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1 DIE GRÜNEN STEYR Seit 1984
2 IMPRESSUM Copyright © 2026 Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile davon dürfen nicht ohne die schriftliche Genehmigung des Herausgebers vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder in irgendeiner Form übertragen werden. Offenlegung gemäß Mediengesetz Medieninhaber und Herausgeber: DIE GRÜNEN STEYR Taborweg 19 4400 Steyr +43 699 11169123 steyr@gruene.at Redaktionsteam: Reinhard Kaufmann, Kurt Prack, Georg Neuhauser, Waltraud Neuhauser-Pfeiffer, Maria Lindinger, Annemarie Niedereder-Mayr … Dank: Die Grünen Steyr bedanken sich bei allen, die bei diesem Projekt mitgeholfen haben. Unser besonderer Dank für seine tatkräftige Unterstützung gilt Erwin Vaclavik. Genderhinweis: Die Autoren/Autorinnen handhaben dies individuell und soweit das generischen Maskulinum verwendet wird, ist dies selbstverständlich geschlechtsneutral zu verstehen. Coverfoto: Fotoquellen: Umschlaggestaltung, Layout und Produktionsplanung: Auflage: 500 Exemplare Printed in the EU • Gedruckt auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft.
3 Darüber wird hier berichtet, weil neben dem Austausch und Abgleich von Erinnerungen dort der Wunsch entstand, den damals 40jährigen Bestand der GAL/Grüne Steyr angemessen zu würdigen. Von mehreren genannten Ideen konn- te das Projekt einer Sammlung von Berichten, Dokumenten, politikhistorischen Betrachtungen und ausgewähltem Bildmaterial in Buchform tatsächlich auf den Weg gebracht werden, wenn auch mit Verzögerung. Der angepeilte Termin zum 40jährigen Jubiläum des Einzugs in den Steyrer Gemeinderat im November 2025 war nicht zu schaffen, aber ein gutes Jahr später geht sich´s jetzt aus. Zur Ordnung der wichtigsten thematischen As- pekte, der relevanten Dokumente und Materialien hat sich eine Gliederung in fünf Kapitel angebo- ten. In den Jahren vor 1984 waren die Parteigrün- der/innen in einschlägige Ereignisse und Projekte involviert, die wir im 1. Kapitel „Vorglühen“ be- handeln. Das 2. Kapitel berichtet über die Partei- Am 22. November 2024 versammelten sich fünf Teilnehmer der Gründungsversammlung der „Grüne Alternative Liste Steyr“ vom 24. November 1984: das grüne Urgestein Wolfgang „Jack“ Rubl, der Garstner Pädagogikexperte Georg Neuhauser, der erste GAL-Gemeinderat Franz Ramoser, der zweite GAL-Gemeinderat Karl Pragerstorfer und der erste Stadtrat der Steyrer Grünen Reinhard Kaufmann. VORWORT Kaufmann, Ramoser, Rubl, Pragerstorfer, Neuhauser mit GAL-Fahne im Christkindl Cafe
4 gründung und das knappe Jahr bis zum Einzug Franz Ramosers in den Gemeinderat. Für das 3. Kapitel über die Arbeit im Gemeinderat haben wir die bisherigen Gemeinderätinnen und Ge- meinderäte eingeladen, über ihre Erfahrungen zu berichten. Das 4. Kapitel „Themen“ schlägt einen weiten Bogen von wichtigen Anliegen der GAL und der Grünen über die Würdigung einzelner Persönlichkeiten, die Analyse eigener Medien, die Erinnerung an wichtige Orte und Veranstaltun- gen bis zu Hinweisen auf aktuelle Formate grü- nen Lebens in Steyr. Im 5. Kapitel fassen wir als „Außensicht“ Beiträge von Kooperationspartnern, Begleitern und Mitbewerberinnen zusammen, die uns entweder Texte übermittelt oder sich für ein Gespräch Zeit genommen haben. Trotz des grundsätzlich runden Eindrucks, den das Inhaltsverzeichnis und die Logik der Kapitel- folge erzeugen, ist das Ergebnis weit entfernt von einer vollständigen Darstellung des Gegenstands. Vollständigkeit wäre an sich schon ein unter optimalen Bedingungen nur schwer erreichbarer Anspruch. Der beschränkte Gesamtumfang als ökonomische Limitierung setzte einen Rahmen, der aber für sich allein Auswahlentscheidungen erzwang. Die mit Absicht gewählte Arbeitswei- se mit vielen Autorinnen und Autoren aus dem Kreis der tatsächlich handelnden Personen mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und Vorlieben (und leider einigen Absagen) in Verbindung mit der allgemeinen Knappheit der Ressource Zeit hat dazu geführt, dass manches Erwähnenswer- te nicht bearbeitet werden konnte und Lücken offenbleiben. Wir hoffen, mit diesem Buch trotzdem einen brauchbaren Beitrag zur Dokumentation dieses Teils der Steyrer Zeitgeschichte leisten und den Leserinnen und Lesern auch den einen oder an- deren Genuss bereiten zu können. Reinhard Kaufmann als Koordinator der Redaktions- und Autorengruppe.
5 Inhaltsübersicht 2 VORGLÜHEN ____ 7 Reinhard Kaufmann, Vorglühen – was der Gründung der GAL Steyr auch voraus ging ____ 9 Peter Prack, Wie man ein Grüner wird – meine Geschichte zur Gründung der GAL Steyr ____ 13 2 GRÜNDUNG DER GAL 1984 ____ 23 Wichtige Dokumente der jungen GAL Steyr, Reinhard Kaufmann ____ 25 Von der Gründung bis zum Einzug in den Gemeinderat, Georg Neuhauser, ____ 39 Rückblick 2026 – 1984, Waltraud Neuhauser-Pfeifer, Ruth Pohlhammer, Maria Lindinger, Reinhard Kaufmann ____ 43 3 IM GEMEINDERAT ____ 47 Franz Ramoser – der Mann der sich was traut … Interview Georg Neuhauser ____ 49 30 Jahre Grüne Steyr – „Wir sind dabei gewesen!“, Karl Pragerstorfer ____ 52 Erinnerung an Oskar Holub, – einem bunten Grünen, Reinhard Kaufmann ____ 56 Eva Scheucher – GAL-Spitzenkandidatin 1991, Reinhard Kaufmann ____ 58 Interview mit Kurt Apfelthaler, Georg Neuhauser ____ 60 Ein Berufsleben im grünen Biotop, Marco Vanek ____ 64 Gemeinderätin a. D. Ute Fanta, Interview Kurt Prack ____ 66 Basiskultur und Stadtsenat, Reinhard Kaufmann ____ 68 Natascha Payrleithner, Interview Reinhard Kaufmann ____ 71 Eine persönliche und politische Reise …, Maria Lindinger ____ 72 Bericht über meine Tätigkeit im Gemeinderat seit 2015, Kurt Prack ____ 74 Gemeinderätin sein, Ruth Pohlhammer ____ 76 Nicht vom Sofa aus – Verantwortung übernehmen in Steyr, Julia Greger ____ 77 Klimaneutralitätsfahrplan Steyr 2040, Kurt Prack ____ 78 Ein Baum der Grünen vor dem Museum Arbeitswelt, Reinhard Kaufmann ____ 81 Fotostrecke Gemeinderat, Wahlen, Feste … 1985 – 2021 ____ 82 4 EINZELTHEMEN DER GRÜNEN STEYR ____ 85 14 Jahre grünes Sprachrohr, Georg Neuhauser ____ 87 Grüne Bürgerzeitung – die Titelblätter ____ 93 „Jack“ – Wolfgang Rubl, grünes Urgestein, Reinhard Kaufmann ____ 95 Theresia Haidlmayr – Eine Grüne aus Steyr im Nationalrat, Reinhard Kaufmann ____ 98 Tatkräftige Mithilfe von Dieter Perkonigg ____ 99 „Rettet die fließende Enns“, … für die Erhaltung der Natur, Kurt Prack ____ 100 Ein autofreier Stadtplatz – Vision / Realität? Waltraud Neuhauser-Pfeifer ____ 102 „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, Georg Prack ____ 107 Jagd auf den Steyrer Panther!, Georg Neuhauser ____ 109 „Blaubraune Verirrungen“, … unabhängige Justitz?, Georg Neuhauser ____ 111 Eine besondere Erfahrung mit dem Rechtsstaat, Ruth Pohlhammer ____ 113 Die Lokale und Büros der Grünen, Reinhard Kaufmann ____ 115 Die Grünen im Steyrer Ballkalender – der GAL Gschnas ____ 120 Vollwertfilm, Maria Lindinger ____ 122 „Autokorrektur“ Ausstellung zu Perspektiven der Mobilität, Reinhard Kaufmann ____ 124 Steyrdorfsalon, Annemarie Niedereder-Mayr ____ 125 Gendermedizin am Weltfrauentag, Annemarie Niedereder-Mayr ____ 126 Die Grünen Generation Plus – Region Steyr, Maria Lindinger ____ 128
6 Inhaltsübersicht 5 AUSSENSICHT ____ 131 Gerald Winterleitner, Redaktion OÖ Nachrichten, Reinhard Kaufmann ____ 133 Die grüne Welle in Steyr …, Hans Stögmüller ____ 134 Politischer Mitbewerb …, Willi Hauser / Reinhard Kaufmann ____ 137 Die „Grünen“ in Steyr, Gunter Mayrhofer ____ 139 Freundliches und Kritisches einer Mitbewerberin, Michaela Frech ____ 140 Straßenprojekt Westspange, Grüngürtel statt Westspange ____ 141 Grüne in Steyr … aus der Sicht des Kontrollamtes, Thomas Schwingshackl ____ 142 Der Beitrag der Grünen zur Öffnung Steyrs, Christoph Jungwirth / R. Kaufmann) ____ 143 Blick aus Linz nach Steyr, Ulli Schwarz / Reinhard Kaufmann ____ 144 6 BILDERSAMMLUNG ____ 145 Plakate, Folder, Flyer … eine Auswahl grüner Drucksorten ____ 147 Literatur ____ 158 Zeitleiste 1979 – 1984 – 2026 ____ 159
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9 Peter Prack beschreibt in seinem Beitrag „Wie man ein Grüner wird …“ einige dieser Ereignisse und Entwicklungen, vor allem aus seiner persön- lichen Beteiligung und Politisierung heraus, sowie auch jene mit überregionalem Bezug wie im Reichraminger Hintergebirge, in der Anti-AKW- Bewegung und in Hainburg. Hier möchte ich einige spezifisch Steyrer Begebenheiten zwischen 1974 und 1984 ergänzen, die sich im Nachhinein als Etappen zur grünen Parteigründung lesen lassen. Schiffmeisterhaus Die Steyrer Protestbewegung in den 1970er Jahren entzündete sich an brutalen Tief- und Hochbauprojekten und der damit verbundenen Opferung als wertvoll empfundener historischer Gebäude. Der Bau der Schönauerbrücke als Teil des innerstädtischen Verkehrsrings mit der aus- ladenden Vorlandbrücke zu den zwei neu errich- teten Südportalen des Neutors als komfortable Einfahrt in die Altstadt, mit den anschließenden Kreuzungen Tomitzstraße/Leopold-Werndl-Stra- ße und Dukartstraße/Eisenstraße arrangierte die Landschaft und die Bebauung südlich der Alt- stadt an beiden Flussufern völlig neu und abge- sehen von der Flüssigkeit des Autoverkehrs nicht zum Besseren. Der imposante Schönauer Stadl und das hübsche Quartier am Beginn der Neu- schönau musste weitgehend weichen. Im Vorfeld der Stadtpfarrkirche wurden die ehemaligen Schradergründe mit der Stohl-Villa und Grün- flächen für den Bau des Konsum-Supermarkts „Forum Kaufhaus“ frei gemacht. Etwas weiter südwestlich wurde der Neulusthof mit Barock- fassade für den Neubau der Wirtschaftskammer demoliert. Als 1974 auch das kleine, sogenannte „Schiffmeisterhaus“ (erbaut 1617), das vom En- semble des Schönauer Stadls übriggeblieben war, für das (nie realisierte) Projekt eines Holiday-Inn- Hotels geschleift werden sollte, kam es zur ersten Protestdemonstration in Steyr seit den Oktober- streiks 1950. Manfred Brandl schreibt dazu: „Die Steyrer-Zeitung (Kerbl), aber auch Jugend- liche und überhaupt Denkmalbeflissene erkannten im Schiffmeisterhaus ein Symbol für den fort- schreitenden Sieg eines seelenlosen Kommerz und einer öden Zivilisation über Kulturgut aus der Vergangenheit.“ (Manfred Brandl, Neue Geschich- te von Steyr, Steyr 1980, Seite 50). Heribert Ma- der, dessen wichtige Rolle in unserer Politisierung auch Peter Prack anspricht, war ein wichtiger Ideengeber für diese Bewegung. Und auch an den leidenschaftlichen Uhrmacher Friedrich Schmollgruber als großzügigen Gast- geber vieler Besprechungen und Sponsor der Aktivisten soll hier erinnert werden. Außer der Straßendemonstration kümmerten wir uns auch um öffentliche Informations- und Diskussionsver- anstaltungen und mediale Wahrnehmung. VORGLÜHEN – Was der Gründung der GAL Steyr auch voraus ging Reinhard Kaufmann Die GAL Steyr wurde nicht plötzlich aus heiterem Himmel gegründet. Dieser Vorbereitung des Eintritts in die offizielle Kommunalpolitik ging ein Bündel von Initiativen und Versuchen voraus, auf gemeindepolitische Entscheidungen „außerparlamentarisch“ Einfluss zu nehmen. Das „Schiffmeister- haus“ 2026
10 Mit Unterstützung der Medien und des Bundes- denkmalamtes gelang es, das Schiffmeisterhaus zu erhalten. Seit 1987 dient es dem Schi-Klub Steyr als Vereinshaus. Im erfolgreichen Einsatz für seine Erhaltung gewannen wir wertvolle Er- fahrungen für den weniger Jahre später begin- nenden Kampf gegen die Zerstörung des histori- schen Wehrgrabens. Basiskultur und Wehrgraben Die Wiener Arena-Bewegung war sicher Anre- gung und Vorbild für ein neues Projekt unserer jungen alternativen Steyrer Community. Im Buch „Jugendkultur in Steyr 1979 – 1999“ gibt es dazu viel Information und eine lebendige Fotodoku- mentation. Aus meiner Sicht war der entschei- dende Entwicklungsschritt die Abkehr der Ak- tivistengruppe von der Forderung an die Stadt Steyr, ein Jugendkulturzentrum zur Verfügung zu stellen, und statt dessen die Selbstorganisati- on in Eigenverantwortung mit Vereinsgründung, Mietvertrag und autonom mit allen Anforde- rungen erstelltem Tagesbetrieb und Kulturpro- gramm zu wagen. Die dadurch gewährleistete Unabhängigkeit von der Stadt erleichterte ganz wesentlich den bald auf die Gründung folgen- den Widerstand gegen die Pläne der Stadt, den Wehrgrabenkanal zuzuschütten und den damals desolaten Stadtteil durch eine Primitivsanierung mit breiten Straßen, Parkplätzen und billigen Neubauten zu modernisieren. Manifest zur Erhaltung des Schiffmeister- hauses (1974) Kulturverein Basiskultur, Wehrgrabengasse (Titelbild „Jugendkultur in Steyr“) Als Basis für einen sehr kreativen Aktionismus wurde das Lokal der Basiskultur zum wichtigen Stützpunkt einer breiten gesellschaftlichen Koali- tion für die Erhaltung der historischen Qualitäten. Ihr Erfolg ermöglichte die heutige wunderbare Mischung aus hochwertigem Lern- und Kultur- campus, Erholungsraum und beliebtem Wohn- quartier, aus alter und neuer Architektur in einer auf viele Jahrhunderte Entwicklung zurückbli- ckenden Natur- und Kulturlandschaft.
11 Basissozialisten Eine andere Gruppe, aus der später auch Grün- der/innen der GAL hervorgingen, waren SPÖ- Mitglieder bzw. Gewerkschafter/innen oder Mit- glieder der Naturfreunde, die mit der Realpolitik der Sozialdemokratie unzufrieden waren, in der sie die eigenen programmatischen Grundsätze der Partei zu wenig wiedererkannten. Mit Franz Ramoser wurde ein „Basissozialist“ dann erster Spitzenkandidat und erster Gemeinderat der GAL. Denkwürdig war der 1. Mai 1980, als sich die Gruppe der Basissozialisten aus der Färbergasse kommend mit eigenem Transparent in den Zug der Sozialdemokraten von der Ennsleite auf ihrem Weg zur großen Kundgebung auf dem Stadtplatz einreihen wollte. Steyrer Tagebuch Die Idee zum Steyrer Tagebuch entstand in der Basiskultur, wo sich die davon unabhängig arbei- tende Redaktionsgruppe gerne traf. Der schöne Name wurde von der damals monatlich in Wien erscheinenden linken Kulturzeitschrift „Wiener Tagebuch“ abgeleitet. Inhaltlich waren wir stark lokal und weniger theorielastig orientiert. In der „Erklärung über die grundlegende Richtung des periodischen Mediums“ gemäß § 25 Abs. 4 Me- diengesetz in Steyrer Tagebuch Nr. 0 vom März 1982 werden Vorboten des späteren Programms der GAL erkennbar: „… wollen wir versuchen, Medienarbeit zur Förderung l basisdemokratischer Bewegungen l der Gleichberechtigung ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, sozialer Herkunft oder Alter l des Wissens um die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Umwelt, Reichtum und Armut l der breiten Diskussion gemeindepolitischer Angelegenheiten zu leisten.“ Verantwortlicher Redakteur dieser Ausgabe war Bruno Mendl (vielen vermutlich als Bruno Feigl bekannt), dessen Beitrag zur Entwicklung vieler wichtiger alternativer Projekte in Steyr gar nicht überschätzt werden kann. Gunter Bittermann fotografierte 2021 Bernhard Neuwirth und Reinhard Kaufmann vor der Zeitleiste im Stadtmuseum Der SPÖ-Bezirksparteiobmann und Landesrat Hermann Reichl stellte sich der Gruppe entgegen und vereinbarte schließlich Folgendes: Die „Basis- sozialisten“ dürfen im Rahmen der Sozialdemo- kraten am Maiaufmarsch teilnehmen, allerdings darf das Transparent nicht offen, sondern nur eingerollt mitgeführt werden. Bernhard Neuwirth übernahm diese Aufgabe mit Humor, Reinhard Kaufmann fotografierte ihn dabei. Das Foto hängt heute in der Zeitleiste des Stadtmuseums als Re- ferenz an die Bürgerinitiative „Rettet den Wehr- graben“, die von den Basissozialisten unterstützt wurde und bei dieser 1. Mai-Kundgebung auch mit kreativen Interventionen auf dem Stadtplatz für Aufmerksamkeit sorgte. Die Titelseite der Ausgabe 0, März 1982
12 Das Steyrer Tagebuch erschien in 25 Ausgaben von März 1982 bis Februar 1985. Über kommunalpolitische Themen und Missstände wurde regelmäßig berichtet bzw. kommentiert. Die Titelseite der Ausgabe 19, April 1984 Zwei Sonderbeilagen zum Wehrgraben (mit Beiträgen von vielen Autorinnen und Autoren verteilt über mehrere Tagebuch-Ausgaben im Jahr 1983) und über den 12. Feber 1934 (ein Text von Walter Wippersberg im Februar 1984) wid- meten sich ausführlich spezifisch Steyrer Themen. Eine Spezialität des Steyrer Tagebuchs waren Interviews, meist mit Steyrer Persönlichkeiten mit im weitesten Sinne politischem Hintergrund. Höhepunkt dieses Formats war jedoch das von Karl Pragerstorfer und Reinhard Kaufmann ge- führte Gespräch mit Alt-Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky in seiner Wiener Wohnung. Schwerpunkte des Gesprächs waren seine Erinnerungen an die Zwischenkriegszeit, in der er auch Steyr besucht hatte, und später die Fehler der Steyr-Daimler- Puch AG (Steyrer Tagebuch Nr. 18 Februar/März 1984 und Nr. 19 April 1984). Natürlich berichtete das Steyrer Tagebuch auch über die Gründung der GAL und gab ihren Propo- nenten Platz, die neue Partei vorzustellen. In der letzten Nummer 25 vom Februar 1985 erschien ein Interview mit mehreren Vertreter/inne/n der GAL. Im Sinne journalistischer Transparenz wurde einleitend auf die enge Verbindung einiger Re- daktionsmitglieder mit der GAL hingewiesen.
13 WIE MAN EIN GRÜNER WIRD – Meine persönliche Geschichte als ein Vorglühen zur Gründung der GAL Steyr von Peter Prack Ursprünge der Ökologie- und Anti-AKW-Bewegung – Rettet den Wehrgraben – Biologiestudium – Hintergebirge – Hainburg – Gründung der GAL Wolfgang Rubl (der Jack), Waltraud Pfeiffer (spä- ter Neuhauser-Pfeiffer), Helmut Rinösl, Franz Ramoser und ich – wir fünf trafen uns ungefähr ab Herbst 1983 regelmäßig, weil wir eine grüne Partei für Steyr gründen wollten, zu einem Zeit- punkt, da es die Grünen weder auf Bundes- noch auf Landesebene gab. Was es zu dieser Zeit schon gab, das waren die schwierigen Geburtswehen der Grünbewegung mit der Auseinandersetzung zwischen VertreterInnen einer ausgeprägt linken, betont basisdemokratischen Orientierung (Alter- native Liste Österreichs, ALÖ) und einer recht bür- gerlichen Strömung, die lediglich eine gründliche Ökologisierung unseres Wirtschaftens einforderte (Vereinte Grüne Österreichs, VGÖ). Ich könnte von meiner Teilnahme am Grün- dungskongress der ALÖ am 5. November 1982 berichten oder von einem Aufenthalt des VGÖ- Vorsitzenden Alexander Tollmann in Steyr, ein- schließlich eines Besuchs bei meiner Familie zu- hause am Taborweg. Das alles gehört nur insofern hierher, als der Konflikt ALÖ-VGÖ die Gründung und den Einzug der Grünen ins Parlament behin- dert und verzögert hat. In Steyr wollten wir diese Spaltung vermeiden und drückten das schon im Namen des Kindes aus, das wir aus der Taufe heben wollten: Grüne Alternative Liste Steyr soll- te es heißen - und GAL heißen die Steyrer Grünen in meinem Kopf und Herz bis heute. Doch bevor ich über die eigentliche Gründung und ihre Vorgeschichte weiter berichte, möchte ich über das nähere Umfeld dieses Prozesses erzählen, sozusagen den Humus, in dem es so grün keimte, und zwar aus der persönlichen Er- innerung. Vielleicht ist es ja interessant, was einen jungen Mann zum Mitgründer einer grünen Partei werden ließ. Und zugegeben – der junge Mann wurde Lehrer und kann´s nicht lassen, ein paar Lehren aus seinen Erfahrungen zu ziehen - dafür, was politischen Kampf motivieren und gelegent- lich auch erfolgreich machen kann. Erinnerungen an das politische Umfeld, die Ursprünge der Ökologie- und Anti-AKW-Bewegung Ich maturierte im Jahr 1978 am BG Steyr und studierte anschließend Biologie in Innsbruck, um ab 1983/84 in Steyr als Biologielehrer zu arbeiten, nach einem Probejahr am BRG für fast 40 Jahre an der Bildungsanstalt für Kindergartenpädago- gik (heute technokratisch Elementarpädagogik genannt). Das gehört vielleicht insofern hierher, als ich in allen Initiativen, in denen ich mitwirkte, mein Engagement für die Natur einbrachte, bald auch meine Fachkenntnisse, die ich vor allem durch meine Diplomarbeit über die Vegetation an der Unteren Steyr in praxisnaher Weise erwarb. Was mich, da ich mich an diese Arbeit setze, sehr berührt: Damals, ab 1978 und schon einige Jahre davor, war wirklich „extrem viel los“, ich war bei vielem davon dabei und meine Prägung für die Ökologiebewegung erfolgte schon in der frühes- ten Jugend. Meine Eltern, meinen Großvater und meinen Biologielehrer habe ich von Anfang an als Menschen in Erinnerung, die mir Liebe zur Natur ebenso nahebrachten wie Achtung vor anderen Lebewesen – und sehr bald auch Sorge. Sicher hatte die berühmte Ölkrise der frühen Siebziger Jahre, die immerhin zu Maßnahmen führte, die aus heutiger Sicht geradezu mutig erscheinen (ein autofreier Tag pro Woche war ab Jänner 1974 eine Weile lang Pflicht), als ein Weckruf gewirkt. Ihr war 1972 das Erscheinen des Buchs „Die Grenzen des Wachstums“ vorausge- gangen. Ich würde sagen, dass ungefähr ab 1974
14 das Heraufdämmern einer ökologischen Krise weiten Teilen der Bevölkerung bewusst gewor- den war. Das galt auch für meine Familie – wir kommentierten die Ölkrise als etwas im Grunde Begrüßenswertes, da sie hoffentlich das schon dringend nötige Umdenken einleiten werde. Wie tief traurig, dass wir uns darin geirrt haben! Andererseits war der Fortschrittsglaube in weiten Teilen von Politik und Bevölkerung ungebrochen. Paradigmatisch dafür war wieder ein Energie- thema: Der Glaube an die billige Energie aus dem Atom. Die Siebzierjahre waren nicht zuletzt eine Zeit intensiver Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ich erinnere mich sehr gut an einen Vor- trag über Kernkraft im Schloss Lamberg, zu dem uns unser Biologielehrer mitnahm - ich muss ungefähr siebzehn Jahre alt gewesen sein. Die österreichische Anti-AKW-Bewegung kulminierte bekanntlich in der Volksabstimmung über die In- betriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf am 5. November 1978. Dieses Datum brauche ich bis heute nicht zu recherchieren, weil es mir wie kein anderes politisches Ereignis freudig in Er- innerung geblieben ist! Damals war man erst mit 19 Jahren wahlberechtigt – es schmerzte mich ungemein, dass ich mit achtzehneinhalb Jahren Zuschauer bei der Abstimmung bleiben musste. Die Begeisterung über das Ergebnis werde ich nie vergessen, ein Sieg von David gegen Goliath war wahr geworden. Für mich war das eine politische Urerfahrung: Wir Menschen sind NICHT MACHT- LOS! Es zahlt sich aus, sich einzusetzen. Die Bürgerinitiativen gegen die Atomkraft waren, wie bestens bekannt ist, ein ganz wesentlicher Teil des Grundes, aus dem grüne Politik erwuchs. Eine Serie politischer Ereignisse begab sich eini- ge Jahre später, die mich mit dem gleichen Grad an Begeisterung erfüllten, wie „Zwentendorf“. Wieder hat es für mich auch mit „Anti-Atom“ zumindest indirekt zu tun. Herbst 1989: Als Teil einer Gruppe von Anti-Atom-AktivistInnen reiste ich in die Tschechoslowakei, auch andere Steyrer Grüne waren in der kleinen Gruppe. Wir suchten Kontakt mit den wenigen TschechInnen, die dem AKW-Projekt Temelin kritisch gegenüberstanden. Am 31.10.1989 übernachteten wir in einem Hotel in Budweis. Wir wussten schon: da tut sich was in der DDR. Es waren die Tage, als die Prager Bot- schaft von DDR-Flüchtlingen überging und das DDR-Regime in den allerletzten Zügen lag. Wir fragten unsere tschechischen Bekannten, ob so etwas auch bei ihnen denkbar sei. Sie antwor- teten, dass sie das nicht wüssten, vielleicht in fünf Jahren? Vielleicht in zwei? Vielleicht nie? Zu Allerheiligen fuhren wir wieder heim. Und nicht fünf Jahre später war es so weit, sondern nach 10 Tagen! Da waren am Prager Wenzelsplatz 800 000 Menschen versammelt und spülten das kommunistische Regime mit der Wucht ihrer sanften Begeisterung einfach fort. Ja, die Ereig- nisse um 1989 erfüllten mich ein weiteres Mal mit heller Begeisterung und der Überzeugung, dass „das Volk“ fast alles kann. Doch zurück nach Steyr und in eine etwas frühe- re Zeit: Neben meinem Biologielehrer war auch mein Professor für Bildnerische Erziehung eine prägende Persönlichkeit, in Sachen Engagement für die eigene Umwelt sogar noch konkreter. Es war Heribert Mader, der als Speerspitze der In- itiative zur Rettung des Wehrgrabens für Steyr äußerst Wichtiges geleistet hat. Der „Onkel He- ribert“, Mader war Kollege meiner Mutter am BG Steyr und unsere Familien waren befreundet, hat- te schon 1974 mit einer Initiative gegen die De- montage des Schiffmeisterhauses erste Schritte im Kampf für die Steyrer Stadterhaltung gesetzt. Auch den Wehrgraben, ein einerseits wunder- schönes, andererseits aber geradezu vergessenes und sehr heruntergekommenes Stadtviertel, ver- suchte er ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu holen. Ich berichte wieder von eigenen Erlebnissen. Rettet den Wehrgraben Es wird im Juni 1976 gewesen sein – da organi- sierte Professor Mader eine große Müllbergungs- aktion aus dem Wehrgrabenkanal, bei der ich als sechzehnjähriger Schüler dabei war. Der Zufluss aus der Steyr in den Wehrgraben beim Annawehr wurde geschlossen, der „Kanal“ lief langsam, aber natürlich an den tieferen Stellen nur teilweise, in den Fluss hinein aus und 400 Schülerinnen und Schüler stiegen mit Gummistiefeln und Arbeits- handschuhen hinein. Ich weiß nicht mehr, wie viele Lastautos wir mit allem möglichen Gerüm- pel befüllt haben! Dabei war die Reinigung des Gerinnes sicher nicht der wichtigste Effekt. Ich bin sicher nicht der Einzige, der sich von damals gemerkt hat: Man kann etwas tun, man muss nicht immer Zuschauer im gesellschaftlichen, im politischen Geschehen sein. Und wir Jugend- lichen waren auch nicht die einzigen, die erfahren haben, dass der Wehrgraben gerade durch seine
15 durchflossenen „Kanäle“ ein ganz besonderer, reizvoller Stadtteil ist. Die Sache ging durch die Medien und war einer der ersten Weckrufe zur Erhaltung und Belebung dieses uralten Stadtteils. Mader verstand es als Lehrer ganz ausgezeich- net, künstlerische Bildung mit kämpferischen Anliegen zu vereinen. Wir waren überall in der Stadt zeichnend und aquarellierend unterwegs, lernten zu schauen und kritisch wahrzunehmen. Ein Erlebnis, das sich mir dabei besonders ein- geprägt hat: Wir aquarellierten die ehemaligen Hackwerke, das heutige Museum Arbeitswelt. Die alte Messerfabrik war damals in zwar roman- tischem, aber auch schon bedenklichem Verfall begriffen. Was mir dabei ganz besonders gefiel: Als Ort meines Arbeitens hatte ich mit drei, vier anderen aus der Klasse über eine Feuerleiter ein flaches Dach erklettert. Dort oben, genau ge- genüber den Hackwerken in luftiger Höhe über dem munter durchströmten Gerinne sitzend, werkten wir konzentriert. Ich vermute – und be- daure - dass sich heute kein Lehrer mehr trauen würde, so etwas zuzulassen - es war einfach ein Gesamterlebnis! Dann suchte Prof. Mader die besten Werke aus und organisierte eine Aus- stellung im Linzer Ursulinenhof - eine weitere Aktion zur Stärkung des Bewusstseins von der Bedeutung dieses Stadtteils. Bei der Vernis- sage konnte ich übrigens mein Bild, das einen Preis gewonnen hatte, bewundern. Ich habe es noch immer. Peters Wehrgraben Aquarell
16 Biologiestudium Bevor ich von meiner ersten Bürgerinitiative, dem Verein „Rettet den Wehrgraben“, erzähle, möchte ich ein paar Worte zu meinem Studium sagen. Die Studienrichtung Biologie habe ich anderen Optionen vorgezogen, weil ich Fachkenntnis für das erwerben wollte, was mir längst ein Anliegen war – der Schutz der Natur und unserer öko- logischen Lebensgrundlagen. Interessant habe ich Lebensprozesse und die Natur auch abseits der Besorgnis immer gefunden. Innsbruck als Studienort war für mich die richtige Wahl, weil ich bergsteigen wollte. Nun, die Innsbrucker Universität hat mir eine gute fachliche Bildung geboten, aber sehr kämpfe- risch war man dort nicht – mit einer Ausnahme. Diese lernte ich in Person von Dr. Georg Grab- herr kennen, der nicht umsonst später Vorstand des Departments für Naturschutzbiologie an der Universität Wien wurde. So fragte ich ihn, ob ich meine Diplomarbeit bei ihm machen könne. Botanisch praktisch ohne Vorwissen, nahm ich mir viel vor: Die Erhebung der Vegetation an der Unteren Steyr. Ich wollte konkrete Kenntnisse im Freiland erwerben und das Handwerkszeug für praktischen Naturschutz erlernen. Selbstver- ständlich spielte meine Verbundenheit mit meiner Heimatstadt, die kindliche Kenntnis der Badeplät- ze in Rosenegg und die Sorge um dieses stadt- nahe Paradies bei dieser Wahl eine große Rolle. Ältere Steyrerinnen und Steyrer werden sich noch an den Skandal um die Fällung wunderschöner Eichen beim ehemaligen Fußballplatz Rosenegg erinnern. Ja, auch da entdecke ich eine meiner frühen Wurzeln – Begehungen mit dem dama- ligen Naturschutzlandesrat, Karl Grünner hat er geheißen, ein Roter war er, einer der nettesten und bescheidensten, die ich auf der politischen Bühne kennen lernen sollte, mit einem überaus selbstherrlichen Grundeigentümer und engagier- ten Bürgern, die ich bald „wieder kennenlernen“ sollte, als es ums Hintergebirge ging. Natürlich gab es unter StudentInnen alle mög- lichen Ökodebatten und sicher auch andere politische Diskussionen. Dass Politik breiter agieren muss als auf der Ökoschiene allein, habe ich später als andere verstanden. Zwar bin ich nach wie vor Fan des Spruchs: „Grün ist nicht links oder rechts, sondern vorne!“, aber letztlich habe ich sehr wohl begriffen, dass Solidarität das wichtigste Anliegen und Werkzeug ist, um Menschen zu helfen, sie zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, „sich in ihre eignen Angele- genheiten einzumischen“ (so ein weiterer Sager der frühen Grünbewegung). So bin ich schließlich auf beiden Beinen „links“, sagen wir: links-vor- ne, gelandet. Von einem politischen Urerlebnis aus meiner Studentenzeit möchte ich jedenfalls erzählen. Es war ein Vortrag im kleinen, aber dichten Kreis, mit langer Diskussion im Anschluss. Der unerhört charismatische Vortragende war ein von der Energie seines Sprechens abgesehen fast zerbrechlich wirkender, alter Herr. Es war Paul Blau, der Ehemann von Freda Meißner-Blau, unter deren Führung den Grünen etwa sechs Jahre später der erste Einzug ins Parlament gelang. Ich ging glühend heim. Gern hätte ich eine Kopie des Briefs, den ich Paul Blau nachher schrieb. Den Kern dessen, was ich ihm sagen wollte, weiß ich noch. Seine Rede war ein flammender Aufruf zum Engagement gewesen, im Kern zum Aufbau einer neuen, politischen Kraft. Und ich, etwa zwanzig- jährig, versprach ihm das. Wenn ich auch nicht ganz gehalten habe, was mir jugendliche Selbst- überschätzung nahelegte – immerhin, an der Gründung der GAL war ich von Anfang an dabei (und ein paar Jahrzehnte später initiierte ich die Gründung der Grünen Kronstorf). Wenn ich zwischen Innsbruck und Steyr herum- springe, so entspricht das meinem damaligen Leben. Und in Steyr taten sich wenig erfreuliche Dinge. Die SPÖ Steyr unter ihrem damaligen Bürgermeister Franz Weiss fasste den Plan, im Wehrgraben das Gerinne zuzuschütten, womit dem Stadtteil gerade seine Lebensader, sein besonderer Charakter, genommen worden wäre. Den Anstoß dafür gaben Erfordernisse der Kana- lisation: In den späten siebziger Jahren wurden in ganz Österreich, so auch in Steyr, endlich Kläran- lagen geplant. Es war klar, dass ein starker Kanal- strang ungefähr im Bereich des Wehrgrabens verlegt werden musste. Und da entstand die Idee: am einfachsten und billigsten wäre es, den Kanal in den „Kanal“ zu legen, in den Wehrgrabenkanal, den man dann zuschütten würde. Gegen diese Zerstörung des historischen Stadt- teils bildeten sich mehrere Initiativen, die schließ- lich in die Gründung des Vereins „Rettet den Wehrgraben“ mündeten (Gründungsversamm- lung am 14.4.1982). Heribert Mader wurde ein- stimmig zu seinem Obmann gewählt.
17 Soweit es mir mein Studium ermöglichte, war ich bei Sitzungen und Veranstaltungen dabei. Ich habe keine Ahnung mehr, wie das Kassabuch des Vereins „Rettet den Wehrgraben“ bei mir gelan- det ist. jedenfalls liegt neben mir auf dem Tisch die Liste der 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Versammlung zur Vorbereitung der Grün- dung am 22.3.1982, einschließlich der von ihnen gegebenen Spenden: Der Verein konnte sich nur aus den Beiträgen seiner Mitglieder finanzieren. Die Namen im Kassabuch reichen von honorigen BildungsbürgerInnen, gestandenen Gewerbe- treibenden und KünstlerInnen bis zu jungen, kritischen Leuten. Dieses AN-EINEM-STRANG- ZIEHEN ganz verschiedener Menschen erlebte ich wenig später wieder – in den Initiativen zur Rettung des Hintergebirges. Ich dürfte mit meinen 21 Jahren der Jüngste im Kreis der Wehrgrabenretter gewesen sein, aber ich fühlte mich durchaus ernst genommen. Ich erinnere mich auch an erste eigene Diskussions- beiträge, anknüpfend an meine damals schon an- laufende Diplomarbeit: Den Wehrgraben begriff ich als eine Fortsetzung der Au in die Stadt hinein und finde an meiner damaligen Formulierung von der „einmalig harmonischen Verknüpfung von Natur und Stadt“ auch heute nichts auszusetzen. In gewissem Sinn verfolgte ich schon eine eigene Strategie: neben dem Wehrgraben auch die Unte- re Steyr stärker ins Bewusstsein zu rücken, selbst- veständlich nicht als konkurrierende, sondern als einander unterstützende Anliegen: Das natürliche Umfeld und die naturdurchdrungene Altstadt, fließendes Wasser hier wie dort, Wohnqualität, Denkmalschutz, Naturerleben, Naturschutz. Dass die Sache mit dem Wehrgraben gut aus- gegangen ist, wissen wir. Ihre Geschichte ist mehrfach dokumentiert. Ich möchte nur noch von einem besonderen Erlebnis berichten, der Podi- umsdiskussion am 2. Juni 1982 im Casino Steyr. Das Podium war prominent besetzt. Zu allererst ist sicher Arch. Prof. Dr. Roland Rainer, damals Präsident des österreichischen Kunstsenats und einer der namhaftesten Architekten Österreichs zu nennen, der mitteilte: „Der Wehrgraben steht unter Denkmalschutz!“ Mir blieb auch in Erinne- rung, dass ich einen anderen Professor im VW- Käfer meiner Mutter aus Krems abgeholt habe, Dr. Harry Kühnel, der dort für die Altstadterhal- tung zuständig war. Dabei hatte ich eben erst den Führerschein gemacht – ökologisch gesonnen, wollte ich gar kein Auto und hatte es mit 18 Jah- ren nicht eilig gehabt. Aber wenn schon, für den guten Zweck setzte ich mich hinters Lenkrad – ich weiß nicht, ob sich mein prominenter Fahrgast neben dem unerfahrenen Chauffeur gefürchtet hat. Die Diskussion mit den „Zuschüttern“ war hitzig. Auf Seiten der Kämpfer für die Erhaltung des Wehrgrabens ist mir dagegen gerade der achtungsvolle Umgang zwischen Steyrer „Revo- luzzern“ und dem honorigen Podium in Erinne- rung, besonders ein Statement von Bruno Mendl, unserem Steyrer Stern der alternativen Lebens- art und Professor Rainers zustimmend-positive Antwort. Am 25. Juni 1982 vollzog Bürgermeister Weiss unter den Druck der Öffentlichkeit und des Bun- desdenkmalamts einen 180 Grad-Schwenk und verkündete, dass die Wasserläufe des Wehrgra- bens unbehelligt bleiben würden. Das Engage- ment für die Revitalisierung des Stadtteiles ging weiter und fand einen frühen Höhepunkt in der Neugestaltung der Hackwerke, die als Museum Arbeitswelt mit der ersten Ausstellung im Jahr 1987 eine Auferstehung erlebten. Natürlich ver- ebbte viel vom kämpferischen Schwung. Nur ein kleiner Teil der Bürgerinnen und Bürger, die damals aktiv geworden waren, war auch bereit, langfristig für die Anliegen der Stadt aktiv zu bleiben. Einen möchte ich herausheben, zumal er über das Einzelanliegen hinaus, das so ver- schiedene Menschen vereint hatte, als integrative Persönlichkeit wirksam blieb: Auch wenn er nicht zum Mitgründer einer grünen Gruppe wurde, Fritz Schmollgruber (1935-2022) haben wir alle als einen Menschen in Erinnerung, auf den man in ökologischen und städtebaulichen Anliegen immer zählen konnte, zuletzt noch im Rahmen des Vereins „Rettet die fließende Enns“ (2011/12, gegen ein Kraftwerk in der Enns bei der Reder- brücke). Und ein kurzes Durchzählen auf der Liste der 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der oben erwähnten Vor-Gründungsversammlung ergibt: Sechs von ihnen waren in der Folge zentrale Figuren in der GAL. Hintergebirge Wie schon erwähnt, es war viel los, viel auf ein- mal. Im Oktober 1981 wurde bekannt, dass die VÖEST ausgerechnet die wunderschöne und einsame Landschaft des Hintergebirges dazu aus- erkoren hatte, dort weit reichende Kanonen zu testen. Vermutlich war man davon ausgegangen,
18 dass diese großräumig unbesiedelte Gegend nur wenigen Menschen bekannt sein dürfte und dass Proteste daher schwach ausfallen würden. Erste- res mag gestimmt haben, Zweiteres erwies sich dennoch als Irrtum. Die Wenigen, denen das Hin- tergebirge bekannt und ein Anliegen war, haben sich ordentlich ins Zeug gelegt und entfalteten in der Folge Breitenwirkung. Ich war in Steyr dabei, wo im November 1981 die Aktionsgemeinschaft Hintergebirge gegründet wurde. Horst Maisser, Professor für Biologie am BRG, war ihr Obmann. Ein Kollege von ihm, Herbert Heiml, dazu Otto Harant und Fritz Schamberger, das waren vier aus meiner damaligen Sicht schon sehr erwachsene Herren, die mich, den 21-Jährigen, aber gern in ihrer Mitte aufnahmen. Unter anderem wurden sehr rasch 30.000 Unterschriften gegen die nie- mandem sympathischen Kanonen gesammelt. An allzu viele Details erinnere ich mich nicht mehr, aber unvergesslich ist mir eine Sitzung unserer kleinen Gruppe im Sommer 1982: Die Nachricht, dass die VÖEST ihre Pläne eingestellt hatte, der Grund zum Feiern, wurde innerhalb von Tagen durch eine andere eingeholt: dass näm- lich die Ennskraftwerke-AG die Errichtung zweier Speicherkraftwerke im Hintergebirge planten. Also wurde nichts aus der Siegesfeier. Erste Informationen über das Projekts – am Reichramingbach sollten zwei Staumauern mit 100 und 80 Metern Höhe errichtet werden! – machten uns schnell klar: das wäre eine noch gründlichere Zerstörung der Natur als es die Kanonen gewesen wären. Ich erinnere mich gut an unser gemeinsames Brüten: Es war leicht gewesen, gegen Kanonen zu mobilisieren – würde uns das auch im Kampf gegen die angeb- lich doch ach so saubere Wasserkraft gelingen? Wie auch immer, die kämpferische Stimmung gewann die Oberhand. Wir überlegten: Speicher- „Seen“ sind - wenn überhaupt – nur während eines kleinen Teils des Jahrs voll und zeigen sonst nackte, hässliche Ufer. Kein Organismus kann sich daran anpassen, ein halbes Jahr trocken zu liegen und dann wieder monatelang überstaut zu sein – und bei 100 Metern Tiefe ergäben sich sehr brei- te, hässlich-tote Zonen. Das sollte vermittelbar sein. So gingen wir an die Arbeit, die Ennskraft- werke allerdings auch. Es war natürlich ein Kampf David gegen Goliath – und er ging auch so aus! Ich greife nur ein paar Erinnerungen heraus: EnergieexpertInnen Was war gegen Wasserkraft zu sagen? Ich habe schon angedeutet, dass sie in diesem Fall kaum als sauber hätte gelten können, spare mir hier eine breite Erörterung der Tatsache, dass das leider durchaus allgemein gilt und halte nur noch- mals fest: Für Speicherkraftwerke, wie sie hier geplant waren, gilt es in ganz besonderem Maß. Aber müsste man nicht aus energiewirtschaft- licher Dringlichkeit „die Krot schlucken“? Nun, wir wurden zu EnergieexpertInnen. So fanden wir he- raus, dass der Jahresertrag des Kraftwerks gera- de einmal 0,23% des damaligen österreichischen Strombedarfs entsprochen hätte! Schon 1982 wurde in Österreich mit Energie nicht sparsam umgegangen – wir argumentierten, dass sich die Produktion der geplanten Kraftwerke leicht durch Einsparungen ersetzen ließe. Dabei ignorierten wir nicht, dass Speicherkraftwerke abrufbaren „Spitzenstrom“ bereitstellen. Die geringe Höhen- lage der projektierten Kraftwerke machte sie aber im Vergleich zu Speicherseen im Hochgebirge reichlich uninteressant. In den teuren Broschüren, die die Ennskraftwerke leicht finanzieren und „unters Volk“ bringen konn- ten, klang das alles natürlich anders. Wir konnten allenfalls schwarz-weiße Flugblätter aus eigener Tasche und aus spärlichen Spenden finanzieren, selbstverständlich auf der Basis eigener Recher- chen, was in dieser Zeit vor dem Internet weit aufwändiger als heute war. So rüsteten wir uns für öffentliche Veranstaltungen mit ökologischen
19 und energiewirtschaftlich-ökonomischen Argumenten. Das Verhindern allein war unsere Sache nicht. Neben persönlichen Diskussionen, Flugblättern, Informationstischen in Steyr, Unter- schriftensammlungen auch in den Ennstalge- meinden etc. trugen wir unsere Argumente auch an „höhere Stellen“ heran. Besonders in Erinne- rung ist mir ein Termin beim Generaldirektor der Verbundgesellschaft, die nach wie vor Hälfte- eigentümerin der Ennskraft-AG ist. Wir waren zu zweit – Herbert Heiml als Physikprofessor beson- ders kompetent, und ich, höchstens 22 Jahre alt. Ich kann nicht sagen, was mich mehr beeindruckt hat: die herrschaftliche Atmosphäre in der Ge- neraldirektion, das fürstlich-herablassende Auf- treten des Generaldirektors Walter Fremuth, als er uns gnädig empfing – oder seine Inkompetenz! Ich werde nicht vergessen, dass er die gröbsten Daten zu Österreichs Energieversorgung nicht im Kopf hatte. Er musste herumtelefonierten, um unsere Fragen beantworten zu können. Was wir damals lernten, hat mich als intellektuel- les Handwerkszeug über die Jahrzehnte begleitet. Es ermöglichte mir die kritische Einordnung der Kraftwerkspläne in Hainburg, eine schnelle Diag- nose zur Unsinnigkeit eines Kraftwerks Rederbrü- cke in Steyr und viele weitere Beurteilungen. Leider hat sich an der Energiepolitik seit dem Kampf ums Hintergebirge das Grundsätzliche nicht geän- dert. Weiter gilt es als Aufgabe der Energiepolitik, Energie praktisch um jeden Preis bereitzustellen. Da- bei denke ich vor allem an den ökologischen Preis – keine Energiequelle ist völlig sauber oder gar schön! Positiv ist, dass fossile Energieträger, und wenigstens in Österreich auch die Atomkraft, nicht als zukunfts- fähig gesehen werden. Aber es geht sich alles nicht aus, es fehlt die Gesamtperspektive: Eine umwelt- und naturverträgliche Energiever- sorgung muss gemeinsam mit neuen, erneuer- baren Energiequellen die Einsparung an allererster Stelle stellen! Die Frage lautet nicht: „Wie decken wir den Bedarf?“ (dabei zulassend, dass er dau- ernd wächst!), sondern: Wie führen wir Bedarf und umweltfreundliches Energiepotential zusammen? Im Rahmen solch einer Gesamtkonzeption bin ich persönlich auch für Opfer an Natur und Landschaft breit, weil sie dann - und nur dann! - einen Sinn haben. Das Hintergebirge lohnt ein solches Opfer ganz sicher nicht. (Es geht vor allem um Windräder und PV-Anlagen). Basisgruppe Wenig später als in Steyr begann auch der Wi- derstand im Ennstal. Es formierte sich die Basis- gruppe Schützt das Hintergebirge. Wie schon der Name andeutet: Es waren „Junge Wilde“, die da aufstanden, in Großraming, in Reichraming, in Losenstein. Mir ging es ein Bisschen so, wie in der Einleitung beschrieben: Wieder hatte ich, selber ein Steyrer Lehrerkind, mit mehr oder weniger honorigen Herrschaften bürgerlichen Zuschnitts (Aktionsgemeinschaft) meine Aktivitäten begon- nen. Wieder kam ich nun in Kontakt mit Jünge- ren, mit Alternativen, mit langhaarigen jungen Leuten beiderlei Geschlechts. Es ging mir da aber viel besser: eine Spaltung gab es nicht! Von Anfang an war gegenseitiger Respekt da – alle waren vereint im Anliegen. Ich weiß nicht, wie oft wir von Steyr aus nach Losenstein zum Gasthof Blasl gefahren sind, wo wir gemeinsam unseren Kampf besprachen, planten, abstimmten. Ein früher Höhepunkt, die Basisgruppe war eben erst gegründet, aber schon fest dabei, war eine von uns organisierte Podiumsdiskussion über die Zukunft des Hintergebirges im November 1982. Sie kommt mir atmosphärisch mit der schon er- wähnten Diskussion zum Wehrgraben im gleichen, gleich vollen Saal (Casino Steyr) durcheinander. Die Stimmung war erst recht sehr aufgeheizt. Professor Maisser hatte „die Wissen- schaft“ beigezogen, vertreten durch Dr. Peter Weihs (Boku Wien, Uni Wien) und Dr. Bernd Lötsch (Uni Salzburg), zwei unermüdliche Kämpfer für Natur und Umwelt. Für die Energiewirtschaft saß OKA-Generaldi- rektor Erwin Wenzl auf dem Podium. Dr. Peter Huemer vom ORF hatte als sachlich ruhiger Moderator einen schweren Stand. In den Enns- talgemeinden hatten die Bürgermeister für die Kraftwerke mobilisiert. Besonders der SPÖ-Bür- germeister von Reichraming, Udo Block, war uns Naturschützern gegenüber sehr negativ ein- gestellt und versuchte, „seine“ Arbeiter gegen die Verhinderer des Fortschritts in Stellung zu bringen. So ging es bei einer weiteren Podiums- diskussion in Reichraming noch wilder zu. Bernd Lötsch wurde von einem Kraftwerksbefürworter quer durch den Saal eine unflätige Morddrohung zugeschrien. Gilt bei so etwas schwere Alkoholi- sierung als Milderungsgrund??
20 Weitere Hintergebirgeschnipsel Sprechtag bei Landeshauptmann Dr. Josef Rat- zenböck – das muss im Winter oder im zeitigen Frühjahr 1984 gewesen sein, denn mein Sohn war als Baby mit dabei, meine Frau natürlich eben- so, nicht nur, weil das Baby noch gestillt wurde, sondern wie wir alle in „zorniger Begeisterung“. Wir, zirka 20 Leute, waren um mindestens fünf Uhr früh dort, warteten dann lange und wurden schließlich vom Landeshauptmann zwar einge- lassen, aber in recht eisiger Atmosphäre stehend abgefertigt. Schade fast, dass mein Sohn dazu nicht geschrien hat! Nationalparkidee: Wolfgang Heitzmann aus Steyr, damals Geografiestundent, war es, der sich traute: Er postulierte: Das Hintergebirge soll ein Nationalpark werden! Dabei war erst kurz davor, 1981, der erste Nationalpark Österreichs einge- richtet worden, in den Hohen Tauern. Die Nationalparkidee erschien zunächst auch einem Teil von uns hoch gegriffen. Ökologische Gutachten (Univ. Prof. Wolkinger, Graz) bestätig- ten aber nicht nur die negativen Auswirkungen eines allfälligen Kraftwerksbaus, sondern auch die Nationalparkwürdigkeit des größten, geschlossen unbewohnten Buchenwaldgebiets Österreichs mit seinen naturbelassenen Bächen. Und wieder haben wir gelernt: Bei den Alternativen darf man nicht zu klein denken. Wahrscheinlich war es die Strahlkraft der Nationalparkidee, die gemeinsam mit der energiepolitischen Entlarvung des Pro- jekts den Stimmungsumschwung brachte! Baustellenbesetzung: Im Juni 1984 begannen die Ennskraftwerke mit Probebohrungen an der Stelle der geplanten ersten Staumauer. Diese Baustelle haben Kraftwerksgegner wochenlang besetzt und so weitere Arbeiten verhindert. Der mediale Aufruhr war vielleicht noch wichtiger. Ich war damals schon als Lehrer im Probejahr am BRG Steyr verpflichtet und konnte nicht sehr viel dabei sein. Trotzdem erinnere ich mich an die Situation sehr gut. Die Leute der Basisgruppe, Studentinnen und Studenten aus Wien, Promis wie Günther Nenning - das rund um die Uhr be- setzte Camp war sehr bunt. Dazu die Almbauern, die uns mit Milch und anderen ihrer Erzeugnisse versorgten – es war wieder das ganz besondere Erleben von Solidarität über vermeintliche Gren- zen hinweg. Bekannt ist, dass das Ganze für vier- zehn von uns mit einer Anklage wegen Besitz- störung und einem Gerichtsverfahren in Weyer endete. Der Stress der Beteiligten, die mit hohen Strafen bedroht waren, war groß. Aus fürs Kraftwerksprojekt, Nationalpark und der Steinerne Saal Nachdem sich die öffentliche Meinung gegen das Projekt gewendet hatte, nachdem zumindest ein Teil der Lokalpolitiker von der Unterstützung zur Gegnerschaft gewechselt hatte und nachdem von Seiten des zuständigen Ministers Steger die energiewirtschaftliche Sinnhaftigkeit als nicht gegeben eingestuft worden war, zogen die EKW ihr Projekt im April 1985 zurück! Es dauerte dann noch bis zum 25. Juli 1997, bis der Nationalpark Kalkalpen gegründet wurde. Wieder eine Lehre und eine Parallele: Mit dem Verhindern ist es nicht getan – wie im Wehrgraben gab es für die Ab- sicherung und Ausgestaltung des Erfolgs nachher noch sehr viel Arbeit. Und mit dem Steinernen Saal, das war so: Ich weiß nicht mehr, ob es das Jubiläum vom April 1985 war oder vom Juli 1997 - jedenfalls lud zu einem runden Datum (30 Jahre kein Kraft- werk im Jahr 2015?) Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer uns Langhaarige und Verhinderer von damals zu einer Ehrung ins Linzer Landhaus ein – als Dank dafür, dass wir den Weg für die Erhal- tung der Natur und die Erklärung des Hinterge- birges zum Nationalpark offengehalten und uns für diese Idee eingesetzt hatten. Es war schön und eindrucksvoll, Politik einmal als lernfähig zu erleben – Pühringer war Sekretär von Landes- hauptmann Ratzenböck zur heißesten Zeit ge- wesen – ich habe diesen als ursprünglich starken Kraftwerksbefürworter schon erwähnt. Pfeil der Kreativität Schließen möchte ich diesen kleinen, höchst unvoll- ständigen Erinnerungsreigen zum Hintergebirge mit folgender Episode. Wir fragen uns: Wie zeigt man Leuten, wie eine 100 Meter hohe Staumauer am Eingang des Hintergebirges bei der Kalblingmauer aussehen würde? Wie verschafft man ihnen ein Bild davon? Da ist irgendwem von uns etwas Tolles eingefallen – ich weiß nicht, wem die Ehre für diese Idee gebührt und schreibe frech und in alter Ver- bundenheit „wir“: Wir schossen mit einem starken Bogen einen Pfeil von einer Talseite zur anderen, gerade 100 Meter überm Bach. Dem Pfeil hatten wir eine leichte, dünne Angelschnur mitgegeben. Mit dieser konnten wir dann ein Seil über das Tal ziehen
21 und an dem ein zweites mit einer großen Zahl rot- weiß-roter Baustellenbänder, jeweils einige Meter lang und in wenigen Metern Abstand. Die Staumau- er war eindrucksvoll visualisiert - und sie war wahn- sinnig hoch! Irgendwie muss unsere Aktion respekt- gebietend gewesen sein – die Bänder hingen lang, niemand zerstörte dieses Werk kreativen Protests. Hainburg Ja, das war auch noch im Jahr 1984! Nach Zwen- tendorf war es wohl die Auseinandersetzung um ein Donaukraftwerk bei Hainburg, die am meisten zur Entstehung der Grünen in Österreich beitrug. Als junger Lehrer hatte ich am 8. Dezember frei und konnte an einer Kundgebung in der schon leicht verschneiten Stopfenreuther Au teilneh- men, zu der mehrere tausend Menschen ge- kommen waren. Ein wenig ungläubig, aber noch viel mehr begeistert, hörte ich den Aufruf eines Redners, die Au, also ein recht großes Gebiet, zu besetzen! Ich musste zurück „in die Schule“ – die Besetzung kam tatsächlich zustande und konnte sich vor allem auf viele hundert Studentinnen und Studenten, nicht nur aus Wien, stützen. Und ein- mal ging es sich vor Weihnachten auch für mich und eine Gruppe aus Steyr aus: In Jack Rubls al- tem, roten VW-Bus fuhren wir hin und verbrach- ten eine kalte Zeltnacht in der Au. Ich wusste, dass ein Freund aus Innsbruck da war – gesehen habe ich ihn nicht. Wir waren viele und Handys gabs noch lange nicht. Kälter als im Zelt war mir übrigens im Bus vom Jack! Gründung der GAL Jetzt aber endlich zurück zur Gründung: Ich kann nicht mehr sagen, wie sich die Gruppe fand, die sie vorbereitete – wie eingangs erwähnt, waren das Wolfgang Rubl (Jack), Waltraud Pfeiffer, Helmut Ri- nösl, Franz Ramoser und ich. Jack kannte ich schon vom Wehrgrabenretten, Helmut war ein Klassen- kollege, Waltraud eine Kollegin an der HBLA (heute HLW). Mir wird schwindlig, wenn ich das Datum der Gründungsversammlung nachlese: 24.11.1984 – es war wirklich alles gleichzeitig, politisch und in meinem Leben sowieso. (Ich war seit gut einem Jahr Vater, seit knapp zwei Jahren verheiratet und zugleich im April 1983 in mein altes Großelternhaus in Kronstorf eingezogen, was mich nicht hinderte, in Steyr aktiv zu bleiben. Dazu hatte ich im Juli 1983 mein Studium abgeschlossen und im September 1983 am BRG zu unterrichten begonnen.) Der Gründungsversammlung gingen viele Sitzun- gen voraus, zumindest ab dem Frühjahr 1984. Es gab ja noch keine Landesgrünen – wir muss- ten alles selbst erfinden, unsere Statuten, unsere Struktur, unser Programm, wie wir zu Mitgliedern und wie zu Wählern zu kommen gedachten. Irgendjemand von uns muss etwas mehr über Statuten gewusst haben und über die Erforder- nisse des Vereinsrechts. Ich habe die Sitzungen als freundschaftlich, als fad (Statuten sind fad!), als mühsam, aber erfolgreich und auch als lustig in Erinnerung. In den Statuten stand vom „ge- schäftsführenden Ausschuss, kurz GA genannt“, was besonders von Waltraud konsequent und genüsslich nicht als „GeA“ gesprochen wurde. Wichtig war uns, wie erwähnt, der Spaltung zwischen „Bürgerlichen“ und „Linken“ zuvor- zukommen. Wir durften ja alles frei wählen, so auch unseren Namen. „Grüne Alternative Liste“ nannten wir uns im Interesse des Brücken- schlags. Ein Teil der Sitzungen fand übrigens bei uns zuhause in Kronstorf statt. Wir rotierten und sorgten auch abwechselnd für eine bescheidene Bewirtung. Wenn ich dran war, unterstützte mich dabei meine Frau. Mein Sohn Georg, geboren im September 1983 und heute Klubobmann der Wiener Grünen, konnte so schon früh politische Erfahrung sammeln. Flascherl, Windelhose, Basis- demokratie und imperatives Mandat gingen für ihn Hand in Hand. Er hat diese Konzepte, wie mir scheinen will, erfolgreich weiterentwickelt. Es gab nicht nur keine Landesgrünen – es gab auch kein Geld, keine Computer, kein Internet etc. Und es ging trotzdem. Informationszettel wurden auf der Schreibmaschine getippt, kleine Grafiken von Hand gezeichnet und eingeklebt. Haben wir unsere Flugzettel drucken lassen? Es muss wohl so sein, denn 1984 gab es auch kein Photokopierer. Irgendwann war unser Statut fertig für die Einrei- chung beim Innenministerium - schließlich musste es genehmigt werden! Nach Erhalt der Genehmi- gung und konnten endlich die Gründungsver- sammlung planen. Wir reservierten den Pfarrsaal Münichholz und gingen ans Einladen, vorwiegend unter den Bekannten aus den diversen Initiati- ven in und um Steyr, von denen ich einige schon erwähnt habe. Noch nicht eingegangen bin ich auf die Kulturszene, auf den Verein Basiskultur im Wehrgraben (Vereinslokal über Jahre: das heuti- ge Gasthaus Knapp am Eck) oder auf die Leute vom Steyrer Tagebuch, einer alternativen Zeitung, die von 1982 bis 1985 erschien.
22 Gründungsversammlung Wenn ich mich recht erinnere, war der Pfarrsaal Münichholz mit ungefähr 50 Personen zumindest locker gefüllt, natürlich mit fast lauter bekannten Gesichtern. Da wir mit Franz Ramoser einen Poli- zisten in unseren Reihen hatten, konnten wir auch die beiden Männer ganz hinten identifizieren, die allen außer ihm unbekannt waren: Ich hatte die Gesprächsführung und begrüßte neben den Sym- pathisantInnen im engeren Sinn die beiden Herrn von der Staatspolizei. Diese begleiteten unsere Zusammenkünfte dann treu weiter. Nach einer Weile haben wir uns dann auch am Stadtplatz gegrüßt, wenn wir einander zufällig begegnet sind – ach, wäre Staatssicher- heit doch immer so eine harmlose Angelegenheit! Von unserer Harmlosigkeit war die Stapo jeden- falls nach einer Weile überzeugt - nach etwa zwei Jahren verloren wir diese treuen Sitzungsbesucher. Trotz vieler Vollbärte, trotz fusseliger Wollpullo- ver und mehr oder weniger langer Haare haben sie uns enttarnt: Diese Leute sind nicht staats- gefährdend, sondern staatstragend, so, oder ganz ähnlich muss wohl ihre Analyse gelautet haben. In den 90er Jahren kam ein Gesetz heraus, das zum Einblick in den persönlichen STAPO-Akt berechtigt - schließlich war ja eben die DDR zerbröselt und so etwas europaweit in. Ich wendete mich ans Innen- ministerium und erhielt kurz darauf ein säuberli- ches Protokoll meiner ersten zwei Jahre politischer Arbeit mit der GAL. Erste Zeit und Ausblick Es dauerte dann gar nicht so lang bis zum ersten Wahlerfolg: Am 6. Oktober 1985 erhielt die GAL 1049 Stimmen, verfehlte nur knapp ein zweites Mandat und stellte mit Franz Ramoser ihren ers- ten Gemeinderat! Ich selber blieb übrigens noch ungefähr bis zum Jahr 2000 in der GAL aktiv. Zahllose, lange Sit- zungen im Kärnterstüberl des Hotels Minichmayr trainierten mein Sitzfleisch und phasenweise – es wurde noch geraucht – auch meine Lungen. Be- sonders unangenehm ist mir übrigens eine Ar- beitssitzung unter Moderation des Schriftstellers Thomas Baum in Erinnerung, meinte er doch, ich solle mehr zuhören und darauf achten, wie es den anderen in der jeweiligen Runde geht. Vermut- lich war nicht oft in meinem jungen Leben etwas Unangenehmes nützlicher – ich habe damals be- gonnen, mein Gruppenverhalten zu beobachten und glaube, dass mir das geholfen hat, konstruk- tiv zu interagieren. Politische Arbeit, persönliche Kontakte, Freundschaft, Streitereien, schwierige Listenerstellungen, Erfolge, Misserfolge - die Er- fahrungen mit der GAL und ihren Menschen sind kein kleiner Teil meines Lebens - ich möchte ihn keinesfalls missen! Natürlich bin ich sehr froh darüber, dass es mitt- lerweile im Land und im Bund Grüne gibt. So war es mit dieser organisatorischen und finanziellen Rückendeckung auch unvergleichlich viel leichter, als ich 2009 die Initiative ergriff, in Kronstorf eine grüne Gemeinderatsgruppe zu gründen, wobei die Kernherausforderung, das Finden geeigne- ter Personen, aber die gleiche blieb. Genug! So froh ich über die Landesgrünen bin, als einer der Gründer der GAL war ich zwar nicht dagegen, aber schon ein wenig traurig, als der Beschluss fiel, dass aus der eigenständigen und einmaligen GAL die Grünen Steyr würden. Aber die sind eh auch längst einmalig! Wie man ein Grüner bleibt … Peter Prack 2026 bei der Apfelernte
23 Gründung der GAL 1984 2
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25 NEUE INHALTE UND NEUER STIL Wichtige Dokumente der jungen GAL Steyr Reinhard Kaufmann Die neue politische Bewegung GAL wollte vor allem neue politische Inhalte formulieren und verwirklichen. Damit untrennbar verbunden wurden auch vom politischen Mainstream abweichende neue formale und stilistische Akzente … … – wie das lockere Gruppenbild des ersten Wahl- plakates, unvollständige Ansätze zum Gendern in Texten oder Franz Ramosers Pullover im Ge- meinderat, der sich vom einheitlichen Dresscode der Kollegen geradezu drastisch abhob (siehe Faksimile der Steyrer Zeitung vom 17. 10. 1985 auf Seite xx). Ihre grundlegenden grün-alternativen Anliegen und Werte zeigen sich anschaulich in Dokumen- ten im Zusammenhang mit der Gründung als politische Partei und aus dem ersten Gemeinde- ratswahlkampf. Aus dem ersten Parteistatut von 1984 sind dabei besonders § 2 „Zweck“ und § 10 „Kandidatenauswahl“ bemerkenswert. In § 2 heißt es einleitend „Die `GAL´ Steyr will allen Steyrer(inn)en die Möglichkeit geben, ihre Forde- rungen nach grünen Alternativen in der Steyrer Kommunalpolitik stärker durchzusetzen bzw. Anliegen selbst in die Hand zu nehmen … Diese alternative Kommunalpolitik soll in ihren Grund- sätzen ökologisch, basisdemokratisch, solidarisch und gewaltfrei sein.“ Dabei werden spezifische Werte der Gruppe, die neu in politische Ent- scheidungen eingebracht werden sollen, mit dem allgemeinen Anspruch verbunden, die Durch- setzung von in einem vermuteten großen Anteil der Steyrer Wähler/innen/schaft schlummernden Forderungen nach grünen Alternativen zu er- möglichen. In § 10 des Statuts werden zur Verhinderung von „Ämterhäufung, Berufspolitikertum und un- kontrollierter Machtkonzentration“ eine Begren- zung der Funktionsdauer, Verbot von bezahlten Mehrfachfunktionen und eine vage formulierte Orientierung der Bezüge der Abgeordneten „am Durchschnittseinkommen“ festgelegt. Zentrales Element der Basisdemokratie war aber die Rege- lung „Alle `GAL´-Abgeordneten sind dem `impe- rativen Mandat´ verpflichtet.“ Der offensichtliche Widerspruch zum Konzept des freien Mandats der österreichischen Bundesverfassung wurde zugunsten der Vorstellung entschieden, dass Ab- geordnete ganz unmittelbar als Beauftragte der Mitglieder der Partei/Bewegung, über deren Liste sie gewählt wurden, zu verstehen seien. In der Praxis wurde meines Wissens nie so vorgegan- gen, wobei bei vielen Abstimmungen davon aus- zugehen ist, dass die Gemeinderäte und -rätinnen weitgehend die Überzeugungen und Interessen der Mehrheit der Parteimitglieder teilen. Gemein- derätin Eva Scheucher (vgl. Seite xx) hat einen anderen Aspekt des Verhältnisses Basis – Manda- tare angesprochen: Zur Vorbereitung komplexer Entscheidungen, etwa bei Budgetverhandlungen, könnte die Diskussion möglicher Kompromisse oder Paketlösungen und allfälliger „roter Linien“ mit der Parteibasis für die Mitglieder einer kleinen Fraktion eine hilfreiche Unterstützung der Manda- tare bieten. Ein anderes bemerkenswertes Dokument ist das Wahlprogramm der GAL Steyr für die GR-Wahl 1985. In zehn Abschnitten auf neun Seiten (mit integriertem Beitrittsformular) wird eine Fülle all- gemeiner und detaillierter, global und lokal adres- sierter Vorschläge und Forderungen aufgelistet. Formal repräsentiert es die Produktionsmethoden der Vor-EDV-Zeit mit klassischer Schreibmaschi- ne, handgezeichneter Illustrationen und händisch zusammengeklebten Druckvorlagen. Interessant auch, dass es ausschließlich um Inhalte geht. Die Kandidatinnen und Kandidaten werden nirgends erwähnt. Für deren Präsentation gibt es nur ein einziges Motiv mit SW- Gruppenbild und über- wiegend handgeschriebener Botschaft als Wahl- plakat und Postkarte, das wir hier abbilden.
26 Von den damals formulierten Forderungen ist manches überholt oder wird heute wesentlich differenzierter gesehen, manches immer noch Gegenstand von politischen Diskussionen, und einiges seitens der Stadt oder anderer zuständi- ger Institutionen durchaus realisiert und selbst- verständlich geworden. Die Ablehnung der Ansiedlung des BMW-Motorenwerks oder eine Zerle- gung von Großbetrieben in „überschau- lich kleine Formen“ würde heute ver- mutlich in kein grünes Wahlprogramm mehr aufgenommen werden. Eine stimmige Gestaltung des Stadt- platzes mit den dafür notwendigen Schwerpunktsetzungen wie Minimie- rung des motorisierten Verkehrs und klimagerechter Bepflanzung (und Möblierung) wird immer noch regel- mäßig diskutiert und scheitert an zu vielen unvereinbaren Wünschen und Entscheidungsschwäche. Anderseits: Die Freude über Gegen- sätze ist die zur Marke geadelte Essenz von „that´s y“. Man kann im ersten Wahlprogramm aber auch eine ganze Reihe von An- regungen und Forderungen nachlesen, die inzwischen tatsächlich als erledigt abgehakt werden können. Beispiele: Naturschutzgebiet Unterhimmler Au, verbesserte Wasserqualität von Enns und Steyr, 30 Km/h-Zonen im Ennsdorf und anderen Wohngebieten, Wiederbelebung von Steyrdorf, Eysnfeld und Wehrgraben als Wohn- quartiere, Begleitung von Kindern bei Kranken- hausaufenthalten, Möglichkeit der Anwesenheit der Väter bei Geburten. Es folgen als Faksimile die Abbildung von Originaldokumenten: l Statut der Partei nach dem Parteiengesetz „Grüne Alternative Liste Steyr“ Seiten 1 und 6 (1984) l Wahlprogramm Grüne Alternative Liste GR-Wahl 1985 Original Wahlplakat der Grüne Alternative Liste 1985 Format DIN A1, Leihgabe von Heinz Ofner, 3. Reihe rechts
27 Statut nach dem Parteiengesetz Seite 1
28 Statut nach dem Parteiengesetz Seite 6
29 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985
30 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 UMWELT
31 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 WIRTSCHAFT
32 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985
33 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 BASIS- DEMOKRATIE
34 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 VERKEHR
35 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 ARBEITS- LOSIGKEIT
36 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 Menschen
37 Wahlprogramm der Grüne Alternative Liste GR WAHL 1985 Wohnen
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39 VON DER GRÜNDUNG BIS ZUM EINZUG IN DEN GEMEINDERAT Die GAL Steyr im Spiegel der Steyrer Zeitung Georg Neuhauser 1 Steyrer Zeitung, 1. November 1984 3 Steyrer Zeitung, 11. April 1985 Die Steyrer Zeitung wird ungeduldig. sechs Monate bis zur Wahl und noch keinen Spitzen- kandidaten? Sie spricht vom mangelnden Zusam- menhalt der grünen Truppe und einer fehlenden starken Persönlichkeit und überhaupt gibt es in Steyr kein brisantes Umweltthema. Sorgen macht sie sich allerdings um das Überleben der KPÖ. Die GAL-Steyr wird gegründet und erwartet sich offiziell 2 Mandate. Die etablierten Steyrer Stadtpolitiker, Bürgermeister Schwarz und VP- Gemeinderat Ernst Seidl sind überzeugt, dass sie den Sprung in den Gemeinderat nicht schaffen. 2 Steyrer Zeitung, 6. Dezember 1984 Die Steyrer Zeitung informiert über die bevorstehende Gründungsversammlung der Grün Alternativen Liste und berichtet ausführlich über deren Anliegen und Programm.
40 4 Steyrer Zeitung, 2. Mai 1985 Die Antwort der GAL folgt auf dem Fuß: „Ein Polizist ist Spitzenkandidat!“ Zu Recht kritisiert die Zeitung die Tatsache, dass sich unter den ersten 10 der Kandidatenliste nur eine Frau (Platz 6) befindet, wo doch gerade immer die Grünen das Fehlen der Frauen in der Politik kritisieren. 5 Steyrer Zeitung, 19. 9. 1985 Dann die Überraschung, kurz vor „Torschluss“: Die bürgerliche Buchner-VGÖ – sie wurde kurz- zeitig in Steyr zum Leben erweckt - kandidiert mit der versprengten Gruppe der Ergokraten und bereitet damit den GALiern Sorgen um den Erfolg am Wahltag. 6 Steyrer Zeitung, 19. September 1985 7 Steyrer Zeitung, 26. September 1985 Der Wahlkampf kommt noch einmal in Fahrt. Der verdiente KPÖ-Frontmann Otto Treml ärgert sich über die GAL-Kandidatur und wirft ihr vor, vom kommunistischen Parteiprogramm abgeschrieben zu haben. Gleichzeitig berichtet das Blatt ausführlich über das Programm der GAL. Die drei Listenersten betonen, dass es sehr wohl Umweltprobleme in Steyr gäbe, reduzieren aber, auf Grund der VGÖ-„Gegenkandidatur“, ihre Erwartungen. Man rechnet mit einem Mandat.
41 Im Bericht über die konstituierende Sitzung des Gemeinderates berichtet die Steyrer Zeitung unter anderem über die Wiederwahl von Bürgermeister Schwarz, die erste Wahl von Karl Holub (ÖVP) zum Vizebürgermeister und die Antrittsrede von Franz Ramoser als Gemeinderat („er erschien im Pullover zur Angelobung und brachte eine Sonnenblume mit“). 8 Steyrer Zeitung, 3. Oktober 1985 Die Grün-Alternativen ärgern sich über die Macht- spiele des späteren Bündnispartners der Landes- und Parlamentsgrünen, VGÖ-Chef Buchner, und wundern sich über die Bürgerlisten-Forderung nach Verbilligung des Speiseeises. 9 Steyrer Zeitung, 10. Oktober 1985 Die Entscheidung ist gefallen! 4,6 Prozentpunkte! Die GAL-Mandatare und ihre Sympathisanten ziehen mit einem Transparent über den Stadt- platz zum Rathaus und skandieren „Wir haben es geschafft – Wir sind die dritte Kraft“. Dass sie den Gemeinderatssitzungssaal „besetzen“ wollten, ist allerdings unwahr und entsprang der Feder eines allzu kreativen Lokalredakteurs. Die FPÖ fällt hinter die wiedererstarkten Kommunisten zurück und wird zur kleinsten Gemeinderatsfraktion. Was waren das für Zeiten! 10 Steyrer Zeitung, 17. Oktober 1985
42 Reinhard Kaufmann traf am 12. Juli 2026 Waltraud Neuhauser-Pfeiffer, Ruth Pohlhammer und Maria Lindinger zum Gespräch über Posi- tionen und Forderungen der Gründungszeit der GAL aus heutiger Sicht. Ausgangsmaterial dafür waren ein Interview mit Vertreter/inne/n der neu gegründeten GAL Steyr im Steyrer Tagebuch vom Feber 1985, sowie die im Steyrer Tagebuch vom November 1984 abgedruckte „Selbstdarstellung“ der GAL Steyr und deren Gründungsstatuten. Waltraud Pfeiffer war damals als einzige Frau Teil der GAL-Proponentengruppe im Interview, Rein- hard Kaufmann war damals Teil des die Fragen stellenden Tagebuch-Teams. Ruth Pohlhammer ist aktuell Fraktionsvorsitzende der Grünen im Steyrer Gemeinderat, Maria Lindinger ist Obfrau der Generation plus der Grünen Steyr. Der wichtigste Antrieb zur Parteigründung war die Sorge um die natürliche Umwelt. Waldster- ben, Ozonloch, die Gefahren der Atomenergie, die Grenzen des Wachstums und frühe Warnun- RÜCKBLICK 2026 – 1984 Zusammenfassung Reinhard Kaufmann Der wichtigste Antrieb zur Parteigründung war die Sorge um die Umwelt. Waldsterben, Ozonloch, die Gefahren der Atomenergie, die Grenzen des Wachstums und Warnungen vor einer drohenden Klimaerwärmung. gen vor einer drohenden Klimaerwärmung waren in der Wissenschaft und bei jungen Menschen präsente Themen, die aber in den Parlamenten und Gemeinderäten noch nicht angekommen waren. Weiters wollte man im Sinne eines erwei- terten Kulturbegriffs kulturelle Ausdrucksmög- lichkeiten abseits der „Hochkultur“ unterstützen und mehr Gerechtigkeit in der Sozialpolitik ein- fordern. Während es in der Bundespolitik auch äl- tere Führungspersonen (zB Freda Meissner-Blau, Alexander Tollmann, etwas jünger Josef Buchner) gab, war die Steyrer Gemeindegruppe der GAL 1984 durchwegs zwischen Mitte 20 und Mitte 30 und damit eine echte Jugendbewegung. Im Gegensatz zu dieser sehr jungen Mitglieder- und Unterstützerstruktur der Gründerjahre sind die Grünen in Steyr heute mit dem Problem konfron- tiert, dass die Partei von den heute Jungen teil- weise auch als „Systempartei“ wahrgenommen wird, und es jedenfalls an jungem Nachwuchs fehlt. Die Kombination „Grün“ und „Alternativ“ zielte auf eine möglichst große inhaltliche Breite ab, um die in Bund und Land temporär selbstbeschädi- gende Konkurrenz zwischen der eher bürgerlich orientierten VGÖ und der linkeren ALÖ in Steyr zu vermeiden. Obwohl diese Zusammenführung hin- sichtlich der relevanten grünbewegten Steyrer/ innen gelang, dürfte die Kaperung der Listenkurz- bezeichnung „Grüne“ durch eine politisch irrele- vante Kleingruppe („Ergokraten“) der GAL 1985 das Zweite Mandat gekostet haben. Ein weiteres wichtiges Thema der Steyrer Grünen waren jene Anliegen, die unter dem Schlagwort „Basisdemokratie“ zusammengefasst wurden. Man forderte Öffentlichkeit und Transparenz für Lindinger, Pohlhammer und Neuhauser- Pfeiffer mit einem frühen Logo der Grünen
43 den politischen Diskurs, die Pflege einer konst- ruktiven Streitkultur und die Einbeziehung jener Teile der Bevölkerung, besonders auch der jungen Menschen, die man im Gemeinderat nicht ver- treten fand. Damit verbunden wurde eine heftige Kritik an „Ämterhäufung und Berufspolitikertum“, der man mit der Begrenzung der Funktionsdauer auf eine Wahlperiode und der Höhe der Be- zahlung politischer Funktionen entgegenwirken wollte. Vor allem hinsichtlich der Funktionsdauer wird dies heute differenzierter gesehen, weil sich gezeigt hat, dass mehr Erfahrung in der politi- schen Arbeit (Professionalität) durchaus nützlich sein kann, um politische Erfolge in der Sache zu erreichen. Die geringe Repräsentation von Frauen in politischen Funktionen wurde auch von Beginn an angesprochen. Die Positionierung von Frauen bei der Erstellung von Kandidatenlisten zumin- dest nach dem Reißverschlussprinzip sollte mehr Gleichheit sicherstellen. Der Gemeinderatsfraktion 2015-21 gehörten zwei Frauen und zwei Männer, der Fraktion seit 2021 zwei Frauen und ein Mann an. Diese klare Gleich- stellungspolitik der Grünen hat vielleicht zu dem heute höhere Frauenanteil zumindest bei einem Teil der anderen Fraktionen und im Stadtsenat beigetragen. Ein Reizwort der frühen Grünen, das explizit in § 10 des Gründungsstatuts als „Ver- pflichtung aller GAL-Abgeordneten“ eingeführt wurde, ist das „imperative Mandat“, also eine Bindung der Gemeinderäte/-innen an Beschlüsse der Mitgliederversammlung. Dies stand schon damals im klaren Widerspruch zum freien Mandat im Sinne der österreichischen Verfassung. In- zwischen sind die Grünen nicht nur deshalb von dieser Idee abgegangen, sondern es wird heute durchaus mit Stolz darauf hingewiesen, dass grü- ne Mandatare/-innen keinem Klubzwang unter- liegen, wie dies bei anderen Parteien vermutet wird, und daher entsprechend ihrer persönlichen Haltung auch anders als die Mehrheit der Fraktion abstimmen können. Das wurde bei einzelnen Ab- stimmungen auch tatsächlich so gehalten. Verkehrsfragen wurden vor allem in Zusammen- hang mit den Umweltbeeinträchtigungen durch Straßenbau und motorisierten Individualverkehr beleuchtet. Aus dieser Grundhaltung ergab sich in den 1980er Jahren die Ablehnung des Baus der Nordspange, und lehnen die Grünen heute – mit wesentlich verfeinerten Argumenten – den geplanten Bau der Westspange ab. Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur und Verbesserungen des Öffentlichen Verkehrs (Stadtbuslinien für das gesamte Stadtgebiet, Frequenzverdichtung, Abstimmung der Fahrpläne, Elektrobusse) wur- den regelmäßig von den Grünen thematisiert und gelungene Umsetzungen unterstützt. Die grüne Position zum Stadtplatz ist ein Dauer- brenner seit 1985 und beruht weniger auf ver- kehrstechnischen Überlegungen, sondern geht von der städteplanerischen Fragestellung aus, welche Funktionen soll der Stadtplatz für die Bewohner/innen Steyrs und für Besucher/innen erfüllen. Professionelle Befragungen der Steyrer/ innen haben eine hohe Zustimmung zur (wei- teren) Verkehrsberuhigung ergeben. Nach dem Bau der Stadtplatzgarage und des Ennsstegs ist die Erreichbarkeit auch für fast alle Autonutzer/ innen optimal, sodass eine Zufahrtsmöglichkeit für den allgemeinen motorisierten Individual- verkehr verzichtbar ist. Das zeigt etwa auch die hohe Besucherfrequenz bei Events mit Gesamt- sperre des Stadtplatzes, zB beim Stadtfest. Dem artikulierten Bedürfnis einer kleinen Gruppe von Automobilist/inn/en, ihr Fahrzeug auf dem Stadt- platz präsentieren zu können, müsste durch eine klare politische Entscheidung eine Absage erteilt werden. Der (nach Redaktionsschluss dieser Publikation) von Mitte August bis Ende Oktober 2026 jeweils von Freitag 16 Uhr bis Montag 7 Uhr vorgese- hene Probebetrieb mit Sperre der Kaigasse und Umkehrschleife vor dem Rathaus mit entspre- chender Information und Begleitforschung zu Akzeptanz und Auswirkungen wird daher von Reißverschluss- Prinzip 1997
44 den Grünen als Schritt in die richtige Richtung unterstützt. Aufgrund des Klimawandels mit stark zunehmenden Hitzewellen sind Maßnah- men zur Begrenzung der Erhitzung und zum Sonnenschutz auf dem Stadtplatz dringend notwendig, wobei Bäume mit großen Kronen bekanntermaßen das Mikroklima am stärksten verbessern könnten. Die in den grünen Dokumenten der Gründungs- phase sehr deutliche Gegenüberstellung von Bedürfnissen der Menschen und Interessen der Wirtschaft, insbesondere der Großbetriebe, wird heute insofern differenzierter gesehen, als anzu- erkennen ist, dass zumindest ein Teil der Be- triebe hinsichtlich Nachhaltigkeit der Produktion und der Produkte weiter ist als die Politik und unter unklaren oder wechselnden Rahmenbedin- gungen leidet. Die Investitionen des BMW-Motorenwerks in die Entwicklung von E-Motoren oder das Interesse des Unternehmens an einer sicheren Zufahrt für den Fahrradverkehr ihrer Mitarbeiter/innen sind hier Beispiele im Großen und im Kleinen. Abschließend geht es um Erfahrungen und Ein- schätzungen, wieweit die GAL/die Grünen die Steyrer Kommunalpolitik in diesen 40 Jahren positiv beeinflussen konnten. Generell wird dazu festgestellt, Grüne hätten erreicht, dass zuvor nicht gehörte Gruppen und nicht beachtete Themen sichtbar gemacht wurden und das Mei- nungsspektrum in politischen Diskursen wesent- lich breiter wurde. Mandatare der Grünen waren als Ideengeber/innen, Begleiter/innen, Vernetzer/ innen und Unterstützer/innen bei vielen Verhand- lungen, Beschlüssen und Maßnahmen beteiligt. Zu nennen sind hier beispielhaft das Frauenhaus, das (Jugend)Kulturhaus RÖDA, das Integrations- zentrum Paraplü, der Gestaltungsbeirat für grö- ßere Bauvorhaben, die Lern- und Veranstaltungs- institution Museum Arbeitswelt, Verbesserungen beim hohen Leerstand im sozialen Wohnbau, Verbesserungen der Fahrradinfrastruktur (ge- kennzeichnete Hauptrouten, Neubau des Post- hofübergangs), Entwicklung einer Steyrer Klima- strategie für alle kommunalen Einrichtungen, die Geschäftsordnung 2019 des Kontrollamts mit Stärkung der Unabhängigkeit und der öffentli- chen Transparenz der Kontrolltätigkeit. Kurt Prack, Gabriele Feigl und Reinhard Kaufmann treten für Verbesserungen der Stadtbuslinien im gesamten Stadtgebiet ein.
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47 FRANZ RAMOSER – Der Mann der sich was traut … Georg Neuhauser Es gibt kaum eine Person, die derart mit den Anfängen der Grünen Bewegung in Steyr, deren Partei-Werdung und dem Beginn des mittlerweile über 40-jährigen Engagements im Gemeinderat in Verbindung gebracht wird, als Franz Ramoser. Darüber sprach mit ihm Georg Neuhauser. Und obwohl er gerade einmal drei Jahre als erster grüner Gemeinderat im Steyrer Stadtparlament saß, ist er so etwas wie eine Symbolfigur der Grünen. Engagiert, idealistisch, geradlinig, mutig, konsequent, hartnäckig, manchmal auch dick- köpfig, direkt, kommunikativ, sozial, solidarisch, …. Und es wundert nicht, dass er auch einer ist, der aneckt, der nicht gerade pflegeleicht ist und schon gar nicht opportunistisch agiert. Franz war damit aber auch eine Art „Schneepflug“, der, am Anfang vorne stehend, allen Nachfolgenden den Weg ein bisschen leichter gemacht hat. Konsequenz und Engagement Franz Ramoser kommt aus einfachen Verhält- nissen. Er wurde in Sierning geboren und begann nach der Schulzeit eine Lehre als Maler und An- streicher. Anschließend trat er in die Steyr-Wer- ke ein und arbeitete dort als Lackierer. Im Werk wurde, laut eigenen Aussagen, sein Interesse an der Politik geweckt. Er wurde Gewerkschafts- mitglied und trat der sozialistischen Partei bei, wohl wissend, dass man damals ohne Mitglied- schaft in der „Partei“ nichts erreichen konnte. Es wäre nicht der Franz, wenn er nicht schon bald durch kritische Äußerungen in Schwierigkeiten gekommen wäre. Konsequent wie er war, ver- ließ er das Werk und wurde Polizist. Gleichzeitig zog er nach Haidershofen, wo er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern ein kleines „Anwesen“ bewirtschaftete. Auch dort engagierte er sich als SJ-Mitglied für die Sozialdemokraten und baute, motiviert durch seine Liebe zur Natur, eine Naturfreunde-Ortsgruppe auf. Durch seine Unterstützung der Bewegung gegen die Inbe- triebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf bekam er erneut Schwierigkeiten und wurde von den Genossen aus der Naturfreundegruppe ge- drängt. In der Folge widmete er sich verstärkt der Gewerkschaftsarbeit und wurde – jetzt wieder in Steyr – zum Mitbegründer der Basissozialis- ten. Das war eine ca. 1980 für kurze Zeit aktive Gruppe, die innerhalb der SPÖ von dieser schlicht und einfach die Umsetzung ihres eigenen Partei- programms forderte. Das stieß den führenden Genossen natürlich sauer auf. Als Ramoser dann auch noch bei den damals anstehenden Personal- vertretungswahlen der Polizei mit einer eigenen alternativen Liste kandidierte, war offensichtlich das Maß voll. Man drohte ihm mit dem Parteiaus- schluss, dem er allerdings durch einen freiwilligen Franz in seinem berühmten Pullover
48 Austritt zuvorkam. Ab sofort begann er, ge- meinsam mit anderen streitbaren Grünbewegten, eine „Grün-alternative Bürgerliste“ aufzubauen, die dann als GAL-Steyr bei einer Gründungsver- sammlung am 24. November 1984 offiziell aus der Taufe gehoben wurde. Knapp drei Wochen später wurde Franz Ramoser zum Spitzenkandidaten für die im Jahr darauf bevorstehende Gemeinderats- wahl gewählt. Die Mühen der Ebene Mit dem fulminanten Einzug in den Gemeinde- rat (ein 2. Mandat wurde knapp verfehlt) am 6. Oktober 1985 begann eine neue, nicht nur ein- fache Phase im Leben des wehrhaften Polizisten. Mit seiner konsequenten, direkten, ehrlichen und nicht immer geschliffenen Art und seinem hohen persönlichen Einsatz, hat er nicht nur die Mächtigen im Rathaus, sondern auch die, die sich mit dieser Macht arrangiert hatten, verunsichert, herausgefordert, zu offenen und versteckten, manchmal auch unfairen, ja mitunter auch men- schenverachtenden Reaktionen veranlasst. Bis in seinen privaten Bereich hinein, traf ihn der lange Arm der von ihm Kritisierten. Franz Ramoser, der Polizist, wurde in seiner beruflichen Existenz bedroht. Beispielsweise wurde der leutselige Beamte, in seiner Zeit als Gemeinderat, von sei- nem Lieblingsrayon Münichholz zum Innendienst in die Berggasse versetzt. Gleichzeitig war sein konsequent basisdemokratischer Ansatz eine Herausforderung für die GAL-Parteimitglieder. Das bewirkte, dass sich Franz nicht in der von ihm erhofften Form unterstützt fühlte. Diese Dinge haben bei ihm Spuren hinterlassen und viel Kraft gekostet und auch die Grenzen einer grünen Ein- Mann-Opposition in den Anfangszeiten der Grü- nen Bewegung aufgezeigt. Von dieser Tatsache zeugt auch ein Text, den er ein Jahr nach seinem Einzug in den Gemeinderat, in der „Grünen Bür- gerinformation“, die an jeden Steyrer Haushalt ging, veröffentlichte: Dabei hatte Franz, ganz abgesehen von der an- fangs erwähnten Pionierfunktion, für die Grüne Bewegung beim sogenannten Marsch durch die Institutionen jede Menge Erfolge aufzuweisen. Da war zum Beispiel der erfolgreiche Kampf für mehr Transparenz und gegen das gewohnte „Unter-Sich-Sein“ der traditionellen Parteien, das Aufdecken diverser Skandale und Unge- reimtheiten im Bereich Politik und Verwaltung, der erfolgreiche Einsatz für eine gerechte und transparente Wohnungsvergabe, die Verhin- derung der damals in Münichholz geplanten Sondermüllverbrennungsanlage, der Einsatz für die Errichtung des Museums Arbeitswelt und des Jugendzentrums Röd@. Vor allem aber das permanente Engagement für grüne und ökologi- sche Themen, vom Müllproblem bis zur Rettung alter Alleebäume und damit – vielleicht das Wichtigste - die Schaffung eines Bewusstseins für den damals gar nicht so selbstverständlichen Schutz unserer Umwelt. Franz Ramoser legte mit Wirksamkeit 31. August 1988 das GR-Mandat zurück.
49 Faksimile: Grüne Bürger- information. Ein Jahr im Gemeinderat
50 Mehr zu den Hintergründen dazu liefert ein Arti- kel den ich zum 25 Jahre Jubiläum geschrieben habe. Die wesentliche Idee (so meine Erinnerung) war es, von den politischen Vorgängen in Steyr früher zu erfahren indem man im Gemeinde- rat präsent ist. In der vorherigen Zeit wurde der Widerstand der Bürger meist erst viel zu spät gegen politische Entscheidungen (Wehrgraben zuschütten, ...) aktiviert. Änderungen waren dann sehr schwer. Würde man früher Bescheid wissen, könnten Bürgerinitiativen eher reagieren. Horchposten Gemeinderat und „Standbein/Spiel- bein“, so die Vorstellung. Das war keine originäre Steyrer Idee sondern ist anderswo entstanden, als Bürgerinitiative Parlament, dem Ergebnis der Bauvorhaben in der Hainburger Au. Die Erkennt- nis fußte aber durchaus auch auf eigenen Erfah- rungen in der Region (Kanonenschießplatz und Kraftwerk Hintergebirge ...). Wenn man diesen Ansatz als Maßstab nimmt, so ist das Ergebnis nach 30 Jahren halbwegs erfolg- reich. Die Grünen (als Standbein), oder wenigs- tens deren entsandte Gemeinderäte, waren von nun an informiert. Leider ist das Wissen zuneh- mend bei den Grünen Gemeinderäten verblieben. Wenig ist konsequent weitergegeben worden. Das ist aber nicht nur die Schuld der Gemeinde- räte. „Wir haben es geschafft...“ Der Start zur Gemeinderatswahl 1985 war eine lokale Aktion. Es gab keine Landespartei, keine Bundespartei. Es gab überhaupt keine „Grünen“. Überall nur Listen und Grüppchen. Manche schon aktiv, manche wie in Steyr in den Startlöchern. Das Wahlplakat, das auch als Einladung zum 30 Jahre Fest dient, zeigt es deutlich (siehe Fak- simile Seite xx). Eine Gruppe, meist jüngerer 30 JAHRE GRÜNE STEYR – „Wir sind dabei gewesen!“ Der Anfang Der 24. 11. 1984 ist es geworden. Eigentlich ein Zufall. Es hat sich irgendwie ergeben. Aber es geschah: Die „Grüne Alternative Liste Steyr“ wurde gegründet. Ein persönlicher Rückblick von Karl Pragerstorfer im Dezember 2014 Leute, ungezwungen gekleidet, guckt entspannt in die Kamera. Der Frauen sind wenige. Nicht alle Akteure der nächsten Jahre sind auf dem Bild vertreten. Die Anordnung der Personen im Bild zeigt aber schon wie sich die Dinge entwickeln würden. Wer im Hintergrund - etwas distanziert – steht, wo sich die Frauen aufhalten (am Rand), wer im Vordergrund mit welcher Körperhaltung seine Präsenz ausdrückt, auch wenn sich das erst in Jahren zeigen wird. Doch damals hat dies niemand zur Kenntnis genommen. Heute sieht es wie eine Prophezeiung aus. In jeden Fall hat die GAL Steyr (so hieß sie da- mals) den Einzug in den Gemeinderat geschafft. Dies gegen alle Prognosen des politischen Mitbe- werbs. Willkommen im Vorab gab es keines. Erst mit dem Wahlergebnis wurde die neue Realität von den bestehenden Parteien zur Kenntnis ge- nommen. Eine Kenntnis von den tatsächlichen Vorgängen und der Funktionsweise des Gemeinderats der Stadt Steyr war in der GAL Steyr nicht vorhan- den. Stadtpolitiker waren nur aus Konfliktsituatio- nen bekannt. Dementsprechend hat sich der erste Gemeinderat mit einem eher gemischten Gefühl an seine Antrittsrede gemacht. Vielleicht auch deswegen, weil Reden schwingen nicht so seine Sache war. Die Mühen der Ebene Wenn jemand gedacht hatte, dass mit dem Ein- zug der GAL Steyr sich im Wesen des Steyrer Gemeinderats irgendwas ändern sollte, hatte sich schwer geirrt. Die Maschine Gemeinderat lief weiter, egal wer da jetzt neu dabei war. Die SPÖ hatte eine absolute Mehrheit, die GAL ein Man- dat. Damit war klar, dass die GAL dort zwar re- den, aber nichts anschaffen konnte. Nicht einmal
51 ein fitzekleines Sächelchen. Bei der Arbeit in den Ausschüssen war die GAL mit der einen Person zwar in allen Ausschüssen vertreten, aber hatte dort kein Stimmrecht. Der Beitrag des Mandatars wurde zur Kenntnis genommen und protokolliert. Damit hatte es sich. Der einzelne Mandatar war für alles zuständig, jede Woche kam der Amtsdie- ner mit einem Stapel Papier ins Haus. Mitgliederversammlungen halfen hier sehr we- nig. Es waren einfach zu viele Themen, oft auch zu kurze Termine um irgendwas irgendwie noch zu besprechen. Dazu die Gefahren des Amts- geheimnisses. Niemand wusste, was man weiter- geben konnte, was nicht. Im Endeffekt stand der Gemeinderat alleine da. Jetzt gab es zwar jede Menge Informationen vom „Standbein“, aber das „Spielbein“ war in keine Weise darauf eingerich- tet. Bald war auch klar, dass Bürgerinitiativen keine „Spielbeine“ waren. Sie waren überhaupt keine „Beine“. Sie entstanden aus dem momentanen Problembewusstsein heraus. Meist waren sie auch peinlich darauf bedacht „überparteilich“ zu sein. Die GAL Steyr war nun Partei, also eine „von denen“. Der Frust für die, die sich politisch en- gagieren wollten, über die „Undankbaren“ nahm seinen Lauf. Es gab zwar zusätzlich auch Einzelkämpfer in einigen Bereichen, wie Naturschutz und Umwelt, auch beim Verkehr. Aber Einzelkämpfer waren sie ja nicht aus Zwang geworden, sondern aus eige- ner Entscheidung. + Der langsame Weg der Anpassung Die politische Situation und der damit verbun- dene Frust, war wohl auch dafür verantwortlich, dass sich der erste GAL-Mandatar schon nach 3 Jahren zurückzog. Der nächste schon nach einem Jahr. Erst der dritte sollte bis in die nächste Pe- riode durchhalten. Die Wahl 1991 hatte noch dazu ein zweites Mandat gebracht. Nun gab es erst einmal ein Frau-Mann-Team und die Aufteilung der Arbeit auf zwei Personen. Das ist zwar besser für die Mandatare, hat aber an dem Verhältnis zur „Basis“ bzw. Mitgliederversammlung wenig ge- ändert. Es gab anfangs ein wenig mehr „Frauen- gruppe“ für die weibliche Mandatarin, aber auch das hat sich irgendwann verlaufen. Die SPÖ hatte zwar 1991 die absolute Mehrheit verloren, es hat sich aber speziell bei der Wahl des Bürgermeisters gezeigt, dass es keine orga- nisierte Mehrheit gegen die SPÖ gab. Zu groß waren die Unterschiede zwischen GAL und der (Haider-) FPÖ. Im Nachhinein betrachtet eine große vergebene Chance. Der Kandidat der FPÖ - Leopold Pfeil -, wäre durchaus als Person ein ak- zeptabler Bürgermeister gewesen. Die Verände- rungen in der rot durchtränkten Stadtverwaltung hätten Veränderungen nach sich ziehen können, die bis heute bemerkbar wären. Es hat sich aber gezeigt, dass auch die GALlier keine Politiker im Sinne von Taktiker und notfalls kompromissberei- ten Personen waren. Die SPÖ hat damals begrif- fen, dass sie immer die Hauptrolle spielen wird, allein oder mit Beiwagen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Auch in der Sache hat sich in dieser und in der Ing. Karl Pragerstorfer
52 nächsten Gemeinderatsperiode (ab 1997) gezeigt, dass die (jetzt) Grünen Mandatare keine eigen- ständige politische Kraft auf die Beine stellen. Die Verhandlungen mit der SPÖ haben nach Ansicht einiger viel zu wenig für die Grünen gebracht. Ob das an den beteiligten Personen liegt, die sich billig einkaufen ließen oder daran, dass Zusagen von der SPÖ nicht eingehalten wurden, ist schwer nachvollziehbar. Ein neuer Stil hat mittlerweile bei den Grünen Einzug gehalten. Die Mandatare machen die Arbeit im Gemeinderat und reden nur wenig darüber in der Partei oder in der Öffent- lichkeit. Dieser „Mauschelstil“ ist bis heute eine Quelle für Ärgernis bei Grünen Aktivisten und der Grund, dass sich manche aus der politischen Arbeit zurückzogen. Es hat sich noch ein neues Mandatars-Phäno- men gezeigt: der Langzeitmandatar. Einer hat durchgehalten von Juli 1993 bis heute, 2014. Das ist ein Zustand den man vorher nur von den Großparteien kannte. Der Multifunktionär der in lokaler, regionaler und Landespartei Posten bezieht, dazu auch in der Berufsorganisation Kammer. Er übernimmt Stück für Stück alle Funktionen, Fraktionsobmann und Sprecher der Gemeinderatsfraktion, Finanzverwalter und Büroverwalter der Partei, Hüter der Büroschlüs- sel etc. Der Begriff „Dorfkaiser“ hat sich damit auch auf die Grünen ausgebreitet, mit allem was gemeinhin dazu gehört. Mit dem Aufkommen des „Dorfkaisers“ haben dann andere politische Talente wenig Entfaltungsspielraum bekommen. Diese sind dann nach einiger Zeit wieder ab- getreten und haben sich anderen Interessen zugewandt. Wer gegen den Dorfkaiser antrat, hat den Kürzeren gezogen. Wer sich durch nach- haltige Sacharbeit beim Dorfkaiser unbeliebt gemacht hat, wurde aus der Partei gemobbt. Ein grünes Kräuterl für jede Suppe Ich habe anlässlich des 25-Jahre-Jubiläums der Steyrer Grünen versucht, die Geschichte der Grünen nachzuvollziehen. Die im Grünen Büro abgelagerten Zeitungsauschnitte aus 25 Jahren habe ich sortiert, durchgelesen und mich be- müht daraus ein Gesamtbild der Entwicklung der Steyrer Grünen zu bekommen. Die Zeitungs- ausschnitte zeigen ein ziemlich klares Bild. Die meisten Meldungen beziehen sich auf Themen, die gerade in Steyr aktuell waren und die Mei- nung, die die Grünen dazu haben. Das ist „das grüne Kräuterl auf jeder Suppe“ wie es Rudi An- schober so treffend bezeichnet hat. Etwas das er für sich nicht haben wollte. Selten gibt es Meldungen, die durch eine Idee hervorgerufen wurden, die ein grüner Mandatar publik machen wollte, aber derzeit kein Stadt- thema war. Praktisch nie wurde irgendein Thema nachhaltig verfolgt. Es blieb eigentlich immer bei der einzelnen Meldung („Mia ham´s ja eh gsagt“ - so der O-Ton eines Gemeinderats). Grüne Kampagnen über irgendein Thema findet man keine. Das über 30 Jahre. Der jährliche politische Betrieb hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr eingefahren. Ein Gschnas zum Fasching, der Auftritt bei „Steyr putzt“ und zum Mobilitätstag mit Räderwerk- statt, das eventuelle Sommerfest oder ein Herbstausflug. Garniert mit einer bis zwei Team- klausuren pro Jahr. Anfänglich noch zur allge- meinen Ideenfindung. Zum Schluss nur mehr um einen Ausblick auf das von den Mandataren geplante Programm fürs nächste Jahr zu erhal- ten. Umgesetzt wurde von den dort notierten Aktivitäten und Ideen nie wirklich etwas. Entsprechend auch der Wahlkampf. Im Spät- sommer und Herbst des Wahljahres jeden Sams- tag ein Auftritt am Stadtplatz mit ein bisschen Publikumskontakt. Eine Pressekonferenz. Even- tuell ein Thema für das Regional-TV. Wahlplaka- te, davon viele an Stellen, wo sie sonst niemand hinstellt. Das war´s dann. Neue Ideen? Lieber nicht! („Der frische Wind für Steyr“ – nachdem der betreffende schon 15 Jahre Gemeinderat war). Orientiert hat sich das Gemeinderatsteam gern am politischen Mitbewerb in Steyr, der zuge- gebenermaßen auch nicht gerade vor Aktivität brummte. Dass man sich Vorbilder lieber dort sucht, wo sich solche auftun, hat sich den Grü- nen Gemeinderäten nicht erschlossen. Ein bisschen Zahlenspiele Nach der ersten Wahl 1985 mit etwa 1.000 Stimmen (4,6%) hat sich die Wählerzahl für die nächsten Jahrzehnte auf etwa 1.700 Stimmen ein- gependelt. Durch die immer geringere Zahl der aktiven Wähler ist dabei die Prozentzahl von 7,7% auf 8,9% angestiegen und damit von 2 Mandaten auf 3. Wohlgemerkt keine Leistung der begeister- ten Grünwähler, sondern schlichte Wahlarithme- tik. Die Grünen hatten also eine feste Wählerzahl unabhängig von den sonstigen Politikläuften. Die- se Entwicklung geht parallel mit der Entwicklung
53 des Langzeit-Gemeinderats ab 1993. Die Grünen als Landtagspartei hatten anfangs weniger Stim- men in Steyr als die GAL Steyr. Ab 2003 wurden die Stimmen aber mehr als für die Stadt-Grünen. Auch ein „Anschober-Effekt“. Die handelnden Personen Die handelnden Personen waren zum Beginn eine ziemlich homogene Gruppe, sowohl alters- als auch berufsmäßig. Der öffentliche Dienst in Form von Lehrern und Sozialarbeitern, ja sogar eines Polizisten, war stark vertreten. Ein Handwerks- meister und ein Computerunternehmer bildeten die Ausnahme. Die Arbeiter- und Angestellten- schicht war kaum vertreten. Frauen waren von Anfang an auch aktiv und zentral dabei, aber doch in der Minderzahl. Die Gleichberechtigung der Frauen bei der Bestellung der Gemeinderats- liste, das „Reißverschluss-Prinzip“ sollte ein stän- diges Problem bleiben. Generell war man froh, wenn sich wenigstens eine Frau fand, den Platz nach Reißverschluss auch wahrzunehmen. Eine Langzeit-Gemeinderätin sucht man allerdings vergebens. Die „Basis“ Die Idee war, dass die Entscheidungsfindung von unten geschehen sollte. Das wichtigste Element der Grünen Bewegung war also die Basis. Leider hat das in der Praxis nie richtig funktioniert. Die aktiven, sich selbständig einmischenden, politisch bewussten Personen blieben ein Wunschtraum der Gründerzeiten. Gegründet hat die Partei ohnehin nur eine kleine Schar von Aktivisten. Ein Teil dieses Teiles hat dann nacheinander ein Gemeinderatsmandat ausgefüllt. Manche wollten allerdings kein Mandat übernehmen. Im Laufe der Zeit ist die Aktivistengruppe ausgedünnt, das Interesse abgeebbt. Der Nachwuchs war spär- lich und ist im letzten Jahrzehnt ausgebleiben. Die Gemeinderäte und die verbliebenen Aktiven altern vor sich hin. Unabhängig davon findet sich immer wieder eine Hundertschaft von Leuten ein, wenn es ein grü- nes Fest gibt. Auch die Wählerstimmen sind recht stetig. Ich konnte mir den Eindruck nicht verkneifen, dass Grün wählen irgendwie sowas ist wie für Greenpeace spenden, oder für Global 2000. Wer noch immer wählen geht, findet halt bei den grü- nen sowas wie die Sauberen, Nachhaltigen. Damit wird das Wählen eine gute Tat. Was die Grünen in Steyr so genau machen und wer da gemeinderät- lich tätig wird ist dabei ziemlich egal. Und ? Was kann man über 30 Jahre Grüne in Steyr sagen? Ich meine das wichtigste dabei ist, dass es sie gibt, die Grünen in Steyr. Wichtig für die anderen Parteien. Es zeigte, dass auch in der Politik nicht alles in Beton gefügt ist. Neue Parteien können entstehen und auch bestehen. Für die (absolute) Mehrheitspartei SPÖ ist es auch wichtig zu sehen, dass manche Themen durchaus Anklang finden. Etwa Umweltbewusstsein oder Frauenförderung. Ignoriert die SPÖ diese Themen komplett, haben die Grünen womöglich noch mehr Wähler. Eigene Ideen, die die Steyrer Grünen durchge- kämpft hätten, wird man schwerlich finden. Auch wenn dies mancher Gemeinderat in seiner Selbst- sicht anders empfinden mag. Die handelnden Gemeinderäte habe sich im Laufe der Zeit so sehr an die anderen Parteien angeglichen, dass es oft schwer fällt noch eine Unterschied zu erkennen. Natürlich wäre es im Laufe von drei Dekaden möglich gewesen eine deutlichere grüne Hand- schrift zu zeigen. Die als Gemeinderäte handeln- den und auch die Grüne „Basis“ haben den Willen dazu aber nicht erkennen lassen. Was bleibt ist das olympische Prinzip: Karl Pragerstorfer war von 8. September 1988 bis Oktober 1989 Gemeinderat der GAL. 2015 hat er auf der Liste der Neos für den Gemeinderat kandidiert. Pragerstorfer Franz Ramoser Marco Vanek bei der 35 Jahrfeier der Grünen Steyr „Wir waren dabei!“
54 Oskar Holub, der sich im Freundeskreis und in seiner Kunst ohne Rücksicht auf einschränkende Konventionen auszudrücken verstand, hatte als Politiker bei öffentlichen Auftritten eine innere Hemmung zu überwinden. Einmal am Rednerpult hatte er jedenfalls den Mut für klare Ansagen. In der Budgetsitzung des Gemeinderates am 14.12.1989 begründete Holub die Ablehnung des Budgets 1990. Dabei stellte er eine Reihe „heiliger Kühe“ der Steyrer Politik mit der Unverfroren- heit des Außenseiters radikal infrage: „Wir sind dafür, daß die Nordspange und auch die Planungsarbeiten aufgeschoben werden bis zur Erstellung des General- verkehrskonzepts.“ „… die städtischen Verkehrsbetriebe. Ich bin der Meinung, daß für sehr viel Geld sehr wenig ge- leistet wird, daß die Verkehrsbetriebe sehr wenig attraktiv sind, daß sie über sehr wenig Service- leistungen verfügen.“ „Wir fordern, daß die Stadt einen Auftrag für ein Raumplanungs- und Stadtentwicklungskonzept an einen anerkannten Fachmann erteilt.“ „Der Sport wird in Steyr irrsinnig gefördert. Das ist an sich positiv, aber das gleiche sollte auch für die Kultur gelten.“ IN ERINNERUNG AN ORKAR HOLUB einem bunten Grünen im Gemeinderat Reinhard Kaufmann Oskar Holub vertrat die GAL von 23.November 1989 bis September 1993, ab 1991 gemeinsam mit Eva Scheucher, im Gemeinderat. Zuvor war er bereits kreativer Aktivist im Verein Basiskultur und in der Bewegung „Rettet den Wehrgraben“. „Zum Altersheim … glaube ich, daß das Defizit zumindest zu einem Minimalteil dadurch länger- fristig verringert werden könnte, … wenn man nicht … die alten Leute in das Altersheim schickt, (sondern) daß man die alten Leute integriert und so lange wie möglich im Familienverband beläßt.“ (Anm.: Holub stellt hier ein Modell für den sozia- len Wohnbau zur Diskussion, wo Wohnungen für junge Familien mit seniorengerechten Wohnun- gen so in einem Wohnblock kombiniert werden, daß gegenseitige Unterstützung (Einkauf, Kinder- betreuung) erleichtert wird.) „Die Personalkosten von 300 Millionen Schilling sind einfach zu hoch und ob es nicht möglich wäre, ein geeignetes Unternehmen zu beauf- tragen, … zu untersuchen, wieweit diese Kosten berechtigt sind.“ „Die Neuverschuldung … von 38 Millionen Schil- ling ist uns zuviel und wir stimmen dem Budget nicht zu, aber das kann sich ja ändern.“ (Zitate aus Amtsblatt 1/1990, Seite 8) Im Sommer 1993 trat Oskar Holub gemeinsam mit Eva Scheucher als Gemeinderat zurück. Bis zu seinem Tod 2023 blieb er den Steyrer Grü- nen kritisch und malerisch verbunden. Oscar Holub, 40, „GRÜNES SCHAF“ der Steyrer Holub-Dynastie, vertritt die GAL-Steyr seit 1989 im Gemeinderat. Der Urenkel des Werndl-Kompagnons und Gewehrverschlußerfinders Karl Holub ist trotzdem Pazifist, freischaffender Maler und psychologischer Berater in der AIDS-Hilfe Linz. Der ehemalige Basiskultur-Aktivist und Mitarbeiter des legendären Steyrer Tagebuchs wohnt in einem historischen Gebäude im Wehrgraben und ist in der GAL unter anderem Experte für Soziales und Kultur. In „Grüne Bürgerzeitung März 1991“ wurde der 2. Spitzenkandidat für die Gemeinderatswahl so vorgestellt:
55 Quelle: Grüne Bürgerzeitung September 1990 Auf Anfrage des Pfarrblattes Steyr-Tabor hat Oskar Holub eine originell formulierte und gestaltete Argumentation, Die Grünen zu wählen, kreiert: Oskar mit dem Journalisten Leo Himmelbauer Oskar mit Bürgermeister Hermann Leithenmayr
56 Am 14. April 2026 sprach Reinhard Kaufmann mit Eva Scheucher über ihre Zeit als GAL-Mitglied und Gemeinderätin. Für viele überraschend kam im Frühjahr 1991 ihre Wahl zur Spitzenkandidatin für die Gemeinde- ratswahl am 6. Oktober, wodurch die GAL in Steyr eine Vorreiterrolle besetzen konnte. Der amtierende Gemeinderat Oskar Holub erhielt den 2. Listenplatz. Während die Steyrer Zeitung vom 14.3.1991 Stimmen zitierte, die darin Anzeichen ei- ner Spaltung der GAL sahen, kann man durchaus der offiziellen Interpretation etwas abgewinnen, die in der Kombination einer eher bürgerlichen Kandidatin mit Schwerpunkt Umweltschutz und einem Kandidaten aus der alternativ-politischen Bewegung die Absicht einer Verbindung der vor- handenen Strömungen sah. Die dann tatsächlich erfüllte Hoffnung auf ein zweites Mandat wurde mit einem Zuwachs von 646 Stimmen realisiert und bildete diese Breite der Bewegung auch im Gemeinderat ab. Und es fehlte angeblich sogar nur eine Stimme für das dritte Mandat, welches Wolfgang Rubl erhalten hätte. In der Realität der folgenden politischen Arbeit sollten sich Probleme schließlich entlang anderer Konfliktlinien ergeben. Eva Scheucher erzählt von Rahmenbedingungen der Gemeinderatsarbeit, die heute eher fremd erscheinen. So habe es keinerlei Unterstützung der Stadt bei Formalia wie richtiger Antragsstel- lung gegeben. Es musste Know-how über Rudi Anschober und die Landesgrünen organisiert werden. Zwei Gemeinderäte oder -rätinnen reich- ten nicht aus, um Anträge stellen zu können. Aus demokratiepolitischer Verantwortung ermög- EVA SCHEUCHER – GAL-Spitzenkandidatin 1991 Zusammenfassung Reinhard Kaufmann Eva Scheucher kam 1990 zur Gruppe der GAL Steyr und wurde rasch mit der Aufgabe „Pressesprecherin“ betraut. Den Kontakt zur Steyrer Gruppe hatte Rudi Anschober vermittelt, den sie als Unterstützer beim Protest gegen Rodungen in Bad Wimsbach-Neydharting kennengelernt hatte. lichten einzelne Sozialdemokrat/inn/en mit ihrer Unterschrift die Einbringung grüner Anträge. Innerparteilich gab es die Praxis, die Hälfte der Aufwandsentschädigung der Partei zu spenden. Damals wäre es sonst wohl nicht möglich ge- wesen, die Grüne Bürgerzeitung zu finanzieren. Die GAL hielt auch noch am „Rotationsprinzip“ fest, wonach nach drei Jahren die gewählten Personen den Nächstfolgenden auf der Liste Platz zu machen hätten. Allerdings entschlossen sich Eva Scheucher und Oskar Holub schon 1993 zum Rücktritt. Ein wichtiger Grund dafür war die mangelnde Unterstützung des Parteivorstandes („Geschäftsführender Ausschuss“) für die Ge- meinderatsarbeit. In ihrer persönlichen Chronik hielt Eva Scheucher fest: „Dazu gab es noch endlose Sitzungen des Parteivorstandes, wo zwar viel geredet wurde, weil sich jeder so wichtig nahm, ich aber nie vernünftige Beschlüsse er- hielt. Also musste ich im Endeffekt alles selbst entscheiden.“ Eine solche persönliche Entscheidung war ihre Zustimmung zum Budget 1992, weil darin die Finanzierung des Frauenhauses Steyr sicher- gestellt werden konnte. Diese ihr wichtige Ein- richtung wurde dann im Juli 1992 in der Wehr- grabengasse eröffnet. In ihrer Rede zum Budget 1993 begründete Eva Scheucher die Ablehnung der GAL sehr grundsätzlich: „… wir sehen keine Ansätze, dass man versucht, das Möglichste zur Verringerung der Umweltbelastung, zum scho- nenderen Umgang mit der begrenzten Ressource Boden, zum sparsamen Umgang mit Energie und zur Solidarität mit den Benachteiligten dieser Welt (seien es 3. Welt-Länder oder seien es die Flüchtlinge, die hierherkommen wollen) zu tun.“ (Amtsblatt der Stadt Steyr 1993/1, Seite 10)
57 Ein wichtiges Anliegen war Eva Scheucher die Entwicklung von fraktionsübergreifender Frauensolidarität im Gemeinderat. Ab 1991 waren mehrere Frauen neu im Gremium. Gut funktionierte die Vernetzung mit den Sozialdemokratinnen, während die Frauen aus der VP distanziert blieben. Die FP- Gemeinderätin „durfte“ offenbar nach einem ersten Treffen nicht mehr teilnehmen. Allerdings erkannte Eva Scheucher später an- gesichts des Umgangs der Bundes-SPÖ mit der Vorsitzenden Rendi- Wagner in Zusammen- hang mit ihrem eigenen Rückzug aus Gemein- derat und Partei eine auffallende Duplizität des männlichen Rollen- verständnisses in unter- schiedlichen Parteien. In der politischen Alltagsarbeit nahm die Unterstützung von persönlichen Bürger- anliegen, etwa bei der Wohnungssuche, viel Zeit in Anspruch. Aus der Beamtenschaft wurden Hinweise zu Missständen an die Grünen herangetragen, denen diesbezüglich mehr Engagement zugetraut wur- de als anderen Parteien, etwa zu illegalen De- ponien oder einer problematischen industriellen Schadstoffableitung in die Enns. Eine Auswertung der Steyrer Zeitung für den Zeitraum Mai 1992 bis April 1993 ergab Eva Scheucher als häufigste Rednerin im Gemeinde- rat, vor Stadtrat Karl Holub (VP) und GR Tilmann Schwager (FP). Nicht gezählt wurde der Bürgermeister als Sitzungsleiter. Die zweideutige Überschrift zum Bericht am 23. September 1993 lautete „Rede-Rekord im Rathaus: GAL-Frau hält selten den Mund“. Eva Scheucher kann es als Anerkennung ihres kom- munalpolitischen Engagements nehmen. Im Sommer 1993 trat Eva Scheucher gemeinsam mit Oskar Holub als Gemeinderätin zurück. Wahlplakat 1991
58 INTERVIEW MIT KURT APFELTHALER Ein Orgelbauer im Gemeinderat Georg Neuhauser Am 23. Juni 2025 sprach Georg Neuhauser (Georg) mit dem langjährigen Gemeinderat und Fraktionsvorsitzenden der Grünen Steyr Kurt Apfelthaler (Kurt) über seine politische Arbeit und Motivation. Georg: Lieber Kurt, Du warst 22 Jahre im Steyrer Gemeinderat. Du bist eindeutig der grüne Gemeinderat, der am längsten aktiv war. Da interessiert mich natürlich zuerst einmal die Frage nach deinem politischen Hintergrund. Wo kommst Du her? Was hat dich geprägt, dass Du irgendwann einmal die Entscheidung getroffen hast, dich den Grünen, der GAL-Steyr anzuschließen und für sie zu kandidieren? Kurt: Ich komme, mehr oder weniger, aus einem katholisch-bürgerlichen Milieu, allerdings war mein Vater – und das war für mich entscheidend – ein bekennender Nationalsozialist und Partei- mitglied, der auch später nie dieser Ideologie abgeschworen hat, und das war auch der Grund, warum ich die rechte Haltung so entsetzlich fand und so grundsätzlich verachtet habe. Rechte Parteien waren für mich immer schon absolut unwählbar. Unterstützung fand ich, in meiner Schulzeit in der HTL, im FIO, dem legendären Jugendzentrum auf der Ennsleite. Abgesehen davon, dass man, wenn man dort hinging, am Abend nicht studieren musste, ein ganz anderes Bild vom damals - vor allem von meiner Mutter vermittelten – recht rigiden Katholizismus, bzw. von der damaligen religiösen Praxis, bekam. Da stand eher das miteinander reden und diskutie- ren darüber, was uns Jugendliche bewegt hat, im Vordergrund, das Zwischenmenschliche, das hat mich fasziniert. Es gab dort wenig Vorgaben bzw. Leitung durch die Kapläne, man hat dort Vieles, sozusagen aus sich selbst heraus entwickeln kön- nen. Genau diese Freiheit, die dort erlebbar war, hat mich sehr geprägt, weniger in religiöser Hin- sicht, sondern in weltanschaulicher. Dort wurde ich sozusagen politisiert. Georg: Und wie bist Du dann zu den Grünen gekommen? Kurt: Ich hab mit meinem Orgelbau-Beruf angefangen und damals sehr viel musiziert. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an die gemeinsamen „Sessions“ im Hintergebirge, ein Freund hatte ein Haus dort. Eigentlich kom- me ich ja aus einer sehr nüchternen, technisch geprägten Familie, war dann auch noch in einer mathematisch technischen Schule, aber dort im Hintergebirge habe ich erstmals realisiert, wel- ches Potential in der noch halbwegs intakten Natur steckt und dass es Sinn macht diese zu schützen und zu bewahren. Man könnte sagen, es war ein ziemlich romantischer Zugang. Dann kam aber die Geschichte mit dem Kraftwerksplan und da hab ich begriffen, dass es dazu klare politische Positionen und politisches Engagement braucht, und da hab ich mich der „Rettet das Hinterge- birge“ – Bewegung angeschlossen. Ich bin aber Kurt Apfelthaler im Gespräch mit Bürgern bei einer Aktion am Steyrer Stadtplatz.
59 auch ein Kind der Nach-68er-Generation und hab mich daher allgemein sehr für die damals auf- keimenden politischen, sozialen und kulturellen Bewegungen interessiert. Georg: Du warst ja von Anfang an Teil der Grünen Bewegung in Steyr, gab es damals andere Initiativen oder Menschen, die dich dazu motiviert haben, dich zu engagieren? Kurt: Das war ja damals die Zeit, wo man damit begonnen hat, Dinge die man als wertvoll er- achtet hat zu schützen. Beispielsweise das Schiff- meisterhaus oder den Wehrgraben. Bei all diesen Initiativen war ich dabei, weil ich mitgestalten, etwas tun und nicht nur zuschauen wollte. Auch bei der Gründung der Grünen, genau genommen, bei der Gründung der GAL-Steyr war ich von An- fang an dabei. Nicht führend aber immer dabei und engagiert. Die zentrale Gründerfigur war der Franz Ramoser, der es verstand, politische Bot- schaften in einfacher Sprache zu den Leuten zu bringen. Ganz wichtig war auch Wolfgang Rubl, vulgo Jack, Kraft seiner Person, eine Art Integ- rationsfigur. Es wurde viel diskutiert, das kannte ich ja schon vom FIO, wobei ein Sachverhalt, ein Problem, in der Gruppe von verschiedenen Seiten beleuchtet wurde. Das Wichtigste: Betroffene müssen sich an politischen Entscheidungspro- zessen beteiligen und dürfen nicht zulassen, dass andere über sie entscheiden. Georg: Der Schritt für den Gemeinderat zu kandidieren, war ja noch einmal eine andere Geschichte. Wodurch und wie kam es bei Dir dazu? Kurt: Grundsätzlich – das sagt zwar jeder – wollte ich nie ein bestimmtes Amt anstreben, es ging mehr darum, Solidarität mit den Gesinnungsge- noss*innen, mit der Gruppe zu beweisen. Ich hab mich damals nie besonders in den Vordergrund gestellt, denn solange man mit der Person, die an der Spitze steht, einverstanden ist, ist der inne- re Drang ja nicht besonders groß, da irgendwie einzugreifen. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass man auch als kleine Gruppe etwas bewirken kann. In den Gemeinderat kam ich, nachdem Franz Ramoser, aber dann auch seine Nachfolger*innen – wir hatten dann schon 2 Mandate – zurückge- treten waren und ein Kandidat als Nächster auf der Wahlliste stand, den mittlerweile die meisten in unserer Gruppe nicht wollten. Da bin dann also ich, gemeinsam mit Eva Scheucher und später, nach deren ausscheiden, mit Marco Vanek, zum Zug gekommen. Mit Marco war die Zusammenar- beit sehr gedeihlich, wie man so schön sagt. Wir haben z.B. damals das Grüne Büro in Steyrdorf, beim Roten Brunnen, initiiert, mit dem Hinterge- danken, öffentlich wirksamer zu werden. Georg: In der Anfangsphase der Grünen gab es immer wieder Auseinandersetzungen über deren politische Ausrichtung. Ich erinnere mich da zum Beispiel an den Streit zwischen sogenannten „Fundis“ und „Realos“. Gab es den auch in Steyr und wie war deine politische Linie? Kurt: Franz Ramoser hatte zum Beispiel einen sehr basisdemokratischen Ansatz. Ich erinnere mich, dass er mit einem Stoß Akten in die Mit- gliederversammlung zum Minichmayr kam und den Anspruch hatte, dass alle Anwesenden an der Entscheidungsfindung mitwirken sollten. Für mich war das problematisch, man kann ja nicht ständig die Gruppe fragen, wenn man in der tagespolitischen Realität Entscheidungen treffen muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man ein politisches Amt nicht länger als z.B. maximal 2 Legislaturperioden innehaben sollte. Da über- sieht man, dass wenn man frisch in den Gemein- derat kommt, mindestens – allein schon - ein Jahr oder mehr braucht um sich einzuarbeiten. Georg: Jetzt zu deiner Arbeit im Gemeinderat. Wie würdest Du die im Nachhinein beschreiben? Was waren für dich die wichtigsten Themen, die wichtigsten Erfahrungen? Kurt: Am Anfang ist man natürlich unsicher, wenn man vor den versammelten Gemeinderäten auf- treten muss und etwas Bedeutungsvolles sagen sollte. Ich erinnere mich, meine allererste Wort- meldung war eine Einladung zu einer Gedenkfeier 2003 Grüne pro- bieren Rollstuhl- fahren
60 am Jüdischen Friedhof. Da war ich froh den Satz durchgebracht zu haben und mich dann gleich wieder niedersetzen zu können. Der Widerstand gegen uns war natürlich sehr groß. Die SPÖ war der Meinung, dass wir ihnen Stimmen wegge- nommen haben und war dementsprechend sauer. Da gab es immense Vorbehalte gegen alles, was irgendwie „grün“ war, und wir sind natürlich mit unseren Themen kaum durchgekommen. Ich erinnere mich an den Sozialausschuss, in dem die „roten Bruchstellen“ dieser sozialdemokra- tisch geführten Stadt am deutlichsten sichtbar wurden, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfuhr. Beispielsweise wurden unsere Obdach- losen mit ÖBB-Fahrkarten nach Linz versorgt, damit diese aus dem Steyrer Stadtbild ver- schwinden und nicht mehr sichtbar waren. Solche Beispiele gab es einige und in mir entstand der Eindruck, alles was in Steyr arm war, war in ge- wisser Weise rechtlos. Ich hab dann für mich relativ bald beschlossen, ich schlage jetzt die rote Mehrheitsfraktion – die damals noch eine richtige Betonfraktion war – mit ihren eigenen Waffen und steige genau dort ein, wo sie glauben, Kom- petenz zu besitzen, die sie aber in Wirklichkeit gar nicht mehr hatten. Sprich: Ich ging mit diesen vermeintlich „roten“ Kernthemen an die Öffent- lichkeit. Dadurch mussten sich meine sozialde- mokratischen Kolleg*innen mit mir beschäftigen und mit der Zeit wurde ich vom Paria zum ernst- zunehmenden potenziellen Partner z.B. auch für Budgetfragen. In der Folge konnte ich viele grüne Ideen einbringen und mit entsprechenden Förderungen, aber auch Einsparungen, budgetär wirksam werden. Je konkreter meine Anliegen waren, umso erfolgreicher war ich und so baute ich mir schrittweise über die Jahre das notwendi- ge Vertrauen auf, mit dem ich vieles durchsetzen konnte, was früher nicht denkbar war. Georg: Aber gibt es auch Dinge, die Dir besonders wichtig waren und die du nicht durchsetzen konntest? Kurt: Ja natürlich. Vor allem diese ganze Geschichte mit ökologischen Maßnahmen, z.B. zum Energiesparen, die Initiativen für Solar- und Fotovoltaikanlagen. Das wären Zeichen, die für alle sichtbar gewesen wären, da haben sie sich damals immer quergelegt. Georg: Beim Durchblättern der Zeitungs- ausschnitte aus deiner Zeit ist mir aufgefallen, dass du dich neben sozialen und Umweltthemen, relativ viel mit der Erinnerungskultur und anti- faschistischen Themen auseinandergesetzt hast. Warum das? Kurt: Das kommt eindeutig aus der Familien- geschichte. Es war sozusagen eine Art „Aufarbei- tung“ von dem, was ich in meinem Elternhaus mitbekommen habe. Es war das unbeschreibliche Unrecht, das damals geschehen ist, was mich am allermeisten entsetzt hat. Georg: Gab es neben dem Sozialen, dem Um- weltschutz oder der „Vergangenheitsbewälti- gung“, darüber hinaus Themen, die dir ein beson- deres Anliegen waren? Kurt: In meine Gemeinderatszeit fielen ja die Bal- kankriege und damals kamen viele Flüchtlinge, vor allem Bosnier, nach Steyr. Ich hab mich von Anfang an dafür eingesetzt, dass diese Menschen nicht von irgendwelchen Abzockern ausgenützt werden, sondern in leistbaren, menschenwürdi- gen Unterkünften untergebracht werden können. Ich war ja Mitglied des Wohnungsausschusses und hab dort mitbekommen, wie die Stadt Steyr damals, sozusagen nach Gutsherrenart, Wohnun- gen vergeben hat. Nach heftigen Widerständen aus diversen Sektionen (Anm.: der SPÖ), hat die Stadt bestenfalls zwei bis drei Wohnungen für diese Menschen, die in einer echten Notsituation waren, zur Verfügung gestellt. Dagegen hab ich natürlich angekämpft, vor allem gegen die ÖVP, die FPÖ sowieso, aber auch – wie schon erwähnt Begegnung mit Elfie Marinelli auf dem Stadtplatz .
61 – gegen Teile der SPÖ. Obwohl ich mich erinnere, dass mich damals eine sonst sehr stramme Frei- heitliche angerufen und mich gefragt hat, ob ich nicht für eine ihr bekannte Flüchtlingsfamilie eine Wohnung besorgen könnte. Dass dann die GWG der Stadt Steyr die einzige Wohnungsgesellschaft war, die Wohnungen auch an nicht österreichi- sche Staatsbürger vergeben hat, ist vielleicht auch ein bisschen mein Verdienst. Georg: Wenn ich dir so zuhöre, entsteht bei mir der Eindruck, dass Du mit deinen guten Kontak- ten zu den anderen Parteien, sozusagen auf der Basis persönlicher Beziehungen, Politik gemacht hast. Diese Tatsache ist ja nicht überall, vor allem auch in deiner eigenen Partei, gut angekommen. Was sagst Du dazu? Kurt: Ich bin ja geprägt durch die basisdemokra- tischen Ansätze der ersten Jahre und den An- spruch, dass die Gemeinschaft die Politik macht. Das haben wir jahrelang praktiziert und ich hatte das Gefühl, dass sich viele von uns, durch inhalt- liche Überforderung, innerlich verabschiedet haben. So ist diese an sich gute Idee sehr schnell an ihre Grenzen gestoßen. Es geht um die Frage der Verantwortung. Einen Redebeitrag auf der Mitgliederversammlung zu liefern ist zu wenig. Als Gemeinderat musst du dich hinstellen und für eine getroffene Entscheidung einstehen und Ver- antwortung übernehmen und kannst nicht sagen, ich bin dieser oder jener Meinung, aber der oder die sehen das anders und dem muss ich jetzt Rechnung tragen. Georg: Mit einem Wort, Du hast Dich vom Prinzip der Basisdemokratie eindeutig verabschiedet? Kurt: Ja genau. Ich hab allerdings versucht, mich bei jeder Mitgliederversammlung der Diskussion zu stellen, habe meine Entscheidungen auch argumentiert und gesagt, ihr müsst meine Arbeit am Ende der Legislaturperiode beurteilen und wenn ihr mit meiner Linie nicht einverstanden seid, könnt ihr mich auch abwählen. Natürlich hab ich immer wieder auch die Meinung der Gruppe eingeholt, aber bei diesen vielen ad hoc Ent- scheidungen, die einfach notwendig waren, ist es unmöglich die Gruppenmeinung abzufragen. Georg: Wie ist es dir eigentlich mit den Medien ergangen? Wie war dein Verhältnis zu den Medien? Kurt: Für mich war es auch da wichtig, Beziehun- gen aufzubauen und die Medien regelmäßig mit Informationen zu versorgen. Informationen, die nicht geprägt waren von parteipolitischem Hick- Hack, sondern Sachinformationen, gut aufbereitet und begründet. Im Laufe der Jahre sind dann die Journalisten zu mir gekommen und haben gefragt, „Kurt hast Du nicht eine Geschichte für uns“, weil ich nicht den Anspruch hatte, immer mit meinem Namen präsent zu sein, sondern weil es mir um die Sache ging. Georg: Nachdem die Geschichte der Grünen – auch in Steyr – mit der Arbeit von Bürgerinitia- tiven verbunden war und ist, meine Frage: Wie wichtig waren für dich Bürgerinitiativen? Kurt: Sehr wichtig. Für mich ging es nie darum dort eine Führungsposition anzustreben, sondern hinzugehen, zuzuhören und einfach präsent zu sein und deren Anliegen – soweit sie es wollten - dann auch im Gemeinderat zu vertreten. Kurt Apfelthaler ist nach der Gemeinderatswahl im September 2015 aus dem Gemeinderat aus- geschieden. Grüne Landesver- sammlung 2009
62 Der erste Kontakt bei der Gründungsversammlung Irgendwann im Frühjahr 1985 habe ich eine Ein- ladung zu einer Mitgliederversammlung bekom- men. Ich bin dort mit zwei Freunden hingegan- gen. Die beiden anderen hat es nach der Sitzung nicht mehr interessiert. Ich aber bin geblieben und war seither als Mitglied und in verschiedenen Funktionen in der GAL Steyr dabei. Ich kann mich noch erinnern, als ich mit Franz Ramoser kurz vor der Gemeinderatswahl in Münichholz die Grüne Bürgerzeitung ausgeteilt habe. Neben der Motivation durch meine Lehrerin Gusti Hochleitner im Biologieunterricht bin ich durch die verschiedenen Proteste der Umweltbewe- gung, vor allem in Hainburg, politisiert worden. Da war es logisch in Steyr zur GAL dazuzustoßen. Kandidatur für Gemeinderat als logische Konsequenz politischer Teilnahme 1985 habe ich ja als 17jähriger noch nicht kandi- dieren dürfen, erst bei der nächsten Wahl 1991. Ich war bis 1991 als Vertreter der GAL Steyr schon bei mehreren Bundeskongressen, im Landes- vorstand der Grünen Alternative und dann auch in der Grünen Bildungswerkstatt tätig. Daher brauchte es keine extra Motivation für den Ge- meinderat zu kandidieren, weil ich zu dieser Zeit schon ziemlich grünpolitisch aktiv war. Ich bin im 1991er Landtags-Wahlkampf mit Franz Ramoser im VW-Bus von Jack (Anm.: „Urgestein“ Wolfgang Rubl) durchs Traunviertel gefahren und wir haben Plakatständer vor allem in den Bezir- ken Steyr-Land und Kirchdorf aufgestellt. Da sind wir immer wieder ins Gespräch mit Passanten und Anrainerinnen gekommen, was auch schon mal heftiger ausfallen konnte. In Grünburg hat- ten wir dann eine Abendveranstaltung mit Rudi Anschober und Wolfgang Mühllechner über die MARCO VANEK – ein Berufsleben im grünen Biotop und Gemeinderat in den 1990ern Marco Vanek Zur GAL gestoßen bin ich in der Gründungsphase über meine Hauptschullehrerin Gusti Hochleitner, die zu dieser Zeit in der Alternativen Liste engagiert war. Sie hat mir damals den Gründungstermin der GAL im Münichholzer Pfarrheim weitergegeben, wo ich zugehört habe. geplante Ortsumfahrung mitorganisiert. Da sind dann, glaube ich, nicht mehr als fünf Interessierte gekommen. Überraschender Einzug in den Gemeinderat Der tatsächliche Start als Gemeinderat war dann ziemlich aufregend für mich. Ich bin ja gemein- sam mit Kurt Apfelthaler überraschend für die zurückgetretenen Oskar Holub und Eva Scheu- cher eingesprungen. Wir hatten kaum Vorlaufzeit und sind gleich ins Gemeinderatsgeschehen ein- getaucht. Ich kann mich noch an die erste Presse- konferenz gemeinsam mit Kurt beim Gasthaus Weidmann in Dambach erinnern. Gekommen war damals Hans Stögmüller von den OÖ. Nachrich- ten und jemand von der Steyrer Zeitung. Ich hatte damals noch kein politisches Aktionsprogramm. Wir haben halt die Themen unserer beiden Vor- gänger übernommen. Gemeinderatsarbeit unter schwierigen Bedingungen Wir praktizierten damals so etwas wie eine ver- tragslose Duldung der SPÖ, die damals ja nur mit uns die Mehrheit im Gemeinderat hatte. Ich kann mich nicht wirklich an die Grüne Handschrift er- innern, die wir in den ersten Jahren hinterlassen hätten. Noch fehlten Erfahrungen im Umgang mit der SPÖ und wie wir unser damaliges Gewicht in Projekte und politische Wirksamkeit hätten um- setzen können. Nachträglich betrachtet dürften wir von der SPÖ ziemlich über den Tisch gezogen worden sein. Bei unseren ersten Budgetver- handlungen konnten wir einige grüne Projekte unterbringen. Im Laufe des Jahres wurden diese aber von der SPÖ und den anderen Fraktionen abgelehnt. Gelungen ist mir, unsere Idee eines eigenen Stadtplanungsausschusses durchzubringen. Tatkräftig hatten wir am damaligen Verkehrskon-
63 zept mitgearbeitet, dessen Erstellung erstmals nach außen an den Innsbrucker Verkehrsplaner Helmut Stickler vergeben wurde. Dort waren gute Vorschläge enthalten, die dann nach und nach, auch wegen unseres Beharrungsvermögens, als Beschlüsse in den Gemeinderat kamen. Da ging es vor allem um Radwege und verkehrsberuhigte Zonen, wie etwa die Verkehrsregelung in Steyr- dorf. Von den dortigen Kaufleuten bin ich deshalb ziemlich angegriffen worden, weil sie die Ver- kehrsberuhigung so nicht wollten. Ich erinnere mich auch noch an die Statistik der Steyrer Zeitung über die Wortmeldungen im Gemeinderat. Da hatten Kurt und ich als Gemein- deräte in einem Jahr mit Abstand die meisten Wortmeldungen, über 100 Reden pro Jahr, jeder von uns. Nur der blaue Fraktionsobmann Roman Eichhübl ist uns da nahegekommen. Politische Kooperationen Ich hatte damals mit der Steyrer Ortsgruppe des VCÖ (Verkehrsclub Österreich) viel Kontakt. Da ging es vor allem um die konkrete Umsetzung der geplanten Radwege und Verkehrsberuhigungen. Ein Thema für Zusammenarbeit war auch das Projekt eines selbstverwalteten Jugendkulturzen- trums, aus dem dann das Röda entstand. Ich kann mich noch an einige Treffen mit den Jugendver- treter/inne/n erinnern. Baumschutz und Beschwerden wegen Baum- schlägerungen waren vor allem im Winter immer wieder ein großes Thema. Ein von uns so vehe- ment gefordertes Baumschutzgesetz wurde von Kurt und mir immer wieder in den Gemeinde- rat eingebracht bzw. über die Medien gespielt. Rechtlich hätte es dafür einen Beschluss des Oö. Landtages gebraucht. Neben dem VCÖ und der Röda-Gründungsgrup- pe entwickelte sich Zusammenarbeit mit den Wehrgrabenaktivist/inn/en, mit letzteren, wenn es ums Wehrgrabenfest ging. Ich war damals auch im neu entstandenen Fachhochschul-För- derverein vertreten und im Förderverein für die Reithoffer-Werke, die ja ein Teil der 1998er Lan- desausstellung werden sollten. Innerparteilich bildete ich als Mitglied im Landesvorstand der Grünen Bildungswerkstatt und im Erweiterten Landesvorstand der Grünen OÖ damals auch die Kommunikationsdrehscheibe zu den Landesgrü- nen. Medienarbeit, Bürgerkontakt, Parteileben Wir hatten damals fast wöchentlich eine Pres- seaussendung zu irgendeinem kommunalpoli- tischen Thema. Mit Kurt Apfelthaler habe ich immer abgesprochen, wer welches Thema spielte. Steyrer Zeitung und OÖN waren die für uns wich- tigsten Medien. Als eigenes Printmedium pro- duzierten wir als GAL die Grüne Bürgerzeitung, die zumindest in den frühen 1990er Jahren auch noch eine Rolle spielte. Wir waren damals thematisch sehr breit aufge- stellt und hatten sehr viel Wähler/innenkontakt. Durch unsere mediale Dauerpräsenz und die Teil- nahme an diversen Veranstaltungen und Lokalau- genscheinen waren wir – glaube ich – damals ein Faktor in der Stadtpolitik. Immer wieder gab es allgemeinpolitische Ver- anstaltungen mit grünen Abgeordneten, wie zum Beispiel Peter Pilz, Johannes Voggenhuber u.a., die wir nach Steyr einluden. Damals hat es ein sehr umtriebiges Parteileben gegeben, mit langen Sitzungen in verrauchten Räumen. Da ist es mehr um Socializing gegangen, aber wenn es politisch wichtig war, wurde auch ernsthaft politisch diskutiert bzw. gemeinsam an der Um- setzung gearbeitet. Marco Vanek war von 1993 – 1997 Steyrer Ge- meinderat. Marco Vanek in den 1990ern
64 EIN INTERVIEW MIT GEMEINDERÄTIN A. D. UTE FANTA Wie es zu ihrer Kandidatur kam, möchte ich wissen und sie erzählt, dass sie von Kurt Apfelthaler am Stadtplatz angesprochen wurde. Man kannte sich ja, Steyr ist nicht so groß. Man ging ins „Treff“, begegnete einander in der Szene ganz einfach des Öfteren. Am Samstag dem 7. 2. 2026 lud ich Ute Fanta zum Interview anlässlich des Jubiläums 40 Jahre Grüne im Gemeinderat Steyr zu mir nach Hause ein. Bei Kaffee und Wasser führten wir ein an- geregtes und gemütliches Gespräch, von dem ich hier die für diese Festschrift relevanten Teile zusammenfasse: Meine erste Frage stelle ich nur zur Sicherheit. Ja, Ute war von 2003 bis 2009 im Gemeinderat für die GRÜNEN tätig, gemeinsam mit Kurt Apfelta- ler und Andi Kupfer. Wie es zu ihrer Kandidatur kam, möchte ich wissen und sie erzählt, dass sie von Kurt am Stadtplatz angesprochen wurde. Man kannte sich ja, Steyr ist nicht so groß. Man ging ins „Treff“, begegnete einander in der Szene ganz einfach des Öfteren. Kurt habe damals auch andere Frau- en gefragt, ob sie kandidieren würden. Ute sei klar gewesen, dass sie auch für die Frauenquote benötigt wurde. Aber sie sei damals relativ un- abhängig und frei gewesen und neugierig auch. Geführt und dokumentiert von Kurt Prack Geld spielte keine Rolle, die ca. € 1.000,– Aufwandsentschädigung waren ein angenehmer Nebeneffekt. (Ich erlaube mir hier die Anmer- kung, dass man sich den Stundenlohn als Ge- meinderat/-rätin besser nicht ausrechnet.) Wie war es denn damals im Gemeinderat, möchte ich wissen: Ute habe vor der ersten Gemeinde- ratssitzung nicht unbedingt Hochachtung ver- spürt, Nervosität sehr wohl und auch etwas Stolz. Gleich links neben dem Rednerpult sei sie ge- sessen, freudig angespannt bei der Angelobung. Vorerst gab es wenig Inhaltliches. Man lernte einander kennen. Vor allem mit Frauen aus den anderen Fraktionen hätte es schon bald guten Kontakt gegeben. Ute hebt hier Friederike Mach hervor („rotes Urgestein“), mit der sie von Frau zu Frau viel zu besprechen hatte. Michaela Frech habe ihre Themen mit bewundernswerter Kraft verfolgt, inhaltlich gab es da aber wenig Überein- stimmung, dennoch eine gewisse Achtung vor einer starken Frau. Hans Payrleithner habe sie immer wieder zum Lachen gebracht, v.a. wenn er sich über die Roten äußerte. Bei allem Tren- nenden, der sei ihr schon sympathisch gewesen. Michael Schodermayr hebt sie als besonders angenehmen Kollegen hervor, auch mit Wolfgang Hack und Gunther Mayrhofer habe sie ein gutes Einvernehmen gehabt. Offenbar gab es (damals wie heute) über die Parteigrenzen hinweg eine gute Gesprächsbasis. Da Utes Stiefvater für die SPÖ in Linz im Ge- meinderat gewesen war, war ihr das „Geschäft“ nicht gänzlich fremd. Sie habe schon ungefähr gewusst, wie das ablaufen würde. Inhaltlich war völlig klar – wenn politisches En- gagement, dann bei den Grünen. Grüne Inhalte bestimmten und bestimmen ihr Leben, erzählt sie, und das bestätigt sich in unserem Gespräch Ute Fanta war von 2003-2009 gemeinsam mit Kurt Apfelthaler und Andi Kupfer Gemeinderätin der Grünen
65 immer wieder. Ihre politischen Themen damals seien im Gemeinderat Umweltschutz, Natur, Tierschutz und natürlich Frauengleichstellung gewesen. Sich für diese Themen einzusetzen, mit einer aus ihrer Sicht unkonventionellen, oftmals unbequemen und mutigen Partei (auch im Parla- ment), habe sie gereizt. Schon damals gab es erste Gerüchte über die Westspange. Ebenso wurde über ein Kraftwerk in Steyr gemunkelt. Dann gab es da eine undurch- sichtige Umwidmung auf Bauland – da ging es auch um finanzielle Probleme eines Steyrer Fuß- ballvereines. Andi Kupfer befasste sich mit dem Hochwasserschutz, eine sündteure Riesenrutsche im Stadtbad wurde trotz Budgetnöten immer wieder ins Spiel gebracht – so etwas brauchen wir ganz einfach, war die Meinung der politischen Mitbewerber*innen. Wir haben sie bis heute nicht (Anmerkung: wie die Curlinghalle, die Westspan- ge, das Kraftwerk Rederbrücke etc. Allerdings haben wir ein Einkaufszentrum Hey – alles gelingt uns Grünen dann eben doch nicht). Politische Arbeit hieß aber nicht nur Gemeinderat und Ausschüsse. Eine Gruppe mit dem Namen „Kollektiv“ organisierte unter Utes Beteiligung zahlreiche Aktionen im Steyrdorf. So wurde auf die zahlreichen „Hundstrümmerl“ am Wieser- feldplatz aufmerksam gemacht, indem man sie mit goldenem Spray verzierte. Lebensmittel, die hinter dem Taborland mit der Bestimmung Müll- tonne gelagert wurden, entwendete die Gruppe und verschenkte bzw. verkochte sie. Nicht ganz legal damals – aber dennoch gab es eine Ehrung durch LH Josef Pühringer. Auch das „Denk mal Amt“ erwähnt Ute. Mit der Künstlerin Bernadette Huber wurde ein neues Etablissement in der Kirchengasse beworben. Zur angeblichen Eröffnungsfeier kamen jede Menge Leute. Das Thema Frauen und deren Ungleichbe- rechtigung zieht sich durch das ganze (politische) Leben von Ute. In ihre Amtszeit fällt die Grün- dung einer grünen Frauengruppe in Steyr, Ute absolvierte das Polit-Training „Frauen&Politik – jetzt sind wir Frauen am Zug“. Neben zahlreichen Frauen aus anderen Parteien war dort auch Ulrike Feichtinger von den Gmundner Grünen. Und so habe sie halt allerhand Kontakte geknüpft und Erfahrungen gesammelt, die ihr bei der politi- schen Arbeit zum Wohle der Frauen sehr halfen. Frauenstiftung und Frauenhaus, dort fand man Gleichgesinnte. Ebenso bei der Organisation des Sommerfilmes im Hof des Dominikanerhauses mit den Grünen Frauen Steyr. Die Bretter in der Stadtpolitik seien aber sehr dick gewesen. Ute sei von Frauen außerhalb der Gemeindepolitik für ihren Mut und ihre dicke Haut gelobt worden. Wobei das mit der dicken Haut nicht so ganz stimme, beteuert sie. Wie sie die Grünen Steyr heute sieht, frage ich sie zum Schluss. Ute beteuert, dass sie wenig Einblick habe, da ihr Lebensmittelpunkt (noch) in Wien sei. Sie leibäugle aber schon wieder mit einer Mitgliedschaft bei den Steyrer Grünen. Ute meint, es bräuchte mehr Möglich- keiten für Mitglieder und Sympathisant*innen zur Mitarbeit. Eitelkeiten in der Politik seien ein Problem. Auch wenn sie hierbei nicht die der- zeit im Gemeinderat vertretenen Grünen meint, schlägt sie für Mandatar*innen eine „Begleittherapie“ vor. Wer bin ich, wo sind mei- ne Schwächen? Es sei offenbar schwierig ein Wir zu entwickeln, es bräuchte eine einladendere Parteikultur, einladend auch für die Jugend. Liebe Ute! Ich danke dir ganz herzlich für die- ses Gespräch. Abgesehen davon, dass ich mich immer gerne mit dir unterhalte, war da auch vieles dabei, worüber ich noch länger nach- denken werde. Ja, komm nach Steyr und werde wieder Mitglied, das kann nur gut für die GRÜNEN Steyr sein.
66 REINHARD KAUFMANN – Basiskultur und Stadtsenat Reinhard Kaufmann Bei allen im Kapitel „Vorglühen“ berichteten Projekten und Initiativen war ich mehr oder weniger intensiv beteiligt, am stärksten beim Verein Basiskultur als Gründungspräsident und beim Steyrer Tagebuch. Eine meiner Grunderfahrungen in politischen Gruppen ist, dass Erfolge aus guter Teamarbeit entstehen. Je größer die Aufgabe, umso diversere Teams (oder Koalitionen) über Alters-, Partei-, Standes- grenzen etc. hinweg sind für den Erfolg notwen- dig. Unser bestes Beispiel für diese These ist die gelungene Rettung des historischen Wehrgra- bens als Basis für eine qualitätvolle Erneuerung und Standort für völlig neue Projekte (MAW, FH, Röda, Kulturcontainer). Auch bei der Gründungsversammlung der GAL war ich dabei, wegen der beruflichen Orientie- rung nach Wien (in der Sektion Arbeitsrecht von Alfred Dallingers Sozialministerium, später in der Geschäftsführung des Vereins für Bewährungs- hilfe und soziale Arbeit) jedoch in den ersten 20 Jahren nur am Rande involviert. Erst gegen Ende der 2000er Jahre, als die Grünen in Steyr stark mit in der Gemeinderatsfraktion schwelenden Konflikten beschäftigt waren, beteiligte ich mich an den internen Diskussionen. Es gab einige moderierte Krisensitzungen, die jedoch nicht zu tragfähigen Kompromissen führten. Obwohl ich Andi Kupfers und Ute Fantas Positionen teilweise interessanter fand, unterstützte ich schließlich Kurt Apfelthaler, weil er die Alltagsarbeit (Frak- tion, Büro, Öffentlichkeitsarbeit) sicherstellte und weil Andi und Ute ihre Mehrheit in der Fraktion nicht nutzten, um die Machtfrage zu stellen und ihre inhaltlichen und personellen Positionen um- zusetzen. Für die Gemeinderatswahl 2009 kan- didierte ich dann für den unter den gegebenen Bedingungen durchaus unsicheren Listenplatz 3, den wir dann auch halten konnten. Inhaltlich interessierte ich mich im Gemeinde- rat besonders für die Themen Verkehrskonzept, Raumordnung, Stadtentwicklung und Baukultur. Daher nahm ich regelmäßig als Zuhörer an den Beratungen des Gestaltungsbeirates teil. Eine wesentliche Erfahrung aus diesen Diskussionen ist für mich, dass Politik die Expertise von Fach- leuten, ob extern oder aus der Beamtenschaft, sehr ernst nehmen sollte. Natürlich können die politisch Verantwortlichen auch anders entschei- den, sollten dafür aber gute und nachvollziehbare Gründe nennen können. Ein solcher Fall war etwa die einhellige Entscheidung der Politik für einen sichtbaren zeitgemäßen Taborlift, die gegen die Auffassung der Altstadterhaltung getroffen wur- de, wonach zwischen den historischen Objekten Michaelerkirche/ehem. Jesuitenkloster und Tabor- turm keine moderne Architektur hervorstechen sollte. Eine emotional bewegende Episode war 2010 die politische Unterstützung des Bleiberechts für die bestens integrierte Familie Komani, gegen deren Abschiebung nach Kosovo ein eindrucks- voller Fackelzug durch Steyr zog. Die Verbindung kompliziert fremdenfeindlicher Bundesgesetze mit intransparentem und empathiebefreiten Ver- waltungsvollzug führte immer wieder zu schwer erträglichen Entscheidungen und Amtshandlun- gen gegenüber Ausländern. Vor der Gemeinderatswahl 2015 kam es bei den Grünen Steyr in einem wieder konfliktreichen Entscheidungsprozess, aber schließlich mit klaren Mehrheiten zur Ablösung Kurt Apfelthalers als Spitzenkandidat durch Kurt Prack. Da Kurt Prack aus privaten Gründen bei einem entsprechenden und von uns angestrebten Wahlergebnis nicht als Stadtrat zur Verfügung stand, wurde ich für diese Position nominiert. Auf die von der Landespartei vorgegebene Parole
67 „Damit Oberösterreich oben bleibt“ hätte ich ger- ne verzichtet. Unsere Motivation im Wahlkampf wurde stark angetrieben durch die gute Koopera- tion im Team der Kandidat/inn/en auf den ersten fünf Listenplätzen, durch eine sehr aktive Grüne Jugend unter Führung von Matthias Kaltenböck, und durch das Thema „Westspange“, deren Bau wir mit klaren Argumenten und in eindeutiger Abgrenzung zu SP, FP und VP ablehnten. In der Wahlnacht dauerte es lange, bis nach wiederhol- tem Auf und Ab der Zwischenergebnisse fest- stand: Die Grünen erhalten mit einem Zugewinn von 523 Stimmen vier Mandate und stellen ein Mitglied im Stadtsenat. Nach meiner Angelobung wurde ich mit der Zuständigkeit für Mobilität, Umwelt und für die Reststoffdeponie der Stadt betraut. Dadurch entstand unmittelbar die Notwendigkeit zur intensiven Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter/ inne/n der einschlägigen Fachabteilungen und Betriebe der Stadt. Deren Fachkompetenz hat mich beeindruckt und ich erinnere mich gerne an Besprechungen auf hohem fachlichen Niveau, wie man sie in politischen Meetings leider oft nicht erleben kann. Mit den Verkehrsagenden war die rechtliche Zu- ständigkeit für Verordnungen nach der Straßen- verkehrsordnung im eigenen Wirkungsbereich der Stadt verbunden. Bei kontroversen Themen war dabei die Meinungsbildung im Mobilitätsaus- schuss relevant. Deshalb ist es mir z.B. erst gegen Ende der Amtszeit gelungen, im Stadtteil Enns- dorf eine große 30 Km/h-Zone zu verordnen. Bei den von den Grünen gewünschten Verbesserun- gen für den Fahrradverkehr waren vor allem zwei Themen kritisch: die ausreichende budgetäre Dotierung für die aus unserer Sicht notwendigen Baumaßnahmen und befürchtete Nachteile für den Autoverkehr bei der Inanspruchnahme von Fahrbahnflächen für Radwege oder Radfahr- streifen. Als Erfolg sehe ich die Definition von zunächst zwei Fahrrad-Hauptrouten (West – Ost: LKH – Zwischenbrücken – Münichholz und Nord – Süd: Resthof – Stadtplatz – Amtshaus Reithoffer) mit einheitlicher Beschilderung und der Beauf- tragung von Lösungvorschlägen für Problemstel- len. Ein schwieriges Thema war die Gestaltung von Vereinbarungen mit den neu aufgetretenen Anbietern von Leih-E-Scootern. Deren Nutzung, oft hohe Geschwindigkeit und besonders die achtlose Parkierung etwa mitten auf Gehsteigen, kann viel Ärger und Gefährdungen verursachen. Anderseits wollten wir diese vor allem bei Ju- gendlichen beliebte neue Mobilitätsform nicht kategorisch von Steyr fernhalten. Bei der Reststoffdeponie fielen in meine Amtszeit die Vorarbeiten für die langfristige Sicherung der Deponie durch eine Oberflächenabdeckung und lückenlose Abdichtung gegenüber Grundwasser- strömen und Austrittsmöglichkeiten kontami- nierten Sickerwassers an der Südseite zur Enns hin. Die damit verbundenen hohen Kosten für die Stadt erforderten eine offene Kommunikation über technische Anforderungen und Entschei- dungsgründe mit allen Fraktionen. Es freut mich, dass die diesbezüglich sehr kritische FPÖ-Frakti- on in meiner letzten Stadtsenatssitzung einer von mir beantragten Mittelfreigabe zugestimmt hat. Im Bereich Umwelt gab es für den Referenten nur wenig zu entscheiden. Ich versuchte daher, durch Mitsprache in anderen Bereichen vom Tiefbau bis zur Stadtgärtnerei oder auch Interventionen beim Gewässerbezirk des Landes OÖ oder der Landes- straßenverwaltung Baumaßnahmen und Bewirt- schaftungsmethoden im Sinne der Ziele Baum- schutz und -pflanzung, weniger Versiegelung oder Zulassung von Blumenwiesen zu beeinflussen. Es war durchaus ein seltsames Gefühl, an vielen Plätzen der Stadt mit dem eigenen Bild konfrontiert zu sein.
68 In den Gesprächen mit den Mitarbeitern des Landes feilschten wir bei der Pflege ufer- oder straßenbegleitender Baumbestände um Kompro- misse zwischen Baumschutz und möglichst ökonomischen Arbeitsmethoden. zum Stadtratsbüro im Rathaus Eine wichtige städteplanerische Entscheidung gelang uns 2017, als wir im Gemeinderat ge- meinsam mit FPÖ und Bündnis ÖVP-Bürgerforum gegen heftigen Widerspruch der SPÖ die Verord- nung eines Neuplanungsgebietes Ennsdorf-Ost beschlossen. Aufgrund eines bereits vom Gestal- tungsbeirat abgesegneten Wohnhausprojekts in einem Garten zwischen Haratzmüllerstraße und Pachergasse/Hoferparkplatz hatten Nachbarn auf die Gefährdung dieses über mehrere Liegen- schaften reichenden Grünzuges aufmerksam gemacht. Mit Vizebürgermeister Dr. Zöttl und Stadtrat Mayrhofer habe ich diesen Antrag vor- bereitet, um die Festlegung fachlich gesicherter Kriterien für Bauvorhaben in diesem sensiblen Gebiet zu ermöglichen. (https://ftp.steyr.at/ magsteyr/sprachprotokolle/gr_2017-11-16/GR-Pro- tokoll-20171116.pdf) Bei der Sanierung der Neubaustraße im ruhigen Wohnquartier Neuschönau konnte ich mit den Planern der Tiefbau- und der Verkehrsabteilung ein Abgehen von der üblichen Asphaltierung von Gartenzaun zu Gartenzaun vereinbaren. Am Stra- ßenrand wurden schmale unversiegelte Streifen durch Randsteine von der Fahrbahn abgegrenzt und begrünt. Nach einigen Jahren sind gegen- läufige Tendenzen erkennbar: Manche Anrainer haben offenbar erreicht, dass bei ihnen doch bis zum Gartenzaun asphaltiert oder der Grünstreifen geschottert wurde, andere haben den Wiesen- streifen durch Pflanzung kleiner Büsche oder blühender Bodendecker optisch und gärtnerisch aufgewertet. Viel Aufmerksamkeit erweckte die Rückkehr der Biber in die Stadt. Ich bemühte mich einer- seits Verständnis für eine Koexistenz mit diesen interessanten Wesen zu fördern und anderseits mit der Stadtgärtnerei um die Erhaltung wichti- ger Bäume an Gewässern durch Anbringen von Schutzgittern. Abschließend möchte ich mich hier für die kom- petente Unterstützung durch meine Assistentin- nen im Stadtratsbüro, Ursula Wieser (von Jänner 2016 bis zu ihrer Pensionierung Ende 2020) und Michaela Benatzky im Jahr 2021 bedanken. Sanierung der Neubaustraße in der Neuschönau
69 NATASCHA PAYRLEITHNER – Vom Magistrat in den Gemeinderat Reinhard Kaufmann Am 28. Juli 2026 sprach Reinhard Kaufmann mit Natascha Payrleithner über ihre Zeit als Mitglied der Grünen und Gemeinderätin. Natascha Payrleithner arbeitet als Sozialpädago- gin beim Magistrat Steyr. Kurt Apfelthaler sprach sie für die Listenerstellung zur Gemeinderatswahl 2009 an, ob eine Kandidatur für sie infrage käme. Durch politische Engagements in der Familie (ihr Vater war Gemeinderat der FPÖ, ein Onkel der ÖVP) war ihr Interesse an Politik nicht fremd, und hatte sie auch von den Blauen und Schwarzen genug mitbekommen, um sich selbst dort nicht zu engagieren. Bei den Grünen fand Payrleithner Ideen, die ihr zusagen, besonders die Haltung zur Natur und später kam das Interesse an Frauen- politik dazu. Gemeinderätin wurde sie dann 2012, als sie Sissi Gruber nachfolgte, die ein berufliches Angebot in Wien annahm. Der Vorsitz im Ausschuss für Gleichbehandlungsfragen und die dort behan- delten frauenpolitischen Themen wurden ihr zum besonderen Anliegen. Sie erinnert sich an die gute Zusammenarbeit mit Vizebürgermeisterin Ingrid Weixlberger. Da war z.B. Sicherheit für Frauen im öffentlichen Raum ein Thema und es wurde die Verbesserung der Beleuchtung kriti- scher Plätze in der Stadt auf den Weg gebracht. Positiv habe sie auch die überparteiliche Unter- stützung für die Wahl Alexander van der Bellens zum Bundespräsidenten in Erinnerung. Zu den negativen Erfahrungen im Gemeinderat zählt Payrleithner, dass Anträge der Grünen aber meist abgelehnt worden seien. Und persönlich musste sie feststellen, dass volles Engagement als Ge- meinderätin nur schwer mit einem Vollzeitjob vereinbar ist, obwohl ihr der Magistrat als Arbeit- geber keine Schwierigkeiten bereitet habe. In Zusammenhang mit ihren sportlichen Aktivi- täten erinnere sie sich gerne an die Teilnahme und Sichtbarkeit von Teams der Grünen beim Stadtlauf mit bis zu 13 Läuferinnen und Läufern in Trikots mit grünem Logo. Nach Beendigung der politischen Tätigkeit vermisse sie besonders Veranstaltungen und vor allem die schönen sehr kommunikativen Sommerfeste der Grünen. Natascha Payrleithner war von 2012 bis 2021 Ge- meinderätin der Grünen in Steyr. Mit Wolfgang Pirklhuber und Kurt Apfelthaler im Nationalrats- wahlkampf 2013 auf dem Steyrer Stadtplatz Die Gestaltung und Aufstellung eines Fahrrad- ständers in Regenbogenfarben vor dem Grünen Büro am Roten Brunnen als Zeichen für gesellschaftliche Vielfalt erfolgte auf Natascha Payrleithners Vorschlag.
70 Ein paar persönliche Eckdaten Als geborene Linzerin (1955) ging ich nach der Matura für acht Jahre nach Salzburg. Dort absol- vierte ich die Ausbildung zur Haupt- und Sonder- schullehrerin und begann auch in diesem Beruf zu arbeiten. Mit der Familiengründung ergab sich die Übersiedlung nach Garsten. Ich habe zwei Kinder und inzwischen drei Enkerl. In Steyr-Land arbei- tete ich als Integrationslehrerin und seit 2000 an der NMS Sierning. Seit 2008 lebe ich in Steyr. Wie kam ich zur Politik? Meine ersten Schritte ging ich mit der KSJ (Ka- tholische studierende Jugend) Linz, im Jugend- zentrum in der Bischofstraße führten wir viele politische Diskussionen, waren fasziniert von der Befreiungstheologie, gingen demonstrieren MARIA LINDINGER – eine persönliche und politische Reise von Linz über Garsten nach Steyr Maria Lindinger Meine Funktionen als Grüne Gemeinderätin in Steyr waren Obfrau des Kontrollausschusses, Mitglied im Sozialausschuss und im Finanzausschuss, auch als Fraktionsvorsitzende. Außerdem war und bin ich noch Vertreterin der Grünen als Vorstandsmitglied in verschiedenen Sozalvereinen. für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Dom Helder Camara und gründeten eine Am- nesty Gruppe. Über die Friedensbewegung und die Antiatombewegung (Steyrer Initiative gegen Atomgefahren) kam ich zur Grün-Alternativen Liste. 1997 gründeten wir die Grünen Garsten … und zogen zuerst noch als Bürgerliste mit zwei Mandaten (Elisabeth Schönfeld und ich) zur speziellen Freude des mit absoluter Mehrheit regierenden Bürgermeisters in den Gemeinderat ein. Das waren durchaus schwierige Lehrjahre. 2008 übersiedelte ich dann nach Steyr und dockte bei den Steyrer Grünen an. Im Steyrer Gemeinderat von 2015 bis 2021 Meine Funktionen waren Obfrau des Kontroll- ausschusses, Mitglied im Sozialausschuss und im Finanzausschuss und die letzten beiden Jahre auch Fraktionsvorsitzende. Außerdem war und bin ich noch Vertreterin der Grünen im Vorstand des Vereins Wohnen Steyr (Notschlafstelle, Tageszentrum, …). Für mich waren es spannende Jahre, … hier ein paar Schlagworte, was da alles los war: Panoramalift, Hanggarage und Steg wurden ge- baut, erste Projekte im Bereich der Photovoltaik, Geflüchtete wurden aufgenommen, die Coronapan- demie legte vieles lahm und beschäftigt uns mit den Sonntagsspaziergängen heute noch, Errichtung des JUZ in der Damberggasse, Landesausstellung, Stadtplatzumgestaltung, Umstellung des Gemein- dehaushalts vom kameralistischen System auf Finanzierungs-, Vermögens- und Ergebnishaushalt, Neubau des Posthofübergangs, einige neue Rad- wege, der Innovationsprozess Nature of Innovation, Maria beim Grünen Fest auf dem Wieserfeldplatz 2009
71 der Prozess Zusammenleben in Steyr, unser neues Büro beim Roten Brunnen, die Ausstellung Auto- korrektur des Architekturforums Oberösterreich, ein Klimaschutzvolksbegehren, mehrere Bundes- präsidentenwahlkämpfe für Van der Bellen, die Arbeitsgruppe Plastikfrei, der Steyrdorfsalon, Ribi- selsträucher pflanzen usw. usw. – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und immer wieder beschäftigte uns die Westspange. Zu einigen Themen möchte ich noch ein paar Worte schreiben. Geschäftsordnung des Kontrollamts In vielen Städten gibt es Stadtrechnungshöfe, bei denen ihre Unabhängigkeit klar definiert ist. In Steyr wurde das mit zwei Absätzen im Stadt- statut geregelt. Es ist uns gelungen, alle Parteien so weit ins Boot zu holen, dass das Kontrollamt jetzt eine eigene Geschäftsordnung hat, die Ge- meinderäte eine Zusammenfassung der Berichte bekommen und dies auch auf der Homepage der Stadt veröffentlicht und damit für alle interessier- ten Bürger/innen zugänglich gemacht wird. Remunerationstätigkeiten Wir konnten erreichen, dass die Stadt geflüch- teten Jugendlichen einige Plätze anbot, wo sie mitarbeiten und sich etwas dazuverdienen konnten. Kultureinrichtungen Die Kultureinrichtungen der Stadt brauchen Subventionen und dass es so etwas wie das MAW, das Röda, das AKKU, das Styraburg- festival usw. gibt, macht Steyr für mich interes- sant und lebenswert. Mühsam waren die Debat- ten darüber jedes Jahr, da die FPÖ bei MAW und Röda immer dagegen war oder sie sich enthielten. Stadtplatz Wenn ich mich nicht verzählt habe, stellten wir 12 Anträge zum Thema Stadtplatz in diesen sechs Jahren. Die Hanggarage hätte die Möglichkeit geboten, den Stadtplatz (weitgehend) autofrei zu machen, aber da waren sich leider alle (außer Grüne, Neos und z.T. Bürgerforum) einig, dass Steyr eine Autostadt ist und dass man daher sein Auto auf dem Stadtplatz ausführen dürfen muss. Die Gestaltung des Grünmarkts ist ziemlich schiefgegangen, barrie- refrei ist jedenfalls etwas anderes. Nach der Wahl 2021 ging ich nicht ganz in Pension. Wir gründeten die Grüne Generation Plus Steyr und da gibt es jeden Monat eine Veranstaltung. Maria Lindinger 2006 Maria Lindinger mit Franz Kaiser und Kurt Apfelthaler beim Bundeskongress 2010 in Graz
72 KURT PRACK – berichtet über seine Tätigkeit im Gemeinderat seit 2015 Kurt Prack Seit ca. 10 Jahren bin ich nun Gemeinderat in Steyr. In die Wahl 2015 ging ich als Spitzenkandidat. Das Wahlergebnis war das beste, das wir je hatten. Das ist natürlich nicht alleine mein Verdienst. Seit ca. 10 Jahren bin ich nun Gemeinderat in Steyr. In die Wahl 2015 ging ich als Spitzen- kandidat. Das Wahlergebnis war das beste, das wir je hatten. Das ist natürlich nicht alleine mein Verdienst. Wir waren damals ein gutes Team, wir zogen an einem Strang, der Mix aus Erfahrung und neuem Schwung und vor allem auch eine sehr aktive Grüne Jugend waren wohl die Zutaten zu diesem Erfolg. Aber wie kam ich überhaupt auf die Idee, für den Gemeinderat zu kandidieren? Wenn man so will, begann mein „grünes“ Engagement mit der Auseinandersetzung um den Wehrgraben. Für eine Podiumsdiskussion im Casino trug ich im Auftrag des Familienfreundes und Lehrerkollegen meiner Mutter, Heribert Mader, als junger Gym- nasiast sieben Kilo Einladungen auf der Ennsleite aus. Meinen Bruder Peter (Gründungsmitglied der GAL) bewunderte ich damals schon für sein Engagement gegen Zwentendorf. Für meine Ablehnung der Atomkraft wurde ich von einem Lehrer grüner Spinner und linker Chaot genannt. Ich empfand das eher als Anerkennung denn als Beschimpfung. Der saure Regen bewegte mich, schon damals erlebte ich, dass Autos immer der Vorrang gegeben wird und Hintergebirge und Hainburg fallen auch in meine Gymnasialzeit. Während der 13 Jahre, die ich in Salzburg ver- brachte, verlor ich den Kontakt zur grünen Szene in Steyr weitestgehend. An meinem Interesse an Umweltthemen hatte sich aber natürlich nichts geändert. Als die Ennskraftwerke und ihr Aufsichtsratsvor- sitzender, der damalige Bürgermeister Hackl, mit dem Plan eines Kraftwerkes bei der Rederbrü- cke herausrückten, dauerte es nur noch wenige Wochen, bis wir den Verein „Rettet die fließende Enns“ gründeten. Ich bin seither dessen Obmann. Wir waren ein sehr kleines und arbeitswilliges Team. Parteipolitik spielte keine Rolle, wenngleich der engere Kreis schon sehr eindeutig grün war und ist. Dass dieses Kraftwerk verhindert werden konnte, ist ein Ergebnis zäher Arbeit, aber auch ein Glücksfall. Dieser Erfolg brachte mir einen gewissen Be- kanntheitsgrad und den wollte ich nutzen, um auch andere Themen in Steyr voranzutreiben. So kam es zu meiner Kandidatur. Es gehört zur Demokratie, dass man sich einer Wahl stellt. Das Ergebnis meiner internen Wahl zum Spitzen- kandidaten war damals alles andere als knapp. Was danach so geschrieben und geredet wurde, stimmt nicht und es tut mir sehr leid, dass eine Person, die sich über so lange Zeit um die Grünen verdient gemacht hat, als Mitarbeiter verloren „Rettet die fließende Enns Der „Blaufisch“ das Symbol für unseren Kampf zum Erhalt der Enns und gegen das Kraftwerk. Erfinder und Gestalter Armin Falkner.
73 ging und im Zorn schied. Außer in diesem einen Fall kann ich mich übrigens über die Printmedien in Steyr nicht beschweren. Recherche, Freundlich- keit und Objektivität – das sind die Begriffe, die mir zur hiesigen Medienlandschaft einfallen. Vor der ersten Gemeinderatsitzung war ich ner- vös. Alles so ehrwürdig, dann eine Angelobung. Selbst von Gerald Hackl, dessen Kraftwerkspläne ich vereitelt hatte, wurde ich freundlich begrüßt. Privat schätze ich ihn bis heute, vor allem um- weltpolitisch liegen wir meilenweit auseinander. Der Wahl war eine TV-Auseinandersetzung der Spitzenkandidaten vorangegangen. Ich war er- staunt, wie freundschaftlich man sich begrüßte, um, als die Kamera dann lief, ganz ordentlich aufeinander loszugehen. Kaum war die Kamera wieder aus, gab es ein gemütliches, gemeinsa- mes Bier. Mir kam das so vor, wie im Sport. Am Spielfeld bittere Gegner, nach dem Spiel sind alle Freunde. Ich sollte das noch oft erleben. Der Gemeinderat verlor bald seinen Glanz für mich. Wer sich ab und zu eine Sitzung ansieht, wird mich verstehen. Über die Qualität so man- cher Wortmeldung ließe sich einiges sagen. Natürlich habe ich nach wie vor Achtung vor diesem höchsten Gremium der Stadt. Die Ab- stimmungsergebnisse stehen allerdings in der Regel schon vor der Sitzung fest. Überzeu- gen kann man hier niemanden mehr. Das ge- lingt auch nur sehr selten in den Ausschüssen. Manchmal fliegen die Fetzen. Vielleicht kommt ja was davon in einer Zeitung und es gibt ja doch auch ein paar Leute, die sich die Liveüber- tragung ansehen. Gleich darauf wird freundlich gescherzt. Und nachher geht’s auf ein gemein- sames Bier – siehe oben. Und vermutlich ist das auch besser so, man könnte sich allerdings die Unfreundlichkeiten zuvor sparen. Resumee: Ich komme aus einer Bürgerinitiative und ich sehe in diesen außerparlamentarischen Organisationen die größte Hoffnung für Steyr. Ich habe gute Kontakte zu den „Westspanglern“, dem „Huat“, der „Radlobby“ und dem „Klimafo- cus“. Es braucht aber auch im Gemeinderat eine Fraktion, die ein Gegengewicht zu den anderen Parteien darstellt und die über die Vorgänge in Steyr informiert ist und dann auch informieren kann. Je stärker die Grünen sind, umso mehr Grün kommt in die Stadt. Bei Wahlkämpfen erfährt man wesentlich mehr Zuspruch, als sich dann im Ergebnis spiegelt. Ich glaube, wir sind den Menschen sympathisch – den meisten zumindest. Ich denke, wir müssen intern geschlossen nach außen sehr offen sein und die vorhandene Sympathie in Wählerstimmen ummünzen. Der Stadt würde das guttun. Spitzen- kandidat Kurt Prack (2015) am Beginn der geplanten Steyrer Westspange Wahlkampf 2021
74 RUTH POHLHAMMER - GEMEINDERÄTIN SEIN Ruth Pohlhammer Als ich 2019 gefragt wurde, ob ich Teil des grünen Teams werden wolle, habe ich mir reiflich überlegt, ob ich mich politisch an eine Partei binden will, auch wenn diese Partei für mich fast immer die einzig wählbare war. Im Laufe meiner Überlegungen habe ich er- wogen, auf welche Weise ich mehr Einfluss auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen haben könnte. ICH wollet mehr erreichen als in meiner Rolle als Aktivistin im Bereich Anti- faschismus und Klimaschutz. Meine Erwartungen waren ein wenig größer, ein wenig erhabener, als sich die politische Realität schließlich erwies; ich bin als Kleinunternehme- rin daran gewöhnt, Entscheidungen schnell und bindend, und – vor allem – alleine zu treffen. Das geht in einem Gremium, das eine breite Gesellschaft abbilden soll, naturgemäß nicht. Langsam, ziemlich langsam, gewöhne ich mich an das Tempo, an die Mechanismen, an die Befind- lichkeiten. Nein, stopp! Das mit den Befindlichkei- ten macht mich immer noch, immer wieder kirre. Auch wenn ich selbst nicht vor Befindlichkeiten und instinktiven, gefühlsgetragenen Einschätzun- gen gefeit bin, bemühe ich mich doch um eine faktenbasierte Argumentation oder um evidenz- basierte Einschätzungen von Entwicklungen. Diese Art der Diskussion ist in den Ausschüssen manchmal von Erfolg gekrönt, im Gemeinderat ist sie dies eher selten, in der öffentlichen Wahrneh- mung jedoch fruchtet sie öfter als man denkt. In einem geschlossenen System neigt man dazu, jene, die außerhalb des Systems sind, zu unter- schätzen; so geschieht das in meinen Augen auch im Gemeinderat. Wir sollten unseren Bürger*innen mehr zutrauen, sie mit den notwen- digen Fakten und Instrumenten ausstatten und anschließend die Ergebnisse, die sich aus diversen Beteiligungsformaten ergeben, ernstnehmen. Nur so, denke ich, kann sich unsere Demokratie, auch und besonders auf kommunaler Ebene, lohnend weiterentwickeln. Ruth Pohlhammer ist seit 2021 Gemeinderätin und Fraktionsobfrau der Grünen Steyr. Gruppenbild mit Ruth Pohlhammer nach ihrer Wahl zur Spitzen- kandidatin am 10. Juni 2020
75 Ich wollte mich einbringen und Verantwortung übernehmen. 2016 bin ich Mitglied der Grünen Steyr geworden. Ausschlaggebend war für mich eine Politik, die ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit und demokratische Kontrolle zusammendenkt – insbesondere auf kommunaler Ebene, wo Ent- scheidungen unmittelbar spürbar sind. Seit 2021 darf ich als Gemeinderätin an der Ge- staltung dieser Stadt mitwirken. Kommunalpolitik ist dabei selten spektakulär. Sie ist kleinteilig, zeitintensiv und oft mühsam. Gerade darin liegt jedoch ihre Bedeutung: Hier wird über Wohnen, soziale Angebote, Stadtentwicklung und den verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Mitteln entschieden. Eine der größten Herausforderungen ist die fi- nanzielle Situation. Die Kassen sind angespannt, während die Aufgaben wachsen. Klimaschutz, leistbares Wohnen, soziale Sicherheit, Pflege, Bildung und Infrastruktur stehen in Konkurrenz zueinander. Diese Realität erfordert klare Priori- täten und ehrliche Diskussionen. Verantwortung bedeutet dabei auch, langfristige Auswirkungen mitzudenken und nicht jede kurzfristig populäre Lösung mitzutragen. Diese Spannungsfelder spiegeln sich in meiner Arbeit in den Ausschüssen wider. Im Finanzausschuss wird deutlich, wie begrenzt der finanzielle Spielraum ist und wie wichtig Transparenz sowie nachhaltige Planung sind. Der Sozialausschuss macht sichtbar, wie sehr po- litische Entscheidungen über Teilhabe, Chancen- gerechtigkeit und soziale Sicherheit bestimmen. Als Vorsitzende des Kontrollausschusses ist es mir ein besonderes Anliegen, für Nachvollzieh- barkeit und Kontrolle zu sorgen. Der sorgfältige Umgang mit öffentlichen Geldern ist eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen in politische Prozes- se. Kontrolle ist dabei kein Misstrauen, sondern Ausdruck demokratischer Verantwortung. Kommunalpolitik bedeutet zudem Zusammenar- beit über Fraktionsgrenzen hinweg. Unterschied- liche politische Zugänge treffen aufeinander, Kompromisse müssen ausgehandelt werden. Das ist nicht immer einfach, aber notwendig. Für mich heißt das, dialogbereit zu bleiben und zugleich klare grüne Positionen zu vertreten, wenn ökologische oder soziale Grundwerte be- troffen sind. 40 Jahre Grüne Steyr stehen für Beharrlichkeit, Engagement und den Mut, unbequeme Fragen zu stellen. Mein eigener Weg ist nur ein kleiner Teil die- ser Geschichte. Er zeigt jedoch, wofür die Grünen Steyr stehen: für eine Politik, die nicht nur kritisiert, sondern gestaltet – auch unter schwierigen Rah- menbedingungen. Nicht vom Sofa aus, sondern mitten in der politischen Realität dieser Stadt. Julia Greger war Bezirkssprecherin der Grünen Steyr und ist seit 2021 Gemeinderätin. JULIA GREGER: NICHT VOM SOFA AUS – Verantwortung übernehmen in Steyr Julia Greger Als ich 2015 nach Steyr gezogen bin, war ich neu in der Stadt und ihren politischen Realitäten. Steyr ist eine Stadt mit großer Geschichte, aber auch mit strukturellen Herausforderungen. Schon bald wurde mir klar: Ich möchte nicht nur beobachten oder mich vom Sofa aus über politische Entscheidungen ärgern. Julia mit Lindinger, Kaufmann, Holub. Wahlparty 2019 Gefeiert wurde die Rückkehr der Grünen in den Nationalrat
76 KLIMANEUTRALITÄTSFAHRPLAN STEYR 2040 Am 7. Juli 2022 wurde im Gemeinderat ein Grundsatzbeschluss gefasst, wonach Steyr im Jahr 2040 klimaneutral sein soll. Kurt Prack Dieser Beschluss fand eine breite Mehrheit – nur die FPÖ und Teile der MFG stimmten dagegen. Sie sind der festen Überzeugung, dass es den Klimawandel nicht gibt. Aber dazu später mehr. Nach diesem Beschluss wurde der Umweltaus- schuss unter meiner Leitung und in enger Zusam- menarbeit mit der zuständigen Stadträtin Katrin Auer vom Bürgermeister beauftragt, eine Klima- neutralitätsfahrplan zu erarbeiten, der dann dem Gemeinderat zur Abstimmung vorgelegt werden sollte. Ehe ich auf die Ergebnisse eingehe, möchte ich den Prozess schildern, der für diese Aufgabe gewählt wurde: Der Umweltausschuss hat die meisten Beiräte und Beirätinnen von allen Ge- meinderätlichen Ausschüssen der Stadt Steyr. Das hatte zur Folge, dass neben den politischen Vertreter*innen der SPÖ, der ÖVP und der GRÜNEN (5:1:1, wie eben im Ausschuss vertre- ten; die FPÖ wollte sich nicht beteiligen) durch die zahlreichen Personen, die als Beirät*innen den Umweltausschuss unterstützen, eine Art Bürgerbeteiligung gewährleistet war. Dazu ka- men – und das ist natürlich ganz wichtig – Per- sonen aus den stadtnahen Betrieben, Leute aus der Verwaltung etc. Gesamt waren bei diesen Workshops zwischen 20 und 30 Personen an- wesend, die sich an vier Samstagen zur Materie austauschten. Geleitet wurde dieser Prozess Workshop Klima- neutralitäts- fahrplan
77 von einem in diesen Dingen erfahrenen Team aus dem Büro „PlanSinn Planung & Kommuni- kation GmbH“, weitere Unterstützung kam von „e7“ sowie von „Rosinak & Partner ZT GmbH“. Möglich wurde das alles durch eine großzügige Förderung seitens des Bundes. An vier Wochenenden trafen sich also besagte Personen. Und da kamen nur Menschen, denen die Sache am Herzen liegt, immerhin handelte es sich um Freizeit, bezahlt wurde natürlich nicht für diese durchaus anstrengende Arbeit. Immer wie- der ließ man uns in Kleingruppen zu speziellen Themen arbeiten. Wobei ganz wichtig war, dass diese Themen in der großen Gruppe definiert und auch für richtig und wichtig erachtet wurden. Besonders in Erinnerung bleibt mir der Einstieg in den ersten Workshop. Wir sollten im Rahmen ei- nes kurzen Spaziergangs ein Bild der Stadt Steyr im Jahr 2040 entwerfen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie die einzelnen Leute ticken. Was würde ein Fachmann fürs Bauwe- sen ersehnen, was Vertreter aus der Wirtschaft? Bezüglich der Visionen von Mitarbeiter*innen bei der Stadtgärtnerei machte ich mir wenig Sorgen aber… Ich wurde eines Besseren belehrt: alle, wirklich alle Teilnehmer*innen entwarfen das Bild einer sehr grünen, sehr stillen Stadt. Da man uns be- auftragt hatte, durchaus auch das scheinbar Un- mögliche zu erhoffen und zu sehen, gab es auch Hängeseilbahnen, Tunnel, in denen die wenigen Autos und die Busse verschwanden, etc. Was es aber bei niemand gab, das waren breite Stra- ßen, Verkehr, wie wir ihn heute kennen (egal ob mit oder ohne CO2 Ausstoß), dafür jede Menge Grün, Verweilplätze im Schatten, Wasser, Kinder- spielstätten usw. Die optimale Stadt der Zukunft dürfte bei allen Menschen zumindest theoretisch recht ähnlich aussehen – da fragt man sich dann oft schon – aber auch dazu später. Wir wurden also gut angeleitet, Fachvorträge vermittelten wo nötig Grundlagen zur weiteren Planung und ganz wichtig, nach den Workshops setzten sich zuerst die Profis von PlanSinn zu- sammen, um die Ergebnisse zu sichern. Dann gab es immer online ein oder mehrere Treffen einer kleinen Redaktionsgruppe, damit für den nächs- ten Termin alles gut aufbereitet war. Nichts ver- schwand, nichts wurde dazuerfunden, es wurde nur geordnet und zusammengeführt. So war die Zustimmung aller Teilnehmer*innen gewährleis- tet. Wir waren ein buntes und gutes Team. Die Leute aus den stadtnahen Betrieben, die Beirät*innen, ich hatte das Gefühl unter lauter Grünen zu sein. Aber auch mit den Kolleg*innen aus der SPÖ gab es erstaunlich viel Übereinstimmung. Leider war die Teilnahme seitens der ÖVP sehr überschaubar, die Menschen aus der Steyrer FPÖ interessiert das Thema sowieso nicht. Erstaunlich, auch sie haben Kinder und Enkelkinder. Nach vier Workshopwochenenden und zahl- reichen Redaktionssitzungen war unser Auftrag dann zur Zufriedenheit aller Teilnehmer*innen erfüllt. Der ganze Prozess dauerte etwa ein Jahr. Und nun sollte das Ergebnis (nach redaktioneller Überarbeitung) in den Fraktionen besprochen werden, immerhin musste der Plan ja im Gemein- derat beschlossen werden. Und da kam es dann leider zu großen Einschrän- kungen unseres so schönen Plans. Rückmeldung gab es nur seitens der SPÖ Fraktion. (Wir Grüne waren natürlich glücklich mit der ersten Version.) Seitens der SPÖ wurde aber leider eingeschränkt, umformuliert, verkürzt, die Sache unkonkreter und damit auch weniger greifbar. Irgendwie schien es, als hätte sie der Mut verlassen. Um den Plan durch den Gemeinderat zu bringen, mussten wir die Krot schlucken. Weil wesent- lich besser als nichts ist dieser Plan allemal. So manche/r Workshopteilnehmer*in war aber schon sauer, was da von der vielen Arbeit übrig- geblieben ist. Es kam auch die Frage auf, wie wir GRÜNE diesem Klimaneutralitätsplan zustimmen konnten. Das ist immer „des Gewirks“ in der Poli- tik. Wenn man keine absolute Mehrheit hat, muss man Kompromisse schließen. Und dieser Plan ist immerhin etwas, woran man die Politik erinnern kann. Etwas, das auch gewisse Fehlplanungen und -entscheidungen ausschließen sollte – leider nur sollte. Aber zuvor ein kurzer Auszug aus dem im Gemeinderat beschlossenen Plan (er umfasst über 20 Seiten). Im Vorwort werden die Adressaten genannt: das sind der Magistrat und alle im Einflussbereich der Stadt liegenden Betriebe. Klimaschutz wird als Querschnittsmaterie gesehen und deshalb müs- sen alle an einem Strang ziehen und sich unterei-
78 nander austauschen. Ein sogenanntes Klimateam tagt seit dem Beschluss mit gewisser Regelmä- ßigkeit. Auch die Stelle einer Koordinatorin wurde geschaffen. Was man schon an den Adressaten erkennen kann, der Klimafahrplan zielt in erster Linie auf die Sparten ab, auf die die Stadt direk- ten Einfluss hat. Aber auch indirekt kann die Stadt Einfluss neh- men. Der größte Emittent von Treibhausgasen ist (neben der Industrie) der Personen- und Güter- verkehr, so steht das auch im Klimafahrplan. Und weiter steht dort, dass es zu einer drastischen Reduktion der gefahrenen Strecken kommen muss. Ich interpretiere das so, dass wir Straßen rück- statt ausbauen müssen. Dass wir Rad- und Fußwege forcieren müssen. Das ist billiger und führt zu der im Klimafahrplan geforderten Reduk- tion der gefahrenen Strecken. Als weiteres Problem wird der Sektor Wohnen erkannt. Vor allem Häuser und Wohnungen, die vor 2001 gebaut wurden, müssen saniert werden. Im Gemeinnützigen Wohnbau beginnt man damit eher verhalten. Mit der derzeitigen Geschwindig- keit geht sich das bis 2040 nicht aus. Aber im- merhin. Vieles ergibt sich aufgrund der Energiekosten von selbst. So war die Umstellung der Straßen- beleuchtung auf LED wirtschaftlich ganz einfach sinnvoll. Letzten Endes werden die E-Busse bil- liger sein als die alten Dieselbusse etc. Die ener- getische Nutzung der bestehenden Staustufen an der Steyr im Wehrgraben ist eine auf lange Sicht auch wirtschaftlich sinnvolle Investition. Für eine Fotovoltaik auf der Abdeckung der Mülldeponie gilt dasselbe… Grundsätzlich unterscheidet der Klimafahrplan direkte und indirekte Maßnahmen. Erstere sind wahrscheinlich einfacher durchzusetzen, leichter zu kommunizieren, für die indirekten braucht es mehr politischen Mut und auch mehr Weitblick. Abschließend noch ein Zitat aus dem Fahrplan, das Hoffnung macht, zugleich aber an dem ernst- lichen Willen vieler politischer Entscheidungsträ- ger*innen zweifeln lässt, weil dieser Punkt so oft nicht berücksichtigt wird und eine immer noch abwehrende Haltung entlarvt - beispielsweise dann, wenn er für die Westspange nicht gelten soll, weil sie lange vor dem Klimaneutralitätsfahr- plan beschlossen wurde: „Die Strategie für die Umsetzung des Klimaneu- tralitätsfahrplans baut darauf auf, dass die Stadt Steyr mit ihren Unternehmen (…) Entscheidungen in den Gremien nach dem Ziel der Klimaneutrali- tät ausrichtet und Entscheidungen vermeidet, die dem widersprechen, (…)“ Wir werden euch daran erinnern! Auf die nächs- ten 40 Jahre GRÜNE im Gemeinderat! Kurt Prack ist seit 2015 Gemeinderat und Vorsit- zender des Umweltausschusses
79 EIN BAUM DER GRÜNEN VOR DEM MUSEUM ARBEITSWELT Reinhard Kaufmann Im Sommer 2020 spendete die Grüne Fraktion im Gemeinderat für den Vorplatz des Museums Arbeitswelt und als Schattenspender für den Gastgarten des „Glück auf“ einen Lederhülsenbaum. Inzwischen hat er sich von Beeinträchtigungen durch Bautätigkeit in seiner nächsten Umgebung wieder gut erholt.
80 FOTOSTRECKE – Gemeinderat, Wahlen, Feste … 10 Jahre 30 Jahre Sommerfest 2007 NR-Wahl 2008 Busbahnhof Taubendreck 2015 Altbürgermeister Franz Weiss und Waltraud Neuhauser-Pfeiffer Westspange, Bauhaus 35 Jahrfeier 2019 Karin Hiptmair Otto Treml im Gespräch mit Jack Bodo and the empty bottles
81 FOTOSTRECKE – Gemeinderat, Wahlen, Feste … Wahlparty 2019 35 Jahrfeier 2019 Alle ca. 1985 – 1987 Demo MAN Stadtplatz 35 Jahrfeier 2019 ???? Podiumsdiskussion Stadtplanung
82 Promenade 2020 Stadtplatz ohne Auto FOTOSTRECKE – Gemeinderat, Wahlen, Feste … Mit Nationalrat Ralph Schallmeiner 2021 Natascha und Hans Payrleithner, 30 Jahre EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek, 2011 NR-Wahl 2013 Wahlkampfteam 2015
83 EINZELTHEMEN DER GRÜNEN STEYR 4
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85 14 JAHRE GRÜNES SPRACHROHR – Die Geschichte einer etwas anderen Parteizeitung. Georg Neuhauser Begonnen hat alles mit einer ziemlich aufwändigen Aktion. Nachdem die Grüne Alternative Liste Steyr gegründet und der Beschluss gefasst wurde, bei der anstehenden Gemeinderatswahl 1985 zu kandidieren, stellte sich natürlich die Frage, wie bringen wir das, wofür wir standen und was wir erreichen wollten, unter die Leute. Steyr war ja nicht unbedingt eine Kleinstadt und die vorhandenen lokalen Medien, allen voran die traditionsreiche, konservativ-bürgerliche Steyrer Zeitung, waren uns ja nicht sonderlich positiv gesonnen. Begonnen hat alles mit einer ziemlich aufwän- digen Aktion. Nachdem die Grüne Alternative Liste Steyr gegründet und der Beschluss gefasst wurde, bei der anstehenden Gemeinderatswahl 1985 zu kandidieren, stellte sich natürlich die Frage, wie bringen wir das, wofür wir standen und was wir erreichen wollten, unter die Leute. Steyr war ja nicht unbedingt eine Kleinstadt und die vorhandenen lokalen Medien, allen voran die traditionsreiche, konservativ-bürgerliche Steyrer Zeitung, waren uns ja nicht sonderlich positiv gesonnen. Abgesehen davon, waren wir, trotz des Zuspruchs aus allen möglichen Richtungen, eine relativ kleine Gruppe von Aktivist/innen ohne vorhandene Parteistruktur und vor allem, ohne Geld. Was wir allerdings hatten, waren großer Enthusiasmus für die Sache und viele gute Ideen, wie wir es in Steyr besser machen konnten. Also ging es darum, selbst Hand anzulegen. Ein Flugblatt, beidseitig viel zu dicht bedruckt mit unserer Kritik, unseren Standpunkten und einem konkreten Programm, von dem, was wir umset- zen wollten, war schnell gemacht. Aber jetzt ging es darum, diese erste Ausgabe unserer „Grünen Bürgerinformation“ auf die ca. 20.000 Steyrer Haushalte zu verteilen. Das war eine echte Mammutaufgabe und ich glaube, es dauerte ca. 2 Wochen, bis wir Einzeln oder zu Zweit, bestimmten Stadtteilen zuge- ordnet, von Tür zu Tür gehend, bis wir unsere Botschaften an die Frau bzw. an den Mann ge- bracht hatten. Ich erinnere mich an viele un- erwartet nette und wohlwollende Gespräche, aber auch an verschlossene Haustüren und nicht zuletzt auch an einige wüste Beschimpfungen. „Schleicht`s eich ihr Kerndlfresser“, war da noch harmlos. Ja, Steyr war damals ein harter Boden. Insgesamt war aber diese sicher mühevolle Aktion ein Erfolg, hatten doch viele Steyrer/in- nen erstmals die Möglichkeit sich von den da- mals noch grassierenden Klischeevorstellungen, grüne Aktivisten betreffend, zu verabschieden. Nicht alle Grünen waren vollbärtige Sonderlinge in Schafwollsocken, sondern ganz normale, mehr oder weniger sympathische Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen. Mit dem Einzug in den Gemeinderat verbesser- te sich auch unsere finanzielle Situation. Franz Ramoser, unser erster grüne Gemeinderat, über- wies sein gesamtes Gehalt an die Parteikasse und ermöglichte uns an die Planung und letztlich auch an die Umsetzung einer mehr oder weni- ger periodisch erscheinenden „Grünen Zeitung“ heranzugehen. Im Februar 1986 erschien die erste reguläre Ausgabe der damals noch „Grünen Bürgerinformation“, die per Post an jeden Steyrer Haushalt ging. Das Redaktionsteam war von Anfang an immer eher klein und bestand aus zumindest einem Grünen Gemeinderat/einer Grünen Gemeinde- rätin, einem/einer Art Chefredakteur/in und, pro Ausgabe, wechselnden Mitarbeiter/innen. Auf der folgenden Doppelseite sind die Coverseiten aller Zeitungen der Grünen Steyr in der Reihenfolge ihrer Erscheinung abgebildet.
86 GRÜNE Bürgerinfo Nr.1 Feb. 1986 GRÜNE Bürgerinfo Nr.3 Juni 1986 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 Jän. 1987 GRÜNE Bürgerinfo Nr.3 Juli 1987GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Apr. 1987 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Aug. 1987 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Juli 1988GRÜNE Bürgerzeitung Nr.5 okt. 1987 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Nov. 1988 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Dez. 1988 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 April 1989 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.6 April 1988 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Juli 1989 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Sept. 1989 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 März 1990 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Dez. 1989 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Juni 1990 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Sept. 1990 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 März 1991GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Dez. 1990
87 GRÜNE Bürgerinfo Nr.4 Juni 1991 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.5 Sept. 1991 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 Mai 1992GRÜNE Bürgerzeitung Nr.6 Dez. 1991 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Juli 1992 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 Jän. 1993GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Dez. 1992 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 März 1993 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Juni 1993 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.5 Dez. 1993 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.4 Sep. 1993 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.1 März 1994 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 Juni 1994 GRÜNE Bürgerteitung Nr.4 Dez. 1994GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Sept. 1994 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.2 April 1995 GRÜNE Bürgerzeitung Nr.3 Sept. 1995 GRÜNE Steyrzeitung Nr.2 Okt. 1996GRÜNE Steyrzeitung Nr.1 Feb. 1996 1996 wechselte mit einer neuen Redaktion der Name und das Format von A4 auf A3 .
88 Abgesehen von den Anfangsnummern, die wir auf Grund fehlender Computer, aus maschinge- schriebenen Einzeltexten zusammenklebten und so an die Druckerei weitergaben, stand uns auch immer ein – uns inhaltlich verbundener - pro- fessioneller Grafiker (Michael Atteneder – Grüne Bürgerzeitung und Erwin Vaclavik – Grüne Steyrer- zeitung) zur Verfügung. Besonders wichtig, und das macht den Unterschied zu traditionel- len Parteizeitungen aus, war uns, offen zu sein, offen für alle kritischen Stimmen und das nicht nur aus der grünen Bewegung. So haben wir immer wieder Freunde und Bekannte aus allen möglichen Richtungen eingeladen bei uns zu schreiben. So war es gang und gäbe, das Akti- visten aus unterschiedlichsten Initiativen, von der Frauenbewegung zu kirchennahen Gruppen, von den Menschenrechtsaktivisten bis zu den Tierschutzvereinen, vom Weltladen bis zu unter- schiedlichsten Bürgerinitiativen, „unsere Zeitung“ als Sprachrohr nützten. Hin und wieder gelang es uns auch, professionelle Journalisten oder Politi- ker anderer Parteien für Gastbeiträge zu gewin- nen. Diese Tatsache war sicherlich unserer inhalt- lichen Offenheit geschuldet, denn wir verstanden unser Blatt keineswegs nur als Werbung für eine Grüne Partei, sondern als Kommunikationsplatt- form für mehr Demokratie, Gerechtigkeit, Solida- rität und vor allem, Natur- und Umweltschutz. Weil wir nicht abhängig von der ausschließlichen Finanzierung durch die grünen Gemeinderäte sein wollten, begannen wir im Laufe der Zeit mit der Akquirierung von Werbeeinschaltungen bzw. Inseraten durch regionale Betriebe und Orga- nisationen. Die immer bessere Versorgung mit Fremdmitteln half uns auch die „Grüne Zeitung“, als ernstzunehmenden Player im regionalen Me- dienmarkt zu etablieren. Dies ging so lange gut, bis die Post die Kosten für die Portogebühren für Massensendungen derartig erhöhte, dass – trotz intern ausgeglichener Budgetlage – eine Weiter- führung der „Grünen Steyrerzeitung“, wie die letzten Nummern benannt wurden, nicht mehr möglich waren. Im September 1999 erschien demzufolge die letzte Nummer der insgesamt 45 Ausgaben unserer weitum geschätzten Zeitung. Hier der Versuch, anhand von exemplarisch ausgewählten Beiträgen aus unserer Zeitung, mehr oder weniger chronologisch, die ersten 14 Jahre unserer Arbeit für Steyr zu illusterieren. Grüne Bürgerzeitung, Nummer 1, Jänner 1987 Das darf doch nicht wahr sein: Grüne Bürgerzeitung, Nummer 2, Juli 1988 Beispiel 1 Rote Übermacht Die ersten Jahre der GAL im Gemeinderat, waren geprägt vom Widerstand gegen die, sozusagen schon traditionelle, Übermacht der „Roten“ (da- mals gab es für sie noch eine Zweidrittelmehr- heit) und das „Ducken“ der „Schwarzen“ und „Blauen“ in Steyr. Dabei hat sich vor allem unser erster Gemeinderat Ramoser regelrecht „den Kopf blutig geschlagen“.
89 Beispiel 2 Wohnen Eine der ersten Initiativen der GAL im Gemein- derat bezog sich auf die in den 80er-Jahren offensichtlich sehr fragwürdige Gemeinde-Woh- nungsvergabe der Stadt Steyr. Der Vorwurf der Parteibuchwirtschaft stand im Raum. Bereits in einer der ersten Ausgaben der GBZ veröffent- lichte das Team um Gemeinderat Franz Ramoser, einen konkreten Vorschlag für eine gerechtere und parteibuchunabhängige Wohnungsvergabe. Ein Vorschlag der damals offensichtlich einen Nerv in der Bevölkerung traf, wie ein Leserbrief in der GBZ 5/87 dokumentiert. Grüne Bürgerzeitung, Nummer 5, Oktober 1987
90 Altlasten und gefährliche Abfälle, als „Nebenpro- dukt“ des florierenden Industriestandorts Steyr waren in gegen Ende der 80iger-Jahre, mit-aus- gelöst durch Berichte in der GBZ, ein großes Thema. So war die geplante Errichtung einer Sondermüll- verbrennungsanlge (Hochtemperaturvergasung im „Sprech“ der Betreiber) am Gelände des ehe- maligen Gußwerks, der GBZ eine eigene Sonder- nummer wert. Der Widerstand hatte Erfolg, die Anlage wurde nie gebaut. Auch der Angelegenheit Sondermülllager (Guß- sand- und Schlackendeponie) Münicholz/Raming- dorf, zeichnete sich durch das Engagement einer Beispiel 3 Müll Grüne Bürgerzeitung, Nummer 1, März 1990 Beispiel 4 Verkehr Grüne Bürgerzeitung, Nummer 2, Juni 1992 Dauerthema Nr1: Die Verkehrssituation in Steyr. Vom autofreien Stadtplatz, der fußgänger- und fahrradgerechten Stadt, dem leidigen Thema der Umfahrungsstraßen (von der Nord- zur West- spange) bis zum öffentlichen Verkehr, die Ver- kehrssituation in Steyr war von Beginn an ein kontroversiell diskutiertes Dauerthema auch in unserer Zeitung.
91 Beispiel 5 Reithofferwerke Grüne Bürgerzeitung, Nummer 3, September 1989 Schon aus der eigenen Bürgerinitiativen- Geschichte heraus (Schiffmeisterhaus, Wehr- graben,…), war die Erhaltung historisch wertvol- ler Bausubstanz den Steyrer Grünen ein großes Anliegen, was auch in vielen Beiträgen in der GBZ ihren Ausdruck fand. Ein richtiger „Skandal“, aus grüner Sicht, war die Zerstörung des größten Teiles, der für die österreichische Industriege- schichte ausgesprochen bedeutsamen Reithoffer- werke im Jahr 1989. Die Kampagne der „Aktions- gemeinschaft“ für deren Erhaltung brachte nur Teilerfolge. Mit dem heute vielbewunderten Amts- gebäude, blieb nur ein Relikt, das eindrucksvoll zeigt, was alles möglich gewesen wäre, übrig. Beispiel 6 Erinnerungskultur Grüne Bürgerzeitung, Nummer 4, Dezember 1988 Einen zentralen Raum nahm, beginnend mit dem Gedenkjahr 1988, der immer wiederkehrende publizistische Versuch ein, im Sinne eines „NIE WIEDER“, die Erinnerung an die Abgründe und Schattenseiten der Steyrer Geschichte wach zu halten. Grüne Bürgerzeitung, Nummer 2, April 1989
92 Beispiel 7 Zuwanderung Grüne Bürgerzeitung, Nummer 4, Juni 1994 Das wohl heißeste Thema heutzutage, ist zweifellos das Thema Migration. Die In- dustriestadt Steyr war schon sehr früh mit Zuwanderung konfrontiert. Ohne sie wäre der wirtschaftliche Erfolg dieser Stadt in den 60er, 70er und 80er Jahren wohl kaum möglich gewesen. Man erzählt sich, dass der Steyrer Bürgermeister in den 60er- Jahren auf „Marktplätzen“ im ehemaligen Jugoslawien um Arbeitskräfte in der alten Eisenstadt warb. In den 90er-Jahren kam die große Nagelprobe: Die Zuwanderung der Flüchtlinge (teilweise auch Angehö- rige der bereits zuvor eingewanderten Arbeitsmigranten) aus dem Bosnienkrieg, stellte die Stadt vor eine große Heraus- forderung. Eine kleine Gruppe, unter ihnen Aktivist*innen der GAL, gründete – heute ein nationales Vorzeigeprojekt der Caritas – das Integrationsprojekt „Paraplü“. Die GBZ berichtete mehrfach darüber und half mit, dem hohen Stellenwert des friedlichen und respektvollen Miteinanders zusätzliches Ge- wicht zu verleihen.
93 „JACK“ – WOLFGANG RUBL, GRÜNES URGESTEIN Plakate kleben, Plakatständer ausbringen – die Knochenarbeit hinter der sichtbaren politischen Arbeit. Das war auch Jack. Reinhard Kaufmann Müsste man sich für eine Person in Steyr entscheiden, auf die der Begriff „grünes Urgestein“ zu 100% passt, dann könnten sich wohl alle auf Jack einigen. Der gelernte Sozialarbeiter war an den im Kapitel „Vorglühen“ referierten Aktionen und Gründun- gen, insbesondere dem Verein und Kulturhaus „BASISKULTUR“, maßgeblich und mit großem Engagement beteiligt. Bereits 1974 schien er auf einem Flugblatt der „Gruppe Junge Stadt“ als für den Inhalt Verantwortlicher auf. Der drohen- de Abriss des sogenannten Schiffmeisterhauses zugunsten eines Hotelprojekts führte damals zum ersten öffentlichen Aufbegehren gegen eine rück- sichtslose Opferung charaktervoller historischer Gebäude für Neubauprojekte ohne Qualitätsan- spruch. 1982 war Jack Initiator des zum Prototyp für die späteren GAL-Gschnas gewordenen Mas- kenballs im Gasthof zum Goldenen Pflug. Bei den Vorbereitungen der Gründung der GAL Steyr war er einer der wichtigsten Motivatoren, nebenbei besorgte er aus Deutschland Muster- statuten von der „GAL Hamburg“, und damit wohl auch den Namen der neuen Partei. Nach der Parteigründung und besonders im Zuge jeder Wahlbewegung war Jack da, wenn richtige Arbeit gefragt war: Werbezelte transportieren, aufbauen und wieder abbauen und lagern, Drucksorten und Wahlgeschenke nachliefern, Plakatständer an die Positionen entlang der Straßen in Stadt und Bezirk Steyr ausbringen und die Plakate kleben – die Knochenarbeit hinter der sichtbaren politi- schen Kommunikation. Jacks VW-Bus diente als Transportvehikel für viele und vieles. Die Vernetzung und der Austausch mit grünen Initiativen in OÖ und in der Republik auf Landes- versammlungen, Bundeskongressen und bei allen wichtigen Demonstrationen waren sein gerne absolviertes Pflichtprogramm. Politische Ämter strebte er für sich selbst nicht wirklich an, trotz- dem fehlte 1991 angeblich genau eine Stimme für das dritte Mandat der GAL im Gemeinderat, für das er nominiert war. Dass er im „grünen Biotop“ Steyrdorf ein kleines Haus gekauft hat und hier seit vielen Jahren lebt, ist ein stimmiger Teil dieser politischen Zuge- hörigkeit. Trotz absoluter Loyalität für die Grüne Sache hat sich Jack aber nie mit Kritik zurückge- halten, wenn er Funktionsträger/innen zu wenig engagiert oder zielorientiert wahrnahm. Da konnte und kann er auch recht emotional werden. Mit der Fotostrecke auf der nächsten Seite möchten wir Jacks Rolle als Motivator, Anpacker und Freund würdigen. Plakate kleben mit Kurt Prack 2009
94 Queng 2006 mit Dieter Perkonigg und einem Grün- Sympathisanten 2013 2024 für Kamala Harris mit Christian Zickbauer und Erik Helleis im Café Treff
95 70er Feier in Oskars Atelier (2022) mit der GR-Fraktion und Maria Lindinger die Steyrer Au putzen 2010 mit Nationalrat Wolfgang Pirklhuber, Reinhard Kaufmann und Dieter Perkonigg, 2009
96 THERESIA HAIDLMAYR – Eine Grüne aus Steyr im Nationalrat Reinhard Kaufmann Theresia Haidlmayr, Jahrgang 1955, war die bis- her einzige grüne Nationalratsabgeordnete aus Steyr. Aufgrund ihrer Glasknochenkrankheit war sie Rollstuhlfahrerin. 1994 wurde sie vom grünen Bundeskongress als Behindertenvertreterin auf eine wählbare Stelle der Bundesliste gewählt. Theresia gehörte dem Nationalrat von 1994 bis 2008 an. Für die NR-Wahl 2008 verzichtete sie auf eine neuerliche Kandidatur, weil die Grünen ihrer Ansicht nach die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung nicht mehr mit ausreichender Priorität unterstützten. Theresia Haidlmayr starb 2022 in Wien. Zur Erinnerung an die grüne Abgeordnete bringen wir das Interview der Grünen Bürger- zeitung vom März 1994 mit ihr:
97 Seine Mitwirkung als Model für dieses Plakat zum Grünen Sommerfest 2018 ergab sich zufällig. Reinhard Kaufmann gelang dieses Bild Dieter Perkoniggs in einer spontanen Situation anlässlich eines Wehrgrabenfests ca. 2016. Bei dieser Gelegenheit möchten wir uns ganz herzlich bei Dieter für seine tatkräftige Mithilfe bei Plakataktionen, Sommerfesten und vielen Anlässen bedanken. Plakat und Einladung zum Fest
98 Ziemlich zeitgleich gründeten wir den Verein „Rettet die fließende Enns“. Zu den Eckdaten: Unterhalb der Rederbrücke sollte ein klappbares Wehr errichtet werden. Die Stauwurzel wäre etwa bei der Eisenbahnbrücke in Garsten gewesen. Steyr wäre mit diesem Kraftwerk an einem Stausee gelegen. Sehr ertragreich wäre das Kraftwerk nicht gewe- sen, die Vertreter der Ennskraft selbst sprachen immer davon, dass das Projekt „aus wirtschaft- licher Sicht grenzwertig“ sei. Die Enns fließt in Oberösterreich nur mehr hier in Steyr. Überall sonst ist sie durchgängig von Stau- werken beeinträchtigt. Natürlich sind auch wir für die Nutzung der Wasserkraft. Aber die Enns hat ihren Beitrag wohl geleistet und das Stadt- bild von Steyr sowie der ökologische Wert dieser ca. fünf Kilometer freier Fließstrecke waren und sind für uns wichtiger als ein sehr überschaubarer Stromertrag. Also begannen wir – ein kleiner aber fleißiger und sehr bunter Kreis, parteipolitisch unabhängig – gegen dieses Projekt und für die Erhaltung der Natur zu kämpfen. Beinahe wöchentlich trafen wir uns in einem Steyrer Wirtshaus. Wir machten uns aus, wer den nächsten Leserbrief schreibt, wir planten kleine Umzüge am Stadtplatz mit unse- ren Blaufischen, die zum Symbol dieses Kampfes wurden und wir organisierten Schotterbankfeste beim Zusammenfluss, und spannten eine Schnur über den Fluss, um zu zeigen, wie hoch der Stau sein würde. Besonders diese Feste erfreuten sich großer Beliebtheit und waren auch für uns, die wir viel Energie in diese Bürgerinitiative steckten, eine Wohltat, weil wir so viel Zuspruch erfuhren. Darstellung der Stauhöhe Schon ganz zu Beginn machten wir uns klar, dass wir einen langen Atem brauchen würden, dass un- sere Gegner im Gegensatz zu uns über ein Budget und über Presseabteilungen verfügten und dass wir bei aller Begeisterung auch bedenken muss- ten, dass aller Aufwand umsonst sein könnte. Wie würden wir damit klarkommen: Jeden Tag über die Brücke gehen und in einen Stausee blicken? So viel Zeit, so viel Herzblut und dann vielleicht kein Erfolg. Nun, wenn man sich davor fürchtet, dann darf man nicht damit anfangen. Bevor die Bagger nicht rollen besteht eine Chance. Hainburg und das Hintergebirge hatten gezeigt, dass sogar rollende Bagger noch nicht das endgültige Aus bedeuten müssen. Auch Zwentendorf wurde oft zitiert. Das ging nie in Betrieb, obwohl es fertig gebaut war. Einer unserer Hauptgegner war der Bürgermeister und in einer Person auch Aufsichtsratsvorsitzende der Ennskraft Gerald Hackl. Bis heute bin ich der Meinung, dass die beiden Rollen nicht zusammen- passen, bis heute ist es Usus, dass der Bürgermeis- ter auch im Aufsichtsrat der Ennskraft sitzt. Egal, solange es keine unterschiedlichen Bedürfnisse „RETTET DIE FLIESSENDE ENNS“ – Geschichte von einem erfolgreichen Kampf für die Erhaltung der Natur Kurt Prack „Wir werden einen langen Atem brauchen“ Es war um das Jahr 2005, als erste Pläne für ein Kraftwerk Rederbrücke bekannt wurden. Die Ennskraft brachte 2006 einen entsprechenden ersten Werbefolder heraus und begann die Bevölkerung zu “informieren“. Mit der grünen Luftballonkette haben wir die zukünftige Stauhöhe bei Zwischenbrücken symbolisch gekennzeichnet.
99 gibt. Aber was wäre denn gewesen, wenn Hackl damals verstanden hätte, dass das Kraftwerk dem Stadtbild und der Ökologie schaden würde, wen hätte er vertreten? Aber dieser Weitblick fehlte ihm ohnehin. In Sachen Ökologie ist dem der- zeitigen Bürgermeister mehr Gefühl zuzutrauen und das Kraftwerk Rederbrücke ist wohl für immer vom Tisch. Ich halte es dennoch für einen Fehler, dass er im Aufsichtsrat der Ennskraft sitzt. Viele Jahre vergingen, wir versuchten lästig zu sein, wir tauchten vor den Gemeinderats-sitzun- gen mit unseren Fischen auf, wir verteilten Flug- zettel, wir waren medial sehr präsent, die Stim- mung war gut, aber so richtig glaubten außer uns nur wenige daran, dass man gegen so mächtige Gegner eine Chance hat. Letztlich half uns und der Enns einerseits die Beharrlichkeit und Entschlusskraft der Eigen-tü- merfamilie der Rederinsel und andererseits die Tatsache, dass man eine große Umwelt-organisa- tion anders behandeln muss, als eine Familie. Zur Errichtung des Kraftwerkes hätte die Ennskraft einen kleinen Teil der Insel unter der Brücke be- nötigt. Die Eigentümer sind Menschen, die die Natur lieben und von Anfang an dem Projekt ablehnend gegenüberstanden. Ja das hätte aber nichts gebracht. Denn Privatpersonen werden in so einem Fall ganz einfach enteignet. Und da kam der WWF ins Spiel. Ich fuhr im Jahr 2012 zu einem Vernetzungstreffen der WWF Initiative „Flüsse voller Leben“. Dort klagten Ver- treterInnen unterschiedlicher Initiativen ihr Leid bezüglich eines geplanten Kraftwerksprojektes an einem der wenigen verbliebenen Flussabschnitte in ihrer Heimat. Auch ich tat das und beschrieb die Situation in Steyr. Der Rest ist Geschichte. Ich stellte den Kontakt zwischen den Eigentümern und dem WWF her. Heimlich ging der Kauf des betreffenden Grundstücks über die Bühne und Anfang Dezember überraschten wir in einer Pressekonferenz die Kraftwerksbefürworter mit der Botschaft, dass das für das Kraftwerk nötige Grundstück nun dem WWF gehört. Das Kraft- werksprojekt war damit sofort gestorben. Natürlich waren wir glücklich über diesen Aus- gang. Natürlich erfreue ich mich noch heute jeden Tag am Anblick des Flusses und im Mai und Juni an den laichenden Huchen. Natürlich waren wir damals unendlich erleichtert und natürlich macht es Freude, wenn David dem Goliath ein Bein stellt. Eine Frage bleibt aber schon: warum war das Projekt sofort gefallen, als der Gegner nicht nur mehr eine Bürgerinitiative und eine Eigentümerfamilie waren? Der WWF steht nicht über dem Gesetz. Ein sinniges Projekt kann auch so eine Umweltorgani-sation nicht verhindern. Ich gehe sogar weiter. Zahlreiche umweltschäd- liche Projekte, vom Straßenbau über den Hoch- bau bis zu Kraftwerken werden umgesetzt - trotz massiver Proteste und Einwendungen auch von großen Umweltinitiativen. Mein Gott, wie schlecht muss das Projekt Kraftwerk Rederbrücke gewesen sein, dass es so sang- und klanglos unterging. Uns bleibt die Freude, Steyr bleibt ein Stück na- turnaher Enns. Nur selten werde ich von blauer Seite (und ausschließlich von dieser) für meinen damali- gen Einsatz kritisiert. Ich nehme das als Lob. Danke allen Mitstreite- rinnen und Mitstreitern. Danke aber auch allen, die sich heute gegen unsinnige Projekte und für Um- welt- und Klimaschutz einsetzen. Wir brauchen einen langen Atem, das war von Anfang an klar. Kurt Prack ist noch immer Obmann des Vereins „Rettet die fließende Enns“ Die Enns beim Zusammenfluss mit der Steyr. Die Stauung sollte flussauf weit über das Neutor gehen. Aufkleber zur Rettung der Enns
100 Bewohner:innen und Gäste bummeln über den Platz und durch die Gässchen, wo auch der eine oder andere Einkauf getätigt werden kann und Stadtführer:innen zeigen Tourist:innen die Schön- heiten der Stadt. Elektrobetriebene Kleinbusse bringen die Menschen in das Zentrum und mit ihren Einkäufen wieder zu ihren Parkplätzen oder nach Hause. So oder so ähnlich könnte der Stadtplatz von Steyr in einigen Jahren aussehen, wenn die Ver- antwortlichen die Zeichen der Zeit erkennen würden. Es ist noch nicht zu spät! Es begann 1988 Ein „autofreier Stadtplatz“ in Steyr war den Grü- nen seit jeher ein Anliegen. Immer wieder wurde dieses Thema in der „Grünen Bürgerzeitung“ debattiert. Ein erstes Teilstück eines autofreien Stadtplatzes hat der damalige Bürgermeister Heinrich Schwarz am 12. Oktober 1988 gemeinsam mit den Grünen und anderen Befürworter:innen symbolisch eröffnet. Wir erkennen am Foto unten folgende Personen: Manfred Derflinger, Georg Neuhauser, Elfriede Traxler, Heribert Mader, am Band Bürgermeister Heinrich Schwarz, Karin Proyer, Hans Stögmüller, Rudi Meidl, Georg Schipek, Hermann Proyer. Einige Monate davor, im April 1988, entstand die Bürgerinitiative IG-STADTPROJEKTE im Anschluss an eine Podiumsdiskussion mit dem Raum- und Verkehrsplaner Professor Knoflacher. Vorrangiges Ziel dieser Bürgerinitiative war die Schaffung eines autofreien Stadtplatzes. Bei der Projektpräsentation in der anschließenden Pressekonferenz stellten die Proponent:innen der Bürgerinitiative, die aus allen politischen Lagern kamen, detaillierte begleitende Strukturmaßah- men vor. Ideen zur Belebung des Platzes waren beispielsweise Schanigärten, ein Fahrradverleih, Ausstellungen, Litfaßsäulen, Straßentheater, die Öffnung von Innenhöfen vom Stadtplatz zum Ennskai hin. Damit sollten wieder Geschäfts- und Gastgewerbetreibende angelockt werden. EIN AUTOFREIER STADTPLATZ – Vision oder bald Realität? Waltraud Neuhauser-Pfeiffer Ein Begegnungsraum für alle: Menschen flanieren auf dem großen von Bäumen umsäumten Platz, Kinder erfreuen sich an Wasserspielen, Menschen erfrischen sich bei Trinkwasserbrunnen, plaudern mit Freunden in den Gastgärten, genießen ihr Frühstück in einem der Cafés. Symbolische Eröffnung am 12. Oktober 1988
101 Was damals noch kaum ein Thema war: die Klimaerwärmung. Doch gerade heute ist dieser Problematik besonderes Augenmerk zu schenken. Aber es darf nicht bloß beim Benennen bleiben, es heißt auch, die Innovationskraft und den Mut aufzubringen, mit konkreten Maßnahmen Schritte zu setzen, die von unseren nachfolgen- den Generationen als Erfolgsmodell einer Stadt wahrgenommen werden können. Der Klimawan- del lässt uns nicht mehr viel Zeit. Eine Altstadtgarage und ein Steg für Fußgänger:innen Der Steyrer Architekt Hermann Proyer erstellte 1988 einen detaillierten Plan für eine Fußgänger- brücke vom Neutor zu einem neu zu errichtenden Parkhaus am rechten Ennsufer im Bereich des Schiffmeisterhauses. Fast 30 Jahre später, im November 2017, wur- den tatsächlich die „Stadtplatzgarage“ und ein Fußgängersteg, der über die Enns in das Stadt- zentrum führt - beide geplant vom Vorarlberger Architekten-Duo Marte.Marte - eröffnet. 1988 war von den regierenden Stadtpolitikern prophezeit worden, dass, wenn eine Lösung für das Parken der Kraftfahrzeuge gefunden würde, man nichts gegen einen autofreien Stadtplatz einzuwenden hätte. In den Jahren von 2017-2026 wurde das Thema „Neugestaltung des Stadtplatzes“ mit weitge- hender Verkehrsberuhigung immer wieder von den Grünen, aber auch von den NEOS und vom Bürgerforum/ÖVP aufgegriffen und Anträge im Gemeinderat eingebracht. Ein zentrales Argu- ment dabei: Mit der Fertigstellung der „Stadt- platzgarage“ und dem Steg zum Rathaus sei die Bereitstellung von Parkplätzen auf dem Stadt- platz weitgehend überflüssig. Die Ideen, die den Stadtplatz beleben sollten, reichten von der Aufwertung des Marktgesche- hens, weiteren Gastgärten, Geschäftslokalen bis hin zu Ideenwettbewerben und Baum- bepflanzungen. Auch war immer wieder die Rede davon, die Kaigasse zu sperren und den Ennskai über die Zieglergasse zu erschließen. Kleine Schritte, doch auch diese wurden nicht realisiert. Projekt: „Stadtplatz neu“ Die Idee zur Neugestaltung des Stadtplatzes geht auf eine Initiative von Schüler:innen der HAK Steyr im Rahmen des „Open Innovation Prozess Steyr 2030“ im Herbst 2015 zurück. Noch vor Eröffnung der „Stadtplatzgarage“ und des „Enns-Steges“ im November 2017 wurde das mit dem „FAZAT-Award“ ausgezeichnete Projekt vom Wirtschaftsverein „STEYRlebt“ weitergeführt, unterstützt von der Stadt Steyr, dem Land Oberösterreich, der WKO Steyr und dem Verein FAZAT. Das Steyrer Architekturbüro HERTL.ARCHITEKTEN entwickelte 2017 gemeinsam mit dem Stadt- marketing und dem Verein STEYRlebt! das Projekt „5 Märkte“. In einem Partizipationsprozess mit Akteur:innen der Innenstadt wurden in Workshops Maßnahmen erarbeitet, die den Stadtplatz und seine Umge- bung attraktiver gestalten und für mehr Frequenz in der Innenstadt sorgen sollten. Die Märkte, die historisch seit jeher eine große Bedeutung hatten, standen dabei im Mittelpunkt der Überlegungen und im Fokus einer Wiederbe- lebung: der Markt Brucknerplatz, der Grünmarkt, der Marienmarkt, der Markt um den Leopoldi- brunnen und bei Zwischenbrücken. Als Ziele wur- den formuliert: Bereitstellung von mehr Plätzen
102 für Märkte und Veranstaltungen, Förderung des Fußgänger- und Fahrradverkehrs, verbesserte Infrastruktur, Einbindung des neugeschaffenen Enns-Steges und die Verbesserung der Aufent- haltsqualität. Im Sommer 2018 sollte die Pilotphase starten. Die Märkte blieben jedoch weiterhin Zukunfts- musik, wenn auch mit Blick auf die oberöster- reichische Landesausstellung 2021 einige Umge- staltungen stattfanden: die Neupflasterung eines Teiles des Stadtplatzes mit einem verbreiterten Fußgängerbereich zwischen der Oberen Kaigasse und der Eisengasse, Pflanzkübeln mit mobilen Bäumen und Poller. Die Absenkung des Gehsteigs am Grünmarkt, Stufen beim Aufgang zum Schlossberg, ein Wasserspiel in der Mitte der Enge Gasse und ein Bodenbrunnen im Bereich der Pfarrgasse waren weitere Ideen, deren Umsetzung jedoch der Rea- lisierung harrt. War das schon der große Wurf einer Um- und Neugestaltung des Stadtplatzes? Stadtplatz „LEO“ Umgesetzt wurde in siebenmonatiger Vorberei- tungszeit 2018 das Konzept eines Marktplatzes rund um den Leopoldibrunnen, der nach dem Steyrer Original Leo Kadlitz benannt wurde. Mit dem so genannten „Stadplatz LEO“ wurde ein Marktkonzept entwickelt, das bis zu vier Anbie- tern eine Verkaufsfläche mittels modular auf- und abzubauender, transportabler und anpassbarer Stände bereitstellt. Mitte Mai 2019 wurde der „Stadplatz LEO“ eröffnet. Damit sollte das Stadt- zentrum jeweils an Freitagen mit einem Marktan- gebot von regionalen Anbietern und Produkten erweitert und so belebt werden. Die Mühen der Ebene 2019 wurde im Gemeinderat über einen autofrei- en Stadtplatz für den Samstag abgestimmt, doch die Rathausmehrheit aus SP und FP lehnte den Vorschlag der Grünen und NEOS ab. Im Vorfeld luden Grüne und NEOS am 6. Juni 2019 zu einer öffentlichen überparteilichen Bür- ger:innen-Diskussion zum Thema „Lebensraum- Innenstadt“. Unter der Leitung von Ursula Kopp, einer Forscherin an der FH Steyr, debattierten rund 30 Bürger:innen über das Thema Belebung der Innenstadt. Dabei führte die vorgestellte Idee eines autofreien Stadtplatzes zu einer kontro- versiellen Diskussion. Internationale Studien- ergebnisse stehen jedoch befürchteten Frequenzverlusten – wie Beispiele aus anderen Städten zeigen – entgegen. Regelmäßig zur Adventzeit wird der Stadtplatz ab Mitte November für den motorisierten Indivi- dualverkehr am Wochenende gesperrt. Stadtbus- se halten weiterhin am Stadtplatz. Diese Maßnahme funktioniert reibungslos – wa- rum nicht auch an Wochentagen das ganze Jahr über? Was wollen die Steyrer:innen? Eine im August 2024 durchgeführte Befragung von 681 Steyrerinnen und Steyrern zum auto- freien Stadtplatz ergab, dass sich 62 % – also die Mehrheit der Befragten – ein gänzlich auto- freies Zentrum wünschen, weniger als ein Drittel sprach sich für den Autoverkehr am Stadtplatz aus. Außerdem kritisieren die Menschen in der Befragung die Leerstände, die wieder mit mehr Geschäften gefüllt werden sollten. Sie wünschen sich auch mehr Veranstaltungen und ein besseres Gastronomieangebot. Ob der neu geschaffene Posten eines Innenstadt- managers das Stadtzentrum für Bewohner:innen und Gäste auf Dauer lebenswerter und attraktiver gestalten kann, wird sich zeigen. Ein „Masterplan“ für die Innenstadt Optimistisch stimmt gerade in letzter Zeit, dass sich immer mehr Leerstände im Bereich Enge Postkarte als Einladung
103 Gasse und Stadtplatz mit Geschäften, Gastrono- miebetrieben und Büros füllen. Für eine in die Zukunft reichende Planung braucht es jedoch einen „Masterplan“, damit Steyr auch für spätere Generationen lebenswert bleibt. Die Architektin Julia Krendl, Organisatorin der „Steyrer Architekturtage“, bringt es auf den Punkt: „Ich halte nichts vom Sudern, die Kulisse von Steyr und die Lage am Wasser sind einmalig. Von Seiten der Politik braucht es den Mut und das Vertrauen, Konzepte auch eins zu eins um- zusetzen, statt wie etwa beim Stadtplatz alles zu zerreden und möglichst viele Kompromisse ein- zugehen.“ Seit über 20 Jahren ist Steyr „Klimaschutzge- meinde“ und wurde dafür im November 2023 für Klimaschutzaktivitäten vom „Klimabündnis Ober- österreich“ ausgezeichnet. Doch warum nimmt man nicht verstärkt die Innenstadt in den Blick, um nachhaltiges Sanieren von denkmalgeschützten Häusern zu gewähr- leisten, Einzelhändler und Gewerbetreibende mit einem Branchenmix aus der regionalen Wirt- schaft anzulocken und Projektentwickler:innen, die auf Partizipation der Bürger:innen achten, mit einem „Masterplan“ zu beauftragen? Vorbildhafte „grüne“ Städte im In- und Ausland (Hinweis: Hohenems hat einen FPÖ-Bürgermeister, Lienz eine SPÖ-Bürgermeisterin) In Hohenems gelang es in den letzten zehn Jah- ren, einen Bürgerbeteiligungsprozess ins Leben zu rufen, die Leerstände zu beseitigen und die Stadt nachhaltig mit privatem und öffentlichem Engagement wiederzubeleben. Auch In Lienz setzt man seit 2002 auf kooperati- ve Innenstadt- und Quartiersentwicklung, die die Bürger:innen aktiv in Planungsprozesse einbindet. Damit gelang es, den öffentliche Raum Fußgän- ger:innen-freundlich zu gestalten, den ruhenden Verkehr zu reduzieren und mediterranes Flair mit hoher Lebensqualität (z.B. Straßencafés) in die Gassen zu bringen. Dabei fördert man auch die lokale Wirtschaft mit Gastronomie, Handel, han- delsnahen Dienstleistungen und Manufakturen. Im Nachbarland Slowenien zeigt die Hauptstadt Ljubjana seit 2007 vor, wie durch eine umfassen- de Verkehrsberuhigung und großflächige Begrü- nungen der gesamte Stadtkern zu einem auto- freien Bereich mit einer Begegnungszone von 19 Hektar umgewandelt wurde. Radwege wurden ausgebaut und die Uferzone des Ljubjanca-Flus- ses zu einer Fußgängerzone umgestaltet. Ein sogenannter „Kavalier“ – ein Elektro-Shuttleser- vice – steht den Menschen in der Fußgängerzone ebenso kostenlos zur Verfügung wie ein städ- tisches Fahrrad-Verleihsystem. Ljubljana wurde schon 2016 von der EU zur „Grünen Hauptstadt Europas“ gewählt. Obwohl der Bürgermeister Jankovic zu Beginn seiner Amtszeit wegen seiner „grünen“ Pläne noch heftig angefeindet wurde, befürworten heute 95 % der Bürger:innen seine Politik für eine lebenswerte Stadt. 2022 zum sechsten Mal wie- dergewählt, regiert Jankovic als Bürgermeister bis heute. Als letztes Beispiel sei Paris erwähnt, wo Bürger- meisterin Anne Hidalgo seit 2014 die Innenstadt ökologisch umgestaltet hat: Ausbau von Grünflä- chen, Pflanzung von zahlreichen Bäumen, Tempo- limit 30, Ausbau von Radwegen, kostengünstige Leihfahrräder, „vertikale Wälder“, Solarpaneele, Sanierung von Schulen und Ausbau von bezahl- barem Wohnraum. Bis 2050 soll Paris damit klimafit gemacht werden. Auch Paris wurde 2021 vom „Climate Action Award“ der UNO für seine außergewöhnliche Führungsrolle im Klimaschutz ausgezeichnet. Dieses ökologische Stadterneuerungskonzept wurde bei den letzten Kommunalwahlen durch den Sieg des Sozialisten Emmanuel Gregoire, zu- vor rechte Hand der scheidenden Bürgermeisterin Anne Hidalgo, von den Wähler:innen bestätigt. Im März 2026 beschloss der Steyrer Gemeinderat auf Initiative der Grünen nach einer emotionalen Diskussion eine Resolution, die den Bürgermeis- ter beauftragte, probeweise eine erweiterte Ver- kehrsberuhigung an Wochenenden am Stadtplatz umzusetzen. Dieser kleine Schritt zeigt zwar in die richtige Richtung, aber er ist aber noch weit von einem Gesamtkonzept für einen verkehrs- beruhigten und lebenswert gestalteten Stadtplatz entfernt.
104 Von Mitte August bis Ende Oktober 2026 wird es aufgrund des Gemeinderatsbeschlusses zwischen Freitag 16 Uhr und Montag 7 Uhr einen Probebe- trieb mit Sperre der Kaigasse und Umkehrschleife vor dem Rathaus für den motorisierten Verkehr geben. Die Zukunft beginnt jetzt Die Steyrer:innen, denen ihre Stadt am Herzen liegt, sollten ihre politischen Vertreter:innen beim Wort nehmen, wenn es darum geht, ihr mehrheit- liches Anliegen eines „autofreien Stadtplatzes“ mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten in die Tat umzusetzen. Auch die Bepflanzung mit Bäumen im denkmalgeschützten Raum in Zeiten des Kli- mawandels darf kein Tabu mehr sein. 1986 präsentierte Bürgermeister Heinrich Schwarz mit Franz Josef Hartlauer ein Projekt zur „Lösung des Parkproblems im Altstadtkern“ mit 500 Pkw-Stellplätzen unter der Handel-Maz- zetti-Promenade mit geplanter Einfahrt vor dem Werndldenkmal. In der Planskizze, veröffentlicht in Steyrer Amtsblatt 1986/4 Seite 6f., wird der Stadtplatz als ausnahmslose Fußgängerzone dargestellt. Quellen: Amtsblatt der Stadt Steyr 1986/4 und Amtsblatt 1989/12 Der Einkäufer muss nicht unbedingt mit dem Auto bis zum Geschäft fahren. Die sogenannte „Einkaufsatmosphäre“ im Zentrum wird ja gerade dadurch geschaffen, dass der Fußgänger unbe- hindert von Autolärm und Abgasen die Schönheit alter Architektur erleben kann und damit auch die Attraktivität des „Einkaufsplatzes“ Altstadt zugunsten der dort ansässigen Geschäftsinhaber gesteigert wird. Die Innenstadt von Steyr, so reich an Geschichte, die sich an den einzigarten Bauwerken, den zahl- reichen Gassen, Stiegen, Brunnen und Plätzen ab- bildet, soll für Bewohner:innen und Besucher:in- nen ein lebendiger autofreier Begegnungsraum werden. Mit einem Stadtzentrum ohne störenden Individualverkehr, in dem Menschen arbeiten, Ein- käufe tätigen und ihre Freizeit verbringen. Die Fraktionsvorsitzende der Steyrer Grünen Ruth Pohlhammer: „Das Stadtzentrum von Steyr soll allen Bewohne- rinnen und Gästen als Wohnzimmer und soziales Zentrum dienen. Es muss sich nur jemand trauen zu träumen…“ Es ist höchst an der Zeit, dass dieser Traum endlich wahr wird. Einige Pläne und Stellungnahmen anderer Stadtrat Roman Eichhübl (FPÖ – GR 14.12.1989, Amtsblatt 1990/1 Seite 7): „Der Stadtplatz soll durch eine totale Verkehrs- freihaltung zum Mittelpunkt für Einkauf und Kom- munikation, für Veranstaltungen und musikalische Darbietungen sowie zu einem repräsentativen, dem Namen Christkindlstadt Steyr entsprechen- den Christkindlmarkt werden.“ Die Voraussetzung sei die Errichtung von neuen zentrumsnahen Parkplätzen und eine neue Zu- fahrt zu den Parkplätzen am Ennskai. VizeBM Hermann Leithenmayr OÖN 25.10.1990: Einen autofreien Stadtplatz wünscht sich Leit- henmayr ebenfalls. „Man müßte kleinere Busse einsetzen, weil wir eine Durchflutung des Stadt- platzes brauchen“, sagte der Vizebürgermeister.
105 Der Eintritt wurde noch in Schilling beglichen (50 Schilling im Vorverkauf). Die Tagesordnung der Gründungsversammlung war so ausufernd, dass es sich bis zum Beginn des Konzertes niemals ausgegangen sein kann. Zuvor hatte sich schon die Sozialistische Jugend Steyr (wieder-)gegründet und auch eine Gruppe der Aktion Kritischer Schüler:innen (AKS) hatte regen Zulauf. Es ist etwas Besonderes, wenn sich in einer kleinen Stadt wie Steyr nicht nur eine, sondern gleich mehrere progressive Jugendorga- nisationen herausbilden. Das alternative Milieu hatte mit dem Kulturverein Röda zwar ein festes und florierendes Zuhause, wie man es sich nur wünschen kann. Aber politische Jugendorgani- sationen waren de facto nicht existent, seit die SJ-Steyr ein paar Jahre zuvor im Streit mit der SPÖ aufgelöst wurde. Die Übergänge zwischen den einzelnen Jugend- organisationen waren fließend und es ging, zumindest für ein paar Jahre, mehr um die ge- meinsame politische Sache als um Organisa- tionsgrenzen und Konkurrenz im progressiven politischen Lager. Bereits vor der offiziellen Grün- dungsfeier rief die GAJ-Steyr gemeinsam mit SJ und AKS zu einem Friedenszug durch die Stadt auf. Anlass war der Krieg in Afghanistan, der kurz davor begonnen hatte. Schwarzblau und War on Terror Jede Generation hat ihre Politisierungsmomente. Im Fall der 2000er Jahre war es auf nationaler Ebene der große Tabubruch der Schüssel-ÖVP, die eine Koalition mit der rechtsextremen Hai- der-FPÖ eingegangen ist. 25 Jahre später wird in Deutschland an der Brandmauer zum Partei gewordenen Rechtsextremismus festgehalten. In Österreich hat die FPÖ mittlerweile einen zwei- ten Anlauf in der Bundesregierung hinter sich und regiert in fünf Bundesländern. Der Tabubruch in Österreich war nachhaltig. Gleichzeitig machte der Terroranschlag auf das World Trade Center und der darauffolgende „War on Terror“ jede Hoffnung zunichte, die Welt könne nach dem Ende der Kriege im ehemaligen Jugoslawien endlich einmal in eine friedlichere Epoche eintreten. Heute wissen wir, dass die Krie- ge im Nahen und Mittleren Osten sich fortsetzen und unheimliches Leid über die Bevölkerungen der betroffenen Staaten bringen werden. Die wirtschaftliche Lage in Österreich war stabil. Die Wirtschaft wuchs seit 1982 in jedem Jahr, die Finanz- und Bankenkrise 2008 war noch weit entfernt und die Arbeitslosenquote lag nahe an der Vollbeschäftigung. Die vermeintliche ökono- „ICH MÖCHTE TEIL EINER JUGENDBEWEGUNG SEIN“* *Tocotronic, Digital ist besser, 1995 Georg Prack Am 9. November 2001 gründete sich in Steyr die Grünalternative Jugend offiziell. Standesgemäß fand das Gründungsmeeting im Kulturverein Röda statt und wurde von einem Konzert der „4 Experimentellen, die nur 2 sind“ mit ihrem aktuellen Album „Röhrenbusen“ begleitet. Georg 2003
106 mische Sicherheit war ein fruchtbarer Boden für postmaterielle Werteorientierung. Gleichstellung, Umweltverschmutzung, Barrierefreiheit Das Spektrum der Aktivitäten der GAJ-Steyr war breit. Neben dem allgemeinen Widerstand gegen die schwarz-blaue Regierung wurden Themen wie die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, Barrierefreiheit und Umweltverschmutzung be- handelt. Der letzte strafrechtliche Tatbestand, der spezi- fisch auf die Verfolgung homosexueller Menschen abzielte, war noch nicht abgeschafft. Von ein- getragener Parter:innenschaft oder Ehe für Alle keine Spur. Was in der vergangenen 25 Jahren für die Rechte von LGBTIQ-Personen erreicht werden konnte, ist ein großer Erfolg der Community und ihrer Partner:innen. Die GAJ- Steyr war stolzer Teil dieser Bewegung, in einem Umfeld, das sehr massiv von Homophobie geprägt war. Gunther Trübswasser und Theresia Haidlmayr setzten bei den oberösterreichischen Grünen das Thema Inklusion auf die Tagesordnung. Die GAJ- Steyr machte mit den beiden Abgeordneten auf die Bedürfnisse von mobilitätseingeschränkten Abgeordneten aufmerksam. Seither hat sich einiges verbessert, aber Barrierefreiheit und Inklusion bleibt weiterhin ein wichtiges Thema für grüne Politik. Natürlich hat sich die GAJ-Steyr auch ökologi- schen Themen gewidmet. So machte man auf die Vermüllung an der Steyr aufmerksam. Die Gruppe beschäftigte sich aber auch mit der Vereinnah- mung des Widerstands gegen das AKW Temelin durch die FPÖ. Überregionales Engagement und Wahlkämpfe Die engagierte Gruppe in Steyr blieb natürlich auch bei der Grünalternativen Jugend Oberös- terreich nicht unbemerkt. Die leider viel zu früh von uns gegangene Agnes Khatra und der Autor dieser Zeilen wurden bereits im Jahr darauf zu Sprecher:innen der GAJ Oberösterreich gewählt. Es entstanden viele Regionalgruppen. An einem Austausch mit der Grünen Jugend Stuttgart waren viele aus der GAJ-Steyr beteiligt. Manche brachten aus der Jugendherberge in Stuttgart sogar Bettwanzen mit. Bei den vorgezogenen Nationalratswahlen im November 2002 kämpften Grünalternative Ju- gend und Grüne Steyr Seite an Seite für ein star- kes grünes Ergebnis. Auch bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen 2003 brachte sich die Grün- alternative Jugend Steyr intensiv in die grüne Wahlbewegung ein. Der VW-Bus von Jack wurde zum zweiten Zuhause für jene, die beim Plakatie- ren halfen. Auch weil die Plakate im November- Wahlkampf besonders schlecht hielten. Gekommen, um zu bleiben? Die Gründungsphase mit mehreren Dutzend Akti- vist:innen wirkte zwar lange nach, aber irgendwann verschwand die Organisation wieder von der Bild- fläche. Nun stellt so mancher die Frage: Wie nach- haltig war die Etablierung einer Grünalternativen Jugendorganisation in Steyr? Das ist die falsche Frage. Einerseits verschließt diese Frage den Blick darauf, wie wichtig diese Jugendbewegung für die politische Sozialisation vieler Menschen war und was aus diesen Politisie- rungsmomenten alles an politischen Biographien, Initiativen und zivilgesellschaftlichen Engagement entstanden ist. Die Organisation mag gerade nicht mehr existieren, ihre Arbeit wirkt aber in vielen Menschen, die damals dabei waren, weiter. Andererseits müssen wir uns als Grüne immer die Frage stellen, ob wir offen genug für neue Gene- rationen sind. Die nächste Politisierungswelle wird kommen und dann sollten die Grünen diesen Gene- rationen eine Plattform bieten. Genauso wie es Kurt Apfelthaler, Ute Fanta und Andreas Kupfer damals gemacht haben. Die Krisen auf der Welt haben sich zugespitzt: Krieg, Klimakatastrophe, ökonomische Ungleichheit und Armut und ein Erstarken des Rechtsextremismus in ganz Europa. Wir brauchen den Optimismus, dass diese Entwicklungen veränder- bar sind. Wir brauchen starke Jugendbewegungen. Anmerkung der Redaktion: Georg Prack kandi- dierte bei der Gemeinderatswahl 2003 auf Platz 5 der GAL-Liste. Mit 19 Jahren war er der Jüngste in einem insgesamt recht jungen Team. Heute ist Georg Prack 42 und Klubobmann der Grünen im Wiener Landtag. Mitglieder- versammlung und Listenwahl 2003 mit star- ker junger Be- teiligung, Georg Prack vorne links.
107 JAGD AUF DEN STEYRER PANTHER! Georg Neuhauser Grüne Bürgerzeitung Nummer 1 April 1989 Dass sich ein „langer Atem“ lohnt, auch wenn es sich um „Exotisches“ handelt und der lange Gang durch die Gerichte notwendig wird, zeigt sich am, durch die GAL, angeblich verunstalteten Steyrer Stadtwappen. Vor einiger Zeit bekam unser Gemeinderat, Franz Ramoser, eine über Anordnung des Bürgermeisters vom Magistrat Steyr erstattete Anzeige mit folgendem Inhalt (gekürzt) zugestellt: Die alternativen Wappenmotive unserer Zeichner wurden am Ende nicht benötigt Am Ende des Berichtes in der Grünen Bürger- zeitung fanden unsere Leser folgenden Text vor: P.S. Ab dieser Nummer finden Sie das GAL-Wappen wieder auf der Titelseite.
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109 Danach schleuderten sie die dort abgelegten Kränze über die Böschung und suchten mit ihren Vespas das Weite. Wie sich nachher herausstellte, gab es bereits im Vorfeld dieser Aktion antisemi- tische und fremdenfeindliche Übergriffe. So wie heute – wenn man die unsagbaren Sonn- tagsspaziergänge in den Blick nimmt – sah die Steyrer Polizei bereits damals keinerlei Grund ein- zugreifen. Auch das hissen einer Hakenkreuzfah- ne anlässlich einer „Sauferei“ an der Steyr, oder Parolen wie: „Die Juden gehören zertreten“ bzw. „Bewusste Völkervermischung ist Mord“ auf Flug- blättern, veranlassten die Behörden offensichtlich zu keinerlei weiteren Nachforschungen. Nicht nur für uns war schnell klar, dass solche Aussa- gen von den Jugendlichen wahrscheinlich nicht selbst erfunden, sondern auf Schulungen in Wien oder in Deutschland, von erwachsenen Ausbild- nern und entsprechenden Finanziers, vorgebetet wurden. Die Tatsache, dass sich auf den Moped- helmen der damaligen Skins immer wieder Auf- kleber des Ringes freiheitlicher Jugend fanden, legte für uns den erklärungsbedürftigen Verdacht nahe, dass es unter Umständen eine Verbindung zur damals schon aufstrebenden Haider-FPÖ gab. Der gekränkte Landesgeschäftsführer Soweit die Vorgeschichte, die uns vom Redak- tionsteam der damaligen Grünen Bürgerzeitung veranlasste, einen Kenner der Steyrer Jugend- szene um einen Text für einen Artikel in der Früh- jahrsausgabe (Juni 1990) zu bitten. Zwei Monate nach Erscheinen der Zeitung flatterte uns eine fünfseitige Anklageschrift ins Haus, inklusive einer landesgerichtlichen Ladung zur Verhand- lung laut Paragraf 5 bzw. 6 des Mediengesetzes. Betreiber der Klage war der, laut eigenen Aus- sagen, „überall als führende Persönlichkeit in der FPÖ bekannte“, damalige Landesgeschäftsführer der Freiheitlichen Partei OÖ. Wir waren ziemlich überrascht, haben wir doch keinem führenden FPÖler irgendein Naheverhältnis zur Steyrer Neo- Nazi-Szene unterstellt, sondern nur festgestellt: „Die FPÖ wird also zu klären haben, ob auch sie Kontakte zu diesen Jugendlichen unterhält oder diese möglicherweise sogar fördert“. Nichtsdestotrotz fühlte sich der Landesgeschäfts- führer „gekränkt“ und wollte sich diese erlittene Kränkung von uns mit 30.000 Schilling ent- schädigen lassen. Abgesehen davon, behielt sich die FPÖ Oberösterreich ausdrücklich rechtliche Schritte wegen Kreditschädigung vor. Der Biss in den sauren Apfel Wir waren uns zwar ziemlich sicher im Recht zu sein, aber niemand von uns hatte Erfahrung mit Gerichten und Rechtsprechung. Klar war nur, dass wir uns, als junge Partei mit ein paar wenigen Mitgliedern, allein den vom Kläger geforderten „Entschädigungsbetrag“ keinesfalls leisten kön- nen. Also blieb uns nur die Möglichkeit, nach dem „BLAUBRAUNE VERIRRUNGEN“ oder Wie ich (fast) meinen Gauben an eine unabhängige Justitz verloren habe. Georg Neuhauser Angefangen hat alles damit, dass Passanten am 14. November 1989 beobachteten, wie zwei Skins die Gedenktafel an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs am Taborweg beschmierten und mit roter Farbe „Heil Hitler“ auf die Mauer sprühten. Skinheads und rechtsextreme Jugendliche in Steyr – Grüne Bürgerzeitung Nummer 2 Juni 1990
110 Motto „Friss Vogel oder stirb“ das Risiko der Ge- richtsverhandlung einzugehen. Die erste Schwie- rigkeit war zunächst die Tatsache, dass wir keinen Rechtsanwalt bzw. keine Rechtsanwältin kannten, der/die bereit war uns unentgeltlich zur Seite zu stehen, da er/sie ja im Falle unserer Verurteilung damit rechnen musste, auf seinen/ihren Kosten „sitzen“ zu bleiben. Durch interne Verbindungen lernten wir dann einen Funktionär der Grünen aus dem Innviertel kennen, der gerade seine Aus- bildung zum Rechtsanwalt abgeschlossen hatte und optimistisch genug war, mit uns dieses Risiko tatsächlich einzugehen. Allerdings warnte er uns vor dem (einzigen) damaligen Linzer Medien- richter, der als bekennendes FPÖ-Mitglied, dafür bekannt war, der rechten Szene – gelinde gesagt – sehr wohlwollend gegenüberzustehen. Also be- antragten wir – aus vermuteter Befangenheit des Richters – das Verfahren nach Salzburg zu verle- gen. Leider wurde dieser Antrag zurückgewiesen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als in den wahrhaft sauren Apfel zu beißen und uns auf den Prozess in Linz vorzubereiten. Im Hinblick auf die Indizien, die unsere im inkriminierten Artikel ge- stellte Frage (siehe oben) rechtfertigten, wollten wir den Wahrheitsbeweis erbringen. Die „Buben“ sollen zahlen Mit mulmigen Gefühlen betraten wir, mit einer kleinen Steyrer GAL-Delegation als Zuschauer, das ehrwürdige Linzer Landesgericht. Der besag- te Medienrichter machte uns gleich zu Beginn mit ein paar sehr amikalen Gesten und dem Du-Wort dem Kläger gegenüber klar, wohin der Hase lau- fen sollte. Zudem machte er uns „Buben“, wie er sagte, von vorneherein deutlich, hier sowieso kei- ne Chance zu haben und wir sollten gefälligst das „Angebot“ des Klägers mit der 30.000 Schilling Entschädigung annehmen, denn so billig kämen wir, bei Fortsetzung des Prozesses, sowieso nicht davon. Mit der Überzeugung nichts Unrechtes ge- tan zu haben und einer veritablen Portion eines möglicherweise etwas naiven Glaubens an die Unabhängigkeit der österreichischen Justiz, einig- te ich mich, als Verantwortlicher für die „Grüne Bürgerzeitung“, mit unserem Rechtsanwalt, nach dem Motto: „Da müssen wir durch“, auf die Fort- setzung der Verhandlung. Wir konnten kaum realisieren, wie abschätzig der Rechtsanwalt der klagenden Partei, aber auch der Richter mit uns umsprangen. Nicht nur, dass sie uns persönlich attackierten, sondern immer wieder mit dem finanziellen Ruin unserer Partei drohten, wenn wir nicht einlenkten. Tatsächlich waren die Prozess- kosten mit der Fortdauer der Verhandlung, aus unserer Sicht bereits ins unermessliche gestiegen, wie uns der „unabhängige“ Medienrichter, gefühlt nach jeder vergangenen Viertelstunde der Ver- handlung, klar machte. Knalleffekt in letzter Minute Nach schier endlosem Hin und Her, weiter es- kalierenden Prozesskosten und damit – bedingt durch den wachsenden Einsatz - steigender Ner- vosität auf unserer Seite: Der unerwartete Knall- effekt! Auf Grund unserer Hinweise realisierte der Richter, dass ihm nur ein Teil des inkriminierten Artikels aus der Grünen Bürgerzeitung tatsächlich zur Verfügung stand und genau die Teile fehl- ten, in der die FPÖ „lediglich“ zur Klärung ihres Verhältnisses zur rechtsradikalen Szene in Steyr aufgefordert wurde. Mit einem Wort, die Vertreter der Freiheitlichen hatten ihm nur einen, aus dem Zusammenhang gerissenen, Textteil geliefert, der ihm keine Möglichkeit einer halbwegs objektiven Urteilsfindung erlaubte. Sein Ärger darüber, dass ihn die freiheitlichen Freunde so hinters Licht geführt hatten, kratzte nun doch an seinem rich- terlichen Ehrgefühl und damit wendete sich das Blatt radikal. Statt uns zu attackieren, beschimpf- te er nun seine „Parteikollegen“. „Jetzt zahlt’s ihr“, war sein Resümee an die Adresse der Kläger. Zu zahlen waren nicht nur die Gerichtskosten, sondern auch die Aufwände der Rechtsanwälte, damit auch das unerwartete Honorar für unseren Rechtsvertreter. Der Jubel unserer Sympathisan- ten, mit dem wir aus dem Gerichtssaal hinaus be- gleitet wurden, war groß. Noch größer allerdings war das Staunen, als wir einige Zeit später, unter dem Titel „Im Namen der Republik“ die schrift- liche Ausfertigung des Urteil zugestellt bekamen. Dort hieß es unter anderem wortwörtlich: „Im Zusammenhalt mit dem Verfahrensergebnis, das tatsächlich Umtriebe von Skinheads in Steyr in rechtsradikalem und nationalsozialistischem Sinne ergab und solche Personen sich als An- hänger oder Mitglieder der FPÖ bzw. des RFJ (Ring freiheitlicher Jugend) ausgaben, liegt daher nach Überzeugung des Gerichtes, der objektive Tatbestand der üblen Nachrede nicht vor. Dem Begehren des E.F. um Zuerkennung einer Ent- schädigung, sowie dem - überdies verfristetem – Antrag auf Urteilsveröffentlichung, musste daher der Erfolg versagt bleiben“.
111 Nachdem wir erst kurz davor davon erfahren hatten, trafen sich einige Antifaschist*innen spontan beim Neutor, um klarzustellen, dass die Steyrer*innen die Einfahrt des Busses zumindest symbolisch behindern möchten. Gleichzeitig wollte die Gruppe auch ihrer Irritation darüber Ausdruck verleihen, dass eine als rechtsextre- mistisch bekannte Gruppe ungehindert ihre aus- länder- und demokratiefeindliche Versammlung vor dem geschichtsträchtigen Rathaus der Stadt Steyr abhalten kann. Als der „Remigrationsbus“ mit rumänischem Kennzeichen sich anschickte, das Neutor zu passieren, stellte sich die Gruppe mit Schildern auf die Straße, auf denen Slogans wie: „Steyr bleibt bunt“, „Steyr für Vielfalt“, „Steyr bleibt schön“ standen, um den Bus zumindest zu einem kurzen Anhalten zu zwingen. Einer der Identitären, der bekannte Rechtsextreme und Bundessprecher der „Österreicher“, Jakob Gun- acker, stieg aus dem Bus aus und beschimpfte die antifaschistische Gruppe, die aus circa 15 Personen bestand, und begann auch herumzu- pöbeln, wobei er sogar handgreiflich wurde und den Bus immer weiter zu uns heranwinkte. Nach einem Stoß Gunackers gegen meine Brust, wur- de ich von der anwesenden Polizei, bzw. einem Vertreter des Staatsschutzes, aufgefordert, die Straße zu verlassen. Die Spontanversammlung der Antifaschisten beim Neutor löste sich schnell auf und der Bus konnte weiterfahren, um am Stadtplatz beim Leopoldibrunnen seine rechtsextreme Fracht abzuladen. Die Aktivist*innen der „Österreicher“ bauten im Nieselregen ihren Stand auf, und in Anwesenheit des üblichen rechten Publikums aus Steyr und Umgebung begannen sie, „Stimmung für mehr Abschiebungen (…) und gegen den Bevölkerungsaustausch“ zu machen. (Quelle: profil vom 03. 08. 2023) Die antifaschistische Gruppe war mittlerweile ebenfalls auf dem Stadtplatz eingelangt und suchte mit ihren Transparenten unter dem Rat- hausbalkon Schutz vor dem Regen. Die Zahl der Beamten in Zivil und Uniform über- stieg, meiner Erinnerung nach, die Anzahl der Versammlungsteilnehmer*innen, die nicht mit dem Remigrationsbus angereist waren. Keiner der Beamten beanstandete oder kommentierte unsere Anwesenheit vor dem Rathaustor. Daher war ich umso überraschter, als im Juli zwei Straferkenntnisse bei mir als einziger Teilneh- merin der Gegenversammlung hereinflatterten, die wegen zweier angeblicher Übertretungen des Versammlungsgesetzes gegen mich ver- hängt worden waren. Einerseits hatte die Polizei EINE BESONDERE ERFAHRUNG mit dem österreichischen Rechtsstaat. Ruth Pohlhammer „Die Österreicher“, eine Organisation, die sich aus den Reihen der Identitären speist und vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) als „rechtsextreme Jugendorganisation mit vielfältigen faschistischen Anklängen in Theorie, Ästhetik und Stil“ beschrieben wird, machte am 14. Mai 2023 auf ihrer „Remigrationstour“ Halt in Steyr.. Der Bus der rechtsextremen Gruppe „Die Österreicher“
112 mich (willkürlich) zur Versammlungsleiterin be- stimmt und mir daher vorgeworfen, ich hätte die Versammlung beim Neutor nicht angemeldet - welche wohlgemerkt als Spontanversammlung stattfand -; andererseits wurde ich beschuldigt, in „meiner Funktion als Versammlungsleiterin“ den gesetzlichen Mindestabstand von 50 Metern zwischen zwei Versammlungen nicht eingehalten zu haben. Als Versammlungsleiterin der allwöchentlichen Gegenversammlung zu den sog. Spaziergängen, an denen regelmäßig amtsbekannte Rechtsex- treme, darunter auch Gottfried Küssel, teilneh- men, bin ich der Polizei natürlich als politische Aktivistin bekannt und bin mit Vertretern der Rechtsabteilung der LPD Steyr auch immer wie- der aneinandergeraten, weil ich nicht verstehen kann, dass diese Spaziergänge jeden Sonntag seit dem Jahr 2021 trotz diverser Vergehen und staats- und demokratiefeindlicher Vorträge, praktisch ungehindert stattfinden können. Dass nur ich von der LPD angezeigt wurde, lässt sich, meiner Einschätzung nach, auf eine Diskrepanz in der Auslegung des Versammlungsgesetzes zwischen dem zuständigen Juristen bei der LPD und mir zurückführen. Ich erhob Einspruch und die letztinstanzliche Verhandlung vor dem Landesgericht Linz fand im Dezember 2023 statt. Nach Anhörung eines Zeugen aus den Reihen der bei der Versammlung anwesenden Zivilbeamten und im Beisein einer Vertreterin der LPD Steyr wurde ich von allen Vorwürfen freigesprochen und die Straferkennt- nisse aufgehoben. Die Rechtsanwaltskosten konnten durch eine Spendenaktion innerhalb der antifaschistisch gesinnten Bürgerinnen und Bür- ger Steyrs letztlich abgedeckt werden. Die Erfah- rung, ungerechtfertigt in das Visier der Justiz zu geraten, war unangenehm und ich bin froh, dass ich diese Episode hinter mich gebracht habe. Bus-Stop beim Neutor weil „Steyr bleibt bunt“ Foto: Peter Röck
113 In der Phase des Vorglühens zur Grünen Partei- gründung war seit den frühen 1970er Jahren „der Bachinger“ („Gasthof zu den drei Alliierten“, Stadtplatz 38, später Flößerstüberl am Grün- markt) ein wichtiger Treffpunkt für einige der späteren Aktivistinnen und Aktivisten. Anton Pfaffenwimmer als Prototyp eines guten Wirts (hier im Flößerstüberl) konnte vor der Etablierung von Lebensberatern und Psycho- therapeutinnen mit einer breiten Palette von unterschiedlichen Gästegruppen hervorragend umgehen. Für uns Junge war die Akzeptanz langhaariger Männer in Natojacken nicht selbst- verständlich, und ich erinnere mich an keine gewalttätig eskalierende Auseinandersetzung mit den rechten Farbenträgern am Tisch in der anderen Ecke. Erzeuger-Verbraucher-Alternative (EVA) und Wia z´Haus An einem kleinen Platz am Ende der Dr.Alfred- Klar-Straße in Münichholz richtete im Sommer 1980 eine Gruppe, deren Mitglieder später zum Teil auch bei der GAL aktiv wurden, ein Lokal und einen Verkaufsladen für Lebensmittel von Er- zeugern aus der Region und für „Dritte-Welt-Pro- dukte“, wie dies damals genannt wurde, ein. Das Lokal war als Treffpunkt, Ort für politische Dis- kussion und Basis für politische Arbeit gedacht. Und es gab sogar die Hoffnung, mit Erträgen des Wirtschaftsbetriebes die politische Arbeit finan- ziell unterstützen zu können. Ernst Schuller hat in seiner Diplomarbeit „Regionale Ausformungen einer gesellschaftlichen Oppositions- und Neue- rungsbewegung“ von 1982 Konzept, Konflikte und Scheitern dieses Projekts beschrieben (Betreuung Josef Weidenholzer, Begutachtung Prof. Rudolf Stadler). Das Lokal wurde schließlich von einer Wirtin aus dem Nahbereich der Gründer unter dem Namen „Wia z´Haus“ professionell weiterge- führt. Auch jetzt befindet sich dort ein Gastlokal. Pfarrsaal Münichholz Hier fand am 24.11.1984 die Gründungsversamm- lung der GAL Steyr statt. Anknüpfungspunkte dafür waren das Münichholz als Wohnort einiger Proponenten, die Wahrnehmung einer fortschritt- lichen, arbeiterorientierten Seelsorge und die Eig- nung der Räumlichkeiten als Rahmen für Diskus- sionen und Party. Außerdem wurden die Räume von der Pfarre gratis zur Verfügung gestellt. DIE LOKALE DER GRÜNEN Reinhard Kaufmann Im sozialen Leben der Grünen spielten eine Reihe von Lokalen (Wirtshäuser, Cafes, Bars, Ballsäle, Veranstaltungsräume sowie die Grünen Büros) eine wichtige Rolle als Rahmen für regelmäßige oder punktuelle Zusammenkünfte, Besprechungen und Veranstaltungen oder Kontakte mit Bürger/inne/n.
114 Minichmayr Das zentral an der Ennsbrücke gelegene Hotel- Restaurant Minichmayr stellte im Saal einen zen- trumsnahen Rahmen zur Verfügung für viele Ver- anstaltungen mit Referentinnen und Referenten zu grünaffinen Sachthemen oder zu kommunal- politischen Themen, für Mitgliederversammlun- gen mit Listenwahl der Gemeinderatskandidaten und -kandidatinnen, für Arbeitsklausuren von Fraktion, Vorstand und Mitgliedern. Im fenster- losen ehemaligen „Kärntner Stüberl“ fanden viele Mitgliederversammlungen und Besprechungen des Geschäftsführenden Ausschusses statt. Die Luftqualität, wenn nicht nur Köpfe und Gemüter rauchten, sondern auch jede Menge Zigaretten, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Treff Cafe Bar Die verspielte Bar mit kleiner Sitzterrasse am Ennskai, mit Blick auf Parkplätze und Ennsufer, war lange Zeit Stammlokal wichtiger grüner Akti- visten und Aktivistinnen. Hier konnten Ereignisse kommentiert und disku- tiert, Ideen gesponnen und Aktionen angedacht werden, oder auch bei guten Getränken mit Freunden Abstand von zu viel Politik genommen werden. Als es ernst wurde mit dem ausnahms- losen Rauchverbot in Lokalen traf sich eine kleine Gruppe Grüner im Treff auf eine letzte Zigarette. An Wahlabenden luden die Grünen Steyr und Steyr-Land hier Kandidaten, Kandidatinnen, Mitglieder, Wahlzeugen und Sympathisanten zur gemeinsamen Kenntnisnahme der ersten Hoch- rechnungen, zum Jubeln über erreichte Wahlziele oder zur gemeinsamen Analyse und Trauer über schlechte Ergebnisse. Eröffnet von Günther Sikora im November 1982 bestand das Treff bis 2025, als er sich schließlich doch in die Pension verabschiedete – ohne bisher eine Nachfolge zu finden. Gasthaus zum goldenen Pflug Im Saal des „Pflug“, Ecke Sierningerstraße/ Frauenstiege, fand bereits 1982 ein Vorläufer des GAL-Gschnas und weitere Maskenbälle der grün- alternativen Gemeinschaft statt. Abgesehen vom wunderbar in die Jahre gekommenen Interieur hat auch der historische Aspekt des Gründungs- lokals des Steyrer Metallarbeiterverbands ge- fallen. Wie die meisten ehemaligen Gasthäuser in der Sierningerstraße ist auch der Pflug schon lange Geschichte. Casino Auch den ehemals einzigen Steyrer Ballsaal an der Leopold Werndl Straße bespielten wir mehr- mals mit dem GAL Gschnas. 8. Sept. 2016 überparteiliche Unterstützung für Alexander van der Bellen Edith Sikora an der Theke 1997–2000
115 Christkindl Cafe Der Rote Brunnen liegt mitten im Steyrdorf, wo die Grünen seit langem stärkste Partei sind. Eini- ge Jahre war im Nebenhaus das Grüne Büro ein- gemietet. Das Lebzelterhaus zählt zu den schöns- ten Steyrer Bürgerhäuser mit Bausubstanz aus dem 16. Jahrhundert (Spätgotik) und Ausstat- tungsmerkmalen aus Renaissance, Barock und Biedermeier. In den hinteren Räumen mit Aus- blick auf Werndls Fabrikanlagen im Wehrgraben (heute FH und MAW) und das Schloss Lamberg fanden viele Besprechungen und Stammtische der Grünen statt. Auch die Redaktionsgruppe für dieses Buch traf sich anfangs hier. Der Schani- garten vor dem Café ermöglichte viele Kontakte mit Gästen, die sich dazu setzten, oder mit Vor- beigehenden, die für einen kurzen Austausch am Tisch stehen blieben. So konnten wir ganz nieder- schwellig mit so unterschiedlichen Menschen wie Geschäftsleuten, Künstlerinnen und Künstlern aus der Nachbarschaft, wahlwerbenden Gemeinde- ratskandidatinnen der Neos oder sogar FPÖ-Ge- meinderäten ins Gespräch kommen. Kurt Prack, Maria Lindinger, Reinhard Kaufmann, Natascha Payerleithner und Wolfgang Rubl vor dem Christkindl Cafe, 2015 Grünes Sommerfest im Gastgarten „Zur Queng“ 2007 Nach der Pensionierung von Werner Aschau- er im November 2025 kam es leider zu keiner nachhaltigen Nachfolgeregelung und damit zu einem schmerzhaften Verlust für die Steyrdorfer Stammgäste und für die Steyrer Grünen.
116 Gasthaus zur Queng Draußen am Stadtrand nahe der Steyrau und der naturnahen Badeplätze beim Kruglwehr war das Gasthaus zur Queng auch für grünen Lebensstil ein ideales Ausflugslokal. Viele Jahre fand hier das Sommerfest der Grünen aus Steyr und Steyr- Land statt. Die Familie Horvath sorgte für boden- ständige Verpflegung einschließlich Most und Bauernkrapfen. Durch die Begleitung der Steyrer Kultband „The Empty Bottles“ wurden die Feste für Freunde von Jazz und Soul auch zu musikali- schen Ereignissen. Die gemütliche Atmosphäre im alten Wirtshaus bot auch den Rahmen für Weihnachtsfeiern der Steyrer und Garstner Grünen. Heute kaum noch vorstellbar ist, dass dazumal in der niedrigen Gaststube geraucht wurde. Der Tod von Wirth Peter Horvath 2026 bedeutete auch für diese Institution der bodenständigen Gastronomie am Steyrer Stadtrand das Ende. Gasthaus Bauer Das Traditionsgasthaus im Eysnfeld wurde für verschiedene Veranstaltungsformate der Steyrer Grünen gewählt: ein Gschnas, die 25-Jahr Fei- er, die Neujahrsfeier 2020 am Vorabend des Bundeskongresses, der die Koalitionsvereinba- rung mit ÖVP und Sebastian Kurz bestätigt hat, Stammtische der Grünen Generation+. Dass man hier durchaus auch Sozialdemokraten und Frei- heitliche antreffen kann, mag eine Steyrer Quali- tät sein, zu der gehört, dass es auch zwischen politischen Konkurrenten Gemeinsamkeiten gibt. MAW Das Museum Arbeitswelt im Wehrgraben ist seit einigen Jahren Schauplatz des Klimafestes und anderer größerer Veranstaltungen, die auch für die Grünen wichtig sind. Am 17. 5. und am 21. 11. 2016 wurde zur Unterstützung der Wahl von Alexander van der Bellen zum Bundespräsiden- ten im großen Saal, wegen des historisch langen Verlaufs dieser Wahl mit wiederholter Stichwahl zweimal, ein „FEST FÜR VAN DER BELLEN“ aus- gerichtet. Die Unterstützung ging dabei weit über den Kreis der grünen Stammwählerschaft hinaus. 2020 tagte im MAW die Mitgliederversammlung zur Wahl der Spitzenkandidatin für die Gemein- deratswahl. Seitens der Grünen OÖ fand 2025 eine Landesversammlung im MAW statt. Das Mu- seum Arbeitswelt vereinigt eine Reihe von Aspek- ten, die vielen Grünen in Steyr wichtig sind. Dazu gehört an erster Stelle sicher die gemeinsame Wurzel in der erfolgreichen Rettung des Wehr- grabens, an dem viele spätere GAL/Grüne-Pro- ponenten beteiligt waren und die erst die stadt- planerische und ideelle Basis für diese vielseitige Kultur- und Bildungsinstitution ermöglicht hat. Red Rooster In der zentral am Rand von Schlosspark und Promenade in einem Nebengebäude von Schloss Lamberg (im Eigentum der Bundesforste) ge- legenen Musik Bar mit Gastgarten veranstalteten die Grünen Steyr und Steyr-Land mehrere Som- merfeste sowie eine Serie von Stammtischen. Eugen und Monika Slapak ist es erfreulicherweise gelungen, anlässlich ihrer Pensionierung Ende 2025 dieses wunderbare Lokal an seine Kultur entsprechend weiter pflegende Nachfolger zu übergeben. Das kleine Schwarze Zuletzt wurde „Das kleine Schwarze“ von Victoria Arthofer am Grünmarkt ein beliebter Treffpunkt auch für uns Grüne, zu zweit, in kleiner Gruppe oder allein mit der Zeitung.
117 Eine Gruppe Grüner Aktivisten mit Aktivistin Barbara Feigl im Büro in der Sierninger Straße mit den originellen Möbelkreationen von Hary Jezek 1 Direktionsberg Ein erstes Büro wurde am Direktionsberg im Wehrgraben eingerichtet. 2 Sierninger Straße 17 Das zweite Grüne Büro in einem schönen Gewöl- belokal im Haus Sierninger Straße 17 eingemietet. DIE BÜROS DER GRÜNEN 4 Ecke Kirchengasse/Sierninger Straße Das vorläufig letzte Büro bezogen die Grünen Steyr im Eckhaus Kirchengasse/Sierninger Straße an ei- nem Knotenpunkt des umweltfreundlichen Verkehrs und im stärksten grünen Wahlsprengel. Die großen Fenster zur Straße boten nach außen einen schönen Ausblick auf den Platz am Roten Brunnen, nach innen Einblicke für Passant/inn/en in die Büroaktivi- täten, Sitzungen und Veranstaltungen sowie auf hier präsentiertes Informationsmaterial. Der Platz am Roten Brunnen konnte nach Betriebsschluss des Stadtbusses als erweiterter Veranstaltungsraum zB bei Wahlparties genutzt werden. 3 Grünmarkt 14 Am längsten bestand das Büro im Hof des Hauses Grünmarkt 14, mit tollem Blick hinauf zum Chor der Stadtpfarrkirche. Wahlparty anläßlich der Nationalratswahl mit Rückkehr der Grünen ins Parlament 29. 9. 2019Gemeinderat Kurt Apfelthaler im Grünen Büro Grünmarkt 14, 2009 Verringerte Einnahmen der Partei nach der Wahl 2021 und die hartnäckige Feuchtigkeit im Untergeschoss des Mietobjekts führten schließlich zur Aufgabe des Büros.
118 DIE GRÜNEN IM STEYRER BALLKALENDER Da die GAL als Jugendbewegung angefangen hat, waren Partys und Feste wichtige Einträge im Terminkalender der Grünen. Das „GAL-Gschnas“ wurde für viele Jahre zum Klassiker im Faschingstreiben. Casino 2006 – 2009
119 Orangerie 2010 – 2011 Schon die Plakate, u. a. von Erich Fröschl und Oskar Holub gestaltet, waren eine Augenweide wie viele der fantasievollen Kostüme. Diese Tradition reicht noch in die Vorglühphase der grünen Bewegung zurück: Das erste Gschnas fand bereits 1982 im Saal des Gasthauses zum Goldenen Pflug statt. Hier erinnern wir an einige schöne Szenen.
120 Seit 2012 gibt es nun den „Vollwertfilm“ – eine Kooperation der Grünen Steyr mit Stefan Brand- meyer und seinem Citykino. Gestartet wurde das Projekt von Sissi Gruber. Als sie nach Wien ging, übernahmen Natascha Payrleithner und ich und jetzt sind es Annemarie Niedereder-Mayr, Kristin Heiml und ich. Augenmerk legen wir bei der Auswahl auf eine Mischung aus Filmen zum Wohlfühlen, zum Nachdenken und - ganz wesentlich, um uns mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander- zusetzen. Wir wollen Filme nach Steyr bringen, die sonst hier nicht gezeigt werden und wir wollen einen Beitrag leisten, um Menschen in das zentrale Steyrer Kino– das Citykino – zu bringen. Vollwertkino gibt es von Oktober bis Juni jeden ersten Mittwoch im Monat um 19:30 im Citykino. Wir begrüßen die Gäste mit einem Glas Prosecco und kommen so ins Gespräch. Jungbürgerinnen und Jungbürger des Jahres laden wir zum Film ein. Damit die Sommerpause nicht ganz zu lang wird, gibt es seit einigen Jahren auch einen Open Air Sommerfilm – mit zum Film passenden Snacks und Getränken. Zur Winnetoutrilogie gab es z.B. Feuerwasser und Navajobrot, zu unserem irani- schen Film letztes Jahr gefüllte Datteln und Dugh. Hier gibt’s noch aus verschiedenen Bereichen je drei Beispiele, die einen besonderen Eindruck hinterlassen haben: Immer im März gibt’s einen Film zum internatio- nalen Frauentag: „Female Pleasures“, „Sie ist der andere Blick“, „Die letzte Botschafterin“. Zu diesem Film berichtete die gebürtige Afghanin Ahmeneh Rezai über ein von ihr unterstütztes innovatives Schulprojekt für afghanische Mädchen. VOLLWERTFILM Maria Lindinger Steyr hat eine lange Tradition des Programmkinos wie Prof. Erich Grandys „Aktion der gute Film“ oder ein Avantgardefilm-Programm im Verein Basiskultur, wofür Wolfgang Rubl und Reinhard Kaufmann in einem exklusiven Fachgeschäft in Wien einen eindrucksvollen 16mm-Projektor der Marke EIKI erwarben und nach Steyr brachten. Welcome im Kinofoyer für Freunde des be- sonderen Films. Juni 2026
121 Einige Filme zeigten wir in Kooperation mit dem Weltladen, dem Mauthausen Komitee und dem MAW: „Made in Bangladesh“, „Und in der Mitte, da sind wir“, „Ein jüdisches Leben“ (Marco Feingold). Annemarie Niedereder-Mayr und Maria Lindinger mit Ahmeneh Rezai (Mitte) beim Film „Die letzte Botschafterin“ Drei von den ganz Schönen: „Vom Gießen des Zitronenbaums“, „River“, „Der Schneeleopard“. Und noch ein besonderes Highlight: „Die Stadt ohne Juden“ – Stummfilm aus dem Jahr 1924 mit Livemusik von Manfred Punz Selten ist es uns gelungen, den Saal zu füllen, aber ich denke, im Schnitt kommen zwischen 20 und 30 Leute, und manche Filme waren sehr gut besucht (z.B. „Hallelujah“). In Anwesenheit einer RegisseurIn bzw. Protago- nistIn: „Anima – Die Kleider meines Vaters“, „Der auto-mobile Mensch“, „I’m a Bad Guy“, „Goli Jan – Afghanistans stille Heldinnen“. Migration: „Macondo“, „Mediterranea“, „On the Border“. Thema Klima und Umwelt: „The Great Green Wall“, „Unsere große, kleine Farm“, „The North Drift“. Filme über besondere Menschen: „Die Geträum- ten“ (Ingeborg Bachmann), „Hallelujah: Leonard Cohen, a Journey, a Song“, „Anselm – Das Rau- schen der Zeit“. Politisch aktuelle Themen: „Free Lunch Society“ (Thema Grundeinkommen), „Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp“, „Breaking Social“.
122 AUTOKORREKTUR – eine programmatische Ausstellung zu Perspektiven der Mobilität Reinhard Kaufmann 2020 ist uns im Architekturforum OÖ die Ausstellung AUTOKORREKTUR zum Thema „Wie beeinflusst Mobilität den Raum, in dem wir leben?“ aufgefallen. Sie untersucht die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge unserer heutigen Verkehrswirklichkeit mit ihrem immensen Verbrauch an Boden und Landschaft.. Mit Best-Practice-Beispielen werden mögliche Veränderungen gezeigt, um Mobilität umwelt- freundlicher, wirtschaftlicher und sozial verträg- lich zu gestalten. Vom 18. Juni bis 30. Juli 2021 konnten wir diese Ausstellung nach Steyr bringen und kommunika- tive Begleitveranstaltungen anbieten. Auf einem zum „Kurzpark“ umfunktionierten Pkw-Stellplatz auf dem Stadtplatz bewarben wir die Ausstellung und zeigten zugleich eine alternative Nutzung der dem ruhenden Verkehr gewidmeten Fläche. Ein Ausstellungsbesuch mit Madlyn Miessgang und Stefan Groh vom Kuratorenteam und ein Eröff- nungsgespräch im Kulturhaus Röda improvisierten eine durch den Prüfungsbetrieb der FH einge- schränkte Eröffnungsveranstaltung. Im Kultur- container vor dem MAW fand ein Baukultur- Stammtisch zum Thema „Mobilitätsperspektiven einer Autostadt“ statt, an der neben Tobias Hag- leitner vom afo oö und Melanie Juppe vom Logisti- kum der FH Steyr auch der Grüne Klubobmann im oö. Landtag Severin Mayr teilnahm. Zum Abschluss luden wir Vertreterinnen und Vertreter der Steyrer Gemeinderatsfraktionen zur Diskussion über ihre jeweiligen verkehrspolitischen Positionen. In der Eingangshalle des Gebäudes III der FH OÖ Campus Steyr fand die Ausstellung einen Ort mit wunderbarem Ausblick auf die Steyr, der uns von der FH kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Die KBS Steyr unterstützten die Logistik, mein Stadtratsbüro, die Grüne Fraktionsvorsitzende Maria Lindinger und kultur steyr die organisatori- sche Vorbereitung dieser Veranstaltung. Plakat zur Ausstellung Juli 2021 Teil der Ausstellung in der FH III Fraktionsvorsitzende Maria Lindinger, Ruth Pohlhammer, Stadtrat Reinhard Kaufmann entspannen im „Kurzpark“
123 Die Idee dazu kam von Dagmar Grünwald. Sie regte an, ein Format zu entwickeln, bei dem wir anhand von Büchern relevante Themen unserer Gesellschaft diskutierten – und das nicht nur im grünen Kreis. Während der Landesausstellung gab es auch eine Kooperation mit dem Kepler Salon und Norbert Trawöger. Über den Steyr- dorfsalon? Der Steyrdorfsalon ist keine „Kleider- tauschparty“! Was wir tauschen, ist „Lesestoff“! Wir treffen uns zwanglos zu vereinbarten Terminen, um uns über Bücher und die dadurch angesprochenen Themen auszutauschen. Eingeladen sind all jene, die nicht verlernt haben zu lesen, zu träumen, Fragen zu stellen, …. Um nicht in der eigenen „Blase“ zu erstarren, lassen wir uns gegenseitig an unseren Gedanken teilhaben, treten so in Resonanz und erweitern unseren Horizont. Bücher, die wir besprochen und darüber diskutiert haben: l Harald Welzer, Alles könnte anders sein l Roberto Simanowski, Die Facebookgesellschaft l Maja Göpel, Unsere Welt neu denken l Kate Raworth, Die Donut-Ökonomie l Peter Zeihan, Disunited Nations STEYRDORFSALON Der Steyrdorfsalon ist keine „Kleidertauschparty“! Annemarie Niedereder-Mayr Am 20. Februar 2020 starteten wir mit dem Steyrdorfsalon, kurz bevor uns Corona gleich wieder eine längere Pause bescherte. Einladungskarte zum Steyrdorfsalon 2020 Derzeit ist der Steyrdorfsalon nicht aktiv.
124 Das Bündnis 8. März hat zum Weltfrauentag 2026 eingeladen! Es wird im Citykino der humorvolle, berührende, intelligente Film „Morgen ist auch noch ein Tag“ gezeigt. Viele Vereine und Partei- en haben ihre Infostände aufgebaut. Wohlfühl- atmosphäre ist erwünscht! Wir wären nicht die GRÜNEN, wenn wir nicht auch hier einen Auftrag verspürten! Aufrütteln und die Welt ein Stück besser machen, das ist unsere Mission! Themen gibt es genug. Wir wollten uns dem breiten Feld der Gender- medizin nähern, einen Blick in die Geschichte werfen und erforschen, wie der Stand heute ist. In vielen Einzelgesprächen und mit unseren selbst- gebackenen „wandernden Uteri“ sorgten wir auf humorvolle Weise für Aufklärung und das Ver- ständnis für die Thematik: GENDERMEDIZIN – Ziel: Gerechtes und faires Gesundheitssystem für alle Menschen Stichworte: Gender-BIAS, Health Data Gap Fakt ist: Frauen sind keine kleinen Männer! Blick in die Geschichte: l Antike Das „Corpus Hippocraticum“ ist eine Sammlung von mehr als 60 antiken medizinischen Texten, die nach dem Arzt Hippokrates benannt wurde. Mythos: Im antiken Griechenland und bis ins Mittelalter glaubte man, dass eine „Wandernde Gebärmutter“ die Ursache für die Gesundheits- probleme der Frauen sei. GENDERMEDIZIN AM WELTFRAUENTAG Annemarie Niedereder-Mayr Wir wollten uns dem breiten Feld der Gendermedizin nähern, einen Blick in die Geschichte werfen und erforschen, wie der Stand heute ist. l Frauen hatten keine eigenständige Existenz. Aristoteles, der griechische Philosoph, führte die „Hysterie“ als Hauptgrund dafür an, warum Frau- en als ungeeignet für die Teilnahme am Stadt- staat galten. Es wurden aber trotzdem „heiltätige Frauen“ in den medizinischen Schriften erwähnt. l Anfang des 12. Jhdts.: Erste schriftliche Auf- zeichnungen einer Frau: Trota von Salerno (Chir- urgin, Dermatologin, Gynäkologin) Die „Schola Medica Salernitana“ war die erste medizinische Fakultät Westeuropas, wenngleich sie nie als Universität bezeichnet wurde. Frauen durften studieren und lehren. Trota zweifelte den „wandernden Uterus“ bereits an. l Beginn der Neuzeit: Der Hebammenberuf wur- de den Ärzten unterstellt, Geburtshilfe wurde ein Teil des Chirurgiestudiums. l 18. Jhdts.: Unter Kaiser Joseph II.: 1784 Grün- dung des „Findelhauses“. Frauen aus ärmeren Schichten durften dort ent- binden, waren aber den jungen Studenten als Studienobjekte ausgeliefert. Sterblichkeitsrate hoch (Kindbettfieber). Bis Ignaz Phillipp Semmel- weiß den Zusammenhang von mangelnder Hygi- ene und Kindbettfieber erkannte. Einführung der Chirurgischen Händedesinfektion! l Erstmals wird zwischen „medizinischem“ und „sozialem Geschlecht“ unterschieden und werden individuelle Verhältnisse berücksichtigt (Alter, Gewicht, Konstitution, klimatische Verhältnisse,…) Weiterhin war der männliche Körper die Norm.
125 Der weibliche Körper war nur eine „Abweichung“. Weiterhin wurden biologische Gründe vorge- bracht, um Frauen leitende Positionen und poli- tische Teilhabe zu verwehren. „Frauen können nicht so gut denken, weil sie einen kleineren Kopf haben.“ l Das 19. Jhdt. war ebenso geprägt von männ- licher Dominanz. Die Diagnose „Hysterie“ trieb weiterhin ihr Unwesen, und verursachte viel Leid durch grausame Behandlungen und Experimen- ten an Frauen. l 20. Jhdt.: Die ersten Medizinstudentinnen wur- den in Österreich zugelassen. Frauen beginnen zu publizieren. Frauen werden als Probandinnen in Medizin-Studien miteinbezogen. l Der Nationalsozialismus mit dem zweiten Welt- krieg ändert alles. Frauen werden auf die Rolle als „Reproduktionsmaschine“ degradiert. l Nach dem zweiten Weltkrieg werden wieder weibliche Probandinnen in Medizin-Studien inklu- diert. Dies findet aber durch die Contergan-Affäre ein jähes Ende. Der Wirkstoff Thalidomid im zu testenden Schlafmittel Contergan verursachte bei Embryonen schwerste Schäden. l 2007 - Frauen werden unter strengen Bedin- gungen wieder in Studien aufgenommen. Rate der in Studien eingeschlossenen Frauen steigt kontinuierlich. l 2010 - Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer gründet den ersten Lehrstuhl für Gendermedizin in Wien. l 2025 - Allianz Gesundheitsbarometer: Frauen fühlen sich noch immer schlechter versorgt bzw. behandelt: „Werden nicht ernst genommen“, „Stell dich nicht so an!“ Glauben schließlich selbst, dass es nichts Ernstes ist und gehen dann nicht mehr zum Arzt. Zu späte, oder gar Fehldia- gnosen sind die Folge. l Fakt ist: Frauen sind keine kleinen Männer: Es gibt Unterschiede! Frauen sind stärker von Autoimmunerkrankungen betroffen als Männer- Symptome und Laborwerte sind bei den Ge- schlechtern unterschiedlich. Das Genderkonzept bezieht sich nicht auf ein Geschlecht, sondern betrachtet und analysiert die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter, um daraus entsprechenden Handlungsbedarf abzuleiten; nicht die Gleichbehandlung der Geschlechter, sondern die gleichwertige Berücksichtigung ihrer Realitäten und Bedürfnisse ist das Ziel! Grünes Hand-out zum Frauentag 2026 Frauen wissen was gemeint ist
126 DIE GRÜNEN GENERATION PLUS– REGION STEYR Maria Lindinger Wie es der Demographie geschuldet ist, fanden sich plötzlich auch viele von uns Steyrer Grünlingen im Pensionist:innenalter wieder.. So waren der Weg und die Idee nicht weit, eine Senior:innengruppe zu gründen – so geschehen am 9. Februar 2022. Seither gab es jedes Mo- nat eine Veranstaltung. Wir starteten mit einem Vortrag über Lichtverschmutzung, setzten uns mit Boden und Pflanzen auseinander, legten ein Hochbeet an, ließen uns über Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht informieren, besuchten Museen – zum Beispiel das Ars Electronica Center, das MAW und das Schütz Art Museum in Engelhartszell – und Betriebe wie die Schuhfabrik Think in Kopfing, die Kunststoffsortieranlage Trip- last in Enns, aber auch Hühner- und Kräuter- und Gemüsebauern. Mit Rainer Fröhlich buken wir Handsemmerl und anderes Gebäck und mit Maria Lang fermentier- ten wir Gemüse. Bewegung und Natur stehen auch auf unserer To-Do-Liste, Highlights waren Die Rinnende Mauer, der Enns Aktiv Weg nach Ternberg oder der Biberspaziergang durch die Unterhimmler Au mit Bernhard Schön. Unbedingt erwähnen muss ich noch die immer überbuchten Steyrer Stadtspaziergänge mit Thomas Bodory, die haben mittlerweile viele Fans gefunden. Architektonisch Interessantes gab es auch in der Gartenstadt Puchenau und in der Wohnung Margarete Schütte-Lihotzkys zu sehen und Ralf Schallmeiner erzählte uns viel Wissenswertes im Parlament. In Steyr brachte uns Waltraud Neuhauser-Pfeif- fer das jüdische Steyr näher und auch die Archive sind spannende Orte (zB Stadtarchiv Steyr im Rathaus). Es gibt noch viele Ideen, Themen und Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen möchten, da wird uns das Programm so schnell nicht ausge- hen. Außerdem treffen wir uns einmal im Monat zu einem Stammtisch. Gäste sind herzlich will- kommen. Programm und Termine gibt´s als Folder und findet man auf unserer Homepage: https://gene- rationplus.gruene.at/generation-plus-steyr/ Titelblatt eines Programmfolders vlnr: Sabine Kliment-Feuerberg, Marco Vanek, Maria Lindinger, Annemarie Niedereder-Mayr, Ingrid Pertl, Cornelia Schlacher, Gerhard Niedereder
127 G+ Gruppe mit NR Ralph Schallmeiner im Parlament mit Waltraud Neuhauser-Pfeiffer beim Roten Brunnen Titelblatt eines Programmfolders
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129 AUSSENSICHT 5
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131 GERALD WINTERLEITNER Redaktion Steyr der Oberösterreichischen Nachrichten Reinhard Kaufmann Als auffallendes Merkmal in der Geschichte der Grünen seit 1984 sieht Winterleitner die Entwicklung von einer Bewegung zur Partei. Dabei assoziiert er mit Bewegung Spaß und freie Geister, mit Partei Arbeit und Hierarchien. Die dabei immer wieder aufgeflammten internen Grabenkämpfe könnten aus diesen Gegensätzen befeuert worden sein. Am 18.3.2026 sprach Reinhard Kaufmann mit dem langjährigen journalistischen Beobachter der Steyrer Stadtpolitik Gerald Winterleitner. Gleich zu Beginn erzählt Winterleitner von seiner „Sozialisierung“ im Cafe Treff, wo er auch immer wieder grünen Aktivisten begegnete. In Erinne- rung an die verbrauchsstarken Verbrennerautos der „grünen Treffpartie“ fällt ihm – bezogen auf das private Verhalten – die Eigendefinition „grüner als jeder Grüne“ ein. Mit Photovoltaik, Wärmepumpe, Elektroauto und Begeisterung für Windräder sieht er sich darin bestätigt. Als Bewegung hätten die Grünen die Anderen ge- trieben und zumindest teilweise grüner gemacht (außer die FPÖ allerdings). Offen lässt er dabei, ob ohne Parteistruktur inhaltlich mehr erreichbar gewesen wäre. Die Kompetenz der Grünen sieht Winterleitner in den Bereichen Umwelt und Stadtentwicklung. Für ihre Positionen und Vorschläge dazu (Kli- maschutz, Reduzierung des Bodenverbrauchs, Baumschutz, Verkehrswende) werden sie ge- wählt. Nicht alle Positionen hält er für gut be- gründet, wie die damalige Ablehnung der Steyrer Nordspange oder die aus seiner Sicht leider erfolgreiche Verhinderung des Wasserkraftwerks Rederbrücke. Schwer täten sich die Grünen oft mit Argumenten gegen die Vorhalte der anderen, sie wollten den Menschen etwas wegnehmen, etwa durch Geschwindigkeitsbeschränkungen oder einen Stadtplatz ohne Parkplätze. Kurt Apfelthaler hat Winterleitner als Politiker in Erinnerung, dem Medienarbeit wichtig war. Für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit geht es darum, Kontakte zu Medienvertretern aufzubauen und zu pflegen, die eigenen Themen interessant anzubie- ten, um sie öffentlich zu machen. Aber „Medien- arbeit war einmal“, bedauert er. Heute müsse Politik Zukunft für unsere Enkel gestalten, Pflöcke einschlagen für die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen gegen Gefahren durch Klimaveränderung in der Natur und in Gesell- schaft und Kultur. Es bestehe die Hoffnung, dass die Grünen dies besser hinkriegen als andere. Um bei Wahlen wieder Erfolge zu erreichen, müsste aber eine Öffnung für Bündnisse mit Bürgerinitia- tiven und Unabhängigen angedacht werden. Insgesamt sei es rückblickend doch erstaunlich, was aus der Idee der Parteigründer geworden sei. Und aus der letzten Zeit fallen Winterleitner zwei Ergebnisse ein, die dank des Engagements der Grünen im Gemeinderat erreicht wurden: der Beschluss einer Klimastrategie der Stadt Steyr und das Vorhaben, an Wochenenden eine weitere Verkehrsberuhigung des Stadtplatzes in Angriff zu nehmen – nicht 100 Prozent im Sinne der Grünen Vorschläge, aber Kompromisse in die richtige Richtung. Leider seien seitens der Grünen beide Erfolge nicht entsprechend öffentlich kommuniziert worden. Gerald Winterleitner 2019 bei der 30 Jahre Feier der Steyrer Grünen
132 Die österreichische Grünbewegung entstand knapp nach den Kämpfen gegen das Kernkraft- werk Zwentendorf und gegen das Flusskraftwerk Hainburg an der Donau. Es entstand aber nicht eine geeinte Bewegung, sondern zunächst zwei Gruppierungen, nämlich die konservativen Ver- einten Grünen Österreichs (VGÖ) und die pro- gressive Alternative Liste Österreichs (ALÖ), die 1982 gegründet wurde. Zu vergleichen waren die Richtungskämpfe durchaus mit jener der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, die zwischen den Vorstellungen des Wortführers der deutschen Arbeiterbewe- gung, Ferdinand Lasalle auf der einen Seite, und der Ideologen Karl Marx und Friedrich Engels auf der anderen Seite schwankte. Nach langen Querelen einigten sich VGÖ und ALÖ dann doch 1986 auf eine gemeinsame Wahl- liste als Grüne Alternative (GA). Daraus entstand 1993 die Partei „Die Grünen – Grüne Alternative (Grüne)“. In Steyr hatte sich die progressive Jugend in den siebziger Jahren im Verein Basiskultur gesam- melt, der nach langem Ringen um ein Clublokal das Gasthaus Praxl, Wehrgrabengasse 13, mieten konnte. Die Grünbewegung Steyrs hat eindeutig ihre Wurzeln in dieser Jugendbewegung. Herausragende Mitglieder waren der Grafiker Erwin Vaclavik, der Jurist Reinhard Kaufmann, Bruno Feigl, der später auch im Kulturhaus Röda engagiert war, (Vaclavik, Feigl und Kaufmann brachten später das Buch „Jugendkultur in Steyr 1979-1999“ heraus), der Künstler Oskar Holub, Wolfgang „Jack“ Rubl, Klaus Helm, Heinz Ofner, Otto Klement, Erich Fröschl, Richard Ofner u.a. DIE GRÜNE WELLE IN STEYR - Von der Basiskultur zur Grün-Partei Hans Stögmüller Die österreichische Grünbewegung entstand knapp nach den Kämpfen gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf und gegen das Flusskraftwerk Hainburg an der Donau. Es entstand aber nicht eine geeinte Bewegung, sondern zunächst zwei Gruppierungen, nämlich die konservativen Vereinten Grünen Österreichs (VGÖ) und die progressive Alternative Liste Österreichs (ALÖ), die 1982 gegründet wurde. Als dann Ende der siebziger Jahre in einer breiten Bürgerbewegung der Kampf gegen die Zuschüt- tung des Wehrgrabens begann, war der Verein Basiskultur aktiv an der Verhinderung dieses von der Rathaus-Mehrheit, nämlich der SPÖ-Frak- tion unter Bürgermeister Franz Weiss, verfolgten Vorhabens beteiligt. Es wurden Plakate affichiert und bei der 1.-Mai-Feier der SPÖ sogar an einem Haus am Stadtplatz Transparente gegen die Aus- löschung des alten Stadtteiles aufgehängt. Der Verein Basiskultur war Teil der breit aufge- stellten Bürgerinitiative „Rettet den Wehrgraben“ unter der Obmannschaft des Kunsterziehers Heri- bert Mader. Trotz aller machtvollen Bestrebungen der Rathaus-Mehrheit mussten die Zuschütter klein beigeben, als das Bundesdenkmalamt den Wehrgraben 1982 unter Denkmalschutz stellte. Im Verein Basiskultur wurde auch die Monats- zeitung „Steyrer Tagebuch“ entwickelt, die in 25 Ausgaben erschien und neben dem Thema „Wehrgraben“ vielfältige Themen der Steyrer Ge- sellschaft aufgriff.
133 Kurz nach der Rettung des Wehrgrabens begann aber das Auseinanderdriften der Basiskultur. Maturanten wanderten in ihre Studienorte ab, Musiker sammelten sich in ihren Bands, die später die von der Stadt erworbene Liegenschaft Gas- werkgasse 2 besiedelten, wo das Kulturhaus Röda entstand, und Pärchen verschwanden in Richtung Ehe. Die politisch engagierten Mitglieder gründeten am 24. November 1984 die GAL Steyr. Triebfeder neben Wolfgang „Jack“ Rubl, der die Statuten besorgte, und anderen Leuten aus der Basiskultur war Franz Ramoser. Der im Herzen „rote“ Polizist aus Münichholz war frustriert über die Vorgänge innerhalb der SP und wollte eine Partei aufbauen, die in Steyr etwas bewegt. Einige Mitglieder des Vereins Basiskultur kauften in der Folge Häuser im Wehrgraben, wie Oskar Holub, Edith Sikora und Kurt Apfelthaler an der Fabrikstraße oder Otto Klement (das ehemalige Clublokal, heute „Knapp am Eck“) und Karl Pra- gerstorfer an der Wehrgrabengasse. Vom Kanonenschießplatz zum Nationalpark Überschattet war die Zeit der Parteigründung durch die Vorgänge im Ennstal, bei denen viele Steyrer tatkräftig involviert waren. Schon 1981 erreichte die Bevölkerung die Hiobsbotschaft, dass die Vöest plane, im Reichraminger Hinter- gebirge einen Kanonenschießplatz einzurichten. Getestet sollte die im Werk Liezen (später Nori- cum) produzierte Bull-Kanone GHN-45 werden, die für den Export in den Nahen Osten bestimmt war. Es wurde die Aktionsgemeinschaft Hinter- gebirge gegründet, um gegen dieses Projekt vorzugehen. Die Proteste hatten Erfolg und die Vöest verlegte den Kanonenschießplatz zum steirischen Erzberg. Aber nur wenige Tage nach der offiziellen Schießplatz-Rücknahme tauchten erste Meldun- gen über ein geplantes Speicherkraftwerk im Hintergebirge auf. Dort sollten eine hundert Me- ter hohe Staumauer bei der Kaiblingmauer und eine achtzig Meter hohe Mauer bei der Großen Klause errichtet werden. Die Basisgruppe Hinter- gebirge erarbeitete 1983 als alternatives Projekt die Idee eines Nationalparks. Noch war es aber nicht so weit. Die meisten Politiker einschließlich der Bürgermeister der betroffenen Gemeinden waren für das Kraftwerks-Projekt. Bei der dreitägigen Regierungsklausur 1984 in Steyr kam es zu einem Zwischenfall: Zehn Natur- schützer ketteten sich vor dem Tagungssaal an und protestierten gegen die Kraftwerkspläne in Hainburg, in Osttirol und im Hintergebirge. Die Polizei arrestierte die Demonstranten, aber der Landwirtschaftsminister sagte einen Lokalaugen- schein im Hintergebirge zu. Als im Sommer 1984 die Ennskraftwerke „Probebohrungen“ durchführen ließen, besetzten mehr als hundert Naturschützer die Baustelle. Einen Monat später zogen die Arbeiter der Bau- firma ab, worauf auch die Protestierer die Gegend verließen. Erst 1986 äußerte Landeshauptmann Ratzenböck, dass das Projekt gestorben sei. 1989 wurde der Beschluss gefasst, einen Nationalpark zu schaffen. 1997 beschloss der Oö.Landtag das Gesetz zur Gründung des Nationalparks Kalkalpen. Erfolgreiche Kandidatur In Steyr kandidierten die Grünen erstmals 1985 für den Gemeinderat unter der Liste „Grüne Alter- native Liste Steyr – GAL STEYR“. 1991 traten sie unter „Grüne Alternative – GAL“ an. Parallel trat die Liste „Steyrer Bürgerliste – Vereinte Grüne und Ergokraten (Grüne)“ an, die kein Mandat er- hielt, aber natürlich die GAL schwächte. Die GAL schaffte mit 4,8 Prozent der Wähler- stimmen den Einzug in den Gemeinderat mit einem Mandat. Franz Ramoser, der nach seinem Wechsel zu den Grünen im Beruf Probleme be- kam, wurde schon bald vom IT-Unternehmer Karl Aktionsplakat für die Rettung des Reichraminger Hintergebirges 1984
134 Pragerstorfer für rund ein Jahr an der Spitze ab- gelöst. Auch er warf eher frustriert das Handtuch. Danach folgte mit dem Künstler Oskar Holub die „bunte Zeit“ der Grünen. Er war Gemeinderat in den Jahren 1989 bis 1993, davon sogar Fraktions- vorsitzender von 1991 bis 1993. 1991 trat die Partei unter der Bezeichnung „Grüne Alternative – GAL“ an und erreichte zwei Manda- te. Parallel trat wie schon 1985 die Liste „Vereinte Grüne Österreichs - Liste Buchner VGÖ“ an, die wieder kein Mandat erhielt. Eva Scheucher war 1991 Spitzenkandidatin. 1993 folgte der Orgelbauer Kurt Apfelthaler auf den zurückgetretenen Oskar Holub. Apfelthaler musste vor der Wahl 2015 dem Juristen Reinhard Kaufmann weichen. Mit ihm stellten die Grünen erstmals einen Stadtrat in Steyr. Waren die Grünen ursprünglich eine Jugend- bewegung, so gelangten die Funktionäre unter- dessen in höhere Lebensalterskategorien. Weil es etliche Mitglieder gibt, die älter als 50 Jahre sind, wurde die Gruppe Generation Plus (Gplus) – Re- gion Steyr gegründet. „Wir treffen uns meistens jeden zweiten Mittwoch im Monat. Unsere Palette reicht von gesellschaftspolitisch relevanten The- men, Politik, Fragestellungen, die vor allem für die 50+ interessant sind, bis zu speziellen Stadt- führungen, Exkursionen, gemeinsamen Unterneh- mungen und was uns sonst bzw. den Mitmachen- den wichtig ist,“ heißt es auf der vereinseigenen Homepage. Der Vorstand besteht aus Maria Lindinger (Vorsitzende), Annemarie Niedereder- Mayr (Stellvertreterin), Gerhard Niedereder (Kas- sier) und Reinhard Kaufmann (Schriftführer). Höhen und Tiefen der Gemeindearbeit Seit Beginn der Tätigkeit im Gemeinderat 1985 er- höhte sich die Zahl der Grünen Gemeinderäte bis 2015/21 von einem auf vier Mitglieder. Seit 2021 sind es wieder drei. Es ist logisch, dass mit dieser Stimmenanzahl keine gravierende Änderung der politischen Meinung zu erzielen ist. Trotzdem wurden allein durch die mahnenden Stimmen einige Fortschritte erreicht, wie zum Beispiel der Ausbau der Radwege oder die Einleitung von Fernwärme in viele Stadtteile. Jedoch konnten die Initiativen der Grünen nicht bewirken, dass die Rathaus-Mehrheit bei ge- wissen Themen umdachte. 1990 wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion der Großteil der Reit- hoffer-Fabrik dem Erdboden gleich gemacht. In vielen Diskussionsrunden war vorher darauf hingewiesen worden, dass aus der Bausubstanz etwas zu machen wäre, zum Beispiel eine Ver- anstaltungshalle oder Werkstätten für die Ausbil- dung der Jugend usw. „Das Bundesdenkmalamt hat festgestellt, dass der Hauptteil der Fabrikgebäude nicht schützens- wert ist“, tönte es aus dem Rathaus. Das war der Freibrief für die Abrissbirne. Zum Glück blieb das ehemalige Reifenlager stehen, in dem nun die Landesmusikschule und Abteilungen des Magistrats untergebracht sind. Derzeit besteht die Gemeinderatsfraktion aus Ruth Pohlhammer (* 1968), Dolmetscherin und Übersetzerin, die 2021 an die erste Stelle der Liste gesetzt und auf Anhieb Fraktionsvorsitzende wurde; ihr zur Seite stehen Julia Greger (* 1963), Projektmanagerin und Sozialberaterin, und Kurt Prack (* 1.7.1967), AHS-Lehrer und Bezirksspre- cher der Grünen. Hans Stögmüller war Redakteur der OÖN in Steyr und ist Autor mehrerer Bücher mit Steyrbezug.
135 Am 5. Feber 2026 sprach Reinhard Kaufmann mit Willi Hauser über Trennendes und Gemeinsa- mes eines Sozialdemokraten mit den Grünen im Steyrer Gemeinderat. Die Errichtung des Museums Arbeitswelt, die Erhaltung des Arbeiterbades Schwimmschule, die Unterstützung für das Jugendkulturhaus Röda und für den Campus Steyr der FH Oberösterreich waren beiden Fraktionen wichtig. Bei Umweltthemen wie Abfallbewirtschaftung, Altstoffverwertung und Ressourcenverbrauch ortet er insgesamt den größten Einfluss der Grünen auf andere Parteien und die Stadtpolitik. Die Unterschiede lägen teilweise in der Ge- schwindigkeit der angestrebten Umsetzung von Maßnahmen, in der Prioritätensetzung bei knappen Budgets, sowie in der Rücksichtnahme auf Erfordernisse der „Realpolitik“. Letzteres sei besonders bei der Haltung zur Migration wirksam geworden oder beim Zeitplan für Klimaschutz- maßnahmen. Geärgert habe er sich über die Grünen allenfalls kurzfristig, etwa stirnrunzelnd bei manchen ausgesprochen pointierten Wort- meldungen von Kurt Prack. Eher amüsiert hätte ihn die manchmal gewitzte Wortwahl von Kurt Apfelthaler. Eine These Willi Hausers lautet, dass die Parteien im Gemeinderat dann ihre Arbeit richtig machen, wenn Bürgerinitiativen gar nicht notwendig wer- den. Das sei uns in der Steyrer Praxis nicht immer gelungen. Die Bürgerinitiative „Grüngürtel statt Westspange“ ist trotz Ablehnung der Pläne des Straßenprojekts zwischen Bauhaus und Bier- häuslberg durch die Grünen aktiv geworden. Und bei der Revitalisierung des Schlossparks hat eine Intervention besorgter Bürgerinnen und Bürger WILLI HAUSER – politischer Mitbewerber mit inhaltlichen Schnittmengen Zusammenfassung: Reinhard Kaufmann Willi Hauser war seit 1997 Mitglied des Gemeinderates, seit 2003 Stadtrat und von 2012 bis Jänner 2021 Vizebürgermeister und Obmann der Sozialdemokratischen Fraktion im Gemeinderat. Schnittstellen mit grünen Inhalten stellt er in vielen Bereichen fest, besonders bei sozialen Themen, Umwelt- und Klimafragen und bei kulturellen Projekten. für uns beide gezeigt, dass es nicht genügte, sich pragmatisch auf Empfehlungen der Universität für Bodenkultur und die Expertise der Stadtgärt- nerei zur Pflege des Baumbestandes zu verlassen. Dieser Protest führte schließlich zu einer umfas- senderen Planung für die Erneuerung des Parks. Ein grünes Dauerthema war von Beginn an ein Stadtplatz weitgehend ohne Autoverkehr. Als Bezirksvorsitzender der Jungen Generation der SPÖ hatte sich Willi Hauser schon in den 1990ern ein Nachdenken über einen autofreien Stadtplatz gewünscht. Später als Fraktionsob- Vizebürgermeister Willi Hauser mit Polizei- kommandant Christian Moser bei der 30 Jahr Feier der Steyrer Grünen 2014 im Amtsgebäude Reithoffer
136 mann hat er sich zwar durchaus daran erinnert, konnte aber im Sinne einer „Realpolitik“ bzw. der Mehrheitsmeinung in der SPÖ entsprechende Anträge der Grünen nicht unterstützen. Die wesentliche Herausforderung für den Stand- ort Stadtplatz sei die Koordination der großen Anzahl an privaten Playern mit unterschiedlichen Interessen – Hauseigentümer, Geschäftsleute, Gastronomie, Dienstleister – zB hinsichtlich eines attraktiven Branchenmix oder auch nur abge- stimmter Öffnungszeiten. Es ergaben sich immer wieder Gelegenheiten zu gemeinsamen Auftritten von Mitgliedern des Stadtsenats. (tips Mai 2018) Aus der gemeinsamen Zeit im Stadtsenat erinne- re ich mich an drei Maßnahmen, die wir gemein- sam umsetzen konnten und die mir bei meinen Wegen in Steyr immer wieder unterkommen: die 30 Km/h-Zonen in Ennsdorf und in der Kaserngasse, die Pflanzung von zwei Bäumen zwischen den Parkplätzen an der Ostseite der Handel-Mazzetti-Promenade und der fahrgast- und fahrerfreundliche Umbau der Stadtbus-Halte- stelle vor dem Bummerlhaus. Übereinstimmend stellen wir fest, dass ein großer Vorteil der Kommunalpolitik darin liegt, dass es hier doch überwiegend um Sachpolitik geht.
137 DIE „GRÜNEN“ IN STEYR KommR Gunter Mayrhofer Im Kampf gegen das Kraftwerk im Hintergebirge und beeinflusst von der Besetzung der Hainburger Au, fand sich eine Gruppe idealistischer Menschen zusammen und man konnte sie wirklich als bunten Haufen bezeichnen. Was im November 1984 im Pfarrsaal Münichholz begann und als Sesselkreis von Alternativen in die Geschichte einging, war die Gründung der GAL (Grüne Alternative Liste). Der rote Polizist Franz Ramoser, der ÖKO-Aktivist Peter Prack, der rührige Jack Rubl, der Unter- nehmer Karl Pragerstorfer, der Bücherwurm Heinz Ofner, die Lehrerin Waltraud Neuhauser, Marco Vanek, der charismatische Künstler Oskar Holub und der Orgelbauer Kurt Apfelthaler. Lauter Individualisten und doch fanden sie als Gruppe zusammen und existieren auch nach mehr als 40 Jahren, zwar nicht mehr als GAL aber als Grüne Steyr. Das unermüdliche Aufzeigen von Umweltsünden, ihr Kampf für eine klimagerechte Stadt und der Einsatz für mehr öffentliches Bewusstsein für Ökologie, sind heute wichtiger denn je. Zwar hat man sich von einigen Ideen der Basis- kultur wie Rotationsprinzip oder imperatives Mandat verabschiedet und an die Gegebenheiten angepasst, aber „angepasst“ waren sie nie. Sie bezeichneten die SP als Betonfraktion, und uns, die ÖVP, als Asphaltierer, und die Blauen waren ihr Feindbild. Wir waren oft einer gänzlich anderen Meinung wie z.B. bei der „rinnenden Enns“, die heute oft nur mehr ein Bächlein im Stadtgebiet ist. Aber bei all dieser Gegensätzlichkeit haben wir immer einen respektvollen Umgang miteinander gehabt, der nie persönlich verletzend war. Mit einigen Missinterpretationen möchte ich aber aufräumen: ! Steyr-grean ist Kult – dies hat aber nichts mit den Grünen zu tun, sondern ist eine Hommage an den grünen Steyr 15er. ! Und der Grünmarkt hat seine Bezeichnung nicht von der GAL, trotz der ehemaligen Parteizentrale an diesem Ort, sondern es kommt vom „greanen“, dem Weinen, da unter der Stadtpfarrkirche einst der Kerker war. ! Und letztlich – sie hatten ein grünes Haus beim Roten Brunnen und werden trotzdem ganz sicher nicht die Farbe wechseln. Ich wünsche den „Grünen“, dass sie noch lange existieren. Die Gesellschaft braucht dieses Korrektiv und, dass sie als „Warner“ gehört werden. Bei meinen langjährigen Kolleginnen und Kollegen darf ich mich für die Zusammenarbeit bedanken – namentlich Kurt Prack, Kurt Apfelthaler, Maria Lindinger, Natascha Payrleithner und Reinhard Kaufmann. Im Gemeinderat war Stadtrat Mayrhofer Sitznachbar von Kurt Prack
138 FREUNDLICHES UND KRITISCHES – einer Mitbewerberin Michaela Frech Der sachliche Austausch und der respektvolle Umgang miteinander sind eine wichtige Grundlage für die politische Arbeit. Gerade in der Gemeindepolitik zeigt sich, wie wertvoll es ist, unterschiedliche Sichtweisen einzubringen und dennoch gemeinsame Ziele für die Stadt zu verfolgen. Zum Jubiläum der Grünen in Steyr möchte ich sehr herzlich gratulieren. Obwohl mein politischer Weg ein anderer war, gab es immer wieder Berührungspunkte mit den Grünen und ihren Mandatarinnen und Mandataren im Gemeinderat. So mancher Steyrer, so manche Steyrerin hat im Laufe der Jahre sogar angenommen, dass ich Mitglied der Grünen sei. Das war allerdings nie der Fall. Vermutlich entstand dieser Eindruck, weil ich mich immer intensiv mit nachhaltigen und zukunftsorientierten Ideen für unsere Stadt beschäftigt habe und weil mir insbesondere ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr mit attrak- tiven Zug- und Busverbindungen stets ein großes Anliegen war. Auf kommunaler Ebene stehen oft weniger par- teipolitische Unterschiede im Vordergrund als die gemeinsame Verantwortung für die Entwicklung unserer Stadt. In vielen Fragen ging es darum, nachhaltige und zukunftsorientierte Lösungen für Steyr zu finden, Bürgerinnen und Bürger einzu- binden und über Parteigrenzen hinweg konstruk- tiv zusammenzuarbeiten. Auch wenn wir nicht immer derselben Meinung waren, waren der sachliche Austausch und der respektvolle Umgang miteinander eine wichtige Grundlage für die politische Arbeit. Gerade in der Gemeindepolitik zeigt sich, wie wertvoll es ist, unterschiedliche Sichtweisen einzubringen und dennoch gemeinsame Ziele für die Stadt zu verfolgen. Ein Thema, das mir während meiner gesamten politischen Tätigkeit besonders am Herzen lag, war die Stärkung des öffentlichen Verkehrs. Hier hätte ich mir von den Grünen mitunter mehr Unterstützung erwartet bzw. erhofft. Die Grünen haben die politische Diskussion in Steyr über viele Jahre hinweg mitgeprägt und wichtige Themen wie Umwelt, Lebensqualität, nachhaltige Stadtentwicklung und Bürgerbe- teiligung auf die Agenda gesetzt. Dafür gebührt ihnen Anerkennung. Gleichzeitig hätte ich mir ge- wünscht, dass auch Kunst und Kultur einen noch höheren Stellenwert in der politischen Arbeit einnehmen. Gerade das kulturelle Leben trägt wesentlich zur Lebensqualität und Identität einer Stadt bei. Ich wünsche den Grünen Steyr weiterhin enga- gierte Menschen und gute, nachhaltige Ideen – und die Möglichkeit, diese dann auch umzu- setzen! Michaela Frech ist Gemeinderätin a. D. und Gründerin des Bürgerforums Steyr. Michaela Frech ca. 2000 mit Willi Hauser, Verkehrsreferent Leopold Pfeil und Andi Kupfer auf dienstlicher Radfahrt
139 Aus grüner Sicht sprechen mehrere wichtige Gründe gegen diesen Straßenbau: Die Trasse führt mit hohem Bodenverbrauch durch weit- gehend hochwertige landwirtschaftliche Böden und nah am Quellgebiet des Dorningerbachs entlang, das ein seltenes noch naturnahes Biotop im Stadtgebiet darstellt; die offiziellen Modellrechnungen gehen von einer starken Steigerung des Gesamtverkehrs in Steyr Nord- west aus, die auch durch die mit dieser Straße einhergehende Attraktivierung der Verbindung Tschechien/Asten/A1/B309 – Klaus/A9 für den LKW-Transitverkehr verursacht wird. Die prognostizierte Entlastung innerstädtischer Straßen erreicht – wenn überhaupt – nicht das von den dortigen Anwohnern erhoffte Ausmaß; die (derzeit) angenommenen Kosten von rund € 70 Mio könnten in Hinblick auf die Klimakrise für wesentlich sinnvollere Verkehrsmaßnahmen eingesetzt werden. Die Grünen haben sich im Gemeinderat und außerparlamentarisch regel- mäßig gegen dieses Projekt ausgesprochen. WESTSPANGE - Ein Straßenprojekt beschäftigt Steyr Jahrzehnte Die Auseinandersetzung mit dem Projekt einer Steyrer Westumfahrung „Westspange Steyr“ zwischen Ennser Straße/ Bauhaus und Sierninger Straße/BMD beschäftigt die Grünen seit rund 20 Jahren. Gemeinderat Kurt Prack mit Landesrat Rudi Anschober und GsW-Obmann Alfred Rieger Die gegen die Westspange mobilisierende Bürgerinitiative GsW Verein Grüngürtel statt Westspange übermittelte uns für dieses Buch eine Grußbotschaft: Herzlichen Glückwunsch an die Grünen für 40 Jahre Partizipation im Steyrer Gemeinderat. Auch der Verein Grüngürtel statt Westspange (GsW) durfte 2025 sein 10-jähriges Jubiläum „feiern“. Aber ein Grund zu feiern, eher nicht. Die Themen, die sowohl für die Grünen als auch für den GsW prioritär waren und sind, haben laut Meinungs- umfragen in der Bevölkerung leider an Wichtigkeit verloren, was z.T. auch an den Wahlergebnissen abzulesen ist. Die Probleme sind geblieben. Das größte Problem für den GsW ist bekanntlich der Bau der Westspange. Für die Steyrer Grünen auch. Die Westspange wird zur Existenzfrage, für den GsW auf jeden Fall, ob auch für die Grünen, wird man sehen. Man kann nur hoffen, dass zum 50-jährigen Jubiläum der Grünen im Gemeinderat wieder gratuliert werden kann, dann aber von Privat- personen, die einst als GsW gemeinsam mit den Grünen die Westspange verhindert haben. Davor liegt aber noch sehr viel Arbeit, für den GsW und für die Steyrer Grünen ebenso.
140 In dieser Zeit haben sie nicht nur die politische Landschaft bereichert, sondern auch zahlreiche Initiativen auf den Weg gebracht, die Steyr le- benswerter machen. Das Kontrollamt der Stadt Steyr versteht sich als Hüter der öffentlichen Mittel und einer trans- parenten Verwaltung. Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen, ob Steuergelder effizient eingesetzt werden und alle politischen Entscheidungen im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben und den Prinzipien der Verantwortlichkeit stehen. In den vielen Jahren der Zusammenarbeit mit den Grünen im städtischen Kontrollausschuss – die Grünen führen dort seit langem den Vorsitz – ist es durch die Implementierung einer zeitge- mäßen Geschäftsordnung gelungen, die Rahmen- bedingungen für die Arbeit des Kontrollamtes wesentlich zu verbessern. Für die wertvolle Unterstützung dabei möchte ich mich an dieser Stelle ebenfalls sehr herzlich bedanken! Die Grünen haben in dieser Zeit immer wieder auf den Wert einer transparenten und nachhaltig funktionierenden Verwaltung hingewiesen. Ihr Einsatz für eine gerechte Ressourcenverteilung, ökologische Verantwortung und eine langfristige Perspektive in der Stadtpolitik ist unübersehbar. Die gute Zusammenarbeit zwischen dem Kon- trollamt und den Grünen in Steyr ist ein gutes Beispiel für die hohe Bedeutung einer verantwor- tungsbewussten Politik im Dienste der Bürgerin- nen und Bürger von Steyr. In den kommenden Jahren wird es weiterhin eine große Herausforderung sein, den Zielen von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit gerecht zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass mit einer fortgesetzten Zusammenarbeit zwischen der Grü- nen Partei und allen anderen politischen Kräften in Steyr auch die kommenden Herausforderungen erfolgreich gemeistert werden können. Ich gratuliere den Grünen zu ihrem 40-jährigen Bestehen und danke für ihren wertvollen Beitrag für unsere Stadt Steyr. Anmerkung der Redaktion: Thomas Schwingshackl, MBA ist Direktor des Kontrollamtes der Stadt Steyr und Vorsitzender der SPÖ Reichraming. Transparenz und objektive Kontrolle der Stadt- verwaltung war von Beginn an ein wichtiges Thema für die Grünen in der Kommunalpolitik. Kurt Apfelthaler und Maria Lindinger als Vorsitzende des gemeinderätlichen Kontrollaus- schusses setzten sich für eine möglichst unab- hängige Stellung des Kontrollamts und ausrei- chende Öffentlichkeit seiner Berichtstätigkeit ein. 2019 konnten unter Lindingers Vorsitz durch eine neue, einstimmig beschlossene Geschäfts- ordnung des Kontrollamts in beiden Punkten wesentliche Verbesserungen erreicht werden. 40 JAHRE GRÜNE IN STEYR – Aus der Sicht des Kontrollamtes Thomas Schwingshackl, MBA Seit 40 Jahren setzen sich die Grünen in Steyr für eine nachhaltige, gerechte und zukunftsfähige Entwicklung der Stadt ein.
141 Am 25. Juli 2026 sprach Reinhard Kaufmann mit Christoph Jungwirth über den Einfluss der Grünen Steyr auf Politik und Stadtentwicklung seit den 1980er Jahren. Dr. Christoph Jungwirth beobachtet und begleitet seit vielen Jahren die politischen Entwicklungen auch in Steyr, war viele Jahre Geschäftsführer des bfi OÖ und der BBRZ Gruppe, ist als Berater im politiknahen Bereich tätig und war in den 1990er Jahren Mitarbeiter der Grünen Bürgerzeitung. Dort kümmerte er sich um die Koordination der Autor/inn/en, die Zusammenarbeit mit dem Grafiker Michael Atteneder und um die Einwerbung von Inseraten. Mit ihrem Auftauchen wirkten die Grünen mit Franz Ramoser in der Steyrer Stadtpolitik als Stachel in einer verkrusteten Stadt und für die dominierende Bürgermeisterpartei SPÖ. Vieles war damals einfach unmöglich oder ritualisiert, wie die Jubeltransparente beim Maiaufmarsch, wo etwa die Resthofer Abordnung der Stadt- verwaltung für einen neuen Sportplatz gedankt habe. Dass 1988 zum 50jährigen Gedenken des An- schlusses an das Dritte Deutsche Reich im Steyrer Amtsblatt 3/1988 18 Seiten diesem Thema ge- widmet wurden, schreibt Jungwirth nicht nur der Hartnäckigkeit des KP-Gemeinderates Otto Treml, sondern auch einem von den Grünen eingefor- derten ehrlicheren Umgang mit der Zeitgeschich- te zu. Vieles, das heute in Steyr als selbstverständlich gilt und allgemein geschätzt wird, gehe auch auf grüne Initiativen zurück. Einiges könnten sich die DER BEITRAG DER GRÜNEN ZUR ÖFFNUNG STEYRS Christoph Jungwirth Zusammenfassung: Reinhard Kaufmann Dr. Christoph Jungwirth beobachtet und begleitet seit vielen Jahren die politischen Entwicklungen auch in Steyr und war in den 1990er Jahren Mitarbeiter der Grünen Bürgerzeitung. Die l Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete in der Unterhimmler Au und ihre Zugänglich- keit und Nutzungsmöglichkeiten, die Streuobstwiese in Verbindung mit dem Hochwasserschutz, l die Entwicklung des Bildungs- und Kultur- campus im Wehrgraben mit MAW, FH, Röda – ohne die Rettung des Wehrgrabens gäbe es das nicht, l das Quartier Steyrdorf mit dem Steyrdorf- laden und den Kultur- und Public-viewing- Events auf dem Platz beim Roten Brunnen, im Dunklhof und auf dem Wieserfeldplatz, l der Gemeinderatsbeschluss eines Klimaneutralitätsfahrplans, l Verbesserungen für den Fahrradverkehr, der vorgesehene Probebetrieb für eine weitere Verkehrsberuhigung des Stadtplatzes im Sommer/Herbst 2026 zählen zu diesen Lebensbereichen. Jungwirth und ich sind uns einig, dass damit wesentliche Beiträge für ein lebenswertes Steyr geleistet wurden. Wir müssen aber auch Zweifel eingestehen, ob diese Zufriedenheit über die bildungsbürgerliche Mittelschicht hinaus ähnlich erlebt wird, oder ob Lebensqualität etwa von vielen in der Stadt anders definiert wird. Grünen, wenn schon nicht als Erfolg an die Fahnen heften, so zumindest ihre vielfache Rolle
142 Reinhard Kaufmann sprach am 2. Juli 2026 mit Ulli Schwarz im Gastgarten des Gasthofs Schwe- chater über Themen im Spannungsfeld Land OÖ – Stadt Steyr. Ulli Schwarz war von 2003 bis 2025 Abgeordnete zum Oö. Landtag. Doch ein wenig überraschend ergibt sich der Befund, dass eher wenige Über- schneidungen zwischen Landes- und Kom- munalpolitik bestehen und es daher zu keinen konkreten gemeinsamen Projekten der Grünen in Landesregierung und Landtag und der Grünen im Gemeinderat kam. In Zusammenhang mit der Zuständigkeit Rudi Anschobers als Landesrat für Hochwasserschutz ab 2003 gab es bei Ent- wicklung und Finanzierung der Maßnahmen nach dem Hochwasser 2002 wichtige Kontakte mit der Stadt Steyr. Den Grünen war neben dem technik- lastigen Charakter des Hochwasserschutzes die Information und Einbindung der Betroffenen bei Planung und Umsetzung ein besonderes Anliegen. Das Projekt Nationalpark Kalkalpen wurde na- turgemäß von den Grünen im Land engagiert begleitet. Bei den wesentlichen Entscheidungen ließ sich allerdings die ÖVP in ihrer Führungs- rolle nicht dreinreden. Wenig sinnvoll war für Ulli Schwarz die touristische Werbelinie der Stadt „Steyr am Nationalpark“ ohne entsprechend durchdachtes und funktionierendes Konzept, wie beides touristisch und logistisch zu verbin- den wäre. Dabei hätte gerade beim Nationalpark ein von den Grünen besonders unterstütztes Anliegen in die Umsetzung eines touristischen Projekts einfließen können, nämlich die Schaf- fung von konkreten Vorteilen auch für die Bevöl- kerung der Region. Besonders auffällig ist für Ulli Schwarz am Indus- triestandort Steyr, dass es nicht gelungen ist, in dem sehr dynamischen und von Krisen betrof- fenen Arbeitsmarkt auch nur ansatzweise eine grüne Gewerkschaftsbewegung in der Region zu etablieren. Das Thema schwieriger Arbeitsbedin- gungen der Ärzte und Pflegekräfte beschäftigte uns auch bei einem gemeinsamen Besuch bei den Arbeitnehmervertretungen des Pyhrn-Eisenwur- zen Klinikums Steyr. Die Grünen in Land und Stadt haben mit großer Sympathie die Entstehung und Entwicklung der bedeutenden Bildungsinstitutionen Museum Arbeitswelt, Campus Steyr der FH OÖ und Kin- deruni Steyr begleitet. Besonders das dem sozial- demokratischen Biotop zugeordnete MAW wurde in manchen kontroversen Situationen im Steyrer Gemeinderat von den Grünen sogar lauter und intensiver unterstützt als von der SPÖ. Reibungsflächen zwischen überregionalem An- spruch und lokaler Interessenlage identifizieren wir in der Energiepolitik, wenn sich Grüne grund- sätzlich natürlich für viele Windpark-Standorte einsetzen, die Stimmungslage in Steyr und Um- gebung eine Unterstützung für Windräder auf dem Damberg durch lokale Grüne aber jedenfalls nicht laut werden ließ. Interne Konflikte aus einer Mischung sachbezo- gener Differenzen und persönlicher Befindlich- keiten haben auch die Steyrer Grünen mehrmals intensiv beschäftigt. Zur konstruktiven Be- arbeitung gab es auch Unterstützungsangebote seitens der grünen Landesorganisation. In die- sem Rahmen kam Ulli Schwarz in der Periode 2003-2009 als Moderatorin zu einer schwierigen Mitgliederversammlung nach Steyr. Dabei mag es gelungen sein, Standpunkte und Haltungen zu schärfen und zu erläutern. Nicht gelungen ist es leider, alle Beteiligten nachhaltig im gemein- samen Boot zu halten. ULRIKE SCHWARZ blickt aus Linz und vom Mühlviertel nach Steyr. Außensicht Oberösterreichischer Landtag Zusammenfassung: Reinhard Kaufmann Besonders auffällig ist für Ulli Schwarz am Industriestandort Steyr, dass es nicht gelungen ist, in dem sehr dynamischen und von Krisen betroffenen Arbeitsmarkt auch nur ansatzweise eine grüne Gewerkschaftsbewegung in der Region zu etablieren.
143 BILDERSAMMLUNG Plakate, Folder, Flyer … Eine Auswahl grüner Drucksorten 6 Die Kreativität von Mitgliedern der Grünen und unterstützenden Leuten zeigt sich besonders in Gestaltung und Inhalten der Medien, die in Wahlkämpfen, zur Öffentlichkeitsarbeit für grüne Themen, zur Ankündigung politischer oder kultureller Veranstaltungen produziert wurden. Auf den Folgenden Seiten möchten wir einen Überblick über dieses grafische und Design-Universum geben.
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156 Literatur Ernst Schuller, Diplomarbeit ALTERNATIVBEWEGUNG IN OBERÖSTERREICH Teil 2 – Regionale Ausformungen einer gesellschaftlichen Neuerungs- und Oppositionsbewegung, JKU Linz 1982 Steyrer Tagebuch 1982 – 1985 online nachlesbar: https://steyr.dahoam.net/?page_id=4327 Grüne Bürgerzeitung 1986 – 1999 online nachlesbar: https://steyr.dahoam.net/?paged=3&cat=175 Amtsblatt der Stadt Steyr (seit 1958) online nachlesbar: https://steyr.dahoam.net/?page_id=4786 Walter Wippersberg, Die Stadt Steyr, Landesverlag, Linz 1990 Jugendkultur in Steyr 1979 – 1999, edition wehrgraben, Steyr 1999 Marco Vanek, Von der Bewegung zur Partei – Die Entwicklungsgeschichte der Grünen in Oberösterreich, planetVERLAG, Wien 2007 ARBEIT WOHLSTAND MACHT Begleitband zur OÖ. Landesausstellung 2021, Hrsg. Michael John und Herta Neiß, Linz 2021 Klimaneutralitätsfahrplan Steyr, Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, Wien 2025, https://klimaneutralestadt.at/resources/pdf/schriftenreihe-2025-42-klimafahrplan-steyr.pdf
157 Zeittafel 1979 17. November Eröffnung Verein Basiskultur 1982 März „Nummer 0“ des Steyrer TAGEBUCH 1984 24. November Gründung GAL Steyr 1985 GR-Wahl 1049 Stimmen 4,6% 1 Mandat Franz Ramoserals erster Grüner im GR 1986 11. Dezember Franz Ramoser stimmt ohne Erklärung gegen Budget für 1987 1988 Rücktritt Franz Ramoser – Karl Pragerstorfer übernimmt GR-Mandat 1989 Rücktritt Karl Pragerstorfer 23. 11. – Oskar Holub als GR angelobt 1989 14. Dezember GAL stimmt Budget nicht zu 1990 12. November 1. Tagung des Gestaltungsbeirates 1991 8. März Listenwahl für GR: 1. Eva Scheucher, 2. Oskar Holub, 3. Wolfgang Rubl 1991 16. Mai Gr beschließt Richtlinien für ein Generalverkehrskonzept – GAL dafür 1991 GR-Wahl 1713 Stimmen 7,7% 2 Mandate Oskar Holub, neu im GR Spitzenkandidatin Eva Scheucher 1991 17. Dezember Zustimmung der GAL zum Budget für 1992 für Frauenhaus 1992 17. Dezember GAL lehnt Budget für 1993 ab 1993 16. September Rücktritt Holub & Scheucher, Angelobung Apfelthaler & Vanek 1993 Antrag der GAL – Resolution gegen Fahrplanreduzierungen der ÖBB 1994 Eva Scheucher vertritt Marco Vanek während Abwesenheit 1994 16. Dezember Zustimmung zum Budget für 1995 1996 11. Jänner Budget 1996 von SP und Grünen gegen VP und FP beschlossen 1997 GR-Wahl 1545 Stimmen 7,6% 2 Mandate Kurt Apfelthaler, Andreas Kupfer 2003 GR-Wahl 1756 Stimmen 9,18% 3 Mandate Kurt Apfelthaler, Ute Fanta, Andreas Kupfer 2003 März Eröffnung des Grünen Büros Grünmarkt 14 2009 GR-Wahl 1701 Stimmen 8,86% 3 Mandate Kurt Apfelthaler, Sissi Gruber, Reinhard Kaufmann 2010 25. November Antrag der Grünen im GR: Resolution für einen Abschiebestopp für Minderjährige 2012 20. September Angelobung Payrleitner nach Rücktritt von Sissi Gruber 2014 24. November Reithoffer: Festveranstaltung 30 Jahre GAL/Grüne Steyr, Festvortrag Prof. Peter Heintel 2015 GR-Wahl 2224 Stimmen 11,36% 4 Mandate 1 Stadtrat K. Prack (Fraktionsvorsitzender), N. Payrleithner, R. Kaufmann, M. Lindinger Reinhard Kaufmann wird Stadtrat, legt GR-Mandat vorübergehend zurück Matthias Kaltenböck wird bis ca. Oktober 2016 Gemeinderat 2019 23. November Grünes Büro am Roten Brunnen: 35Jahr-Feier GAL/Grüne 2021 GR-Wahl 1616 Stimmen 9,68% 3 Mandate Ruth Pohlhammer (Fraktionsvorsitzende), Kurt Prack, Julia Greger 2024 4. Juli GR beschließt Klimaneutralitätsfahrplan
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