Mikki Daughtry / Rachael Lippincott All This Time Lieben heißt unendlich sein Roman Aus dem amerikanischen Englisch von Nina Frey OceanofPDF.com

Für alle, die jemals eine Marley hatten. Lasst sie niemals los. M. D. Für Mikki R. L. OceanofPDF.com

Kapitel 1 Das Armband liegt mir schwer in der Hand. Ich habe es bestimmt schon tausendmal angesehen, aber ich will sichergehen, dass es auch perfekt ist, dass nicht noch irgendwas dran gerichtet werden muss. Ich hatte überlegt, ein zarteres, zierlicheres Armband zu kaufen, wie Kimberly sie sonst trägt, aber irgendwas an dem hier hat mich angesprochen, mit seinen robusten, reißfesten Bindegliedern, genau wie unsere Beziehung … meistens jedenfalls. Als ich das Armband vor ein paar Monaten bestellt habe, sollte es ein Geschenk zu unserem Schulabschluss sein, kein »Tut mir leid vertragen wir uns wieder«-Geschenk, aber in letzter Zeit ist Kimberly so in sich gekehrt. Abweisend. Genau wie sonst, wenn wir Zoff haben. Obwohl wir, soweit ich weiß, momentan gar keinen Zoff haben und ich noch nicht mal weiß, wofür ich mich hiermit eigentlich entschuldige. Mit einem tiefen Seufzer blicke ich in den Hoteltoilettenspiegel, prüfe noch mal nach, ob keine der Klokabinen besetzt ist. Mit gerunzelter Stirn fahre ich mir durch das braune Durcheinander auf meinem Kopf, um es so glatt zu kriegen, wie Kim es mag. Nach ein paar gescheiterten Anläufen werfen mein Haar und ich das Handtuch und ich konzentriere mich lieber noch ein letztes Mal auf das Armband. Die glänzenden Anhänger klimpern, untermalt vom gedämpften Partylärm meiner Abschlussfeier jenseits der Tür. Vielleicht rückt Kim ja endlich damit raus, was eigentlich los ist, wenn sie das Armband sieht. Oder vielleicht küsst sie mich auch einfach und sagt mir, dass sie mich liebt, und das Problem hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Ist auch

möglich. Ich nehme die sechs Anhänger genauer unter die Lupe. Einer für jedes Jahr, das wir zusammen sind. Ich hatte echt ein Glück, dass mir jemand auf Etsy mit dem Entwurf geholfen hat, weil mein künstlerisches Talent gleich null ist. Das hier ist mehr als ein Armband. Es ist unser gemeinsames Leben. Mein Daumen streicht langsam über unsere Geschichte, und einige der Anhänger fangen das Licht und strahlen mich an. Ein Paar petrol-weiße Pompons, wie sie Kimberly als Cheerleader- Kapitänin in der Hand hielt, als ich sie gefragt habe, ob sie offiziell mit mir gehen will. Eine winzige Champagnerflöte, sogar mit winzigen Diamantbläschen am Rand, als Erinnerung an meine pompöse Einladung zum Abschlussball vor ein paar Monaten, als ich sie mit einer von meiner Mutter geklauten Champagnerflasche überraschte. Meine Mutter hat mir dafür Hausarrest bis in alle Ewigkeit verpasst, aber Kimberlys Blick beim Korkenknallen war es wert. Beim wichtigsten Anhänger halte ich inne, genau in der Mitte des Armbands. Ein silbernes Tagebuch, samt echtem Verschluss. Damals in der Mittelstufe hatten wir gerade bei ihr zu Hause in der Küche beim Lernen gesessen, als sie auf die Toilette verschwand. Ich zog heimlich ihr rosa Tagebuch aus ihrem Rucksack und schrieb »ich ♥ dich« auf die ersten drei freien Seiten. Als sie es entdeckte, brach sie in Tränen aus und dann in wütende Vorwürfe. »Hast du meine ganzen Geheimisse gelesen?«, brüllte sie mich an, ein Bild der Anklage mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger und dem Buch, das sie sich an die Brust gedrückt hielt. »Nein!« Ich kam auf meinem Hocker zu ihr hingerollt. »Ich fand’s nur irgendwie … keine Ahnung. Romantisch?«

Sie stürzte sich auf mich. Ich ließ mich von ihr zu Boden werfen, weil es so wahnsinnig aufregend war, ihr hübsches Gesicht so nahe an meinem zu haben, und als sich unsere Blicke trafen, schien ihr Zorn endlich zu verpuffen. »War es auch«, sagte sie und dann sank ihr Mund zögerlich auf meinen. Unser allererster Kuss. Mein allererster Kuss. Vorsichtig öffne ich den winzigen Anhänger und wende seine zarten Silberseiten, drei an der Zahl, auf denen steht: »ich ♥ dich«. Wir werden wahrscheinlich immer unsere kleinen Zwistigkeiten haben, aber unserer Liebe tut das keinen Abbruch. Lächelnd betrachte ich die freien Glieder des Armbands, die nur darauf warten, mit mehr Leben, mehr gemeinsamen Erinnerungen behängt zu werden. Eins für jedes Jahr, das wir an der UCLA, der Uni von Kalifornien, verbringen werden. Und danach werde ich ihr ein neues Armband schenken. Die Toilettentür fliegt auf, knallt laut gegen den Stopper in der Wand. Hastig lasse ich das Armband in sein Samtbett fallen, bevor eine ganze Horde Jungs aus dem Basketballteam hineingeprescht kommt, ein Chor aus »Kyle, was geht?« und »Schule aus, Baby!«. Ich grinse in die Runde und lasse die Schachtel zurück in meine Anzugjacke gleiten. Dabei streifen meine Finger den Flachmann mit Jack Daniel’s in meinem Hosenbund, Phase eins meines Plans, meine beiden besten Freunde von dieser offiziellen Schulabschlussparty wegzulotsen und stattdessen lieber unseren Stammplatz am Teich aufzusuchen und stilgerecht zu feiern. Aber erst mal … muss ich ihr dieses Kettchen überreichen. Ich verlasse die Toilette und folge dem kurzen Korridor zum überfüllten Festsaal des Super-Nobelhotels. Beim Eintreten muss ich unter einem Meer aus Ambrose-High-petrol- weiß-gestreiften Ballons durch, von denen bereits ein paar entkommen konnten und sich unter die hohe Gewölbedecke geflüchtet haben. In der der

Mitte des Saals baumeln Hunderte Luftschlangen von einem riesigen Banner, von dem es brüllt: »HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM ABSCHLUSS!« Der Lärm überrollt mich wie eine Welle, die aufgeputschte »WIR HABEN’S GESCHAFFT«-Energie quillt aus jeder Ecke. Ich versteh’s nur zu gut. Nach diesem letzten Jahr bin ich so was von überbereit, dem Ganzen hier den Rücken zuzukehren. Ich bahne mir den Weg durch völlig willkürliche Menschengruppen. Ein Gang über die Bühne scheint alles beiseitegefegt zu haben, was heute früh noch so wichtig zu sein schien. Welchen Sport man machte. Welche Noten man hatte. Wer einen zum Ball gefragt hatte und wer nicht. Was für Noten man hatte. Die Frage, warum Mr Louis es schon das ganze Halbjahr auf einen abgesehen hat. Plötzlich flirtet Lucy Williams, die Jahrgangssprecherin, mit Kiffer Michael Dillon, der zweimal die Zehnte wiederholt hat, während die Mathe-Decathlon-Leiter gemeinsam mit zweien meiner Teamkumpel aus der Angriffsreihe anstehen, um hinter der Bar ein Bier zu ergattern. Heute Abend sind wir alle gleich. »Hey, Kyle.« Eine Hand fällt ein bisschen zu fest auf meine schlechte Schulter. Ich unterdrücke eine Grimasse. Hinter mir steht Matt Paulson, der netteste Typ auf diesem Planeten, weshalb es mir doppelt so schwer auf der Seele liegt, ihn dermaßen zu hassen. »Ach, ’tschuldige«, sagt er, als ihm aufgeht, auf welcher Schulter seine Pranke gelandet ist, und reißt sie hastig weg. »Hast du schon gehört, dass ich im Herbst aufs Boston College gehe, Football-Stipendium?« »Ähm, ja«, sage ich und versuche, die schon bekannte aufwallende Eifersuchtswelle aufzuhalten. Er kann nichts dafür, ermahne ich mich. »Gratuliere, Mann.« »Weißt du, wenn du das Team zu Saisonbeginn nicht so geleitet hättest, wäre ich denen nicht mal ansatzweise aufgefallen. Du warst so ein irre guter

Quarterback. Hätte ich nicht so viel von dir gelernt, hätte ich das Stipendium nie bekommen«, reibt er ahnungslos weiter Salz in die Wunde. »Aber es tut mir leid, dass es passiert …« »Schon gut«, falle ich ihm ins Wort und strecke ihm die Hand hin, um nicht wie ein Arschloch rüberzukommen. »Viel Glück nächstes Jahr.« Dann lasse ich schnell los und mache mich eiligen Schritts davon, um möglichst schnell möglichst weit von ihm wegzukommen. Gerade gibt es nur einen Menschen, den ich sehen will. Bei der Bar bleibe ich stehen und mache einen langen Hals, um die Menge nach Kim abzusuchen, schweife erfolglos von einer Person zur nächsten. »Hors d’œuvre?«, fragt eine Stimme neben mir. Neben mir steht ein Mann mit einem Tablett voller Appetithäppchen, formlose Klümpchen auf einem glänzend weißen Teller. Er schenkt mir ein künstliches Lächeln, hinter dem es nur so schreit: Noch zwei Stunden bis Feierabend. Ich sehe das Owls-Creek-Logo auf seinem Hemd, das einzige Restaurant weit und breit, das in Feinschmeckerführern wegen seiner »hippen und zeitgemäßen Küche« auftaucht. Scheinbar hat sogar Gordon Ramsay dort gegessen und nichts groß zu meckern gehabt. »Warum nicht?«, grinse ich, schnappe mir eins und schiebe es mir ganz in den Mund, bevor er seine Runde fortsetzt. Ich bereue es sofort. Ist das ein Shrimp? Gummi? Wie zum Henker kann etwas so zäh sein? Und woher kommt der Geschmack nach uraltem Schinken? Offensichtlich hat Gordon keinen dieser Fleischklumpen vorgesetzt gekriegt. Ein prüfender Blick links und rechts und ich ducke mich, um ihn in die schwarze, vom Kellner mitgelieferte Miniserviette zu spucken, als es neben

mir aufblitzt. Ich halte die unbeshrimpte Hand nach oben, völlig geblendet, und als die schwarzen Pünktchen vor meinen Augen verschwinden, erscheinen statt ihrer warme braune Augen und hohe Wangenknochen, die meinen sehr ähnlich sehen. Sie trägt ihr weißes Lieblingsblumenkleid und grinst breiter als das Handy vor ihrem Gesicht. »Mom, hör au …«, will ich gerade sagen, aber sie drückt schon wieder auf den Auslöser und ein weiterer Blitz demoliert meine Netzhaut. »Weißt du, wenn du weitermachst mit den peinlichen Fotos, dann schalt wenigstens den Blitz aus. Du musst mir ja nicht gleich das Augenlicht rauben.« »Oh, die Insta-Mädels werden das hier lieben«, sagt sie mit einem durchtriebenen Grinsen und tippt mit schmalen Augen auf ihrem Display herum. »Mom. Das wird nicht gepostet«, sage ich und gehe zum Angriff über. Ich schlinge den Arm um sie, ein Ablenkungsmanöver, um ihr das Handy zu entwenden. Dabei erhasche ich einen Blick auf das Foto: das Gesicht schreckensverzerrt, die Augen halb zu, ein Gummishrimpklumpen bahnt sich den Weg von meiner Zunge in die Cocktailserviette. Nur über meine Leiche kriegen die »Insta-Mädels« das zu sehen. Oder überhaupt irgendwer. Kim würde das auf ewig gegen mich verwenden. Dank der Umarmung lockert sich ihr Griff und ich nehme ihr das Handy ab, um das Bild zu löschen. »So, das können Sie sich abschminken, werte Dame.« »Na schön«, sagt sie mit aufgesetzt beleidigtem Gesicht und die rosa geschminkten Lippen ziehen sich besonders eindrucksvoll nach unten. »Brich deiner alten Mutter nur das Herz. Rein gar nichts wird einem gegönnt.«

Ich lache, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und umarme sie noch mal, jetzt aber richtig und im sorgfältig berechneten Winkel, damit sie den Flachmann in meinem Hosenbund nicht spürt. »Du hast doch mich, hm?« Sie seufzt dramatisch auf. »Das hab ich wohl.« Der dicke Stoff meiner Anzugjacke lässt ihre Stimme dumpf klingen. »Hey.« Sie macht sich los und grinst mich an. »Warum bist du alleine? Hast du ihr das Armband schon gegeben?« Mein Herz wummert, genau wie früher vor einem Footballspiel. »Ich warte noch auf den richtigen Moment«, sage ich mit einem schnellen, schweifenden Blick. »Hast du sie irgendwo gesehen?« »Vor ein paar Minuten mit Sam vor der Terrasse.« Sie nickt nach rechts, zu den riesigen Glastüren, die uns von der monströsen, steingefliesten Terrasse zum Hotelgarten hinaus trennen. Dann langt sie sanft nach oben, um mir den Krawattenknoten zu richten, mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln. Ein Windsorknoten – nicht, dass ich noch andere Varianten auf Lager hätte. Aber sie hat damals in der Siebten einen ganzen Vormittag damit zugebracht, den Knoten zu lernen, um ihn dann mir beibringen zu können. Das war der erste Schulball, zu dem ich mit Kim gegangen bin. Mom war bei allem dabei. »Meinst du wirklich, es gefällt ihr?«, frage ich. Ich war mir so sicher, als ich es in Auftrag gegeben habe, aber jetzt … »Absolut.« Sie tätschelt mir sanft das Gesicht. Beruhigt reiche ich ihr das Handy zurück. Riesenfehler. Sie schnappt es sich und hat gleich zwei weitere Fotos geschossen, immer noch mit Blitz, der mir jetzt auf der Netzhaut brennt. Ich versuche mich an einem giftigen Blick, aber sie grinst mich so unschuldig an, dass die Krähenfüße tanzen, und ich scheitere kläglich. Heute Abend verdirbt mir nichts die Laune, noch nicht mal die Rundumdokumentation meines Lebens vonseiten meiner Mutter.

Also werfe ich das Zahnpastagrinsen an, posiere für ein letztes Foto, und als sie ihren Willen hat, kann ich endlich Kim suchen gehen. Die zusammengeknüllte Serviette landet auf dem Weg zur Terrasse in einem Mülleimer. Hinter der Scheibe sieht der Himmel dunkel und bedrohlich aus. Normalerweise brauche ich nie so lang, sie zu finden. Sie hat immer dieses Feuer in sich, diese Anziehungskraft, mit der sie alle Leute an sich bindet. In der Schule muss ich mich auf dem Weg zu ihr oft durch eine ganze Menschenmenge kämpfen, also halte ich meist einfach Ausschau nach der größten Gruppe und dem Aufblitzen dieses ganz speziellen Blondtons, in dem jedes noch so geringe Licht eingefangen wird. So war es schon damals, als wir in der Dritten um die letzte freie Schaukel gekämpft haben. Ich dränge mich in die Menge, die sich vor mir teilt, aus jeder Richtung werde ich angestrahlt und abgeklatscht. »Ihre Artikel im Sportteil werden mir nächstes Jahr fehlen, Lafferty«, sagt Mr Butler, mein Journalismuslehrer, und klopft mir im Vorbeigehen auf den Rücken. Noch eine Erinnerung an die Zeit, in der ich auf der Bank gesessen und über die Spiele geschrieben habe, statt selbst mitzuspielen. Wo steckt sie nur? Die Discokugel an der Decke funkelt so sehr, dass man fast nichts erkennen kann. Ich will gerade mein Handy zücken und ihr eine Nachricht schreiben, als … Da! Ihr blonder Schopf lugt neben Sams breiten Schultern hervor, bewegt sich, als sie ihr Gewicht verlagert. Sie trägt ein enges Seidenkleid. Sie sieht wirklich unglaublich aus heute, das lange Haar fließt ihr nur so um die Schultern, die Augen leuchten blau, die geglossten Lippen glänzen. Aber als ich näher komme, sehe ich ihr ernstes Gesicht, die vertraute Falte, die sich beim Sprechen auf ihrer Stirn bildet, wie immer, wenn irgendwas in der Luft liegt. Diesen Gesichtsausdruck habe ich schon vor

einer Woche beim Abschlussball gesehen und heute Nachmittag bei den Abschlussfotos, aber immer, wenn ich nachfrage, ist er sofort verschwunden. Ich blicke von ihr zu Sam, sehe, wie er sich nervös mit den Fingern durchs dunkle Haar fährt. Sie müssen sich über die UCLA unterhalten, geht mir auf. Unigespräche. Meine Schultern entkrampfen sich. Kim und ich haben uns bereits eingeschrieben, aber Sam steht noch auf der Warteliste. Sam und ich haben immer davon geträumt, gemeinsam für die UCLA Football zu spielen, aber dank mir und meiner Verletzung ist das seit dem Homecoming-Spiel Geschichte. Ich hab uns da beide reingeritten. Seitdem ich auf der Ersatzbank geendet bin, hat Sam so viele Pässe versiebt und so oft nicht richtig geblockt, dass er fast so häufig auf der Bank saß wie ich. Als seine Football-Hoffnungen in den Keller gingen, hat er notenmäßig genauso einen Sturzflug hingelegt. Also hat Kim ihm geholfen, ein paar Essays zu schreiben und seine Anträge aufzuwerten, damit vielleicht doch noch was draus wird. Wenn es so weitergeht wie in den letzten Wochen, dann werden wir ihn dort ganz sicher brauchen. Nicht nur, dass er mir als Einziger im Chaos des letzten Jahres die Stange gehalten hat, er ist auch der Leim, der unser Dreiergespann zusammenhält. Er ist immer die Stimme der Vernunft gewesen, besonders, wenn Kim und ich uns in der Wolle hatten. Er ist derjenige, der immer die Wogen glättet, wenn es übel wird. Wenn er es reinschafft, können wir immer noch zu dritt an die UCLA gehen. Auch wenn wir nicht mehr auf dem Footballplatz stehen. Aber Kims Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sieht es gerade nicht danach aus. Ich gehe zu ihnen, schlinge Kimberly einen Arm um die Hüfte und gebe ihr einen Kuss. Sie erwidert ihn, doch es wirkt halbherzig.

»Was ist los? Stimmt was nicht?«, frage ich und schaue zwischen ihr und Sam hin und her. Sie küsst mich noch mal, diesmal entschiedener, wie zur Beruhigung, doch eine Antwort bleibt aus. Ich möchte nachhaken, doch dann schüttle ich die Beklemmung einfach ab. Heute Abend kann jeder irgendwelchen alten Mist abstreifen, da bekomme ich das ja wohl auch hin. Alles erst mal hinter sich lassen. Ich bin schließlich hier, um mit ihnen zu feiern. Nach einem prüfenden Rundumblick knöpfe ich meine Anzugjacke auf, um den reingeschmuggelten Flachmann zu enthüllen. »Wie wär’s, wir gehen zum Teich und …« Ich habe den Satz noch nicht mal beendet, als es auf der anderen Fensterseite aufblitzt und der ganze Himmel unter Strom steht. Das gedehnte Donnergrollen erschüttert sachte das Glas, aus dem mein Spiegelbild mir zitternd entgegenstarrt, doch Sam und Kimberly können auch in der Scheibe den Blick nicht voneinander reißen. »Nee, Mann«, sagt Sam. »Ich hab heute nicht so Bock, bei lebendigem Leib gegrillt zu werden.« »Ach, kommt schon«, sage ich, als die ersten fetten Regentropfen gegen die Scheiben klatschen. »Was ist los mit dir? Seit wann lässt du dich von ein bisschen schlechtem Wetter abhalten?« Ich haue ihm mit dem Handrücken gegen die Schulter. »Weißt du noch, der Schneesturm, als wir vor zwei Jahren Staatsmeister geworden sind? Meiner Erinnerung nach warst du da derjenige, der unbedingt an die Luft wollte. Ich glaub, ich hab immer noch Erfrierungen.« Sie sagen kein Wort. Die unbehagliche Stille macht mir eine Gänsehaut. »Was denn?« Ich versuche, Kims Blick zu erhaschen. Aber sie hat nur Augen für die Luftschlangen hinter meiner Schulter. So langsam dämmert mir, dass es hier nicht um Sams Bewerbung geht.

Meine Hand rutscht von ihrer Hüfte und ich rücke von ihr ab. »Was verschweigt ihr mir hier?« »Ich …«, setzt sie an und verstummt wieder. Sam wendet den Blick ab. Das Prasseln jenseits der Scheibe legt noch eins drauf. »Was denn?«, beharre ich und nehme ihre Hand, wie ich es immer tue. Ich blicke zu ihrem Handgelenk und denke an das Armband in meiner Anzugjacke, die Seiten dieses winzigen Silberbüchleins, in dem »ich ♥ dich« steht. Aber dann macht sie diese unruhigen Bewegungen, wie immer, wenn sie etwas sagen will, das mir nicht gefallen wird. Ich wappne mich, als sie endlich den Kopf hebt und mir direkt in die Augen schaut. Die Sturzbäche ertränken alle Stimmen bis auf ihre und endlich strömt die Wahrheit aus ihr heraus. »Kyle!«, höre ich Kim hinter mir rufen. Tropfen trommeln aufs Metallvordach des Hoteleingangs. Wie konnte sie nur? Nur dieser Gedanke, immer wieder und wieder, mit jeder Stufe, die ich nehme. Ich reiche dem Parkdiener gerade mein Ticket, da kommt Kimberly mir nachgerannt. Mir doch egal. »Warte, Kyle, bitte.« In dem Moment, als ihre Finger mich berühren, möchte ich mich instinktiv ihr zuwenden, doch ich reiße mich fort, schnappe dem Parkdiener den Schlüssel aus der Hand und trete in den Regen. »Bemüh dich nicht. Ich hab’s kapiert.« Sie folgt mir, möchte mir eine Erklärung liefern, auf die ich so was von keinen Bock habe. Wenn sie wirklich was hätte erklären wollen, dann hätte sie das schon vor Ewigkeiten tun sollen, statt es mir jetzt auf unserer Schulabschlussfeier vor den Latz zu knallen. »Ich hätte es dir sagen sollen, aber ich wollte dir nicht wehtun …«

Wieder zucken Blitze über den Himmel, ein lauter Donnerschlag bringt sie zum Schweigen und nimmt mir die Antwort ab. Ich fahre herum und betrachte sie. Ihr Kleid ist völlig durchgeweicht, das Haar hängt ihr schlaff und strähnig ums Gesicht. »Mir nicht wehtun?«, lache ich. »Indem du hinter meinem Rücken dein eigenes Ding durchziehst? Und mit meinem besten Freund Geheimnisse vor mir hast?« »Sam ist auch mein bester Freund!« »Du hast mir immer wieder ins Gesicht gelogen, Kimberly. Monatelang.« Ich entriegle meine Autotür und reiße sie mit solcher Wucht auf, dass sie fast zurückschnalzt. »Du darfst getrost davon ausgehen, dass du mir wehgetan hast.« Ich steige ein und knalle die Tür hinter mir zu. Berkeley. Das Wort dröhnt mir im Kopf herum, jede Silbe ist wie ein frischer Dolchstoß des Verrats. Berkeley. Berkeley. Sie hat sich beworben und es mir nicht mal gesagt. Sie hat noch zusätzliche Essays und aktualisierte Zeugnisse hingeschickt und schon vor Monaten die Zusage bekommen, und dann hat sie einfach beschlossen, mir was vorzumachen. Mir was vorzumachen, während wir unsere Wohnheime und Kurse rausgesucht und über die gemeinsamen Autoheimfahrten in den Semesterferien gesprochen haben, und die ganze Zeit über hat sie genau gewusst, dass sie nie an die UCLA gehen wird. Sam hat sie es erzählt. Warum nicht mir? Ich will hier nur noch weg, aber sie ist schon auf den Beifahrersitz gerutscht, bevor ich den Schalthebel aus der Parkposition gerückt habe. Ich halte kurz inne, möchte ihr sagen, dass sie aussteigen soll, aber ich bringe es nicht über mich.

Wir müssen das klären. Das Armband steckt immer noch in meiner Tasche. Ich trete aufs Gas und wir überqueren den Parkplatz und fahren auf die Hauptstraße, die Reifen rutschen beim Wenden auf dem nassen Boden. »Kyle«, warnt sie und schnallt sich an. »Mach langsam.« Ich schalte die Scheibenwischer auf die schnellste Stufe, doch auch die kommt nicht an gegen diese Regenwand, die auf die frisch beschlagene Windschutzscheibe peitscht. »Das ist doch völlig unlogisch. Wir planen das doch schon das ganze Jahr über. Du, ich, Sam. Unsere Pläne!« Ich wische mir vorne ein Guckloch frei. Meine Finger bleiben an dem winzigen Discokugel-Glückbringer am Rückspiegel hängen und versetzen ihn in Schwingung. Tja, eine gewisse Logik hat es vielleicht doch, auf Kimberly-Art. Ich denke an all die Gelegenheiten, bei denen sie sich in letzter Minute umentschieden und Sam und mich hängen gelassen hat. Wie damals, als sie in der Neunten den Schulball geschwänzt hat und stattdessen mit den Cheerleaderinnen der Schulauswahl ausgegangen ist, oder uns einfach mitten in einer bewerteten Gruppenarbeit sitzen gelassen hat, um stattdessen mit den Jahrgangsbesten zu arbeiten. Momente, die ich tief in mich hineingefressen habe, bis auf dann, wenn wir streiten, wie jetzt. »Du denkst dir nur: ›Scheiß drauf. Ich mach einfach, was ich will.‹ Genau wie immer.« Wieder ein Donnerschlag und der Blitz danach bricht sich im Silbergefunkel des Balls, verstreut sich im ganzen Wagen. »Was ich will? Ich mach nie das, was ich will. Wenn du mir einfach mal fünf verdammte Sekunden lang zuhören würdest!« Sie verstummt, als wir an der Straße zu meinem Haus vorbeifahren, dreht noch den Kopf in die Dunkelheit. »Du bist zu weit gefahren!« »Ich fahr zum Teich«, sage ich. In mir kreist der Gedanke: Sind wir erst mal dort, dann kann ich die Nacht noch retten. Dann kann ich uns noch retten.

»Stopp. Nein, tust du nicht. Der Teich ist grad ein Ozean. Bitte dreh irgendwo um.« »Du hast dir das schon eine ganze Weile überlegt, was?«, rede ich über sie hinweg. Ein Traktoranhänger prescht an uns vorbei, schwappt uns einen Wasserfall auf die Windschutzscheibe. Ich packe das Lenkrad fester, bremse ab, damit die Reifen wieder Grip bekommen. »Musst du ja wohl. Kim, du hättest einfach damit rausrücken können, dass du nach Berkeley willst, nicht an die UCLA. Ist ja nicht so, dass ich noch das Football-Stipendium hätte. Mir doch wurscht, wo wir hingehen, solange wir nur zusammen …« »Ich will nicht mit dir zusammen sein.« Die Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht. Ich reiße den Blick von der Straße, um sie anzusehen, dieses Mädchen, das ich seit der dritten Klasse geliebt habe. Gerade erkenne ich sie nicht mal ansatzweise. Wir haben schon oft genug »Schluss gemacht«, aber so noch nie. Kleine, dramatische Streitereien, die am nächsten Tag wieder vergessen waren wie ein Sommergewitter. Aber so was hat sie noch nie gesagt. »Ich meine …« Sie bricht ab und ihre Augen wenden sich von mir ab, werden groß. »Kyle!« Mein Blick schnappt wieder zur Windschutzscheibe, bekommt gerade noch mit, wie vor uns zwei gelbe Warnblinker aufleuchten. Ich trete voll auf die Bremse und das Auto rutscht unter uns weiter, ohne langsamer zu werden. Plötzlich habe ich keinerlei Kontrolle mehr, in welche Richtung wir fahren. Ich kämpfe dagegen an, versuche, einem Auto auszuweichen, das mitten auf unserer Spur liegen geblieben ist, umklammere fest das Lenkrad und versuche, mit der Rutschbewegung mitzugehen. Wie durch ein Wunder bekommen die Reifen gerade rechtzeitig wieder Grip und wir schlittern um das stehen gebliebene Auto herum.

Ich lenke auf den Seitenstreifen und bremse vorsichtig ab, mit hämmerndem Herzen. Um ein Haar. »Tut mir leid.« Ich atme tief durch, versuche, mich zu fassen, sehe nach rechts zu Kimberly, die aschfahl ist, erschüttert, und so heftig nach Atem ringt, dass die Kurve ihres Schlüsselbeins abwechselnd schärfer und stumpfer wird. Alles okay mit ihr. Aber nicht mit uns. Ich will nicht mit dir zusammen sein. »Heißt das …«, setze ich an, doch die Worte wollen nicht heraus, müssen sich nach oben kämpfen. »Heißt das, es ist Schluss?« Sie wendet sich zu mir und ihre Augen sind durch die Tränen noch viel blauer. Normalerweise würde ich ihr diese Tränen abwischen und ihr versichern, alles sei gut. Aber diesmal ist sie es, die es mir versichern muss. »Du musst mir zuhören«, sagt sie mit bebender Stimme. Ich nicke, der Beinahe-Unfall hat den Zorn weggefegt und durch etwas noch viel Heftigeres ersetzt. Angst. »Ich hör dir zu.« Ich beiße die Zähne zusammen, als sie sich sammelt, taste schon nach dem Glücksarmband in meiner Jacke, direkt über meinem jagenden Herzen. »Ich kenne mich nur als ›Kyles Freundin‹«, sagt sie schließlich. Ich starre zurück, völlig vor den Kopf gestoßen. Was soll das denn heißen? Sie seufzt, sieht meinen ungläubigen Ausdruck. »Als du dir die Schulter zerfetzt hast …« »Hier geht’s nicht um meine Scheißschulter«, sage ich und klatsche fest aufs Lenkrad. Hier geht’s um uns!

»Tut es wohl«, sagt Kimberly, ebenso frustriert wie ich. »Tut es sehr wohl, verdammt noch mal! Du hattest so viele Träume und du warst kurz davor, dass sie wahr werden!« Ihre Worte erwischen mich kalt, treffen da, wo’s wehtut. Phantomschmerz strahlt von meiner Schulter aus, völlig aus dem Nichts, und ich zucke zusammen. Ich kann den riesigen Lineman vor mir sehen, wie er auf mich zukommt. Die Ziffer 9 auf seinem Trikot, als seine Hand sich um meinen Wurfarm wickelt, mich zu Boden reißt. Dann – das übelkeiterregende Knirschen meiner Knochen und das Reißen meiner Bänder, sein Körper, der in mich hineinkracht. Spielentscheidende Würfe und Unistipendien und ein blau-gelbes Trikot mit meinem Namen auf dem Rücken. Alles Dinge, die schon in Reichweite waren. Mit einem Spielzug Geschichte. »Entschuldige«, sagt sie hastig, als sähe sie es auch vor sich. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn alles einfach verschwindet, die Scouts nicht mehr kommen, keine Stipendienangebote mehr …« Zähneknirschend konzentriere ich mich auf den Regen. Will sie mir hier noch mehr wehtun? »Warum reden wir darüber? Das hat nichts mit dir und mir zu tun …« »Kyle. Hör auf. Hör zu!« Ihre Stimme ist streng und bringt mich sofort zum Schweigen. »Ich habe dich geliebt.« In mir versteinert alles. Habe. Vergangenheitsform. Fuck. »Aber als du nicht mehr spielen konntest, hast du dich verändert. Du bist … keine Ahnung«, sagt sie, sucht nach dem Wort. »Du bist irgendwie so ängstlich geworden. Du hattest Angst, auch mal was zu riskieren, Angst, mal was anderes auszuprobieren. Und ich hab es dir ermöglicht. Ich war wie deine Krücke. Du hast mich ständig um dich haben müssen.« Das soll wohl ein Witz sein.

So denkt sie von mir? Ernsthaft? Dass ich ein verängstigter Jammerlappen bin? Das ich nichts alleine gebacken kriege? War sie all die Monate nur aus Mitleid mit mir zusammen? »Tut mir leid, dass ich dir so eine Last war«, sage ich und zwinge mich, sie anzusehen, während meine Hand instinktiv zu meiner Schulter wandert. »Tut mir leid, dass du ein paar Partys verpasst hast. Tut mir leid, dass Janna und Carly auf die Bahamas geflogen sind, während du dich verpflichtet sahst, an meinem Bett zu sitzen und mir Suppe reinzulöffeln, weil ich den Arm nicht heben konnte. Aber das ist nicht meine Schuld. Du hättest jederzeit gehen können …« »Hätte ich? Hättest du mich gelassen?« Sie schüttelt den Kopf. »Dass wir uns jeden Tag in der Schule sehen, die gleichen Stunden haben, gleichen Tagesablauf, nur eben nicht zusammen? Jedes Mal, wenn wir uns getrennt haben, haben wir nicht mal einen Tag durchgehalten.« Ob ich sie gelassen hätte? Was soll das bitte heißen? Wir sind immer wieder zusammengekommen, weil wir das wollten. Und jetzt … sagt sie so was? »Und da? Da hast du einfach … so getan, als ob? »Ich hab nicht so getan, als ob. Ich hab einfach weitergemacht, weil …« Ihre Stimme erstirbt, aber ich weiß genau, was sie sagen wollte. »Weil du gewusst hast, dass wir ohnehin nicht auf dieselbe Uni gehen«, sage ich. Mir wird speiübel. »Dass du mich los sein würdest.« »Nein«, sagt sie und schließt die Augen, um sich die Worte abzuringen. »Ich will dich nicht loswerden. Aber … ich will wissen, wie es sich anfühlt, mich umzudrehen und nicht dich zu sehen.« Ihre Stimme bricht, aber ihr Rücken wird gerader. Sie meint das ernst. Sie meint das wirklich ernst. Ihr Blick weicht meinem nicht aus, sicher, entschlossen. »Ich will einfach ich selbst sein, nur ich, ohne dich.« Die Worte werfen mich völlig aus der Bahn, doch ich halte ihren Blick. Wir starren einander an, der Regen strömt wie eine Wand auf mein Auto.

Wie lange empfindet sie schon so? Wie lange liebt sie mich schon nicht mehr? »Kyle, komm schon«, fährt sie fort, mit sanfter Stimme. »Denk doch mal drüber nach. Möchtest du nicht wissen, wer du ohne mich bist?« Ich starre auf die Scheinwerfer, die im Unwetter flackern. Ohne sie? Wir sind Kimberly und Kyle. Sie ist ein Teil von mir, also kann ich ohne sie nicht ich selbst sein. Ihre Hand gleitet in meine und zupft sanft, damit ich aufschaue. Ich bringe es aber nicht über mich. Ich schaue aufs Lenkrad, auf die Scheibenwischer und den Rückspiegel, bis mein Blick schließlich an der winzigen Discokugel hängen bleibt. Ich fühle es bis ins Mark, dass dies meine letzte Chance sein wird, es ihr klarzumachen. Ihr zu zeigen, dass meine Zukunft nicht nur Football war. »Ich weiß, wer ich mit dir bin, Kim«, sage ich und fasse in meine Jacke. Ich muss ihr die Anhänger zeigen, alles, was wir haben. Die leeren Glieder werden ihr in Erinnerung rufen, was noch vor uns liegt. »Bevor du dich entscheidest, denk an alles, was wir …« Der Discoball leuchtet auf, die winzigen Spiegelchen feuern Lichtblitze durchs Auto. Dann – Aufprall. Mein Körper wird nach vorne geschleudert. Ich spüre, wie mein Gurt sich wie Feuer um meine Brust zerrt, so fest, dass es mir die Luft auf den Lungen presst. Ich spüre alles ganz schleichend, aber auf einmal. Das Auto, wie es sich dreht. Die Lastwagenhupe, wie sie dröhnt. Scheinwerfer, die Licht über die Windschutzscheibe schmieren, als wir auf den Lastwagen auf der Gegenspur zuschlittern, eine massive, rasende Wand aus Metall.

Die Zeit steht still und ich schaue zu Kimberly; auf ihren Wangen tanzen die Spiegellichter, ihre Augen sind riesig vor Horror. Sie öffnet den Mund, um zu schreien, aber ich höre nur knirschendes, kreischendes Blech. Dann schwarze Nacht. OceanofPDF.com

Kapitel 2 Atmen tut weh. Alles ist grell und verschwommen, Stimmen und Gesichter wie flackernde Farben und Lärm. Ich möchte die Augen schließen und schlafen. Aber irgendwie bin ich ständig in Bewegung. »Schweres Schädeltrauma.« »Schädelimpressionsfraktur.« Verschwommene weiße Deckenfliesen. Maschinenpiepsen. Handschuhhände fassen. »Kyle? Kyle! Sieh mich an.« Ich folge der Stimme und sehe, dass sie von einer Frau kommt. Sie hat rote Haare, die sie zu einem hastigen, chaotischen Zopf zusammengebunden hat, und einen bohrenden blauen Blick, der immer schärfer wird. »Gut. Das ist gut. Ich bin Dr. Benefield. Ich bin Neurochirurgin«, sagt ihr Mund und ich konzentriere mich auf die Bewegung ihrer Lippen, um zu begreifen, wovon sie redet. »Ich kümmere mich um dich, okay?« Um ihren Kopf strahlt ein greller Heiligenschein aus Licht, ihre roten Haare brennen. Ich starre drauf und eine neue Stimme ruft: »Oberschenkelbruch und Kapselrisse …« »Der redet viel, was?«, sagt sie mit einem raschen, selbstbewussten Zwinkern. Ihre blauen Augen mustern meine Stirn, als sie mich fragt, welche Musik ich liebsten mag. Ich werde von einer überwältigenden Müdigkeit gepackt,

als ich ihr sagen will, wie genial Childish Gambino ist, doch die Worte wollen immer weniger hinaus. Ich zwinge mich, alles auszublenden bis auf die Ärztin. Irgendwas an ihrer Ruhe ankert mich in diesem Chaos. Die brüllenden Stimmen, das Piepsen, das Rupfgeräusch, mit dem mir meine Kleider runtergerissen werden, verstummen. Nichts mehr bis auf ihren flammenden Heiligenschein. Das Lächeln auf ihren Lippen. Ich will zurücklächeln, aber dann sehe ich … Oh mein Gott. In ihrer Brille sehe ich mein Spiegelbild. Blutstreifen auf der Nase. An der Stirn hängt mir eine Lasche offen wie ein Briefumschlag, legt den weißen Knochen darunter frei. Zerbrochener weißer Knochen. Mein Schädel. Zerbrochen. Ich bekomme Panik. Die Geräusche sind wieder da, die Angst bricht wie ein Tsunami über mich herein. »Ist das … Ist – ist das mein …« »Alles okay, du bist okay«, sagt sie lächelnd. Ich weiß nicht, was daran okay sein soll, dass mir der Knochen aus dem Gesicht ragt, aber sie bleibt die Ruhe selbst. Wie kann sie da nicht ausrasten? Sie fasst mir ans Gesicht und ich brauche einen Moment, bis mir aufgeht, dass sie meine Stirn abtastet, meinen Kiefer, meine Wangenknochen. »Ich … ich kann das nicht fühlen. Sollte ich das nicht fühlen?« Ich meine zu sehen, wie ihr Lächeln für den Bruchteil einer Sekunde abflaut, aber dann weiß ich, dass ich es mir nur eingebildet habe, weil sie einfach weitermacht, ihre Hände bewegen sich unentwegt. Ich zwinge mich immer noch, nicht völlig auszurasten, als die Doppeltür zur Notaufnahme hinter Dr. Benefield aufschwingt und eine weitere Liege hineingerollt wird. Ich will gerade die Augen schließen, weil die letzte Kraft aus mir herausrinnt, doch dann sehe ich es. Eine blonde Mähne, verkrustet mit Blut. Nein.

Nein, nein, nein. Jetzt ist alles wieder da. Der strömende Regen. Unser Streit. Der Sicherheitsgurt, der sich um meine Brust zerrt. »Kimberly«, will ich brüllen, aber es klingt so schwach, meine Augenlider sind so schwer. Alles ist so verdammt schwer. »Bleib bei mir, Kyle«, sagt die Stimme der Ärztin. »OP 3. Sofort«, ruft sie den anderen Stimmen im Raum zu. Ich kämpfe darum, die Augen offen zu halten, versuche, sie auf Kimberly zu heften, aber plötzlich bin ich in Bewegung, die Neonlichter da oben blenden mich, eins, noch eins, noch eins, schneller, schneller, schneller. Blitz, blitz, blitzblitzblitz … »Nein!«, will ich brüllen. Zurück! Aber ich hab nicht die Kraft, die Worte zu bilden, und alles um mich herum rollt weiter. Ich sehe eine Ärztin, ein Kind im Arm. Blitz. Eine alte Dame, die Sauerstoff kriegt. Blitz. Ein Mädchen mit einem Buch. Sie blickt gerade auf, als wir um die Ecke biegen. Blitz. Dann Dr. Benefield mit ihrem weißen Kittel, der vor mir herpeitscht, verschwimmt und immer breiter wird, und dann ein Schein, der sich durch den ganzen Korridor frisst und nichts übrig lässt als gleißendes Weiß. OceanofPDF.com

Kapitel 3 »Kyle.« Bilder schwimmen vor mir. Eine zersplitterte Discokugel. Eine Regenwand. Kims blondes Haar, feucht und blutig. Dann Schmerz. Er strahlt durch meinen Kopf, durch meinen ganzen Körper. Ich kralle mich in die Decken, bis er so weit nachlässt, dass ich wieder eine Stimme höre, die meinen Namen ruft, jetzt klarer. »Kyle?« Mom. Ich versuche, die Augen zu öffnen, ihr Gesicht vor mir scharf zu stellen. Ich sehe ihre Nase, ihren Mund, aber sie ist zu grell. Verzerrt. Wie ein überbelichtetes Foto. »Mom«, krächze ich, mein Hals ist wie Schmirgelpapier. Sie nimmt meine Hand, drückt. Ich bin müde. So müde. Die Ärztin kommt in mein Sichtfeld. Sie leuchtet mit einem hellen Licht in meine Augen, fragt mich, was ich fühlen kann und was nicht, dann soll ich ihrem Finger folgen. Ich kann … ich kann das nicht spüren. Sollte ich das nicht spüren können? Und dann ist die Panik wieder da. Das blutverkrustete Haar. Die Krankentrage. Kimberly.

»Was ist passiert – Kim – ist sie …?« Sie sagt nichts, konzentriert sich auf irgendwas in ihrer Hand. Ein Klemmbrett. Ein klickender Kuli. Eine Eintragung in ihrer Akte. »Kyle, erinnerst du dich an mich? Ich bin Dr. Benefield. Du hast eine schwere Hirn …« Ihre Stimme wird von einem Hupen unterbrochen, das so laut ist, dass ich die Augen zudrücken muss, weil es einfach aufhören soll … Als ich sie wieder aufmachen will, ist da nichts als Schmerz. Sengender Schmerz, der mich mit Haut und Haaren verschlingen will. Also lasse ich ihn. Als ich wieder erwache, habe ich keinerlei Gefühl, wie viel Zeit vergangen ist, aber alles ist schärfer. Die weißen Fliesen an der Decke, die blaugrünen Wände, ein Fernseher in der Ecke, die flache Mattscheibe schwarz. In meinem Kopf schmerzt es und mir fällt wieder ein, was Dr. Benefield gesagt hat. Ich ertaste einen Verband an meiner Stirn und die Bewegung zerrt überraschend an der Infusion in meinem Arm. Meine Augen huschen zu der Armee von Apparaten neben mir und dann zu der Gestalt, die auf meinem Bettrand sitzt. »Sam«, ringe ich mir raus und sein Kopf schnappt zu mir. Seine Augen sind rot und blutunterlaufen, seine Wangen nass. Grauen durchquillt mich, sofort. In unserem ganzen Leben habe ich Sam erst zweimal weinen gesehen. Einmal, als wir zehn waren und er sich beim Sturz vom Rad den Arm gebrochen hat, und dann, als Otto, sein Familienhund, vor drei Jahren gestorben ist. Aber das hier fühlt sich anders an. Es fühlt sich schlimmer an. »Sam?« Ich kann die Frage nicht stellen und er antwortet nicht. Er richtet einfach die blutunterlaufenen Augen zum Fenster und ich kann sehen, wie die

Tränen schneller rinnen. »Sam«, wiederhole ich, versuche angestrengt und erfolglos, mich aufzusetzen, bis meine Arme nachgeben und ich wieder ins Bett falle. »Sam?« Aber er antwortet immer noch nicht. Kims lächelndes Gesicht tanzt mir vor den Augen und ich ringe nach Luft, weil sich Grauen und Schuldgefühle eng um meine Lunge schnüren und mir ein neuer Schmerzblitz durchs Hirn zuckt. Sie kann nicht … Ich erlebe es alles noch mal. Angefangen mit Berkeley, dem Streit, und endend mit ihren riesigen, panischen Augen im Licht der Scheinwerfer. Und als wir mit dem Lastwagen zusammenstoßen, spüre ich, wie meine ganze Welt zerschmettert wird, wie der Schmerz in meinem Kopf größer wird und größer, bis mein ganzer Körper in eine Million Teile zersplittert, Teile, die nie wieder ein Ganzes ergeben werden. OceanofPDF.com

Kapitel 4 Mom fährt und ich lehne meinen bandagierten Kopf gegen die kühle Autoscheibe und sehe zu, wie der Sprühregen sich im Knallrot der Bremslichter vor uns fängt. Zwei volle Wochen ist es her und ich kann es immer noch nicht fassen. Ich dachte, schmerzhafter als die Trennung könne es nicht mehr werden, aber das hier … das kann ich nicht wieder in Ordnung bringen. Ich kann kein Armband hervorzaubern und alles wiedergutmachen. Sie ist wirklich nicht mehr da. Begraben auf dem örtlichen Friedhof, vor fünf Tagen, bei einer Beerdigung, für die ich noch zu sehr außer Gefecht war. Als wir zu Hause ankommen, stehe ich im Regen, die Pappschachtel vom Krankenhaus an die Brust gedrückt. Darin sind meine guten Schuhe, die Überreste meines Anzugs und irgendwo zwischen den Fetzen das Armband, dessen leere Glieder nun für immer leer bleiben werden. Der Regen hört abrupt auf. Ich blicke auf und sehe einen schwarzen Schirm über mir. Meine Mutter möchte meinen durchweichten Kopfverband betasten, doch ich schiebe ihr sanft die Hand weg. Ich möchte weder getröstet noch verwöhnt werden. Das funktioniert eh nicht. »Ich muss einfach wissen, dass du okay bist«, flüstert sie mir zu, fast ohne dabei den Mund zu bewegen. Okay. Als ob ich je wieder den Zustand von okay erreichen könnte. Sie mustert mich besorgt, bohrt ihre Augen in meine und nimmt mir dann die Schachtel ab, um sie sich unter den Arm zu klemmen.

Ich möchte einfach nur alleine sein. Ich richte mich an den Krücken auf und humple aufs Haus zu, die Veranda hinauf, wobei ich trotz meines Nebelhirns darauf achtgebe, meinen gebrochenen, durch eine Metallstange zusammengehaltenen Oberschenkelknochen nicht zu sehr zu belasten. Sie hilft mir durch die Eingangstür und ich steuere schnurstracks und schneckenlahm auf den Keller zu, lechze nach dem ominösen Medikament aus dem Krankenhaus, mit dem ich mich immer so schön in Nichts auflösen konnte. Meine Krücken stampfen geräuschvoll auf dem Boden, kräftig und regelmäßig, wie ein Herzschlag. »Ich dachte, du bleibst vielleicht hier oben«, ruft meine Mutter mir nach. »Ich hab dir das Sofa hergerichtet. Dann hast du nicht den Ärger mit dem Rauf und Runter …« »Ich will in meinem eigenen Zimmer sein«, sage ich scharf. Ich ziehe die Tür zum Keller auf, in dem ich schon seit der zehnten Klasse hause, und kämpfe mich wild entschlossen treppab. Ich höre, wie sie mir nachkommt, und gerade als mein Fuß auf die untere Stufe tritt, packt sie mich am Arm. »Warte, Schatz …«, fängt sie an, aber es ist zu spät. Ich knipse das Licht an und entdecke sofort die ganzen kleinen Leerstellen, da, wo sie vorher war. Bücher, die nicht mehr im Regal stehen, ihr Lieblingsdecke, die nicht mehr auf der Couch liegt, sogar Bilder, die nicht mehr an der Wand hängen. »Wo …« Ich schiebe mich durch die Tür zu meinem Zimmer und stolpere hinein. Meine Hand fasst zu dem leeren Nagel, dem von Kimberlys Schulfoto vom letzten Jahr. »Ihre Eltern haben ihre Sachen abgeholt. Ich hab nicht erwartet, dass sie …« »Sie haben alles mitgenommen.« Mir ist, als müsse ich mich gleich übergeben. Ihre Beerdigung habe ich verpasst. Und jetzt das?

Ich sehe mich hektisch um, suche nach irgendwas, das sie übersehen haben könnten. Aber selbst das pinke Ladekabel, das sie hier aufbewahrt hat, ist verschwunden. Aus der Wand gerissen wie der Stecker einer Beatmungsmaschine. Wut quillt in mir hoch, wächst und wächst, bis ich plötzlich in mich zusammenfalle. Sie waren nicht diejenigen, die alles genommen haben. Ich war das. Und zwar Kim. Ich bin derjenige, der uns dorthin gefahren hat. Ich bin derjenige, der ihr das Gefühl gegeben hat, sie müsse verbergen, was sie wirklich will, und nun wird sie es nie bekommen. »Es tut mir so leid, Schätzchen«, sagt Mom und streckt die Arme nach mir aus. »Kann ich allein sein, Mom?«, krächze ich heraus und weiche zurück. Sie will noch etwas sagen, beherrscht sich aber und dreht sich zögernd um. Ihre Schritte werden dumpfer und dumpfer, je weiter sie die Treppe hinaufsteigt, und dann schließt sich oben die Tür mit einem Klick. Ich quäle mich durchs Zimmer zu einem Regal in der Ecke, wo goldene Pokale und glitzernde Medaillen neben einem gerahmten Foto stehen, eines der wenigen, die sie nicht mitgenommen haben. Wir beide beim Homecoming-Spiel, ihre Pompons in der Luft, meine Rückennummer auf ihrer Wange, meine Arme um ihre Taille. Zwanzig Minuten später sollte meine Football-Karriere zu Ende sein. Zwei Wochen später war ich ganz offiziell nur noch Kyle Lafferty, der Typ, der die Spiele für die Schülerzeitung zusammenfasst und über den Typen schreibt, der ihn ersetzt hat. Monatelang hatte ich nur zurück zu diesem Moment gewollt. Zurück ins Zuvor. Jetzt würde ich diese Verletzung lieber noch hundertmal neu durchmachen, solange ich nur Kim zurückhaben kann. PIEP, PIEP, PIEP.

Ich zucke zusammen und eine meiner Krücken klappert zu Boden. Genervt wende ich mich zur Lärmquelle und finde meinen Wecker, der auf dem Nachttisch laut vor sich hin plärrt. Ich durchhumple das Zimmer und sehe, wie die roten Ziffern blinken, grell und im Takt mit dem Radau. Meine Hand gefriert auf dem Knopf, eine Erinnerung überflutet mich. Mom ist nicht da, Kim wacht neben mir auf, ihr Gesicht verzogen und verschlafen. »Wer benutzt bitte noch einen richtigen Wecker?«, hatte sie gemurrt, sich die Decke über den blonden Kopf gezogen und sich an mich gedrückt, während ich den Ausknopf drückte und meinen Morgenlauf mit Sam sofort vergaß, als sie sich in meine Arme kuschelte. Nur dass es der falsche Knopf gewesen war und der Wecker eine Viertelstunde später wieder trötete, laut und nervtötend. Kimberly war senkrecht nach oben geschossen, hellwach, und hatte das Ding quer durchs Zimmer gepfeffert. Ich weiß noch, wie laut wir gelacht haben, wie die vor meinem Fenster aufgehende Sonne ihr Gesicht in warmes Licht tauchte. Das war ein wunderschöner Anblick. Ich sehe sie förmlich vor mir … PIEP, PIEP, PIEP. Ich beuge mich runter und rupfe den Stecker raus. Das Piepsen erstirbt sofort und Kimberlys Gesicht verblasst wie ein Traum nach dem Aufwachen. Meine Brust schnürt sich zu und mühevoll schäle ich mir das Sweatshirt vom Leib, bleibe mit den Armen darin hängen. Ich rupfe und zerre, bis der Stoff endlich nachgibt und ich es mit einem Keuchen abpellen und über die Lehne meines Schreibtischstuhls schleudern kann. Ich blicke mich im Zimmer um, in jede Lücke, die Kim gefüllt hat, und mir geht auf, dass ich mich auf diesen Teil nicht vorbereitet habe. Ich war so darauf fixiert, nach Hause zu kommen. Auf die Tatsache, dass ich nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen konnte. Darauf, stark genug zu werden, um der Klinik zu entkommen, in der meine Freundin gestorben ist.

An das Danach habe ich nie gedacht. Eine Woche später öffne ich die Haustür, das Morgenlicht scheint zu grell auf die hölzerne Verandatreppe. Ich bin wieder da und hier ist alles so wie immer. Der Weg zum Haus ist immer noch von Moms süß duftenden Blumen gesäumt, die Zufahrt ist immer noch voller Schlaglöcher, der weiße Lattenzaun schreit immer noch nach einem Anstrich. Alles ist noch gleich. Nur ich bin anders. Ich richte die Krücken unter den Armen und stapfe nach vorne, hopple die Straße hinunter, um meine ärztlich verschriebene tägliche Runde um den Block zu absolvieren. Sie hat gesagt, das würde mir den Kopf frei machen, mir helfen, mich wieder raus in die Welt zu wagen. Meinem Hirn bei der Heilung helfen. Unglücklicherweise ist es eine Welt, die keinen Platz mehr für mich hat. Ohne dass ich es eigentlich will, sind aus einem Block zwei geworden. Und dann drei. Bald bin ich ganz in den Ort gekrückt, dessen Straßen für diesen warmen Sommertag seltsam leer sind. Ich bin völlig erledigt. Beim Griff in meine Tasche merke ich, dass ich mein Handy daheim gelassen habe, was wahrscheinlich gar kein Fehler war. Es quillt nur so über mit ignorierten Anrufen von Sam. Sprachboxnachrichten, auf denen er mich anfleht, ihn zurückzurufen, irgendwas zu sagen, ihn wissen zu lassen, dass ich okay bin. Bin ich aber nicht. Was sollte ich ihm also sagen? Ich starre in die Schaufenster an der Hauptstraße. Streifen-T-Shirts und in Szene gesetzte Bücher und Blumengestecke. Mit jedem schweifenden Blick durchs Fenster ertappe ich mich dabei, nach etwas Ausschau zu halten. Aber das ist etwas, das ich mit Sicherheit nie auf einem verstaubten Regal finden werde oder versteckt in einer Ecke. Keine Ahnung, warum ich hier überhaupt hergehumpelt bin.

Ich wische mir einen Schweißtropfen von der Stirn und finde mich vor Eds Eisdiele wieder, deren uraltes rot weißes Schild an seinen quietschenden Eisenhaken in der Sommerbrise schwingt. Geschwächt sinke ich auf einen der schwarzen Metallstühle vor dem Geschäft, mein Körper ist total geschafft von dem bisschen Fußweg und eine der Krücken hat mir die ganze Achselhöhle aufgescheuert. Sehnsüchtig starre ich auf die Ladentür, zum kühlen, temperaturgeregelten Raum auf der anderen Seite, der sich so nah anfühlt und doch so unerreichbar fern für meinen kaputten Körper, zumindest im Moment. Ich bezweifle, dass ich gerade noch einen einzigen Schritt machen könnte. Große Schlagzeile: GESCHEITERTER SCHULAUSWAHL- FOOTBALLSTAR SCHAFFT KAUM ANDERTHALB KILOMETER ZU FUSS. Die Haut unter meinem Arm brennt, eine schmerzhafte Blase bildet sich, heiß und gereizt. Ganz toll. Als wären eine Kopfverletzung und ein kaputtes Bein nicht genug. Nachdem ich ein paar Minuten auf dem schwarzen Metallstuhl vor mich hin gebrutzelt habe, ziehe ich mich hoch und gehe hinein. Die Glocken über der Tür bimmeln aufgeregt und ein Schwall kalte Klimaanlagenluft fegt mir entgegen und macht die zusätzliche Anstrengung wett. Ich bestelle zwei Kugeln Schokolade in der Waffel und setze mich automatisch auf den Platz am Fenster. Das Eis schmilzt mir im Mund, während ich auf den leeren Stuhl mir gegenüber starre. Sam, Kim und ich waren meist zu dritt unterwegs, aber Eisessen bei Eds war Teil unseres Pärchenprogramms. An warmen Herbsttagen nach dem Training oder zwischendurch an verkürzten Schultagen, an denen ich irgendeine Ausrede für einen Abstecher in den Ort vorbrachte und sie mit einem Becher

Schoko-Minz überraschte. Sie hat immer erst ein Foto gemacht, bevor sie den ersten Bissen aß, und es auf Instagram gepostet. Jetzt geht mir auf, dass wir schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr hier gewesen waren. Ich frage mich, was ich sehen würde, wenn ich ihr Insta aufriefe. Wann war das letzte Mal Schoko-Minz? Ich kann mich nicht erinnern, seit meiner Verletzung hier gewesen zu sein. Nicht ein einziges Mal. Und mir fällt kein einziger guter Grund dafür ein. Ich starre auf den leeren Platz mir gegenüber und spüre, wie sich Schuldgefühle in mir breitmachen, winde mich wegen dem, was sie im Auto zu mir gesagt hat. Ich reiße mich los und schnappe plötzlich nach Luft, als ich das Mädchen am Tresen erblicke. Sie beugt sich über die riesige Gefriertruhe, um einem Kunden eine Kugel Butter-Pekannuss zu holen. Blondes Haar, zu einem unordentlichen Knoten hochgebunden. Ein quälendes Stechen krallt sich in meinen Kopf, wie das eisige Brennen von Hirnfrost. Kimberly. Ich halte den Atem an, erwarte schon, die hohen Wangenknochen zu sehen, das Megawattlächeln, bei dem sich alles auf der Welt richtig anfühlt, wie sie die blauen Augen verdreht bei der Frage, was zum Henker ich da zu starren habe. Sie hebt den Kopf, um den Kunden anzulächeln, und … sie ist es nicht. Natürlich ist sie es nicht. Hastig stehe ich auf, klemme mir die Krücken unter die Arme. Die braunen Augen des Mädchens beobachten durch ihre Metallrandbrille, wie ich so rasch wie möglich die Flucht ergreife. »Wunderschönen Tag noch!«, ruft sie mir nach, heiter und freundlich. Ich ringe mir ein schmales Lächeln ab, bei dem mir vor Anstrengung die Mundwinkel krampfen. Selbst der schlichteste zwischenmenschliche Austausch fühlt sich gerade schwerer an als die Laufbahnrunden beim

Training. Die Realität ohne Kim ist eine Kette aus täglichen Qualen. Momente und Erinnerungen, die mich langsam auffressen, bis nichts mehr übrig ist. Ich muss mich ablenken. Ich schiebe mich wieder nach draußen und tapere rastlos die Straße entlang. Ich kann jetzt nicht nach Hause. In mein Zimmer mit dem kahlen Fleck, wo mal ihr Foto hing. Zu meinem Sofa, auf dem wir die Freitagnächte bis zum Sonnenaufgang Horrorfilme geschaut haben. Zu dem Schrank, in dem immer noch zwei ungeöffnete Tüten Barbecue-Chips auf sie warten. Die goldenen Türen des Traditionskinos an der Ecke schwingen auf, ein älterer Herr geht hinein. Der historische schwarze Schriftzug am Gebäude lockt mich an. Ich humple rüber zum Schalter und kaufe mir eine Karte für die nächste Vorstellung, ohne überhaupt zu fragen, was es sein wird. Ist auch völlig egal. Rund ein Dutzend Leute sitzen im Kino, wild verteilt, versuchen, der mittäglichen Sommerhitze zu entkommen, aber niemand, den ich kenne. Mein Blick bleibt an einem jungen Paar hängen, das Händchen haltend in der letzten Reihe kichert, und ich setze mich möglichst weit von ihnen weg. Kaum eine Minute später wird es dunkel und ich starre leer auf die Leinwand, sehe den Figuren zu, wie sie in ihre Szenen hineinschwimmen und wieder hinaus, während mein Kopf genau das Gegenteil macht. Er hält sich hartnäckig an meinem schmerzpochenden Bein fest, an meiner wunden Achselhöhle, an der Tatsache, dass Kim nicht neben mir sitzt und mir durch ihre Spekulationen die Spannung verdirbt. Ein tiefes Lachen von dem Typen in der Mitte meiner Reihe reißt mich aus meinem Versuch, das Bein auszustrecken, und mir geht auf, was für eine gigantische Zeitverschwendung das hier ist. Was für eine gigantische Zeitverschwendung das alles ist.

Ich schnappe mir die Krücken, wuchte mich aus dem ächzenden roten Sessel und stopfe beim Rausgehen den nahezu vollen Popcornbecher in den Müll. Als ich zu Hause ankomme, brennt jeder Teil meines Körpers und das T- Shirt klebt mir am Leib. Ich stehe auf der Veranda, die Hand an der Tür, ringe nach Luft, damit ich reingehen kann. Vom Eingang aus spähe ich ins Wohnzimmer, wo meine Mutter vom Sofa aufsteht und mich mit gequälter Miene ansieht. »Ich hab mir solche Sorgen …« »Mir geht’s gut«, falle ich ihr ins Wort, und was eigentlich Vertrauen einflößend klingen sollte, kommt irgendwie falsch heraus, harsch und weinerlich. Über das knarzende Parkett kommt sie auf mich zu und hält mir mein Handy entgegen. Das Display zeigt mir eine ganze Reihe verpasster Anrufe und Nachrichten. »Du hast dein Handy hier gelassen. Ich konnte dich nicht mal anrufen, ob dir was passiert ist.« Ich schnappe es ihr weg und versuche, an ihr vorbei zur Kellertür zu kommen, doch als ich zur Seite trete, habe ich plötzlich ein Bild an der Wand vor der Nase. Es ist eins von uns beiden, aus dem Sommer, nachdem mein Dad gestorben war, und sie hält mich im Arm, während ich zahnlos in die Kamera grinse. Nur kann ich diesmal sehen, was sich hinter ihrem Lächeln verbirgt. Etwas, das ich wiedererkenne. Verlust. Ich trete zurück und umarme sie, rieche ihr vertrautes Parfum. Ihre Arme schlingen sich um mich, dieselben Arme, die mich auch in jenem Sommer gehalten haben, und ich muss heftig blinzeln, um nicht die Fassung zu verlieren. Ich entwinde mich und flüchte in mein Zimmer, mein Atem geht stoßweise, Bilder aus der Eisdiele und dem Kino und dem Augenblick vor

dem Umfall schwimmen ineinander, bis der Raum auf die Seite kippt und ich ins Bett krieche und mir die Decke über den Kopf ziehe. Alles ist wie immer, bis auf das Einzige, was zählt. Soll die Welt halt einfach weitermachen, wenn sie will. Ohne mich. OceanofPDF.com

Kapitel 5 »Kyle. Wach auf.« Das ist Kimberlys Stimme. Ein stechender Schmerz jagt mir in die Stirn, Arme, Rücken und Beine sind schweißverklebt. Rasch taste ich nach der Lampe und knipse das Licht an. Schaue mich im Zimmer um und sehe, wie ein Schatten treppauf verschwindet. Panisch werfe ich die Decke ab und humple so schnell wie möglich die Stufen hinauf, um die Tür aufzuwerfen. »Kimberly«, brülle ich. »Kim!« Ich sehe mich um, aber da ist nichts als Schweigen, eine lärmende Dunkelheit, die mir in den Ohren hallt. Ich habe sie gehört. Das Gewicht ihrer Hand auf dem Arm gespürt. Sie war hier. Ich bin mir sicher. Ich wackle den Flur entlang, stütze mich Halt suchend an der Wand ab, stolpere ins Wohnzimmer und schalte das Licht an, und da ist … Nichts. Das Sofa ist leer. Keiner ist hier. Wie ein Trottel versuche ich es an der Haustür, drücke die Klinke, aber die Tür ist verriegelt. Erst jetzt fällt mir ein, dass Kim nie einen Schlüssel hatte. Ich atme brüchig aus und drücke den Kopf gegen das rissige Holz, hinter meinen Schläfen pocht es, weil ich zu hastig aufgestanden bin, und das Adrenalin zieht besiegt den Rückzug an. Ich zwinge mich, wieder ruhiger zu atmen, doch als ich mich umdrehe, um wieder ins Bett zu kriechen, saust die mühsam erkämpfte Luft mit einem Schwall wieder aus mir heraus. Kimberly.

Sie sitzt auf dem Sofa, mit einer weißen, kuscheligen Decke um die Schultern. Sie wickelt sich enger in die Decke, das Muster aus kleinen Schmetterlingen bewegt sich, als flatterten die Insekten los. Kimberly. Hier, direkt vor mir. Das kann nicht echt sein. Ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass das nur heißen kann, dass ich einen noch schwereren Dachschaden abgekriegt habe, als die Ärzte glauben. Aber es muss wahr sein, ich brauche es. Ich haste so schnell auf sie zu, dass ich am Läufer im Flur hängen bleibe. Fange mich gerade noch an der Wand ab, bevor ich auf die Nase fliege. Als ich mich aufgerichtet habe, ist sie weg und nur die Polster sind noch da, leer und unbesetzt. Ich gehe auf den Sessel zu, lasse das Sofa nicht aus den Augen. Ich lasse mich nieder und starre die ganze restliche Nacht auf den verwaisten Fleck, warte darauf, dass sie wiederkommt, meine Finger in die Armlehnen gekrampft. Jedes Mal, wenn ich am Wegdämmern bin, reißt mich die Tatsache, dass ich sie tatsächlich gesehen habe, wieder aus dem Schlaf, wie eine ganze Dose Red Bull. Ich bekomme noch nicht mal den Sonnenaufgang mit, bis ich höre, wie meine Mutter die Treppe hinuntertappt. »Na dann guten Morgen«, sagt sie. Blinzelnd sehe ich auf und sehe sie in schwarzer Hose und Bluse dastehen, mit sorgfältig frisiertem Haar. Ich zwinge mich in den Stand, mein schlimmes Bein beklagt, dass es die ganze Nacht im Sessel verbringen musste, verkrampft und absolut still. Sie lehnt sich ans Geländer und hebt die Augenbrauen. »Willst du’s mir erklären?« »Ich, äh«, fange ich an, dehne mich, um etwas Zeit für eine Ausrede zu schinden. »Konnte nicht schlafen.«

Ganz klar, dass sie es mir nicht abkauft, doch ich humple an ihr vorbei, hopple zur Kellertür und bin schon weg, ehe sie weiterbohren kann. Den Rücken an die Tür gelehnt atme ich lange aus. Zum ersten Mal seit Kims Tod habe ich etwas, auf das ich mich konzentrieren kann. Ich muss sie wiedersehen. Die nächsten drei Nächte halte ich im Wohnzimmersessel Wache, sobald Mom nach oben verschwunden ist, und beobachte jedes Lichtflackern, jedes leise Geräusch. Aber keine Kim. Keine weiche weiße Decke, keine blauen Schmetterlinge. Im Grunde mache ich kein Auge zu, bis bei meiner Mutter morgens der Wecker klingelt und ich mich wieder nach unten verdrücken muss, um nicht dem Spezial-Sonnenaufgangsverhör unterworfen zu werden. In der vierten Nacht bringt mein Kopf mich um und es wird immer schwerer, mich wach zu halten. Unter gesenkten Lidern beobachte ich das leere Sofa, versuche, der Erschöpfung Herr zu werden. Kim hat mich immer gerne warten lassen. Daran muss ich einfach glauben. Nur deshalb kann ich weitermachen. Die Uhr neben der Tür tickt erst gerade an Mitternacht vorbei und so stütze ich mein Bein auf den Couchtisch, um es mir wenigstens ansatzweise bequemer zu machen. Ich nicke ein, gefühlt vielleicht den Bruchteil einer Sekunde lang, und als ich die Augen wieder aufmache, sitzt wieder jemand auf dem leeren Fleck. Meine Mutter. »Möchtest du mir vielleicht jetzt was erklären?«, fragt sie und verschränkt die Arme vor dem dunkelblauen Schlafanzugoberteil. Ich weiß, dass es falsch ist, aber ihre Frage geht mir total auf den Zeiger. Möchte ich erklären, dass ich meine, den Geist meiner toten Freundin zu sehen? Nicht unbedingt. Ich komme mir schon lächerlich vor, wenn ich nur

daran denke, es auszusprechen. Ich schlucke diese Ladung Irrsinn hinunter und schüttle den Kopf. Bevor sie neu Anlauf nehmen kann, bin ich schon aufgestanden und humple durch den Flur auf meine Kellertür zu. »Kyle! Ihre nackten Füße trippeln hinter mir her, aber ich mache ihr die Tür vor der Nase zu. Mir ist kein bisschen danach, über irgendwas ausgequetscht zu werden, bei dem ich schon vor mir an jedem Erklärungsversuch scheitere. Ich weiß, was ich gesehen habe. Jedenfalls glaube ich das. Ich rutsche auf die oberste Stufe hinunter, will einfach nur warten, bis sie sich verzieht. Mein Kopf lehnt am Holz und meine Augen wollen sich gerade wieder schließen, da reißt mich ein Flüstern ins Bewusstsein zurück, eine Stimme jenseits der Tür. Mom. »Genau so hab ich deinen Vater verloren«, sagt sie leise und ich höre zu. »Ihm zugesehen, wie er langsam dahingesiecht ist.« Ich stehe langsam auf, drücke die Handfläche gegen die Tür, während sie spricht. Unter der Türritze schimmert schwach das Flurlicht hindurch. »Ach, Kyle.« Sie klingt so niedergeschlagen. Seufzend drücke ich die Klinke. Sie sitzt am Boden, mit dem Rücken gegen die Wand und geschlossenen Augen. Sie sieht so traurig aus. Sofort fühle ich mich grauenhaft. »Bekommt das den alten Knochen?«, frage ich mit dem Ansatz eines Lächelns. »So auf dem nackten Boden zu sitzen?« Sie blickt zu mir auf und verdreht die Augen. Sie scheint meinen Witz nicht zu schätzen zu wissen. »Haha.« Ich strecke die Hand aus, um ihr aufzuhelfen, ihre Hand wickelt sich sanft um meinen Unterarm. »Okay, du hast gewonnen. Ich gehe ins Bett …« Ich schiebe sie sanft Richtung Treppe. »Wenn du auch gehst.«

»Ich liebe dich. Es wird wieder«, sagt sie und blickt mir prüfend ins Gesicht, bevor sie schließlich einen Entschluss fasst, mir den Arm drückt und zur Treppe geht. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und setze mich still auf den Treppenabsatz, halte den Atem an, warte gefühlt eine Stunde lang, bis ich mir sicher sein kann, dass sie nicht mehr auf das Quietschen der Tür oder meine Schritte auf dem Parkett lauert. Ich zücke mein Handy und dem leuchtenden Display nach ist es erst halb vier, noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang. Auf leisen Sohlen kehre ich ins Wohnzimmer zurück, bereit, wieder meinen Sesselplatz einzunehmen, aber ein Umriss auf dem Sofa lässt mich erstarren. Es ist meine Mutter, die sich zu einem Ball zusammengerollt hat und tief schläft. Ihr sanftes Schnarchen ist das einzige Geräusch im Raum. Ich nehme die Decke von der Lehne und breite sie über ihr aus, und irgendwas an diesem Anblick macht es schlimmer denn je. Es wird wieder. Der Gedanke an ihre Worte lässt mein Herz rasen. Geschlagen trete ich den Rückzug in den Keller an und betaste dabei meinen Kopfverband, voller Sorge, dass das Darunter kaputter ist, als die Ärzte zunächst geglaubt haben. Voller Sorge, dass es eben nicht wieder wird. Voller Sorge, dass ich noch hundert Nächte aufgeblieben und dieser Platz auf dem Sofa jede einzelne dieser Nächte leer geblieben wäre. Weil sie nie wirklich da gewesen ist. OceanofPDF.com

Kapitel 6 Die Tage schwimmen ineinander. Nachrichten bleiben ungelesen, Snackverpackungen vermüllen den Boden. Aus einer Woche werden zwei und dann ein Monat, und bald ist der ganze Sommer vorbei und vor meinem kleinen Kellerfenster geht die Sonne immer früher unter. Ich steige morgens nicht aus dem Bett. Ich mache gar nichts. Ich liege einfach nur herum, verweigere mich den Versuchen meiner Mutter, mich aus dem Zimmer zu bewegen. Ich habe einfach null Interesse daran, mich selbst zu quälen. Ich weiß, was da draußen auf mich wartet. Gegenüber meiner Zimmertür ist hier im Keller die große Doppeltür, die hinaus in den Garten führt, dieselbe Tür, durch die nachts Kimberly sich hineingeschlichen hat, wenn meine Mutter bereits im Bett war. Ich könnte auch nach oben gehen, aber dort würde ich unseren Vorgarten sehen, auf dessen Rasen sie in der Mittelstufe immer Radschlagen geübt hat, oder die Küche, wo wir diese völlig monströse, aber unglaublich köstliche Schokotorte für Sams Geburtstag gebacken haben. Aber hauptsächlich möchte ich meinem Hirn kein Futter geben, mich wieder irgendwie auszutricksen. Es soll mir nicht vorgaukeln, sie sei da. Das Klopfen meiner Mutter an meiner Tür kommt immer regelmäßiger, genau wie das Klappern ihrer Schuhe vor meiner Tür, wenn sie mich beschwört. »Du bist da drin, ich weiß es.« Heute hat sie die Klinke gedrückt. Einmal. Zweimal. Aber ich habe jetzt abgeschlossen. Ich kann sie auf der anderen Seite fühlen, wie sie mich überzeugen will, ihr aufzumachen. Stattdessen schaue ich einfach zu, wie das Tageslicht mit dem Abend verschmilzt. Ich versuche, möglichst lange wach zu bleiben,

denn wenn ich schlafe, habe ich Träume voll funkelnder Discokugeln, neongreller Krankenhausleuchten und Scheinwerfern eines Lastwagens, der immer näher kommt. Solange ich wach bin, schwimme ich wenigstens im Nichts. Keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen ist, aber wie viel es auch sein mag – mir völlig egal. »Also gut. Du stehst jetzt auf.« Mühsam hebe ich die Lider und sehe Mom über mir stehen, spüre, wie sie mich rüttelt. Hinter ihr sehe ich meine Zimmertür an der Wand lehnen, ausgehängt, und ein klaffendes Loch, das in den Rest des Kellers führt. Wie konnte ich das verpennen? »Du steigst jetzt auf dem Bett und reißt dich zusammen«, sagt sie und zerrt mir die Decke vom Leib. »Wir müssen uns unterhalten.« Ich stöhne und schnappe mir die Decke zurück, ziehe sie mir über den Kopf. »Über was?«, murre ich, als sie sich auf die Bettkante setzt und die Augenbrauen zu einem V verzieht. Auweia. Mom im Ernstmodus. Ich spähe über den Deckenrand zu ihr, fürchte mich vor dem, was jetzt kommt. »Kyle, wir haben fast September. Deine Freunde brechen jetzt langsam an die Uni auf. Sam hat sich beim Community College eingeschrieben«, sagt sie und holt tief Luft. »Also, die UCLA.« Ich setze mich auf und schiebe meine Haarmatte aus der Stirn, streife dabei die Narbe. Sie kann nicht im Ernst noch glauben, dass ich da wirklich hingehe. »Was soll damit sein?« »Ich weiß, dass du eigentlich mit Kimberly zusammen an die UCLA gehen wolltest. Ich weiß, wie wichtig dieser Plan dir war«, sagt sie und

greift nach meiner Hand. »Aber du musst akzeptieren, dass die Zukunft in genau der Form, wie du sie geplant hast, so nicht stattfinden kann.« Mein Blick wandert an die Wand zu dem UCLA-Wimpel, den Kimberly mir gekauft hat, mit seinem höhnischen Gelb-Blau. Die Zukunft, die ich geplant hatte, hätte ohnehin nicht mehr stattgefunden. Kimberly hätte gerade ihre Sachen gepackt und wäre nach Berkeley abgedampft, auf zu neuen Abenteuern. Ohne mich. Ich spüre einen winzigen Anflug von Ärger und dann die vertraue Welle von Schuldgefühlen. Kim würde alles geben, um überhaupt irgendwo hinzugehen. Um überhaupt noch am Leben zu sein. »Aber das heißt nicht, dass du keine Zukunft hast«, fährt Mom fort. »Du solltest hier in anderthalb Wochen weg und vielleicht wäre das …« »Ich werde es aufschieben«, erkläre ich. Die einzige Entscheidung, die mir Mom vom Hals hält, wenigstens noch ein paar Monate. »Das erste Semester. Es ist zu früh.« Sie muss ja noch nicht wissen, dass ich nie einen Fuß auf diesen Campus setzen werde. Sie blinzelt. Damit hat sie jetzt überhaupt nicht gerechnet. An ihrer Schulterhaltung kann ich ablesen, dass sie zum Kampf gerüstet war, aber an dieser Logik kommt sie nicht vorbei und darauf habe ich gesetzt. Also nickt sie, scheinbar zufrieden damit, dass ich überhaupt irgendeine Entscheidung bezüglich meines Lebens getroffen habe. »Schön. Aber wenn du das machst, brauchst du auch eine Alternative. Wenn du die UCLA aufschiebst, dann kannst du nicht …« Sie verstummt und deutet auf den Dreckwäscheberg. Das schmutzige Geschirr. Den überquellenden Mülleimer. »Das hier. Irgendwas musst du unternehmen.« Ich sehe mich im Zimmer um. Ich hab es den ganzen Sommer nicht verlassen und das ist nicht zu übersehen, aber ich hab nicht die Energie, mich darüber aufzuregen.

»Du bist am Leben«, sagt sie und drückt mir die Hand. »Und du kannst nicht damit aufhören, weil sie es nicht ist. Du musst weiterleben.« Ich atme lange aus, fahre mir mit der Hand durch den fettigen Schopf. Allein dieses Gespräch ist schon so anstrengend. Ich hab keine Ahnung, wie leben überhaupt noch geht. »Ich weiß ja nicht mal, wo ich anfangen soll«, sage ich aufrichtig. Vielleicht reicht es ja schon, wenn sie mir sagt, was sie von mir will. »Sam möchte dich sehen«, fängt sie an und hält mir mein Handy hin. Keine Ahnung, wo sie das herhat. »Du hast jetzt seit Monaten nicht mit ihm gesprochen und ich weiß, dass es ihm auch nicht gut geht. Das wäre mal ein Anfang.« Sie wirft es mir zu und es trifft mich voll in die Brust, meine Hände greifen ziellos daneben. Meine Reflexe sind völlig im Arsch. Das Display leuchtet auf und zeigt Dutzende von verpassten Anrufen und Nachrichten, die meisten von Sam und einige von Kumpels, mit denen ich Football gespielt habe. Letztere haben schon vor einer Weile aufgegeben. Sam ist der Einzige, der es noch versucht. Zögerlich scrolle ich durch seine Nachrichten, beobachte, wie sie übergehen von hey mann, wie geht’s? zu mann, ich hör jetzt schon zwei Monate nichts von dir. meld dich. ich hab schiss wegen dir. Keine Ahnung, wie ich ihm ins Gesicht schauen soll nach allem, was passiert ist. Wie kann er mich überhaupt sehen wollen? Mit mir abzuhängen wäre doch nur eine qualvolle Erinnerung daran, dass unser Dreiergespann kein Dreiergespann mehr ist. »Du kannst ihn nicht ewig abblocken«, sagt Mom, als könne sie Gedanken lesen. Sie klopft mir zweimal aufs Bein und steht auf. »Also, ruf ihn an und steig aus dem Bett. Geh in den Supermarkt. Bei mir ist jetzt Schluss mit dem Einkaufen und Kochen für dich«, sagt sie auf dem Weg hinaus. »Wenn du hungrig genug wirst, musst du vielleicht mal

einen Fuß raussetzen und dich wieder unter die Lebenden gesellen«, fügt sie hinzu. Mein Magen antwortet mit lautem Knurren. Verräter. Ich bin schweißgebadet, als ich beim Supermarkt ankomme. Die Jeans kleben mir an den Beinen, meine Haut ist nur noch das flauschige Innere von Jogginghosen gewohnt. Fast eine Stunde hab ich hierher gebraucht. Ich bin das sich endlos windende Sträßchen entlanggehumpelt, das an meiner Highschool und der Bibliothek vorbeiführt, und mein Bein ist Murks ohne die ganze Krankengymnastik, um die ich mich gedrückt habe. Mom hat ganz unauffällig ihren Ersatzschlüssel in der Küche liegen lassen, aber um nichts in der Welt setze ich mich jemals wieder hinters Steuer. Ich versuche, die Läden zu ignorieren, die mich an Kim erinnern. Das Chinarestaurant, bei dem wir uns während der Prüfungswoche immer unser Essen geholt haben, wobei Sam sich zuverlässig das ganze Lo Mein gekrallt hat. Der Kaffeeladen, wo Kim sich immer ihren Sieben-Dollar-Latte mit Hafermilch geholt und darauf bestanden hat, der schmecke »besser als der echte«. Der Friseur an der Ecke, wo sie sich die Strähnchen hat machen lassen, während Sam und ich auf den Wartesesseln auf unseren Handys Football guckten. Also konzentriere ich mich auf meine Füße, bis die Automatiktüren des Supermarkts sich mit einem Schwall kalter Luft vor mir auftun. Ich schnappe mir einen Wagen, um mein Bein etwas zu entlasten, durchkreuze die Gänge auf der Suche nach Grundnahrungsmitteln und mampfe dabei Zwiebelringe aus einer Packung, die ich gleich beim Eingang in den Wagen gepfeffert habe. Milch, Eier, Brot. Ich werfe ein paar Pizzataschen dazu, weil Mom nicht genau definiert hat, was sie unter einer Mahlzeit versteht, und ich aus gutem

Grund eine Mikrowelle im Keller habe. Und der Grund lautet: Pizzataschen. Die Sonne will gerade untergehen, als ich mit meinen zwei Plastiktüten nach Hause zockle, der Himmel wird orange und rosa und hinten bereits tiefblau. Ich muss viel länger da drin gewesen sein, als ich dachte. Donnergrollen dröhnt mir in den Ohren, laut und regelmäßig und beharrlich. Eine Sekunde lang zucke ich zusammen, prompt zurück im Sturm jener Nacht, doch dann sehe ich auf der Seite das Footballfeld der Ambrose High leuchten, den autogefüllten Parkplatz. Kein Donner. Trommeln. Es jubelt aus dem Publikum, so laut, dass es fast schon das stetige Trommeln der Band übertönt. Es ist Freitagabend, eines der ersten Footballspiele der Saison ist in vollem Gang. Unwillkürlich klemme ich mir die Tüten unter die Arme und mache einen Schlenker, die Lichter und der Jubel ziehen mich in die Menge und auf eine der kühlen Metallbänke. Ich hole tief Luft. Alles fühlt sich … seltsam richtig an, zum ersten Mal seit langer Zeit. Die Menschenmenge um mich herum. Die petrol-weißen Trikots auf dem Feld. Der Trainer, wie er in die Trillerpfeife bläst, die ihm um den Hals hängt. Einige aus der aktuellen Ambrose-High-Mannschaft lachen auf der Bank, rempeln einander spielerisch an. Einer steht auf und absolviert den Beschwörungstanz, den Sam vor zwei Jahren eingeführt hat, während ein anderer sich heimlich ein paar Pringles aus einem Turnbeutel zu seinen Füßen klaubt, als niemand hinschaut. Das erinnert mich so dermaßen an Sam. Als wir noch im ersten Jahr und eindeutig zweite Garde waren, haben wir immer Knabberzeug in den Helmen aufs Feld geschmuggelt und gegessen, wenn unser Trainer gerade als Schiedsrichter gebraucht wurde. Bei einem Spiel habe ich Sam überredet, einmal die gesunde Alternative zu wählen, Erdnüsse statt Fertigkekse. Und das war natürlich genau der Tag,

an dem Lucas McDowell, im Abschlussjahr und trotzdem ständig auf der Ersatzbank, uns Ende des dritten Viertels verpfeifen musste. Unser Trainer ließ uns für jede Erdnuss, die noch in der Packung war, eine Runde um den Platz drehen. An dem Tag hab ich mir beinahe die Lunge weggekeucht. Und dann musste ich mir auch noch die ganze Zeit über Sams Gejammer anhören, dass wir schon seit zwanzig Runden hätten fertig sein können, wenn wir uns einfach an die Kekse gehalten hätten, denn die hätten wir bis Ende des dritten Viertels komplett aufgegessen. Ich lächle in mich hinein und sehe dem Spiel zu. Ehe ich mich’s versehe, gehe ich in der Menge auf, juble, als unser Runningback sich mit dem Ball seiner Deckung entwindet oder als das andere Team daran scheitert, einen fast geschenkten Punkt zu machen. Die bunten Cheerleader-Uniformen stechen mir ins Auge. Sie haben sich auf der Laufbahn aufgestellt, genau vor den Zuschauern, ihre petrol-weißen Pompons schwingen im Gleichtakt. Als ein blondes Mädchen in die Luft geworfen wird, muss ich schnell wegschauen, bevor mein Hirn mir wieder einen Streich spielt. Ich konzentriere mich wieder auf den Quarterback, der die Mannschaft auf dem Feld anführt. Meine Augen folgen den Spielern, die sich in Position begeben. Ich entdecke einen Fullback, der falsch steht, eine riesige Lücke für die Verteidigung aufmacht. Oh nein! Ich will dem Quarterback zurufen, er solle aufpassen, doch meine Stimme ist wie eingefroren. Der Center passt den Ball. Ich umkralle meine Einkaufstüten und sehe zu, wie die Angriffsaufstellung ihren Spielzug beginnt. Der Quarterback streckt den Arm raus, um seinen Wurf zu machen, als die Verteidigung blitzartig zuschlägt. Rote Trikots stürmen die Angriffsspieler und der Hüne mit der Nummer9 findet die Lücke. Alles scheint langsamer zu werden. Bleiernes Grauen klemmt mir in der Brust, ich kann den Blick nicht abwenden. Das kenne ich zu gut. Das kenne

ich viel zu gut. Auf dem Feld bleibt der Fullback wie angewurzelt stehen, erkennt seinen Fehler. Er springt herbei, um seinen Quarterback zu schützen, doch es ist zu spät. Nummer9 ist schon da, zwischen ihm und seinem Ziel ist nur noch leere Luft. Ich springe schwankend auf, als der Ball dem Quarterback ungeschickt aus der Hand fällt, sein ganzer Körper sich unter dem Gewicht von Nummer9 zusammenfaltet. Sein Schrei hallt durchs ganze Stadion. Meine Schulter schmerzt mit, als ich sehe, wie der Fullback nach Hilfe ruft, sein Quarterback sich auf dem Boden wälzt, sein Arm in einem übelkeiterregenden Winkel absteht. Der Trainer rennt aufs Spielfeld, nimmt dem Quarterback den Helm ab und legt wildes braunes Haar frei und … O Gott. Da liege ich selbst. Das bin ich da unten, mit dem nach hinten verdrehten Arm. Fast muss ich mich übergeben, schaffe es kaum, die Galle hinunterzuschlucken. Das kann nicht sein. Der Fullback sinkt zu Boden. Er reißt sich den Helm runter. Es ist Sam. Sam hat den Deckungsfehler gemacht. Ich kann den panischen Ausdruck meines besten Freunds bis hier sehen. Mein schlechtes Bein beginnt zu zittern und zu knicken, es kann mein Gewicht nicht länger halten. Ich breche auf der Bank zusammen, vor meinen Augen spielt sich einer der schlimmsten Momente meines Lebens noch einmal ab. Wie kann das sein? Mein Hirn reitet mich wieder in irgendwas rein. Das muss es sein. Allein der Gedanke beruhigt mich schon. Es ist nicht wahr. Es ist eine Halluzination. »Sei stark, Kyle«, sagt eine Stimme neben mir. Wie vom Donner gerührt wende ich langsam den Kopf.

Gott, da ist sie. Kimberly sitzt auf der Bank neben mir, hat die Augen fest aufs Spielfeld gerichtet, ihre Haut schimmert in der hellen Stadionbeleuchtung wie Porzellan. Ich blinzle wild, warte darauf, dass sie verschwindet, doch sie es tut es nicht. »Du bist nicht hier«, flüstere ich. »Ich war nicht fort«, sagt sie und dreht sich zu mir, das Flutlicht beleuchtet den Rest ihres Gesichts. Die ganze rechte Kopfhälfte ist aufgeschnitten und blutig, ihr blondes Haar verklebt und rot. Sie streckt die Hand nach meiner aus. Und nichts hindert sie daran. Ich kann sie fühlen. Aber sonst reagiert niemand. »Du bist nicht hier.« Ich reiße mich von ihr los und springe auf, versuche, so weit wie möglich von ihr wegzukommen. »Du bist nicht hier! Du bist nicht hier, verdammt noch mal!« »Was soll die Scheiße?«, fragt jemand und reißt mich zurück in die Wirklichkeit. Mit einem Blinzeln wird Kim durch einen lockigen Typen ersetzt, der ein paar Jahre jünger ist als ich, mit petrol-weiß bemaltem Gesicht. »Ich bin schon hier, Alter«, sagt er und rutscht von mir ab, um mich zu beäugen. »Vielleicht solltest eher du woanders sein.« Fuck. Was war das eben? Was stimmt nicht mit mir? Ich schnappe mir meine auftauenden Einkäufe und verziehe mich, so schnell mein kaputtes Bein mich trägt. Mit rasenden Kopfschmerzen schließe ich die Haustür auf. Ich lasse die Einkäufe in der Diele fallen und eile direkt ins Bad. Mit einem tiefen Atemzug stütze ich mich aufs Waschbecken, spüre den kühlen Marmor. »Das ist nicht ihr Geist, der dich verfolgt. Das ist alles nur in deinem Kopf, du Spinner«, erkläre ich meinem Spiegelbild.

Ich beuge mich vor, um die Narbe zu betrachten, die lange, gezackte Linie, die immer noch rot und entzündet aussieht. Ich halte die Finger davor, will sie berühren, möchte die heilende Haut unter meinen Fingerspitzen fühlen. Wie viel von dem, was darunter liegt, ist immer noch kaputt? Vielleicht alles. Ich lasse meine Hand sinken, meine Finger finden wieder das Waschbecken, umklammern es fester. Mein Blick rutscht von der Narbe zu meinen Augen, den riesigen, zittrigen Pupillen. »Kyle?«, fragt eine Stimme hinter mir und ich mache einen kilometerhohen Satz in die Luft. Neben meiner Schulter steht das Spiegelbild meiner Mutter, noch immer in ihrem Arbeitsoutfit, mit müdem, wachsamem Blick. »Alles in Ordnung?« Als ich nicht sofort eine Ausrede finde, nimmt sie mich bei der Hand, führt mich den Flur hinab bis ins Wohnzimmer. Sie setzt mich aufs Sofa und endlich platze ich mit der Wahrheit heraus. »Ich sehe ständig Kimberly vor mir«, sage ich und wappne mich schon für ihren mitleidigen Blick. »Auf dem Sofa hier und in der Eisdiele und heute im Stadion bei den Zuschauern. Ich weiß, dass es nicht sein kann – das musst du mir nicht sagen. Aber Mom – es fühlt sich so echt an. Und es fühlt sich an, als wäre das so, weil es meine Schuld ist, dass …« Sie drückt mir die Hand, um meinen Redeschwall zu unterbrechen, und meine Worte bleiben schwer in der Luft hängen. »Kyle, nichts von alldem ist deine Schuld«, versichert meine Mutter mir ruhig. Bestimmt. »Nichts davon. Und es wird dir wieder besser gehen.« Ich glaube ihr nicht, aber immerhin schaut sie mich nicht an, als wäre ich durchgedreht oder bemitleidenswert, was schon mal ein Segen ist. Allein das Aussprechen scheint schon zu helfen, meinen Atem in den Griff zu bekommen.

»Aber hab ich es auch verdient, dass es besser wird?«, frage ich. Beim letzten Wort versagt mir die Stimme und ich schlucke schwer, ringe damit, nicht die Fassung zu verlieren. Sie legt mir die Hände ums Gesicht, streichelt mir mit den Daumen sanft die Wangen. »Es wird dir wieder gut gehen. Wunden brauchen einfach Zeit, um zu verheilen. Und nicht nur die körperlichen«, sagt sie und atmet tief durch. »Als dein Dad gestorben ist, hat es mir alles abverlangt, mich zusammenzureißen und so gut für dich da zu sein, wie es eben ging.« Meine Erinnerungen daran sind so vernebelt und fetzenhaft, weil ich damals gerade erst im Kindergarten war. Ich kriege jetzt schon nichts gebacken, aber sie hat das alles gemeistert und sich dabei noch um ein Kind gekümmert. »Wie hast du das hingekriegt, Mom?«, frage ich. »Kim hat in dieser Nacht gesagt, ich wüsste nicht, wer ich ohne sie bin, und so langsam glaube ich, sie hatte recht.« »Ich arbeite immer noch dran. Einen Schritt nach dem anderen«, sagt sie. »Immer voran. Nie zurück. Genau wie du es machen wirst.« Ihr Blick wird ernst. Ernster, als ich sie je gesehen habe. Sie streckt die Arme aus und zieht mich an sich. Vergräbt ihr Gesicht in meinem Hals, sodass ich ihr Flüstern kaum ausmachen kann. »Du wirst dich ins Leben zurückkämpfen.« Immer voran. Nie zurück. Darüber denke ich nach, während ich die Einkäufe ausräume und die Pizzataschen in meinen Minikühlschrank im Keller schmuggle. Sie hat gesagt, ich würde mich ins Leben zurückkämpfen. Aber ich musste noch nie allein kämpfen. Bei der Schulterverletzung, bei der Aufregung vor den Spielen, bei den schweren Schulprüfungen hat Kim mich immer unterstützt. Kim hat mir in jener Nacht gesagt, ich könne auch ohne sie weitermachen. Nur wie, das hat sie mir nicht verraten.

Ich hole mir das Foto vom Homecoming-Spiel und setze mich aufs Bett. Ihr Lächeln glitzert zu mir hinauf. Mein Voran war immer um sie herum geplant. Wir hatten uns schon für Kurse an der UCLA angemeldet, hatten passende Stundenpläne, obwohl sie die Einzige war, die schon eine Vorstellung von ihrem Hauptfach hatte. Aber ich dachte, mit der Zeit würde ich mir schon genauer klar darüber werden, was ich mache. Rausfinden, was ich will, und dabei die ganze Zeit über Kim an meiner Seite haben. Wenn ich so darüber nachdenke, hatte ich wahrscheinlich keinen richtigen Plan für mich. Eher einen Plan für uns. Selbst wenn ich eine Vorstellung hätte, könnte ich jetzt auf keinen Fall damit weitermachen, jetzt, wo der Geist meiner Freundin mich heimsucht. Ex-Freundin, korrigiere ich mich selbst. Und irgendwie macht das es noch schlimmer. Als hätte ich kein Anrecht auf die Trauer in mir. Nur die Schuld. Allein beim Gedanken, dass Kims Geist mich verfolgt, fühle ich mich wie ein Arschloch. Sie wollte schon im Leben nicht mehr mit mir zusammen sein, warum verschwendet sie also jetzt im Jenseits ihre Zeit damit, mir hinterherzuspuken? Ich werfe unser Bild aufs Bett und mir geht auf, dass es nur eine mögliche Erklärung gibt für das, was heute Abend passiert ist. Eine, die tatsächlich Sinn ergibt. Vielleicht drehe ich einfach nur durch. Vielleicht ist es das, was ich verdient habe. OceanofPDF.com

Kapitel 7 »Und?«, frage ich Dr. Benefield gleich früh am Montagmorgen. »Hab ich einen Dachschaden?« Meine Mutter hat den Termin ausgemacht, um mir zu beweisen, dass ich nicht spinne. Kopfschüttelnd knipst sie ihr Stablämpchen aus und steckt es in ihre Kitteltasche, mit einem belustigten Lächeln. »Nein. Du hast einen schweren Verlust erlitten, und das manifestiert sich manchmal auf unerwartete Weise.« »Wie zum Beispiel, dass ich von Kimberlys Geist heimgesucht werde?« »Wie zum Beispiel … dass du siehst, was du sehen möchtest«, verbessert sie und hält mir ihr iPad hin, um mir die Scans von vorhin zu zeigen. »Schau.« Sie wischt zwischen einem gesunden Hirn und meinem hin und her, um mir irgendwie zu verdeutlichen, dass bei mir »alles bestens« ist. Mom reckt den Hals, um die Bilder zu vergleichen, aber ich schaue noch nicht mal hin. »Unsere Gehirne sind ganz großartige Apparate«, fügt Dr. Benefield hinzu und schließt das iPad. »Sie greifen zu allen Mitteln, um uns Schmerz zu ersparen, sei es jetzt körperlicher oder emotionaler. An deinem Hirn ist nichts kaputt, was nicht mit der Zeit wieder heilen wird. Okay?« Um uns Schmerz zu ersparen? Wie soll es mir Schmerz ersparen, wenn mir dauernd meine tote Freundin erscheint? Sie sieht mich an, bis ich schließlich mit einem Nicken klein beigebe, und zieht dann einen Rezeptblock samt Kuli heraus. Sie kritzelt etwas drauf, reißt das Blatt ab und reicht es mir.

Ich blicke auf ihre Schrift. Ich erwarte irgendeinen unleserlichen Medikamentenamen, aber stattdessen steht da: Entspann dich. Das passiert nicht wirklich. Na super. »Kyle«, sagt sie und ich schaue auf, sehe ihren entschiedenen Blick. »Diese Erscheinungen, die du da hast, die sind nicht echt, okay? Die verblassen, sobald du bereit dafür bist. Das verspreche ich dir. Und bis es so weit ist, holst du jedes Mal, wenn es passiert, dieses Rezept hervor. Lies es, merk es dir, glaube daran.« Ich nicke, aber überzeugt bin ich nicht. Verblassen? Was, wenn selbst diese letzten Spuren von Kim verblassen? Wenn ich sie sehe, fühle ich mich verrückt, was scheiße ist, aber immerhin – ich sehe sie. Und ohne das zu sein, so weit bin ich noch nicht. Als wir wieder nach Hause kommen, geht meine Mutter gleich weiter zur Arbeit. Ich setze mich mit einer Schale Fruit Loops an den Küchentisch. Eine Weile höre ich nur mein Knuspern, doch plötzlich, ich schwöre es, ist da noch eine gedämpfte Stimme, die Kauderwelsch murmelt. Ich halte inne, lasse den Löffel vor meinem Mund schweben und spitze die Ohren. »Mom?«, rufe ich, meine Stimme hallt durchs leere Haus. Hat sie was vergessen? Ich lausche noch angestrengter, bis ich kapiere, dass das Geräusch von unten kommt. Aus meiner Tasche. Als ich mein Handy rausziehe, kracht es durch den Lautsprecher. Oh Mann. Wen hat mein Hintern da angerufen? »… Sam«, sagt die Stimme, als ich mir das Gerät ans Ohr halte und endlich etwas verstehen kann. Ich setze schon zu einer Antwort an, doch es redet einfach weiter. Eine Nachricht von der Mailbox. »Ich hab keinen Schimmer, ob du das überhaupt hörst, aber ich muss es dir sagen, ich hab einfach nur Schiss. Und bevor du jetzt lachst, du Arschgeige, das ist mein Ernst. Du machst uns Angst.«

Die Stimme bricht ab und das Display leuchtet auf, zeigt mir eine ganze Reihe unabgehörter Nachrichten. Ich starre auf das Handy in meiner Hand. Mein Daumen schwebt über dem grünen Anrufknopf, so lange, bis das Display wieder schwarz wird. Ich schlucke schwer und schiebe das Handy in meine Tasche zurück. Erst als ich meine Loops aufgegessen, das Sofa im Keller leer geräumt, einen ganzen Müllsack mit leer gegessenen Verpackungen vollgestopft, sämtliche Teller und Gläser neben meinem Bett weggeräumt und auch noch die letzte Haushaltsaufgabe erledigt habe, die mir überhaupt nur eingefallen ist, habe ich genug Mumm, ihn zurückzurufen. Das Handy läutet so lange, bis ich mir gar nicht mehr sicher bin, ob er überhaupt abhebt in seinem gerechten Zorn darüber, dass ich ihn all die Monate ignoriert habe. Aber er ist Sam und so hebt er ab, obwohl ich es nicht verdient habe. Sam leert seinen Whiskey auf seinen Sitz, um dann den Flachmann neugierig zu mustern. Ich sehe ihm zu, sehe seine müden dunklen Augen, den völlig ungewohnten, löchrigen Bartansatz, der mir völlig fremd ist an ihm. Normalerweise würde ich ihn jetzt damit aufziehen, aber seit seiner Ankunft vor einer Viertelstunde hat er mir nur einsilbige Antworten gegeben, egal, was ich von mir gebe. Meine Konversationskünste scheinen nach einem ganzen Sommer ohne Gesellschaft schweren Schaden genommen zu haben. »Warum, äh, was hat dich bewogen, in der Gegend zu bleiben?«, frage ich mit einem Nicken zu seinem blaugrauen T-Shirt, auf dem das Logo des lokalen Community-Colleges prangt. Ich weiß, dass er es in ein paar größere Unis geschafft hat, und begreife nicht, warum er sich umentschieden hat.

Er hebt eine Augenbraue und schaut mir in die Augen und ich sehe etwas, was mir in unserer lebenslangen Freundschaft nur höchst selten begegnet ist. Ein wütender Sam. »Mein Leben war nicht gerade ein Kindergeburtstag in letzter Zeit, Mann. Meine beste Freundin ist gestorben und mein bester Freund war wie vom Erdboden verschluckt«, sagt er. Dann wird sein Ausdruck weicher. »Ich hatte keine Ahnung, was mit dir los ist. Ich musste ständig bei deiner Mom nachfragen.« Ich nehme einen so großen Whiskeyschluck, dass mir der Hals brennt, aber die Worte kommen so leichter raus. »Es tut mir leid, Sam«, sage ich. Tut es auch. Aber er hat es verdient, dass ich aufrichtig bin. »Ich weiß, dass ich ein beschissener Freund war, aber ich … konnte einfach nicht. Ich konnte dich einfach nicht treffen. Ich konnte niemanden treffen. Manchmal glaube ich, ich kann es immer noch nicht.« Ich spüre, wie er mich mustert. »Du siehst beschissen aus«, befindet er schließlich mit einer Geste zu meinem knittrigen T-Shirt, meiner wilden Mähne, meinem seltsamen Lockenbart. Ich zucke mit den Schultern, weil es mir eigentlich wurscht ist, wie ich aussehe. Kimberly ist nicht mehr da, die mich so sehen könnte. Sie war immer diejenige, die mir gesagt hat, ich sähe völlig verwahrlost aus, wenn ich in Jogginghose in die Schule geschlappt bin. Was bringt es mir jetzt, mich zu rasieren oder zu kämmen oder ein sauberes T-Shirt anzuziehen? Was hat es mir dann gebracht, wenn mein Hintern letztlich doch immer genau hier enden sollte? »Tja«, seufzt Sam und der verbliebene Zorn scheint sich langsam in Luft aufzulösen. »Ich bin froh, dass wir dich nicht auch noch verloren haben, auch wenn du beschissen aussiehst.« Er kippt die Flasche und gießt sich noch eine Ladung ins Glas.

Grinsend weist er mit dem Kinn darauf. »Wie hast du das durch den Zoll gebracht?« »War in meiner Krankenhaustasche«, sage ich und weise auf den Schrank, in den meine Mutter alles geräumt hat, nachdem sie die blutigen Anzugreste entsorgt hatte. »Muss Mom entgangen sein.« Ich weiß, dass ich mich drücken könnte. Das Gespräch weiter auf Whiskey-Gelaber-Ebene halten. Aber seine Worte haben sich mir ins Ohr gebohrt. Irgendwas daran passt nicht so richtig. »Du freust dich, dass du mich nicht auch noch verloren hast«, sage ich kopfschüttelnd. »Aber ich wünsch mir manchmal, ich wär’s gewesen. Manchmal kommt es mir vor, als warte ich nur darauf, dass sie durch diese Tür kommt.« Ich blicke durch den Flur zur Couch, zu den leeren blauen Polstern. »Darauf, dass es wieder normal wird.« Sams Gesicht wird ernst, wie früher immer, wenn er unsere Mannschafts-Beschwörungsgesänge vor wichtigen Spielzügen angestimmt hat. »Ich auch«, sagt er fest. »Deshalb dürfen wir sie auch nicht vergessen. Wir müssen zusammenhalten, weil wir die Einzigen sind, die die Erinnerung an sie lebendig halten. Das hätte Kim so gewollt.« Was Kim gewollt hätte? Ich habe immer geglaubt, das wüsste ich besser als sonst irgendwer. War aber nicht so. Sam wusste es. Ich denke an all die Gespräche, die sich hinter meinem Rücken abgespielt haben. Wie er gewusst hat, was sie wirklich empfunden hat. Was sie wirklich wollte. »Wie lange hattest du es schon gewusst?«, frage ich. »Das mit Berkeley?« Er stutzt, doch statt einer Antwort senkt er nur den Kopf. »Es tut mir leid. Ich hätte es dir sagen sollen.« »Ja«, sage ich schlicht. Aber dann denke ich daran, was Kim mir im Auto über die Trennung gesagt hat. Über Berkeley. Hättest du mich gelassen?

Hat er das auch so gesehen? Er sieht mich abwartend an, und als er begreift, dass ich nicht in die Luft gehe, fährt er fort: »Ich weiß, dass das eine üble Nacht war, aber sie hat dich geliebt. Das darfst du nicht vergessen.« Ich lasse die Worte auf mich wirken und sie kreiseln mir stärker im Kopf als der Alkohol. Die Vergangenheitsform »hat geliebt« tut jetzt noch genauso weh wie in jener Nacht. Doch daran darf ich jetzt nicht denken. Sam bleibt nicht mehr lange. Wir bewegen uns auf sichereres Terrain, sprechen über seine Pläne für das kommende Semester, die bevorstehenden UCLA-Footballspiele, obwohl ich es nicht über mich gebracht habe, irgendwas über die kommende Saison zu verfolgen. Und als er dann geht, verspreche ich ihm, mich nicht mehr wie ein Arschloch aufzuführen und mich öfter zu melden. Aber als die Tür hinter ihm zugeht, ertappe ich mich dabei, wie ich sie ein paar Minuten später wieder aufmache und rausgehe, in die frische Spätsommerluft. Eine Sekunde später geht mir auf, dass ich zum Teich gehe, mit der halb leeren Whiskeyflasche in der Hand den Pfad zum Park entlanghumple. Ich setze mich im Schatten der Trauerweiden ans Wasser, sehe zu, wie die Nachmittagssonne auf der Wasseroberfläche tanzt und das Licht überall verstreut. Eine sanfte Brise streicht mir durchs Haar und trägt eine Stimme herbei. Ein Wispern. Die Worte sind zu leise, um verständlich zu sein. Ich blicke mich um, suche ihre Quelle, doch diesmal erstaunt es mich nicht, als ich nichts finden kann – nur das grüne Gras rund um das Wasser, die Bäume am Ufer und ein Gefühl, das ich nicht abschütteln kann. Sams Worte ziehen ihre Kreise in meinem Kopf, wie Laufbahnrunden nach einer konfiszierten Erdnusspackung. Ich habe keine Bedenken, dass ich sie vergesse. Das könnte ich gar nicht. Aber wie zum Henker soll ich wissen, was ich ihrem Wunsch nach tun soll? Wie ich ihrem Wunsch nach sein sollte, ohne sie?

Die Stimme erstirbt mit dem Wind und ich raufe mir mit den Fingern durchs Haar, frage mich, wie ich es schaffen soll, auf eigenen Füßen zu stehen, wenn mir der Boden darunter fehlt. OceanofPDF.com

Kapitel 8 Ich starre meinem Spiegelbild im Badezimmer entgegen, stopfe mein weißes Button-down-Hemd fest in die Hose und mustere mich ein letztes Mal. Mein Haar ist immer noch eine Katastrophe, viel zu lang und zottelig, aber der löchrige Rauschebart der vergangenen drei Monate ist verschwunden und das neue Aftershave, das ich mir zur Abschlussfeier gekauft hatte, durfte endlich zum Einsatz kommen. Die Narbe auf meiner Stirn ist verblasst, das Rot in ein deutlich unauffälligeres sanftes Rosa übergegangen. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, mir ein Kompliment zu machen, aber ich sehe immerhin so aus wie jemand, der sich bemüht hat. Außerdem möchte ich Kimberly nicht unter die Augen treten wie ein Mensch, der »nie eine Dusche von innen gesehen hat«. Ich muss lächeln, weil mir die Sportgala vorletztes Jahr einfällt. Da waren Sam und ich direkt im Anschluss an eine Partie Touch-Football aufgekreuzt. Das konnte sie mir nicht durchgehen lassen. Bevor ich mich drinnen blicken lassen konnte, hatte sie einen Kamm aus ihrer Tasche gezogen und auf ihre seltsam unnachahmliche Art die Haare gebändigt. So ist das immer: Irgendeine Erinnerung flattert herbei und für mich bleibt die Welt stehen. Aber Sam hatte recht letzte Woche. Ich muss sie besuchen gehen. Sie darf nicht glauben, ich könnte sie vergessen. Seufzend verlasse ich das Badezimmer und gehe in mein Schlafzimmer, wo meine Entschlossenheit ins Wanken gerät, als ich den

Schwertlilienstrauß sehe, der mit seinen lila Blüten viel zu grell wirkt für diesen schweren Tag. Bin ich wirklich schon bereit dafür? Ich lasse die Wochen, seit meine Mutter kurzerhand meine Tür aus den Angeln gehoben hat, noch mal Revue passieren. Vermutlich bin ich schon stabiler seitdem. Ich gehe tatsächlich zur Physiotherapie. Antworte auf Sams Nachrichten, statt sie zu ignorieren. Raste nicht jedes Mal aus, wenn ich Kim auf leeren Stühlen und am anderen Zimmerende und überhaupt an Orten sehe, wo sie auf keinen Fall sein kann. Aber heute werde ich sie tatsächlich sehen. Zum Friedhof gehen und vor dem Grabstein stehen, auf dem ihr Name eingraviert ist, und mit aller Macht in mich gehen, was genau sie von mir wollte. Und jetzt, wo die Stunde gekommen ist, mache ich mir in die Hose vor Angst. Genau dasselbe panische Gefühl wie neulich vor zwei Wochen, als mir Nicht-wirklich-Kim beim Footballspiel erschienen ist. Wie wird das erst, wenn ich tatsächlich in ihrer Nähe bin? Denn … ich könnte ja genauso gut erst morgen hingehen. Oder sogar nächste Woche. Wenn meine Mutter vom Einkaufen nach Hause kommt, könnte ich doch Sam anrufen, um es … vor mir herzuschieben. Ich würde es einfach nur vor mir herschieben. »Sei nicht so ein Jammerlappen, Kyle«, murmle ich, stapfe nach oben und aus der Tür, hoffe, dass der endlose Weg zum Friedhof ausreichen wird, mich wieder in den Griff zu bekommen. Nur muss es sich natürlich gerade heute so anfühlen, als sei er direkt hinter der nächsten Ecke. Allzu schnell kann ich das schmiedeeiserne Tor ausmachen, die großen Bäume, in deren Schatten das Meer aus Grabsteinen ruht, die Traurigkeit, die schwer in Ästen hängt. Auf dem Pfad werde ich langsamer, lese jeden Grabstein, um noch etwas Zeit rauszuschinden. Mütter, Väter, Söhne, Großeltern. Sogar Kinder.

Fuck, ich will hier nicht sein. Einige der Grabstätten sind sorgfältig gepflegt, von frischen Blumen umrahmt und dekoriert mit kleinen Gaben von Freunden und Verwandten. Andere sind verwildert, weil keiner sich darum kümmert. Wird Kims Grab gut aussehen? Ich hoffe es, verdammt noch mal. So egal es mir ist, wie ungepflegt ich wirke, so wenig könnte ich es ertragen, wenn etwas von ihr so aussieht. Ich würde nicht wollen, dass es aussieht wie … also … das hier. Ich bleibe vor einem kleinen Grabstein stehen, der von abgestorbenem Efeu umrankt wird und auf dem nur ein einziges Wort eingraviert ist: ADIEU. Kein Name, kein Datum, nichts. Verdammt, das ist traurig. Kopfschmerz flammt auf und ich muss mich abstützen, auf die einzelnen Buchstaben starren, das A, das U, bis das Brennen langsam abflaut. Ich frage mich, welcher Mensch wohl unter so einem Grabstein liegt. Ob irgendwer sich an ihn erinnert. Als der Schmerz sich verzogen hat, zupfe ich eine lila Blume aus dem Strauß in meiner Hand und lege sie vorsichtig auf den einsamen Grabstein. Keine Ahnung, wieso ich das tue, aber irgendwie scheint es mir richtig. Besonders, weil das Grab nebenan von einem wahren rosa Blumenmeer eingerahmt ist, rund um die ganze Grabstätte. Die leuchtenden, dreieckigen Riesenblüten stechen einem so richtig ins Auge. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die bisher übersehen konnte. Sanft streiche ich über eine der Blumen. Ich glaube, die kenne ich aus dem Garten meiner Mutter. Sie hat vor ein paar Jahren mal versucht, sie zu züchten, und sie dufteten so stark, dass man es im Sommer morgens durchs Küchenfenster riechen konnte. Wie heißen die doch gleich? Gerade bin ich die paar Blumen, die ich kenne, im Geiste halb durchgegangen, als mir aufgeht, mit welcher Macht ich hier gerade Zeit

vertrödle. Ich treibe mich selbst an. Komm schon, Kyle. Ich folge dem Pfad noch etwas weiter, doch meine Gedanken wandern immer wieder von den rosa Blüten zu dem Adieu-Grabstein. Irgendwas daran kommt mir falsch vor. Aber was genau? Ich bin so in meinem Kopf gefangen, dass ich fast dran vorbeigehe. KIMBERLY NICOLE BROOKS. RUHE SANFT. Es trifft mich eiskalt. Ihr Grab ist weder übergewuchert noch verwahrlost. Tatsächlich prangt darauf ein riesiger blauer Tulpenstrauß, der so farbintensiv ist, dass die Blütenkelche unten lila schimmern. Blaue Tulpen. Mein Blick senkt sich auf die Schwertlilien in meiner Hand. Fuck. Blaue Tulpen, das waren ihre Lieblingsblumen. Jetzt hab ich wieder ihre Stimme im Ohr, wie sie mir sagt, wie gern sie die mag, weil sie ihre Augenfarbe haben. Schwertlilien waren einfach nur die ersten Blumen, die ich ihr je geschenkt habe. Wäre Kim jetzt hier, hätte sie sich den restlichen Tag geweigert, ein Wort mit mir zu wechseln. Oder die restliche Woche, wenn es sie besonders schwer genervt hätte. Gott, ich habe sie geliebt, aber dieses Verhalten, das habe ich gehasst. Liebe sie, verbessere ich mich. Ich werde sie immer lieben. Was stimmt da nicht mit mir, dass ich so was gerade jetzt denken muss? Ich lege mein trauriges Sträußchen neben die Tulpen und meine Hand findet den rauen grauen Stein. Meine Finger fahren ihren Namen nach und es ist, als mündeten die vergangenen Monate alle in diesen Augenblick. »Kim …« Ich halte inne und stütze mich ganz auf den Grabstein, denn plötzlich überfluten mich all die Gefühle, die ich in mich hineingefressen habe, mit einem Schlag. Ich kann das nicht. Ich kann hier nicht sein. Noch nicht.

Aber ich hole tief Luft und versuche es noch mal. »Ich … ich kann das nicht glauben.« Ich schüttle den Kopf, meine Kehle brennt. »Ich kann es nicht glauben. Aber jeden Tag hab ich es neu vor mir, wenn ich aufwache und du nicht da bist.« Ein glühender Stich in meiner Schläfe breitet sich aus, fast wie ein Brutzeln. Ich reibe darüber und zwinge mich, weiterzureden. »Wenn ich noch mal die Chance hätte, dann würde ich auf der Party nicht ausflippen«, sage ich schließlich. »Ich würde dich nicht zwingen, im Auto mit mir zu reden. Ich hätte dir zugehört, als du gesagt hast, du willst …« Dich umdrehen und nicht mich sehen. Ich schlucke, ihre Worte dröhnen mir durchs Hirn. Sie tun immer noch weh, aber nicht mehr so wie vorher. Und hier geht es nicht um meine Schmerzen. »Ich hätte dir diesen Freiraum gegeben, den du wolltest. Ich hätte … ich hätte dich fahren lassen«, sage ich mit rauer Stimme. »Darüber hättest du bestimmt gelacht«, sage ich und kann ihr Lachen fast schon hören, irgendwo hinter mir. Fast. Ich will den Mund wieder aufmachen, noch so viel sagen, doch die Gedanken werden zu einem riesigen Wirrwarr aus Worten und Traurigkeit, zu chaotisch, um Sinn zu ergeben. Ich klammere mich fester an den Grabstein, während alles anschwillt und anschwillt und mein angeknackstes Hirn sich endlich in die Luft sprengt. Ein scharfer, stechender Schmerz schießt mir durch die Schläfen, winzige Lichtblitze sengen mir aus den Augenwinkeln. Verdammte Kacke. »Es war einmal ein Junge …«, höre ich eine Stimme hinter mir, so unglaublich zart, dass sich meine Arme mit Gänsehaut überziehen. Zuerst glaube ich in meinem Schmerznebel, es sei Kim. Wieder eine Halluzination. Aber das ist nicht ihre Stimme.

Suchend fahre ich herum, doch da ist niemand, nur die rauschenden Bäume. Vor meinen Augen verschwimmt alles und wird dann wieder klar. Hinter meinen Augen wummern immer noch die Schmerzen und so mache ich sie zu, reibe mir die Schläfen, bis ich immerhin in meine Tasche greifen und mir das Fläschchen mit den Schmerztabletten holen kann. Der kindersichere Verschluss ist eine Herausforderung, doch dann habe ich zwei Tabletten in der Hand und würge sie trocken hinunter. Aber die Stimme ist immer noch da. »Der war traurig und alleine«, hallt es hinter mir. Als ich mich diesmal umdrehe, ist mein Kopf klar genug, um ein Mädchen in einem sonnengelben Pullover neben mir stehen zu sehen, ein paar Schritte entfernt, neben dem Meer aus rosa Blumen. Sie hat lange braune Locken, die sich sanft mit den Bäumen im Takt wiegen. Sie mustert mich so unsicher, dass ich mich schon fragen muss, ob das vielleicht gar nicht ihre Stimme war. Aber außer uns ist niemand hier. Ich reibe mir die Augen und versuche, sie scharf zu stellen. Irgendwas an ihr kommt mir … bekannt vor. War sie auch auf der Ambrose High? Glaube ich eher nicht. Dort habe ich so ziemlich jeden gekannt und an sie würde ich mich definitiv erinnern. »Hi«, sage ich und hebe die Hand zum verkrampftesten Winken aller Zeiten. Sie wendet den Kopf, als halte sie Ausschau nach dem tatsächlichen Anlass meines Winkens. »Kennen wir uns?«, frage ich, als sie sich wieder mir zuwendet. Ich versuche immer noch, ihr Gesicht einzuordnen, gehe innerlich sämtliche Sportcamps und Footballspiele und Schulkorridore durch. Sie schüttelt den Kopf, und obwohl ich schwören könnte, sie schon mal gesehen zu haben, beharre ich nicht darauf. »Hast du was gesagt? Eben gerade?« Das Mädchen zögert, ihre braungrünen Augen werden ganz weit vor Neugier. Oder womöglich Überraschung. Oder womöglich Verwirrung

darüber, dass ich mich anderthalb Minuten mit einem kindergesicherten Medikamentendeckel abgemüht habe. »Ich … ich hab geglaubt, du könntest mich nicht hören«, sagt sie. Ich trete einen Schritt auf sie zu. Sie hat Sommersprossen auf der Nase. »Ich hab nur jemanden sprechen gehört. Warst du das?« Sie scheint zu zögern, als schwanke sie, ob sie mir antworten soll oder nicht. Forschend sieht sie mich an. Ich sollte mich wieder zu Kims Grab wenden, weswegen ich ja schließlich hier bin, doch stattdessen platzt es aus mir heraus: »Es war einmal, oder?« Sie schaut mir in die Augen und die vier Wörter hängen zwischen uns in der Luft. Sie schiebt sich die Haare hinters Ohr, läuft rot an. »Ich … ich erzähl Geschichten«, sagt sie und streicht über die rosa Blumen. »Geschichten? Wie … Märchen?« »Ja«, entgegnet sie und schenkt mir ein flüchtiges, erfreutes Lächeln. »Genau wie Märchen.« »Cool.« Ich bleibe vor ihr stehen, nur die rosa Blumen trennen uns. Mit der Spitze ihrer gelben Chucks zeichnet sie einen Kringel in die Erde. Als sie weiter nichts beisteuert, lege ich wieder los. »Wie heißt du?«, frage ich, gerade als sie mich fragen will: »Tut dir dein Kopf weh?« Der Kopf? Ich fasse mir an die Narbe. Ich habe geglaubt, das lange Haar würde sie tarnen. Ich fahre sie mit dem Finger nach. Der Schmerz ist noch da, aber nur noch im Hintergrund. »Wie hast du …« »Marley«, sagt sie und wieder sprechen wir durcheinander. »Ich heiße Marley.« Marley. Der Name sagt mir gar nichts, aber ihr Gesicht kenne ich.

»Ich bin Kyle«, sage ich, versuche, uns auf einer Gesprächslinie zu halten statt auf zwei. »Kyle Lafferty.« Sie nickt und mustert lange mein Gesicht, bevor sie sagt: »Essen hilft. Bei Kopfschmerzen.« Mein Blick bleibt unwillkürlich an ihrem Mund hängen, an ihren zarten rosa Lippen, die sich in den Winkeln wölben wie Rosenblüten. »Vielleicht solltest du was essen? Es ist schon Mittag.« Ein heftiger, stechender Schmerz jagt mir zwischen die Schläfen, noch bevor ich sie reiben kann. »Möchtest du … was essen gehen?«, fragt sie. »Oh.« Endlich fällt bei mir der Groschen. Ein Schlag in die Magengrube. Ich bin nicht hier, um neue Freunde zu finden. Ich bin hier wegen Kim. Ich schüttle den Kopf und will mich von ihr abwenden. »Nein. Äh, ich sollte dann mal …« »Aber du hast Hunger«, versetzt sie. Ich will schon protestieren, als mein Magen wie aufs Stichwort ein langes, lautes Knurren von sich gibt. Perfekt. Marley verkneift sich ein Grinsen. Ich muss ebenfalls mein Lächeln unterdrücken, weil Gelächter in mir aufsteigt. Lachen ist mir so fremd geworden. Aber … es fühlt sich gut an. Und sie hat recht. Ich bin hungrig. Aber … wenn ich jetzt mit ihr essen gehe, heißt das, dass ich gehe, ohne Kim alles gesagt zu haben. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was ich ihr eigentlich sagen soll, fühlt es sich nicht richtig an, irgendwas anderes zu tun. Wenn das also ausscheidet, dann sollte ich wahrscheinlich einfach heimgehen. »Danke, aber ich kann wirklich nicht«, sage ich und humple an ihr vorbei den Pfad hinunter, dem Tor entgegen. »Ach. Du gehst«, sagt sie. Irgendwas an ihrer Stimme hält mich zurück. Ich bin mehr als bereit, meinen langen Heimweg anzutreten, doch sie schiebt sich das Haar hinter die Ohren und sieht mich mit ihren

braungrünen Augen erwartungsvoll an. Geh weiter. Ich will ja, aber ich bin wie angewurzelt, meine Füße bestreiken mein Hirn. Marley macht einen Schritt auf mich zu, doch als ich mich nicht rühre, stopft sie die Hände in die Taschen und wendet sich ab. Vielleicht ist sie einsam? Ein Friedhof ist nicht gerade der coolste Ort, seinen Mittag zu verbringen. Das kann ich vermutlich nachfühlen. Mein Sozialleben hat in den vergangenen drei Monaten daraus bestanden, mit meiner Mom abzuhängen. In letzter Zeit auch manchmal mit Sam, aber überwiegend mit meiner Mutter. Wahrscheinlich nicht das Normalste, was ein Achtzehnjähriger so tun sollte, aber ich hab eigentlich gar keinen Schimmer mehr, wie man sich normal verhält. Ich werfe ihr einen raschen Blick zu. Wär ja nur ein Mittagessen. Ich wäre jetzt ohnehin nach Hause gegangen und hätte eine Schale Cornflakes gelöffelt oder so. Sie lächelt mich schmal an, als wisse sie, was mir im Kopf rumgeistert. »Und …?«, fragt sie. »Was Kleines essen?«, frage ich. Ihr Grinsen ist so strahlend, dass fast die Sicherung rausfliegt. Ihre Augen werden heller, der Haselnusston leuchtender. Lebendiger. Grüner. Es ist ansteckend. Plötzlich lächle ich auch. Mein erstes echtes Lächeln seit Monaten. Es fühlt sich gut an, mal zur Abwechslung jemandem eine Freude zu bereiten. »Das würde mich sehr freuen«, sagt sie und wir gehen gemeinsam den Pfad entlang, auf das große, schmiedeeiserne Tor zu. Im Gehen zögere ich, drehe mich noch mal nach Kimberlys Grab um. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe, aber das hier ganz bestimmt nicht. Ich verspreche ihr,

dass ich wiederkomme, dass ich das nächste Mal etwas zu sagen haben werde, aber sie bleibt stumm. OceanofPDF.com

Kapitel 9 Ein paar Minuten darauf bleibe ich überrascht stehen, weil mir aufgeht, wo wir sind. Hier? Im Ernst? Von all den Orten, zu denen ich uns hätte führen können, haben meine Füße mich automatisch zu diesem hier geführt, die verschlungenen Pfade des Parks hin zu … »Ich liebe diesen Teich«, sagt Marley. Ich mustere sie aus den Augenwinkeln. »Warst du hier schon mal?« Sie nickt und jetzt macht es klick. Vielleicht kommt sie mir deshalb so bekannt vor. Ich muss sie mal gesehen haben, als ich mit Sam und Kim hier war. Der Teich war einer unserer liebsten Treffpunkte, hauptsächlich, weil hier abends kaum was los ist und nachts dann völlig tote Hose. Da das Ufer nicht beleuchtet ist, hatten wir das ganze schwarze Wasser samt den Bäumen drum herum für uns allein. Hier haben wir mit Billigchampagner aus roten Plastikbechern angestoßen, als Kim zur Kapitänin des Cheerleading-Teams gewählt wurde, und Sam ist auf den Felsen in der Mitte des Teichs geklettert, als er nach der Topsaison vor zwei Jahren in die Bundesstaatsmannschaft aufgenommen wurde. Manchmal sind Sam und ich auch allein hergekommen, wenn wir nach dem Training noch Zeit totschlagen mussten, oder Kim hat mich hier getroffen, wenn wir mal wieder einen Streit durchkauen mussten. Jetzt frage ich mich, ob die beiden je zu zweit hier waren, ohne mich. Ob das hier der Ort ist, wo Kim Sam von Berkeley erzählt hat.

»Aber ich geh immer auf die andere Seite«, sagt Marley und zieht mich zurück ins Jetzt, indem sie über den Teich zu einer kleinen Armee von Enten weist, deren orange Füße auf der grünen Rasendecke leuchten. »Dort sind meine Enten.« Keine Ahnung, ob meine Augen mir einen Streich spielen, aber ich schwöre bei meinem guten Bein, dass das Gras dort drüben grüner aussieht. Eine beknackte Metapher, aber ich brauche eine Ausrede, um unserer Bank zu entkommen und dem nagenden Gefühl in meiner Brust. »Dann gehen wir doch auf deine Seite.« Ich marschiere los und unsere Blicke kreuzen sich, als ich mit dem Kinn ans andere Ufer weise. Meine Krücke spielt nicht mit, und als ich anhalten und sie zurechtrücken muss, merke ich, dass Marley schon fast den Teich umrundet und mich alleine stehen gelassen hat. »Hey!«, rufe ich ihr nach. »Ist das ein Wettrennen?« Sie wirbelt zu mir herum, ihr langes Haar flattert im Wind, ihr Gesicht ist sonnenumstrahlt. Es ist, als wäre ein photogeshopptes Instagram-Bild zum Leben erwacht. Ein perfekter Schnappschuss, für den man normalerweise 100Anläufe braucht. Ich reiße die Augen weg und weise auf die Frittenbude, die etwas abseits des Wegs steht. »Was Kleines essen?«, wiederhole ich meine Worte von vorhin. Sie grinst. Wir gehen zu dem kleinen Stand, jetzt nicht mehr so eilig, und kaufen uns jeder einen Hotdog mit Pommes. Ich nehme eine Cola, aber Marley wählt den Eistee mit Minze, die frisch im Gemeinschaftsgarten im Park angebaut wird. »Ich steh total auf Eistee mit Minze. Gerade im Sommer«, sagt sie und späht hinter mir hinauf zu den sich gelb verfärbenden Bäumen am Weg, den allerersten Herbstboten überhaupt. »Nur noch ein paar Wochen, dann ist der Genuss vorbei.« Ich habe alle Mühe, mein Tablett nicht fallen zu lassen, während sie sich ein zusätzliches Minipapptellerchen für ihre Würzsaucen holt. Sie teilt den

Ketchup, den Senf und die Mayo in sorgfältige Häufchen, die sie jeweils mit einer Pommes voneinander abtrennt, mit konzentriert gerunzelter Stirn. »Was soll das mit den Barrieren? Meinst du, Senf und Ketchup vertragen sich nicht?«, frage ich, als wir uns auf das quietschgrüne Gras auf ihrer Teichseite setzen. »Ich seh das eher so, dass jedem sein eigener Raum zusteht«, sagt sie und setzt sich in den Schneidersitz, während sie eine Pommes hochhält. Und weil ich so ein Arsch bin, tauche ich meine in den Ketchupberg auf meinem Teller und schleife sie dann gleich noch durch die Mayo. Sie verzieht das Gesicht, als ich mir das ganze Ding in den Mund stopfe. »Okay, und hast du auch nur irgendwas von der Pommes geschmeckt?« Ich kaue, schlucke und runzle die Stirn. Volle Mayoketchupdröhnung, aber kaum Pommes. Könnte noch nicht mal sagen, ob sie aus Kartoffeln war. Ich sehe Marley zu, wie sie die Spitze ihrer Pommes in den Ketchup eintunkt und ganz bedacht abbeißt. »Manchmal … ist weniger mehr.« Ich zucke mit den Schultern und zwinge mich zum Wegschauen, in Richtung Friedhof. Ich erinnere mich daran, dass ich hier nur höflich bin. Etwas Gutes tue. Es ist ja nicht so, dass ich sie je wiedersehen würde. Aber das Schuldbewusstsein sprudelt mit jeder verstreichenden Sekunde höher und das Essen schmeckt wie Pappe. Das ist nicht der Grund, weshalb ich gekommen bin. Ich bin gekommen, um mich von Kim zu verabschieden, nicht, um mich von irgendeinem Mädchen, dass ich quasi direkt neben dem Grab meiner Freundin getroffen habe, in die Kunst der Ketchupdosierung einweisen zu lassen. Ex-Freundin, korrigiere ich mich zum x-ten Mal, jetzt noch frustrierter. Was mache ich hier? Hastig verschlinge ich meinen Hotdog und stehe ruckartig auf, schiebe ihr meine Pommes rüber. »Äh, kannst du auch noch essen«, sage ich, ohne

sie anzusehen, denn beim Anblick ihrer Augen würde ich vermutlich bleiben. »Ich muss los. Meine Mom braucht Hilfe beim …« »Vielleicht seh ich dich ja wieder«, sagt sie und unterbricht mich mitten in der Lüge, die ich da gerade zusammenstoppeln wollte. Als durchschaue sie das voll, aber es wäre ihr egal. Sie lächelt, schmal und schüchtern. »Vielleicht«, sage ich, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sie es nicht tun wird. Ich mache auf dem Absatz kehrt und hinke davon. In Gedanken bin ich immer noch bei ihrer Soßenbarriere und den Sommersprossen auf ihrer Nase und dem grünen Gras beim Teich, als ich fast eine halbe Stunde später in die Diele trete. Wie aufs Stichwort taucht sofort der Kopf meiner Mutter aus der Küchentür auf, um mich zu begrüßen. Sie beäugt mein gebügeltes Hemd und meine Anzughose. »Warst du heute endlich auf dem Friedhof?«, fragt sie und umklammert den Pfannenheber in ihrer Hand etwas fester. Neulich, nachdem Sam da war, hab ich mich verplappert, dass ich das vorhabe, und seitdem fragt sie mich jeden Tag danach. »Ja«, sage ich knapp. Mehr nicht. War ja nicht gerade ein rauschender Erfolg. »Ich fang grad erst mit Kochen an. Wir können uns drüber unterhalten.« »Ich hab schon gegessen«, sage ich und mache mich auf zu meinem Zimmer. Lieber den Oberschenkel noch mal brechen als meinen Tag durchkauen. Ich humple die Kellertreppe hinab und stelle mich vor meinen Schrank, um die Jacke aufzuhängen. Beim Öffnen der Tür fällt mein Blick auf die Schachtel, die hinten in der Ecke versteckt ist. Die Schachtel, in die alles geräumt wurde, was nach dem Unfall noch aus dem Auto gerettet werden konnte.

Ich ziehe sie aus dem Schrank und stelle sie auf den Boden. Davor sitze ich dann, gefühlte Stunden lang, will mich durchringen, sie zu öffnen. Wenn ich heute schon auf dem Friedhof nicht weitergekommen bin, dann kann ich wenigstens das hier wagen Ich ertappe mich dabei, wie ich auf ein Stück milchigen Stoff starre, der an der Ecke hinauslugt. Keine Ahnung, was das ist, aber irgendwas daran jagt mir Angst davor ein, den Deckel hochzuklappen. Zu sehen, was da sonst noch drinnen ist. Schließlich kratze ich allen Mut zusammen und nehme den Deckel ab. Als ich langsam den Inhalt durchgehe, entpuppt sich das Stückchen Stoff als Schal. Darunter eine Handtasche. Ein einzelner Schuh. Winzige Teile von ihr, die sie nie wieder tragen wird. Nie wieder elegant um den Hals schlingen oder sich um die Schultern legen oder abends nach dem Weggehen einfach in meine Zimmerecke pfeffern. Ich grabe noch tiefer und finde die kleine Discokugel, völlig unversehrt. Ich halte sie hoch, bis mein Nachttischlicht sich darin fängt und tausend winzige Lichter durchs Zimmer schickt. Schmerz zuckt mir durch die Narbe und ich sehe die winzige Kugel, wie sie in den Scheinwerfern des Lastwagens aufflammt, die Lichtfleckchen auf Kimberlys schreckverzerrtem Gesicht. Mein Herz beginnt zu rasen und alles vor mir verschwimmt. Ich lasse die Kugel fallen, schließe die Augen und mit der Erinnerung verblasst auch der Schmerz. Als ich sie wieder aufschlage, fällt mein Blick auf eine kleine Samtschachtel, ganz unten. Ganz langsam, ganz vorsichtig ergreife ich sie und klappe sie auf. Das Armband. Ich wickle es mir um die Finger, das kalte Metall liegt sanft in meiner Hand. Meine Finger fährt die Anhänger nach, ertastet schließlich die leeren Glieder, den Platz, den ich für unsere zukünftigen Erinnerungen reserviert hatte. Erinnerungen, die nur ihre allein gewesen wären, in Berkeley.

Jetzt bin ich derjenige, der ohne sie Erinnerungen formen wird. Ich denke daran, was Sam neulich in diesem Zimmer gesagt hat. Das hätte Kim so gewollt. An meine Mutter und ihr »Immer voran. Nie zurück«. An Marley, wie sie beim Teich steht. Unserem Teich. Ich lege das Armband vorsichtig in seine Schachtel zurück und packe es wieder weg. Es war zu früh. Ich bin heute gegangen, weil ich dachte, dass Kim es so gewollt hätte. Warum fühlt sich dann jede neue Minute an, als würde ich die alten verraten? OceanofPDF.com

Kapitel 10 Ein paar Tage später stehe ich wieder auf dem Friedhof, vor Kims Grab, einfach um ihre Nähe zu spüren. Nicht auf die Art »Geisterscheinung«, sondern eher auf die Art »Keine Ahnung, was ich sonst anstellen soll«. Ich lege einen frischen Tulpenstrauß neben meine verwelkten Schwertlilien, doch am Grabstein steht schon ein größerer Strauß. Ich frage mich, wie viele Sträuße Kims Eltern hier schon hergeschleppt haben, bevor ich überhaupt einmal gekommen bin. Wenigstens habe ich diesmal die richtigen Blumen erwischt. Ich ziehe den Seidenschal aus meiner Tasche und drapiere ihn vorsichtig über den Grabstein, gebe ihn seiner Besitzerin zurück. »Tja, Kim«, sage ich, als ich mich zurückziehe. »Wie immer bin ich ziemlich überfragt damit, was du genau willst. Ich denke immer, ich wüsste es, aber dann …« Ich halte inne, erwarte irgendwie fast, eine Antwort zu bekommen, aber ich höre nur den Wind, das Rascheln des Laubs über mir. Ich setze mich hin und lehne mich an den Grabstein, warte schweigend auf eine Erleuchtung. Fünf Minuten verstreichen. Dann fünfzehn. Nichts passiert. Und mir geistern immer dieselben Fragen im Kopf herum, wie ein Newsticker, der sich nicht aktualisieren lässt. Ich sehe mich um und entdecke das rosa Blumenmeer zwei Gräber weiter. Die Neugier ist zu groß und ich rapple mich auf. Ich strecke den Arm aus, die Blüten fühlen sich ganz weich an. »Stargazer-Lilien«, sagt eine Stimme hinter mir.

Herrgott noch mal! Ich zucke zusammen, kriege beinahe einen Herzkasper, als ich Marley neben mir sehe. Sie hat die Haare mit einem gelben Band zurückgebunden. Sie pflückt die Lilie, die ich berührt habe, und mustert sie mit braungrünen Augen. »Meine Schwester. Laura«, sagt Marley gedämpft, bevor ich nachfragen kann. »Sie war meine Heldin. Hat mich einfach so geliebt, wie ich bin«, sagt sie, als würden wir die Unterhaltung genau dort weiterführen, wo wir sie zuletzt abgebrochen haben. Sie legt die Blume oben auf den Grabstein. »Ihr war es egal, ob ich anders bin. Oder empfindlich. Oder still.« Sie blickt zu mir auf und endlich kann ich erkennen, warum ihr Blick so eindringlich ist. Es ist Trauer, die in dem tiefen Braungrün eingebettet ist. Ein vertrauter, um die Iris gewundener Schmerz. Ich kenne diesen Schmerz. Es ist, als sähe ich in einen Spiegel. »Ich wollte genauso sein wie sie«, fügt sie hinzu und wendet sich ab, wieder den Blumen zu. »Wie alt warst du, als sie …« »Wir waren gerade vierzehn geworden.« Wir? Aber bevor ich nachfragen kann, hat sie es schon beantwortet. »Zwillinge«, sagt sie. Shit. »Was ist passiert?« »Ach, traurige Geschichten erzähle ich nicht«, sagt sie, Dann lächelt sie schwermütig und es ist, als falle hinter ihren Augen ein Vorhang. Alles klar. Das ist eindeutig ein wunder Punkt. Eine Weile stehen wir einfach nur schweigend da. »Oh!« Sie lässt sich die gelbe Tasche von der Schulter gleiten und holt zu meiner Überraschung eine einzelne Blume aus einer Seitentasche. Mit klarem Blick hält sie sie mir hin, als hätte ich sie darum gebeten. »Kamille?«, frage ich.

»Jede Blume hat ihre eigene Bedeutung«, sagt sie, weil sie meine Verwirrung spürt. Sie weist auf das Blümchen in meiner Hand. »Bei der musste ich an dich denken.« »Warum? Was bedeutet die?«, frage ich, aufrichtig erstaunt, dass sie überhaupt etwas aussagen. Ich dachte, Blumen wären einfach nur Schmuck. »Hoffnung«, sagt sie schlicht. Hoffnung. Glaubt sie, ich hätte Hoffnung? Ich hoffe doch eigentlich auf gar nichts mehr. »Ich freu mich, dich wiederzusehen«, sagt sie plötzlich, ohne den Kopf zu heben. »Ich war mir nicht sicher, ob ich das würde.« Wahrscheinlich sollte ich ihr nicht sagen, dass ich auch gar nicht vorhatte, sie wiederzusehen. Ich lächle einfach nur und dann gehen wir plötzlich nebeneinander den Pfad entlang Richtung See, als hätten wir es so ausgemacht. Wir kaufen uns Popcorn beim Stand und gehen dann rüber auf ihre Seite, zu den Enten. Sie versammeln sich zu ihren Füßen, um ehrfürchtig zu ihr hinaufzuschauen, und quaken so laut, als hätten sie Mini- Megafone dabei. Ich sehe zu, wie sie in den rot-weiß gestreiften Becher greift und ihnen etwas Popcorn zuwirft, ihr das Haar ins Gesicht fällt. Ich mache es ihr nach, greife meinerseits in den Becher und verteile eine Handvoll vor mir. Die Enten stürzen sich drauf, als hätten sie noch nie etwas zu essen bekommen. »Machst du das hier öfter? Enten füttern?« Sie zögert, die Faust voller Kerne. »Nicht mehr so oft wie früher.« Ich nicke, hake aber nicht nach. Ich weiß, wie es ist, wenn man etwas aufgibt, das man früher geliebt hat. Eine Ente schnappt nach dem Popcorn in ihrer Hand und Marley quietscht auf, bricht in Lachen aus und löst die Spannung in der Luft. Sie macht einen Satz nach hinten und lässt das Popcorn los, ehe die Ente ihr den kleinen Finger abbeißt. Ihre Schulter streift meinen Arm, so sacht, dass ich eine Gänsehaut bekomme.

Ich räuspere mich und rücke ein wenig ab. Wir folgen den Enten zum Wasser, immer dem Geschnatter nach. Kurz vorm Ufer bleibt Marley stehen und blickt auf, die Hand verharrt über dem Popcorn. »Gleich regnet’s«, sagt sie, legt den Kopf in den Nacken und blickt versonnen in die dunklen, schweren Wolken über uns. Ich folge ihrem Blick und nicke. Etwas daran erinnert mich an den Himmel in der Nacht der Abschlussfeier. Dasselbe gruselige Grau, die regensatten Wolken. Wieder überfällt mich das Gefühl, ich sollte nicht hier sein. »Kim hat es immer gemocht, wenn es regnet«, sage ich und schüttle den Kopf, weil es so eine grausame Ironie des Schicksals ist. Als ich mich vom Himmel losreiße, erhasche ich einen Blick auf einen blauen Schmetterling, der über den dunklen Teich flattert, mühsam mit den Flügeln schlägt. Irgendwas stimmt nicht mit ihm. Er fliegt, aber man kann es kaum noch so nennen. Mühsam kämpft er sich uns entgegen, sinkt mit jedem Flügelschlag tiefer zum Wasser. »Kim«, sagt Marley. Ihr Name aus Marleys Mund lässt meine Narbe schmerzhaft pochen. »Das Grab, zu dem du immer gehst. Sie war nicht nur eine Freundin, oder?« »Ja«, sage ich und eine Gefühlslawine kommt auf mich zugerollt. Ich kann ihre Hand in meiner spüren, als sie mich bei einem Schulball den leeren Korridor entlangzieht. Sehen, wie sie auf das Spielfeld gerannt kommt, nachdem ich den entscheidenden Pass geworfen habe. Spüren, wie sie mich zum ersten Mal küsst, nachdem sie die Botschaft in ihrem Tagebuch entdeckt hat. »Ja. Sie war mehr.« Ich muss an den Schmerz denken, den ich vorhin in Marleys Blick gesehen habe. Irgendwas sagt mir, dass ich mit ihr drüber sprechen kann,

dass sie es auf eine Weise begreifen wird, die meiner Mutter und Sam verschlossen scheint. Aber wo soll ich anfangen? Also wende ich mich wieder dem Schmetterling zu und sehe, wie er dem Ufer immer näher kommt. Fast geschafft … fast … »Kimberly hat es nicht geschafft«, sage ich, zwinge mich dazu, auch wenn ich die Augen auf die blauen Schmetterlingsflügel gerichtet halte. Sie versagen und der Schmetterling fällt auf die Wasseroberfläche, ganz nah am Ufer, aber nicht nah genug. Er zuckt, kämpft gegen die Strömung. Ich renne hin und schöpfe das Insekt vorsichtig in meine Hand. Ich schaue hinab ins Wasser. Irgendwas stimmt da nicht. Als ich näher rücke, geht mir auf … ich sehe mich nicht. Ich sehe nur die Zweige über meinem Kopf, die Umrisse der Blätter. Das Sturmgrau der Wolken direkt darüber. Ich rücke noch näher. Da ist sogar der Schmetterling, aber nicht … ich. Als hätte ich gar kein Spiegelbild. Ich schlucke schwer und versuche, mich zusammenzunehmen. In meinem Kopf entfaltet sich der vertraute Schmerz. Ich versuche, mich nicht mitreißen und mein kaputtes Hirn das Ruder übernehmen zu lassen, als die Worte auf Dr. Benefields Zettel vor mir erscheinen. Entspann dich. Das passiert nicht wirklich. Ich konzentriere mich auf meinen Herzschlag, meinen Brustkorb, wie er sich hebt und senkt, den Schmetterling, der in meiner Hand herumflattert. Eine weitere Spiegelung erscheint im Wasser. Marleys besorgtes Gesicht. Ich sehe rasch zu ihr und der Schmetterling hebt ab, mühsam, aber immerhin. »Der Arme«, sagt Marley und sieht ihm hinterher. Mit angehaltenem Atem schaue ich wieder ins Wasser und diesmal starren meine Augen mir entgegen, dunkel und panisch. Sofort komme ich

mir wie ein Trottel vor. Wahrscheinlich habe ich gewirkt, als würde ich mich wegen eines Schmetterlings so aufregen. Diese Hirnkrämpfe werden immer schräger statt besser. Ich fahre mir durchs Haar, um mir unauffällig an die Narbe zu fassen. Dr. Benefield hat gemeint, das geschehe aus Selbstschutz. Vielleicht, weil ich gerade über den Unfall gesprochen habe. Marley beugt sich über meine Schulter, um mein Spiegelbild zu betrachten. Und natürlich, da ist es, blickt zu uns hinauf, genau wie es sich gehört. Sie rückt so dicht an mich, dass ihr Haar über meinen Arm fällt, und meine Haut beginnt zu prickeln. »Mit der Narbe siehst du aus wie Harry Potter. Ohne wärst du praktisch der Märchenprinz.« Sofort ist jeder Gedanke an die Kopfverletzung wie weggefegt, denn … Märchenprinz? »Oh nein«, lache ich. »Ist das die Art Märchen, die du so schreibst? Stopfst du Kinderhirne mit so einem Unfug voll?« Wenn ich aus den Ereignissen mit Kim eines gelernt habe, dann, dass ich definitiv kein Prinz bin. Und Liebe kein Märchen, so perfekt eine Geschichte auch klingen mag. An so was glaube ich nicht mehr. Unsere Gesichter schwimmen ineinander, denn jetzt setzt der Regen ein, schwere Tropfen kräuseln die Wasseroberfläche. »Ich hoffe doch, dass es nicht nur Unfug ist«, sagt sie leise. »Ich hoffe, da kommt noch was Besseres, an das man sich halten kann.« Sie hebt den Kopf und blickt in den Himmel. Ich sehe ihre rosa Lippen, wie offen sie ihr Gesicht dem Regen entgegenhält. In diesem Moment möchte ich ihr alles erzählen. Denn obwohl es so unmöglich scheint, nach allem, was geschehen ist – ich möchte auch daran glauben, dass da noch was Besseres kommt. Aber der Regen ist zu stark, und bevor ich mich überwunden habe, müssen wir gehen.

*** Abends sitze ich am Küchentisch, wickle Spaghetti um meine Gabel und wieder hinunter. Meine Haare sind vom Heimweg im Regen immer noch feucht. »Also«, sagt Mom und scannt mich mit dem mütterlichen Röntgenblick, »sie klingt nett.« Geräuschvoll kaut sie einen Bissen von ihrem Knoblauchbrot. Naiv, wie ich bin, habe ich Mom von Marley erzählt, als ich klitschnass mit einer Kamillenblüte in der Hand durch die Tür getreten bin. Sie wollte wissen, woher ich sie hätte, und mein Knackshirn konnte keine andere plausible Erklärung dafür ausspucken, warum ich eine Kamillenblüte halten sollte. Jetzt schwant mir, dass jede Ausrede besser gewesen wäre als die Wahrheit. Ich umkrampfe die Gabel, als sie beginnt nachzubohren. »Ich kenne sie kaum«, sage ich und spieße in die Spaghetti. »Mach daraus jetzt bitte keine große Sache, okay? Es ist nur … einfach mit ihr. Sie … kapiert, was ich durchmache.« Ich schüttle den Kopf. Es ja nicht so, als hätte ich sie im Park kennengelernt oder beim Shoppen. Es war auf dem Friedhof. Und nicht irgendein Friedhof. Es war mitten auf dem Friedhof, auf dem Kim begraben liegt. »Aber, ich meine … Shit.« Wir starren einander an und sie liest meine Gedanken, eine weitere magische Mutterkraft. »Kim hätte gewollt, dass du glücklich bist.« »Mom, ich hab ihr gesagt, ich würde sie für immer lieben. Allein schon sich mit wem neu anzufreunden fühlt sich falsch an.« »Das ist aber nicht sehr fair dir gegenüber, oder?«, fragt sie. Ich lasse meine Gabel klappernd auf den Teller fallen. »Wie kannst du so was überhaupt sagen?«

Nicht sehr fair? Was hier nicht fair ist, ist, dass Kim ihr Leben verloren hat wegen eines Streits und eines Unwetters aus heiterem Himmel. Da ist es doch das Mindeste, dass ich wenigstens mein Versprechen halte. »Kyle«, sagt sie ruhig, ignoriert meinen Ausbruch, genau wie immer in letzter Zeit. »Ich hab ja nur gemeint, dass du noch ziemlich viel Leben vor dir hast. Du kannst nie wissen …« »Nein«, sage ich, schiebe unter lautem Schaben meinen Stuhl zurück und stehe auf. »Ich weiß es schon. Kim war die Einzige für mich. Und ich bin derjenige, der nicht fair zu ihr ist.« Und damit stürme ich hinunter in mein Zimmer und endlich sehe ich klar. Wenn ich nicht allein für Kim auf den Friedhof gehen kann, dann gehe ich eben gar nicht mehr hin. Ich muss aufhören, Marley zu treffen. OceanofPDF.com

Kapitel 11 Eine Woche später gehe ich zum Friedhof, um Marley zu sagen, dass ich sie nicht mehr treffen kann. Das warme Herbstwetter begleitet mich über die verschlungenen Pfade des Parks, wo ich sie hinter jeder Kurve, zwischen jeder Baumgruppe vermute. Wahrscheinlich wird sie sich wundern, was für ein Spinner ich bin, wenn ich sie eigens aufsuche, um ihr zu sagen, dass ich sie von nun an ignorieren werde. Was soll ich überhaupt sagen? Hey, wenn wir uns zufällig am Grab meiner toten Freundin über den Weg laufen, dann erwarte bitte nicht, dass ich dich grüße. Ich verdrehe die Augen, obwohl das genau das ist, was ich tun werde. Weil es sich so anfühlt, als verhalte ich mich Kim gegenüber angemessen. Meine Gedanken wandern zu dem Streit mit meiner Mutter letzte Woche. Dem Groll, den Schuldgefühlen, die mir immer noch schwer im Magen liegen. In letzter Zeit hat sie immer nur die gleichen Phrasen gedroschen. Schau nach vorne. Halt dich nicht ständig an der Vergangenheit fest. Ich habe versucht, mit Sam drüber zu reden, auf diesen morgendlichen Joggspazierrunden, die wir jetzt jeden Freitag machen, aber gebracht hat das nichts. Er sagt, das sei kein Festhalten an der Vergangenheit, sondern einfach nur ihre Erinnerung lebendig halten. Beide sagen mir ständig, was ich tun und wie ich »heilen« soll, ohne mir auch nur einen einzigen sinnvollen Tipp dafür zu geben. Ich atme tief durch, versuche, das Gefühl abzuschütteln, in einer Falle zu stecken. Irgendwo zwischen Kim und Sam und meiner Mutter, ohne dass

ich überhaupt je aus den Startlöchern komme. Ein gelb-weißes T-Shirt fällt mir ins Auge, so schmal gestreift, dass die beiden Farben ineinanderschwimmen. Marley. Sie steht neben dem riesigen japanischen Kirschblütenbaum, ihr langes Haar flattert im Wind und tanzt um ihre Schultern, den ganzen Rücken hinunter. Ich beobachte, wie sie sorgfältig einen Trieb abbricht, und irgendwas an ihren Bewegungen kommt mir so vertraut vor, obwohl ich sie kaum kenne. Sie schnuppert hoch konzentriert an den winzigen rosa Blüten am Ende des Ästchens. Ich frage mich, was sie da tut, bevor ich mir in Erinnerung rufe, warum ich hier bin. Vielleicht sollte ich es einfach dem Schicksal überlassen. Sie hat mich noch nicht gesehen. Ich mache kehrt und will gehen. »Du hast beschlossen, mich nicht mehr zu treffen«, sagt eine Stimme und stiehlt mir die Worte direkt aus dem Kopf. Ich drehe mich um und sehe Marley, die jetzt nicht mehr gelassen dreinschaut. Ich halte inne. Woher weiß sie …? Egal. Ich weise auf den Kirschbaumzweig in ihrer Hand und umschiffe die Frage. »Und was ist davon die Bedeutung?« »Was hättest du denn gerne für eine Bedeutung?«, fragt sie und dreht den Spieß um. Das erwischt mich eiskalt. Sie ist der erste Mensch seit Ewigkeiten, der mich so etwas fragt. Einen Neustart. Ich schlucke die Worte hinunter, bevor sie hinausquellen, die Antwort steht plötzlich genau vor mir. Ein Weg nach vorne, der sich nicht falsch anfühlt. »Ich … ich weiß nicht«, sage ich stattdessen. Ich sollte die Unterhaltung abwürgen, mich verabschieden. Nur bekomme ich das nicht hin. Ihre Augen nehmen es mir nicht ab. Sie halten mich fest, die grünen Flecken darin leuchten in der Morgensonne,

genau wie das grüne Gras am Teich. Auf Marleys Teichseite. »Ich möchte …«, fange ich an, sehe, wie die Kirschblüten leicht zu zittern beginnen. Einige der Blüten regnen zu Boden wie Schauer. Sag es. Kann ich aber nicht. Weil da etwas in ihrem Gesicht ist. Genau das, wonach ich suche. Das namenlose Ding, das wir beide verstehen. »Ich möchte … Freundschaft«, sage ich, überrascht von meinen eigenen Worten. »Mit jemandem, der mich noch nicht kannte, bevor das alles passiert ist. Jemand, bei dem ich ganz ich selbst sein kann, so wie ich sein werde. Nicht der, der ich war. Der, der ich sein möchte.« »Das wollen wir alle, oder?«, fragt sie und nickt auf die Art, wie man es tut, wenn jemand dir die Worte aus dem Mund nimmt. Aber ich muss eine Grenze ziehen. Für mich selbst. Für Kim. »Aber mehr geht nicht. Nur Freundschaft.« Sie beißt sich auf die Lippe und nickt. Ihre Schultern scheinen sich zu entspannen. Als wäre das auch für sie ein sicherer Kompromiss. »Klar. Einfach Freunde. Mehr nicht.« Deutlich heiterer hält sie mir die Kirschblüten entgegen. Ich nehme sie und lache leicht auf. »Und? Was sagen die jetzt wirklich?«, frage ich. »Kirschblüten? Die bedeuten Erneuerung, ein neuer Anfang«, sagt sie. Ich bekomme eine Gänsehaut. Ein Windstoß bläst durch die Kirschblüten am Baum hinter uns und zupft an den Blüten in meiner Hand. Mit leuchtenden Augen lächelt sie mich durch das Gewirr rosaweißer Blüten an, umrahmt vom Sonnenglitzern der Bäume. Als ich später nach Hause komme, entdecke ich beim Jackeausziehen ein Blütenblatt, das am Ärmel klebt. Ich pflücke es ab und lege es mir in die Hand. Bei der Farbe muss ich immer an Kim bei unserem letzten Seniorschulball denken, als sie so ein zartrosa Kleid anhatte. Das habe ich

Marley vorhin unter dem Kirschbaum erzählt, wo wir saßen, und sie hat nachdenklich genickt. Ihre Schwester hat Rosa auch geliebt. Deshalb war sie überhaupt beim Kirschbaum stehen geblieben. Bis zu diesem Augenblick hatte ich alle Erinnerungen an Kim für mich behalten, aber mit Marley darüber zu sprechen, macht sie irgendwie weniger qualvoll. Ich habe mich schon seit Monaten nicht mehr so wohl mit jemandem gefühlt. Nie hätte ich erwartet, dass es sich mit Marley so entwickeln würde. Ich streife die Schuhe ab und krieche stöhnend in mein Bett, ziehe mir die Decke über den Kopf. Irgendwo fühle ich mich schwach, als hätte ich Kim verraten, damit es mir besser geht, aber die Schuld fühlt sich nicht mehr so überwältigend an wie vorher. Frustriert rolle ich mich auf die Seite. Keine Ahnung, was hier das Richtige ist. Ich hab von nichts mehr eine Ahnung. Ich starre in die Dunkelheit unter der Decke, warte, bis sie mich mit Haut und Haaren geschluckt hat. Ich weiß nicht, wie lange ich so liege, aber irgendwann fahre ich hoch, weil ein Telefon klingelt, und das abendliche Zwielicht vor meinem Fenster ist jetzt mitternachtsschwarz. Zerschlagen taste ich auf meinem Nachttisch herum, bis meine Finger endlich mein Handy gefunden haben. Das muss Sam sein. Doch das Display ist schwarz. Kein eingehender Anruf, obwohl es immer noch läutet. Wenn das nicht mein Handy ist, wo kommt es dann her? Ich setze mich auf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ich habe kein Festnetz hier unten. Das Telefon oben ist oben und das Handy meiner Mutter ist bei ihr. Und trotzdem klingelt hier ganz in der Nähe ein Telefon. Eine Welle des Grauens überrollt mich, als mein Blick auf Kimberlys Handtasche fällt, die auf meinem Schreibtisch steht. Kann nicht sein. Ich

schleiche rüber, mein Herz pocht wild. Das Läuten kommt definitiv aus der Tasche. Ich rupfe sie auf. Kimberlys Handy mit seiner blauen Glitzerhülle liegt ganz unten und auf dem Display leuchten die Worte UNBEKANNTER ANRUFER mit jedem Läuten. Das kann nicht sein. Kims Handy war praktisch nie aufgeladen. Wie kann es da nach Monaten noch Saft haben? Es klingelt weiter. Zaghaft drücke ich auf den grünen Knopf und halte es mir ans Ohr. »Hallo?« Das Handy knistert geräuschvoll, ein surrendes Rauschen und entfernte Stimmen. »Kann …ören? Musst … nicht …« »Wer ist da?«, frage ich, drücke mir das Telefon ans Ohr, lausche angestrengt. Aber plötzlich ist die Verbindung tot. Ich nehme das Handy vom Kopf, das Display ist schwarz. Ich drücke den Powerbutton, so fest es geht, doch es weigert sich, wieder anzuspringen. Der Akku ist völlig leer. Ich humple rasch zu meinem Bett zurück, reiße das Kabel aus meinem Handy und stecke Kimberlys ein. Ich ziehe meinen Schreibtischstuhl herbei und lasse mich reinfallen, starre auf das sich aufladende Handy, wie das Batteriesymbol erscheint, ein roter Strich blinkt. Ich lehne mich gegen meinen Nachttisch, schaue unverwandt hin. Wer zum Henker kann da angerufen haben? Ich warte und warte, aber das Handy weigert sich, wieder anzuspringen. Meine Lider senken sich langsam. Mir fällt ein, wie ich Kim immer wegen eines neuen Handys genervt habe, einem, das sich tatsächlich aufladen lässt, aber die Zeit hat sie nicht mehr gehabt. Und so sitze ich und warte. Ich schrecke auf, merke, dass ich wieder im Bett bin, die Decke fest um mich gewickelt. Ich erinnere mich nicht mal daran, mich wieder hingelegt zu haben.

Genervt von mir selbst drehe ich mich um und fasse nach Kimberlys Handy, taste den Nachttisch auf und ab. Es ist nirgendwo. Hab ich es in meinem Zombiezustand runtergeworfen? Ich hänge mich über die Bettkante, um auf dem Boden nachzusehen, doch da schießt mir das Blut in den Kopf und versetzt mir einen pochenden Stich, die ganze Narbe entlang. Bitte merken: Hirn noch nicht bereit für Fledermaushaltung. Auf dem Boden liegt nichts. Also, schon ein paar alte Pop-Tart-Packungen, aber kein Handy. Ich steige aus dem Bett, schaue auf dem Tisch nach ihrer Handtasche. Doch … die ist auch nicht da. Die Stelle, wo sie gestern Nacht noch stand, ist leer. Das ist doch völlig hirnverbrannt. Langsam wende ich mich zu meinem Schrank. Wenn ich drüber nachdenke, war es eigentlich schon völlig hirnverbrannt, dass die Handtasche überhaupt auf meinem Tisch stand. Die stand nie auf meinem Tisch. Die ist immer noch … Ich reiße die Tür auf und stürze mich direkt auf die Kiste, die da in der Ecke steht, genau wie immer. Ich ziehe den Deckel auf und sehe den Schuh, die Discokugel und … Die Handtasche, darin das Handy, das Display schwarz und stumm. OceanofPDF.com

Kapitel 12 »Das ist nicht wirklich geschehen. Das war nur in deinem Kopf«, keucht mir Sam hinterher, der sich richtig ins Zeug legen muss, um mit meinem geradezu olympischen Panik-Marathontempo mithalten zu können, und das trotz meines nicht völlig funktionstüchtigen Beins. Im Laufe unseres ersten Streckenkilometers habe ich ihm von dem Handy erzählt, dem unbekannten Anrufer, der verzerrten Stimme, und kaum richtig in Worte fassen können, was zum Henker da gestern passiert ist. Er ist schon immer der Rationale von uns gewesen. Vielleicht kann er mir helfen, hier Licht reinzubringen. »Sam, ich hab gesehen, wie es klingelt. Ich hab jemand am anderen Ende gehört. Ich könnte es dir bis ins kleinste Detail beschreiben. Das hatte nichts von einem Traum.« Mein Bein gibt nach und ich bleibe abrupt stehen. Meine Hand krallt sich um mein Bein und ich ringe nach Luft, Pünktchen tanzen vor meinen Augen. »Ich hab ja nicht gesagt, dass du geträumt hast, Mann«, sagt Sam und bleibt neben mir stehen. »Aber du hattest schon eine Hirnverletzung.« »Aber warum passiert so was immer noch? Ich mach doch genau das, was die Ärztin sagt. Schluck die Pillen, mache das Gedächtnistraining, bin körperlich aktiv. Aber jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, hab ich sie vor Augen«, sage ich frustriert. Ich richte mich auf, sehe ihn an. »Sie wollte doch gar nicht mehr mit mir zusammen sein, warum lässt sich mich dann jetzt nicht in Ruhe?«

Ich weiß nicht, wer von uns beiden geschockter ist von meinen Worten. Wo kam das jetzt her? Sam sieht mich einfach nur wortlos an. Ich habe keine Ahnung, was in ihm vorgeht. Die Schuldgefühle kommen wieder hoch, aber irgendwie kann ich nicht leugnen, dass da ein Körnchen Wahrheit drinsteckt. Kimberly hatte gesagt, sie wollte nicht mehr mit mir zusammen sein, doch sobald ich etwas Luft hole, sucht sie mich heim, mit jedem Kopfschmerz, jedem qualvollen Ziepen. Mit jeder Erinnerung an den Unfall. Jedem Gedanken an die Zukunft. Ich gebe mein Bestes, um auf eigenen Beinen zu stehen und zu tun, was sie von mir wollte. Warum lässt sie mich nicht einfach in Frieden? »Was, wenn es nie richtig verheilt?«, frage ich und tippe mir wütend auf die Narbe. »Was, wenn ich weiter Erscheinungen habe und Dinge höre, bis ich völlig überschnappe? Es tut so weh, sie ständig zu sehen. Zu glauben, sie ist da!« »Ach, dir tut es weh?«, schnaubt Sam und stiert mich an. »Ist dir je der Gedanke gekommen, dass du hier nicht der Einzige bist, der trauert, Kyle?« Jetzt fällt mir auf, wie steif er sich hält. »Ich würde über Leichen gehen, um sie wiederzusehen.« »Sam, ich …« »Hast dich auch nur ein Mal drum geschert, wie es mir geht? Zu sehen, ob ich okay bin?«, fragt er. »Du rufst mich nur an, wenn du ein Problem hast. Nie möchtest du reden, es sei denn, es dreht sich um dich.« Prompt fühle ich mich mies, aber gleichzeitig ist das mit uns doch nicht vergleichbar. Ich war in der Nacht dabei. Ich habe das Auto gefahren, in dem meine Freundin gestorben ist. Wir starren einander lange in die Augen, Jahre der Freundschaft ringen mit diesen letzten beschissenen Monaten.

»Sie war auch meine Freundin«, sagt er gedämpft. »Sie war auch für mich was Besonderes.« »Es tut mir leid, Sam, ich weiß, dass sie das war«, sage ich. Ich hole tief Luft und schaue über seine Schulter auf den Weg. »Ich war dir ein Scheißfreund. Ich … bin hier völlig neben der Spur.« Er zuckt mit den Schultern und stößt einen tiefen Seufzer aus. »Ich auch, Mann. Deswegen dürfen wir einander nicht auch noch verlieren.« Er klopft mir auf die gute Schulter. »Das Einzige, was dich hier in den Wahnsinn treibt, bist du selbst. Du hattest einen Albtraum. Lass es einfach gut sein.« Ich will ihm sagen, dass es nicht so einfach ist. »Alles klar«, stimme ich ihm stattdessen zu. Ich kann ihn nicht auch noch verlieren. Deswegen ringe ich mir ein Lächeln ab. »Auf geht’s. Die Strecke läuft sich nicht von selbst.« Später, in der Dusche, passiert es wieder. Statt unter dem strömenden Wasser stehe ich plötzlich wieder in den Regenfluten der Unfallnacht. Ich sehe Kimberlys Gesicht genau vor mir, wie auf dem Hotelparkplatz, mit völlig durchweichtem Haar. Ich schließe die Augen, atme tief durch, und als ich sie wieder aufschlage, ist sie weg. Aber die Erinnerung ist immer noch da. Als ich aus der Dusche trete und den beschlagenen Spiegel reibe, schickt es mich wieder ins Auto, zu meiner Hand, die die Feuchtigkeit von der Windschutzscheibe wischt. Entspann dich. Das passiert nicht wirklich. Das sage ich mir immer wieder, immer wieder, bis der Schmerz in meinem Kopf abebbt, genau wie Dr. Benefield es mir gesagt hat. Ich schiebe mein langes Haar zurück, um meine Narbe im Spiegel zu sehen, die gut verheilt, aber immer noch zartrosa ist. Ich fahre sie nach, versuche mir einzureden, dass Hirn und Herz anders sind als Haut. Sie brauchen etwas länger, um zu verheilen.

Aber es wird nie verheilen, wenn ich weiterhin daran glaube, dass die Erscheinungen echt sind. Ich denke an mein Gespräch mit Marley. Zum ersten Mal seit Monaten habe ich es geschafft, über Kim zu sprechen. Die richtige Kim, nicht die, die mein angeknackstes Hirn immer wieder heraufbeschwört. Wie kann ich mein Hirn dazu bringen, sich auf die richtige Kim zu konzentrieren, statt ihren Geist hinter jeder Ecke lauern zu sehen? Mein Spiegelbild weiß keinen Rat. Aber eine Sache gibt es, die ich richten kann. Ich zupfe an meinem Haar. Zeit für einen Friseurbesuch. Ich sehe aus, als wolle ich mich für irgendein Unabhängigkeitskriegsepos casten lassen wollen, als George Washingtons Cousin. Und das wäre ja wirklich ein Albtraum. OceanofPDF.com

Kapitel 13 Marley rückt näher an mich ran, mustert die Narbe, drei ganze Tage nach meinem letzten Hirngespinst und meinem ersten Haarschnitt nach drei Monaten. Jetzt ist sie schreiend offensichtlich, und als Marley sich vorbeugt, versuche ich mich abzulenken, indem ich aufs Gras starre oder auf die Bäume oder die Spaziergänger im Park. Dann … berührt sie sie, ganz sanft mit den Fingerspitzen. Es ist so sacht, dass es mir auf der Haut knistert. Es fühlt sich seltsam an, als würde mein Körper aufwachen. »Was ist passiert?« Sie zieht die Hand weg und mir geht auf, dass ich die ganze Zeit über die Luft angehalten habe. »Ich erzähle keine traurigen Geschichten«, necke ich sie. Sie hebt herausfordernd die Augenbrauen. »Ach, so läuft das, meinst du? Erst ich, dann du?« Ich halte inne. So hatte ich es mir hundertprozentig nicht vorgestellt. Ich wollte ihr erzählen. Vom Unfall. Von Kim. Sie ist der erste Mensch, mit dem ich überhaupt darüber sprechen will. »Kann sein …« Ich lehne mich gegen den Kirschbaum. »Ich erzähl nur einfach nie Geschichten.« »Doch, tust du. Tun wir alle«, sagt Marley und setzt sich in den Schneidersitz. »Wir sind gerade dabei, eine zu erzählen. Indem wir entscheiden, wie wir sein sollen, was wir sagen, was wir tun.« Sie schiebt sich die Haare hinters Ohr. »Genau das ist eine Geschichte erzählen.« »Das ist leben.« »Okay, dann ist eine Lebensgeschichte keine richtige Geschichte?«

Damit hat sie mich und sie weiß es. »Kannst du mal aufhören, ständig recht zu haben?«, frage ich, weil es mir verdammt noch mal vorkommt, als hätte sie fast immer recht. »Bitte?« Sie verdreht die Augen und versetzt mir einen Stups, ihre Wangen röten sich leicht. »Weißt du, was das Beste am Geschichtenerzählen ist?«, fragt sie. Ich schüttle den Kopf, ohne den Blick von ihren roten Wangen zu reißen. »Das Publikum«, sagt sie. »Ohne ein Publikum redet ein Geschichtenerzähler einfach nur ins Leere, aber wenn jemand zuhört …« »Ah«, sage ich. »Du willst sagen, du bist eine gute Zuhörerin.« Mit einem Schulterzucken neigt sie den Kopf, als verstehe sich das ja wohl von selbst. »Bin ich. Und ich würde deine Geschichte sehr gerne hören. Wenn du sie mir erzählen möchtest.« Zum ersten Mal denke ich, dass ich das vielleicht könnte. »Gott.« Ich atme aus, versuche, einen guten Anfangspunkt zu finden. »Wo soll ich denn anfangen?« »Am Anfang«, sagt sie und lässt sich gegen den Baum sinken, sodass sich unsere Schultern streifen. Ich kann sie nur ansehen. Am Anfang? Will sie, dass wir hier Weihnachten noch sitzen? Obwohl ich eigentlich für die Zwischenzeit nichts groß geplant hatte. »Okay«, sagt sie und hebt eine Augenbraue. »Wie wär’s dann mit der Mitte? Zwei Drittel?« Ich lache, versuche, eine passende Stelle zu finden. Die richtige Stelle. »Wie wäre es …«, sage ich, stelle mir Kim vor, wie sie immer diesen Schmollmund gemacht hat, wenn sie etwas von mir wollte. »Wie wär’s, wenn ich mit Kim anfange?« Also erzähle ich. Wie wir uns in der großen Pause um die Schaukel gestritten haben und Sam von seiner runter ist, damit wir damit aufhören. Wie ich es schließlich gewagt habe, ihr in der Mittelstufe »ich ♥ dich« ins

Buch zu schreiben. Ich erzähle ihr, wie Kim und ich immer an unserem Jahrestag Schule geschwänzt haben und einen kleinen Überraschungsausflug gemacht haben, dessen Ziel sie sich vorher ausgesucht hatte. Den Strand, das Aquarium, einen Nationalpark. Sie hat immer die besten Snacks eingepackt und die perfekte Playlist für die Fahrt zusammengestellt. Alle ersten Erfahrungen. Alle Pläne. Alle kleinen Streite und Versöhnungen. »Ich meine, wir waren echt perfekt. Ich weiß, das totale Klischee – die Cheerleader-Kapitänin und der Quarterback. Aber wir waren das Paar, das jeder sein wollte.« Ich lasse den Blick über die abgefallenen Kirschblüten auf dem Gras schweifen. »Aber auch als wir das nicht mehr waren, nachdem meine Schulter hin war, war alles noch in Ordnung, weil ich Kim hatte.« Ich wende mich zu Marley, doch die sagt nichts, wartet nur ab, bis ich weiterrede, mit einem weichen, geduldigen Gesichtsausdruck. Und so erzähle ich ihr, wie meine Football-Karriere beendet wurde. Wie ich innerlich zusammengebrochen bin beim Anblick der Röntgenbilder, als jahrelanges Training, jahrelange Träume von einer Sekunde auf die andere null und nichtig waren. Wie Kim im Krankenwagen und im Krankenhaus meine Hand gehalten hatte. Sie war mir nie von der Seite gewichen. »Versteh mich nicht falsch. Wir haben uns auch gestritten«, gebe ich zu. Wir haben uns darüber gezofft, ob wir nach meiner Verletzung abends trotzdem mit dem Team weggehen, weil sie wollte und ich nur zu Hause bleiben wollte. Oder wenn sie eine endlose Unibesichtigungstour unternehmen wollte, aber ich nicht, weil ich ja ohnehin schon das UCLA- Stipendium in der Tasche hatte. Oder als … also, wir haben uns wegen allem Möglichen gezofft. »Wahrscheinlich mehr als die meisten Paare. Aber ich dachte immer, das sei, weil wir einander so wichtig waren.«

Ich furche mit den Fersen durchs Gras. »Keine Ahnung. Das kommt mir jetzt so bescheuert vor. Das war alles so …« »Trivial«, sagt Marley und blickt zu mir auf und ich kann sehen, dass sie es kapiert. Sie drängt auch nicht weiter. Stellt nicht die großen Fragen, was mit Kim passiert ist oder mit mir. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb ich weiterrede. Ich erzähle ihr alles. Von der Abschlussfeier bis hin zu den Erscheinungen. Marley lauscht, ohne Unterbrechungen, bis ich verstumme. Ihr Blick ist nachdenklich und sie beißt sich auf die Unterlippe, als grüble sie über meine Worte nach. »Hat es sich für dich je so angefühlt?«, fragt sie und sieht mich an. »Dass du alles bestimmst?« »Nein«, sage ich entschieden, aber es hört sich falsch an. Besonders jetzt, im Rückblick. Wenn man die ganze Geschichte erzählt, werden die winzigen Risse deutlicher. Davon gab es mehr, als mir bewusst war, so viele, dass sie zu einem großen Bruch führen konnten. »Ich weiß nicht«, sage ich schließlich. »Ich glaube, vielleicht habe ich mich, nachdem ich den Sport nicht mehr hatte, irgendwie hilflos gefühlt. Als wäre meine ganze Zukunft weg. Vermutlich hab ich gedacht, wenn sie dabei ist, dann wär ich wenigstens nicht alleine damit. Vielleicht wollte ich einfach nur irgendwas selbst bestimmen können.« »So geht’s mir an den meisten Tagen immer noch«, nickt sie mit abwesendem Blick. Ich will fragen, aber ich bohre nicht nach. Ich weiß genau, dass es mir geholfen hat, dass sie nicht gefragt hat. Ich muss drauf vertrauen, dass sie es mir erzählt, wenn sie so weit ist. »Willst du immer noch mit mir abhängen, trotz meiner spukenden Ex?«, frage ich, um die Stimmung zu lockern. Marley lacht und setzt sich auf, sammelt ein paar Kirschblüten ein. »Vielleicht spukt sie ja gar nicht«, sagt sie, ballt eine Faust und lässt dann

ein Blatt nach dem anderen herausregnen. »Vielleicht versuchst du ja nur, weiter zu bestimmen. Einen Teil von ihr dazubehalten.« Ich sehe zu, wie die Blüten langsam zu Boden schweben. »Echt erbärmlich«, sage ich kopfschüttelnd. »Weil, komm schon, sie hat mich abserviert!« »Tut mir echt leid, aber …«, sagt Marley und ich sehe, wie ihre Lippen sich zu einem Lächeln formen. »Mal ehrlich, Kim. Echt jetzt. Was für eine Idiotin.« Was? Hat Marley das eben gesagt? Ich zucke zusammen, aber gleichzeitig breche ich völlig unwillkürlich in Lachen aus. »Das kannst du nicht sagen! Sie ist tot.« Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine unausgesprochene Kardinalregel ist. Kein böses Wort über Tote. Es sei denn, sie sind Serienkiller oder Diktatoren oder so. »Tja, sie hat mit dir Schluss gemacht«, sagt sie im Aufstehen und fegt sich Erde und Gras von ihrem gelben Rock. »Nicht grad clever.« Ihre Worte erwischen mich kalt, aber sie sieht nicht aus, als solle das flirten sein. Ich glaube, sie ist mir einfach eine gute Freundin. Es ist schön, endlich über die Trennung sprechen zu können. Mit jemandem, der anerkennt, dass ich abserviert wurde, ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich rapple mich hoch, sie blickt zu mir auf, und wo sie sanft meinen Arm berührt, breitet sich eine kleine Schockwelle in meinem Körper aus. Ihr Ausdruck wird wieder ernst. »Es tut mir leid, dass du so leidest«, sagt sie. Und es fühlt sich nicht an wie eine leere Phrase, der übliche Spruch, den jeder aus Höflichkeit wiederkäut. Es klingt aufrichtig. Und es ist genau das, was ich brauche. Sie drängt mich nicht, mich doch langsam wieder einzukriegen. Bewertet nicht, wie ich mich fühle oder was

ich tue. Sie lässt es mich einfach empfinden. »Es ist nicht mehr so schlimm, wie es mal war«, sage ich und zu meiner Überraschung meine ich es auch so. Nach einer Weile streunen wir im Park umher, wo das Laub sich teils schon orange und rot und gelb verfärbt. Einige Blätter segeln von den Ästen und fallen vor uns nieder und knirschen unter unseren Füßen. Marley zieht eine halb leere, rot-weiß gestreifte Popcornschachtel aus der Tasche, die von einem Teichausflug zu den Enten übrig ist. Sie hält sie mir hin. Ich nehme eine Handvoll und schiebe mir etwas davon in den Mund. »Hast du noch irgendwelche anderen Träume? Abseits von Football? Oder UCLA?«, fragt sie. Unsere Schultern streifen sich beim Gehen nur um ein Haar nicht, als hätte sich zwischen uns eine unsichtbare Wand in Luft aufgelöst. Ich schlucke, wende den Blick zum Teich, der zwischen den Bäumen hervorlugt. Genau das möchte meine Mutter auch von mir wissen. Die Frage, auf die ich keine Antwort habe. »Keine Ahnung. Football war immer meine erste Wahl. Aber da das ausscheidet und seitdem auch meine Pläne mit Kim ausscheiden …«, sage ich schulterzuckend. »Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll.« »Was willst du denn?«, fragt sie. »Nicht Kim. Nicht Sam. Nicht deine Mutter. Nur du.« Ich atme tief durch, sage das Erste, was mir in den Sinn kommt, völlig ungefiltert. »Ich glaube, jetzt erst mal will ich einfach nur sein. Ich will nicht an die UCLA und so tun, als wüsste ich, was ich will. Aber ich will eigentlich auch sonst nirgendwo hingehen.« »Das versteh ich, aber du musst ja nicht erst weggehen, um drüber nachzudenken, was du willst. Nur weil du nicht mehr spielen kannst, heißt

das ja nicht, dass du gar nichts mehr mit Football machen kannst«, sagt sie und Popcorn verschwindet in ihrem Mund. »Was denn, zum Beispiel?« Sie kaut nachdenklich. »Trainer?« Ich denke eine Minute drüber nach, aber die Vorstellung, auf der Bank zu sitzen, fühlt sich nicht gut an. »Trainer, ich weiß nicht. Aber … also, die haben mich gebeten, für die Schülerzeitung ein paar Artikel über die Spiele zu schreiben, weil ich ja eh dabei sein musste. Das hab ich gern gemacht und ich glaube, die waren auch ziemlich gut. Aber ich glaub kaum, dass die tatsächlich wer lesen würde.« »Könntest du versuchen«, sagt Marley eifrig. »Schriftsteller zu werden. Oder Journalist. Dann sind wir beide Geschichtenerzähler.« Ich lächle ihr zu, ihre Begeisterung ist ansteckend. Ich versuche, es mir auszumalen. Mein gedruckter Name in etwas anderem als nur der Schülerzeitung. Über Mannschaften so berichten, wie sie es verdienen, nicht nur miese Clickbaits fabrizieren. »Sie sind nie wirklich weg«, sagt sie unvermutet und bleibt abrupt stehen. Ich drehe mich zu ihr um und sehe, dass sie wieder ernst geworden ist. »Wir tragen sie in uns, genau wie du deinen Sport. Sie sind immer noch Teil unseres Lebens.« Immer noch Teil unseres Lebens. Das ist alles, was ich seit dem Unfall gewollt habe. Einen Weg zu finden, wie ich leben kann, ohne Kim hinter mir zu lassen. Meine Finger streifen versehentlich Marleys Hand und ich ziehe sie sofort zurück. Es fühlt sich zugleich fremd und vertraut an. Ich stopfe mir die Hände in die Tasche und eine Weile gehen wir schweigend, aber nicht auf diese schrecklich peinliche Art, wenn man verzweifelt um Gesprächsstoff ringt. Das hier ist tatsächlich schön. Angenehm.

»Danke, Marley«, sage ich, als wir um eine Biegung gehen, hinter der alte Eichen nach dem Himmel greifen. »Wofür?« Ich zucke die Schultern, überfragt, wie ich meine Dankbarkeit in Worte fassen soll. Dafür, dass man so leicht mit ihr sprechen kann? Dass sie es begreift? »Ich hab mich so schwergetan, richtig mit jemandem zu sprechen … seit …« Sie nickt, weiß schon Bescheid. Natürlich. »Meinst du, du bist morgen wieder hier?«, fragt Marley. »Eigentlich, ähm …« Ich breche ab, mein Hirn versucht, sich zusammenzureißen und einen verständlichen Satz zusammenzustoppeln. »Ich hab gedacht, vielleicht wollen wir mal einen Abend raus aus dem Park? Abendessen bei mir, am Freitag? Zum Dank.« Ich lächle sie breit an und versuche, noch eins draufzusetzen. »Ich koche auch.« Marley wirft mir einen scheelen Blick zu. »Wusste gar nicht, dass du kochst.« »Na klar koche ich«, sage ich empört. »Ich bin Pizzataschenweltmeister.« OceanofPDF.com

Kapitel 14 »Alles klar«, sagt Mom und schnappt sich mit entschiedener Miene einen Einkaufswagen. »Teile und herrsche. Du holst die Steaks und die Pute von der Fleischtheke, ich besorg das Gemüse und wir treffen uns in zehn Minuten an der Kasse. Gebongt?« Ich nicke und beäuge den Wagen. »Für die paar Kartoffeln brauchst du einen ganzen Wagen?« Sie funkelt mich an. »Womöglich kommt noch was dazu. Wer weiß schon, wohin es mich verschlägt.« »Wer weiß schon«, lache ich kopfschüttelnd. Der Klassiker. »Wer weiß schon, wohin es mich so verschlägt. Womöglich gar zum Süßigkeitenregal«, rufe ich über meine Schulter und sie lacht mir sarkastisch hinterher. Ich ziehe in Richtung Fleischtheke und lasse mir zwei Rib-Eye-Steaks frisch abschneiden. Marley und ich haben morgen achtzehn Uhr ausgemacht. Ich werde Moms geheimes Familien-Steak-Rezept nachkochen, was … so oder so ausgehen könnte. Es wird gut sein, sich mal woanders als im Park aufzuhalten. Jedenfalls rede ich mir das ein. Ich möchte nicht glauben, dass diese Spontaneinladung irgendwas anderes sein könnte als einfach nur Abwechslung. Bei der Spezialitätentheke ziehe ich eine Nummer und reihe mich hinter eine alte Dame ein, die vier Pfund Butterkäse kauft. Die wird es heute Abend so richtig krachen lassen. Ich schlucke eine Schmerztablette, um das hartnäckige Kopfweh loszuwerden, das mich schon fast den ganzen Tag nervt. So langsam hab ich

raus, wie ich mit den Schmerzen richtig umgehe, aber manchmal kriege ich sie immer noch nicht in den Griff. »Der Herr?« Ich blicke auf und merke, dass der Verkäufer mich gemeint hat. Er trocknet sich die Hände an einem Tuch und wiederholt die Frage. »Was darf es sein?« »Entschuldigung«, sage ich und trete näher an die Theke. »Ein halbes Pfund Putenbrust bitte, dünn geschnitten.« »Kommt sofort«, sagt er und zieht sich ein paar frische Handschuhe über. Ich sehe zu, wie er den riesigen Putenbraten nimmt und ihn dumpf auf die Schneidemaschine knallt. »Kyle?«, fragt eine Stimme hinter mir. Ich fahre herum, sehe aber nur einen verlassenen Supermarktgang. Von den Getränkeflaschen und Dosen glitzert das Licht. Oje. Nicht jetzt. Ich beschwöre das Schmerzmittel, bitte rasch zu wirken, und drehe mich nervös zurück zum Mitarbeiter. Der will gerade seine Hände auf die Maschine legen, an der Wand hinter ihm tut sein Schatten das Gleiche. Aber … Sie bewegen sich nicht gleichzeitig. Mein Blick gleitet vom Mann zu seinem Schatten, dessen Bewegungen im Umriss eine Sekunde schneller sind. Er beugt sich über die Maschine, genau wie sein Schattenriss, aber dem hängen jetzt lange Haare über die Schulter. Ich trete einen Schritt näher, verwirrt. Größe und Form des Schattens sind mir plötzlich schrecklich vertraut. Zu vertraut. Kimberly. Ich sehe, wie die elektrische Scheibe sich dreht, doch es klingt nicht richtig. Statt dem Surren des Metalls höre ich ein seltsames Wischgeräusch. Entspann dich. Das passiert nicht wirklich. Das passiert nicht wirklich.

Ich denke an das, was Marley gesagt hat, wie ich versuche, die Kontrolle zu behalten. Versuche, einen Teil von ihr hierzubehalten. Der Schattenarm greift wieder nach der Schneidemaschine und ich schließe die Augen, versuche, mich darauf zu konzentrieren. Das ist alles nur in meinem Kopf. Das ist – ich fahre zusammen, was greift mir da in den Nacken … »Waaa…« Ich wirble herum und stehe plötzlich Stirn an Stirn mit meiner Mutter, deren Hand noch in der Luft schwebt. »Entschuldigung«, sagt sie mit eindeutig besorgtem Blick. »Ich dachte, du hast mich gehört.« Ich sehe rasch zur Bedienung, der jetzt ganz normal abschneidet, mit einem ganz normalen Schatten. Dabei war schon fast eine Woche vergangen seit meiner letzten Halluzination. Wie das nervt. »Geht’s dir gut?«, fragt meine Mutter und fühlt mir die Stirn. Sie hat es jetzt besser drauf, mir meinen eigenen Raum zu lassen, jetzt, wo ich nicht mehr dreiundzwanzig von vierundzwanzig Stunden am Tag im Bett rumliege, aber das hindert sie nicht daran, beim kleinsten Anzeichen von Kopfschmerzen an mir rumzustochern. »Ja«, sage ich, als der Verkäufer das eingewickelte Fleisch auf den Tresen legt. Ich schnappe es mir und lasse es in den überquellenden Einkaufswagen plumpsen. »Mein Kopf nervt mich heute nur. Brandheiße News.« Ich spüre immer noch ihren Blick und lege etwas Beruhigendes nach. »Nichts, was nicht mit einer Pille und was zu essen zu bekämpfen wäre.« Ich blicke auf den Berg von Einkäufen im Wagen, unter dem hoffentlich auch die Kartoffeln begraben liegen. »Wo hat es dich denn hinverschlagen?« Sie zuckt unschuldig mit den Schultern und hält eine Eispackung in die Höhe und lachend gehen wir beide zur Kasse.

Genau vierundzwanzig Stunden später bin ich am Ende meines Lateins angelangt. Die Steaks? Sehen super aus. Die Kartoffeln? Dampfen froh vor sich hin. Die Sauce béarnaise à la Mom? Eine Katastrophe. Ich bin umgeben von zwei leeren Eierkartons, Schalen und Dotterresten, die die ganze Arbeitsfläche versauen, und zum gefühlt millionsten Mal ist die Sauce total klumpig. Warum ist sie so klumpig? Bei meiner Mom sah das immer so einfach aus. Ich schiele zur Uhr und gerate milde in Panik, als ich sehe, dass es schon Viertel vor sechs ist. Nur noch eine Viertelstunde, um diese Sauce richtig hinzukriegen, alles wieder aufzuwärmen und mir wohl besser ein frisches Hemd anzuziehen, nachdem ich das hier vollgeschwitzt habe beim Versuch, diese beknackte Nobelsauce hinzukriegen. Nach einem YouTube-Tutorial-Schnelldurchlauf kommt mir die Erleuchtung, dass ich die ganze Zeit die Platte zu hoch gestellt hatte. Ich überfliege zum dreißigsten Mal die handgeschriebene Rezeptkarte meiner Mutter und da steht kein Wort von Temperatur. Also werfe ich sie zurück auf die Arbeitsfläche und stutze, als ich auf der Rückseite das winzige Gekritzel entdecke: Erst Temp runter, dann Eier! Na spitze. Glanzleistung. Diesmal drehe ich die Platte runter, und als ich das Eigelb einrühre und dann mit jaulendem Handgelenk die Butter reinschlage, wird es statt einer klumpigen Sauerei tatsächlich eine glatte Sauce. »Halleluja. Ich hab’s geschafft«, sage ich und seufze erleichtert auf, bevor ich probekoste. Cremig. Ein Traum. Noch eine Prise Salz, nur zur Sicherheit. Rasch stelle ich die Teller hin und falte die Servietten unter dem Besteck und stelle sogar noch Blumen in die Mitte.

Einen Kirschblütenzweig. Vorhin bin ich extra noch schnell in den Park gerannt, um sie zu holen, und ein paar der Blüten sehen schon nicht mehr ganz frisch aus. Während die Steaks aufwärmen, gieße ich die Sauce in kleine Schälchen statt direkt übers Fleisch, weil Marley ja diesen Soßenfimmel hat. Das zweite braucht eine Ewigkeit, um voll zu werden, weil die Sauce nur im Superzeitlupentempo fließt. Ungeduldig klopfe ich auf den Topfboden und natürlich kommt sie dann mit Schwung herausgeschossen, schwappt über den Schälchenrand und auf die Arbeitsfläche wie eine verfluchte Schlammlawine. Fürs Kochen hab ich echt ein Händchen. Seufzend schnappe ich mir ein Geschirrtuch und wische es auf, stelle das Fleisch und alles andere auf den Tisch und habe gerade noch genug Zeit, nach unten zu sprinten und das Hemd zu wechseln, bevor es läutet. Marley. Ich streiche mir die Haare glatt und nehme zwei Stufen auf einmal, schlittere regelrecht in die Diele, um die Tür aufzureißen. Sie trägt eine zitronengelbe Regenjacke, leuchtend hell vor dem grauen Wolkenhimmel. »Hey«, sage ich, lässig an den Türrahmen gelehnt. »Hey«, sagt sie und mustert mich durch den Regen: Und mit einem Nicken in die Nässe: »Darf ich vielleicht … reinkommen?« »Ach ja. Klar«, sage ich und mache den Weg frei. Sie tritt ein und zieht die Kapuze ab, ihr Haar ist durch die Feuchtigkeit noch lockiger als sonst. Unwillkürlich heftet sich mein Blick auf eine Strähne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz befreien möchte. Ich möchte sie ihr hinters Ohr schieben, so wie sie es selbst immer tut, doch stattdessen nehme ich ihr die Jacke ab. Ich hänge sie an die Klinke der Kellertür zum Trocknen, während sie sich die Bilder in der Diele ansieht. Dann bleibt sie vor mir stehen und späht die Stufen hinunter.

»Und was ist da unten?«, fragt sie. »Die Leichen im Keller«, witzle ich. Haha. Sie rollt mit den Augen und stupst mich leicht gegen die Schulter. »Da unten ist mein Zimmer.« Das fasziniert sie. »Im Keller?« »Ja. Ich bin da im zweiten Highschooljahr runtergezogen, meine Mutter hat ihn ausgebaut.« Ich weise die Stufen hinunter. »Sam und Kim haben sich immer unten durch die Tür reingeschlichen. Die geht direkt in den Garten. Das scheint sie wirklich lustig zu finden. »Oh, ein richtig böser Bube«, witzelt sie. Jetzt verdrehe ich die Augen. »Sollen wir essen?« »Sollen wir?«, fragt sie vorsichtig, mit verständlichen Zweifeln an meinen Kochkünsten. Wir gehen in die Küche und Marley lächelt über die Kirschblüten, womit sich wenigstens mein panischer morgendlicher Humpelsprint zum Park ausgezahlt hat. Gerade will ich mich setzen, als ich bemerke, dass das Wasser fehlt. Als ich den Kühlschrank aufmache, schlägt draußen eine Autotür zu. »Ha, meine Mutter ist überpünktlich.« Durchs Fenster kann ich sehen, wie sie ihren Kram vom Rücksitz zieht. Der Regen ist zu einem Nieseln geworden. Ich hab doch gewusst, dass sie was im Schilde führt, als ich sie gestern um das Rezept gebeten habe. War ja klar, dass sie sich nicht bremsen kann. Typisch Lydia. »Sie wird völlig aus dem Häuschen sein, dass du hier bist.« Ich gehe aus der Küche hinaus in die Diele und mache die Tür auf, um sie zu empfangen. »Hallo, Mom, das ist …« Ich drehe mich um, doch die Diele hinter mir ist leer – keine Marley. Das begeisterte Gesicht meiner Mutter zeigt jetzt Verwirrung und ich kann sie nur erwidern. »Einen Moment.« Ich kehre in die Küche zurück, doch auch Marleys Stuhl ist jetzt leer. Was zur …«

Ich halte inne, sehe die Kellertür offen stehen. Die gelbe Regenjacke ist verschwunden. »Marley?«, rufe ich und ziehe sie ganz auf, renne die Stufen hinunter. Stille empfängt mich, die Glastür in der Ecke des Zimmers ist weit aufgerissen. Ich spähe hinaus in den Garten, halte Ausschau nach ihrer gelben Jacke. »Marley!« Nichts. Ich schnappe mir einen Kapuzenpulli vom Schreibtischstuhl. »Hey, Mom!«, rufe ich beim Anziehen nach oben. »Ich bin gleich zurück.« Ich jogge hinaus und ums Haus herum. Halte Ausschau nach ihr. Wo ist sie … der Teich! Ich rennhumple Richtung Park, bis ich keuchend die Wasseroberfläche aufblitzen sehe. Die Luft ist warm nach dem Regen, der Himmel eine Mischung aus Rosa-, Orange und Lilatönen. Ich bleibe stehen, als ich ihre gelbe Jacke sehe – und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, als ich die Ente auf ihrem Schoß bemerke. Also – eine richtige, lebendige verdammte Ente. Sitzt. Auf ihrem Schoß. Ich ziehe den Pulli aus und gehe zu ihr hinüber. Lege ihn auf den feuchten Boden und setze mich dazu. »Also«, atme ich aus. »Das dürfte das erste Mal sein, dass ich jemanden eine Ente streicheln sehe.« »Tut mir leid«, sagt sie, ohne mich anzuschauen. Ihre Aufmerksamkeit bleibt auf die Ente gerichtet, sie streicht ihr weißes Gefieder, runzelt die Augenbrauen. »Was war denn los? Du hast ja noch nicht mal das Essen probiert. Also, ich bin ja kein Meisterkoch, aber so schlecht wäre es jetzt auch nicht gewesen.« Der Vogel dreht mir den Kopf zu, mustert mich aus schwarzen Knopfaugen. Ich rücke ihm etwas vom Leib, um es nicht herauszufordern.

Marley zuckt mit den Schultern und blickt aufs Wasser, in ihren Augen sehe ich den vertrauten Schmerz. »Gehört das zur traurigen Geschichte?« Sie seufzt schwer auf, ihre Schultern heben und senken sich mit ihrem Atemzug. »Ich … ich hab einfach die Nerven verloren«, sagt sie und schiebt sich das Haar aus dem Gesicht. »Deine Mutter ist nach Hause gekommen. Fremde Leute machen mich nervös. Irgendwie kann ich dann nie sprechen. Ich bring dann nie ein Wort raus.« Ich grinse und rücke näher, um sie unter dem wachsamen Blick des Vogels gegen die Schulter zu stupsen. »Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen.« »Nur bei dir«, sagt sie und schaut zu mir rüber. »Mit dir ist es …« Sie verstummt, ringt um das richtige Wort. »Weiß auch nicht. Das sind … wir. Du verstehst es.« Wir. Bei dem Wort pocht mein Herz ganz laut. Ich schlucke und sehe zu, wie sie die Finger unter den Entenflügel schiebt und sanft krault, die Federn sich kurz aufstellen und dann wieder legen. Die Ente reibt ihren Schnabel gegen ihren Arm, zärtlicher, als ich das je bei einer Ente für möglich gehalten hätte. Ich schlage die Beine übereinander und lehne mich zurück, versuche, das Gefühl zu ignorieren, das bei ihren Worten in mir aufgestiegen ist. »Tja, wie du mich da eben mit dem Essen hast sitzen lassen, war aber nicht so cool«, sage ich in einem Anflug von Ernst. »Ich hab eine volle Stunde mit dieser Sauce rumgemacht und dann probierst du sie nicht mal.« Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie die Augen aufreißt und verlegen dreinschaut. »Also«, fahre ich fort, das Wort »wir« immer noch in den Ohren. »Da hab ich doch einen neuen Anlauf verdient.« »Einen neuen Anlauf?« Sie und die Ente starren mich an.

»Eltern verboten«, sage ich und erwidere den Entenblick. »Enten auch. Nur du und ich.« Die Ente quakt und sträubt das Gefieder und Marley und ich lachen. »Nur du und ich«, sagt sie nachdenklich, zögerlich, bis ihr scheues Lächeln erscheint. »Okay.« Wir bleiben noch eine halbe Stunde sitzen und schauen dem Sonnenuntergang zu, unsere Beine berühren sich beinahe. Danach laufe ich heim, immer noch überfragt, wie mir mit alldem zumute ist. So habe ich mir diesen Abend bestimmt nicht vorgestellt. Ich habe gedacht, sie würde mich wegen des Saucenfiaskos necken oder wegen meiner grenzwertigen Serviettenfaltkünste. Sich vielleicht einen Ruck geben und mir ein bisschen mehr von ihrer traurigen Geschichte erzählen. Aber jetzt habe ich nur noch mehr Fragen. Die Sache ist die … ich weiß genau, was sie mit »wir« meint. Wir verstehen einander einfach. Und obwohl ich das nicht so laut sagen sollte, bin ich ganz begeistert wegen unseres neuen Anlaufs. Ganz begeistert wegen uns. Ich schüttle dieses Gefühlswirrwarr ab und trete zögernd durch die Haustür und in die Küche, wo die ungegessenen Steaks noch auf dem Tisch stehen und meine Mutter ganz unschuldig gegen den Tresen gelehnt steht, als sei sie nicht gerade drei Stunden zu früh nach Hause gekommen, um Marley zu beäugen. »Alles klar?«, fragt Mom. »Jupp«, sage ich, schenke mir Wasser ein und nehme schnell einen Schluck. »Alles okay.« Ich kann ihren Blick auf mir spüren, wie sie mehr wissen will. »Vielleicht«, fange ich an und sie spitzt begierig die Ohren, »vielleicht kannst du nächstes Mal tatsächlich lange arbeiten, statt, tja, einfach meine Pläne über den Haufen zu werfen.« Mit einem schuldbewussten Lächeln verspricht sie es.

»Hunger?« Ich deute auf die vollen Teller. Sie lacht und nimmt sie zum Aufwärmen hoch. »Am Verhungern. Seit du weg bist, schleich ich drum herum.« Wir haben kaum mit Essen angefangen, als es an der Gartentür klopft. Wir drehen uns um und unter Scharnierquietschen kommt Sam hinein, mit einem breiten Grinsen und einem Sixpack Bier. Mist. Sam weiß auch, dass meine Mutter freitags oft lange Dienst hat, aber seit dem Unfall ist er nicht mehr unangemeldet aufgekreuzt. »Hey«, sagt er und hält den Sixpack hoch. »Ich dachte, wir hängen bisschen ab.« Ich mache eine panische Versteckgeste, aber es ist zu spät. Entgeistert erblickt er meine Mom und versucht, das Bier blitzschnell hinter seinem Rücken zu verstecken, doch Lydia Lafferty entgeht nichts. Sie steht auf und entwindet ihm die Flaschen, drückt sich den Sixpack fest an die Brust. »Sam, wie aufmerksam von dir! Woher wusstest du, wie sehr ich ein gutes IPA schätze?« »Ach, kommen Sie schon, Mrs L.«, grinst Sam und wirft ihr einen Arm um die Schulter. Sam hat sich noch bei jedem eingeschleimt. »Mir kommt’s vor, als sei ich in den letzten drei Monaten um drei Jahre gealtert. Wie steht’s mit dir, Kyle? Fühlst du dich wie einundzwanzig?« »Eher wie zweiundzwanzig«, grinse ich, während meine Mutter nur die Augen verdrehen kann. »Netter Versuch, Jungs«, sagt sie und tut, als gäbe es da nichts zu lachen, obwohl ich ihren Mundwinkel zucken sehe. »Ganz schönes Festmahl«, sagt Sam, beugt sich vor und schnüffelt anerkennend. »Gibt’s einen besonderen Anlass, Mrs L.?« »Völlig anlasslos«, sagt meine Mutter. Sie wirft mir einen zögerlichen Blick zu.

»Was? Was schaut ihr euch so an?«, fragt Sam verwirrt und mir rutscht das Herz in die Hose. Noch bevor ich den Mund aufgemacht habe, weiß ich schon, dass er es nicht verstehen wird. OceanofPDF.com

Kapitel 15 Am nächsten Morgen ziehe ich meinen Rucksack über die Schulter, nehme endlich Sams Einladung an, am Samstag beim Touch-Football-Match im Park mitzumachen. Vor ein paar Tagen habe ich zugesagt, aber nach dem letzten Abend … Ich sehe ihn inmitten einer Gruppe und bei meinem Anblick verkrampft sich sein Gesicht. Als ich näher komme, macht er auf dem Absatz kehrt und marschiert demonstrativ davon. Weg von mir. … wünsche ich mir irgendwie, ich hätte gekniffen. Ich entdecke Dave und Paul, zwei Teamkollegen, die vor Ort geblieben sind und zu arbeiten begonnen haben. Ich zögere, mein Magen verknotet sich noch ein bisschen mehr. Auf deren Nachrichten habe ich nie geantwortet. Ich brauch wirklich nicht noch mehr Leute auf diesem Spielfeld, die sauer auf mich sind. Die Sorge löst sich jedoch sofort in Luft auf, als Paul mich erblickt und zu strahlen beginnt. »Nee, jetzt echt?« Dave fährt neugierig herum, er trägt seine blonde Mähne im Man Bun. »Lafferty! Toll, dich zu sehen, Mann!« »Gleichfalls!«, sage ich, als Paul mir einen Arm um die Schulter wirft. Immerhin sind hier nicht alle genervt von meiner Anwesenheit. Ich kann Sams Zorn regelrecht spüren, wie er da drüben passiv-aggressiv einen auf Intensiv-Stretching macht. Er weiß jetzt, dass ich mich mit Marley treffe, aber ich schnalle einfach nicht, warum er sich deshalb so anstellt. Vielleicht, weil er einfach abgedüst ist, anstatt mich erklären zu lassen.

Das aggressive Anschweigen war immer Kims Ding, nicht Sams. »Gut siehst du aus«, sagt Paul und Dave nickt zustimmend. »War übel, aber so langsam wird es wieder«, sage ich, was irgendwie zugleich über- und untertrieben ist. So viele Leute auf einen Fleck habe ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen. »Das ist genial, Bro. Toll, dass du hier bist«, sagt Dave und reicht mir den Ball. Ich rolle ihn in meinen Händen hin und her und es fühlt sich an wie Heimkommen. Wir teilen uns in Mannschaften auf. Die restlichen Spieler sind Leute, die letztes Jahr noch im Junior-Team waren und nach unserem Weggang ins Hauptteam aufgerückt sind. Als wir uns für das erste Spiel versammeln, rückt Sam auf die Seite und beschließt, ganz auffällig allem zu widersprechen, was aus meinem Mund kommt. Na toll. Los geht’s. Als wir uns aufstellen, rempelt er mich ein bisschen zu hart, als dass es Zufall sein könnte. »Für dich ist es einfach wie Fernsehsender wechseln, was?« »Was?«, frage ich, als er mit dem Rücken zu mir seine Position einnimmt. »Du weißt schon, was.« Ich gehe nicht darauf ein und starte mit dem Spielzug, schaue Sam hinterher, wie er mit einem Verteidiger auf den Fersen das Feld hinunterprescht. Ich entscheide mich für einen kurzen Pass zu Paul, um ein bisschen voranzukommen. Er fängt, wird jedoch umgehend von einem Lineman erwischt, was dem Spielzug ein Ende setzt. Sam kommt keuchend herbeigerannt. »Nichts?«, fragt er mit erwartungsvoll erhobenen Augenbrauen. »Hast du gar nichts zu sagen? Vielleicht sollten wir mal Marley fragen, wie die das so sieht.« Und da haben wir es. Klartext. Endlich.

»Vergiss es, Sam«, murmle ich, als Paul mir den Ball zurückreicht. »Oha, der Fachmann spricht! Du weißt ganz genau, wie man vergisst, was?« Hat er das gerade wirklich gesagt? Genervt starte ich den neuen Zug. Der Ball landet bei mir und Sam soll jetzt einen Haken schlagen und zur Touchdown-Zone rennen. Stattdessen schlendert er einfach gemächlich übers Spielfeld, mit dem Rücken zum Ball. Was soll die Scheiße? Plötzlich bin ich stinksauer, schleudere den Ball so fest nach ihm, dass meine Schulter aufjault. Ich sehe, wie der Ball ihn am Hinterkopf trifft, ihm der Kopf nach vorne kippt. Er fährt herum und kommt auf mich zugeprescht, bevor ich flüchten kann. Er knallt voll in mich hinein, wirft mich zu Boden. Nicht härter als eine Million Mal vorher auf dem Footballfeld. Aber diesmal liege ich eine Sekunde lang wie betäubt da. So habe ich Sam noch nie erlebt. »Wie oft hat Kim mit dir Schluss gemacht? Hast du’s dir wenigstens gemerkt?«, fragt er über mir. Ich rapple mich auf. Will er mich hier fertigmachen? »Du offenbar schon? Wie oft?« Er packt mich am Kragen und zerrt dran herum. Dieser Zorn brodelt nicht erst seit gestern. »Seit der neunten Klasse sieben Mal. Sieben Mal …« Plötzlich bricht sich all der Frust, den ich in den letzten Monaten in mich hineingefressen habe, seine Bahn. Wegen ihm. Wegen dem, was passiert ist. Wer zum Henker glaubt er eigentlich, wer er ist? Wie kann er es wagen, mir meine Gefühle diktieren zu wollen? »Und gerade wollte sie es wieder tun, Sam! Aber sie ist gestorben!«, sage ich und schubse ihn fort, seine Finger lösen sich von meinem Kragen.

»Was soll ich bitte tun? Ihr auf immer hinterhertrauern? Nicht mehr atmen?« »So würde ich es machen!«, ruft Sam und plötzlich ist all seine Wut verschwunden, seine Schultern hängen nach unten, als laste ein schweres Gewicht darauf. Ein Gewicht, das ich nur zu gut kenne. Dann … bestätigt er es mir. »Ich hab sie auch geliebt. So richtig geliebt. Und ich würde sie nie vergessen.« Wir starren einander an, seine Worte verschlagen mir die Sprache. Aber er ist noch nicht fertig. »Du hast sie nicht verdient, Kyle«, sagt er mit gedämpfter Stimme. »Hattest du nie.« Er macht kehrt und wankt vom Feld, seine breiten Schultern verblassen in der Ferne. Ich sehe Sam nach, bis er verschwunden ist, mit schwirrendem Kopf. Sam hat Kimberly geliebt? Jetzt sehe ich es vor mir, das Puzzle setzt sich zusammen. Wie er immer schützend hinter ihr stand. Wie er sich immer auf sie bezogen hat. Wie sehr ihn ihr Tod erschüttert hat. Wie zum Teufel konnte mir das entgehen? Wie konnte mir in all diesen Jahren nicht einmal auffallen, dass mein bester Freund in meine Freundin verliebt war? Die anderen Jungs tun, als hätten sie den Streit nicht mitgekriegt. Niemand kommt rüber und ich erwarte es auch nicht von ihnen. Ich habe schon lange kein vertrautes Verhältnis mehr zu ihnen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mit dem Verlassen der Mannschaft auch sie zurückgelassen habe. Alle bis auf Kim und Sam. Wie habe ich also nicht merken können, dass er sie liebt? Weil ich selbstsüchtig war.

Die Worte klingeln mir durch den Kopf, glockenhell. Schmerzhaft wahr. Ich habe die Welt, meine Freunde, meine Freundin immer nur durch meinen Filter gesehen. Nicht ein einziges Mal habe ich mir die Mühe gemacht, sie durch ihre zu sehen. Später am Abend kommt meine Mutter herein und erwischt mich, wie ich einfach nur daliege und an die Decke starre. »Du hattest es an, du legst es mit zusammen«, sagt sie und lässt den Wäschekorb neben mir fallen. Stöhnend rolle ich mich aus dem Bett und folge ihr nach oben, drücke mir mit der einen Hand einen Beutel Tiefkühlerbsen auf meine Beulen und halte mühsam mit der anderen den Wäschekorb. Beim Wäschezusammenlegen in ihrem Schlafzimmer beobachtet sie mich aus den Augenwinkeln. »Ich dachte, das sollte nur Touch-Football sein.« »War es für mich auch. Aber für Sam …« Eigentlich wollte ich mich drüber ausschweigen, aber ich kann einfach an nichts anderes denken. Also erzähle ich ihr alles. Über den Streit. Und Marley. »Sam hat recht«, sage ich nach einem Moment des Schweigens und wende einen verwaschenen Schul-Football-Pulli in der Hand. »Vielleicht hab ich Kim nie verdient. Vielleicht war sie zu gut für mich.« »Was weiß Sam schon«, sagt sie, rollt ein Sockenpaar auf und wirft es mir zu. »Es steht dir zu, andere Freunde zu haben. Sogar andere … mehr als Freunde.« Mein Magen macht einen Satz, aber daran kann ich jetzt nicht denken. Mir geht ständig im Kopf rum, was Sam gesagt hat. »Er war in Kim verliebt«, sage ich schließlich und erwarte, dass sie aufblickt. Überrascht ist. Doch stattdessen nickt sie nur. Sie hat es gewusst. Die ganze Zeit über war ich der Einzige, der nichts geahnt hat?

Hat Kim es gewusst? Noch so eine Frage, die ich ihr nie stellen können werde. Ich sehe Mom beim Handtuchfalten zu, zunehmend nachdenklicher. »Und? Was wirst du jetzt unternehmen?«, fragt sie. »Wie, unternehmen?« Mom rollt die Augen über meine Begriffsstutzigkeit. »Du bist ein hoffnungsloser Romantiker, Schatz. Ich hab dich mit Kimberly erlebt, seit ihr acht wart. Nachdem du sie dir erst mal in den Kopf gesetzt hattest, gab es nichts anderes mehr für dich, auch wenn ihr euch gegenseitig den letzten Nerv geraubt habt«, sagt sie schließlich. »Und deshalb hast du dir auch nie gestattet, dir mal ein Leben ohne sie vorzustellen. Alles hat sich bei dir um sie gedreht und … das ist für eine Beziehung ein ganz schöner Druck. Eine Menge Druck auf Menschen, die erst noch rausfinden müssen, wer sie sind.« »Mom …«, setze ich an. »Hör einfach zu. Warum hast du Kim dieses Armband gekauft?« »Weil ich sie geliebt habe«, sage ich entschieden. »Ich wollte ihr zeigen, wie sehr ich sie liebe.« Sie sieht mich nur an und hebt auffordernd eine Augenbraue. Ich atme mühsam aus, wende den Blick ab und lege zögerlich eine Jogginghose zusammen. »Und … weil mir klar war, dass irgendwas nicht stimmt. Ich hab gedacht, das Armband würde sie dran erinnern, was wir schon alles durchgemacht haben. Ihr zeigen, dass wir es wieder kitten können.« Sie nickt. »Du hast immer probiert, Dinge wieder zu kitten, statt mal darüber nachzudenken, warum sie überhaupt kaputtgegangen sind. Es ist schwer, etwas aufzubauen, dessen Fundament schon so viele Risse hat.« Sie nimmt sich ein neues Shirt. »Und das heißt nicht, dass ihr euch nicht geliebt habt. Das heißt nur, dass ihr nicht die gleiche Wellenlänge hattet.« Nicht die gleiche Wellenlänge. Manchmal hat es sich bei unseren Streits so angefühlt, als redeten wir völlig aneinander vorbei. Ich denke an jene

Nacht zurück. Unser Gespräch im Auto. Waren wir da überhaupt auf einer Ebene? Wie oft waren wir auf ganz anderen Ebenen, ohne es überhaupt zu merken? »Kim wird immer ein Teil von dir sein, Kyle, aber du musst dein eigenes Leben weiterleben. Sie kann da nicht mehr mitreden. Du hast noch eine Menge Tage vor dir. Die können natürlich alle so aussehen, dass du mit deiner liebenden Mom Wäsche faltest …« Sie legt ein Shirt zusammen, während meine Hand erstarrt ein ungleiches Sockenpaar umkrallt. »Oder du könntest versuchen, ein Leben ohne sie zu leben, dir erlauben, wirklich zu leben«, sagt sie und blickt zu mir auf. »Zu schauen, wohin es dich verschlägt.« Ich lächle, bleibe aber stumm, greife nach einer neuen Jeans. Das war’s, was Kim gesagt hat. Genau, was sie gesagt hat. Kim wollte auch sehen, wer wir ohneeinander sind. Sie hatte es begriffen. Mom hatte es begriffen. Nur ich hatte es nicht. Diesmal jedoch ergibt es Sinn. Diesmal … kann ich es vielleicht tatsächlich begreifen. Und mit dem Begreifen kommt die Erkenntnis, dass Sam zugleich richtig- und falschlag. Wir müssen Kim in Erinnerung behalten. Und … ich könnte sie unmöglich vergessen, selbst wenn ich es wollte. Sie ist mit allem verwoben, was ich war. Ich wäre nicht hier ohne sie. Aber wir dürfen ohne sie nicht handlungsunfähig sein, gelähmt feststecken. Fixiert durch ihre Wünsche. Wir müssen uns jetzt selbst darüber klar werden. »Ich hab mich mit Marley unterhalten, was ich vielleicht tun möchte. Nachdem der aktive Sport jetzt ausscheidet«, sage ich zögerlich und Mom bekommt sofort leuchtende Augen. »Glaubst du, ich wäre ein guter

Sportreporter? Ich dachte, vielleicht mach ich einen Kurs oder bewerbe mich für ein Praktikum oder so.« »Ich glaube, du wärst ein toller Sportreporter.« Sie lächelt, wirkt so glücklich wie lange nicht mehr … seit davor. »Und ich meine, jeder, der dir hilft, deinen Weg voran zu finden, ist eine Bereicherung für dein Leben.« Sie schnappt sich einen Handtuchstapel und ruft mir auf dem Weg zum Bad noch zu: »Schätze, ich brauche einen neuen Wäschefaltpartner.« Am Morgen darauf packe ich die Schachtel mit Kims Sachen zusammen und trage sie nach oben. Mom kommt mir hinterher, wickelt sanft ihre Hand um meinen Arm, als ich die Diele betrete. »Bist du dir ganz sicher, Schätzchen?«, fragt sie und dreht mich zu sich um. Ich nicke, blicke von der Schachtel in ihr fragendes Gesicht. »Ich bin mir sicher.« Sie nimmt mich in den Arm, ganz fest. Ich lehne mich an sie. Ich muss das tun, um weiterzukommen. Ob das jetzt ein Praktikum ist oder eine Versöhnung mit Sam oder … irgendwas anderes. Die Erinnerungen an jene Nacht sind keine, die ich festhalten will. Ich muss mich von der Schuld befreien. Ich muss aufhören, sie bei mir in der Schachtel behalten zu wollen. Sanft lege ich die Hand auf die Schachtel, ein letzter Abschiedsgruß, bevor ich sie Mom überreiche, die sie Kims Eltern bringen wird. Als sie hinausgeht, spüre ich das Armband schwer in meiner Tasche. Die letzte Erinnerung an die Schicksalsnacht. Die einzige, von der ich nicht glaubte, mich trennen zu können. »Warte«, sage ich, ziehe es heraus, die Anhänger klimpern. Es tut so weh, sie gehen zu lassen, doch als ich das Kästchen sanft in die Schachtel lege, poltert mir ein Mühlstein von der Brust und lässt mich zum ersten Mal seit vier Monaten frei durchatmen.

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Kapitel 16 Einige Tage darauf liege ich rücklings im Gras und sehe das Sonnenlicht durch die Äste tropfen und Lichtreflexe vor meinen Augen tanzen. Marley und ich haben uns wie üblich mittags zum Entenfüttern verabredet und das warme Septemberwetter hat uns zum Kirschblütenbaum gelockt, dessen Blüten jetzt stumpfweiß werden. »An was denkst du grade?«, fragt Marley neben mir. »Nur …« Ich atme tief durch. »Sam.« Dank des Gesprächs mit Mom habe ich einiges kapiert, aber in puncto Sam hat es mich nicht weitergebracht. Ich weiß immer noch nicht, wie ich mit ihm darüber sprechen soll. Ich drehe mich zu ihr, sehe sie mit der Sonne im Gesicht, die ihre Augen strahlen und den grünen Ring um ihre Pupillen leuchten lässt. Sie streckt die Hand nach meinem Gesicht aus, und ich ertappe mich bei der Frage, wie es wohl wäre, wenn sie mich berührte. Stattdessen pflückt sie einen Löwenzahn aus dem Gras zwischen uns und riecht daran. Die Schuldgefühle steigen auf, aber kraftlos, als seien sie zu erschöpft zum Weiterkämpfen. Vielleicht bin ich es auch. Aber der Gedanke an Sams gequältes Gesicht will einfach nicht weichen. »Wir haben uns am Wochenende gestritten. Ich … ich war kein besonders toller Freund, seit Kim gestorben ist. Ich war nicht aufrichtig zu ihm …« Ich halte inne, seufze auf. »Und auch nicht zu mir selbst.« »Schwer, derjenige zu sein, der Mist gebaut hat, oder?«, sagt sie und ihre Miene wird traurig.

Ich stütze mich auf meinen Arm. Es braucht einiges, bis Marley etwas von sich erzählt. Sie bemerkt meine Reaktion und lächelt mich schwach an. »Entschuldigung. Das wollte ich eigentlich nicht sagen. Es ist komisch. Ich war immer still. Megaschüchtern. Das ist so weit gegangen, dass Laura manchmal für mich gesprochen hat.« Sie blickt zur Seite, in Richtung Friedhof. »Sie hat immer gewusst, was ich sagen will. Vielleicht, weil wir Zwillinge waren.« Sie hat es immer vermieden, über ihre Schwester zu sprechen. Keine traurigen Geschichten. Das hier ist eine Riesensache für sie. »Wir waren eineiig, uns superähnlich. In fast jeder Hinsicht«, sagt Marley und hinter ihren Augen steigt die dunkle Wolke auf. Die Wolke verschlingt sie, von der Furche in ihrer Stirn bis zu ihren hängenden Schultern. Es ist, als säße ein völlig anderer Mensch vor mir. »Als ich sie verloren habe, habe ich auch meine Stimme verloren. Aber jetzt, mit dir …« Sie hält inne, sieht zu mir, ihre Augen werden einen Hauch klarer. »Jetzt ist mir wieder nach Sprechen.« »Rede, wenn du willst«, sage ich. »Ich hör dir zu.« Er hat etwas Magisches, dieser Moment, in dem sie mir zu vertrauen beginnt. Ich möchte diesen Zauber nicht brechen, sosehr ich auch ihre Hand ergreifen und sie trösten will, und so lasse ich es bleiben. Sie zwirbelt den Löwenzahn in ihren Fingern. »Ein Leben ohne Laura«, sagt sie sanft. »Je länger sie tot ist, desto unmöglicher kommt es mir vor. Es fühlt sich einfach nur falsch an.« Ich warte auf mehr, doch sie belässt es dabei. »Das verstehe ich«, sage ich und richte mich auf. Und das tue ich. Alles an diesem Leben nach dem Unfall hat sich falsch angefühlt. Bis auf das hier. »Vielleicht können wir beide etwas finden, womit es sich ein bisschen weniger falsch anfühlt. Gemeinsam.« »Wie denn?«

Die Worte liegen mir auf der Zunge, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Dann fällt mir ein, wie wir uns auf dem Friedhof getroffen haben, und mir kommt ein Gedanke. »Geschichten. Du hast doch gemeint, wir könnten beide Geschichtenerzähler sein.« Sie nickt nachdenklich. »Ich würde gerne eine von deinen hören«, sage ich. Sie richtet sich auf und kreuzt die Arme vor der Brust. »An diesem ersten Tag bin ich über das ›Es war einmal‹ nicht hinausgekommen.« »Auf keinen Fall«, sagt sie angespannt. »Ich hab keine Ahnung, ob die was taugen oder nicht. Was, wenn du sie grauenhaft findest?« »Sie werden mir gefallen. Das weiß ich.« »So was kannst du nicht versprechen«, lacht Marley. »Bitte?«, frage ich und ich sehe, wie sie mit sich ringt. Das Schweigen wird länger und länger, bis sie endlich einen gedehnten, dramatischen Seufzer ausstößt. »Meinetwegen … aber nur, wenn ich auch was von dir lesen darf.« Ich bin so glücklich über ihre Zustimmung, dass ich schon nicke, bevor ich überhaupt kapiert habe, in was ich hier einwillige. Verdammt, sie hat es drauf. Sie hält ihren kleinen Finger hoch. Ich hake meinen darum. Versprochen. Unsere Hände verweilen, Finger gleiten zu Handgelenken, bis ich ihre Hand ganz in meiner halte. Es fühlt sich an, als erwachte ich. Jede Faser meines Körpers fühlt sich plötzlich lebendig an, will, dass ich die Lücke zwischen uns schließe, der Boden unter uns scheint zu beben. »Marley …«, flüstere ich, doch sie entreißt mir hastig die Hand, starrt mir noch kurz auf die Lippen. »Spürst du das auch?«, haucht sie. Tue ich. Um uns herum schwirrt die Luft, der Abstand zwischen uns knistert.

Ich strecke die Hand nach ihr aus, doch gerade, als sich unsere Finger erneut streifen, entzieht sie sich, reißt sich aus dem Moment. Hastig springt sie auf und fegt sich die Kleider ab, stopft sich die Hände ruckartig in die Jeansjackentasche. »Ich muss los.« »Marley«, sage ich benommen. »Du musst doch nicht gehen.« Doch sie tut es bereits, ihre gelben Schuhe leuchten im grünen Gras. »Das hier ist geradezu prädestiniert dafür, eine traurige Geschichte zu werden«, murmelt sie vor sich hin. Auf dem Weg dreht sie sich noch einmal zu mir um. »Nur Freunde, Kyle«, ruft sie mir zu. »So war’s ausgemacht.« Ich nicke, sehe ihr hinterher, wie sie zwischen den Bäumen verschwindet. Ich senke den Blick und da liegt der gelbe Löwenzahn neben mir. Ich hebe ihn auf, frage mich, wie es eben gewesen wäre, sie zu küssen, spüre noch ihren Blick auf meinen Lippen. Vielleicht lag Sam noch mit etwas anderem richtig. Ist das, was ich von Marley will, wirklich nur Freundschaft? *** Donnerstagmorgen spaziere ich zum Friedhof. Mir ist immer noch sehr viel unklar, aber ich glaube, ich weiß endlich, was ich ihr sagen soll. Kimberly. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, als ich eine Gestalt neben ihrem Grab knien sehe, die mit langem Arm einen riesigen Tulpenstrauß auf das Grab stellt. Sam. Natürlich. »Die Tulpen«, sage ich im Näherkommen. »Die waren von dir.« »Das waren ihre Lieblingsblumen«, sagt er, ohne den Blick vom Grab zu nehmen. Kimberly Nicole Brooks.

Ich knie mich auf mein steifes Bein und streiche über den unebenen Stein. »Es ist ungerecht.« Sam beobachtet mich. »Du entwickelst dich weiter. Sie kann es nicht. Das klingt vielleicht arschig, aber …« »Ich versteh es, Sam. Glaub mir, ich hab mich rund um die Uhr wie ein Arschloch gefühlt. Mir ein Eis holen. Auf dem Sofa sitzen, Film schauen. Sogar lachen. Alles fühlte sich falsch an, wenn ich es ohne sie tat. Aber wenn das ihr Wille ist, dann stecken wir für den Rest unseres Lebens an dieser Stelle fest«, sage ich, weise auf den Friedhof um uns herum, auf Kimberlys Grabstein. Er sagt nichts, aber er fällt mir auch nicht ins Wort. »Mir ist endlich aufgegangen, was Kimberly gemeint hat. Ich hab es vorher nicht kapiert. Ich hab ihr vorher nicht richtig zugehört. Aber nach all der Zeit begreife ich endlich, was sie von mir wollte. Für mich. Das Beste, was ich ihr zu Ehren tun kann, ist, selbstständig zu sein, Sam. Wie sie es wollte. Ich muss sie ziehen lassen.« Ich halte inne, sehe ihn an, begreife, dass er das genauso dringend hören muss wie ich. »Und du auch.« Er richtet sich auf und ich tue es ihm mühsam nach. Als wir beide stehen, sieht er mich lange an, bevor er verschämt den Blick abwendet. »Es tut mir leid, dass du es so erfahren musstest.« »Ja«, nicke ich, denke an das, was er mir im Park gesagt hat. »Das erklärt einiges. Wieso du sie immer in Schutz genommen hast. Dich auf ihre Seite gestellt.« »Ich hab mich auch auf deine Seite gestellt«, sagt Sam. »Ich habe es nie bei ihr versucht. Ich hab ihr nie gesagt, wie ich empfinde.« »Mir hast du’s auch nie erzählt«, sage ich. »Hättest du können.« »Und hätte es was geändert?«, fragt er. Ich schüttle den Kopf. Ich weiß, wie es war. »Wahrscheinlich nicht.« Darüber lächelt er und ich weiß, dass wir gerade beide ihre Stimme im Ohr haben. Aber nicht auf Dachschadenart. Diesmal nicht.

»Aber«, fahre ich fort, »ich glaube, jetzt ändert es schon was. Ich sehe, dass was dran ist an dem, was du neulich gesagt hast. Dass wir aufrichtig sein müssen, uns gegenüber.« Wir starren einander an, überfragt, wie es jetzt weitergehen soll mit uns. Wir einigen uns auf eine Bro-Umarmung und dann boxt Sam mich mit einem schiefen Grinsen in den Arm. »Was, meinst du, hat deine Mom mit dem Bier angestellt?«, fragt er. Ich weise mit dem Kopf zum Pfad und grinse ihm zu. »Finden wir’s raus?« Wir schlendern gemeinsam vom Friedhof, nur wir beide. Obwohl ich mit Sam gesprochen habe, bin ich mir sicher, dass Kim dabei war. Mir kommt es vor, als hätte sie mich gehört. Als hätte ich es endlich richtig hinbekommen. Und selbst als wir sie zurücklassen, fühlt sie sich so nah an wie seit langer, langer Zeit nicht mehr. OceanofPDF.com

Kapitel 17 Ich werkle in der Küche herum, lege das Besteck auf die Servietten, stelle den Eistee mit Minze auf die Ecke des Tischsets. Gleich bin ich fertig. Dieser Kochversuch ist tausendmal besser gelaufen als der letzte. Wahrscheinlich, weil ich das Steak geknickt habe und etwas … Marley- Mäßigeres versucht habe. Hotdogs mit Pommes. Aber edle, à la Marley. Vorsichtig baue ich ihren Beilagenteller auf, mit acht Schälchen, die eine etwas größere Schale mit Popcorn umrunden. Dann befülle ich die Schälchen: eines mit Senf, eines mit Bacon-Stückchen und die anderen mit Ketchup, Barbecuesoße, zwei Sorten Gewürzgurken, geriebenem Käse und gehackten Zwiebeln. Ich schiebe sie zusammen und gebe noch eine große Selleriestange dazu, die unten herausragt. Wie erhofft, sieht der Teller aus wie eine Würzsoßen- Blume. Ich trage ihn zum Tisch und setze ihn vorsichtig ab. Ich möchte, dass sie sich heute Abend wohlfühlt. Ich möchte, dass sie sieht, dass ich sie sehe. Wie sie mich immer sieht. Diese Geschichte wird keine traurige werden. Ich lade gerade die Hotdogs und die Pommes auf die Teller, sodass sie einander auch ja nicht berühren, da läutet es an der Tür. Ich verlasse die Küche, versuche, meine Nerven in den Griff zu kriegen. Warum bin ich so nervös? Es ist doch immer alles so entspannt zwischen uns. Ich öffne die Tür und da steht Marley auf der Matte, mit Jeans und gelber Strickjacke und aufgesteckten Haaren.

»Hi«, sagt sie sanft. Sie hält einen Blumenstrauß in der Hand. Was sind das für welche und was will sie mir damit sagen? Ich mustere die Rädchen aus winzigen weißen Blüten, aber ein Name fällt mir dazu nicht ein. Ich weiß nur, dass das die fluffigen Blumen sind, die bei Omas vor den Häusern wachsen. »Was bedeuten die?«, frage ich. »Das sind Hortensien«, sagt sie und streicht mit ihrer freien Hand über einen der gigantischen Flauschbälle. »Die bedeuten … Dankbarkeit.« »Tja, ich bin voller Dankbarkeit für die Blumen«, sage ich und möchte gleich darauf im Erdboden versinken. Geht’s noch peinlicher? Zum Glück lacht sie drüber und kommt herein, streift sich die Schuhe ab. »Hunger?«, frage ich. Sie nickt und schnuppert in Richtung Küche. »Riecht gut!« Ihre Miene ist verdächtig erleichtert. »Hoffe, es schmeckt auch so«, sage ich, als wir dem warmen Essensgeruch den Flur entlang folgen. Als wir in die Küche kommen, betrachtet sie den sorgfältig gedeckten Tisch, die gefalteten Servietten, die Kerzen, die ich von ganz oben aus dem Flurschrank gekramt habe. Sie berührt den Blumen-Soßen-Teller und fängt endlich an zu lächeln. »Weil jedem sein eigener Raum zusteht«, sage ich und sie setzt sich errötend nieder. Eine peinliche Pause entsteht, zwischen uns herrscht eine völlig neue Spannung. Wie warme Elektrizität. Spürt sie das auch? Ich versuche, es abzuschütteln, sage möglichst locker, wir sollten doch anfangen. Ich schnappe mir meinen Hotdog und nehme einen Monsterbiss. Das lässt die Anspannung noch weiter schwinden und bald lacht Marley und probiert sich einmal durch die Beilagen, in Minihäppchen. Aber irgendwie ist ihre Lieblingsbeilage überhaupt keine Beilage.

»Einfach nur Popcorn?«, frage ich ungläubig, als sie sorgfältig einen Kern auf ihren Hotdog legt und abbeißt. »Von all diesen Toppings magst du Popcorn am liebsten?« Sie zuckt spielerisch mit den Schultern. »Ich muss Enten in der Ahnenlinie haben.« Darüber muss ich lachen. Den Rest des Essens über ekle ich sie mit verschiedensten Kombinationen, obwohl meine Mixtur aus Bacon, Barbecuesoße und geriebenem Käse ein wahrer Geniestreich ist. Mit den Essensvorräten kommt auch unser Gespräch zum Erliegen. Ich schiebe mir die letzte Pommes in den Mund. Marley schiebt den Rest ihres Hotdogs beiseite. Wir beide versinken in Schweigen, kommen nicht mehr an gegen die unterschwellige Aufregung im Raum. Ich weiß, dass Marley nie vorher mit jemandem ihre Geschichten geteilt hat, und ich habe erst recht niemandem bisher meine Artikel gezeigt. Nun, nicht von Angesicht zu Angesicht jedenfalls. Aber … ich glaube, hier geht’s nicht ums Schreiben. Ich räuspere mich und stehe auf, um abzuräumen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie an der Serviette rumzupft, sie auseinanderfaltet und dann wieder zusammen. Beim Umdrehen merke ich, wie sich ihre Finger in den Stoff krampfen. »Nervös?«, frage ich. Ihr Blick sagt: Aber so was von. »Gut. Weil ich auch nervös bin«, gestehe ich ein. Sie wirkt überrascht. »Echt?« »Ich dreh völlig am Rad«, sage ich, betrachte ihr Gesicht, von den Sommersprossen auf ihrer Nase bis zu ihren vollen Lippen. In dieser neuen Umgebung sieht alles irgendwie anders aus, lässt mein Herz höherschlagen. »Ich meine, schließlich bist du hier.« »Ich mach dich nervös?«, fragt sie und senkt den Blick auf ihre Serviette. »Ich … im Ernst jetzt?«

Ich zögere, weiß, dass ich auf einem Bergkamm stehe, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ich muss mich entscheiden. »Du bringst mich dazu …«, ich rücke näher und halte inne. Wage den Schritt. »Du bringst mich dazu, mehr zu wollen, und das macht mich nervös.« Sie blickt auf, ihre Augen flackern im Kerzenschein, aber sie sagt kein Wort. Vielleicht hätte ich einfach die Klappe halten und sie in Frieden essen lassen sollen. »Also, äh«, wechsle ich das Thema. »Wie wär’s mit Nachtisch?« Ich hole das Eis aus dem Tiefkühlfach und bemerke mit Erleichterung, dass Marley beim Anblick der Erdbeerpackung deutlich heiterer wird. Es ist meine geheime Gabe, anderer Leute Eisvorlieben zu erraten, und Marley ist hundertprozentig der Erdbeertyp. Wir laden uns beide eine Schale voll und Marley lacht, als ich mir fast die ganze Schokopackung reinleere und mir noch was von ihrem Erdbeereis obendrauf klaue. Dann geleite ich sie in den Keller, wo wir jeweils am äußersten Zipfel des altersschwachen Sofas Platz nehmen. »Bereit?«, frage ich und greife mir den zerknitterten Artikelstapel vom ramponierten Couchtisch. Ich weiß nicht mal, ob ich bereit bin, aber sie nickt und stellt ihr halb gegessenes Eis ab, zieht unsicher ein abgewetztes gelbes Notizbuch aus der Tasche. Sie zögert, ehe sie es mir hinhält, als müsse sie eine unsichtbare Grenze überwinden, bevor sie es loslassen kann. Ich schlage die erste Seite auf. Ihre säuberliche, gleichmäßige Schrift zieht mich in ihren Bann und ich vergesse darüber völlig, dass sie gerade meine Artikel liest. Rasch führt es mich in ihr verborgenes Inneres, zu Marleys geheimen Seiten, die sich in jedes einzelne Märchen schmuggeln. Eine Geschichte dreht sich um ein eineiiges Zwillingspaar, das beim Teich eine Entenschar füttert. Immer mehr Enten kommen herbei, bis beide mitgerissen werden und hoch über den Teich fliegen, über den Park und fort über den Friedhof.

Bei einer anderen geht es um ein junges Mädchen, das rosa Blumen pflanzt, die einfach immer weiterwachsen, bis sie eines Tages einen richtigen Menschen bilden: das Blütenebenbild des Mädchens. Marleys Geschichten sind so gut, dass ich ihr meine schnarchigen Artikel nur noch aus den Händen reißen möchte. »Marley«, sage ich. Sie wirft mir über das eine Blatt einen großen, fragenden Blick zu. Ich halte ihr Notizbuch hoch. »Du musst deine Geschichten noch mit anderen Leuten teilen als nur mit mir. Kinder wären ganz verrückt danach.« Sie rutscht eifrig auf der Couch herum, ihre nervöse Energie ist am Überkochen. »Meinst du wirklich?« Ich nicke, blicke auf die Seite vor mir, wo sie das Blumenmädchen aus ihrer Geschichte hingezeichnet hat. »Absolut.« »Deine sind auch toll«, sagt sie und hält den Artikel hoch, den sie gerade liest. »Ich mag Sport noch nicht mal, aber du schaffst es tatsächlich, es interessant zu machen. Diese Spielerporträts, die du gemacht hast, mag ich am liebsten. Mir kommt es wirklich vor, als würde ich Sam jetzt kennen«, fügt sie hinzu und Sams Schwarz-Weiß-Foto starrt mich vom Stapel aus an. »Du sorgst dafür, dass sie mehr sind als nur Statistik. Die solltest du für deine Bewerbung verwenden.« Ich lache, erleichtert, dass sie sie nicht doof findet. Eine Weile schweigt sie, starrt auf das gelbe Notizbuch in meiner Hand. »Die Leute werden sie mögen?«, fragt sie leise. Unsere Blicke treffen sich. »Sie werden sie lieben«, sage ich und meine es auch. Sie sieht an mir vorbei zum Gartenfenster, das Mondlicht spiegelt sich im Glas. »Willst du rausgehen?«, fragt sie und zerrt sich am Kragen. Ich kann es ihr nachempfinden. Der Raum scheint um uns zusammengeschnürt zu sein, schwelt mit diesem immer noch namenlosen, schwirrenden Gefühl zwischen uns.

»Klar«, sage ich und greife mir eine der dicken Steppdecken. Wir gehen in den Garten und legen uns auf die Decke, starren hinauf zu den Sternen. Ihre Hand streift meine zart und die Nacht erwacht zum Leben. Alles strahlt. Alles surrt. Sie nimmt ihre Hand weg und deutet auf den Mond, eine perfekte Scheibe am Firmament. »Es heißt immer, bei Vollmond kann keiner richtig schlafen.« Ich betrachte die glänzende Oberfläche und weiß, dass ich heute Nacht ganz gewiss kein Auge zutun werde, Vollmond hin oder her. »Werwölfe?«, frage ich und sie knufft mich lachend in den Arm. »Ich hab eine Geschichte über den Mond geschrieben«, sagt sie, während ich ihre Berührung noch sanft durch mich hindurchknistern fühle. Ich drehe mich und sehe ihr Gesicht im sanften Schein erstrahlen, ihr mondgezeichnetes Profil. »Eine neue Geschichte.« »Erzähl sie mir.« »Es ist eine … Liebesgeschichte«, sagt sie zögernd. »Meine erste.« »Dann erzähl sie mir bitte unbedingt.« Sie blickt zu mir herüber, ihre Augen sind schwarze Seen, tief und verletzlich. Ich stütze mich erwartungsvoll auf den Ellbogen. »Okay«, sagt sie endlich. »Es war einmal …« »Warum fangen alle Geschichten so an?«, frage ich. Ich möchte den Zauber nicht kaputt machen, aber die Frage ist draußen, bevor ich mich bremsen kann. Sie lächelt. »Nicht alle. Nur die besten.« »Das ist das Erste, was du je zu mir gesagt hast, weißt du noch? Es war einmal.« Wir starren einander lange an und eine unsichtbare Kraft zieht mich zu ihr. Ich höre auf zu atmen, es ist wirklich so. Marley räuspert sich und blickt zur Seite und der Drang lässt nach, ohne ganz zu weichen.

»Die Geschichte«, sage ich und schaue wieder hinauf zum Mond. »Richtig. Erzähl weiter.« »Es war einmal ein Mädchen«, sagt sie. »Gefällt mir jetzt schon«, sage ich unterstützungshalber und sie boxt mich in den Arm, halb amüsiert, halb genervt. Und wie erhofft, spornt es sie an. »Jeden Abend folgte sie einem Pfad durch einen dunklen, dunklen Wald zum Fuße eines wunderschönen Wasserfalls, wo sie zum Mond hinaufsah und sich etwas wünschte«, erzählt sie. »Abend für Abend war es derselbe Wunsch.« Marleys Worte hüllen mich ein wie ein Zauber und ich sehe das Mädchen vor mir. Sehe sie richtig vor mir, wie sie vom Wasserfall aus zum Mond hinaufschaut und die Lippen öffnet, um sich zu wünschen, dass … »Sie wünschte sich Liebe«, sagte Marley, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Sie war eine Träumerin, die niemanden hatte, mit dem sie ihre Träume hätte teilen können.« Ich spüre sie, die Einsamkeit des Mädchens, spüre sie bis tief in die Knochen. »Da begab es sich aber, dass in jener Nacht Vollmond war. Heller als je zuvor«, erzählt sie weiter. »Als sie den Blick senkte, entdeckte sie etwas zu ihren Füßen. Eine Perle. Sie hob sie auf und hörte die Stimme eines Mannes sagen: ›Entschuldigung, aber ich glaube, die gehört mir.‹« »Tat sie das?«, frage ich. »War es seine Perle?« Sie nickt. »Also hielt sie ihm die Perle hin und er sah die hellen Mondlichttränen in ihren Augen«, sagt Marley und ich hänge an ihren Lippen. »Der Mann fragte sie: ›Warum weinst du?‹, und das Mädchen antwortete leise: ›Einen Moment lang habe ich geglaubt, sie sei für mich.‹ Doch der Mann nahm sich die Perle und ging seines Wegs.« »Arsch«, sage ich. »Wart doch mal ab!«, sagt sie mit wissendem Lächeln.

»Ich kann ihm nur raten, kein Arsch zu sein.« »Als sie am nächsten Tag um Erfüllung ihres Wunsches bat, hörte das Mädchen ein Geräusch hinter sich«, sagt Marley, ohne mir Beachtung zu schenken. »Es war der Mann und in seiner Hand lag die Perle. ›Ich habe so manchen Pfad bereist, um mein verlorenes Gut wiederzufinden, diesen Teil von mir, aber du warst es, die ihn gefunden und mir zurückgegeben hat. Und jetzt wünsche ich, ihn dir zu geben‹, sagte er und legte ihr die Perle in die Hand. Und den ganzen nächsten Monat lang traf sie den Mann jeden Abend am Wasserfall.« »Kein Arsch«, sage ich erleichtert. Marley lächelt und bedeutet mir zu schweigen. »Sie sprachen über alles, teilten ihre Geheimnisse und Träume. Das Mädchen hatte seinen Wunsch erfüllt bekommen. Sie hatte die Liebe gefunden«, sagt sie und bei dem Wort drehe ich mich zu ihr und spüre, wie sich in mir etwas regt. »Aber in der dreißigsten Nacht, der Vollmondnacht, war der Mann nicht da. An seiner Stelle … lag da eine Perle.« Mein Herz wird schwer. Ich kenne die Traurigkeit, die sich durch ihre Worte webt. »Die nächsten neunundzwanzig Abende lang … nichts. Sie wünschte sich nichts. Sie machte einfach weiter, suchte, aber er war nie da. Und in der dreißigsten Nacht …« »Zum nächsten Vollmond«, flüstere ich. »Eine weitere Perle«, flüstert Marley zurück. Unsere Blicke treffen sich, zwischen uns knistert die Luft. Schließlich fährt sie fort. »Das Mädchen weinte sich die Augen aus. Dann wischte sie sich die Tränen ab, blickte zum Mond hinauf und wünschte sich wieder etwas. Etwas anderes.« Ich halte den Atem an, starre auf Marleys Lippen. »Bring ihn mir zurück.« Mir läuft es eiskalt über den Rücken, als Marley sagt: »Der Mond wurde heller, sein Schein spiegelte sich im Wasserfall, bis der aussah wie eine

Million fallender Perlen. Das Mädchen blickte wieder zum Mond hinauf und plötzlich … fiel ihr ein, was der Mann gesagt hatte.« Marley starrt so ehrfürchtig zum Mond hinauf, als wünsche sie sich gerade selbst etwas. »Was hatte er denn noch mal gesagt?«, frage ich leise, weil ich die Spannung nicht mehr aushalte. Ich weiß, was für ein Horrorpublikum ich bin, aber ich muss wissen, was sie sich wünscht. »Er hat gesagt: ›Ich habe so manchen Pfad bereist, um mein verlorenes Gut wiederzufinden, diesen Teil von mir.‹« Diesen Teil von mir … Mist. Das wird mir ein bisschen unheimlich. »Und bis zu ihrem Lebensende erhielt das Mädchen immer neue Perlen …«, fährt Marley fort. »Der Mann im Mond«, sage ich und setze mich auf vor lauter Schock. »Das war der Mann im Mond!« Marley lächelt. »… Und sie wusste, dass er über sie wachte, auf sie herunterschien, ihr den Weg durch den dunklen, dunklen Wald erleuchtete. Und gelegentlich konnte sie im Spiegelbild des Wassers sein Gesicht erkennen. Dort im Mond, wie er ihr zulächelte.« Ihre Stimme ist nur noch ein Hauch, die Geschichte ist zu Ende. »Und sie wusste, dass sie geliebt wurde.« Unsere Blicke treffen sich und ich weiß, dass dies keine Freundschaft ist. Ich kann mir nichts mehr vormachen. Ich denke nicht mehr nach, ob es jetzt falsch oder richtig oder irgendwas ist. Ich liebe sie. Ich liebe sie, wie der Mann im Mond dieses Mädchen liebt. Sie wird rot, setzt sich auf, peinlich berührt, weil sie mein Schweigen völlig falsch versteht. »Total bescheuert, oder?« Ich schüttle den Kopf und nehme ihre Hand. »Nicht bescheuert«, sage ich aus tiefstem Herzen. »Sondern wunderschön.« Ich erwarte, dass sie ihre Hand wegzieht, aber sie tut es nicht. Unsere Finger weben sich ineinander und so liegen wir unter dem Sternenhimmel

und schauen uns an, bis sie gehen muss. Ich bringe sie zur Tür, wo sie auf der Fußmatte stehen bleibt und zur mir aufschaut. »Sie sind gut«, sage ich aufrichtig. »Deine Geschichten sind richtig gut, Marley. Das war fast wie …« Ich lächle ihr zu. »Wie Zauberei. Du hast mich ganz woanders hinversetzt.« Wieder kann ich es zwischen uns knistern spüren. Ihre Augen sind ganz weich im warmen Dielenlicht. Offener. Sie macht einen Schritt zurück, und anstatt zu reißen, dehnt sich ihre magnetische Anziehungskraft nur mit, füllt den Abstand zwischen uns. »Ich hoffe, das wirst du immer so sehen«, sagt sie. Ein winziger Schatten huscht ihr übers Gesicht. Ich wünschte nur, ich wüsste, warum. »Werde ich«, sage ich, als sie die Treppe hinabsteigt und durch den Vorgarten geht und mir noch einmal zuwinkt, bevor sie um die Ecke verschwindet. Ich stehe noch eine ganze Weile in der Türschwelle, spüre die Energie noch, obwohl sie längt fort ist. Ich zittere, fröstle in der kühlen Herbstnacht, aber ich will mich nicht rühren. Ich will, dass dieses Gefühl so bleibt. Bald kommen Scheinwerfer die Auffahrt hinauf. Das Auto meiner Mutter hält an und dann öffnet sich geräuschvoll die Wagentür. Sie steigt aus und mustert mich einmal von Kopf bis Fuß, bevor sie wieder ins Auto abtaucht und ihre Tasche herausfischt. »Du siehst glücklich aus«, sagt sie, als sie die Stufen erreicht. Und sie hat recht. Das bin ich. OceanofPDF.com

Kapitel 18 Als ich am nächsten Morgen erwache, fühle ich mich ziemlich fantastisch. Also schnappe ich mir mein iPad vom Nachttisch und beginne beim Frühstück, wegen meines Praktikums zu recherchieren. Zunächst scheint es nicht sehr vielversprechend, überwiegend unbezahlte Kurzzeitjobs, die mich nicht besonders anmachen. Einer wirkt ziemlich perfekt – ein Platz in der Sportredaktion einer Zeitschrift –, aber dafür müsste ich jeden Tag zwei Stunden pro Strecke fahren. Ich höre, wie meine Mutter die Treppe hinuntergetapst kommt, und so schiebe ich noch zwei Scheiben in den Toaster und schenke ihr einen Kaffee mit Sahne ein, bevor sie in die Küche kommt. »Morgen!«, sage ich und halte ihn ihr hin. »Morgen«, sagt sie und nimmt mir die Tasse ab. Sie tut überrascht, als sie den ersten Schluck nimmt. Ich wende mich wieder dem iPad zu und scrolle leicht frustriert weiter nach Stellenangeboten. »Was schaust du so finster? Hast du wieder Kopfweh?« »Nein, das wird besser«, sage ich. Und das stimmt auch. Die stechenden Schmerzen sind etwas abgeflaut, seitdem ich mit Marley tatsächlich über ernste Sachen spreche und damit Dr. Benefields Behauptung, es handle sich eher um ein seelisches als ein körperliches Problem, voll untermauere. »Ich schau nur wegen eines Praktikums.« »Oh«, sagt sie und schlägt sich gegen die Stirn. Sie saust aus der Küche und kehrt Sekunden später mit ihrer überquellenden Handtasche zurück. Ich sehe, wie sie darin herumwühlt, Bons und ein Erste-Hilfe-Set und Müsliriegel herausbefördert. Mit dieser Tasche könnte sie problemlos ein

ganzes Dorf durch die Apokalypse bringen. »Gestern bin ich im Starbucks zufällig Scott Miller über den Weg gelaufen. Du weißt doch, der Typ von der Sportredaktion der Times, der immer über eure Spiele berichtet hat?« »Ja, ich weiß«, sage ich und setze mich aufrechter hin. Scott hatte in der Woche vor meinen Unfall ein Spielerporträt über mich verfasst. Rund einen Monat nach dem Fiasko habe ich ihn noch mal getroffen und da hat er mir wirklich Mut gemacht. Keine Ahnung, weshalb ich bisher nicht an ihn gedacht habe. »Also«, sagt sie und fischt eine Visitenkarte aus dem Bodensatz ihrer Tasche. »Ich hab ihm gesagt, du würdest gerne schreiben, und er hat gemeint, du sollst ihn unbedingt anrufen.« Sie reicht mir die Karte und ich springe auf, um sie zu umarmen. »Du bist die Beste«, sage ich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Ich ziehe mein Handy raus und eile in den Flur, um ihn anzurufen, aber während ich wähle, leuchtet eine Nachricht von Sam auf dem Display auf. Football um 10. Kommst du? Soll ich dich mitnehmen? Kurz bin ich unschlüssig, dann tippe ich eine rasche Antwort. Besser als heute werde ich mich wohl nie mehr fühlen, also kann es kaum einen besseren Tag für den Testlauf geben. »Ach, Mom?«, rufe ich in die Küche. »Kann ich das Auto nehmen?« *** Als ich Marley am Mittwoch im Park treffe, habe ich bereits für Freitag ein Gespräch mit Scott ausgemacht und das Auto meiner Mutter ganze drei Mal gefahren. Ich bin quasi unbesiegbar. Der Park ist heute überlaufen, die warme Herbstsonne hat eine Horde Kinder herbeigelockt, die im Gras spielen. »Früher hab ich wahnsinnig gerne Drachen steigen lassen«, sagt Marley, als ein Junge an uns vorbeisprintet, um einen in die Luft zu befördern.

Ich drehe mich zu ihr um und der Rest des Parks löst sich einfach auf. Sie sieht so schön aus heute. Das Haar fällt ihr über die Schultern, ihr sonnengelber Pulli passt zu ihrem schmalen Stirnband. Jedes Mal, wenn sie etwas sagt oder sich mir zuwendet, mir zulächelt, überkommt mich der Drang, ihre Hand zu nehmen. Mir war nicht klar, wie es nach neulich Abend weitergehen würde, aber in den paar Tagen, die wir uns nicht gesehen haben, scheint diese Sache zwischen uns nur noch stärker geworden zu sein. Wir überqueren das Sträßchen, das zum Teich führt, und je näher wir dem Wasser kommen, desto mutiger werde ich. Ich denke an die Geschichte, die sie mir erzählt hat. Das Mädchen, das sich Liebe wünscht. Der Mann im Mond, der ihn ihr erfüllt. Tu es, rede ich mir zu, sehe, wie ihre Hand nur Zentimeter von meiner entfernt hin und her schwingt. Ich hole tief Luft und strecke die Hand aus, nehme ihre, und sofort zuckt mir ein stechender Schmerz durch den Kopf. Verdammt, die ganze Woche über war doch alles ziemlich ruhig da drin. »Okay?«, frage ich, kämpfe dagegen an, indem ich mich auf ihre Rosenblattlippen konzentriere und die Tatsache, dass mir hier fast das Herz aus der Brust springt. Sie zögert eine Sekunde und so trete ich näher. »Unsere Geschichte wird nicht traurig, Marley«, flüstere ich »Das lasse ich nicht zu.« Sie sagt nichts, verwebt nur ihre Finger fester mit meinen. Ich schiebe ihr eine Haarsträhne hinters Ohr, lasse meine Hand an ihrem Gesicht. Ihr Mund ist nur Zentimeter von meinem entfernt. Ich beuge mich hinab, wage kaum zu atmen, weiß nicht, ob sie mir entgegenkommen oder flüchten wird. Sie flüchtet nicht.

Sie reckt sich mir entgegen und plötzlich ist alles auf einmal da: ihr Gesicht, umrahmt von einem Gewirr aus Kirschblüten, ihre Augen vom Tag, als wir uns kennenlernten, ein Wasserfall aus Perlen. Ich ziehe den Kopf zurück, lächle ihr zu, sehe ihr Gesicht in der Nachmittagssonne strahlen. »Meine Freundschaftsregel war eine schreckliche Idee …« Sie lacht und küsst mir den Rest des Satzes aus dem Mund. Ich will sie in den Arm nehmen, doch da macht sie plötzlich große Augen und springt so ruckartig weg, dass ich ins Leere greife. Sie rennt übers Gras, panisch, mitten durch eine Gruppe kickender Kinder. Sie saust auf die Straße und schnappt sich mitten auf der Straße ein kleines Mädchen, zerrt es auf den Gehsteig. Was soll das denn? Hab ich da was verpasst? Ich eile zu Marley, die gerade das Kind zu einer anderen Kindergruppe abführt. Sie stellt die Kleine neben ein etwas älteres Mädchen mit derselben Haarfarbe. »Ist das deine Schwester?«, fragt Marley zornig. Das Mädchen nickt, sichtlich verängstigt. Sie kann höchstens zwölf sein. »Weißt du, was hätte passieren können, wenn sie einfach so auf die Straße rennt?« Marley brüllt jetzt, packt das Mädchen bei den Schultern. Ihr Blick ist wild, vielleicht aus Zorn, vielleicht aus Angst. Diese Seite kenne ich gar nicht von ihr. »Was, wenn sie … Was, wenn …« Ich schreite ein, lege ihr eine Hand auf die Schulter. »Marley«, sage ich ernst, doch sie beachtet mich nicht. »Du sollst auf deine Schwester aufpassen. Sie hätte tot sein können.« Fassungslos stehe ich da, sehe die anderen Kinder, die mit ängstlichem Gesicht versuchen, zugleich hintereinander in Deckung zu gehen und ja nichts zu verpassen. »Hände weg von meiner Tochter!«, ruft es plötzlich und eine Frau, die nur die Mutter der beiden Mädchen sein kann, stürzt übers Gras herbei und

will Blut sehen. Wir müssen hier weg. »Marley.« Ich ziehe sie beiseite. »Hör auf. Mit ihr ist alles okay. Gehen wir.« Sie sieht sich nach den Kindern um, dem völlig aufgelösten Mädchen, der aufgebrachten Mutter und schließlich landet ihr Blick auf mir, auf meinen Händen, mit denen ich sie festhalte. Ihr kommen die Tränen und sie reißt sich los, stürzt über das Gras davon Richtung Friedhof. »Hast du sie nicht mehr alle?«, ruft ihr die Mutter hinterher. Ich sehe ihr nach, brauche eine Sekunde, um zu verstehen, was ich da eben gesehen habe. Nach einer hastigen Entschuldigung an die Mutter und das eingeschüchterte Kind renne ich Marley hinterher, durchquere schnell den Park, weil ich genau weiß, wo sie sein wird. Schon bin ich beim Friedhof, wo sie neben Lauras Grab kauert, mit gesenktem Kopf, einen Haarvorhang vor dem Gesicht. »Sie hat recht, weißt du?«, sagt Marley, als ich keuchend näher komme. »Ich hab sie nicht mehr alle.« Ich beuge mich zu ihr hinab und schiebe ihr sanft das Haar aus dem Gesicht, damit ich sie sehen kann. »Was ist los?« »Keine traurigen Geschichten.« Sie schüttelt den Kopf. »Okay.« Ich setze mich neben sie. Ich will ja nur begreifen, was da eben passiert ist. Aber ich weiß besser als jeder andere, wie viel es braucht, um so eine Geschichte erzählen zu können. »Du musst es mir nicht sagen. Aber wenn du möchtest, bin ich da.« Sie hat sich völlig in sich zusammengefaltet. Dann blickt sie auf und berührt einen rosa Saphiranhänger, den sie um den Hals trägt. Normalerweise ist nur die Kette sichtbar, den Stein habe ich noch nie gesehen. »Ich hatte immer Gelb an«, sagt sie und ich denke an all die Farbtupfer, die ich bisher an ihr gesehen habe. Das Stirnband, die Schuhe, die

Strickjacke, die Regenjacke. »Anfangs hat meine Mutter das so gemacht, damit wir jede was Eigenes hatten, nachdem wir sonst so völlig gleich waren, aber … später wurde mehr daraus. In Gelb habe ich mich glücklich gefühlt, leicht. Sogar, wenn ich angespannt war.« Sie berührt die rosa Stargazer-Lilien am Grab. »Aber Laura … sie hat Rosa geliebt. Je strahlender, desto besser. Immer.« Ich versuche, völlig regungslos zu bleiben, fürchte, selbst der leiseste Hauch könnte sie vom Reden abhalten. Es geschieht so selten, dass man mehr als einen Satz aus ihr herausbekommt, was Laura betrifft. »Ich war nie wie sie. Sie war so lustig, weißt du? Extrovertiert. Sie konnte mit jedem reden, stundenlang.« Sie pflückt eine der Blumen, mit einem traurigen Lächeln. »Es war mir egal, dass alle sie mehr gemocht haben, weil ich sie auch mehr gemocht habe.« Ich greife nach ihrer Hand, ermuntere sie stumm zum Weiterreden. »Wir haben immer aufeinander aufgepasst. Also, meistens Laura auf mich. An dem Tag … war sie …« Ihre Stimme bricht und ich drücke ihre Hand, gebe ihr Kraft. »Sie wollte es Jenny Pope heimzahlen«, sagt sie und erwidert den Händedruck »Sie wollte ihr nicht wehtun, sie wollte sie nur bloßstellen, so wie Jenny immer mich bloßgestellt hat.« Sie hält inne und schüttelt den Kopf. »Gott, ich hatte solchen Schiss. Ich hab einfach gewusst, dass irgendwer merken würde, dass nicht ich es war, sondern Laura, die nur so tat wie ich. Dann wär es noch peinlicher für mich geworden.« Sie blickt zum Grab, zum Namen darauf. »Aber Laura … sie war so selbstbewusst. So ruhig. So bereit, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich hab ihr nichts abschlagen können.« Ich sehe das Häufchen Blütenblätter zu ihren Füßen, die Blume in ihrer Hand ist völlig zerfetzt. Ich schlucke, fürchte mich davor, wie diese Geschichte enden wird.

»Wir hatten also jeweils die Kleider der anderen an. Sie mein Gelb. Ich ihr Rosa. Sie hatte die Haare offen, ich meine als Zopf. Wir waren … die andere.« Sie bricht ab, ihr Atem kommt stoßweise. Sie unternimmt ein paar Anläufe, steckt aber fest. Irgendwas hält sie zurück, irgendeine Barriere, über die sie nicht hinwegkommt. »Wenn …«, würgt sie heraus. »Wenn ich hingeschaut hätte. Wenn ich nur einfach aufgepasst hätte. Ich … ich …« »Was? Marley, was ist passiert?« Ich dränge sie, sich durchzubeißen. Sie schüttelt den Kopf, aber sie spricht weiter. »Wir … wir hatten diese bescheuerten Ketten. Rosa und gelbe Saphire. Laura hat gewusst, wenn das klappen soll, dann muss alles genau stimmen. Wir haben an der Straße gewartet, bei der Bushaltestelle, als es ihr eingefallen ist.« Sie fasst sich an den Hals. »Ich hatte immer noch meinen gelben Saphir um – und sie ihren rosanen.« Ich sehe, wie sie zu zittern beginnt, überwältigt von ihren Erinnerungen. »Sie hat ihren abgenommen und wollte meinen haben. Aber … als sie ihn angezogen hat, da … hat er sich in ihren Haaren verheddert. Sie war es so gewohnt, ihre Haare zusammengebunden zu haben, und meins … meins war immer offen. Aber ihres war … Shit.« Sie wird richtig durchgeschüttelt. »Ich … Shit …« »Es ist okay, Marley.« Ich versuche, sie in den Arm zu nehmen, aber jetzt ist sie zornig. Frustriert. »Gar nichts ist okay!«, zischt sie. »Dieser verfluchte gelbe Anhänger – mein gelber Anhänger – hat sich in ihren Haaren verheddert. Ihr Haar war offen, wegen mir! Sie hat dran gezogen und gezerrt und gelacht und da ist die Kette gerissen. Der Anhänger ist auf die Straße gerollt.« Sie bricht ab, die Erinnerung tanzt vor ihren Augen. »Ich hab das Auto vor ihr gesehen. Sie … hat es nicht mal mitgekriegt. Aber ich schon. Ich hab’s gesehen und bin erstarrt. Ich hab noch nicht mal

versucht, sie zu warnen. Meine Stimme war auch erstarrt.« Ich bin so geschockt, dass ich zurückfahre. Heilige Scheiße. Sie verkrampft, als höre sie die quietschenden Reifen, den übelkeiterregenden, dumpfen Aufschlag. »Marley. Das war nicht deine …« »Dann hab ich die Schreie gehört«, unterbricht sie mich. »Ich dachte, das wäre ich, aber es war unsere Mutter. Ich weiß nicht mal, wo sie auf einmal herkam. Sie war einfach da, auf dem Boden, hat Laura gehalten. Geschrien …« Ihre Stimme wird schrill und hoch, die Erinnerung überwältigt sie. »›Ihr solltet doch aufeinander aufpassen! Wie konnte das passieren? Marley, wie ist das passiert?‹« Sie schweigt einen langen Moment, versucht, wieder zu Atem zu kommen. »Das hat sie gebrüllt, immer wieder, immer wieder.« Sie schlingt ihre Arme um die Knie, verbirgt ihr Gesicht und kämpft gegen die Tränen, die herausdrängen. Ihre Stimme senkt sich zu einem Flüstern. »Diese Frage schreie ich seitdem selbst jeden Tag in mich hinein. Jede Minute. Aber ich schreie es innerlich, wo mich niemand hören kann.« Jetzt sehe ich es. Verborgen hinter jeder Bewegung. Jedem Atemzug. Sie gibt sich immer noch die Schuld für das, was passiert ist, obwohl es nicht wahr ist. Es war nicht ihre Schuld. Für Marley ist es die Wahrheit. »Ich habe nie geweint. Ich hab nie mit jemandem darüber gesprochen. Ich erzähle die traurige Geschichte nicht. Ich versuche einfach, zu verschwinden«, sagt sie schließlich. »Denn wenn Laura nicht hier sein kann, dann sollte ich es auch nicht.« »Marley«, sage ich, berühre sie an der Hand. »Du warst nicht dran schuld.« Nie wollte ich jemandem etwas dringender begreiflich machen als das. »War ich wohl«, sagt sie und blickt hinab zu der Stelle, wo unsere Finger sich berühren. »Meine Mutter hatte recht.«

»Manchmal …«, sage ich. »Manchmal sagen wir in unserer Verzweiflung solche Sachen. Wir sagen etwas, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich bin mir sicher, sie hat es nicht so gemeint.« Aber sie ist nicht überzeugt. »Laura hat immer auf mich aufgepasst. Sie hat mich immer vor allem beschützen wollen und ich habe nicht mal versucht, sie zu retten«, sagt sie voller Hass auf sich selbst. »Ich hab einfach nur dagestanden.« Ich drücke ihr die Hand, grüble. »Marley. Glaubst du, ich bin schuld an dem Unfall, bei dem Kim gestorben ist?« Sie blickt verwirrt auf. »Nein. Das war ein Unfall. Du weißt, dass das ein Unfall war. Du … bist ja auch verletzt worden.« »Und wieso ist das was anderes?« »Einfach weil …« Ihre Stimme erstirbt und sie wendet sich ab. »Weil es was anderes ist. Du bist selbst schwer verletzt worden. Ich nicht. Laura hat einfach nur versucht, mich zu unterstützen, und ich konnte …« Sie bekommt einen weggetretenen Blick. »Sie war einfach besser. In jeder Hinsicht. Es ist nicht gerecht, dass ich hier bin und sie nicht. Ich möchte sein wie sie, aber ich bin es nicht. Werde ich auch nie.« Ich berühre sie sacht an der Wange und sie wendet sich mir zu. »Du musst nicht sein wie sie, Marley. Du bist genau so richtig, wie du bist.« Sie schüttelt den Kopf und blickt hinab auf die winzigen Blütenfetzen zu unseren Füßen. »Bist du«, wiederhole ich und denke an all die Dinge, die wir seit unserem Kennenlernen miteinander erlebt haben. »Marley, von dir hab ich mich verstanden gefühlt wie von niemandem sonst. Du bist ein guter Mensch und eine gute Zuhörerin und so verdammt stark. Ich glaube, deine Geschichten sind so großartig, weil du weißt, wie es ist, jemanden zu verlieren. Du weißt, wie sich Liebe anfühlt. Du weißt, was es bedeutet, etwas zu empfinden.« Sie lässt schweigend den Kopf hängen.

»Für mich bist du das Beste von allem. Mir ging es so unglaublich dreckig, als wir uns kennengelernt haben, und dank dir fühle ich mich wieder lebendig. Siehst du nicht, was für ein besonderer Mensch du bist?« Ich versuche, einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, und als sie sich nicht rührt, versuche ich, das Ganze etwas lockerer anzugehen. »Wer sonst verschenkt Blumen ihrer Botschaft nach? Wer sonst hat eine ganze Armada popcornversessener Enten in Rufbereitschaft?« Ich weiß, dass dieser kleine Moment sie kaum überzeugen dürfte, aber uns bleibt ja nicht nur heute. Nicht nur dieser eine Moment. Wir haben Zeit. »Das ist mein voller Ernst, Marley.« Ich ziehe sie an mich und zu meiner Erleichterung lässt sie sich gegen mich sinken. Ein Duft wie Jasmin und Orangenblüten steigt mir in die Nase, warm und vertraut. Zum ersten Mal lege ich die Arme um sie und drücke sie an mich. »Keine traurigen Geschichte mehr, versprochen«, flüstere ich. Und so beginnen wir eine neue, einfach so. OceanofPDF.com

Kapitel 19 »Wie wär’s mit dem?«, fragt Mom und hält mir ein nadelgestreiftes Monster hin. Wie soll ich ihr schonend beibringen, dass sie zielsicher das scheußlichste Stück im ganzen Laden gefunden hat? Manchmal trifft Mom genau meinen Geschmack, wenn sie Klamotten raussucht. Um mir dann ein blaues Nadelstreifenjackett unter die Nase zu halten. Zum Glück sagt meine Miene mehr als Worte und sie hält mir stattdessen ein dunkelgraues Sportsakko hin. »Schick und sportlich zugleich, so muss es sein.« Ich nehme ihr das Sakko ab und ziehe es über. An den Schultern und Armen sitzt es perfekt. Prüfend blicke ich in den Kaufhausspiegel. Was würde Marley davon halten? Fände sie, ich sehe gut aus? Beim Versuch, meine Haare zu glätten, fällt mein Blick auf die schmale Narbe auf meiner Stirn, die ständige Erinnerung an alles, was in den letzten Monaten passiert ist. Je länger ich auf mich in dem Sakko starre, desto mulmiger wird mir wegen des Bewerbungsgesprächs morgen. Mom richtet mir den Kragen und mustert mich von oben bis unten. »Den Ausdruck kenne ich.« Sie tätschelt mir die Wange »Das ist das ›Besorgt vor dem großen Spiel‹-Gesicht.« Ich blicke zu ihr herab. »Sieht man das so deutlich?« »Was? Die Existenzangst in deinen Augen?« Sie lächelt mir kopfschüttelnd zu. »Nicht die Spur.«

Ich wende mich vor dem Spiegel hin und her und atme tief aus. »Was, wenn ich das Praktikum nicht kriege? Was, wenn er mein Geschreibsel beschissen findet?« Ihr Gesicht wird ernst und sie zwingt mich, sie anzusehen. »Kyle, in den letzten zwölf Monaten hast du nicht nur einmal, sondern gleich zweimal ganz von vorn anfangen müssen. Deine Schulterverletzung war schlimm«, sagt sie mit einem tiefen Seufzer. »Aber sie war nichts im Vergleich zu dem, was du nach Kimberlys Tod durchgemacht hast.« Ich muss schlucken und plötzlich flackert der Schmerz in Schulter und Narbe wieder auf. »Wenn du das überstehen konntest, dann machst du das hier verdammt noch mal mit links«, sagt sie mit Nachdruck. »Du wirst immer wieder von vorne anfangen können, wenn es sein muss.« Ich räuspere mich, wende mich ab, während sie geräuschvoll schnieft und sich rasch die braunen Augen abtupft, die haargenau aussehen wie meine. »Nun denn.« Sie knufft mich lächelnd in die Seite. »Dann organisieren wir dir mal ein Hemd.« Auf dem Weg in die Hemdenabteilung lege ich ihr den Arm über die Schulter. »Immer voran«, sagt sie und tätschelt mir die Brust. »Nie zurück«, gebe ich lächelnd zurück. Am nächsten Morgen sitze ich in meinem neuen grauen Sakko am Empfang der Times und warte auf mein Gespräch mit Scott Miller. Bis dahin vermeide ich tunlichst jeden Blickkontakt mit der Person am Empfang, indem ich die Wände anstarre, die gerahmten Ausgaben und Zeitungsausschnitte, die jeden Quadratzentimeter zupflastern. Ein paar Schlagzeilen stechen mir ins Auge: AMBROSE HIGH WIRD STAATSMEISTER, GORDON RAMSAY VERSCHONT HIESIGES RESTAURANT, SICHERHEITSTREFFEN ENDET MIT UNFALL.

Am anderen Ende des Gangs geht eine Tür auf und ich wische mir hastig die Handflächen an der Hose ab, denn trotz meiner gewöhnlich knochentrockenen Hände hat mein Körper anscheinend genau jetzt beschlossen, es mal mit Schwitzen zu versuchen. Scott steckt den Kopf durch die Tür und strahlt mich an. »Kyle! Wie geht’s dir?« Ich stehe auf und schüttle ihm die Hand, während ich unter dem anderen Arm meinen Ordner mit Bewerbung und Artikeln geklemmt halte. Scott überragt mich ein wenig. Er ist etwa so groß wie Sam, mit kurzem silbernem Haar und einer schicken schwarzen Brille. »Alles okay, Sir. Danke, dass Sie Zeit für mich haben«, sage ich, während wir einen langen, engen Flur entlanggehen, der in ein hektisches Großraumbüro voller Schreibtische und Stimmengewirr und Tippgeräusche mündet. Scott nickt einigen Leuten grüßend zu und führt mich zu seinem Platz in der Ecke, der vor Sportdevotionalien nur so überquillt. Auch ein Ambrose-High-Wimpel hängt loyal an der Wand. Er rutscht in seinen Drehsessel und zieht mir einen weiteren von einem leeren Tisch heran. Ich halte ihm meinen Ordner hin und setze mich. »Äh, hier ist meine Mappe. Ich hab auch ein paar Artikel von mir rein…« Er weist auf seinen Computer und rückt sich die Brille zurecht. »Hab ich alles schon gelesen. Ich hab ein Online-Abo. Deine Spielerporträts – ich kann dir sagen …« Jetzt fangen meine Hände ernsthaft an zu schwitzen. Was kann er mir denn sagen? »Warst du dieses Jahr schon mal bei einem Spiel?«, erkundigt er sich. Ich zögere, denke an das Match, das ich mir angesehen habe, als plötzlich Kimberly neben mir saß, tot, aber nicht tot. »Eins, aber nur teilweise.«

»Nun«, sagt er und lehnt sich im laut knirschenden Sessel zurück. »Ich fände es toll, wenn du genau diese Art von Porträts auch für die neuen Spieler schreibst.« »Wie jetzt … für die Times?« Scott lacht und nickt. »Ja. Jetzt für die Times.« »Gebongt!«, röhre ich regelrecht. Cool bleiben, Kyle. Cool bleiben. Ich räuspere mich und schalte ungefähr achtzehn Gänge runter. »Ja, Sir. Das würde ich sehr gern machen.« »Fein!«, sagt Scott und schwingt seinen Sessel Richtung Computer. Er rüttelt die Maus und der Bildschirm erwacht. Er klickt das offene Worddokument weg und legt einen Kalender frei. »Ich dachte an fünfzehn bis zwanzig Stunden pro Woche, zwölf Dollar die Stunde. Wenn du die Porträts schreibst oder wir die Redaktion verlassen, um uns ein Spiel anzuschauen, gilt das natürlich auch als Arbeitszeit. Passt das für dich?« »Moment mal«, sage ich auf seinen fragenden Blick hin. »Dann … hab ich den Job? Das Praktikum?« Er grinst. »Du hattest den Job in der Sekunde, in der ich deine Profile gelesen habe. Du hast jeden Spieler mit ein paar Zeilen zum Leben erweckt. Ich war echt beeindruckt«, sagt er und es fühlt sich an wie damals, als ich Stammspieler wurde, nur inklusive Bezahlung. Gemeinsam erstellen wir einen Arbeitsplan, tragen meinen Namen in freie Kästchen ein, wobei ich darauf achte, Marley immer noch zum Mittagessen treffen zu können oder nachmittags nach der Arbeit. Als wir schließlich fertig sind, druckt er den Plan aus und übergibt ihn mir. Noch warm. Es fühlt sich so gut an, wieder einen Plan in der Hand zu halten, wieder Leute zu haben, die auf mich zählen. Es fühlt sich an wie ein Schritt nach vorne. Ein Schritt in Richtung der Person, die ich sein werde.

Ich rufe Marley an, sobald ich aus dem Gebäude trete, und wir verabreden uns für eine halbe Stunde später im Park. Schwer, noch cool zu tun, wenn es mir vorkommt, als könne ich buchstäblich vor Freude platzen. Ich habe noch etwas Zeit totzuschlagen und so schlendere ich die Hauptstraße hinunter und betrachte die Schaufenster. Ein riesiger gelber Drachen sticht mir ins Auge. Ein paar Minuten darauf trage ich ihn bereits zum Auto meiner Mutter. Bis zum Park ist es nicht weit, und während ich auf Marley warte, schreibe ich rasch meiner Mutter und Sam, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden. Dann stecke ich das Handy wieder weg und atme erleichtert durch, sehe, wie sich die Luft vor meinem Mund in der kühlen Herbstluft wölkt. Daraus schält sich plötzlich Marley, die mir auf dem Weg entgegenkommt, mit einer rosaroten Blume in der Hand. Die Bäume um sie herum sind fast kahl, die braunen und orangen Blätter knirschen unter ihren Füßen. Ich halte den Drachen zum Gruß in die Luft und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Sie rennt auf mich zu, schiebt sich die senfgelbe Mütze aus der Stirn und schenkt dem Drachen keinerlei Beachtung. »Wie war’s? Wie ist es gelaufen?« Mit gespielter Gelassenheit lehne ich mich gegen mein Auto. »Tja, scheint, als hätten ihm meine Artikel gefallen.« »Und?«, drängelt sie. »Und … vor dir steht der neue Sportpraktikant der Times«, sage ich und meine Pseudo-Coolness ist dahin. »Die haben mich vom Fleck weg eingestellt.« Marley kreischt auf und wirft die Arme um mich. »Hab ich’s dir doch gesagt! Ich hab gewusst, dass es so kommt.« Ich lache. »Du hattest recht mit den Spielerporträts. Die haben ihm am besten gefallen.«

»Klar hatte ich recht.« Sie reicht mir die Blume, einen fluffigen Ball aus Dutzenden rosaroten Blütenblättern, die zur Mitte hin immer kleiner werden. »Das ist eine Pfingstrose. Die bedeutet Glück und gutes Gelingen, aber das dürfte sich ja jetzt erübrigt haben.« »Glück kann man nie genug haben.« Sie lächelt und betrachtet mich genauer. »Du siehst gut aus heute.« Ich streiche mir das Sakko glatt, lächle ihr zu. So was hat sie noch nie zu mir gesagt. »Zu liebenswürdig. Vielleicht nicht unbedingt das passendste Drachensteig-Outfit.« »Ich hab seit Jahren keinen Drachen mehr steigen lassen«, sagt Marley und streicht mir über das Revers. »Macht vielleicht Spaß.« Ich halte den Drachen hoch. »Du hast gesagt, du hättest es früher gemocht, als du klein warst. Und … heute ist es total windig.« Wie aufs Stichwort fährt ihr der Wind in die Haare, lässt es in alle Richtungen flattern. Sie berührt das zarte Holz des Rahmens und nickt. Wir müssen uns arg abmühen, um das Ding in die Luft zu kriegen. Wir wickeln die Schnur ab und rennen abwechselnd über den Rasen, bis der Wind ihn packt, um ihn dann umgehend im Sturzflug auf die Nase zu befördern. Endlich, bei meinem fünften Lauf, hebt er richtig ab. Jubelnd lasse ich mir die Schnur durch die Finger ribbeln. Der Drachen zupft nach links und rechts, tanzt auf den Lüften über den wolkigen Herbsthimmel. Kaum fliegt er stabil, reiche ich das Holzplättchen an Marley weiter, sehe, wie sie mit herrlich gelöstem Gesicht nach oben starrt. »Hast du schon Pläne für Halloween nächste Woche?«, erkundige ich mich. »Eigentlich nicht«, sagt sie, als der Drachen nach unten schwirrt. Sie zerrt an der Schnur, stabilisiert ihn »Ich hab’s nicht so mit anderen Leuten.«

»Also«, sage ich wenig überrascht. »Meine Mom ist ein paar Tage weg, und da könnte ich etwas Hilfe beim Bonbonverteilen gebrauchen.« Ihr Blick bleibt skeptisch. »Das wird lustig. Wir können uns verkleiden und alles«, rühre ich die Werbetrommel. »Wer kann da schon widerstehen? Wir können alles sein, was wir wollen.« Ich kann richtig sehen, wie alles in ihr arbeitet. »Meinetwegen«, sagt sie schließlich. Sie drückt sich an mich und ich küsse sie auf die Stirn. »Aber nur, weil du so auf Kostüme zu stehen scheinst. Ich möchte ungern deine Träume zunichtemachen.« Ihr zartes, spöttisches Lächeln übersteigt meine Kräfte. Ich hebe sie hoch und wir lachen beide, als wir uns küssen und die restliche Schnur sich abwickelt, der Drachen frei in die Wolken steigt. Ihre Lippen sind kalt, doch sie selbst ist warm und dann schlingt sie mir die Arme um den Hals. »Das war’s mit dem Drachen«, seufzt sie. »Du bist mir im Zweifelsfall wichtiger«, lache ich. Ein Regentropfen platscht mir auf die Stirn und wir fahren auseinander, rennen gemeinsam unter Gelächter zum Auto, während es um uns herum richtig zu schütten beginnt. Fast sind wir da, als Marley mir ihre Hand entreißt. »Warte!« Sie beugt sich hinab und hebt etwas hoch. Bei näherem Hinsehen erkenne ich eine Spur aus winzigen Pünktchen auf dem Weg. Es sind Babyschnecken, die Marley einzeln hochhebt und vom Weg trägt. »Was tust du?«, frage ich regenumtost. »Ich will nicht, dass jemand auf sie drauftritt«, sagt sie, als wir uns auf diese Weise im Schneckentempo Richtung Auto bewegen. Und so weise ich sämtliche Jogger und Spaziergänger an, uns doch auszuweichen, während Marley eine Schnecke nach der anderen rettet.

Jedes Leben ist ihr wichtig, sogar das einer Schnecke. Mit übervollem Herzen sehe ich ihr zu, klitschnass, genau wie sie. Als wir es schließlich zum Auto geschafft haben, treffen sich unsere Blicke und ohne ein Wort beuge ich mich zu ihr und küsse sie. So jemanden wie sie habe ich noch nie getroffen und ich brauche keine Pfingstrose, um zu wissen, was für ein Glück ich habe. OceanofPDF.com

Kapitel 20 Mit einem Korb voller Süßigkeiten sitze ich auf unserer Veranda vor der Haustür. Die Nebelmaschine neben mir qualmt, was das Zeug hält, und vernebelt mir die Sicht. Ich wedle mir mit der Hand den Blick frei, als eine neue kreischende Kinderschar vor mir auftaucht. Die Eltern drücken sich derweil auf dem beleuchteten Gehweg herum. »Süßes, sonst gibt’s Saures!«, kreischt ein Minigeist. »Äh, Süßes?«, überlege ich und zwei Elsas bedienen sich großzügig bei den Bonbons, bevor sie sich hastig vom Acker machen. Ich stelle mir den Korb in den Schoß, ziehe den Footballhelm ab und checke rasch mit meiner Handykamera, ob die Zombie-Schminke, mit der meine Mutter mir geholfen hat, noch sitzt. Meine Narbe klafft jetzt als offene Wunde auf meiner Stirn. Um ein Haar hätte ich meine Mutter gebeten, sie sofort wieder abzuwischen, und ganz ehrlich, selbst jetzt winde ich mich noch bei dem Anblick. Ich sehe immer nur mein Spiegelbild in Dr. Benefields Brille in der Unfallnacht vor mir, als mein Kopf tatsächlich offen klaffte. Aber ich versuche, nicht mehr davor davonzulaufen. Mir wird schwummrig und einen Moment meine ich, eine Stimme zu hören, die mir zuflüstert, dass ich nicht … »Buh!«, sagt eine Stimme, zieht mich sicher von dem Anfall zurück, bevor er mich mitreißen kann. Ich lege mein Handy ab und sehe … Was zum Teufel?

Marleys Stimme kommt zu mir die Stufen hinauf, sie wird fast verschlungen von einem klumpigen braunen Schneckenkostüm. Nichts fehlt. Lange Fühler, ein riesiges, geschwungenes Haus und jede Einzelheit der Minischnecken, die wir vor ein paar Tagen vom Weg gepflückt haben. Lachend stehe ich auf und strecke die Arme nach ihr aus. Sie entwindet sich und schwingt ihr Haus, sodass es mich in die Seite trifft. »Hey, ich lache nicht über dich …« Sie funkelt mich an, samt verschränkten Armen und sogar böse dreinblickenden Fühlern. »Alles klar. Schön. Ich halt einfach die Klappe«, grinse ich und mache eine Reißverschlussbewegung vor meinem Mund, während sie unglaublich niedlich die Augen verdreht. Nie hätte ich erwartet, mal auf eine Riesenschnecke zu stehen, aber so weit ist es mit mir gekommen. Ich ziehe den Mund wieder auf und räuspere mich. »Warte, nur noch schnell eine Sache … du bist die süßeste Schnecke, die mir je untergekommen ist.« »Das sagen sie alle«, meint sie, allerdings sichtlich weicher, und dreht sich einmal kurz vor mir herum. Ich will sie umarmen, doch das Riesenhaus ist mir im Weg, hindert mich daran, die Arme ganz um sie zu schließen. »Also, warum eine Schnecke?« »Ach, weißt du«, sagt Marley die Schnecke und zupft geistesabwesend an meinem zombifizierten Footballtrikot. »Wir sind in uns gekehrt, schüchtern und verstecken uns gerne.« Ich komme ihr so nahe, dass einer ihrer Fühler mir fast das Auge aussticht. »Vor mir musst du dich nie verstecken, Marley«, flüstere ich. Über ihr Gesicht huschen tausend Gefühle auf einmal, zu schnell, als dass ich ihnen folgen könnte. Schließlich entspannen sich ihre Züge. Zögerlich betastet sie die beiden Schnallen an ihren Schultern. »Vermutlich habe ich mich als mein altes Ich verkleidet«, sagt sie und

betrachtet mein zerfetztes Trikot, den Footballhelm unter meinem Arm, die theaterblutrote Wunde auf meiner Stirn. Sie tritt einen Schritt zurück und streckt die Hand aus, berührt sie vorsichtig und ich starre auf ihre Lippen und will sie nur noch küssen. »Und du hast dich als dein altes Ich verkleidet«, sagt sie sanft und ich schließe die Augen, sehne mich nach mehr. Der Zauber des Augenblicks verfliegt mit einem Kichern. Wir haben Publikum: kleine verkleidete Kinder, die uns anstarren, als seien wir ein Teller voller Brokkoli. »Ihhh«, sagt ein Minidracula und um ihn herum erschallt wieder Gekicher. Ich blicke von ihnen zu Marley, lächle ihr schief zu. Dann werfe ich den Kindern den ganzen Süßkramkorb vor die Nase und auf unserem Rasen bricht das Chaos aus, vor den schreckensgeweiteten Augen der zugehörigen Eltern. Ich nehme Marleys Hand, ziehe sie durch die Haustür und schalte das Licht auf der Veranda aus. Drinnen ist es finster, bis auf das gelbe Straßenlicht, das durch die Fenster scheint. Ich rücke einen Schritt näher an sie heran, um uns herum knistert die Luft, ihr Mund ist leicht geöffnet. »Scheint, als wären die Süßigkeiten alle.« »Wie konnte das nur passieren?«, fragt sie atemlos. Langsam streckt sie die Hand aus, mein Herz macht einen Satz, als sie die Schulterschnallen aufschnappt und das Haus zu Boden sinken lässt. »So bin ich nicht mehr«, sagt sie und bewegt sich auf mich zu. Ich zerre mir das Trikot über den Kopf, wische mir die Wunde von der Stirn, die Verletzung, die mich jetzt nicht mehr ausmacht. »Und ich bin nicht mehr so.« Sie zerrt sich die Fühler ab. Ich mir die Schuhe.

Eine kleine Ewigkeit lang starrt sie mich an, dann hüpft mir das Herz in der Brust, als sie ihren Gymnastikanzug abstreift, die glatte Haut darunter freilegt. Ihre Augen brennen sich in meine, die Spannung zwischen uns steigt und steigt, bis ich den Abstand zwischen uns kaum noch ertrage. Bald stehen wir in unserer Unterwäsche da, sämtlicher Altlasten entledigt. Ihre pastellgelbe Wäsche schmiegt sich um ihre Hüften, um ihre Brüste. Ich möchte sie so dringend berühren, doch ich traue mich nicht. So waren wir noch nie alleine miteinander, haben noch nicht mal darüber gesprochen. Alles, was jetzt kommt, ist ihre Entscheidung. Also warte ich ab. Aber ich kann mich einfach nicht sattsehen an ihr. Sie ist wunderschön. »Ich … ich habe das noch nie gemacht«, murmelt sie. Ich hebe meinen Blick zu ihrem Gesicht. »Wir müssen gar nichts. Marley …« »Ich will aber«, sagt sie. Prompt wird ihr Gesicht knallrot. Ihr Blick hingegen ist gelassen. Bestimmt. »Mit dir«, fährt sie fort, kommt näher, erforscht schüchternen Blicks meinen Körper: meine Arme, meine Schultern, meine Brust. Sie muss mein Herz unter ihren Fingern pochen spüren, wie es fast zerspringt, als sie mich anfasst. »Ich glaub, ich drehe durch«, sage ich, als ihre Hände an mir herabgleiten, über meinen Bauch. »Ich … ich hab keine Ahnung, was ich hier tue«, wispert sie und zum ersten Mal lese ich Unsicherheit in ihrem Blick. »Du treibst mich in den Wahnsinn, das tust du«, sage ich und hole scharf Luft. Wir lachen beide los und die nervöse Anspannung lässt etwas nach. Ich ziehe sie an mich, sie schlingt mir die Arme um den Nacken und windet ihre Finger in mein Haar.

»Sicher, dass es okay ist?«, frage ich. Ich möchte sicher sein. Ich möchte, dass sie sich sicher ist. »Ja, ich …« Ihre Finger packen meine Haare kurz fester, im trüben Licht schimmern ihre Pupillen schwach gelb. »Ich liebe …«, fängt sie an, um gleich zu verstummen. Sie küsst mich sanft, wie ein Hauch auf meinen Lippen. »Ich liebe … das«, sagt sie und legt endlich ihren Kopf gegen meinen. Ich starre auf ihre Lippen, zwischen uns mischt sich unser Atem. Die Welt um uns herum verblasst. Ich berge ihr Gesicht in meinen Händen, meine Daumen streicheln ihr sanft die Wangen. Ich kann sie verstehen. »Ich liebe das auch«, flüstere ich und weiß genau, was das ist. Weiß, dass ich genauso empfinde. Sie zieht mein Gesicht zu sich heran, um mich zu küssen, und ich hebe sie hoch, worauf sie die Beine um mich schlingt. Ich trage sie den Flur entlang und öffne die Kellertür und bald fallen auch die letzten Dinge, die zwischen uns lagen. *** Stunden später weicht die Dunkelheit kreischendem Metall, einem hämmernden Regenguss auf meinem Autodach. Meine Augen fliegen auf und ich sehe das riesige Loch in meiner Windschutzscheibe, durch das der Regen auf mich eindrischt, meine Kleidung durchnässt, den Sitz unter mir. Ich sehe den Discoball am Rückspiegel, wie die tanzenden Lichter den Regen röten. Wie Blut. Ich will mich bewegen, will hier raus, doch ich stecke fest, bin wie gefangen. »Hilfe!«, will ich schreien, doch es kommt nichts heraus.

Ich zerre wild an meinem Gurt herum, als in der Mittelkonsole plötzlich ein Handy zu klingeln beginnt, vibrierend ganz langsam auf mich zuwandert. Mir bleibt das Herz stehen, als ich den Namen auf dem Display sehe. KIM RUFT AN. Meine Augen schnappen auf. Panisch sehe ich mich um. Ich bin in meinem Zimmer, in meinem Bett. Doch die Gewissheit, dass es nur ein Albtraum war, reicht nicht, um mein Keuchen unter Kontrolle zu bringen. Nur langsam beruhige ich mich, höre den Wind jenseits der Fensterscheibe peitschen. Er pfeift über das Glas, langsam und unheimlich, die perfekte musikalische Untermalung eines Albtraums. Wieder mal nur mein angeknackstes Hirn. Aber diesmal weiß ich immerhin, dass es nur ein Traum war. Marley ist an meinen Rücken geschmiegt, warm und beruhigend. Ich lasse die letzten Fetzen Angst und Panik mit einem tiefen Seufzer ziehen. Dann drehe ich mich um und spüre eine eiskalte Hand an meiner Lunge zupfen. Das ist Kimberly. Wir liegen Nase an Nase. Ihr Atem kitzelt mich im Gesicht. Warm. Ich fahre zurück, doch ihre Hände winden sich mir um die Arme, drücken mich an sich. »Hör auf damit. Lass nicht los«, drängelt sie. »Nein!«, brülle ich und richte mich senkrecht auf. Keuchend ringe ich nach Luft. Ich kann spüren, wie sie sich hinter mir regt. Ich schubse sie fort. »Kyle! Hey, was ist los?«, höre ich sie. Rieche ich sie. Das ist nicht Kimberly. »Alles okay«, flüstert sie. Das ist nicht Kim. Orangenblüten und Jasmin. Marley. Ich schlage die Augen auf und erblicke ihr Gesicht, die vertrauten Sommersprossen, der sanfte Wangenschwung und die zarten Lippen.

»Es war nur ein Traum«, sagt sie und legt mir die Hand auf das rasende Herz. »Ich bin da. Ich bin ja da.« Ich umarme sie und der Albtraum verblasst, die Bilder vom Unfall und vom blutroten Regen lösen sich auf und schwimmen davon, machen Platz für das, was echt ist. OceanofPDF.com

Kapitel 21 Die Tage vergehen wie im Flug. Ich bin so ausgelastet mit meinem Zeitungsjob und Marley, dass ich gar nicht merke, wie der Dezember heranrückt. Bald ist die Hauptstraße in eine winterliche Zauberwelt verwandelt. Und mit jedem Tag wagt Marley sich ein wenig weiter aus ihrem Schneckenhaus hinaus. Leise rieselt der Schnee, treibt sanft hinab auf die Straßen voller Menschen, denn das alljährliche Winterfestival ist in vollem Gange. Rot umwickelte Kränze baumeln von jeder Straßenlaterne, an der Ecke gibt ein Chor sein Repertoire zum Besten und der Geruch nach Tannenzweigen und Zimt ist so penetrant wie Sams Dauerduftwolke in der neunten Klasse, als er Axe-Körperspray für sich entdeckte. Eine Horde Kinder hat sich vor der Auslage des Spielzeuggeschäfts versammelt, vernebelt mit ihrem Atem die Scheibe, hinter der eine Modelleisenbahn langsam durch ihre Miniwelt zockelt. »Spielen Kinder überhaupt noch Modellbahn?«, frage ich Marley. Sie hat eine rosa Nase und rosa Wangen und um ihren Hals ist ein dicker gelber Schal gewickelt. »Gibt’s so was noch?« »Glaube schon.« Sie schiebt ihren Arm in meinen und saugt den Tannen- Zimt-Geruch ein. »Ich hab nicht geglaubt, dass mir das gefallen könnte. Jedes Jahr drängt meine Mutter mich, ich soll hingehen, aber seit Laura …« Ich küsse sie auf den Scheitel. »Danke fürs Mitkommen.« Das hat mir einiges an Überredungskünsten abverlangt, aber gestern hat sie schließlich nachgegeben, nachdem unsere Ausflüge ins Kino und ins

Café neben der Times den Schritt weniger gewaltig gemacht haben. Sie beobachtet die Fünftklässlergrüppchen, die sich am Stand geröstete Maronen kaufen, und fasst sich abwesend an die rosa Saphirkette, die unter ihrem Schal versteckt liegt. Laura. Hier und da verfängt sich eine finstere, unausweichliche Wolke über Marley, die Last ihrer Schuld will sie nicht aus den Klauen lassen. Ich drücke sie fest an mich, blicke zu dem petrol-weißen Stand, wo die Footballmannschaft meiner Schule wie jedes Jahr Spenden sammelt. Ich sehe zu, wie ein Typ mit braunem Haar und Baseballjacke sich einen der Bälle schnappt und durch einen aufgehängten Reifen wirft, worauf er seiner blonden Freundin das gewonnene Kuscheltier überreicht. Kim, spuckt mein Hirn sofort aus. Sie hat diese Veranstaltung geliebt, bei allem Gewitzel darüber. Bei Marley und mir muss noch viel verheilen, vermute ich. Aber ich glaube, im Laufe des letzten Monats sind wir ein gutes Stück vorangekommen und mit jedem Tag ist die Last der Trauer etwas geschwunden. Denn mal ehrlich – Marley ist hier, auf dem überfüllten Straßenfest. Das … ist echt ein gewaltiger Schritt. »Hey.« Ich schnappe mir Marleys Hand und ziehe sie zum Stand, um der dunklen Wolke über uns zu entkommen. »Irgendwelche Favoriten?« Wir lassen den Blick über die Preise schweifen. Ein Bär mit in die Pfote geklebter Zuckerstange. Ein rotnasiges Rentier. Marley packt mich am Arm und weist auf eine gelbe Ente mit rotem Mantel und Nikolausmütze. Wer könnte da widerstehen? Ich ziehe einen Dollar aus meinem Portemonnaie und tausche ihn gegen den Football. Einmal tief Luft holen, auf den Reifen konzentrieren. Sam und ich haben in unserem ersten Jahr mal diesen Stand betreut, und zwar mitten in einem heftigen Schneesturm. Nach der ersten Stunde war uns so eisig und

langweilig, dass wir unsere ganze Schicht damit verbracht haben, das Spiel selbst zu spielen und den Ball an die hundert Mal durch den Reifen zu werfen. Das hab ich quasi in der Tasche. Ich werfe den Ball auf den Reifen, doch er geht weit daneben. Ich ziehe noch einen Dollar heraus und dieser Wurf ist noch mieser als der andere, der Ball eiert über den Reifen und dann ins Nichts. Vielleicht hab ich das doch nicht so in der Tasche. Ich zucke mit den Schultern und grinse Marley verlegen an. »Sorry. Vielleicht kann ich dir eine kaufen …« Sie hört gar nicht hin. Mit Blick auf die Nikolaus-Ente gräbt sie in ihrer Jackentasche nach einem Dollar. Sie knallt ihn auf die Theke, schnappt sich den Fußball und … verdammte Scheiße. Ein perfekter Spinwurf, mitten durch den Reifen. Ich juble, als der Neuntklässler hinter dem Stand ihr die Ente reicht, hebe sie hoch und wirble sie herum, bis sich ihr gelber Schal abwickelt. »Marley«, sage ich, als ich sie absetze. Ich bin voller Hochachtung. »Das war der Hammer. Machst du das noch mal?« Ich ziehe einen weiteren Dollar aus der Tasche und sie greift nach dem Ball, wieder mit demselben hoch konzentrierten Ausdruck im Gesicht. Ohne zu zögern trifft sie wieder mitten ins Schwarze, diesmal mit noch mehr Schmackes. Wer ist dieses Mädchen? Diesen schelmischen Ausdruck kenne ich gar nicht von ihr und ihre Augen sprühen im Schnee grüner denn je. Fünf Minuten später ziehen wir mit einer Nikolaus-Ente und einem rotnasigen Rentier stolz von dannen, mein Arm über ihrer Schulter. Wenn man bedenkt, dass ich letztes Jahr noch geschmollt habe, weil ich mit meinem linken Arm den Reifen nicht treffen konnte … Jetzt feiere ich, dass meine Freundin mich mit Schimpf und Schande besiegt hat. Und zwar gleich doppelt.

Ich küsse Marley rasch auf die Stirn und sie kuschelt sich an mich, alles fühlt sich absolut perfekt an. Fehlt nur noch eins. »Heiße Schokolade?«, frage ich und steuere den Süßwarenstand an, auf dem sich so viel Zuckerzeug türmt, dass unserem Zahnarzt das ganze Jahr über nicht langweilig wird. Sie nickt eifrig, unter verfrorenem Zähneklappern. »Zwei heiße Schokoladen, bitte«, sagte ich zum eingemummelten Barista hinter dem Tresen. »Mit extraviel Schlagsahne. Und doppelt Marshmallows.« Marley sieht zu, wie der Barista die heiße Schokolade zubereitet, und schüttelt ungläubig den Kopf. »Das ist sehr viel Zucker«, sagt sie. »Meinst du die in Milch aufgelöste Schokolade? Oder nur die Sahne und die Marshmallows obendrauf?« Sie dreht sich zu mir um und wir lachen beide los. »Wenn du es so formulierst …« »Es kann nicht zu viel Zucker geben«, sagte ich und zupfe sie sacht am Schal, während der Barista uns die heißen, dampfenden Schokoladen reicht. »Nicht beim Winterfestival.« Die heiße Schokolade ist der Wahnsinn, dick und cremig und süß, genau so, wie ich sie in Erinnerung habe. Marley nimmt einen kleinen Schluck und ein verzücktes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Ich taste nach ihrer freien Hand, spüre ihre kalten Finger, als wir uns beide durch die Menge einen Weg zur Lichterketteninstallation bahnen. Es sieht toll aus, wie die bunten Lichter Bäume und Rentiere und Schneemänner formen und dabei auf ihrer weißen Schneedecke stehen. Die blinkenden Lämpchen leiten uns ins Herz der Ausstellung, einen langen, glitzernden Lichtertunnel, der wie fallende Sterne über uns strahlt. In der Mitte bleiben wir stehen und Marley nimmt seufzend einen tiefen Schluck Schokolade. »Ich muss dir zustimmen. Es kann nicht zu viel

Zucker geben.« Sie senkt den Becher und enthüllt einen Sahnebart auf ihrer Oberlippe. Ich will ihn ihr gerade abwischen, als sie den Mund aufmacht: »Auweia!« Sie zeigt nach oben und ich entdecke den Mistelzweig über uns, genau in der Mitte des Tunnels. »Du weißt, was das heißt«, sagt Marley und ihr Blick ist wärmer als der Kakao in meiner Hand. Ich hebe überrascht die Augenbrauen. All diese Leute um uns herum und dann möchte Marley, die heute fast nicht mitgekommen wäre, mich in aller Öffentlichkeit küssen? »Ja?« Sie nickt, immer noch mit Sahnelippe. »Ja.« Ich beuge mich hinab, um sie wegzuküssen, und ihre Hand windet sich in meine Jacke, zieht mich näher an sie heran und der Kuss wird inniger. Ich verliere mich darin, in ihren kalten, süßen Lippen. Als wir uns trennen, atme ich schwer und mir ist schwindlig, auf die beste aller Arten. Ich stecke ihr den Schal fester um den Hals und erhasche aus dem Augenwinkel ein vertrautes braunes Augenpaar am Ende des Tunnels. Sam. »Shit«, sage ich, als er den Kopf schüttelt, als sei er enttäuscht. »Was?«, fragt Marley überrascht. »Sam.« Ihr Kopf fährt herum, doch Sam stakst bereits davon, seine breiten Schultern verschwinden in der Ferne zwischen den funkelnden Lichtern. Danach ist die Stimmung nicht mehr dieselbe und so tauchen wir aus dem Zauber auf, spazieren langsam zu mir nach Hause, Hand in Hand. »Tut mir leid«, sagt sie und zieht sanft an meinen Fingern. »Wegen Sam.« »Nein, schon in Ordnung. Ich wollte es ihm ja erzählen«, sage ich und blicke hinauf ins Schneegestöber. Ein paar Flocken landen auf meiner Stirn.

»Es ist nur …« »Er hat dich noch nie mit einer anderen gesehen«, ergänzt Marley. Ich nicke und lasse den Kopf hängen. »Wird das wieder?«, fragt sie. Ich bleibe stehen und umarme sie, streiche ihr die Haare aus den Augen. »Das wird wieder. Sam wird sich dran gewöhnen.« Das sage ich mit totaler Überzeugung, aber ich bin nicht sicher, ob es so einfach ist. OceanofPDF.com

Kapitel 22 »Frohes neues Jahr«, sagt Sam, als er in mein Haus tritt. Die Feiertage waren so hektisch, dass ich keine Chance hatte, ihn seit dem Winterfestival vor einer Woche auch nur einmal zu sehen. Er späht um sich und hält dabei den dicken Klumpen unter seiner Jacke fest umklammert. »Wo ist Lydia?«, fragt er und geht sich im Flur umsehen, in alle Richtungen. »Sie ist weg. Hab ich dir doch erzählt«, sage ich, als er noch dicker aufträgt und übertrieben unter dem Küchentisch nachsieht. Ein Glück, dass es nicht komisch ist zwischen uns. »Alles klar«, sagt er und zieht die Jacke auf, um einen Sixpack Bier freizulegen. »Das Spiel läuft. Die UCLA auf dem Weg zur Meisterschaft. Vor zehn Minuten war Anstoß.« Draußen fährt ein Auto vorbei und er macht hastig wieder die Jacke zu, reckt den Hals aus dem Küchenfenster. »Sie kommt erst am Abend«, sage ich, als der Reißverschluss wieder aufgeht. Grinsend sehe ich zu, wie er das Bier den ganzen Weg zum Wohnzimmer über an der Brust birgt und sich misstrauisch umsieht. »Hast du Schiss vor meiner Mutter, Mann?«, frage ich und knuffe ihn in die Seite. »Vor wem? Mrs L.?« Er lässt sich aufs Sofa fallen. »Aber so was von.« Wir lachen und ich zappe durch die Sender zum Spiel. Die UCLA hat schon sechs Punkte Vorsprung und steht knapp vorm nächsten. »Wie geht’s Marley?«, fragt Sam nebenher, die Augen betont auf den Fernseher gerichtet. Ich mustere sein Gesicht, warte auf eine giftige

Bemerkung. Den schneidenden Kommentar. Doch der kommt nicht. »Der geht’s gut«, sage ich. Das ist das erste Mal, dass er sich einfach nach ihr erkundigt, aber ich will nicht zu sehr in die Tiefe gehen. Sam nickt, ploppt sein Bier auf und trinkt das ganze Ding auf einen Sitz aus. Also … das ganze Ding. »Hey, Mann«, sage ich, als er nach dem nächsten Bier greift und es aufploppt. Ich beuge mich vor und nehme es ihm weg. »Hör mal, Sam, wenn du wegen letzter Woche sauer bist, weil du mich mit Marley gesehen hast, dann …« »Bin ich nicht«, fällt er mir ins Wort. »Ich meine, ich wollte. Ich hab es ja versucht, aber …« Er lässt den Satz in der Luft hängen und den Blick durch den ganzen Raum schweifen, den Fernseher, das Fenster, das Bücherregal in der Ecke. Überallhin, nur nicht zu mir. »Ist die Lampe da neu?« Er weist auf das Ding, das schon hier stand, als wir Mädchen noch peinlich fanden. »Ach, komm schon, Sam«, sage ich. Ich dachte, das hätten wir hinter uns. Ich wende mich ihm zu und das Licht des Fernsehers spiegelt sich in der Glasflasche in meiner Hand und trifft mich voll ins Auge, bringt mein Hirn zum Pochen. Es ist Wochen her, seit es zuletzt wehgetan hat, aber sobald der Schmerz kommt, ist er übel wie eh und je. Sollte das mit der Zeit nicht besser werden? Zähneknirschend ringe ich durch den Schmerz hindurch nach Worten. »Rück doch bitte einfach damit raus.« Endlich sieht er mich ernst an. »Ich gehe weg.« »Was meinst du damit?«, frage ich, als er mit den Beinen zu zappeln beginnt. Ich verpasse ihm einen Tritt, wie damals, als wir Kinder waren, damit er damit aufhört. Er lächelt unbehaglich und zwingt seine Beine, Ruhe zu geben.

»Ist das wegen dem … was du gesehen hast?« Er durchbohrt mich mit einem Blick »Weißt du, nicht alles dreht sich um dich.« Ich blinzle, spule noch mal ab, was ich gesagt habe. Shit. Aber wenn es das nicht ist, was … »Kim hat es geschafft«, sagt er mit einem kleinen Lächeln. »Ihre Essayhilfe hat mich an die UCLA befördert. Nächste Woche geht’s los.« Nächste Woche. »Das … das ist toll.« Aber es fühlt sich kein bisschen toll an. Ich bremse mich, weil mir aufgeht, dass ich es schon wieder mache. Wieder dreht es sich nur um mich, obwohl es eigentlich um Sam geht. Und wenn Sam bereit ist, den nächsten Schritt zu machen, dann muss ich ihn diesen Schritt verdammt noch mal machen lassen. Genau wie er mich den nächsten Schritt machen lässt. Genau das habe ich mir für ihn gewünscht. Aber irgendwie habe ich es mir so nicht vorgestellt. »Ich muss das tun, Mann«, sagt er, weil er meine Verwirrung spürt, ein Talent, das er im Laufe von über zehn Jahren Freundschaft ausgebaut hat. »Die letzten anderthalb Jahre waren …« Er unterbricht sich und schluckt krampfhaft. Anderthalb Jahre? Wovon redet er? »Verdammt.« Er fährt sich durchs dichte, dunkle Haar. »Du weißt, dass ich das nicht mit Absicht gemacht habe, oder?« »Was gemacht?«, frage ich verwirrt. »Der Block«, sagt er frustriert. »Eine Sekunde hab ich nicht aufgepasst und schon war er an mir vorbei. Als ich dieses Knirschen gehört habe …« Seine Augen sind weit. Gequält. »Ich hab gedacht, das Geräusch krieg ich nie mehr aus dem Kopf.« Er reibt sich die Hände übers Gesicht, schüttelt den Kopf. »Jetzt lässt sich alles, was du verloren hast, alles, was wir

verloren haben, auf diesen einen Moment zurückführen. Den Moment, in dem ich’s verkackt habe.« »Sam, das war nicht deine Schuld«, will ich ihm klarmachen. »Ich weiß, dass du die Lücke nicht aufmachen wolltest …« Ich breche ab. Wie kann er das so empfinden? Dann denke ich an Kim in jener Nacht im Auto. Was sie gesagt hat. »Aber ich hab dich trotzdem dafür zahlen lassen, oder? Dich und Kimberly, euch beide. Ich hab alles auf euch abgeladen.« Sam lacht auf, harsch und kläglich. »Und wieder dreht es sich nur um dich.« Aber worum geht es dann? »Ja«, nickt er. »Ich bereue diese Lücke so sehr. Es ist schrecklich, was das mit deiner Karriere angestellt hat. Ich würde es anders machen, wenn ich könnte, aber …« Er hält inne. »Vielleicht nicht nur aus dem Grund, aus dem du glaubst.« Verwirrt lasse ich mich ins Sofa zurücksinken. »Hätte ich diesen Block nicht verpasst, dann hätte ich keinen Grund gehabt, es wieder bei dir gutzumachen. Und seitdem hab ich das in einem fort versucht … es wieder bei dir gutzumachen …« So langsam ergibt sich ein Bild. »Und deshalb habe ich dich über Kimberly gestellt. Ich hab dich über mich gestellt.« Er legt sich die Hand auf die Brust. »Deine Gefühle hatten Vorrang, weil ich versagt hatte«, schluckt er. Jedes Mal, wenn sie geweint hat, wollte ich ihr sagen, dass ich sie liebe. Bei jedem eurer Streits wollte ich dazwischengehen und sie beschützen.« Jetzt begreife ich es. Der blaue Tulpenstrauß auf dem Grab. Wie er sie am Abend unserer Abschlussfeier angesehen hat. All diese Dinge, die mir so lange verschlossen waren, einfach, weil ich nicht richtig hingesehen habe. »Ich liebe sie immer noch genau so. Ich kann es nicht abschütteln. Und wenn ich ehrlich bin, dann will ich das auch gar nicht«, sagt er mit im Schoß geballten Fäusten. »Lieber will ich sie für immer lieben und dabei

ständig leiden, als sie eine Sekunde lang loszulassen. Vielleicht irgendwann … vielleicht schaffe ich es irgendwann. Aber jetzt erst mal schaffe ich es nicht …« Er schweigt einen Moment und sieht dann zu mir. »In der Minute, in der du Marleys Namen gesagt hast, hab ich gewusst, dass das nicht nur Freundschaft ist. Ich hab es gewusst, weil ich genauso für Kim empfinde.« Ich lasse den Kopf hängen. Das ist echt viel auf einmal gerade. »Gott. Es tut mir leid, Sam. Es …« Sam legt mir den Arm auf die schlechte Schulter, schneidet mir das Wort ab. »Das war meine Schuld, genau wie die Entscheidungen, die ich hinterher getroffen habe. Aber … das lasse ich jetzt hinter mir. Muss ich.« Ich schüttle den Kopf. »Ihr beide hättet mich längst in die Tonne treten sollen.« Sam schnaubt und verdreht die Augen. »Halt die Klappe. Als ob einer von uns dich hätte loswerden können. Du lässt niemanden hängen und wir dich genauso wenig«, sagt er mit einem schwachen Grinsen. »Außerdem hat Kim es ja versucht. Sieben Mal! Wir brechen in Gelächter aus. Aber es fühlt sich gut an. Heilsam und traurig zugleich. »Also … du ziehst das wirklich durch«, sage ich, als wir uns wieder eingekriegt haben. »Du gehst fort.« Er nickt. Ernst, aber hoffnungsvoll. »Jup. Ich bin weg.« »Du weißt schon, dass ich dich besuchen komme?« »Kann ich dir auch nur geraten haben«, lächelt Sam und wir sehen einander an. Sam, der Leim, der unser Dreiergespann zusammengehalten hat, der mich zusammengehalten hat, zieht hinaus in die Welt. »So fühlt es sich wohl an, wenn man erwachsen wird«, sage ich. Es gefällt mir nicht.

»Irgendwie beschissen, um ehrlich zu sein«, spricht Sam aus, was ich denke. Wie von selbst verfallen wir in unseren Handschlag, halten beim letzten Faustcheck inne, um uns anzulächeln. »Immer voran«, sage ich und lege ihm die Hand auf die Schulter. Ich weiß, dass unsere Freundschaft sich dehnen wird, anders werden, aber wenn sie das alles überlebt hat, dann wird sie das ewig tun. OceanofPDF.com

Kapitel 23 Ohne Sam ist es seltsam. Den ganzen Winter über versäumen wir keinen Samstagmorgen unseren FaceTime-Termin, während ich einen blauen Tulpenstrauß zu Kims Grab trage. Langsam wird es wärmer und aus eingemummeltem Schneesturmstapfen werden Gänge durch den Aprilregen. Ich bin so ausgelastet mit Marley, meinem Praktikum und meinen ersten Journalismusseminaren am örtlichen College, dass es mir vorkommt, mit einem Mal Blinzeln sei der Frühling ausgebrochen. Bald sind es draußen an die 25Grad und der Park ist voller Leute, die in Tanktops und Sonnenbrille herumwuseln und Sommer spielen. Ich stelle den letzten Klappstuhl auf und recke mich, weil mir die Schulter vom ganzen Schleppen etwas ziept. Dann sehe ich mich noch einmal im Freiluft-Klassenzimmer um, das ich diesen ganzen Maimorgen über aufgestellt habe, und nicke zufrieden angesichts der völlig geraden Stuhlreihen. In ein paar Minuten werden die Unterstufenschüler eintrudeln, aber die Lehrerin … Ist spurlos verschwunden. Ich suche die Umgebung ab, suche den vertrauten gelben Fleck. Mein Blick fällt auf einen gelben Rock, dessen Besitzerin nervös am Teich auf und ab marschiert, eskortiert von einer winzigen Entenparade. Ich ziehe eine einzelne gelbe Doris-Day-Rose aus meiner Tasche und eile zu ihr, mache nur kurz halt, um das handgeschriebene »Wie man eine Geschichte erzählt«-Schild zurechtzurücken, das viel schöner geschrieben ist, als ich es jemals könnte. Die Enten drehen sich zu mir um. Ich murmle

ihnen eine Entschuldigung zu, als sie zu beiden Seiten weichen und mir einen Korridor zu Marley aufmachen. »Hallo«, sage ich und nehme ihre Hand. Sie hat Panik im Blick, ihr Gesicht ist völlig starr vor Angst. »Du schaffst das!« Sie seufzt tief auf, ohne mir zu glauben. »Wieso hab ich mich nur von dir bequatschen lassen?« »Du bist die beste Geschichtenerzählerin, die ich kenne«, sage ich aufrichtig. »Du kannst das.« Sie kauft es mir immer noch nicht ab, aber ich weiß, wie toll sie sein wird. Ich weiß besser als jeder andere, wie besonders sie ist. Jeden Tag öffnet sie sich ein klein bisschen mehr, wächst mehr und mehr in sich hinein. Und heute, nämlich gleich, wird sie anderen einen weiteren kleinen Teil von sich selbst preisgeben, nicht nur mir. Darüber sprechen wir, seitdem sie mich im letzten Herbst ihre Geschichten hat lesen lassen. Ich ziehe die Rose hinter meinem Rücken hervor und endlich huscht der Anflug eines Lächelns über ihre Lippen. »Meine Lieblingsblume.« Sie nimmt sie mir ab. »Ich liebe … das«, ergänzt sie, unser Spruch, von damals in unserer Halloweennacht. »Sprichst du von mir oder von der Rose?« Das Lächeln wird breiter und sie drückt meine Hand. »Beides.« Händchen haltend gehen wir zum Zelt, wo der Großteil der Stühle bereits von eifrigen Schülern mit Blöcken und Stiften belegt ist. Handschrift. Keine Laptops oder Tablets. Schreiben, wie Marley es tut. Das habe ich extra in die Anzeige geschrieben, die Scott netterweise vor zwei Wochen gratis in der Times geschaltet hat, um mich davon zu überzeugen, noch ein weiteres Semester dranzuhängen. Ich küsse sie auf die Wange und lasse mich auf einen freien Stuhl sinken, während sie in dem provisorischen Klassenzimmer nach vorne geht, um sich von einem Augenmeer anstarren zu lassen. Sie wird stocksteif und ich

halte den Atem an, flehe sie innerlich an, den Mund aufzumachen, während es in mir schreit: Du schaffst das, Marley! »Was«, fragt sie schließlich und sucht meinen Blick, »ist das Erste, was ihr braucht, um eine Geschichte zu schreiben?« »Eine Heldin?«, ruft ein Mädchen aus der ersten Reihe und Marley wendet sich zu ihr, lächelt sie an. »Heldinnen und Helden sind wichtig, klar«, nickt sie. »Aber noch davor. Was braucht ihr?« Jemand ruft: »Irgendwas, was sie machen können?« Dann brüllt jemand von ganz hinten: »Eine Idee! Eine Idee! Man braucht eine Idee!« »Ja!«, sagt Marley begeistert. »Man braucht eine Idee.« Sie hält kurz inne, sieht zu mir. »Man braucht einen Traum.« Ich lasse den Blick rasch durchs Zelt schweifen und sehe, wie all die Kinder wie gebannt auf ihren Stühlen sitzen. Sie hat ihre volle Aufmerksamkeit. Hab ich es doch gewusst. Den Rest der Stunde kann ich nur fasziniert zuschauen. Mit jeder Minute wird sie selbstbewusster und die Marley, die ich kenne und liebe, sprengt endlich ihr Schneckenhaus, vor aller Augen, ermutigt alle mit ihrer Begeisterung, die Geschichte zu erzählen, die ihnen auf der Seele brennt. Nach der Stunde wird sie von einer Schülergruppe umringt, die sie mit Fragen bombardiert und eine weitere Stunde erbetteln will. Ich schlucke eine Schmerztablette und beginne lächelnd, die Stühle abzubauen. Schulterziepen hin oder her, das hier war es mehr als wert. Als ich fertig bin, schlingen sich zwei Arme um meinen Rücken, die letzten Schüler ziehen mit unter den Arm geklemmten Blöcken hinaus in den Park. »Das war der Hammer«, murmelt Marley in meine Schulter. »Du warst der Hammer«, sage ich und drehe mich zu ihr um, um sie zu küssen, lege meine Hand in den vertrauten Schwung ihrer Taille. »Das

sollten wir feiern. Irgendwas Lustiges machen.« »Zum Beispiel?«, fragt Marley und berührt mich sanft im Gesicht. »Alles, was du willst.« Sie denkt nach und plötzlich leuchten ihre Augen auf. »Was ich will?« Wir halten vorm Tierheim und Marley späht aufgeregt aus dem Fenster. Das war garantiert nicht, was ich im Sinn hatte, als es ums Feiern ging, aber … für sie ist das ein Riesending. Sie redet schon den ganzen Winter davon, sich einen Hund anzuschaffen, aber irgendwas hat sie immer davon abgehalten. Ihr entschiedener Blick bringt mich zum Lächeln. Heute hält sie nichts mehr auf. Außerdem bin ich selbst ziemlich aufgeregt. Nicht, dass ich es ihr gegenüber je zugeben würde, aber ein Hund ist doch einen Tick niedlicher als eine ausgewachsene, popcornversessene Ente. Sie dreht sich zu mir um, die Hand schon am Türgriff. »Was gibt’s?«, frage ich und schiebe ihr eine Strähne hinters Ohr. »Du hilfst mir doch, oder? Mit dem Hund?« Ich nicke beruhigend. »Immer doch.« »Denn wenn ich mal nicht kann und ihm irgendwas zustößt …« »Du hast doch gerade gesehen, was du kannst, Marley, selbst wenn du glaubst, du kriegst es nicht hin. Du bist großartig.« Sie wirkt immer noch nicht überzeugt und so ergänze ich: »Aber ich unterstütze dich. Immer.« Sie grinst und die Begeisterung kehrt zurück. Wir gehen hinein, obwohl Marley unterwegs ständig stehen bleibt, um die Blumenbeete zu bewundern. Der warme Frühlingstag sorgt bei allen für Glücksgefühle. Ich versetze ihr einen leichten Stups, als sie sich zum Blütenschnuppern vorbeugt, und fange sie gerade noch auf, bevor wir beide in Lachen ausbrechen.

Am Empfang erkundigt Marley sich nach den Hunden, während ich mich ein wenig umsehe. Eine dicke rote Tigerkatze mit dem Namensschild OLIVER kommt auf mich zugeflitzt und reibt sich laut schnurrend um meine Beine, bis ich ihn rasch hinter den Ohren kraule. Einer der Angestellten führt uns nach hinten und Oliver trottet hinter uns her. Offensichtlich ist er hier der Boss. Beim Anblick der Käfige wird Marley immer ernster. »Ich wünschte, wir könnten alle nehmen«, sagt sie und streichelt mit dem Zeigefinger die Nase eines Labradormischlings mit traurigem, braunem Hundeblick. Plötzlich kläfft es aus dem Käfig hinter uns auf, und als wir uns umdrehen, steht dort ein winziger Yorkshireterrier-Welpe, nicht größer als meine Hand. Der Hund bellt noch mal, versucht mit aller Macht, sich durch die Stäbe zu Marley durchzuzwängen. Marley schnappt nach Luft und ich werde Zeuge von etwas, das man nur als Überdosis Niedlichkeit bezeichnen kann. Sie stürzt hinüber und die Angestellte eilt herbei, um die Tür aufzuschließen und das Hündchen aus seinem Käfig zu befreien. »Die hier haben wir erst seit gestern Nacht. Sie wurde an diesem Teich bei der Hickory Street ausgesetzt.« Der Welpe wirft sich in Marleys Hände und sie streichelt das Hündchen sanft, fast ehrfürchtig. Dann schnappt sie sich einen winzigen Ball vorne aus dem Käfig und die beiden beginnen zu spielen, Ball hin, Ball her, wobei der Hund seine Pfötchen immer wieder in Marleys Finger krallt. »Das ist genau das Hündchen, das ich immer wollte«, sagt sie und schaut mit feuchtem Blick zu mir auf. »Ich glaube, die Gewinnerin steht fest«, sage ich und sehe zu, wie Marley das Welpenmädchen aufhebt und liebevoll betrachtet. Nachdem sie den Antrag ausgefüllt und die Gebühr entrichtet hat, tollen wir auf dem Rasen beim Parkplatz herum, immer wieder blitzt das silberne

Hundeköpfchen zwischen den Blumenbüschen auf, bevor das ganze Tier blütenverklebt hervorgeprescht kommt. Bald bricht sie vor Marley zusammen, hechelnd und keuchend vor lauter Anstrengung. »Da ist ja jemand müde«, murmelt Marley, hebt sie sich an die Brust und küsst mich auf die Wange. »Sie heißt Georgia«, sagt sie und hält mir den Welpen hin. Georgia tut es Marley nach und leckt mir die Wange mit ihrer Minizunge, ihr Flauschfell kitzelt mich im Gesicht. »Freut mich, dich kennenzulernen, Georgia«, sage ich und tätschle den winzigen Hundekopf, worauf sie mit einem quiekenden Wuff antwortet. Jup. Deutlich besser als eine Ente. »Lass uns ein Foto machen«, sagt Marley aufgeregt. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche und hält es uns dreien vor die Nase. Ich lächle, als es aufblitzt, und dann noch mal, und dann sengt mir aus heiterem Himmel ein Schmerz durchs Hirn. Einen Augenblick lang sehe ich meine Mutter vor mir, im selben weißen Blumenkleid, das sie in der Unfallnacht anhatte, mit dem Handy in der Hand. Fuck. Meine erste Halluzination seit über einem Monat. Jedes Mal, wenn ich glaube, sie seien endlich verschwunden … passiert irgendwas. Ich reiße mich zusammen, drücke Marley an mich, als sie noch ein Foto schießt und wir beide auf ihr Handy starren, um das Ergebnis zu bewundern. Was für ein süßes Bild. Marley sieht wunderschön aus. Glücklich. Ihre Wangen und ihre Nase sind gerötet vom Laufen, das Grün in ihren Augen strahlt durch das Grün um uns herum besonders kräftig. Wir sehen beide so anders aus als damals, als wir uns vor all den Monaten auf dem Friedhof getroffen haben. Die Trauer lastet uns nicht mehr so schwer auf den Schultern, unsere Gesichter sind nicht mehr vom Schmerz gezeichnet. In

Marleys Armen liegt die winzige Georgia, die wie durch ein Wunder genau in die Kamera blickt. »Kannst du mir das schicken?«, frage ich, als wir zum Auto spazieren, und ihre Hand in meiner wiegt schwerer als der Schmerz in meinem Kopf und das seltsame Unbehagen in meiner Brust. OceanofPDF.com

Kapitel 24 Einen Monat später gehen Marley und ich Hand in Hand die Hauptstraße entlang, doch die Wolken über uns verheißen nichts Gutes. Die Sommerhitze klebt mir feucht auf der Haut, und als Georgia schnüffelnd an einem Grasfleck stehen bleibt, kommt ein Wind auf und ich nutze die Gelegenheit für einen Blick gen Himmel. »Ich glaube, es wird gleich …« Ein Donnerschlag beendet den Satz für mich und schon stehen wir mitten im Regen. Marley schnappt sich Georgia mit einem Quietschen und wir stellen uns aneinandergedrängt unter einem Dachvorsprung unter. Gerade lege ich gemütlich mein Kinn auf ihren Kopf, als ein Auto an uns vorbeisaust. Ich erstarre. Ein silberner Toyota. Genau wie der, den ich in der Unfallnacht gefahren habe. Das Auto, in dem Kim gestorben ist. Manchmal fühlt es sich an, als sei es eine Ewigkeit her. Manchmal nur wie eine Minute. Marley ergreift meine Hand und sieht mich eindringlich an. »Was ist los?« »Das Auto.« Ein Schauer durchfährt mich. »Das war genau wie das, das ich gefahren habe, als …« Ich rücke von ihr ab, starre auf die Ecke, hinter der das Auto verschwunden ist. Alles wird unscharf, bis nur die Scheibenwischer bleiben, die gegen den Regen kämpfen, Kim auf dem Beifahrersitz. »Ich … ich bin hier vorbeigefahren. In einer Regennacht, genau wie jetzt.«

Noch ein Donnerschlag und ich zucke zusammen, ein Blitz teilt den Himmel mitten entzwei. »Genau wie jetzt.« Moment mal. Ich ziehe mein Handy heraus, das Display leuchtet auf und weiße Ziffern zeigen das Datum an. Der siebte Juni. »Heute vor genau einem Jahr«, flüstere ich. Ein Jahr. Seit jener Nacht ist genau ein Jahr vergangen. »Gehen wir heim«, sage ich und schaue angestrengt auf Marley, die sich Georgia an die Brust drückt und Tropfen in den Wimpern hat. Ein Blick in ihre Augen und Ruhe steigt in mir auf. Ein Sicherheitsgefühl. Unsere Finger finden sich und wir sprinten los, tauchen unter Markisen und Dachvorsprüngen voran, bis wir den Weg zu meinem Haus erreichen. Dort rennen wir direkt in den Keller und ich beeile mich, ein Feuer anzumachen, das sofort zu prasseln beginnt. Weiß, gelb und orange nagt es am Holz, wärmt uns auf. Die Flammen um das Scheit wachsen, wollen es ganz fressen, und ich beuge mich vor, um etwas darin rumzustochern. Da gibt es draußen wieder einen Schlag und diesmal breitet sich schneller, scharfer Schmerz auf meiner Stirn aus. Der Schürhaken scheppert mir aus der Hand. Autsch. Verdammte Scheiße. Ich hebe das Kaminbesteck wieder auf und hänge es zurück in den Ständer, ohne das Feuer aus den Augen zu lassen. Das war … Ein Stück Glut explodiert, ein leuchtender Blitz. Eine Sekunde lang sehe ich die roten Warnlichter auf nassem Asphalt aufleuchten, ein Schmerz, der mich ins Taumeln bringt. Nicht schon wieder. Das Zimmer wird wieder sichtbar. Es ist zum Haareraufen. So viele Monate sind vergangen und noch immer kann ich Unwetter nicht ertragen. Keine Ahnung, weshalb mir das hier jetzt solche Kopfschmerzen bereitet. Muss am Jahrestag liegen.

»Du fühlst es auch, oder?« Ich drehe mich zu Marley auf dem Sofa um, ihr langes Haar ist immer noch regennass. Ihr Gesicht leuchtet im Feuerschein, doch ihr Blick geht nach draußen, zum Unwetter jenseits der Gartentür. Georgia liegt in ein Handtuch gewickelt auf ihrem Schoß. Ich setze mich neben sie, um sie anzusehen. In ihren Augen liegt etwas Abwesendes, Gequältes. Etwas, das eigentlich schon vor Monaten verschwunden war. Etwas, von dem ich meinte, wir hätten es hinter uns gelassen. »Was soll ich fühlen?« »Dass es uns nie bestimmt war, so glücklich zu sein. Dass eines Tages einfach alles weg sein wird. Dass …« Sie bricht ab, blickt auf Georgia hinab und dann zum Kamin, in jeden Winkel des Zimmers und schließlich zu mir. »Etwas so Gutes kann nie von Dauer sein.« Ich berge ihr Gesicht in meinen Händen und sie ringt sich ein Lächeln ab, doch die Traurigkeit bleibt, in ihren Augen, in ihren Mundwinkeln. Also küsse ich sie überall fort, wo ich sie finden kann. Erst von einem Augenlid, dann vom anderen, von den Lippen und ganz zart von der Stirn. Sie blickt auf und ich weiß, dass der Moment gekommen ist. Stärker als je zuvor spüre ich, wie die Worte, die ich seit Monaten zurückhalte, den Damm durchbrechen wollen, wie mein Herz beim Gedanken höherschlägt. Nie mehr: »Ich liebe das.« Ich liebe sie. Marley. Über alles. Ich wiederhole es innerlich immer wieder und wieder und mir schnürt sich die Brust zu beim Gedanken, gleich die Worte zu sagen, von denen ich geglaubt habe, sie nie wieder sagen zu können. Die Worte, deren wahre Bedeutung ich erst jetzt erfasse. Die, die ich seit jener Vollmondnacht empfunden habe. Aber als ich den Mund öffne, verflüchtigt sich die Nervosität und es fällt mir so leicht wie nichts zuvor: »Ich liebe dich, Marley.« Sie erschrickt, rückt weg und sieht mich an.

»Ich habe nie geahnt, dass Liebe sich so anfühlen kann. Dass sie so tief in mir sitzen könnte, als schlügen zwei Herzen in meiner Brust …« Ich lege ihre Hand darüber. »Deins und meins. Solange wir uns lieben, Marley, wird das auch so bleiben. Daran wird sich nichts ändern. Ich werde dich auf ewig lieben. Das verspreche ich dir.« Bevor ich weiterrede, küsse ich sie sanft, ein Kuss wie ein Flüstern. »Der Rest hängt dann einfach davon ab … ob du mich auch liebst.« In ihren Augen stehen Tränen und sie schiebt mir das wilde Haar aus dem Gesicht, ein kleines Lächeln auf den Lippen. »Das tue ich«, sagt sie und küsst mich zwischen jedem einzelnen Wort. »Ja, ja, das tue ich.« Sie sinkt mir in die Arme, ihr gelbes Kleid fühlt sich unter meinen Händen so weich an. Wir küssen uns, das elektrische Knistern um uns herum wird lauter und mächtiger als die Blitze jenseits der Fenster. An mir zieht noch einmal alles vorüber, was wir miteinander durchgemacht haben, als ich sie so halte. So vieles hat sich verändert seit jenem ersten Tag auf dem Friedhof, seit dem Unfall vor einem Jahr. Dieser Mensch hat mein Leben tiefgreifender umgekrempelt, als ich es je für möglich gehalten hätte. Aneinandergekuschelt sitzen wir mit Georgia unter der Decke vor dem Feuer, unbeeindruckt von Blitz und Donner, bis die knisternde Wärme uns immer schläfriger macht. Mit schweren Lidern schaue ich zu Marley, die sicher in meinen Armen liegt und von der Wärme ganz rosige Wangen hat. »Ich liebe dich«, sagt sie sanft. Diese Worte aus ihrem Mund, zum allerersten Mal – so breit habe ich noch nie gelächelt. »Ich liebe dich auch«, flüstere ich wieder, bevor ich einschlafe. Ich liebe sie auch. Auf ewig. Keine Ahnung, wie lange wir geschlafen haben, doch ein lauter Donnerschlag schreckt mich auf. Meine Arme sind leer, der Keller finster, das Feuer erloschen. Ich setze mich auf, reibe mir die Augen, entdecke

Georgia, die winselnd vor der Glastür zum Garten sitzt und an der Scheibe kratzt. Ich rapple mich auf und gehe zu ihr, blicke ins Unwetter hinaus. Es hat kein bisschen nachgelassen. »Marley?«, rufe ich in den leeren Keller. Stille. Georgia kratzt wieder am Glas und in mir krampft sich alles zusammen. Ist Marley etwa da draußen? In dieser Hölle? Ich werfe die Tür auf. Ein eisiger Wind pfeift durch die Bäume und reißt mich fast mit. Der Regen prasselt vom Dach, als ich ums Haus renne und sofort klitschnass bin. Grauen pirscht sich meinen Rücken hinauf. Ein Grauen, das mir so vertraut ist, dass ich es sofort verdrängen muss. »Marley!«, keuche ich und die Luft prickelt regelrecht vor Elektrizität, über den Himmel zuckt ein zorniger Blitz nach dem anderen. Entlang meiner Narbe zucken sengende Schmerzen und ich schiebe sie mit aller Macht zurück, dränge Erinnerungen weg, die mir ans Hirn klopfen. Immer nur vorwärts, nach ihr rufen, wieder und wieder. »Marley, wo steckst du?« Ich stolpere auf die Straße, suche das ganze Viertel ab, die Straßenlaternen strahlen hell durch den Regen, ringen gegen die stürmische Finsternis, die ihr Maul aufreißt. Wieder eine Lichtexplosion, ein Blitz vor meinen Augen, der in einen Trafo am Ende der Straße einschlägt und die ganze Nachbarschaft in Funken duscht. In dem Regen kann ich fast nichts erkennen, er peitscht mir in Augen und Gesicht, mein Schädel brennt vor Schmerz und schließlich gehen die Laternen aus, eine nach der anderen, heranpreschende Finsternis, bis die ganze Straße in Schwärze schwimmt. Kläff-kläff! Georgia. Ich fahre herum, starre zum Haus und alle Lichter springen an, beleuchten den Vorgarten, die Veranda, den Weg zum Keller. Ist Marley wieder drinnen? Wieder tanzt ein Blitz über den Himmel und ich sehe einen Umriss vor mir, genau in dem Moment, in dem der Schmerz zuschlägt, mir durch den

Schädel schießt und dann durch den ganzen Körper. Ein Schmerz, der so grässlich ist, dass ich nur aufbrüllen und nach vorne kippen kann, mit dem Gesicht voran. Nichts bremst meinen Sturz. Mein Kopf kracht voll auf den Boden. Dann schwarze Nacht. OceanofPDF.com

Kapitel 25 Ein grelles Licht, eine Schwester, die nach einer Hand greift, die ich nicht heben kann. Splitterndes Glas. Kims Gesicht. Schreie. Der Gurt zurrt um ihre Brust. »Ruft sofort Dr. Benefield!« Langes braunes Haar, ein Heiligenschein aus Licht. Braungrüne Augen. Marley? Marley. Wo ist Marley? OceanofPDF.com

Kapitel 26 Als ich die Augen aufschlage, sehe ich Dr. Benefield forschend mein Gesicht betrachten. Sie lächelt, schiebt sich die Brille auf den Kopf. »Willkommen zurück, Mister«, sagt sie laut und ich höre sie klar und deutlich. Ich zucke zusammen, völlig verdattert. »Du hast uns einen ganz schönen Schreck eingejagt. Kannst du mich hören?« Ich öffne den Mund, doch mein Hals ist Schmirgelpapier, trocken und kratzig. »M…«, schabe ich heraus, doch es fühlt sich an wie Schutt und Scherben auf meinen Stimmbändern. »Nicht reden«, weist Dr. Benefield mich an. Aber ich muss. Ich muss sie fragen, wo Marley ist. Ich kann mich nur noch an die grellen Blitze erinnern, an das tobende Unwetter und an sie, die nirgendwo zu finden war. »Mar…«, krächze ich und es tut so weh. Dr. Benefield berührt mich am Arm, schüttelt mit ernster Miene den Kopf. »Pssscht«, beharrt sie. »Ich hole deine Familie. Die werden völlig aus dem Häuschen sein.« Ich sehe ihr hinterher, kämpfe darum, die Augen offen zu halten, trotz der Grelle, der Verschwommenheit. Dem Nebel. Ich konzentriere mich auf die Stimmen draußen, aber ich bin so schwach, so völlig ausgelaugt. Neben mir piepst eine Maschine, zeichnet meinen rasenden Herzschlag auf. »Da freut sich jemand sehr, dass du wach bist«, sagt Dr. Benefield von der Tür aus.

Marley. Mein Blick fährt zurück zu Dr. Benefield, ihrem schemenhaften Umriss, doch neben ihr kann ich ein Mädchen erkennen, mit Arm in der Schlinge. Sie drückt die Tür weiter auf und … Der ganze Raum beginnt zu kreiseln. Ich packe das Schutzgitter um mein Bett und röchle. Drücke die Augen zu und warte, dass es abebbt, dass ich in die Wirklichkeit zurückkehre, so wie immer. Mein Kopf muss ganz schön was abgekriegt haben, denn diese Halluzination ist übelst. Viel echter als alle anderen. Doch als ich die Augen wieder aufschlage, stockt mir der Atem erneut. Denn es ist nicht Marley, die da durch die Tür kommt. Es ist Kimberly. Und diesmal verschwindet sie nicht wieder in mein Unterbewusstsein. Dafür ich. OceanofPDF.com

Kapitel 27 Als ich wieder zu mir komme, halte ich die Augen weiter zugedrückt, bis der Albtraum mit Kim langsam versickert. Neben mir höre ich Apparate piepsen, der sterile Geruch nach Klinikwäsche steigt mir in die Nase, eine Hand streicht mir sanft über den Arm. Ich muss bei dem Unwetter übel auf den Kopf geknallt sein. So übel, dass ich wieder im Krankenhaus gelandet bin. Übel genug für eine solche Halluzination. »Bei diesen ständigen Sommergewittern ersaufen mir noch die Rosen. Warum hört …« »Mom«, krächze ich und mache die Augen auf, erleichtert, statt Kims Erscheinung das Profil meiner Mutter zu sehen, in hellen, klaren Farben. Ich lasse den Blick durchs Zimmer schweifen, zu schwach, um mich aufzusetzen, zu desorientiert, um alles aufzunehmen, als ob mein Hirn in Zeitlupe liefe. Ihre Augen huschen zu mir und sie keucht auf, um dann mein Gesicht mit Küssen zu übersäen und loszuschluchzen. »Ich hab geglaubt, das würde ich nie wieder hören.« »Was ist los?«, frage ich, als ihre Tränen auf mich kullern. Ich stöhne, fasse mir an den Kopf. »Ich bin gestürzt. Hab mir den Kopf angehauen, glaub ich.« Sie zögert, runzelt die Stirn und ihre Hand auf meinem Arm hält inne. »Kannst du dich an irgendwas erinnern?« Ich starre sie an. Was soll das heißen, kann ich mich erinnern? Ich hab’s ihr doch gerade eben erzählt.

»Klar, ich bin hingefallen und voll auf den Kopf, als ich in dem Gewitter nach Marley gesucht habe. Oder?« Ihr Gesicht wird lang. Was gab es denn sonst noch zu erinnern? Bitte, mach, dass Marley nichts passiert ist. »Marley? Ich – du hattest einen Autounfall, Kyle«, fährt sie fort und ihre Augen bohren sich in meine. »Mit Kimberly.« Ich blinzle, schüttle den Kopf. Als ob ich das je vergessen könnte. Warum kommt sie jetzt damit an? »Klar, Mom«, sage ich, greife unsicher nach ihrer Hand, die Infusionsnadel ziept in der Haut. »Das war vor einem Jahr. Gestern Abend bin ich im Garten auf die Nase geflogen.« Sie starrt mich an. »Du bist verwirrt, Schatz. Du hast … geschlafen.« Sie runzelt die Stirn. »Du lagst im Koma.« »Im … was?« Ich starre sie an. Wie heftig bin ich gestern auf den Kopf geknallt? »Im Koma? Wie lang?« »Acht Wochen«, sagt sie. Was? Wenn es bei mir so schlimm war, dann war es für Marley womöglich noch ärger. Ist ihr in dem Gewitter auch etwas zugestoßen? »Wo ist Marley?«, frage ich, weil es mir mit jeder Sekunde unheimlicher wird, dass sie nicht da ist. Mom mustert mich sorgenvoll. Schließlich fragt sie: »Wer?« Mir wird plötzlich ganz anders. Das kreischende Metall. Kimberlys grauenerfülltes Gesicht. Grelles Neonlichtflackern über mir, als ich durch den Gang gerollt werde. Aber … das hier ergibt keinen Sinn. Wo steckt Marley? »Ich muss hier raus«, sage ich, denn jetzt packt mich die nackte Angst. Ich will mich schwungvoll aufrichten, doch mein rechtes Bein macht nicht mit. Panisch blicke ich hinunter und sehe, dass es komplett eingegipst ist, von der Hüfte bis zum Fuß, und als ich es bewege, strahlt der Schmerz

durch sämtliche Knochen. Ein Gefühl des Déjà-vus überkommt mich. Déjà- vu und Horror. »Jetzt ist es vorbei«, sagt Mom und nimmt mich am Arm. »Bald wird alles wieder sein wie immer. Du wirst sehen.« Ich reiße mich los und rupfe mir die Infusionsnadeln aus der Hand. Als ich aufzustehen versuche, gibt mein linkes Bein unter mir nach. Ich stolpere nach vorne, in meine Mutter hinein. Sie bremst meinen Sturz, versucht, uns beide aufrecht zu halten. »Hilfe!«, brüllt sie. »Ich brauche eine Pflegerin, einen Pfleger! Hilfe, bitte Hilfe!« Ich will mich vorankämpfen, doch da packen mich starke Hände und etwas Spitzes pikst mich in den Oberarm. Eine Schwester … mit einer Spritze. Ich falle zurück aufs Bett, meine Arme und Beine sind wie Blei. Plötzlich ist alles zäh und schwer und mein Mund will mir nicht mehr gehorchen. »Ich …. Nein …«, würge ich mühsam heraus, starre gequält auf meine Mutter. »Kimberly … lebt?« »Natürlich, mein Schatz«, sagt meine Mutter verwirrt. »Sie war jeden Tag hier.« Ich warte darauf, dass die Halluzination abbricht. Dass die Welt wieder normal wird. Ich schließe die Augen und Marleys Gesicht brennt mir hinter den Lidern. Ihre braungrünen Augen, die Sommersprossen auf ihrer Nase, die langen braunen Haare. Ihr Lächeln, wenn sie eine Geschichte erzählt. Wie sie auf ihrer Unterlippe kaut, wenn sie wirklich tief über etwas nachdenkt. Doch als ich die Augen aufschlage, sehe ich immer noch Krankenhaus. Marley ist nicht da. Dann schlägt das Beruhigungsmittel ein und ich versinke. Um mich herum überall Stimmen. Meine Mutter. Pflegekräfte, die ein und aus gehen.

Ich halte die Augen geschlossen und warte. Auf Stille. Auf die Chance, hier rauszukommen und mich auf die Suche nach Marley zu machen. Bald ist es mitten in der Nacht und ich höre, wie die Tür zugeht. Nichts rührt sich, bis auf das Piepsen meines Vitaldatenmonitors. Es dauert nur einen Augenblick, mich aufzusetzen und mir wieder die Infusion aus der Hand zu reißen. Das dünne Blutrinnsal auf meiner Hand schert mich nicht. Ich atme tief durch, um mich zu wappnen, und wuchte mich aus dem Bett, sehe doppelt, als ich mein rechtes Bein belaste. Der Schmerz ist so unerträglich, dass Übelkeit mich überschwemmt. Aber ich zwinge mich hindurch. Ich muss. Ich taumle aus dem Zimmer, den dunklen Flur hinunter, stütze mich an den Wänden ab, kalter Schweiß klebt mir das Krankenhausnachthemd an den Rücken. Jeder Schritt ist die Hölle, und als ich den Fahrstuhl erreiche, dreht sich alles nur noch. Allein der der Gedanke an Marleys Gesicht treibt mich voran. Der Teich. Nur daran kann ich denken. Ich muss zum Teich. Die großen Metalltüren gleiten auf und ich stolpere hinein. Mir wird noch speiübler, doch ich schlucke es hinunter, erleichtert, so weit gekommen zu sein. Jetzt muss ich es durchziehen. Die Knöpfe blinken mich an, verlangen mir eine Entscheidung ab, ein Stockwerk. Ich will ja nachdenken, aber dieser Höllenschmerz in meinem rechten Bein lässt es nicht zu, und jetzt fängt auch noch mein linkes Bein zu zittern an, weil es mein ganzes Gewicht stemmen muss. Die Knöpfe blinken, blinken, blinken. Empfang? Ist das der … mit … dem … Stern? Plötzlich gibt mein gutes Knie nach und ich falle gegen die Wand, winzige schwarze Stecknadelpunkte überschwemmen mein Blickfeld und meine Beine versagen völlig. Nur einen Gedanken habe ich noch, als ich zu Boden gleite. Ich …

… muss … zu Marley. »Kyle«, sagt eine Stimme. Eine Hand packt mich fest an der Schulter, rüttelt mich. »Kyle!« Ich öffne die Augen und langsam schält sich Dr. Benefields Gesicht aus dem Farbchaos. Sie atmet tief aus und schüttelt den Kopf. »Im Ernst jetzt?«, fragt sie, als ich den Kopf vom Fahrstuhlboden hebe. »Seit wann bin ich hier?« Ich richte mich stöhnend auf. »Das frag ich dich.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust. »Was war das bitte für eine Schnapsidee?« Marley. Ich versuche mich aufzurichten, doch der Schmerz in meinem Bein ist so überwältigend, dass ich wieder auf dem Boden zusammenbreche. Dr. Benefield steht schon so lange über mir, dass ich so langsam glaube, dass sie mich hier liegen lässt. Dann seufzt sie. »Warte.« Ich sacke in mich zusammen und versuche, die Galle hinunterzuschlucken, die mir gerade hochkommt, hochgepresst vom pulsierenden Schmerz überall. Ein Schatten fällt über mich. Dr. Benefield. Mit einem Rollstuhl. Als sie mich wieder ins Bett geschafft hat, lässt sie mir die Infusion neu legen und erhöht die Dosis des Schmerzmittels, um mir etwas Erleichterung zu verschaffen. Unter gedämpftem Gemurre leuchtet sie mir mit ihrem Stablämpchen in die Augen. Ich starre geradeaus, als sie sie ausknipst und mich anfunkelt, irgendwie gleichzeitig wütend und mitfühlend. »Ich hatte ja keine Ahnung, was für Ärger du hier machen würdest«, sagt sie, als die Schwester gegangen ist. Als ich nicht reagiere, betastet sie die

verheilende Wunde auf meiner Stirn. »Siehst du verschwommen? Hast du Kopfweh? Schwindel?« »Nein«, sage ich. Und das stimmt auch. Nach all den Monaten, in denen ich sie weggewünscht habe, in denen ich nachts mit sengenden Kopfschmerzen aus Albträumen aufgeschreckt bin, sind sie jetzt einfach verflogen. Sie seufzt und setzt sich auf meine Bettkante. »Na gut, möchtest du mir erklären, was in dich gefahren ist?« Nein. Möchte ich kein bisschen. Aber ich versuche es trotzdem. »Ich bin nicht da, wo ich hingehöre«, erkläre ich ihr. Ich versuche, die Panik zu unterdrücken, aber es klappt nicht. Noch nie hat sich alles so derart falsch angefühlt. »Niemand gehört ins Krankenhaus«, sagt sie mit einem trockenen Lächeln. »Bis auf Leute wie mich natürlich.« »So meine ich das nicht.« »Wo solltest du denn stattdessen sein?« Ich sollte zu Hause sein, mit Marley Pancakes essen oder mit ihr in die Stadt zum Frühstücken gehen, über den vom Gewitter letzte Nacht noch feuchten Boden. Ich sollte mir in den Läden die Notizbücher in sämtlichen Gelbtönen anschauen und mir überlegen, welches ich ihr zum Geburtstag schenken soll. Ich sollte mit Georgia Gassi gehen und mich daranmachen, über die Saisonvorbereitung der Ambrose High zu berichten, und kommenden Samstag mit meinen Freunden im Park Touch-Football spielen. Ich sollte bei Marley sein. Nicht wieder zurück auf Anfang. Eine frische Schmerzwelle bricht sich in meinem Körper und ich presse die Augen zu, flehe die Medikamente an, endlich ihre Wirkung zu tun. Im Koma. Ich habe im Koma gelegen. »Dr. Benefield«, sage ich, als ich die Augen wieder aufmachen kann. »Wenn man im Koma liegt … kann man da … träumen?«

»Sag mir, warum du fragst«, erwidert sie, »und ich sag dir, was ich weiß.« »Okay. Ich hab …« Ich halte inne, suche nach den richtigen Worten. »Ich begreife nicht, wie ich … hier sein kann. Für mich ist seit dem Unfall ein ganzes Jahr vergangen. Ich habe ein anderes Leben. Kim ist tot. Ich habe eine Freundin. Marley. Aber jetzt bin ich hier und jeder sagt mir, ich hätte im Koma gelegen. Dass das hier« – ich weise aufs Krankenhauszimmer, aber auch auf diese ganze Welt – »die Wirklichkeit ist.« Sie sieht mich abschätzend an und ich habe keine Ahnung, was sie denkt. »Ich weiß, wie durchgeknallt sich das anhört«, sage ich. Sie nickt. »Einweisungspflichtig geradezu. Sprich weiter.« »Ich muss dahin zurück, in mein richtiges Leben«, sage ich, in Gedanken bei Marley und Georgia und unserer Stelle am Teich, wie sie mir fehlt wie ein amputierter Körperteil. Mir doch egal, ob mein Bein nie verheilt, mein Hirn auf ewig einen Knacks behält. Die brauche ich nicht. Ich brauche Marley. Sie runzelt die Stirn. »Das verstehe ich nicht. Wann soll das gewesen sein?« »Gestern.« Sie mustert mich eindringlich. »Gestern warst du hier. Und vorgestern auch, genau wie vorvorgestern.« Ich schüttle den Kopf, denke an die paar Arztbesuche, die ich absolviert habe, die Termine, die ich genau hier hatte, um meinen Kopf untersuchen zu lassen, um sicherzugehen, dass ich nicht durchdrehe. »Sie waren auch da«, sage ich. »Sie haben mich behandelt.« »Du hast häufig die Augen aufgemacht«, sagt Dr. Benefield. »Mich direkt angesehen. Diese Träume … Du hast mich wahrscheinlich darin eingebaut, und auch andere Leute.« Sie weist auf den piepsenden Monitor.