiden sie Bürgerkriegs- gebiete mittlerweile weitestgehend. Wirklich sauber ist der Ab- bau aber nicht – schon deshalb, weil mindestens ein Viertel des weltweit geförderten Goldes aus unregulierten Klein- und Kleinst- minen stammt (Foto: Kleinstmine in Dunkwa, West-Ghana). Man- che Raffinerien nehmen es offenbar mit Ethikstandards nicht so genau. Sie schmelzen auch Gold aus Konfliktregionen ein und verkaufen es mit „sauberem“ Herkunftssiegel (siehe Seite 128). Auswege bieten rein aus Recycling gewonnenes Gold und Fair- trade-Gold. Beides gibt es ohne großen Aufpreis etwa bei ESG Edelmetall-Handel, bisher wird es aber nur selten verkauft. 8 Kann man Gold mit gutem Gewissen kaufen? BILD: BRIAN SNYDER/REUTERS, HEREWARD HOLLAND/REUTERS
