1 DIE TÜR UND ICH Marc-Henrik Wache
2 Copyright © 2026 Marc-Henrik Wache All rights reserved. No part of this book may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted in any form without written permission from the author. This is a work of fiction. Names, characters, places, and incidents either are products of the author's imagination or are used fictitiously.
3 INHALTSVERZEICHNIS Echos aus dem Astronautenanzug 5 Der Rhythmus des Grauens 9 Der Schlager des Wahnsinns 13 Die Spur hinter der Jukebox 19 Klang des Verrats 25 Tanz der eigenwilligen Schatten 30 Chaos auf vier Rädern 36 Beginn der Endphase 40 Der falsche Darth Vader 45 Schatten im Stadtpark 49 Das Geheimnis des stillen Örtchens 53 Der Countdown der Verkabelung 58 Ein letztes Bier vor Feierabend 63 Der violette Puls der Jukebox 68 Marsch der letzten Hoffnung 73 Die Botschaft im Wind 78 Alarm in der Industriestraße 82 Das grüne Leuchten der Wahrheit 87 Der Bass des Zorns 92 Das pulsierende Rätsel 96 Beton, Kabel und kalter Kaffee 100 Die Falle im Beton 105 Spuren im kalten Licht 110 Die unsichtbare Leitung 115 Der Knoten im Netz 119 Was Herbert verschwieg 124 Zwischen Blasmusik und Weltuntergang 129 Der Sender in der Tasche 135 Kurs auf das Schwimmbad 140 Das Signal vom Sprungturm 144 Showdown ohne Wasser 148
4 Der Mann über dem Becken 153 Abschied vom alten Kombi 158 Die nächste Spur 163 Das Flüstern der Daten 168 Die Falle in der Oper 172 Hinter den Flügeltüren 176 Das Ende der Symphonie 181 Bässe und glühender Staub 186 Das Tuba-Trauma 191 Der letzte Akkord 195 Sinfonie des digitalen Wahnsinns 200 Die Nachricht im Staub 205 Fünf Minuten bis Omega 211 Aufstieg zum Sender 215 Das Herz der Anlage 220 Das Ende in Moll 225 Eine Spur zu viel 231 Fundstück im Stadtpark 236 Das Finale beginnt jetzt 241 Voodoo aus der Steckdose 247 Kellergeister und Kurzschlüsse 252 Was im Keller antwortet 257 Der Minister verliert den Takt 262 Stille für den Musikminister 266 FlowerPower schlägt zurück 270 Die letzte Verkabelung 275 Die Stimme hinter dem Rauschen 280 Stecker raus 286 Feierabend mit Nachhall 292
5 Echos aus dem Astronautenanzug Es gibt im Leben eines Mannes Momente, in denen er auf dem Sofa sitzt, mit einer Lesebrille auf der Nase, die Hälfte seines Bartes im Joghurt versenkt hat und sich fragt, ob die glorreiche Vergangenheit eigentlich jemals stattgefunden hat oder ob das alles nur ein sehr langer, schlecht geschriebener Fiebertraum mit extrem lauter Musik war. Marc strich sich über die glänzende Platte seines Kopfes, schob die Brille auf dem Nasenrücken nach oben und blickte in den vollgestopften Werkstatthof von Tino. Tino, der Mann fürs Grobe, fürs Auto und für die groben Wahrheiten, lehnte gerade mit einer fettverschmierten Hand an einer alten Motorhaube und grinste breit. „Weißt du noch, Marc, damals an der Tür vom FlowerPower?“, rief Tino und warf einen Schraubenschlüssel in eine Kiste, wo er mit blechernem Lärm landete. „Als der Typ im Astronautenanzug reinwollte, weil er meinte, im Club gäbe es den besten Sauerstoff der Stadt?“ Marc stöhnte leise auf, während er auf einem wackeligen Plastikhocker saß. Er war mittlerweile fünfzig Jahre alt, trug einen grauen, akkurat getrimmten Vollbart und besaß die Gelassenheit eines Buddha, der zehn Jahre lang besoffenen Studenten den Ausweis abgenommen hatte. „Der wollte nicht rein, Tino. Der stand vor der Tür, hat geglaubt, er sei auf dem Mars, und hat versucht, meinen linken Schuh als Krater zu untersuchen“, korrigierte Marc mit tiefer, leicht kräftiger Stimme. „Und du hast ihm noch helfen wollen, den Helm abzunehmen.“ „Hey, der Helm klemmte!“, verteidigte Tino sich und lachte laut auf. „Man hilft eben, wo man kann. Vor allem, wenn die Kundschaft so unterhaltsam ist.“ Marc schmunzelte. Es war diese Zeit, auf die Tino anspielte. Vor zehn Jahren, als Marc noch als Türsteher im FlowerPower arbeitete, einer legendären Musikkneipe, die für schlechte Cocktails, exzellente Rockmusik und absolut schmerzbefreite Gäste bekannt war. Damals glänzte Marc zwar nicht durch eine Lesebrille, aber dafür durch einen Bizeps, der jeden Türrahmen ausfüllte. Heute füllte er vor allem den Raum zwischen Fernseher und Kühlschrank aus – es sei denn, Tino brauchte
6 mal wieder jemanden, der ihm bei einer Motorüberholung zusah und dabei alte Geschichten anhörte. Plötzlich schepperte es am Eingang des Werkstatthofs. Ein schepperndes, unverkennbares Geräusch, gefolgt von einer lauten Entschuldigung, die klang, als ob jemand über drei Bierkästen gleichzeitig gestolpert war. „Huch! Verzeihung! Der Besen stand aber auch absolut hinterhältig im Weg, fast so, als hätte er mich persönlich beleidigen wollen!“, rief eine helle, leicht nervtötende, aber unverkennbar gutmütige Stimme. Rudi tauchte auf. Rudi war der Inbegriff eines wandelnden Chaos. Einst war er der treueste Stammgast des FlowerPower gewesen, der dort jeden Abend auf demselben Barhocker saß, bis der Hocker quasi mit ihm verschmolz. Irgendwann hatte man ihn adoptiert – oder er hatte sich einfach eingenistet. Seitdem war Rudi das offizielle Mädchen für alles der Kneipe: Er wischte, er räumte auf, er quatschte die Gäste tot und besaß eine unerschütterliche Fähigkeit, jeden noch so entspannten Abend in eine Comedyserie zu verwandeln. Jetzt stand Rudi da, hielt einen Eimer in der einen und eine verstaubte Kaffeekanne in der anderen Hand, während seine Jacke voller gelber Putzmittel-Flecken war. „Ah, der Chef und sein grauer Schatten!“, rief Rudi strahlend, als er Marc und Tino entdeckte. Er marschierte zielstrebig auf den Hocker zu, stolperte fast über einen alten Reifen und balancierte den Eimer mit akrobatischer Finesse. „Marc! Gut, dass du da bist. Du glaubst nicht, was im FlowerPower schon wieder los ist. Rudi hat alles unter Kontrolle, absolut im Griff, eine echte Meisterleistung der Logistik!“ Marc seufzte innerlich. Wenn Rudi sagte, er habe alles unter Kontrolle, bedeutete das meistens, dass die Polizei bereits im Anmarsch war oder die Zapfanlage explodiert war. „Was hast du diesmal angestellt, Rudi?“, fragte Marc ruhig und nahm einen Schluck aus seiner Thermoskanne. Er kannte Rudi in-und auswendig. Rudi war liebenswert, ja, aber anstrengend wie ein Dauerlauf in Skischuhen. „Angestellt? Ich? Niemals!“, protestierte Rudi und schüttelte den Kopf, wobei ihm ein graues Haarsträhnchen ins Gesicht fiel. „Ich habe lediglich versucht, die Bar zu polieren. Mit einer neuen Methode! Ich nenne es: Aggressives Glänzen. Man reibt so lange, bis das Holz entweder
7 spiegelt oder Feuer fängt. Zum Glück war es nur das Holz, das ein bisschen warm wurde. Aber keine Sorge, der Eimer Wasser, den ich drübergeschüttet habe, hat den Brand heldenhaft im Keim erstickt!“ Tino prustete los, während er sich mit einem Lappen das Öl von der Stirn wischte. „Du hast die Bar angezündet, Rudi? Im Ernst jetzt?“ „Es war nur eine kleine Flamme!“, verteidigte Rudi sich und gestikulierte wild mit der Kaffeekanne. „Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden, und die Bar steht ja im Grunde noch. Sie riecht jetzt nur ein bisschen nach verbranntem Eichenparkett und Vanille-Duftbaum. Das nennt man Atmosphäre!“ Marc lehnte sich zurück und musterte den kleineren Mann. Genau wegen solcher Geschichten hatte er damals an der Tür gestanden. Man brauchte keine Filme im Kino, wenn man die Tür zum FlowerPower aufschloss und Rudi und seine Freunde hineinströmten. Es war ein Zoo, eine Soap Opera und eine Selbsthilfegruppe in einem. „Rudi“, sagte Marc mit sanfter, aber bestimmter Stimme. „Du brennst noch einmal ab. Und zwar mitsamt der Kneipe. Warum bist du eigentlich hier? Du kommst doch nicht extra in Tinos Werkstatt, um uns von deinen pyrotechnischen Experimenten zu erzählen.“ Rudi blinzelte überrascht, als ob er den Faden seines eigenen Gedankens verloren hätte. „Ach, richtig! Der Grund! Ein Notfall, Marc. Ein absoluter Notfall von kosmischen Ausmaßen.“ Tino trat näher, den Schraubenschlüssel nun fest in der Hand, als müsse er sich verteidigen. „Was für ein Notfall? Ist das Bier alle?“ „Schlimmer!“, rief Rudi dramatisch und fasste sich ans Herz. „Die Jukebox streikt. Sie hat den Dienst verweigert. Ich habe Geld eingeworfen, Highway to Hell gedrückt, aber sie hat stattdessen dreimal hintereinander Schlager gespielt! Schlager, Tino! In unserer heiligen Rockkneipe! Das ist psychische Folter am lebendigen Objekt! Die Gäste stehen schon mit finsteren Blicken an der Theke und verlangen nach dir, Marc. Sie sagen, nur der alte Türsteher mit dem eisernen Blick kann die Jukebox wieder zur Raison bringen.“ Marc starrte Rudi an. Er blinkte zweimal hinter seiner Brille. Eine bockige Jukebox, die Schlager spielt? Das klang weniger nach einem technischen Defekt und
8 mehr nach einer Sabotage – oder schlicht nach dem üblichen Wahnsinn, den Rudi durch seine Anwesenheit magisch anzog. „Warum sollte ich eine Jukebox reparieren?“, fragte Marc trocken. „Ich bin im Ruhestand. Mein Rücken knackt, wenn es regnet, und meine Tage als Alltagsheld an der Tür sind vorbei.“ „Ach komm schon, Alter!“, rief Tino und klopfte Marc so kräftig auf die Schulter, dass Marc beinahe seinen Kaffee verschüttete. „Das kannst du dir nicht entgehen lassen. Eine bockige Musikbox im FlowerPower? Das ist wie früher. Du, ich, Rudi und eine Horde betrunkener Rocker. Das wird ein Fest!“ Rudi nickte eifrig, seine Augen glänzten vor Begeisterung. „Genau! Wir holen den alten Marc zurück. Ohne Tür, aber mit ganz viel Musik und eventuell einem weiteren Feuerlöscher.“ Marc blickte von Tino zu Rudi und dann auf seine ruhige, friedliche Werkstatthof-Umgebung. Er wusste genau, dass dieser Nachmittag alles andere als ruhig enden würde. Er seufzte tief, nahm seine Lesebrille ab, steckte sie in die Hemdtasche und stand langsam auf. „Na gut“, brummte Marc und zog die Jacke gerade. „Aber wenn da wieder dieser Typ mit dem Astronautenhelm steht, überlässt du mir diesmal die Verhandlungen, Tino.“ Rudi jubelte laut auf, warf den Eimer vor Schreck in die Luft und duckte sich im letzten Moment, als das Metallgefäß scheppernd auf dem Betonboden aufschlug. „Auf ins Verderben!“, rief Rudi und stürmte voraus Richtung Ausgang, während Tino und Marc kopfschüttelnd hinterhergingen.
9 Der Rhythmus des Grauens Der feuchte Geruch von Altöl und verbranntem Auspuffgummi wich langsam dem frischen, aber nicht minder bedrohlichen Duft der herbstlichen Straßen, als die drei Männer Tinos Werkstatt verließen und sich auf den Weg zur Musikkneipe FlowerPower machten. Marc passte gut auf, wo er hintrat. Seine neuen Gleitsichtgläser machten die Welt zwar gestochen scharf, verzerrten aber am Rand die Bordsteinkanten in einer Weise, die jeden Spaziergang zu einem unkalkulierbaren Abenteuer machte. Er fasste sich reflexartig an den grauen Vollbart und strich ihn glatt. Mit fünfzig Jahren hatte er eigentlich gehofft, dass sein Adrenalinspiegel nie wieder Regionen erreichen würde, die auch nur entfernt an einen Samstagabend im Eingangsbereich einer Disco erinnerten. Doch die Aussicht auf eine rebellierende Jukebox schien dieses friedliche Prinzip gnadenlos zu torpedieren. „Ich sage euch, das Ding hat eine Seele“, rief Rudi, der mit großen, federnden Schritten vorauseilte und dabei die Arme schwang wie ein Dirigent, der gleich ein besonders dramatisches Orchesterstück einfordern wollte. „Eine finstere, grauenvolle Schlager-Seele! Vorhin lief dreimal hintereinander ‚Gigi im Akkord‘. Mir läuft jetzt noch der kalte Angstschweiß den Rücken runter, wenn ich nur dran denke.“ Tino, der in seinem blauen, ölverschmierten Overall direkt neben Marc ging, schüttelte ungläubig den Kopf und warf einen belustigten Blick auf seinen langjährigen Freund. „Rudi, du hast auch Angst vor Staubsaugern und automatischen Klodeckeln. Das ist keine Seele, das ist höchstens ein verklemmter Groschen oder ein Kurzschluss im Verstärker.“ „Ein Kurzschluss?“, schnaufte Rudi und blieb abrupt mitten auf dem Fußweg stehen, sodass Marc beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre. „Tino, mein Lieber, unterschätze niemals die Tücken der modernen Technik! Die Kiste ist besessen. Ich schwöre es bei meiner Briefmarkensammlung. Letzte Woche hat sie mich angeblinzelt. Ernsthaft! Das kleine rote Lämpchen hat kurz gezuckt.“ Marc schob die Brille auf der Nase nach oben, musterte Rudi skeptisch und seufzte leise. „Rudi, die einzige Person, die hier
10 heute Abend blinkt, bist du, weil du völlig durch den Wind bist. Wir gehen jetzt rein, wir ziehen den Stecker aus der Dose, und wenn das Ding dann immer noch singt, holen wir den Exorzisten oder den Elektriker. Je nachdem, wer schneller da ist.“ Tino lachte laut auf und klopfte Marc kräftig auf die breite Schulter, wobei er fast das Gleichgewicht verlor. „Siehst du, Rudi? Marc hat die Ruhe weg. Genau so kennen wir ihn noch aus den glorreichen Zeiten, als er im FlowerPower die halbe Nachbarschaft allein in Schach gehalten hat. Weißt du noch, Marc, damals, als der Typ mit dem Leopardenmuster-Hemd reinspazieren wollte?“ Marc kniff die Augen zusammen und schmunzelte trotz seiner Skepsis. Natürlich erinnerte er sich daran. Solche Abende brannten sich ins Gedächtnis ein wie eingebranntes Fett in einer Friteuse. „Der Kerl dachte ernsthaft, seine Sonnenbrille im Dunkeln würde ihn unsichtbar machen“, brummte Marc und passte seinen Schritt an, während sie um die Ecke bogen. Vor ihnen tauchte bereits das vertraute, leicht in die Jahre gekommen Schild der Kneipe auf. Ein neonfarbenes, leicht flackerndes Etwas, das die Inschrift FlowerPower trug, wobei das ‚W‘ schon seit Jahren ausgefallen war und stattdessen ein geheimnisvolles ‚Power‘ leuchtete. „Damals“, fuhr Marc fort, während er prüfend den Eingang musterte, „musste man den Leuten nur einmal tief in die Augen schauen und sagen: ‚Freundchen, heute Abend bleibst du besser draußen.‘ Und zack, waren sie weg. Aber gegen eine widerspenstige Musikbox, die freiwillig Roland Kaiser auflegt… da helfen keine Muskeln. Da braucht man eiskalte Diplomatie.“ „Oder einen Hammer“, warf Rudi eifrig ein, während er hastig den schweren Messingring der Eingangstür griff und sie aufstieß. „Ein gut gezielter Schlag auf die Gehäusewand hat schon manche defekte Waschmaschine geheilt.“ „Wehe dir, Rudi, du fasst auch nur einen Hammer an!“, fauchte Tino warnend, als sie die Schwelle übertraten. „Das ist ein echtes Sammlerstück aus den Siebzigern. Wenn du da mit Werkzeug rangehst, spiele ich nie wieder an deinem alten Auto herum.“ Der Übergang von der kühlen Abendluft in die Kneipe war wie ein Zeitsprung in ein Paralleluniversum, in dem der Geschmack
11 der Siebzigerjahre niemals gestorben, sondern lediglich mit einer dicken Staubschicht überzogen worden war. Der Raum roch nach abgestandenem Bier, billigem Wodka, Bohnerwachs und der unverkennbaren Melancholie von Menschen, die ihre besten Jahre irgendwo zwischen Diskokugel und Theke verloren hatten. Und im Hintergrund, unüberhörbar und mit einer penetranten Fröhlichkeit, dröhnte ein Schlager aus den Lautsprechern, der selbst hartgesottene Seemänner in die Flucht geschlagen hätte. Marc blieb mitten im Raum stehen, zog die Brauen zusammen und blinzelte durch seine Brille. Die Gläser liefen leicht an, was die Szenerie nicht unbedingt übersichtlicher machte. Er strich über seinen grauen Vollbart und atmete tief ein. „Ja, das ist unverkennbar Schlager“, stellte er trocken fest. „Ich kriege spontan Zahnschmerzen.“ Rudi lief sofort zielstrebig auf die hölzerne Bar zu, hinter der die ehrwürdige Jukebox stand wie ein monolithischer Altar des schlechten Geschmacks. Das Gerät leuchtete in schrillem Pink und Gelb, und aus ihrem Inneren schallte die glasklare, unbarmherzige Stimme eines Schlagersängers, der gerade in den höchsten Tönen von ewiger Liebe und Sonnenschein sang. „Siehst du?“, schrie Rudi über die Musik hinweg und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das blinkende Gehäuse. „Sie lacht uns aus! Sie spottet über unseren Schmerz!“ Tino schüttelte amüsiert den Kopf, ging langsam auf die Jukebox zu und ging vor ihr in die Knie, um das Bedienfeld genauer zu inspizieren. Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Hosentasche und leuchtete in die Ritzen des Münzeinwurfs. „Moment mal“, murmelte Tino konzentriert. „Hier stimmt doch was nicht. Das Schloss ist gar nicht richtig eingerastet.“ Marc trat näher heran, schob die Hände in die Taschen seiner Jacke und beugte sich schwerfällig nach vorne. Seine alten Knochen knackten leise, was er gekonnt mit einem tiefen Räuspern überspielte. „Lass mich mal ran, Autodidakt“, sagte Marc mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, die früher ganze Raubritter-Cliquen zum Schweigen gebracht hatte. „Gib mir die Taschenlampe.“ Tino reichte ihm das kleine Lichtgerät, ohne den Blick von den Kabeln im unteren Fach abzuwenden. Marc kniff die Augen zusammen und leuchtete in den Bauch der
12 Jukebox. Was er dort sah, ließ selbst den abgebrühtesten ehemaligen Türsteher für eine Sekunde stutzen. Da lagen keine losen Münzen oder verstaubten Platinen. Da lag ein handgeschriebener Zettel, festgeklemmt zwischen dem Greifarm und der Hauptplatine. Marc zog den Zettel vorsichtig mit zwei Fingern heraus, während Rudi neugierig wie ein Erdmännchen versuchte, über Marcs Schulter zu linsen. „Was steht da? Was steht da drauf? Ist es eine Kriegserklärung? Eine Drohung von der Konkurrenz aus der Eckkneipe ‚Zum faulen Anker‘?“ „Halt den Mund, Rudi, sonst kriegst du Hausverbot, und das, obwohl dir die Kneipe gar nicht gehört“, brummte Marc, während er den Zettel unter das grelle Licht der Bar hielt. Seine Augen musterten die krakelige Handschrift. Darauf stand in dicken, blauen Buchstaben: Wer Rock will, muss leiden. Gezeichnet: Der Musikminister. Im Raum herrschte plötzlich eine fast feierliche Stille – abgesehen von dem schmetternden Refrain, der im Hintergrund munter weiterlief. Tino pfiff leise durch die Zähne. Rudi schnappte nach Luft und fasste sich an die Stirn. Marc hingegen schob die Brille wieder nach oben, verzog den Mund zu einem breiten Grinsen und schüttelte langsam den Kopf. „Der Musikminister“, murmelte Marc und ein leises, dunkles Lachen entrang sich seiner Kehle. „Verdammt noch einmal… ich glaube, ich weiß genau, welcher Idiot das war.“ Er wandte sich langsam um, blickte in die gespannten Gesichter seiner beiden Freunde und spürte, wie das alte Adrenalin, das er eigentlich schon längst vergraben wähnte, mit voller Wucht in seine Adern zurückkehrte. Die Nacht versprach, deutlich länger zu werden als geplant, und Marc wusste genau, dass ohne einen ordentlichen Schluck und eine gehörige Portion diplomatische Strenge hier gar nichts laufen würde.
13 Der Schlager des Wahnsinns Die Luft in der Musikkneipe FlowerPower roch nach einer melancholischen Mischung aus abgestandenem Bier, billigem Reinigungsmittel und der unsichtbaren Anspannung von drei Männern, die eigentlich Besseres zu tun hatten, als Detektiv zu spielen. Marc, mittlerweile stolze fünfzig Jahre alt, strich sich mit einer fast schon philosophischen Ruhe über seinen grauen Vollbart. Die Glatze glänzte im schummrigen Neonlicht der Theke, und durch die neue Lesebrille, die leicht auf seiner Nasenspitze thronte, musterte er den Zettel in seiner Hand noch einmal ganz genau. Er schüttelte den Kopf. Der „Musikminister“. Was für ein hanebüchener Unsinn. Er war früher schließlich Türsteher gewesen, hatte Raufbolde beruhigt, die sich für Kampfsportler hielten, und betrunkene Studenten aus den unmöglichsten Ecken gekratzt. Da würde ihn ein kleiner Scherzbold mit einer verstellten Jukebox und einer Vorliebe für deutsche Schlager doch nicht aus der Ruhe bringen. Tino, der als Automechaniker sonst gewohnt war, sich mit verölten Zylinderköpfen und streikenden Anlassern herumzuschlagen, lehnte sich seufzend gegen den Tresen. Er wischte sich mit einem schmutzigen Lappen über die Hände, hinterließ dabei einen grauen Streifen auf seiner Stirn und starrte das bedrohlich blinkende Musikgerät an, das just in diesem Moment wieder die ersten Takte eines besonders schmalzigen Schlagers anstimmte. Rudi hingegen schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Für ihn war das ein regelrechtes Weltuntergangsszenario. Seine Augen glänzten vor Entsetzen, während er verzweifelt versuchte, den Rhythmus des Liedes mit den Fingern auf der Holzplatte mitzutrommeln, nur um im nächsten Moment erschrocken innezuhalten, als wäre ihm eingefallen, dass Schlager auf dem Index stehen mussten. „Also gut“, begann Marc mit jener tiefen, sonoren Bassstimme, die früher allein durch ihren Klang ganze Schlägereien im Keim erstickt hatte. Er nahm die Brille ab und steckte sie in seine Hemdtasche. „Wenn dieser geheimnisvolle Minister denkt, er kann hier ungestraft sein Unwesen treiben und die Musik-Ästhetik dieses Ladens mit einer Dauerbeschallung von
14 Schlagern ruinieren, dann hat er sich geschnitten. Wir müssen systematisch vorgehen.“ Tino nickte zustimmend und warf einen fachmännischen Blick auf die technischen Details der Jukebox. „Ich sag’s dir, Marc, da drinnen ist irgendwas umverdrahtet worden. Keine normale Platine schaltet freiwillig von Rock auf so einen Schrott um, es sei denn, sie hat den Verstand verloren. Oder jemand hat gezielt die Eingänge manipuliert.“ Rudi nickte eifrig, lief dabei rot an und stotterte fast vor Aufregung: „Genau! Das ist eine Verschwörung, ich sage euch, eine absolute Verschwörung gegen den guten Geschmack! Wir müssen die Polizei rufen! Oder den Exorzisten!“ „Rudi, halt die Luft an“, brummte Marc und klopfte seinem alten Bekannten beruhigend, aber bestimmt auf die Schulter. „Hier wird weder die Staatsmacht noch der Klerus bemüht. Hier wird verhandelt. Oder im Zweifelsfall ein bisschen Druck ausgeübt. Ganz klassisch. Wie in alten Zeiten.“ Bevor Marc jedoch seinen strategischen Plan weiter ausführen konnte, ging die Eingangstür der Kneipe mit einem lauten Scheppern auf. Ein kalter Luftzug fegte durch den Raum und wirbelte ein paar alte Bierdeckel vom Tisch. Eine laute, gut gelaunte Stimme durchschnitt das dumpfe Summen des Schlagers. „Moin, moin, ihr Helden der Nacht! Sag mal, was macht ihr denn um diese Uhrzeit alle hier in der Höhle des Löwen?“ Die drei Männer drehten sich wie auf ein Kommando um. Im Türrahmen stand Howi. Er war einer der DJs der Kneipe, bekannt für seine unerschütterliche Fröhlichkeit, ein grelles Hawaiihemd, das selbst im Dunkeln leuchtete, und eine Haarpracht, die aussah, als hätte sie noch nie einen Kamm gesehen. Howi trat energisch ein, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und schritt mit ausladenden Schritten auf die Theke zu, wo Marc, Tino und Rudi standen. Er musterte die Runde mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das von einem Ohr zum anderen reichte. Als sein Blick auf Marc fiel, blieb er kurz stehen, kniff die Augen zusammen und meinte: „Ei verbibscht, Marc! Du auch hier!? Ich dachte, du hättest dich längst zur Ruhe gesetzt und würdest im Garten Rosen züchten, statt nachts in dunklen Kneipen rumzuhängen!“ Marc verschränkte
15 die Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue hoch. „Tja, Howi, man gönnt sich ja sonst nichts. Wenn die Jukebox plötzlich beschließt, die Gäste mit akustischer Folter zu quälen, wird man eben aus dem wohlverdienten Ruhestand zurückgerufen.“ Howi lachte schallend auf, schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel und schüttelte den Kopf. Er drehte sich wieder zu Marc und Tino um, blickte kurz auf die blinkende Jukebox und meinte dann mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, dass am Samstag wieder Karaoke sei und ob wir kommen würden. Die Frage traf die drei Freunde mit der Wucht eines Vorschlaghammers. In der Kneipe schien für eine Sekunde lang die Zeit stillzustehen. Selbst der Schlager aus der Jukebox schien leiser zu werden, als würde er dem Verlauf dieses absurden Gesprächs lauschen wollen. Tino starrte Howi an, als hätte dieser gerade vorgeschlagen, die Erde anzumalen. „Karaoke? Howi, alter Junge, schau dir diesen Laden an! Die Jukebox spielt Schlager, wir stehen knöcheltief im emotionalen Chaos, und du kommst hier seelenruhig an und fragst nach Karaoke? Da singt am Samstag höchstens das Elend im Chor!“ Rudi nickte eifrig, schnappte nach Luft und gestikulierte wild mit den Händen. „Eben! Genau das meine ich! Karaoke ist der sichere Untergang! Wer weiß, wer da wieder auftaucht und mikrofongewaltig Amok läuft! Vielleicht war das ja sogar der Musikminister persönlich, der sich schon mal einsingen wollte!“ Howi blinzelte verwirrt, hob abwehrend die Hände und grinste weiter. „Moment mal, Moment mal! Was für ein Musikminister? Redet ihr etwa von diesem komischen Zettel da drüben?“ Er deutete mit dem Daumen in Richtung Tresen, wo der ominöse Beweis lag. „Ich hab doch nur gemeint, Samstag ist wie immer Party angesagt. Und da dachte ich, ein bisschen Gesang schadet nie.“ Marc beobachtete Howi ganz genau. Sein geschultes Türsteher-Auge, das in den vergangenen Jahrzehnten schon so manchen Lügner, Schwindler und Kneipen-Philosophen entlarvt hatte, scannte jede Regung in Howis Gesicht. Keine verräterische Schweißperle auf der Stirn, kein nervöses Zucken der Mundwinkel. Entweder war Howi ein absolut genialer
16 Schauspieler, von dem selbst Hollywood noch etwas lernen konnte, oder er hatte wirklich absolut keine Ahnung, was hier eigentlich vor sich ging. Beides war bei Howi durchaus im Bereich des Möglichen. „Howi“, sagte Marc mit einer Tonlage, die keinen Widerspruch duldete, während er einen Schritt auf den DJ zuging und sich dabei leicht nach vorne beugte. „Lass uns keine Witze machen. Die Jukebox ist manipuliert worden. Jemand hat ihr den Rock 'n' Roll ausgetrieben und durch einen Dauer-Schlager-Loop ersetzt. Und jetzt kommst du hier rein und redest von Karaoke?“ Howi schluckte schwer. Das breite Grinsen wich langsam einem Ausdruck ernsthafter Besorgnis. Er blickte von Marc zu Tino, dann zu Rudi und schließlich wieder auf das blinkende Gerät in der Ecke. „Okay, Jungs, jetzt mal im Ernst. Ich war das nicht. Ich schwöre bei meinem guten Ruf als DJ! Ich spiele zwar ab und zu mal einen verirrten Song, wenn ich zu tief ins Glas geschaut habe, aber so einen Anschlag auf das musikalische Erbe des FlowerPower würde ich im Leben nicht wagen. Ich liebe diese Kneipe doch!“ Tino verschränkte ebenfalls die Arme und musterte Howi skeptisch. „Und wer war es dann? Du kennst doch hier jeden Gast, der jemals einen Fuß reinsetzt. Wer läuft denn bitte mit Zetteln rum und unterschreibt als ‚Musikminister‘?“ Howi kratzte sich am Hinterkopf, und man sah ihm förmlich an, wie in seinem Kopf die Rädchen zu rattern begannen. Er schaute an die Decke, biss sich auf die Unterlippe und überlegte angestrengt. Die Kneipe war in ein schummriges, fast schon dramatisches Licht getaucht, während der Schlager im Hintergrund unverdrossen weiterdümpelte und von großen Gefühlen und gebrochenen Herzen sang. „Moment mal“, sagte Howi plötzlich und schnippte mit den Fingern. „Da gab es doch gestern Abend diesen Typen. So ein seltsamer Kauz. Trug einen Trenchcoat, obwohl es draußen warm war, und lief den ganzen Abend mit einer Sonnenbrille herum. Er hat die ganze Zeit in der Ecke gesessen, sich Notizen gemacht und immer dann böse gegrinst, wenn die Jukebox einen Song gespielt hat.“ Marc spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Das war die erste konkrete Spur des Abends. Kein vager Verdacht mehr, sondern
17 ein echter Anhaltspunkt. Der alte Jagdinstinkt des ehemaligen Türstehers erwachte mit voller Wucht. Er kniff die Augen zusammen und sah Howi fest an. „Ein Typ im Trenchcoat mit Sonnenbrille in einer abgedunkelten Kneipe? Howi, sag mir bitte nicht, dass du den einfach so hast reinmarschieren lassen, ohne nach dem Ausweis zu fragen?“ Howi zuckte entschuldigend mit den Schultern und lächelte verlegen. „Na ja, er sah aus wie ein Kritiker vom Radio oder so was Ähnliches. Und er hat großzügig Trinkgeld gegeben! Da fragt man doch nicht nach dem Personalausweis.“ Tino seufzte tief auf und rieb sich das Gesicht. „Großartig. Einfach großartig. Wegen ein paar Euro Trinkgeld verkaufen wir hier also die musikalische Seele.“ Rudi fing an, nervös auf und ab zu tigern. „Wir müssen ihn finden! Bevor er zuschlägt und am Samstag beim Karaoke noch alle Mikrofone beschlagnahmt! Das ist eine absolute Katastrophe für die kulturelle Integrität unseres Viertels!“ Marc hob eine Hand, um die panische Aufregung seines kleinen Freundes sofort im Keim zu ersticken. Er atmete tief durch, ließ den Blick noch einmal durch die schummrige Kneipe schweifen und spürte, dass diese Nacht eine ganz besondere Wendung nehmen würde. Der Ruhestand war offiziell beendet, ob er nun wollte oder nicht. „Ruhig bleiben, Rudi“, sagte Marc mit fester Stimme, während er sich umdrehte und entschlossen zur Theke ging, wo er seine Brille wieder aufsetzte. „Der Musikminister mag vielleicht glauben, dass er im Vorteil ist, weil er im Schutz der Dunkelheit agiert. Aber er hat eins vergessen: Er hat sich mit dem Falschen beziehungsweise mit den Falschen angelegt.“ Marc blickte seine drei Gefährten an – Tino, der bereit war, jede technische Hürde zu zerlegen; Rudi, der vor lauter Nervosität gleich explodieren würde; und Howi, der nun sichtlich darum bemüht war, seinen Fehler wiedergutzumachen. Es war eine chaotische Truppe, aber in diesem Moment gab es keine besseren Männer für den Job. „Howi, du wirst uns jetzt ganz genau erzählen, wo dieser Typ hingegangen ist, als er die Kneipe verlassen hat“, befahl Marc, und in seiner Stimme schwang jene unverkennbare Autorität mit, die früher jeden ungebetenen Gast das Fürchten gelehrt hatte. „Tino holt seinen
18 Werkzeugkasten und ein paar ordentliche Kabel. Und Rudi… Rudi sorgt dafür, dass uns niemand mehr mit weiterer Schlagermusik foltert, bis wir das Ding geknackt haben.“ Rudi salutierte stramm, als stünde er vor einem General, während Tino bereits zielstrebig Richtung Ausgang marschierte, um seinen Wagen zu plündern. Howi schluckte schwer und fing an, hektisch in seinen Erinnerungen zu kramen, um jedes noch so kleine Detail über den geheimnisvollen Unbekannten preiszugeben. Marc drehte sich noch einmal um, warf einen letzten, scharfen Blick auf die rebellische Jukebox und wusste ganz genau, dass diese Nacht noch sehr lang, sehr anstrengend und vermutlich unglaublich absurd werden würde. Doch eines stand fest: Wer den Frieden im FlowerPower störte, würde es mit dem ehemaligen Türsteher zu tun bekommen – und der kannte keine Gnade, wenn es um den guten Musikgeschmack ging.
19 Die Spur hinter der Jukebox Die Neonreklame des FlowerPower summte in der feuchten Nachtluft wie eine schlecht gelaunte Hornisse, während Marc, Tino, Rudi und der leicht irritierte DJ Howi draußen auf dem nassen Bürgersteig standen und den taktfesten Bässen eines Roland-Kaiser-Medleys lauschten, das noch immer durch die geschlossene Doppeltür drang. Für Marc war dies die Stunde der Wahrheit. Der Mann mit der Glatze, dem grauen Vollbart und der modischen Lesebrille auf der Nase, die er für solche Detektivarbeiten extra auf die Nasenspitze geschoben hatte, verschränkte die Arme vor seiner massiven Brust. Mit fünfzig Jahren hatte er eigentlich gehofft, seine Abende auf dem heimischen Sofa mit einer Tasse Kamillentee und Dokumentationen über den Seefrachtverkehr zu verbringen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne, und diese Pläne rochen stark nach billigem Bier und einer persönlichen Beleidigung seines musikalischen Ehrgeizes. „Also gut“, begann Marc mit jener dunklen, sonoren Stimme, die in den Neunzigern manch unruhigen Gast allein durch ihre Anwesenheit dazu gebracht hatte, seine Aggressionen spontan gegen einen Kräutertee einzutauschen. „Der Fremde im Trenchcoat ist also durch den Hintereingang verschwunden, ja? Howi, bist du dir da absolut sicher? Nicht, dass du nach den drei Jägermeistern vorhin einfach nur einen Schatten gesehen hast.“ Howi, dessen wilder Vokuhila-Schnitt im Gegenlicht der Straßenlaterne leuchtete, hob empört die Hände. „Marc, ich trinke im Dienst grundsätzlich nur Cola light mit einem Hauch von Limette! Na gut, manchmal auch zwei. Aber ich habe diesen Typen genau gesehen. Er trug einen Mantel, der selbst für einen verregneten November viel zu lang war, und er roch nach frischem Druckerpapier und billigem Rasierwasser. Er hat den Zettel in die Jukebox gesteckt, ich schwöre es bei Jimi Hendrix!“ Rudi nickte eifrig, wobei seine Brille fast von der Nase rutschte. „Genau, Marc! Er sah aus wie ein Steuerprüfer mit kriminellen Absichten. Ein echter Saboteur des guten Geschmacks! Wir müssen die Fährte aufnehmen, bevor er die nächste Bar mit Heino-Platten kontaminiert!“ Tino,
20 der als Automechaniker gewohnt war, Probleme mit einem gezielten Hammerschlag zu lösen, zog skeptisch eine Augenbraue nach und wischte sich mit einem ölverschmierten Lappen über die Hände. „Und wie genau stellen wir das an, Sherlock? Wollen wir etwa durch die halbe Stadt rennen und jeden Mann in einem zu langen Mantel anhalten? Die Polizei wird sich freuen, wenn du denen erzählst, dass der Weltfrieden bedroht ist, weil jemand ‚Stern über Bethlehem‘ in einer Rockkneipe abspielt.“ „Die Polizei“, schnaubte Marc verächtlich, „hat andere Sorgen, als die musikalische Integrität des FlowerPower zu verteidigen. Nein, Tino, hier hilft keine Bürokratie. Hier hilft nur alter, bewährter Instinkt.“ Marc musterte die dunkle Gasse neben der Kneipe. Dort lag ein leerer Pappbecher, der vom Wind über den nassen Asphalt gerollt wurde. „Der Musikminister kann nicht weit sein. Wer solche Zettel hinterlässt, braucht ein Publikum. Er will sehen, wie wir leiden.“ „Er hat mein Mischpult beleidigt“, murmelte Howi und schaute fast weinerlich drein. „Er hat behauptet, meine Übergänge klingen wie ein Unfall auf der A3.“ „Das ist die Härte der psychologischen Kriegsführung“, analysierte Marc scharf. Er trat zwei Schritte vor und übernahm sofort das Kommando, wie in den alten Zeiten an der Einlasskontrolle, wenn sich eine Gruppe betrunkener Junggesellen weigerte, die Sneakers gegen ordentliches Schuhwerk zu tauschen. „Tino, du nimmst deinen Kombi und sicherst die Hauptstraße Richtung U-Bahn. Wenn er flieht, dann nutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel; Typen in Trenchcoats haben niemals einen fahrbaren Untersatz, der älter als drei Jahre ist. Rudi, du kommst mit mir und hältst nach verdächtigen Bewegungen in den Hinterhöfen Ausschau. Howi, du bleibst hier und bewachst die Jukebox, falls der Täter für eine zweite Welle zurückkehrt. Und wehe, du spielst in der Zwischenzeit auch nur eine Sekunde Schlager, sonst nehme ich dir die Plattenkiste weg.“ Howi nickte eingeschüchtert. „Verstanden, Chef. Keine Kompromisse.“ „Gut“, sagte Marc und zog seinen grauen Mantel etwas straffer um die breiten Schultern. „Dann lasst uns den Bastard finden.“ Die nächtliche Suche begann mit einer fast schon feierlichen Entschlossenheit.
21 Während Tino mit quietschenden Reifen davonfuhr, um die umliegenden Blocks zu patrouillieren, bewegten sich Marc und Rudi im Schrittempo durch das labyrinthartige Viertel hinter der Kneipe. Die Straßenlaternen warfen schattige, unheimliche Silhouetten an die backsteinernen Hauswände. Rudi lief dicht hinter Marc, atmete schwer und musterte jede Mülltonne, als könnte sich dahinter der gesuchte Kriminelle verbergen. „Marc?“, flüsterte Rudi nach einigen Minuten schweigenden Marschierens. „Ja, Rudi?“ „Glaubst du wirklich, dass dieser ‚Musikminister‘ ein professioneller Saboteur ist? Oder vielleicht… vielleicht ist er einfach nur einsam? Ich meine, wer steckt schon freiwillig Schlager in eine Jukebox? Das macht man doch nur aus tiefem seelischem Schmerz.“ Marc blieb abrupt stehen und sah seinen Begleiter durch die Lesebrille an. „Rudi, wenn jemand in eine ehrwürdige Rockkneipe einbricht, um dort Marianne Rosenberg auf Dauerschleife zu programmieren, dann ist das kein Fall für den Seelsorger. Das ist ein Fall für den Sicherheitsdienst. Und da ich im Ruhestand bin, muss ich mich wohl oder übel selbst anzeigen.“ „Sehr witzig, Marc“, kicherte Rudi nervös. „Aber mal im Ernst: Was machen wir, wenn wir ihn stellen? Du kannst ihm ja schlecht das Betreten des Viertels verbieten.“ „Warte es einfach ab“, erwiderte Marc trocken und setzte seinen Weg fort. Sein geschultes Auge erfasste jedes Detail der Umgebung. Er kannte jede Kneipe, jeden zwielichtigen Hinterhof und jeden Kleinkriminellen in diesem Bezirk aus seiner aktiven Zeit. Damals hatte er Respekt verschafft, indem er einfach nur da stand und freundlich lächelte, während andere die Fäuste sprechen ließen. Doch heute ging es um mehr. Es ging um Rock ’n’ Roll. Es ging um AC/DC, Led Zeppelin und Deep Purple. Es ging um die heiligen Grundfesten des abendlichen Ausgehens. Plötzlich blieb Marc wie vom Blitz getroffen stehen. Er hielt Rudi mit einer ausgestreckten Hand am Arm fest. „Halt. Still.“ „Was ist? Hast du ihn gesehen? Sieht er gefährlich aus? Hat er einen Kassettenrekorder dabei?“, stieß Rudi leise hervor und versteckte sich halb hinter Marcs massiver Statur. Aus einer dunklen Toreinfahrt, nur wenige Meter entfernt, drangen leise, aber unverkennbare Geräusche.
22 Es klang, als würde jemand leise pfeifen – und die Melodie war unverkennbar. Es war der Refrain von Marmor, Stein und Eisen bricht. Marc lief ein kalter Schauer über den Rücken, der jedoch sofort von purer Wut abgelöst wurde. Er kniff die Augen zusammen, ballte die Hände zu Fäusten – wobei die Gelenke vernehmlich knackten – und machte einen langsamen, bedächtigen Schritt auf die Einfahrt zu. Jedes Gramm seines früheren Türsteher-Gewichts schien sich in diesem Moment zu reaktivieren. Die Glatze glänzte im fahlen Licht der Straßenlaterne, und der graue Vollbart vibrierte vor innerer Anspannung. „Wer da?“, rief Marc mit einer Lautstärke, die selbst in den umliegenden Wohnungen einige Lichter angehen ließ. Aus dem Schatten der Toreinfahrt trat eine Gestalt hervor. Tatsächlich trug sie einen bodenlangen Trenchcoat, der im feuchten Wind flatterte. Auf dem Kopf saß ein Filzhut, und in der Hand hielt die Person einen kleinen, schwarzen Aktenkoffer. Ein modischer Albtraum, gepaart mit krimineller Energie. „Ah“, sagte eine schmale, leicht näselnde Stimme aus dem Dunkeln. „Der ehemalige Herr Türsteher. Ich habe mich schon gefragt, wann Sie auftauchen würden. Sie sind langsamer geworden, Marc. Früher waren Sie nach drei Minuten zur Stelle.“ Marc trat noch einen Schritt näher, bis das Licht der Straßenlaterne das Gesicht des Fremden beleuchtete. Es war ein hagerer Mann mit einer schiefen Hornbrille und einem dünnen Schnurrbart, der verdächtig stark nach Kaffeepulver roch. „Wer bist du, und was hast du gegen den guten Musikgeschmack?“, fragte Marc mit einer tonlosen Kälte, die selbst den eisigen Wind in der Gasse gefrieren ließ. Der Fremde lächelte dünn, öffnete leicht den Aktenkoffer, in dem man das Blitzen mehrerer USB-Sticks und einen Stapel handgeschriebener Zettel erkennen konnte. „Mein Name ist Dr. Melodie. Oder, wie meine Jünger mich nennen: Der Musikminister. Und ich bin hier, um diese Stadt von der schmutzigen, lärmenden Tyrannei des Rock zu befreien. Die Jugend von heute braucht Harmonie! Sie braucht Schlagermusik, Marc! Verstehen Sie denn nicht? Der Bass ist der Feind des Weltfriedens!“ Rudi, der sich inzwischen hinter
23 Marc hervorgewagt hatte, starrte den Fremden mit offenem Mund an. „Bist du komplett verrückt geworden? Ohne Gitarrensolo hat das Leben doch überhaupt keinen Sinn mehr!“ Dr. Melodie lachte hysterisch auf. „Ihr werdet mich niemals aufhalten! Mein nächster Streich ist bereits geplant. Um Mitternacht wird die Jukebox im gesamten Viertel auf ‚Ein bisschen Spaß muss sein‘ umgestellt!“ Marc holte tief Luft. Seine Finger zuckten leicht. Der Ruheständler in ihm wollte sich zurücklehnen, aber der ehemalige Türsteher, der jahrelang die härtesten Nächte der Stadt überstanden hatte, übernahm augenblicklich das Steuer. Er machte einen schnellen Schritt nach vorn, packte den Trenchcoat des Musikministers am Kragen und hob ihn mit einer mühelosen Bewegung leicht vom Boden ab, sodass dessen Füße in der Luft baumelten. „Hör mal zu, du wandelnder CD-Rohling“, knurrte Marc leise und direkt in das entsetzte Gesicht des Saboteurs. „Du kannst hier meinetwegen die Wände anmalen oder über das Wetter meckern. Aber wenn du noch einmal wagst, die heiligen Klänge des FlowerPower zu sabotieren, dann sorge ich persönlich dafür, dass du den Rest deines Lebens Schlager auf einer Blockflöte spielen musst – und zwar im Keller und ohne Mundstück. Ist das klar?“ Dr. Melodie rang nach Luft, während seine Beine unkontrolliert zuckten. „Ähm… Ja. Äußerst klar, Herr Marc.“ Rudi klatschte leise in die Hände und grinste von einem Ohr zum anderen. „Hervorragend, Marc! Genau die richtige Argumentationsstruktur!“ Bevor Marc den Musikminister jedoch endgültig verhören oder Tino per Funk zur Unterstützung rufen konnte, ertönte aus der Ferne ein vertrautes, lautes Motorengeräusch. Tinos Kombigeschoss schoss mit durchgedrücktem Gaspedal um die Ecke der Gasse, bremste scharf mit quietschenden Reifen ab und kam genau vor ihnen zum Stehen. Die Beifahrertür flog auf, und Tino lehnte sich herüber, das Gesicht voller Sorge und Tatendrang. „Leute!“, rief Tino und schnappte nach Luft. „Ich habe gerade eine SMS von Howi bekommen. Die Jukebox im FlowerPower… sie hat aufgehört Schlager zu spielen!“ Marc hielt den schwebenden Musikminister fest im Griff und zog eine irritierte
24 Augenbraue hoch. „Ach ja? Und was spielt sie jetzt?“ Tino schluckte schwer, während seine Augen im Dunkeln groß wurden. „Metal. Und zwar die härteste Sorte. Und Howi sagt, er war es nicht!“
25 Klang des Verrats Marc, der fünfzig Jahre alt war, inzwischen eine Glatze trug, einen grauen Vollbart pflegte und auf eine Brille angewiesen war, starrte Tino an, als hätte dieser gerade verkündet, dass Kühe fliegen könnten. Die kühle Nachtluft der engen Gasse schien schlagartig um zehn Grad abzukühlen, während aus dem fernen Eingang des FlowerPower dumpfe, aber markerschütternde Doppelbass-Drum-Salven herübertönten, die selbst die Pflastersteine unter ihren Schuhen zum Vibrieren brachten. Dr. Melodie, der seltsame Saboteur im Trenchcoat, der sich bisher als genialer Drahtzieher des Schlagerterrors präsentiert hatte, blinzelte ebenfalls verwirrt hinter seiner Hornbrille hervor. „Heavy Metal?“, presste Dr. Melodie hervor, und seine arrogante Attitüde war augenblicklich verflogen. „Das ist unmöglich! Meine gesamte Programmierung basiert auf traditionellem deutschen Liedgut der Siebzigerjahre! Roland Kaiser und Howard Carpendale! Keine Doublebass-Attacken!“ Marc ließ den Schurken los und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Sein Blick wanderte von Tino zu Dr. Melodie und schließlich zu Rudi, der hinter einer Mülltonne hervorkroch und sich den staubigen Mantel abklopfte. „Aha“, knurrte Marc mit jener tiefen, sonoren Bassstimme, die früher im Monat Hunderte von betrunkenen Studenten vor der Tür des FlowerPower in Ehrfurcht erstarren ließ. „Du gibst also zu, dass du die Jukebox manipuliert hast?“ Dr. Melodie zuckte zusammen, reckte dann aber trotzig das Kinn nach oben. „Ich wollte nur die musikalische Integrität der Kneipe retten! Diese ewigen Gitarrensoli hielten mein intellektuelles Niveau auf Dauer nicht aus! Aber Heavy Metal? Das ist nicht von mir. Da treibt ein anderer Geist sein Unwesen in diesen heiligen Hallen.“ Tino, der Automechaniker, der von Benzin und öligen Händen lebte, rieb sich die Stirn. „Sag ich ja. Ich stand vor dem Kasten, wollte gerade die Sicherung überprüfen, als das Ding plötzlich anfing zu brüllen. Die Lautsprecher vibrieren schon so stark, dass das Bier in den Gläsern auf dem Tresen Wellen schlägt. Wenn das so weitergeht, brennt uns gleich der Verstärker durch.“ „Das lassen wir nicht zu“, sagte Marc. Der
26 alte Türsteher in ihm, der jahrelang über Recht und Ordnung im Schankraum gewacht hatte, erwachte nun vollends. Er knackte demonstrativ mit den Fingerknöcheln – ein Geräusch, das in der schmalen Gasse wie ein Peitschenhieb klang. „Niemand zerstört die Musikanlage im FlowerPower, solange ich atme. Schon gar nicht ohne Absprache mit der Hausordnung.“ Rudi, dessen Augen vor Aufregung fast aus den Höhlen traten, hechtete herbei. „Marc! Oh Mann, Marc, du bist wie Bruce Willis in seinen besten Jahren! Nur mit weniger Haaren und mehr Bart! Sollen wir den Doktor hier festnehmen? Sollen wir ihn fesseln? Ich habe ein Abschleppseil im Kofferraum!“ „Nein“, entschied Marc kühl. Er musterte Dr. Melodie von Kopf bis Fuß. „Der Doktor kommt mit uns. Wenn hier noch jemand im Hintergrund die Fäden zieht, brauchen wir jede Zeugin und jeden Zeugen – oder in diesem Fall, jeden geständigen Täter. Und du“, fuhr er den Mann im Trenchcoat an, „wirst uns drinnen jeden einzelnen deiner kleinen Tricks erklären. Verstanden?“ Dr. Melodie schluckte schwer, nickte hastig und strich seinen Mantel glatt. „Ähm, natürlich. Kooperation ist das Mindeste, was ein Gentleman in einer solch chaotischen Situation tun kann.“ Die seltsame Karawane setzte sich in Bewegung. Voran ging Marc, der mit entschlossenem Schritt und dem Blick eines Raubtiers die Gasse verließ. Dicht gefolgt von Tino, der sich bereits die Hände an einem schmutzigen Lappen wischte, und dem nervös plappernden Rudi. Am Ende des Zuges marschierte Dr. Melodie, bewacht von Marcs strengem, unnachgiebigem Blick im Rückspiegel. Als sie sich dem FlowerPower näherten, war von gemütlicher Kneipenatmosphäre keine Spur mehr. Aus den geöffneten Fenstern scholl keineswegs mehr der vertraute Kneipenlärm, sondern eine Wand aus brachialem, schwedischem Death Metal, die den gesamten Block beschallte. Passanten auf der anderen Straßenseite blieben irritiert stehen, hielten sich die Ohren zu oder blickten suchend zum Himmel, als ob eine Alien-Invasion bevorstehe. Marc stieß die Eingangstür auf, und die Druckwelle des Schalldrucks traf ihn direkt im Gesicht. Drinnen bot sich ein Bild des Jammers und der Ekstase. Howi, der DJ der Kneipe,
27 stand hinter seinem Pult und versuchte krampfhaft, mit einem Kopfhörer am Ohr gegen den Lärm anzuschreien, während er wild gestikulierte. Einige hartnäckige Stammgäste standen auf den Tischen und headbangten, obwohl die meisten von ihnen normalerweise nicht einmal wussten, wie man die Musikrichtung buchstabiert. Ein älterer Herr namens Herbert, sonst bekannt für seine stoische Ruhe beim Skat, versuchte gerade, mit einem Bierglas in der Hand eine Luftgitarre zu spielen, und stürzte dabei unglücklich über einen Barhocker. Marc fackelte nicht lange. Mit ein paar weiten Schritten überwand er den Raum, erreichte die Jukebox in der Ecke und hämmerte mit der flachen Hand gegen das Gehäuse. „Sofort Ruhe im Karton!“, brüllte er, obwohl seine Stimme im infernalischen Lärm völlig unterging. Tino, der ihm dicht auf den Fersen war, zog geistesgegenwärtig den Hauptstecker aus der Wand. Mit einem schrillen Zischen und einem letzten, traurigen Gitarrenriff verstummten die Boxen. Plötzlich lag eine fast schon unheimliche Stille über dem Raum, die nur noch vom keuchenden Atmen der anwesenden Gäste und dem Summen des Kühlschranks unterbrochen wurde. Alle Köpfe drehten sich um. Howi nahm den Kopfhörer ab und starrte Marc an. „Endlich!“, rief der DJ und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich dachte schon, meine Trommelfelle geben den Geist auf! Ich sag dir, Marc, das war nicht normal. Ich habe den Stecker gezogen, und die Kiste lief einfach weiter! Aus den Lüftungsschlitzen kam sogar Rauch!“ Marc trat näher an die Jukebox heran. Tatsächlich roch es leicht nach verschmortem Plastik. Er kniete sich nieder, setzte seine Brille ab und untersuchte das untere Bedienfeld. „Tino, leuchte mir mal mit der Taschenlampe. Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht.“ Tino kramte in seiner Jackentasche, zog eine schwere Werkstatt-Taschenlampe hervor und richtete den grellen Kegel auf das Innere des geöffneten Geräts. Neben den Relais, Kabeln und den von Dr. Melodie installierten Schlager-Platinen hing da noch etwas anderes. Etwas, das dort definitiv nicht hingehörte. Rudi, der sich neugierig über Marcs Schulter beugte, stieß einen schrillen Schrei aus. „Heiliger Bimbam! Ist das etwa… ein
28 USB-Stick?“ Marc zog das kleine, schwarz lackierte Objekt vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger heraus. Es war glühend heiß und trug ein winziges, handgeschriebenes Etikett mit der Aufschrift: Projekt Ragnarök – Endstufe erreicht. Dr. Melodie, der sich vorsichtig in die Nähe des Tresens geschlichen hatte, reckte den Hals. „Das… das ist nicht von mir! Ich schwöre es! Ich nutze ausschließlich analoge Tonbänder und Kassetten mit Dolby-Rauschunterdrückung! Ein USB-Stick ist unter meiner Würde!“ „Wer war das dann?“, fragte Howi und deutete mit zitterndem Finger auf den Stick in Marcs Hand. „Wer treibt sich hier in der Kneipe herum und füttert unsere geliebte Rock-Jukebox mit digitalem Höllenlärm?“ Marc stand langsam auf. Seine Glatze glänzte im Neonlicht der Kneipe, und der graue Vollbart bewegte sich, als er die Zähne aufeinanderbiss. Die Situation hatte sich von einem simplen Streich zu einem echten Rätsel entwickelt, und der ehemalige Türsteher wusste genau, dass man solche Probleme nicht mit Worten löste, sondern mit Detektivarbeit und einer ordentlichen Portion Konsequenz. „Tino“, sagte Marc mit ruhiger, aber unmissverständlicher Schärfe. „Schließ die Jukebox ab. Niemand fasst dieses Ding mehr an, bevor wir nicht wissen, wer den Stick eingesteckt hat.“ „Verstanden“, murmelte der Mechaniker und zog einen großen Schraubenschlüssel aus der Tasche, um das Serviceblech festzuschrauben. Rudi lief nervös im Kreis. „Wir sind umringt von Feinden, Männern! Überall lauern Mächte der Dunkelheit! Erst Schlager, jetzt Metal! Was kommt als Nächstes? Techno? Gregorianische Gesänge?“ „Rudi, halt den Mund, sonst stecke ich dich in den Keller zu den leeren Bierkisten“, brummte Marc, allerdings ohne echte Bosheit in der Stimme. Er wandte sich wieder an die Runde der verblüfften Gäste. „Hört alle zu! Niemand verlässt das FlowerPower, bevor dieser Fall gelöst ist. Wir sperren ab.“ Mit diesen Worten ging Marc zur Eingangstür, drehte den schweren Schlüssel im Schloss und zog ihn ab. Er steckte ihn demonstrativ in seine Hosentasche, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte in die Runde. Die Tür war verriegelt, die Musik schwieg, und die Jagd auf den wahren Drahtzieher hatte
29 gerade erst begonnen. Plötzlich knackte es im hinteren Bereich des Raumes, nahe der Toilettentür. Ein Schatten huschte vorbei, zu schnell, als dass man ihn hätte klar erkennen können, aber deutlich genug, um alle Bedeutsamkeit des Augenblicks zu unterstreichen. Howi zuckte zusammen. Dr. Melodie stieß einen erschrockenen Laut aus. Marc lächelte dünn. „Ah. Es scheint, als hätten wir noch Besuch.“
30 Tanz der eigenwilligen Schatten Der Schatten bewegte sich. Es war kein gewöhnlicher Schatten, der sich lässig an die holzgetäfelte Wand des FlowerPower schmiegte; nein, dieser Schatten schien eine eigene Choreografie zu tanzen, die irgendwo zwischen einem epileptischen Anfall und einem sehr schlecht getanzten Tango lag. Marc, der mittlerweile fünfzig Jahre alt war, eine glänzende Glatze trug, die durch das gedimmte Neonlicht der Kneipe wie eine Billardkugel schimmerte, und dessen grauer Vollbart leicht zuckte, kniff die Augen hinter seiner Brille zusammen. Er wusste genau, dass man in diesem Alter keine Geister jagte. Man jagte höchstens noch nach dem verlorenen Feuerzeug oder einer funktionierenden Schmerztablette. Doch die Anwesenheit dieses Schattens verhieß nichts Gutes. „Wenn das wieder so ein Typ ist, der denkt, er kann hier nachts um drei Uhr freiwillig DJ Ötzi auflegen, dann brennt hier aber der Baum“, knurrte Marc mit jener tiefen, sonoren Stimme, die in den neunziger Jahren jeden unbelehrbaren Rüpel vor der Eingangstür das Fürchten gelehrt hatte. Rudi, der liebenswerte, aber zu nervösen Zuckungen neigende Kneipenhelfer, versteckte sich augenblicklich hinter Tinos breiter Mechaniker-Schulter. Tino, der mit ölverschmierten Händen und einem universal einstellbaren Schraubenschlüssel bewaffnet dastand, musterte den Schatten ebenfalls kritisch. „Also, mechanisch kann das nicht sein“, stellte Tino fest und wischte sich den Ruß von der Stirn. „Die Jukebox ist vom Strom getrennt. Der Stecker liegt hier auf dem Tresen, und ich habe das Kabel eigenhändig abgezwickt. Entweder zieht das Ding seinen Saft jetzt aus paranormalen Phänomenen oder der Schatten da drüben hat eine verdammt lange Verlängerungsschnur.“ Dr. Melodie, der soeben noch als der große Drahtzieher und „Musikminister“ entlarvt worden war, rieb sich die schmerzenden Handgelenke, nachdem Marc ihn kurz zuvor in der Gasse gestellt hatte. Der Saboteur blickte mit aufgerissenen Augen ebenfalls zur Wand. „Hey, schauen Sie mich nicht so an!“, rief Dr. Melodie empört, als Marcs Verdacht auf ihn fiel. „Mein ‚Projekt Schlager‘ war rein destruktiver Natur! Ich wollte die Jugend vor dem Verfall
31 durch gitarrenlastigen Lärm bewahren! Aber Heavy Metal? Das ist nicht von mir! Das verstößt gegen jede ästhetische Richtlinie des gepflegten deutschen Volksliedgutes!“ „Halt den Mund, Melodie“, zischte Marc. „Du hast hier gar nichts zu diktieren.“ In diesem Moment trat Howi, der treue DJ der Kneipe, mit einer riesigen, vollkommen leeren Bierkiste in der Hand aus dem hinteren Bereich der Bar. Sein Blick wanderte von Marc zu dem Schatten und schließlich zu dem glühend heißen USB-Stick mit der Aufschrift „Projekt Ragnarök“, den Marc immer noch fest in seiner rechten Hand hielt. Der Stick strahlte ein unheimliches, pulsierendes rotes Licht aus, das den Raum in eine düstere Sci-Fi-Atmosphäre tauchte – allerdings ohne dass auch nur ein Hauch von Science-Fiction in dieses profane Kneipenmilieu passte. Hier gab es kein Beamtentum der Zukunft, hier gab es nur verschwitzte Barhocker und klebrige Bierflecken auf dem Boden. „Äh, Jungs?“, sagte Howi mit dünner Stimme. „Ist das etwa der Stick, den ich gestern bei eBay Kleinanzeigen für fünf Euro geschossen habe? Da stand in der Beschreibung ‚Geheimnisvolle Party-Hits‘.“ Marc starrte Howi an. „Du hast dir bei eBay Kleinanzeigen einen mysteriösen USB-Stick gekauft, ohne zu wissen, was drauf ist?“ „Er war billig!“, verteidigte Howi sich und hob abwehrend die Hände. „Und der Verkäufer meinte, es wäre der absolute Burner für jede Feier!“ Herbert, der treue Kneipengast, der die ganze Zeit regungslos in der hintersten Ecke gesessen und einen lauwarmen Korn getrunken hatte, räusperte sich vernehmlich. „Also, ich finde das gut mit dem Heavy Metal“, krächzte Herbert. „Erinnert mich an meine Bundeswehrzeit. Da gab es auch nur Lärm und Kopfschmerzen.“ „Niemand hat dich gefragt, Herbert“, schnauzte Rudi hervor, während er immer noch zitternd hinter Tino lauerte. „Das hier ist eine ernste Krise! Unsere geliebte Musikinfrastruktur steht vor dem Zusammenbruch!“ Der Schatten an der Wand kam plötzlich näher. Er wuchs, dehnte sich aus und nahm eine Gestalt an, die verdächtig vertraut wirkte. Plötzlich schaltete sich mit einem lauten Klack die Notbeleuchtung der Bar ein. Das grelle Neonlicht flackerte kurz, summte vernehmlich und beleuchtete
32 die Szenerie in all ihrer unbarmherzigen Hässlichkeit. In der Mitte des Raumes stand – niemand Geringeres als Frau Kurze, die von allen im Viertel nur ehrfurchtsvoll „der Herr“ genannt wurde, weil sie mit ihrer kurzen Frisur, dem massiven Auftreten und ihrer tiefen Stimme jeden betrunkenen Raufbold einschüchterte, begleitet von ihrem treuen Kollegen Herr Filzstift, der im Volksmund schlicht „Filzi“ hieß. Die beiden Polizisten hatten sich offenbar durch die Hintertür Zutritt verschafft. Frau Kurze trug ihre Dienstmütze lässig im Nacken und kaute auf einem Kaugummi, während Filzi pflichtbewusst ein kleines Notizbuch zückte. „Abend die Herren“, brummte Frau Kurze mit einer Stimme, die klang wie frisch geröllter Schotter. „Was wird das hier? Eine illegale Metal-Messe oder spielen wir ‚Verstecken mit dem Musikminister‘?“ Marc atmete tief aus. Er hatte gehofft, diesen Abend ohne behördliche Einmischung zu überstehen. „Ah, Filzi, Kurze. Schön, dass ihr auch da seid. Ihr kommt genau richtig, um den Unruhestifter einzusammeln.“ Marc deutete mit dem Kinn auf Dr. Melodie. Dr. Melodie schüttelte panisch den Kopf. „Ich war das nicht! Ich bin nur ein Künstler! Ein missverstandener Kurator der leichten Muse!“ Filzi leckte kurz an seinem Bleistift und blickte streng über seine Brille. „Ein Künstler, soso. Und warum riecht die ganze Kneipe hier nach verbranntem Plastik und Headbanger-Schweiß? Frau Kurze, notieren Sie: Verdacht auf Ruhestörung in schwerem, musikalischem Maße.“ „Schon erledigt, Filzi“, brummte Frau Kurze und ließ ihre Handschellen klimpern, was in der ansonsten stillen Kneipe ein sehr vernehmbares Geräusch war. „Also, wer erklärt mir jetzt, warum hier statt schöner Blasmusik oder meinetwegen auch rockiger Klänge dieser infernalische Lärm lief, der uns schon drei Straßen weiter die Plomben aus den Zähnen gerüttelt hat?“ Tino trat einen Schritt vor und hielt den abgezwickten Stecker hoch. „Das Gerät ist vom Netz, Frau Kurze. Der Lärm kam von diesem mysteriösen USB-Stick in Marcs Hand. Der Stick sendet offenbar auf einer Frequenz, die selbst ohne Strom noch die Wände zum Beben bringt.“ Alle Blicke richteten sich wieder auf Marc. Er hielt den glühend heißen Stick, auf dem immer noch „Projekt Ragnarök“ prangte.
33 Die Hitze des USB-Sticks schien mittlerweile durch seine dicke Haut zu dringen, und ein leises, elektronisches Summen war zu hören, das sich anhörte wie ein ferner, bedrohlicher Choral, der von Wikingern gesungen wurde, die gerade im Begriff waren, eine Bar zu stürmen. „Marc“, sagte Tino mit einem besorgten Unterton, den man bei dem sonst so robusten Automechaniker selten hörte. „Ich glaube, das Ding lädt etwas herunter.“ „Was lädt es herunter?“, fragte Rudi panisch und trat nun doch hinter Tino hervor. „Etwa noch mehr Schlager? Oder… oder Schlimmeres? Etwa Techno?!“ „Schlimmer“, knurrte Marc. Er spürte, wie der alte Türsteher-Instinkt in ihm hochkroch. Das war keine harmlose Rangelei mehr. Das war ein Angriff auf das heilige Erbe des FlowerPower. „Das ist kein normaler Download. Das ist eine Schleuse.“ Plötzlich fing der USB-Stick an, grell zu blinken. Ein roter Laserstrahl schoss aus der kleinen Öffnung des Sticks direkt an die Decke der Kneipe, wo er einen perfekten Kreis in das Akustikpaneel brannte. Staub rieselte herab. Howi hielt sich schützend die Hände vor das Gesicht. Dr. Melodie fing an zu weinen – leise, hoch und sehr unglücklich. „Aus dem Weg!“, rief Marc und schob Rudi und Tino unsanft zur Seite, um freie Bahn zu haben. Er trat an den Tresen heran, nahm ein leeres Bierglas zur Hand und starrte den glühenden Stick an, als ob er ihn gleich im Nahkampf besiegen müsste. „Wenn dieses Ding meint, es könnte hier ohne Erlaubnis ein exzessives Kulturprogramm starten, hat es die Rechnung ohne den Wirt gemacht – beziehungsweise ohne den ehemaligen Chef der Tür.“ „Marc, tu nichts Unüberlegtes!“, rief Frau Kurze und trat vor, legte aber vorsichtshalber eine Hand auf ihren Holster, falls der USB-Stick unerwartet zum Faustkampf ansetzen würde. „Wir sind hier immer noch im öffentlichen Raum. Das muss rechtskonform beschlagnahmt werden!“ „Für Paragrafen haben wir keine Zeit mehr, Kurze“, entgegnete Marc mit eiserner Miene. „Der Bass wird stärker. Ich spüre es in den Knien.“ Tatsächlich bebte nun der Boden unter ihren Füßen. Die Biergläser auf dem Tresen begannen im Takt eines unsichtbaren, monströsen Schlagzeugsolos zu vibrieren. Der Schaum auf Herberts lauwarmem Korn tanzte einen wilden Reigen. Es war ein Zustand absolcher Anarchie, der die
34 Grundfeste der Kneipe zu sprengen drohte. „Projekt Ragnarök ist aktiv“, las Tino ab, der mit dem Gesicht fast auf dem glühenden Stick klebte. „Und laut der kleinen Code-Zeile, die da gerade aufleuchtet… wird gleich der Hauptserver aktiviert.“ „Welcher Hauptserver?“, rief Rudi, der inzwischen auf einen Barhocker geklettert war, um den vermeintlichen Erschütterungen zu entgehen. „Das ist eine Jukebox aus den Achtzigern! Die hat keinen Server! Die hat maximal ein Kassettenlaufwerk und einen verstaubten Münzprüfer!“ „Nicht mehr“, sagte Marc düster. Er blickte zu Howi. „Du hast diesen Stick gekauft. Weißt du noch, wer der Verkäufer war?“ Howi schluckte schwer. Seine Frisur stand mittlerweile in alle Richtungen ab, vom elektromagnetischen Feld des Sticks regelrecht magnetisiert. „Äh… der Name war… ‚Der Minister für rhythmische Unruhen‘. Oder so ähnlich. Aber er hatte eine Adresse angegeben. Irgendwo im Industriegebiet. Hinter der alten Autowaschstraße.“ Marc nickte langsam. Sein Entschluss stand fest. Der Abend im gemütlichen Ruhestand war offiziell beendet. Er steckte den glühend heißen USB-Stick, den er mit einem dicken Bierdeckel provisorisch umwickelt hatte, um sich nicht die Finger zu verbrennen, in seine Manteltasche. Die Hitze strahlte durch den Stoff, aber das war ihm egal. „Tino, hol den Transporter“, befahl Marc mit tonaler Strenge, die keinen Widerspruch duldete. „Kurze, Filzi, ihr kommt mit. Wir machen einen Ausflug.“ Frau Kurze grinste breit, wobei ihr Kaugummi gefährlich nah an ihre Lippen geriet. „Endlich mal wieder Action. Ich dachte schon, wir müssten heute Nacht nur betrunkene Radfahrer ohne Licht aufschreiben.“ Dr. Melodie wurde bleich im Gesicht. „Und… und was ist mit mir? Bleibe ich hier?“ „Du kommst mit“, sagte Marc und packte den Saboteur am Kragen seines Trenchcoats, um ihn mühelos hochzuziehen. „Du darfst uns den Weg zeigen. Schließlich hast du uns eingebrockt, dass hier überhaupt jemand an den Reglern dreht – selbst wenn du den Heavy-Metal-Schlamassel nicht selbst verbrochen hast.“ Rudi sprang vom Barhocker herunter und straffte seine Jacke, auch wenn seine Knie immer noch bedenklich schlotterten. „Ich hole die Taschenlampen! Und
35 sicherheitshalber noch zwei Dosen Erdnüsse. Man weiß ja nie, wie lange die Verfolgung dauert.“ Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Tino stürmte als Erster aus der Kneipe, um den Motor seines treuen Werkstattwagens anzuwerfen, während Marc den marschierenden Trupp anführte, als stünde er an der Spitze einer Spezialeinheit. Der schrille Heavy-Metal-Lärm der manipulierten Jukebox verblasste langsam im Hintergrund, je weiter sie sich von der Eingangstür des FlowerPower entfernten, doch das Pochen des USB-Sticks in Marcs Tasche erinnerte sie unerbittlich daran, dass die Nacht erst am Anfang stand. Sie traten hinaus in die kühle Nachtluft des Viertels, wo der Nebel bereits dicht über den nassen Asphalt kroch und die Scheinwerfer von Tinos Auto ein gelbliches, verheißungsvolles Licht warfen. Marc blieb kurz stehen, atmete die frische Luft ein und blickte in Richtung des dunklen Industriegebiets. „Na gut“, murmelte er vor sich hin, während er den Mantel fester um seine Schultern zog. „Schauen wir mal, wer hier eigentlich meint, den Takt vorgeben zu können.“ Mit schnellen Schritten steuerten die drei Freunde, flankiert von Gesetz und Saboteur, auf den Wagen zu, bereit, das Rätsel um den mysteriösen Musikminister ein für alle Mal zu lösen – oder zumindest eine Menge Lärm dabei zu machen.
36 Chaos auf vier Rädern Die Fahrt zum verlassenen Industriegebiet im Norden der Stadt glich einer motorisierten Sardinendose voller geballter Kompetenz, chronischem Unmut und einer geruchlichen Note, die stark an kalten Kaffee und Tinos ungelüftete Werkstattkleidung erinnerte. In Tinos klapprigem Kombi saßen gleich mehrere Generationen menschlichen Chaos auf engstem Raum. Vorn lenkte Tino den Wagen mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der wusste, dass seine Bremsen jeden Moment versagen konnten, während daneben Marc saß, der durch seine Brille grimmig die nächtliche Straße musterte und seinen grauen Vollbart nachdenklich strich. Auf der Rückbank drängten sich Rudi, der bei jeder Bodenwelle hörbar seufzte, der festgenommene Dr. Melodie, welcher beleidigt an seinem Trenchcoat zupfte, und – direkt im Kofferraumabteil, das praktischerweise mit der umgeklappten Rücksitzbank verbunden war – die beiden Polizisten Herr Filzstift und Frau Kurze. Letztere ging durch ihre resolute Art und die markante Kurzhaarfrisur bei den meisten Betrunkenen im Viertel schlicht als Mann durch, was sie jedoch keineswegs davon abhielt, mit tiefer, sonorer Stimme die Navigation zu übernehmen. „Links abbiegen, Tino!“, befahl Frau Kurze, deren Stimme mühelos das Klappern des Auspuffs übertönte. „Und drücken Sie gefälligst nicht so aufs Gas, wir sind hier nicht auf der Flucht vor dem Schlagermusikanten.“ „Der Mann nennt sich Dr. Melodie, wenn ich bitten darf“, warf der Saboteur von der Rückbank ein, klang dabei jedoch weniger wie ein gefährlicher Krimineller und eher wie ein quengeliger Professor, dem man das Pausenbrot gestohlen hatte. „Und mein ‚Projekt Ragnarök‘ war als kulturelle Bereicherung gedacht, nicht als Zielobjekt für eine Horde, äh… Verunstalter der bürgerlichen Ordnung!“ Marc drehte sich langsam auf dem Beifahrersitz um, schob die Brille auf der Nase nach oben und fixierte Dr. Melodie mit jenem durchdringenden Blick, der früher schon manchen halbstarken Raufbold vor der Clubtür zum Schweigen gebracht hatte. „Hör mal zu, Doktor“, knurrte Marc mit tiefer Stimme. „In meiner Kneipe wird getanzt, getrunken und – wenn Howi seinen Job
37 richtig macht – halbwegs erträglicher Rock gespielt. Aber wenn ein glühender USB-Stick mir die Lichter ausknipst und die Wände zum Vibrieren bringt, hört der Spaß auf. Und jetzt erzähl uns gefälligst, wem dieser ominöse Hauptserver im Industriegebiet gehört, bevor ich meine alten Türsteher-Methoden ausgrabe.“ Dr. Melodie schluckte schwer und machte sich so klein wie möglich zwischen Rudi, der ihn mit großen, mitleidigen Augen anstarrte, und der Türverkleidung. „Es… es ist das alte Elektrizitätswerk an der Hafenstraße“, stammelte der Saboteur. „Eine verlassene Industriebrache. Dort steht der Server. Aber ich war das nicht mit dem Heavy Metal! Das war eine Übersteuerung des Protokolls! Ich wollte nur Volksmusik und Schlager spielen lassen, um das ästhetische Gleichgewicht der Stadt zu retten!“ „Ästhetisches Gleichgewicht?“, schnaubte Rudi empört. „In der Musikkneipe FlowerPower herrscht absolute Anarchie, wenn die Jukebox schweigt! Da stehen die Gäste und wissen nicht, wohin mit ihren Biergläsern! Das ist ein sozialer Notstand!“ Herr Filzstift, der sich im hinteren Teil des Wagens mühsam an einer Haltegriffschlaufe festhielt, seufzte tief. „Wissen Sie, Marc“, rief der Polizist nach vorn, „als wir den Dienstantritt hatten, dachten wir, wir müssen ein paar Ruhestörungen wegen zu lauter Musik schlichten. Aber stattdessen jagen wir jetzt einen verrückten Musikwissenschaftler und einen USB-Stick, der sich aufführt wie ein bockiger Dämon. Ich glaube, ich beantrage bald Versetzung in die Friedhofsverwaltung.“ „Durchhalten, Filzi“, brummte Frau Kurze mit einem fast schon zärtlichen Schulterklopfer, der Herrn Filzstift fast den Kopf verdreht hätte. „Ein bisschen Action schadet der grauen Uniform nicht. Und außerdem wollen wir doch sehen, wer hinter diesem technischen Spuk steckt.“ Tino trat noch einmal kräftig aufs Gas, und der alte Kombi bog mit quietschenden Reifen in eine dunkle Sackgasse ein, die direkt auf das verfallene Backsteingebäude des alten Elektrizitätswerks zusteuerte. Die rostigen Tore standen halb offen, und aus dem Inneren drang ein schwaches, pulsierendes rotes Licht, begleitet von einem tiefen, summenden Ton, der selbst durch die geschlossenen
38 Autofenster bis in die Magengegend der Insassen vordrang. Es klang fast so, als würde das Gebäude selbst atmen – schwer, metallisch und mit einer unverkennbaren Vorliebe für tiefe Gitarrenriffs. Tino bremste den Wagen abrupt neben einem rostigen Schrottcontainer ab. Der Motor stotterte kurz und gab dann mit einem letzten, erbärmlichen Keuchen endgültig den Geist auf. Stille legte sich über das Fahrzeug, nur unterbrochen von dem fernen, vibrierenden Summen aus dem Inneren der Fabrikhalle. Marc öffnete die Beifahrersitz-Tür und stieg aus. Seine alten Knochen knackten vernehmlich, doch der ehemalige Türsteher ließ sich davon nicht beeindrucken. Er zog die Jacke stramm, strich sich über den grauen Vollbart und setzte jene entschlossene Miene auf, die schon in den Neunzigern gefürchtet war. „So“, sagte Marc und blickte in die Runde, während Tino, Rudi, Dr. Melodie und die beiden Polizisten ebenfalls ausstiegen. „Wir gehen da jetzt rein. Keine Faxen, keine musikalischen Experimente. Wer zuckt, kriegt es mit mir zu tun.“ „Ähm, Marc?“, fragte Rudi mit zitternder Stimme und deutete auf den Eingang des Gebäudes. „Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee? Der USB-Stick hat vorhin in der Kneipe Tinos Werkzeugkasten zum Tanzen gebracht. Was, wenn da drinnen eine ganze Roboter-Armee aus Schlagersängern auf uns wartet?“ „Schlimmer als Howis Karaoke-Abende kann es gar nicht werden“, entgegnete Marc trocken. „Und jetzt vorwärts. Tino, nimm deinen Werkzeugkasten. Filzi, Kurze, haltet die Handschellen bereit – falls der Server Widerstand leistet.“ Gemeinsam schritten sie auf das riesige, offene Tor zu. Die Dunkelheit verschlang sie fast, als sie die Schwelle des verlassenen Elektrizitätswerks überschritten. Dr. Melodie ging zitternd in ihrer Mitte, sichtlich darum bemüht, nicht als Erster von eventuellen Gefahren verschlungen zu werden. Die hohen Decken hallten bei jedem Schritt wider, und das rote Pulsieren schien aus dem Herzen der Anlage zu kommen, wo in einer alten Schalttafel ein riesiger, in blaues und rotes Licht getauchter Hauptserver stand. Plötzlich stockte Marc mitten im Schritt. Er hob die Hand und bedeutete der Gruppe anzuhalten. Die Musik – ein markerschütternder Heavy-Metal-Song, der nun
39 durch die verfallene Halle hallte – war nicht das Einzige, was zu hören war. Da war noch ein zweites Geräusch. Ein leises, fast menschliches Klicken, gefolgt von einer mechanischen Stimme, die aus den Lautsprechern der alten Industrieanlage dröhnte: „Initialisierung der Endphase. Das kulturelle Erbe der Menschheit wird neu formiert.“ Tino ließ beinahe seinen Werkzeugkasten fallen, während Rudi sich ängstlich an Marcs Jackenärmel klammerte. Marc kniff die Augen hinter seiner Brille zusammen und trat einen Schritt nach vorn. Das Spiel hatte gerade erst begonnen.
40 Beginn der Endphase „Initialisierung der Endphase“, krächzte die mechanische Stimme aus den riesigen Lautsprechern, die unheilvoll an der rostigen Fassade des alten Elektrizitätswerks befestigt waren. Ein dumpfer Bass schlug durch den Beton und ließ den Asphaltdreck unter den Schuhen der verblüfften Gruppe aufspringen. Marc, dem grauen Vollbart und der unverkennbaren Brille, atmete tief durch. Er drückte seine Brille auf der Nase zurecht, musterte das dystopische Industriegebäude vor sich und wandte sich dann langsam an seine Begleitung. „Weiß du, Tino“, begann er mit jener sonoren Ruhe, die schon so manchen besoffenen Raufbold in den Wahnsinn getrieben hatte, „als du meintest, wir trinken heute Abend ein gemütliches Bier im FlowerPower, hatte ich irgendwie eine andere Vorstellung von Gemütlichkeit.“ Tino, der bullige Automechaniker, rieb sich den Nacken und schaute skeptisch auf seinen Werkzeugkasten, als könne dieser plötzliche Explosionen verhindern. „Frag mich nicht, Marc. Ich wollte eigentlich nur Vergaserteile sortieren. Aber wenn eine automatische Durchsage aus einer verlassenen Fabrik droht, die Welt mit Helene Fischer zu beschallen, dann muss ein Mechaniker eben tun, was ein Mechaniker tun muss.“ „Und ich will nur mein Taschentuch zurück, das mir der Herr Polizist weggenommen hat“, jammerte Rudi, der sich hinter Marcs breiten Rücken duckte und panisch in die Dunkelheit spähte. Herr Filzstift, der von allen nur Filzi genannt wurde, verdrehte die Augen und tippte genervt an seinen Gürtel. „Das war kein Taschentuch, Rudi, das war ein benutzter Kneipen-Bierdeckel mit klebrigen Fettspuren. Und jetzt reißt euch alle mal zusammen. Wir sind hier im offiziellen Dienst. Frau Kurze, übernehmen Sie die Lageeinschätzung.“ Frau Kurze, die von den Betrunkenen wegen ihrer kurzen Haare und ihres rigorosen Auftretens stets nur respektvoll der Herr genannt wurde, trat entschlossen einen Schritt nach vorn. Sie zog ihre Dienstmütze ins Gesicht, musterte das gewaltige Stahltor des Elektrizitätswerks und schnalzte mit der Zunge. „Das sieht mir verdächtig nach illegalem Stromdiebstahl und
41 schwerer musikalischer Nötigung aus. Dr. Melodie, Sie sind hier der Fachmann für absurde Klänge. Was zur Hölle haben Sie und Ihr genialer Hauptserver hier angerichtet?“ Dr. Melodie, der gefangene Saboteur im schicken Trenchcoat, verschränkte demonstrativ die Arme und blickte stolz zur Decke. „Ich habe lediglich versucht, der Welt den wahren Takt der Melancholie näherzubringen! Der Rock ’n’ Roll ist tot, eine Kakophonie aus verzerrten Gitarren! Die Menschheit braucht Schlager, sie braucht Struktur, sie braucht Schunkeln!“ „Noch so ein Wort und ich schunkle dir gleich eigenhändig die Zähne neu, du Musikverbrecher“, zischte Marc und trat bedrohlich nah an Dr. Melodie heran. Der ehemalige Türsteher musste nicht einmal laut werden; allein die Kombination aus Glatze, Vollbart und dem eisernen Blick reichte aus, um den Saboteur augenblicklich verstummen zu lassen. Plötzlich knackte das Funkgerät an Filzis Schulter. Ein Rauschen ertönte, gefolgt von der hektischen Stimme der Leitstelle: „Achtung, Streife 42, wir haben Berichte über massive Stromschwankungen im gesamten westlichen Industriegebiet. Die elektronischen Ampeln spielen verrückt, und Berichten zufolge blinken alle Reklameschilder im Takt von ‚Atemlos durch die Nacht‘.“ „Verdammt“, fluchte Filzi. „Die Sache eskaliert. Wenn dieser Hauptserver nicht sofort vom Netz genommen wird, tanzt morgen die ganze Stadt Polonaise.“ „Keine Panik, Herr Schutzmann“, sagte Marc mit eiserner Entschlossenheit. Er ließ den Blick über die Gruppe schweifen. „Wir stehen hier nicht zum Vergnügen. Tino, nimm deinen schwersten Steckschlüssel. Filzi und der Herr, ihr sichert den Hintereingang, falls der wirkliche Drahtzieher versucht zu entkommen. Dr. Melodie geht als menschlicher Schutzschild voran, und Rudi… Rudi bleibt hier draußen und passt auf, dass niemand unseren Fluchtweg zuparkt.“ „Aber Marc!“, protestierte Rudi mit weinerlicher Stimme. „Ich will nicht allein im Dunkeln stehen! Hier riecht es nach verbranntem Kupfer und bösen Omen!“ „Rudi, du bist unser Maskottchen“, entgegnete Tino trocken und tätschelte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Wenn die Maschinen rebellieren, bist du der
42 Einzige, der noch ängstlicher schaut als die Jukebox. Das bringt Glück.“ Bevor Rudi weiter jammern konnte, gab Marc mit einer Handbewegung das Signal zum Sturm. Mit einem gewaltigen Ruck stieß Tino das rostige Haupttor des Elektrizitätswerks auf. Es gab ein schrilles Quietschen von sich, das durch Mark und Bein drang. Die Gruppe drängte sich in das Innere des riesigen, dunklen Raumes. Nur das spärliche Licht von Notstromaggregaten und das unheimliche, pulsierende Bläuen des zentralen Servers beleuchteten die Szenerie. Dr. Melodie stolperte voran, sichtlich unglücklich über seine neue Rolle als Vorhut. „Ich sage Ihnen, das ist ein Fehler!“, rief er über das laute Summen der Transformatoren hinweg. „Der Hauptserver gehorcht nur dem, der die absolute Melodie kennt!“ „Die einzige Melodie, die hier gleich gespielt wird, ist das Lied vom harten Pflaster“, knurrte Marc, während er die Augen offen hielt. In der Mitte des Raumes stand er: ein massiver, turmhoher Schaltschrank, auf dem unzählige Kabel wie die Adern eines gigantischen Ungeheuers pulsierten. Aus den Lüftungsschlitzen drang ein feiner Dunst, und im Takt der unsichtbaren Musik blinkten LEDs in grellem Rot. Tino schritt sofort zur Tat. Er öffnete seinen Werkzeugkasten, zog eine riesige Zange hervor und musterte die Hauptkabel. „Halt, Moment mal“, murmelte der Mechaniker und kniff die Augen zusammen. „Das ist keine normale Schaltung. Das ist hochkomplex. Wenn ich das falsche Kabel durchtrenne, fliegt uns hier nicht nur die Sicherung raus, sondern wahrscheinlich auch das halbe Stadtviertel.“ „Mach einfach, Tino“, rief Frau Kurze, die mit gezogener Diensttaschenlampe den Raum überwachte. „Ich habe heute verdammt viel Papierkram zu erledigen, und ich habe keine Lust, den Bericht im Takt von Trompetenklängen zu tippen.“ Marc trat näher an den Server heran. Auf dem Bedienfeld prangte ein weiteres Exemplar des mysteriösen USB-Sticks mit der Aufschrift „Projekt Ragnarök“. Der Stick glühte in einem ungesunden, fast magischen Neon-Violett. Der ehemalige Türsteher streckte die Hand aus, um das Ding herauszuziehen, als plötzlich eine kalte Luftströmung durch den Raum fegte. Ein Schatten bewegte sich in den oberen Etagen
43 der stählernen Gitterkonstruktion, die sich hoch oben im Schatten der Decke erstreckte. Ein dumpfes Lachen hallte durch die Halle – ein Lachen, das absolut nicht nach Dr. Melodie klang. Es war tiefer, hallender und klang verdächtig nach jemandem, der schon viel zu lange in einer Kneipe ohne Tageslicht gesessen hatte. „Halt! Wer ist da oben?“, rief Marc mit seiner markantesten Türsteher-Stimme, die selbst Beton zum Bröckeln bringen konnte. Er zog die Augenbrauen zusammen, während sein grauer Vollbart bei jedem Wort bebte. „Zu spät, mein alter Freund“, dröhnte die Stimme von oben. Ein Mann im langen, im Wind wehenden Mantel trat aus dem Dunkeln auf die Brüstung. In der Hand hielt er eine Fernbedienung, deren rotes Kontrolllicht unaufhörlich blinkte. „Der Server hat sich bereits mit dem globalen Musiknetzwerk synchronisiert. In genau drei Minuten wird jede Jukebox, jedes Autoradio und jedes Smartphone in einem Umkreis von zehn Kilometern ausschliesslich deutsche Partymusik spielen. Die Rockkultur ist Geschichte!“ Dr. Melodie schnappte nach Luft. „Das… das war so nicht abgemacht! Sie haben den Masterplan sabotiert!“ „Wer sind Sie?“, rief Filzi und zückte seine Dienstwaffe, obwohl er angesichts der Höhe des Catwalks kaum eine Chance auf einen präzisen Schuss hatte. Marc ignorierte die Drohungen. Er sah den Fremden an, analysierte dessen Haltung, das leicht hinkende Bein und den vertrauten, leicht schmierigen Scheitel. Ein langsames, wissendes Lächeln breitete sich unter seinem grauen Vollbart aus. Er nahm seine Brille ab, putzte sie kurz an seinem Hemd, setzte sie wieder auf und schüttelte den Kopf. „Weißt du, Herbert“, sagte Marc mit einer kühlen, unverkennbaren Gelassenheit, „letzte Woche hast du noch geweint, weil Howi deine Lieblingsplatte im FlowerPower nicht spielen wollte. Aber gleich die ganze Stadt ins Schunkel-Chaos zu stürzen, nur weil du keinen Platz an der Theke bekommen hast? Das ist wirklich schlechter Stil.“ Der Mann auf der Brüstung erstarrte. Das unheimliche Lachen erstarb in seiner Kehle, während die roten LEDs des Servers bedrohlich aufblinkten und die mechanische Stimme laut zu zählen begann: „Zwei Minuten bis zur finalen
44 Initialisierung.“
45 Der falsche Darth Vader Die Stille, die nach der Enthüllung in dem riesigen, staubigen Raum des alten Elektrizitätswerks eingekehrt war, dauerte exakt eine halbe Sekunde. Dann ertönte das schrille Piepen des Countdowns vom Hauptserver, der erbarmungslos die Sekunden herunterzählte, während violettes Licht den Raum in eine gespenstische Disco-Atmosphäre tauchte. Herbert, der sonst im FlowerPower eher für das unauffällige Leeren von Pilsgläsern und das gelegentliche Einsammeln von Bierdeckeln zuständig war, stand auf der rostigen Empore wie ein größenwahnsinniger Bösewicht aus einem billigen Agentenfilm. Er trug eine viel zu große Sonnenbrille im Innenbereich, was seine ohnehin schon fragwürdige Autorität komplett untergrub. „Herbert?“, rief Marc ungläubig, während er seine Brille auf der Nasenwurzel zurechtrückte und den grauen Vollbart skeptisch krauelte. „Sag mal, brennst du eigentlich mit dem Falschen? Du stehst da oben wie ein verwirrter Darth Vader auf Wanderschaft, und unten läuft ein Countdown für die totale musikalische Vernichtung!“ „Es ist keine Vernichtung, Marc!“, rief Herbert mit dramatischer und leicht angetrunkener Stimme von oben herab. Er fuchtelte wild mit einer Fernbedienung herum, die aussah wie ein modifizierter Garagentoröffner. „Es ist eine Renaissance! Die Menschheit ist bereit für die absolute Verschmelzung von Elektro-Pop, Schlagermelodien und unendlicher Endlosschleife! Nie wieder stumpfer Rock! Die Jukebox wird die Weltherrschaft übernehmen!“ „Herbert, du hast letzte Woche noch auf einen Tisch gekotzt, als DJ Howi einen Song von Roland Kaiser gespielt hat“, warf Rudi ein, der sich ängstlich hinter Tinos breitem Rücken versteckte. Rudi zitterte am ganzen Körper, hielt aber tapfer eine Tüte Erdnüsse in der Hand, als könnte man den Weltuntergang durch Knabbern aufhalten. „Wie willst du denn da die Weltherrschaft übernehmen? Du findest ja nicht mal den Ausgang aus dem Keller!“ Tino, der Automechaniker, ignorierte das verbale Duell komplett. Er stand bereits vor dem gewaltigen Serverschrank, in dem der glühende USB-Stick steckte, und zog aus seiner
46 Latzhose einen gewaltigen Steckschlüssel hervor, der eher aussah wie ein Werkzeug zur Panzerreparatur. „Redet ihr nur weiter“, brummte Tino mit tiefer, gelassener Stimme. „Wenn dieser Countdown bei Null ist, explodiert hier gar nichts, aber die Anlage zieht so viel Strom, dass im Umkreis von fünf Kilometern kein Toaster mehr funktioniert. Und das lasse ich als Mechaniker meines Vertrauens nicht zu.“ Herr Filzstift, der Polizist, zog seufzend sein Notizbuch hervor und leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe nach oben. „Also gut, Herbert. Das ist illegaler Hausfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ruhe durch unerlaubte Beschallung und – wie ich sehe – Verstoß gegen das Urheberrecht von mindestens drei Musikverlagen. Ich fordere Sie auf, die Hände zu heben und sofort den Schlager-Modus zu deaktivieren.“ „Niemals!“, schrie Herbert und drückte demonstrativ auf einen großen roten Knopf auf seiner Fernbedienung. Plötzlich bebte der Boden. Aus verborgenen Lautsprechern erklangen die ersten unheilvollen Takte von Atemlos durch die Nacht, allerdings verzerrt durch einen extremen Heavy-Metal-Gitarrenfilter und mit einer Bass-Frequenz, die jedem im Raum die Plomben aus den Zähnen rüttelte. Frau Kurze, die resolute Polizistin, die von den Betrunkenen in der Kneipe stets respektvoll „der Herr“ genannt wurde, verlor nun endgültig die Geduld. Sie trat energisch einen Schritt nach vorn, ballte die Fäuste und rief mit einer Stimme, die selbst eine Horde betrunkener Fußballfans zum Schweigen gebracht hätte: „Jetzt reicht’s aber, du kleiner Technofreak! Entweder du machst diese Krachkiste aus, oder ich ziehe meine Dienstwaffe und spiele dir eigenhändig den Marsch!“ Dr. Melodie, der bisher gefesselte und von allen ignorierte Saboteur, nutzte den Moment des Chaos. Er wand sich auf dem Betonboden wie ein Aal, schob sich geschickt hinter eine verrostete Verteilerbox und versuchte, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen. Doch Rudi, der mit seinen Gedanken völlig woanders war, trat im selben Moment rückwärts und stolperte direkt über Dr. Melodies Beine. Mit einem lauten Urschrei stürzten die beiden Männer gemeinsam zu Boden, wobei Rudi dem gefesselten Saboteur direkt eine Handvoll Erdnüsse ins Gesicht drückte.
47 „Ups! Entschuldigung, Herr Doktor“, stammelte Rudi, während Dr. Melodie wütend hustete und nach Luft schnappte. „Ich wollte Ihnen eigentlich keine Nüsse in die Nase stecken, aber der Bass drückt so komisch auf die Verdauung.“ Marc hatte derweil genug gesehen. Der alte Instinkt des Türstehers, der früher jeden Raufbold mit einem einzigen eisigen Blick und einer präzisen Handbewegung zur Räson gebracht hatte, erwachte in ihm. Er ignorierte den Countdown, der inzwischen bei dreißig Sekunden stand, fasste das eiserne Geländer der Treppe und zog sich mit überraschender Agilität nach oben. Seine Glatze spiegelte das violette Licht, und sein grauer Vollbart wogte im Wind der gigantischen Lüftungsschächte. „Herbert“, sagte Marc mit einer tonfrequenten Ruhe, die gefährlicher klang als jede Polizeisirene. Er baute sich vor dem veränderten Kneipengast auf, der plötzlich sehr klein und einsam wirkte. „Du hast jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder du sagst mir, wo der Hauptschalter ist, oder ich erkläre dir, warum man in einer Rockkneipe niemals, unter keinen Umständen, freiwillig Marianne Rosenberg auflegt.“ Herbert schluckte schwer. Die Sonnenbrille rutschte ihm gefährlich weit nach unten. „Es… es war nur ein Experiment, Marc! Ich wollte doch nur Respekt! Alle lachen immer nur über meine Witze an der Theke!“ „Respekt verdient man sich durch harte Arbeit, Herbert, nicht durch musikalische Geiselnahme“, knurrte Marc. Er packte den verirrten Antagonisten kurzerhand am Kragen seines Trenchcoats und hob ihn mühelos einen halben Meter in die Luft, exakt so, wie er es früher mit uneinsichtigen Störenfrieden an der Eingangstür des FlowerPower gemacht hatte. Unten an der Maschine lief der Countdown unerbittlich weiter: Zehn… Neun… Acht… Tino schweißgebadet rief nach oben: „Marc! Ich brauch den Master-Code! Das Ding lässt sich mit dem Schraubenschlüssel nicht überreden!“ „Herbert!“, zischte Marc und schüttelte den armen Kerl leicht durch, sodass die Fernbedienung aus dessen Hand glitt und im hohen Bogen durch die Luft segelte. Herr Filzstift, mit den Reflexen eines jungen Raubtiers, war zur Stelle. Er sprang nach vorn, fing die Fernbedienung mit beiden Händen auf wie einen
48 entscheidenden Football und rief triumphierend: „Ich hab sie! Aber… verdammt, welcher Knopf ist das jetzt? Hier sind vierzig Knöpfe und alle blinken rot!“ „Drücken Sie den mit dem Notenschlüssel!“, rief Dr. Melodie aus dem Hintergrund, während er sich mühsam von Rudi befreite, der ihn immer noch fälschlicherweise zu trösten versuchte. „Nein, nicht den! Das ist die Polka-Bombe!“ Frau Kurze trat herbei, riss Herrn Filzstift die Fernbedienung aus der Hand, blickte kurz auf das Display, seufzte tief und trat mit ihrem schweren Einsatzstiefel einfach mitten auf das Hauptgehäuse der Fernbedienung, bis diese in tausend kleine Plastikteile zersprang. Drei… Zwei… Eins… Die Lichter im gesamten Elektrizitätswerk flackerten wild. Die ohrenbetäubende Metal-Schlager-Mischung stoppte abrupt mit einem schrillen Kreischen, das an kreidekratzende Tafeln erinnerte. Dann kehrte absolute, grabenähnliche Stille ein. Nur das leise Summen der Notbeleuchtung blieb übrig. Alle hielten den Atem an. Niemand bewegte sich. Sogar Rudi hörte auf zu kauen. Nach einigen Sekunden des schwebenden Ungewissns öffnete sich die Wartungsklappe des Servers mit einem lauten Klack. Ein einzelner, rauchender Zettel flog im sanften Luftzug heraus und glitt langsam zu Boden. Marc ließ Herbert los, der sofort erleichtert gegen das Geländer sank, ging ein paar Schritte nach unten und hob den Zettel auf. Mit zusammengekniffenen Augen las er die Zeilen, die mit krakeliger Handschrift geschrieben waren. „Was steht da drauf, Marc?“, fragte Tino und wisch sich den Ruß von der Stirn. Marc blickte in die Runde, strich über seinen grauen Vollbart und seufzte tief. „Da steht: Das war erst Akt eins. Der wahre Musikminister wartet im Park.“ Bevor jemand auch nur ein weiteres Wort erwidern konnte, zuckte draußen vor den verstaubten Fenstern des Elektrizitätswerks ein greller, grüner Blitz durch die Nacht, gefolgt von dem unverkennbaren Sound einer ferngesteuerten Bassgitarre, die aus Richtung des städtischen Stadtparks herüberschallte. Herr Filzstift kramte sofort wieder sein Notizbuch hervor. „Also gut. Wer hat Lust auf einen nächtlichen Spaziergang im Park?“
49 Schatten im Stadtpark Die kühle Nachtluft schlug Marc direkt ins Gesicht, als die kleine Truppe das verlassene Elektrizitätswerk verließ und Kurs auf den städtischen Park nahm. Ein nächtlicher Spaziergang der etwas anderen Art, wenn man bedachte, dass im Schlepptau ein verwirrter Ex-Gast namens Herbert, ein mürrischer Musikwissenschaftler namens Dr. Melodie und zwei uniformierte Gesetzeshüter marschierten. Herr Filzstift hielt sein Notizbuch auch im Dunkeln verkrampft in der Hand, während Frau Kurze – von allen nur respektvoll „der Herr“ genannt – mit energischen Schritten voranging. „Wenn das so weitergeht, beantrage ich Gefahrenzulage für städtische Grünanlagen“, brummte Marc, während er seine Brille zurechtrückte und seinen grauen Vollbart im kalten Wind glättete. Der alte Türsteher-Instinkt war wieder voll da. Wer immer sich im Park herumtrieb und die Fäden des „Projekt Ragnarök“ in der Hand hielt, würde gleich Bekanntschaft mit jemanden machen, der schon ganz andere Gestalten aus dem FlowerPower geworfen hatte. Neben ihm stolperte Rudi durch das Laub. Der treue Kneipenhelfer hatte während der gesamten Autofahrt und des Fußmarsches ununterbrochen eine Plastiktüte mit Erdnüssen festgehalten, als ginge es um sein Leben. „Meinst du, die im Park haben auch Stehlampen mit bunten Fransen?“, fragte Rudi völlig unvermittelt und biss in eine Erdnuss, ohne sie vorher zu schälen. Tino, der die ganze Zeit über geschwiegen und seine Hände in den Taschen seiner ölverschmierten Mechanikerjacke vergraben hatte, warf Rudi einen skeptischen Blick zu. „Rudi, wir suchen hier keinen Schrebergarten, sondern den wahren Musikminister. Konzentrier dich mal. Wenn dieser Typ auch nur ansatzweise so nervige Ideen hat wie Herbert, brauchen wir gleich nicht nur die Polizei, sondern einen Exorzisten.“ Vor ihnen lief Dr. Melodie, dessen Hände vorsorglich mit Kabelbindern gesichert waren, die Herr Filzstift professionell angelegt hatte. Der Saboteur schnaufte verächtlich. „Sie unterschätzen die Dimensionen des Ganzen, meine Herren. Was im Park lauert, ist
50 keine einfache Jukebox-Manipulation. Es ist eine Kulturrevolution! Eine Kakophonie aus orchestralem Schlager und verzerrten Gitarrensoli!“ „Halt den Mund, Melodie, sonst kriegst du eine Extrarunde im Streifenwagen“, schnitt Frau Kurze ihm mit tiefer, bestimmter Stimme das Wort ab. Ihre kurze Frisur wehte im Wind, und ihre Haltung verriet, dass sie sich von keinem philosophierenden Musik-Terroristen auf der Nase herumtanzen ließ. „Wir sind gleich da. Laut der Nachricht auf dem Server von Herbert führt die Spur direkt zum Musikpavillon in der Mitte des Parks.“ Der städtische Park lag im fahlen Mondlicht da. Uralte Eichen warfen schattenhafte Muster auf die Kieswege, und irgendwo in der Ferne rief eine Eule, die vermutlich gerade von all dem musikalischen Chaos genervt war. Die Gruppe schlich sich durch das große schmiedeeiserne Tor, das leicht quietschte, als hätten sie gerade eine Geisterbahn betreten. „Moment“, flüsterte Marc und hob abrupt die Hand, um die anderen zum Anhalten zu bewegen. Er blieb stocksteif stehen. Seine Augen, geschult durch jahrzehntelange Dunkelheit und zwielichtige Gestalten vor dem Eingang der Musikkneipe, hatten eine Bewegung im Schatten des Musikpavillons ausgemacht. Tino trat neben ihn und kniff die Augen zusammen. „Siehst du was?“ „Ja“, knurrte Marc leise. „Da drüben steht jemand. Und er trägt keinen Trenchcoat. Er trägt einen glitzernden Frack.“ Tatsächlich. Im Schein einer kleinen, flackernden Lichterkette, die notdürftig um die Säulen des Pavillons gespannt war, stand eine Gestalt. Sie hielt ein Mikrofon in der Hand und schien Selbstgespräche zu führen. Ein leises Summen drang durch die Nachtluft – eine unheilvolle Melodie, die irgendwo zwischen volkstümlicher Schunkelmusik und brutalen Metal-Riffs oszillierte. Herr Filzstift kramte sofort wieder nach seinem Stift. „Das muss er sein. Der Strippenzieher. Der Kopf des Syndikats.“ „Warten wir noch kurz“, zischte Marc. „Erst die Lage peilen, dann zuschlagen. Das ist die goldene Regel an der Tür. Wer blind reinrennt, kriegt den Zapfhahn ins Gesicht.“ Rudi knackte derweil laut eine Erdnuss. Das Knacken hallte in der nächtlichen Stille des
51 Parks wider wie ein Pistolenschuss. Die Gestalt im Frack fuhr herum, ließ das Mikrofon sinken und starrte direkt in Richtung der Büsche, hinter denen sich die kleine Eingreiftruppe versteckt hatte. „Wer da?“, rief eine dünne, leicht hysterische Stimme. „Kommen Sie heraus! Das Konzert hat noch nicht begonnen!“ Da es nun ohnehin zu spät für taktisches Schleichen war, trat Marc mit breiter Brust aus dem Schatten hervor. Seine Brille blitzte im Mondlicht, und der graue Vollbart verlieh ihm die Aura eines erzürnten Propheten des guten Geschmacks. Hinter ihm bauten sich Tino, Rudi, die beiden Polizisten und der gefesselte Dr. Melodie auf. Es war ein Bild für die Götter – oder für den Notdienst der psychiatrischen Abteilung. „Schluss mit dem Zirkus“, rief Marc mit seiner tiefen, autoritären Türsteher-Stimme, die schon ganz andere Chaoten in die Flucht geschlagen hatte. „Das Spiel ist aus, Musikminister. Pack die Anlage ein, bevor wir ungemütlich werden.“ Die Gestalt im Frack trat ins Licht der Lichterkette. Zum Vorschein kam ein kleiner, schmächtiger Mann mit einer Brille, die noch dickere Gläser trug als die von Marc, und einer Frisur, die aussah, als hätte sie Bekanntschaft mit einer Steckdose gemacht. In der Hand hielt er keine Fernbedienung, sondern ein altmodisches Megafon und eine Notenmappe. „Wer… wer sind Sie?“, stammelte der Mann und wich einen Schritt zurück. „Ich bin Günther! Günther Krawall, der stellvertretende Oberspielleiter des städtischen Blasmusikvereins!“ Herr Filzstift blätterte in seinem Notizbuch. „Blasmusikverein? Davon stand im Server aber nichts. Machen Sie keine Faxen, Krawall. Sie stecken hinter dem Projekt Ragnarök!“ Günther Krawall schüttelte heftig den Kopf, wobei seine Haare wild hin und her wucherten. „Ich weiß von keinem Projekt! Ich wollte hier nur in Ruhe für das Sommerfest proben! Aber wissen Sie, wer mir diese Noten gegeben hat? Wissen Sie, wer mich bezahlt hat, um die Jugend von heute mit Schlagern und Gitarren zu quälen?“ Marc verschränkte die Arme vor der Brust. Ein gefährlicher Funke glomm in seinen Augen auf. „Na raus damit. Wer war es?“ Vor Schreck ließ Günther Krawall seine Notenmappe fallen. Papiere flatterten durch die Luft und verteilten sich auf dem Kiesweg.
52 „Es war… es war der Mann aus dem Keller! Der Mann, der immer behauptet, die Bassgitarre sei eine Erfindung des Teufels!“ Tino trat einen Schritt vor. „Ein Keller? Welcher Keller? Reden Sie, Mensch!“ Bevor Günther antworten konnte, ertönte ein lautes Räuspern aus den Reihen der Gruppe. Alle Köpfe drehten sich um. Dr. Melodie stand da, die gefesselten Hände leicht erhoben, und lächelte süffisant. „Sie werden ihn nie finden“, sagte der Musikwissenschaftler mit dramatischer Tonlage. „Denn der wahre Kopf, der Mann, der die Fäden zieht, ist längst über alle Berge. Er ist der Schatten in den Archiven. Er ist…“ „Halt’s Maul, Melodie“, unterbrach Frau Kurze ihn trocken und schubste ihn sanft, aber bestimmt nach vorn. „Wir haben jetzt keine Zeit für dramatische Monologe. Günther, zeigen Sie uns den Keller.“ Günther Krawall schluckte schwer und zeigte mit zitterndem Finger auf das alte, unauffällige Toilettenhäuschen am Rande des Parks, dessen Tür leicht aufstand und aus dem ein schwaches, violettes Leuchten drang. „Da… da unten. Im Maschinenraum der automatischen Bewässerungsanlage.“ Marc knackte mit den Fingerknöcheln. Ein leises Seufzen entwich seiner Brust, in dem sich Wehmut über seinen wohlverdienten Ruhestand und pure Abenteuerlust mischten. Zehn Jahre lang hatte er die Pforten des FlowerPower bewacht, und nun stand er hier mitten in der Nacht, um einen unterirdischen, musikalischen Verschwörer zu stellen. Man wurde eben doch nie ganz alt für den Job. „Na gut“, sagte Marc und setzte sich in Bewegung. „Tino, nimm deinen Werkzeugkasten. Rudi, pass auf, dass Melodie nicht abhaut. Und Filzi, halten Sie den Notizzettel bereit. Wir gehen in den Untergrund.“ Die Gruppe setzte sich in Bewegung, fest entschlossen, dem mysteriösen Treiben ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Die kühle Nachtluft schien vor Spannung fast zu knistern, während sie auf das düstere Toilettenhäuschen zusteuerten, hinter dessen Tür das Schicksal der musikalischen Weltgeschichte auf sie wartete.
53 Das Geheimnis des stillen Örtchens Das Toilettenhäuschen im Stadtpark roch bei Nacht auf eine Art und Weise, die selbst den hartgesottensten Ex-Türsteher in die Flucht schlagen konnte, doch Marc dachte gar nicht daran, jetzt noch einen Rückzieher zu machen. Mit einer stoischen Ruhe, die er sich in jahrzehntelangem Dienst an den unmöglichsten Clubtüren angeeignet hatte, schob er seine Brille auf der Nase zurecht und musterte die altertümliche Holztür, hinter der geheime Maschinenraum des ominösen „Mannes aus dem Keller“ vermutet wurde. Neben ihm atmete Tino schwer durch die Nase und hielt einen gewaltigen Franzosen-Schlüssel bereit, der in der nächtlichen Parkbeleuchtung unheilvoll glänzte. Rudi hingegen hüpfte von einem Bein auf das andere, als hätte er dringend die Einrichtungen zu nutzen, für die das Häuschen ursprünglich erbaut worden war, während die Polizistin Frau Kurze – von allen nur respektvoll „der Herr“ genannt – entschlossen ihre Dienstmütze nach hinten zog. „Wenn das wieder so eine verkleidete Nummer mit Blasmusik ist wie eben im Pavillon, dann trete ich eigenhändig gegen die Tür“, brummte Marc mit seiner tiefen Bassstimme, während er den grauen Vollbart skeptisch kraute. Hinter ihnen räusperte sich Dr. Melodie, dessen Hände immer noch provisorisch mit Kabelbindern gefesselt waren, was ihn allerdings nicht davon abhielt, eine intellektuelle Miene aufzusetzen. „Sie unterschätzen die architektonische und akustische Komplexität des Untergrunds, mein Herr“, näselte der Saboteur. „Der Mann aus dem Keller operiert auf einer Frequenz, die Ihren Verstand weitaus gründlicher zerrütten wird als ein einfacher Schlager. Es ist das pure musikalische Chaos!“ „Schnauze, Melodie“, warf Herr Filzstift ein, der pflichtbewusst in seinem Notizbuch blätterte. „Ob Chaos oder nicht, unerlaubtes Betreten städtischer Sanitäranlagen nach den offiziellen Schließzeiten ist Paragraf vierzehn Absatz drei. Das gibt mindestens ein Bußgeld, da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Herbert, der sich der Gruppe nach seinen missglückten Weltherrschaftsplänen im Elektrizitätswerk kleinlaut angeschlossen hatte, deutete
54 zitternd auf den Eingang. „Dort unten riecht es nach billigem Lavendelreiniger und verbranntem Kupfer“, flüsterte er fast ehrfürchtig. „Ich sage euch, er wartet auf uns.“ Tino fackelte nicht lange. Er packte die Türklinke des Toilettenhäuschens, riss sie mit einem kräftigen Ruck auf und zog eine kleine Taschenlampe aus seiner Latzhose, deren Kegel sofort in ein schummriges, gekacheltes Innere fiel. Statt der erwarteten Kabinen offenbarte sich den Anwesenden jedoch ein massiver Lastenaufzug, dessen Stahlseile verrostet aussahen und der steil in die dunklen Eingeweide der Erde hinabführte. Ein leises, fast hypnotisches Summen drang aus der Tiefe – es klang wie eine Mischung aus einem summenden Trafo und einer extrem tief gestimmten Tuba. „Na wunderbar“, murmelte Marc. „Ein Fahrstuhl in die Hölle. Hätte mich auch gewundert, wenn wir heute mal die Treppe nehmen dürften.“ Ohne auf weitere Kommentare zu warten, trat der ehemalige Türsteher als Erster ein, die Glatze im Neonlicht des Aufzugs glänzend wie eine Billardkugel. Tino folgte ihm direkt, um die Technik des klapprigen Lifts zu inspizieren, während Rudi sich ängstlich an Marcs Jackenärmel klammerte. Frau Kurze und Herr Filzstift drängten sich ebenfalls hinein, dicht gefolgt von Dr. Melodie und dem verstörten Herbert. Der Raum war eng, und der Geruch von Ozon und mürbem Beton legte sich schwer auf die Gemüter. „Tino, sag bloß, das Ding fährt noch“, sagte Marc, als der Mechaniker mit einer Kombizange an den freiliegenden Kabeln des Bedienfelds hantierte. „Es fährt“, knirschte Tino, während er zwei bunte Drähte kurzschloss. Mit einem markerschütternden Quietschen setzte sich der Aufzug in Bewegung und sackte so abrupt nach unten, dass Rudi einen kurzen, gellenden Schrei ausstieß, der sich irgendwo zwischen Panik und Pubertäts-Stimmbruch einordnete. Die Fahrt dauerte gefühlte Ewigkeit. Die Wände aus Stein und feuchtem Mauerwerk zogen an ihnen vorbei, beleuchtet von flackernden Glühbirnen, die im Takt eines unsichtbaren Taktschlags zuckten. Als der Aufzug schließlich mit einem kräftigen Ruck zum Stehen kam, öffneten sich die Gitternüren automatisch und gaben den Blick auf einen gigantischen unterirdischen Raum
55 frei. Es war ein Gewölbe, das aussah wie eine Kreuzung aus einem sowjetischen Atomschutzbunker, einem High-Tech-Tonstudio und dem chaotischen Lagerraum eines gut sortierten Schallplattenladens. Überall hingen Kabelbäume von der Decke, Monitore flimmerten mit kryptischen Programmierzeilen, und in der Mitte des Raumes thronte eine gewaltige, surrende Konsole, die mit unzähligen Blinklichtern versehen war. Aus gigantischen Lautsprechern dröhnte ein dumpfer, drückender Bass, der direkt in die Magengrube fuhr. „Heiliger Strohsack“, flüsterte Herbert und rieb sich die Augen. „Das ist ja schlimmer als der Partykeller von meinem Schwager.“ Plötzlich raschelte es in einer dunklen Ecke des Raumes. Ein Schatten bewegte sich hinter einem großen Mischpult, auf dem ein alter Plattenspieler stand. Eine Gestalt trat ins Licht – sie trug einen viel zu großen Morgenmantel mit Leopardenmuster, eine grellrote Sonnenbrille im Dunkeln und hielt einen goldenen Dirigentenstab in der Hand. „Halt, im Namen des Gesetzes!“, rief Frau Kurze und legte sofort ihre Hand an den nicht vorhandenen Revolver, während sie sich mit breitem, entschlossenem Gang aufbaute. „Sie sind umzingelt von der Staatsgewalt!“ Die Gestalt im Leopardenmantel drehte sich langsam um. Es war ein kleiner, hagerer Mann mit wild abstehendem grauen Haar und einem irrsinnigen Glitzern in den Augen. Er starrte die Gruppe an, schüttelte den Kopf und begann schallend zu lachen – ein hohles, theaterhaftes Lachen, das durch den gesamten Keller hallte. „Ah, die Vorhut des guten Geschmacks!“, rief der Mann mit einer schrillen, überschlagenen Stimme. „Marc, der Türsteher im Unruhestand. Und diese lästigen Anhängsel aus der Vorstadt! Sie kommen genau zur rechten Zeit, um Zeuge der ultimativen Symphonie des Untergangs zu werden!“ Marc trat einen Schritt nach vorne, die Hände lässig in den Hosentaschen, obwohl seine Augen die Szene blitzschnell analysierten. Er musterte den Kauz von oben bis unten und zog eine Augenbraue hoch. „Sag mal, kleiner Mann, hast du eigentlich sie noch alle stramm? Was soll der Zirkus mit der Musik? Wer bist du überhaupt – der
56 Hausmeister mit dem Dachschaden?“ Der Mann im Leopardenmantel zuckte beleidigt zusammen und strich seinen Mantel glatt. „Hausmeister? Ich bin Maestro Knuppel! Der wahre und einzige Dirigent der musikalischen Evolution dieser Stadt! Jahrelang wurde ich verlacht, weil ich fand, dass Rockmusik zu viel Bass und Schlager zu wenig Pathos hat! Also habe ich beschlossen, die ultimative Frequenz zu erschaffen: eine Mischung aus jodelndem Heavy Metal und depressiver Volksmusik!“ „Klingt nach einer mittelschweren Körperverletzung für die Ohren“, warf Tino ein, der bereits das Mischpult musterte und prüfte, wo man am besten den Hauptstecker ziehen konnte. „Und technischer Unfug ist das obendrein. Die Impedanz passt doch hinten und vorne nicht, du grillst dir damit doch jede Endstufe, du Spinner!“ Maestro Knuppel schnaubte verächtlich. „Technischer Unfug? Unsinn! Es ist Kunst! Und ihr werdet mich nicht aufhalten, denn die Endlosschleife läuft bereits auf allen Kanälen des städtischen Rundfunks!“ Er deutete triumphierend auf einen großen Monitor, auf dem ein Countdown lief, der unerbittlich bei drei Minuten und zwanzig Sekunden stand und nach unten zählte. „Bald wird die ganze Stadt nichts anderes mehr hören! Niemand kann das stoppen!“ Herr Filzstift kramte hektisch in seinem Mantel. „Warte mal, wenn das über den Rundfunk läuft, brauchen wir einen Durchsuchungsbeschluss für die Frequenzen! Frau Kurze, haben Sie zufällig das Formblatt 7-B für ätherische Wellen dabei?“ „Hör auf zu quatschen, Filzi“, rief Marc, dessen Geduld nun endgültig aufgebraucht war. Er hatte schon ganz andere renitente Gestalten vor den Clubtüren stehen gehabt, und die waren selten mit einem Leopardenmantel und einem Dirigentenstab bewaffnet. „Hier wird nichts mehr gesendet. Tino, mach die Kiste aus!“ Tino machte einen Satz nach vorn, stolperte dabei kurz über ein loses Lautsprecherkabel, fing sich aber geschickt ab und griff nach dem roten Hauptschalter des Mischpults. Doch Maestro Knuppel war schneller. Mit einem hysterischen Kreischen riss er eine Fernbedienung aus seiner Tasche und drückte wild auf einen großen, blinkenden Knopf in der Mitte. „Zu spät!“, schrie Knuppel. „Die Initialisierung der
57 Endphase ist im Gange!“ Plötzlich bebte der Boden unter ihren Füßen. Die Wände des Kellers schienen zu atmen, und aus den Lautsprechern drang ein ohrenbetäubender Lärm, der das Gehirn im Kopf zu Mus zu verarbeiten schien – eine unheilige Allianz aus Akkordeongequetsche und double-bass-Geztrommel. Rudi hielt sich schreiend die Ohren zu und ging in die Knie, während Herbert panisch versuchte, hinter einer Betonpule Deckung zu suchen. Dr. Melodie, dessen Fesseln sich durch das wilde Gestikulieren mittlerweile leicht gelockert hatten, rief gegen den Lärm an: „Er hat das Notfallprotokoll aktiviert! Wenn wir den Code nicht sofort eingeben, explodiert die Frequenzweiche!“ Marc zögerte keine Sekunde mehr. Er ignorierte den Lärm, überbrückte die Distanz zwischen sich und Maestro Knuppel mit zwei schnellen Schritten, packte den kleinen Mann am Kragen seines Leopardenmantels und hob ihn mit einer Hand mühelos in die Luft, während er ihm mit der anderen Hand die Fernbedienung aus den Fingern wand. „Schluss jetzt mit dem Lärm“, sagte Marc mit jener eisigen, unerschütterlichen Autorität, die schon Generationen von betrunkenen Nachtschwärmern das Fürchten gelehrt hatte. „Hier wird nicht mehr gedreht, Kumpel. Hier ist jetzt Zapfenstreich.“ Maestro Knuppel strampelte in der Luft wie ein Käfer auf dem Rücken, während Tino fluchend am Hauptschalter riss und versuchte, die Drähte kurzzuschließen. Der Countdown auf dem Bildschirm flackerte wild, sprang von zwanzig auf zehn Sekunden, während der Raum im roten Licht blinkte wie eine überhitzte Disco um vier Uhr morgens. Die Gruppe hielt den Atem an, während Marc den Blick starr auf den Schalter gerichtet hielt, bereit, die musikalische Apokalypse eigenhändig abzuwenden.
58 Der Countdown der Verkabelung Der rote Alarmton schrillte durch den unterirdischen Bunker wie ein übellauniger Wecker, den man am liebsten gegen die Wand pfeffern würde. Zehn Sekunden. Neun Sekunden. Maestro Knuppel zappelte weiterhin in Marcs eisernem Griff, während sein kunstvoll geflentschter Bart im roten Stroboskoplicht wild zuckte. „Mach schon, Tino!“, brüllte Marc mit einer Bassstimme, die selbst die Stahlträger der Decke zum Vibrieren brachte. Er hielt den größenwahnsinnigen Dirigenten mit der linken Hand hoch, als wäre er ein lästiges Paket, das dringend zur Post musste, während seine Brille durch den Schweiß auf der Nasenwurzel leicht nach unten rutschte. Der graue Vollbart des ehemaligen Türstehers stand ihm wild um den Mund, und Tino fluchte derweil wie ein Kesselflicker. Sein Gesicht war voller Ruß, und er hatte einen Schraubenzieher zwischen den Zähnen eingeklemmt, während er mit zitternden Fingern versuchte, die Hauptplatine des Mischpults zu überbrücken. „Ich mach ja schon, verdammt! Die Kabel sind hier verlegt wie in einer italienischen Altbauwohnung!“ Fünf Sekunden. Vier Sekunden. Frau Kurze stand dicht daneben, hielt die Hände in die Hüften gestützt und rief mit ihrer gewohnt rauchigen Stimme: „Wenn uns dieser Techno-Volksmusik-Mix jetzt in die Luft jagt, schreibe ich persönlich einen dreiseitigen Mängelschein für diese illegale Verkabelung!“ Herr Filzstift, der treue Polizist mit dem Block in der Hand, drückte sich nervös an die kalte Betonwand, die Brille auf der Nase verrutscht, und murmelte: „Drei Seiten? Mindestens fünf, Frau Kurze. Verstoß gegen Paragraf zwölf Absatz vier: Unbefugtes Betreiben einer akustischen Massenvernichtungswaffe.“ Drei. Zwei. Eins. Mit einer fast schon akrobatischen Verrenkung riss Tino die beiden dicksten Kabel – ein knallrotes und ein giftgrünes – auseinander und schlug sie brutal mit einem Zangenkopf zusammen. Ein greller Blitz zuckte durch den Raum, begleitet von einem lauten elektrischen Zisch. Der Countdown auf dem Hauptbildschirm flackerte ein letztes Mal, zeigte noch die Zahl Null, und verabschiedete sich dann mit einem friedlichen, fast
59 enttäuschten leisen Summen in die absolute Dunkelheit. Das rote Blinklicht schaltete sich aus, und stattdessen sprang die matte Neonbeleuchtung der Decke an. Stille trat ein. Eine fast sakrale Stille, die nur durch das schwere Atmen der anwesenden Personen unterbrochen wurde. Maestro Knuppel ließ den Kopf hängen und schlaff wie eine Marionette, deren Fäden gerissen waren. „Abgewendet“, stöhnte Tino erleichtert und wischte sich mit dem Handrücken den Ruß von der Stirn, während er den Schraubenzieher aus dem Mund zog. „Heiliges Blech. Das war knapper als die Parkplatzsuche am Samstagabend vor dem Supermarkt.“ Marc ließ den schlaffen Maestro nun endgültig los. Der Antagonist plumpste mit einem vernehmbaren Plumps auf den staubigen Betonboden des Bunkers und rieb sich stöhnend den Rücken. Marc richtete sich auf, schob seine Brille an ihren Platz, atmete tief durch und blickte in die Runde. Rudi, der während der gesamten Aktion hinter einem Schaltschrank in Deckung gegangen war und sich die Augen zugehalten hatte, spitzte vorsichtig die Lippen. „Ist… ist das der Moment, wo wir alle sterben und als Engel mit Harfen weitermachen müssen? Aber bitte ohne Schlager, ich ertrage diese Frequenzen nicht mehr.“ „Nein, Rudi“, sagte Marc mit der unerschütterlichen Ruhe eines Mannes, der schon hunderte betrunkene Gäste aus der Kneipe geworfen hat, ohne auch nur einmal die Fassung zu verlieren. „Wir leben noch. Und der Herr Dirigent hier hat vorerst Hausverbot in dieser Stadt.“ Dr. Melodie, der Saboteur, der die ganze Zeit über an die Wand gefesselt schien, obwohl ihn niemand festgehalten hatte, trat einen Schritt vor. Seine Augen leuchteten fast bewundernd, als er auf Maestro Knuppel herabblickte. „Faszinierend. Die Frequenzweiche war auf exakt vierzig Hertz eingestellt – die perfekte Resonanzfrequenz für kollektive Volksmusik-Hysterie.“ „Halt den Mund, Melodie“, fauchte Herbert, der ehemalige Kneipengast, der sich nun mühsam aus einer Ecke des Raumes aufrappelte. Er roch immer noch verdächtig nach billigem Bier und Maschinenfett. „Wegen dir und deinen blöden USB-Sticks sitzen wir überhaupt erst in diesem Schlamassel! Ich wollte doch nur ein bisschen Rock hören!“ „Ach, du wolltest Rock?“, schnaubte Tino und trat
60 empört einen Schritt auf Herbert zu. „Du hast doch versucht, die Weltherrschaft mit einer Mischung aus Blasmusik und Heavy Metal zu übernehmen! Du hast die Jukebox manipuliert!“ „Ich wurde beeinflusst!“, verteidigte sich Herbert und hob abwehrend die Hände. „Der Mann aus dem Keller – also Maestro Knuppel hier – hat mir gesagt, die Welt braucht mehr Tuba-Soli im Metal! Da kann man als empfindlicher Mensch doch nicht nein sagen!“ Maestro Knuppel stöhnte vom Boden aus auf. „Es war eine Kunstform! Ein avantgardistisches Statement gegen die kommerzielle Verwässerung des echten deutschen Liedguts! Ihr versteht einfach nichts von wahrer Klangästhetik!“ Frau Kurze trat einen Schritt vor, zog ihre Dienstmarke aus der Tasche und hielt sie dem am Boden liegenden Maestro unter die Nase. „Klangästhetik hin oder her, Knuppel. Das unerlaubte Betreiben einer Sendeanlage zur Gehirnwäsche von Kneipengästen kostet mindestens eine saftige Geldstrafe und eine Weile Entzug von jeglicher Tontechnik. Aufstehen, Sie kommen mit.“ Herr Filzstift zückte sofort wieder sein Notizbuch und den Stift, wobei er eifrig nickte. „Sehr richtig, Frau Kurze. Ich trage ein: ‚Festnahme des musikalischen Hauptverdächtigen um zwanzig nach elf im feuchten Kellergewölbe‘. Ein historischer Moment für die örtliche Polizei.“ Marc verschränkte die Arme vor der Brust, beobachtete das Spektakel mit kritischem Blick und schüttelte langsam den Kopf. Als ehemaliger Türsteher hatte er in seinem Leben wirklich schon die skurrilsten Gestalten gesehen – betrunkene Handwerker, singende Junggesellenabschiede, verirrte Touristen und aggressive Discogänger –, aber ein verhinderter Dirigent, der die Stadt mit einer Schlager-Metal-Mischung terrorisieren wollte, toppte einfach alles. Es war ein absurdes, fast herzerwärmendes Chaos, das ihn paradoxerweise an die guten alten Zeiten erinnerte. Damals war das Leben zwar einfacher gewesen – man musste Betrunkene meistens nur vor die Tür setzen, statt hochentwickelte Sabotage-Bunker im städtischen Untergrund auszuheben –, aber die Dynamik zwischen seinen Freunden war genau dieselbe geblieben. Loyal, leicht chaotisch und absolut unfähig, sich aus Schwierigkeiten
61 herauszuhalten. „Na schön“, sagte Marc und setzte ein zufriedenes, leicht ironisches Lächeln auf, während sein grauer Vollbart bei jeder Bewegung wackelte. „Wenn die Behörden den Fall jetzt offiziell übernehmen, würde ich sagen, wir haben uns ein ordentliches Feierabendbier verdient. Und zwar im FlowerPower.“ Rudi jubelte leise auf und klatschte in die Hände. „Oh ja! Aber bitte, bitte sagt mir, dass die Jukebox dort drüben jetzt wieder ganz normales, ehrliches Zeug spielt. AC/DC oder Led Zeppelin. Keine Tuba mehr, ich flehe euch an!“ Tino grinste breit und klopfte Rudi auf die Schulter. „Keine Sorge, Kumpel. Ich habe den Stecker gezogen und das Ding komplett neu verkabelt. Da summt und brummt nichts mehr, was nach Blasmusik klingt.“ Sie machten sich auf den Weg. Frau Kurze und Herr Filzstift nahmen den stöhnenden Maestro Knuppel in ihre Mitte und führten ihn in Richtung des Ausgangs, während Dr. Melodie und Herbert schweigend und mit gesenkten Köpfen hinterhergingen – offenbar froh darüber, dass die Situation glimpflich ausgegangen war. Marc, Tino und Rudi bildeten das entspannte Schlusslicht der ungewöhnlichen Prozession. Sie verließen den unterirdischen Bunker durch das unscheinbare Toilettenhäuschen im Stadtpark und traten in die kühle, frische Nachtluft hinaus. Der Mond stand hell und klar am Himmel, und die Stadt schien von dem ganzen akustischen Spuk unberührt zu sein. Es roch nach feuchter Erde, Asphalt und der nahenden Nacht. Tino zog die Autoschlüssel aus der Tasche und warf sie spielend in der Luft herum. „Wer fährt zurück? Ich schlage vor, mein Kombi bringt die Helden der Nacht standesgemäß ins Stammlokal.“ „Ich fahre sicher nicht“, winkte Marc ab, während er sich die Brille abnahm, um sie mit einem Taschentuch von Staub zu befreien. „Ich muss mich erst mal daran gewöhnen, dass mein ruhiger Ruhestand anscheinend aus mehr Action besteht als meine gesamte aktive Zeit als Türsteher.“ „Ach, Marc“, lachte Rudi und hakte sich kurzerhand bei dem ehemaligen Türsteher ein. „Was Besseres hättest du an deinem freien Abend doch sowieso nicht erleben können! Wo sonst kriegt man schon gratis Live-Musik mit anschließender Festnahme geboten?“ Marc schmunzelte, steckte die Brille wieder auf und blickte in
62 Richtung der hell erleuchteten Straße, an deren Ende das vertraute Neonlicht des FlowerPower in der Dunkelheit schimmerte. Er wusste genau, dass dieses Abenteuer wahrscheinlich nicht das letzte seiner Art gewesen war – denn in einer Stadt voller verrückter Kneipengänger, musikalischer Saboteure und treuer Freunde war es für einen Mann wie ihn schlicht unmöglich, jemals wirklich zur Ruhe zu kommen. Und tief in seinem Inneren, hinter der harten Schale des ehemaligen Rausschmeißers, musste er sich eingestehen, dass er das gar nicht anders wollte. Gemeinsam machten sich die drei Freunde auf den Weg zum Wagen, bereit für das nächste Kapitel ihres unberechenbaren Alltags.
63 Ein letztes Bier vor Feierabend Der Duft von abgestandenem Bier, frisch poliertem Holz und einer gesunden Portion politisch unkorrektem Kneipencharme schlug Marc entgegen, als er die Tür des FlowerPower aufdrückte. Es war, als hätte die Zeit hier drinnen angehalten, während draußen im Untergrund die Welt beinahe durch eine diabolische Symphonie aus Blasmusik und Heavy Metal in Schutt und Asche gelegt worden wäre. Hinter ihm drängten die anderen in den warmen Schankraum. Tino strich sich mit rußverschmierten Fingern über die Stirn, während Rudi bereits zielstrebig Kurs auf den Zapfhahn nahm, als gäbe es einen direkten Befehl höherer Instanz zur sofortigen Flüssigkeitszufuhr. „Ich sage euch“, schnaufte Marc, während er seine Brille abnahm und mit einem leicht angenervten Blick über die Gläser wischte, „wenn mir noch einmal ein verrückter Dirigent mit einer Frequenzweiche quer kommt, gehe ich endgültig in Rente. Und zwar auf eine einsame Insel ohne Strom.“ „Och, Marc, nun hab dich mal nicht so“, rief Frau Kurze, die im herrlich geschneiderten Polizeioutfit und mit ihrer kurzen, markanten Frisur fast noch entschlossener wirkte als der halbe Tresen. Sie war durch ihr Auftreten bei den betrunkenen Gästen zwar stets als der Herr der Schicht durchgegangen, doch in diesem Moment war sie einfach nur durstig. „Am Ende hat die Stadtkapelle überlebt, Maestro Knuppel sitzt im Fond unseres Streifenwagens und schmollt, weil seine Triangel beschlagnahmt wurde, und wir alle trinken jetzt ein gepflegtes Bier.“ Herr Filzstift, der treue und stets mit einem akribischen Notizbuch bewaffnete Polizist, nickte pflichtbewusst und blätterte in seinen Unterlagen. „Formal gesehen haben wir einen Paragrafen für ungenehmigte Lärmbelästigung durch Blasinstrumente im schusssicheren Untergrundbunker, aber ich glaube, den Fall müssen wir kreativ als ‚akustische Ruhestörung durch musikalische Irrwege‘ verbuchen.“ Dr. Melodie, der ehemals so geheimnisvolle Saboteur und Musikwissenschaftler, saß derweil auf einem Barhocker in der Ecke, hielt einen Kamillentee in den Händen und starrte melancholisch in den
64 Schaum. Seine Tage als musikalischer Untergrundkämpfer schienen endgültig vorbei zu sein. „Es ging nie um das Geld“, murmelte er leise in seine Tasse. „Es ging um die reine Frequenz. Aber diese Jugend versteht eben nicht, dass man Schlager nicht mit Death Metal kreuzen darf, ohne das Raum-Zeit-Gefüge der Akkordfolgen zu destabilisieren.“ Herbert, der frisch geläuterte ehemalige Antagonist und verwirrte Ex-Gast, der während der gesamten Aktion im Elektrizitätswerk mehr im Weg herumgestanden hatte als alles andere, klopfte Dr. Melodie tröstend auf die Schulter. „Kopf hoch, Alter. Ich wollte damals auch nur, dass die Jukebox in Dauerschleife ‚Er gehört zu mir‘ spielt, weil meine Ex-Frau das Lied gehasst hat. Dass am Ende ein globaler Kollaps der Frequenzen daraus wird, konnte ja nun wirklich niemand ahnen.“ Tino, der sich inzwischen hinter der Theke zu schaffen machte, warf einen kritischen Blick auf das Herzstück des Raumes – die alte Jukebox. Nach den Strapazen des Tages stand sie da wie ein unschuldiges Lamm, das gerade erst von einer Gehirnwäsche genesen war. „Also, die Platinen sind durchgebrannt, das sage ich euch gleich“, verkündete der Automechaniker und griff nach einem Schraubenzieher, den er rein vorsorglich in der Jackentasche behalten hatte. „Wenn da noch einmal jemand einen USB-Stick mit der Aufschrift ‚Projekt Ragnarök‘ reinsteckt, explodiert nicht nur die Frequenzweiche, sondern gleich die ganze Schanklizenz.“ Howi, der Haus-DJ der Kneipe, der das ganze Drama aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, trat mit verschränkten Armen an den Tisch. „Solange sie wieder Rock spielt, ist mir alles recht“, brummte er. „Diese Schlager-Phase hat mich fast meine Existenzgrundlage gekostet. Die Gäste haben angefangen, synchron zu schunkeln. Auf ‚Highway to Hell‘! Das war ein Bild des Jammers, sag ich euch.“ Marc ließ sich auf seinen gewohnten Platz am Stammtisch fallen. Der frühere Türsteher hatte in seinem Leben schon viele Schlägereien geschlichtet, aggressive Betrunkene vor die Tür befördert und manch skurrile Nachtschicht überstanden, aber ein musikalischer Weltuntergang mit Blasmusik-Attitüde war selbst für seine Verhältnisse eine neue Dimension des Wahnsinns
65 gewesen. „Rudi“, brummte Marc und deutete auf das Glas, das sein treuer Begleiter gerade mit fachmännischer Hand einschenkte. „Wenn das Bier jetzt nicht schmeckt, machen wir den Laden dicht und wandern nach Bayern aus. Dort verstehen sie wenigstens etwas von ordentlicher Volksmusik – oder eben auch nicht, aber da ist es mir dann egal.“ „Das Bier ist frisch, Chef!“, rief Rudi mit strahlendem Gesicht und stellte das kühle Glas vor Marc ab, als hätte er gerade den Heiligen Graal präsentiert. „Extra aus dem Zapfhahn gezapft, den Tino vor drei Jahren eigenhändig mit einem Dichtungsring aus einer alten Kaffeemaschine repariert hat. Da geht nichts schief!“ Tino, der immer noch mit dem Schraubenzieher in der Hand hinter der Theke stand, fühlte sich geehrt. „Hey, der Dichtungsring hält bis heute. Das ist deutsche Wertarbeit aus der Werkstatt. Da kann kein Maestro Knuppel der Welt mit einer Triangel gegen anstinken.“ Die Anspannung des Tages wich langsam einer ausgelassenen, fast schon surrealen Heiterkeit. Frau Kurze lachte laut auf, während sie mit Herr Filzstift anstieß. Der Polizist hatte sein Notizbuch mittlerweile weggelegt, was bei ihm stets das sichere Zeichen dafür war, dass der Dienstgipfel offiziell beendet war. Selbst Dr. Melodie schien sich von seinem intellektuellen Trauma zu erholen und nippte vorsichtig an seinem Kamillentee, während er begann, mit den Fingern leise den Takt eines unsichtbaren Rock-Songs auf den Tresen zu trommeln. „Weißt du, Marc“, sagte Tino und lehnte sich neben seinem alten Freund an die Theke, während er einen Schluck von seinem Pils nahm. „Man muss schon sagen: Für den Ruhestand war das mal wieder eine ganz ordentliche Veranstaltung. Fast wie früher an der Tür, nur dass die Typen diesmal keine gefälschten Ausweise hatten, sondern geistesgestörte Frequenztheorien.“ Marc schmunzelte und nahm einen tiefen Zug aus seinem Glas. Die Kühle des Bieres tat gut nach den schweißtreibenden Stunden im verlassenen Elektrizitätswerk und dem anschließenden Finale im Stadtpark. Er blickte in die Runde: Rudi, der glücklich wie ein Hund mit zwei Schwänzen zwischen den Tischen hin und her wuselte; Tino, der verlässliche Mechaniker mit der unerschütterlichen Ruhe; die beiden Gesetzeshüter, die längst
66 mehr zu Freunden als zu Behördenvertretern geworden waren; und sogar die kuriose Ansammlung ehemaliger Schurken und Kneipenbekanntheiten, die nun einträchtig beisammen saßen. „Ruhestand wird völlig überbewertet“, stellte Marc fest und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Bart. „Wer braucht schon einen Garten und Gemüseteppiche, wenn man stattdessen die musikalische Integrität der westfälischen Subkultur retten kann?“ „Eben!“, rief Rudi und erhob sein Glas, gefolgt von allen anderen am Tisch. „Auf den Musikminister, auf die Frequenzweiche und darauf, dass hier nie wieder ein Schlager läuft!“ Die Gläser klangen zusammen, und ein kollektives Lachen erfüllte den Raum, das den letzten Rest der nächtlichen Anspannung fortspülte. Doch die Harmonie sollte, wie so oft in Marcs Leben, nicht von langer Dauer sein. Mitten in das Gelächter hinein erklang ein seltsames Geräusch von der Jukebox. Es war kein Krachen, kein Knistern und erst recht kein Schlager. Es war ein tiefes, elektronisches Summen, gefolgt von einem hellen, fast unheimlichen Piepton, der sich durch den gesamten Schankraum zog. Die Lichter in der Kneipe flackerten kurz auf, und die Gläser auf dem Tresen begannen leicht zu vibrieren. Tino starrte sofort argwöhnisch zur Jukebox hinüber, während sein Werkzeug in der Tasche leise klimperte. „Das… das ist nicht normal. Die Hauptplatine war doch gebrückt!“ Marc setzte sein Glas langsam ab. Das vertraute, leicht aggressive Kribbeln in den Muskeln kehrte schlagartig zurück. Er schob seine Brille auf der Nase nach oben, musterte das alte Gerät mit dem scharfen Blick eines Mannes, der zu viele Jahre an den Türen der Stadt verbracht hatte, um sich noch einmal überraschen zu lassen – und sich dann doch jedes Mal aufs Neue überraschen ließ. Aus den Lautsprechern der Jukebox ertönte kein Lied, sondern eine verzerrte, synthetische Computerstimme, die durch den Raum hallte und unmissverständlich verkündete: „Initialisierung der Backup-Sequenz erfolgreich. Willkommen zurück im Hauptmenü, Herr Türsteher.“ Im Schankraum herrschte plötzlich Totenstille. Selbst Rudi hielt den Atem an, während alle Augen wie auf Kommando zu Marc wanderten. Marc atmete tief aus, schüttelte den Kopf und griff nach seiner Jacke, die
67 über der Stuhllehne hing. „Tino“, sagte er mit jener unverkennbaren Ruhe, die immer dann eintrat, wenn es ernst wurde. „Hol den großen Steckschlüssel. Es sieht so aus, als hätten wir den Feierabend verschoben.“
68 Der violette Puls der Jukebox Die Jukebox im FlowerPower stieß ein metallenes, mechanisches Aufstöhnen aus, das klang wie ein alternde Kaffeemaschine, die auf eine Rebellion aus war. Aus den Lautsprechern dröhnte kein sanfter Rockklassiker und auch kein skurriler Schlager, sondern ein synthetischer Rhythmus, der die Gläser im Regal gefährlich zum Tanzen brachte. Die bunten Lichter der Frontscheibe flackerten in einem unheilvollen, violetten Pulsieren. Marc stand mitten im Schankraum, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben, und starrte das hölzerne Gehäuse an. Seine Glatze glänzte im Neonlicht, und durch die Brillengläser hinweg musterte er das Gerät mit dem unbarmherzigen Blick eines Mannes, der in den Neunzigerjahren schon ganz andere Gestalten vor den Türen der angesagtesten Clubs der Stadt abgewiesen hatte. „Na wunderbar“, brummte Marc mit seiner tiefen, leicht angerauten Stimme. „Gerade dachte ich, ich könnte meinen Feierabend auf der Couch verbringen, und jetzt fängt dieses Möbelstück an, mit mir zu diskutieren.“ Tino, der mit einem klobigen Werkzeugkasten unter dem Arm herbeigeeilt war, ließ den Kasten mit einem dumpfen Knall auf den nächstbesten Tisch fallen. „Mach dir keine Sorgen, Marc“, sagte der Automechaniker und schob sich die schmutzige Schiebermütze aus der Stirn. „Ein bisschen Schraubenzieher, ein gezielter Schlag mit der flachen Hand auf die linke Gehäusewand, und die Kiste singt wieder die Lieder, die wir hören wollen. Elektronik hat vor mir noch nie gewonnen.“ Rudi, der sich wie üblich in einer leichten Panikphase befand und hektisch mit den Armen gestikulierte, rannte derweil hinter dem Tresen hervor. „Siehst du, Marc? Ich habe es dir doch gesagt! Die Maschinen übernehmen die Weltherrschaft, und das Schlimmste ist, sie fangen bei unserer Musikkneipe an! Wenn die Jukebox nicht pariert, bricht hier die totale Anarchie aus! Gestern waren es noch Schlager, heute ist es synthetischer Weltraum-Lärm, und morgen spielen sie wahrscheinlich Blockflöten-Musik im Dauerloop!“ „Rudi, beruhige dich“, sagte Frau Kurze, die mit strengem Blick und
69 kurzen Haaren an der Seite ihres Kollegen stand. Sie trug ihre Polizeiuniform mit einer Lässigkeit, die man sonst nur von Kneipenlegenden kannte. „Niemand spielt hier Blockflöten-Musik, solange die Gesetzeshüter anwesend sind. Filzi, hast du dir das aufgeschrieben?“ Herr Filzstift, der an der Bar stand und emsig in seinem kleinen Notizbuch blätterte, nickte eifrig. „Jawohl, Frau Kurze. Vermerk im Protokoll: Unautorisierte akustische Frequenzmanipulation durch ein tückisches Musikgerät. Verdacht auf Fortsetzung krimineller Machenschaften trotz Festnahme des Hauptverdächtigen.“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der nun gezwungenermaßen in der Ecke stand und von Herbert – dem frisch geläuterten, aber immer noch leicht verwirrten Ex-Antagonisten – im Auge behalten wurde, schüttelte verächtlich den Kopf. „Sie verstehen das alle nicht“, rief Dr. Melodie und gestikulierte mit den Händen. „Das Gerät hat ein eigenes Bewusstsein entwickelt! Es reagiert auf die kollektive Sehnsucht nach musikalischer Erleuchtung! Mein ‚Projekt Ragnarök‘ war nur der Auslöser, aber das, was hier passiert, ist reine, unkontrollierbare Physik!“ „Halt den Mund, Melodie“, fauchte Herbert, der sich eine Brezel aus dem Korb gegriffen hatte und darauf herumkaute. „Du hast das Desaster erst ins Rollen gebracht. Wegen dir musste ich im Elektrizitätswerk stundenlang an knopfbedienten Fernbedienungen hantieren, bis mir die Finger wehtun. Noch so ein Wort, und ich erzähle allen, wie du damals bei deiner Musikprüfung durchgefallen bist.“ Howi, der Haus-DJ der Kneipe, lehnte sich mit verschränkten Armen über das Mischpult und schüttelte bedauernd den Kopf. „Egal, wer schuld ist Fakt ist, dass meine Playlist komplett im Eimer ist. Ich wollte heute eigentlich einen astreinen Classic-Rock-Abend machen, und jetzt tanzen hier nicht mal die Ratten freiwillig.“ „Genug geredet“, unterbrach Marc die Diskussion mit einer Autorität, die sofort für absolute Stille im Raum sorgte. Er trat an die Jukebox heran, klopfte mit einem Finger gegen das Holz, als würde er einen störrischen Gast zur Räson rufen, und wandte sich dann an Tino. „Mach das Ding auf, bevor es uns noch anknurrt.“ Tino zögerte keine Sekunde. Er kniete sich vor das antike Gerät, öffnete mit einem passenden Dietrich das
70 untere Servicegärtchen und leuchtete mit einer Taschenlampe in das Innere. „Uiuiui“, murmelte der Mechaniker. „Da drin sieht es aus wie im Maschinenraum von einem U-Boot nach einer Wasserbombendefensive. Da leuchtet was Violettes, und das zischt.“ Plötzlich gab die Jukebox einen schrillen Ton von sich. Ein holografischer Schriftzug, projiziert durch eine heimliche, eingebaute LED-Leuchte, flackerte auf der Glasscheibe auf. Darauf stand in leuchtenden Buchstaben: „ERMITTLUNG UNVOLLSTÄNDIG. DER WAHRE MEISTER WARTE IM SCHATTEN.“ „Na fantastisch“, stöhnte Rudi. „Jetzt fangen die Computer auch noch an, philosophische Botschaften zu hinterlassen. Marc, ich sage dir, wir stecken mitten in einem schlechten Science-Fiction-Film, und wir haben vergessen, Popcorn zu kaufen.“ Herr Filzstift zückte seinen Stift und leuchtete mit einer eigenen kleinen Taschenlampe auf die Scheibe. „Interessant. Ein digitaler Hinweis. Soll ich das unter ‚Hinweise auf mysteriöse Hintermänner im Untergrund‘ verbuchen, Frau Kurze?“ „Verbuche es unter ‚Wir müssen der Sache auf den Grund gehen, bevor uns dieser Blechkasten um die Ohren fliegt‘“, erwiderte Frau Kurze trocken. Sie legte die Hand an das Holster ihrer Dienstwaffe, rein vorsorglich, falls die Jukebox beschließen sollte, einen physischen Angriff zu starten. Tino wurschtelte derweil mit einer Zange im Inneren des Geräts herum. Es gab einen lauten Funkenflug, ein kurzes Aufzischen, und der ohrenbetäubende Sound erstarb abrupt mit einem tiefen Seufzen. Die violetten Lichter erloschen, und das FlowerPower versank in einer friedlichen, fast unheimlichen Stille, die nur noch von dem leisen Summen des Kühlschranks unterbrochen wurde. „Ha!“, rief Tino stolz und wischte sich den Ruß von der Stirn. „Das war ein Kinderspiel. Kein Computer der Welt ist schlau genug für einen gelernten Automechaniker aus dieser Stadt.“ „Zu früh gefreut, Tino“, sagte Marc leise. Er hatte seinen Blick nicht von der Rückseite des Gehäuses abgewandt. Dort, wo eigentlich nur alte Kabel und Staub liegen sollten, blinkte ein winziges, rotes Lämpchen, das gerade eben erst angegangen war. Es piepste in einem schnellen, rhythmischen Takt, der
71 verdächtig nach einem Countdown klang. Dr. Melodie riss die Augen auf. „Das… das ist kein normaler Schaltkreis! Das ist ein Notfall-Modul! Wenn dieses Signal nicht sofort gestoppt wird, sendet es die Frequenz an alle anderen Empfänger im Stadtgebiet!“ „An welche Empfänger?“, fragte Rudi mit tonloser Stimme. „An alle alten Jukeboxen, Radios und Lautsprecheranlagen in den Kneipen, im Stadtpark und im alten Hallenbad!“, rief Dr. Melodie panisch. „Die ganze Stadt wird sich in eine einzige, unaufhörliche Schlagermaschine verwandeln! Es ist der ultimative musikalische Albtraum!“ Herbert schluckte schwer an seiner Brezel. „Das können die nicht machen. Wenn die im Hallenbad Schlager spielen, gehe ich da nie wieder schwimmen.“ Marc atmete tief aus. Er zog seine Brille ab, putzte sie langsam an seinem Jackenärmel, setzte sie wieder auf und blickte in die Gesichter seiner treuen Gefährten. Er sah Tino mit der Zange in der Hand, Rudi mit schlotternden Knien, die resolute Frau Kurze, den schreibenden Herrn Filzstift, den gestressten Dr. Melodie, den zerknirschten Herbert und den fassungslosen Howi. Sie alle waren Teil dieses absurden Kosmos geworden, ob sie wollten oder nicht. „Tino“, sagte Marc mit jener unerschütterlichen Ruhe, die er schon damals an der Tür bewiesen hatte, wenn sich ein halbes Dutzend betrunkener Raufbolden gleichzeitig in den Haaren lag. „Wie lange haben wir, bevor dieses rote Lämpchen aufhört zu blinken und die Stadt kollabiert?“ Tino warf einen Blick auf die winzigen Zahlen, die auf dem kleinen Display im Inneren aufleuchteten. „Ähm… ungefähr drei Minuten, Marc. Vielleicht auch zwei, wenn ich mich verrechnet habe.“ „Zwei Minuten“, wiederholte Marc und zog die Jacke wieder glatt. Er blickte zur Eingangstür der Kneipe, durch die man in die dunkle, kalte Nacht hinausblickte, wo das eigentliche Abenteuer im Stadtpark und darüber hinaus auf sie wartete. „Das reicht völlig aus, um unsere Jacken anzuziehen.“ „Warte mal“, protestierte Rudi leise. „Wollen wir etwa schon wieder los? Wir haben doch gerade erst das Bier aufgemacht!“ „Das Bier läuft uns nicht weg, Rudi“, sagte Marc und wandte sich zum Gehen um, während Tino bereits wild an den letzten Kabeln riss. „Aber
72 wenn dieser ominöse Meister da draußen glaubt, er könne unsere Kneipe und unsere Ohren ungestraft mit Dauer-Schlagern foltern, dann hat er sich geschnitten. Kommt mit. Wir haben noch eine Rechnung zu begleichen.“ Herr Kurze nickte entschlossen und zog den Schlagstock halb aus der Halterung. „Genau meine Worte. Filzi, nimm die Zusatzfackel mit. Wir gehen auf Großwildjagd im Stadtpark.“ Mit entschlossenen Schritten verließ die ungleiche Truppe das FlowerPower, während im Hintergrund das rote Lämpchen der Jukebox unermüdlich weiterpiepste und den Beginn einer neuen, noch absurderen Runde im Kampf um die musikalische Integrität der Stadt einläutete.
73 Marsch der letzten Hoffnung Die nächtliche Luft im Stadtpark roch nach feuchtem Gras, faulem Laub und der unverkennbaren Panik eines drohenden stadtweiten Musikdiktats. Marc, dem grauen Vollbart und der unfehlbaren Lesebrille auf der Nase, marschierte voran wie ein General in den Krieg, nur dass seine Uniform aus einer verwaschenen Jeans und einer Lederjacke bestand. Hinter ihm stolperte die illustre Gesellschaft: Tino, der Automechaniker mit dem permanenten Schraubenschlüssel in der Gesäßtasche, Rudi, der wie üblich ein bisschen zu viel redete und ein bisschen zu wenig dachte, sowie das Gesetz in Form von Frau Kurze und Herr Filzstift. Letzterer hielt krampfhaft sein Notizbuch bereit, obwohl die Dunkelheit des Parks das Schreiben unmöglich machte, was ihn jedoch nicht im Geringsten störte. Abgerundet wurde die Truppe durch den geläuterten Herbert, den ehemaligen Antagonisten, der nun reumütig hinterherwackelte, und Dr. Melodie, den man vorsorglich im Auge behielt. „Ich sage euch“, schnaufte Rudi, während er über eine unsichtbare Baumwurzel stolperte und sich an Tinos Jacke festhielt, „das ist alles ein Komplott der Blasmusik-Lobby. Die wollen uns mürbe machen. Erst spielen sie uns den Heavy Metal aus den Ohren, und jetzt kommen die Blockflöten des Todes!“ „Halt den Mund, Rudi“, brummte Marc, ohne den Blick von den schattigen Wegen des Parks abzuwenden. „Konzentrier dich lieber darauf, ob du Schritte hörst. Der Countdown aus der Kneipe läuft in unseren Köpfen weiter, das spüre ich.“ Tino, der Mechaniker, schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, Marc. Wenn die Jukebox im FlowerPower tatsächlich mit dem stadtweiten Frequenznetz verbunden ist, dann hat dieses Notfall-Modul einen Master-Switch. Wir müssen nur den Verteilerkasten im Musikpavillon finden.“ „Genau da wollten die uns doch hinlocken“, warf Dr. Melodie ein, der mit verschränkten Armen und einem leicht theatralischen Gesichtsausdruck hinterherging. „Es ist eine klassische Symphonie der Täuschung! Der wahre Drahtzieher spielt mit uns wie ein Dirigent mit seinem Orchester.“ Frau Kurze drehte sich abrupt
74 um und musterte den Musikwissenschaftler mit einem Blick, der härter war als ein gefrorener Bremsklotz. „Noch ein Ton von ‚Symphonie‘ oder ‚Orchester‘, Melodie, und ich stecke Sie in den Kofferraum von Filztsifts Streifenwagen. Und glauben Sie mir, da liegt schon seit drei Wochen ein alter Döner drin.“ Herr Filzstift nickte eifrig. „Paragraph Vierzehn Absatz B: Unzulässige Metaphern im Angesicht einer drohenden akustischen Katastrophe. Das gibt mindestens eine Verwarnung.“ Herbert schluckte hörbar. „Ich wollte ja nur sagen… damals im Elektrizitätswerk war das alles viel logischer. Da gab es wenigstens ordentliche Schalter.“ „Du hast den Server fast in die Luft gejagt, Herbert“, erinnerte ihn Tino trocken. „Von wegen Logik.“ Die Gruppe bog um eine scharfe Kurve, hinter der alte, eiserne Musikpavillon im fahlen Licht der Straßenlaternen aufragte. Die hölzernen Säulen wirkten morsch, und das geschwungene Dach erinnerte an einen riesigen Hut, unter dem sich finstere Gestalten versammeln konnten. Und tatsächlich: Aus dem Inneren des Pavillons drang ein schummriges, blaues Leuchten. Ein elektronisches Summen, das wie ein tiefes Brummen durch den Boden vibrierte, ging ihnen durch Mark und Bein. Marc hob die Hand und brachte die Gruppe mit einer einzigen Geste zum Stillstand. Er schob die Brille auf der Nase zurecht, kniff die Augen zusammen und musterte die Szenerie. „Halt. Alle Mann Deckung hinter den Büschen. Tino, nimm deinen Werkzeugkoffer. Wenn da drinnen jemand an den Kabeln spielt, will ich, dass die Sicherungen fliegen, bevor die erste Note erklingt.“ Tino nickte stumm, kramte aus seiner Tasche einen schweren Seitenschneider hervor und schlich sich auf leisen Sohlen – erstaunlich leise für einen Automechaniker, der sonst eher durch Motorenlärm auffiel – an die hintere Wand des Pavillons heran. Rudi wollte ihm folgen, trat dabei jedoch auf eine trockene Astgabel, die mit einem lauten Kratz zerbrach. „Verdammt, Rudi!“, zischte Marc leise und verdrehte die Augen. „Du bist kein Geheimagent, du bist eine wandelnde Lärmbelästigung!“ „Entschuldigung“, flüsterte Rudi zurück und machte sich so klein, wie es ein Mann seiner Statur eben vermochte, was aussah wie ein
75 zusammengeklappter Liegestuhl. Aus dem Inneren des Pavillons ertönte eine helle, fast hysterische Lache. „Zu spät, meine lieben Freunde der musikalischen Ordnung! Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ihr den echten Maestro aufhalten könnt, nur weil ihr ein paar Kabel durchgeschnitten habt?“ Eine Gestalt trat ins Licht der Laterne, die auf der Plattform des Pavillons stand. Es war kein Geringerer als Günther Krawall, der zuvor noch als unwissender Handlanger im Park aufgetaucht war. Doch jetzt trug er einen viel zu großen Dirigentenfrack, und in seiner Hand hielt er keine normale Fernbedienung, sondern ein modifiziertes Megaphon, das mit bunten Kabeln und blinkenden LEDs verziert war. „Günther?“, rief Herbert verwirrt aus dem Gebüsch. „Was machst du denn schon wieder für einen Blödsinn? Ich dachte, ich hätte die Weltherrschaftsschalte gepachtet!“ „Du hattest deine Chance, Herbert!“, rief Krawall mit überschlagener Stimme zurück und schwenkte das Megaphon. „Dein Heavy-Metal-Verschnitt war viel zu laut für die zarte Seele der Stadt. Die Menschen wollen Melodie! Sie wollen den ultimativen Schlager-Mix, der sie direkt in den Wahnsinn treibt! Der Musikminister hat mir die alleinige Verantwortung übertragen!“ Marc trat aus dem Gebüsch hervor, gefolgt von Frau Kurze und Herrn Filzstift. Er verschränkte die Arme vor der Brust, ließ seine breiten Schultern spielen und blickte den selbsternannten Dirigenten mit dem unerschütterlichen Ernst eines Mannes an, der schon ganz andere Rabauken vor den Türen der Kneipen stehen hatte. „Günther“, sagte Marc mit tiefer, ruhiger Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Hör auf zu fuchteln. Das ist kein Dirigierstab, das ist Elektroschrott mit Blinklichtern. Und wenn du jetzt nicht sofort diesen Krachmacher runterfährst, zeige ich dir, wie sich ein echter Rausschmiss anfühlt. Und glaub mir, da brauch ich keine Musik dazu.“ Krawall zuckte kurz zusammen, fing sich dann aber wieder und lachte schrill. „Zu spät! Der Countdown läuft bereits! In genau zwei Minuten schaltet sich das Notfall-Modul der Jukebox auf den Hauptmast des Rundfunks auf. Die ganze Stadt wird ununterbrochen ‚Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben‘ hören – in einer
76 Endlosschleife, die niemals endet!“ „Um Gottes Willen“, stöhnte Rudi im Gebüsch. „Nicht schon wieder! Davon kriege ich Hautausschlag!“ „Herr Filzstift“, wandte sich Frau Kurze mit fester Stimme an ihren Kollegen. „Bereiten Sie die Handschellen vor. Ich glaube, der Herr Dirigent braucht eine Auszeit von der Hochkultur.“ „Bereit“, rief Filzstift und kramte in seinem Mantel, während er gleichzeitig versuchte, das Notizbuch unter den Arm zu klemmen, was beinahe dazu führte, dass es in den Schlamm fiel. Tino nutzte die Ablenkung perfekt. Während Krawall sich auf Marc konzentrierte und triumphierend grinsend das Megaphon hob, schlich sich der Mechaniker von der Seite an die Treppe des Pavillons heran, sprang mit einem Satz nach oben und packte den vermeintlichen Dirigenten am Kragen seines Fracks. „Halt die Tasten still, Krawall!“, rief Tino und entriss ihm mit einem geschickten Handgriff das blinkende Megaphon. „Hey! Das ist mein künstlerisches Ausdrucksmittel!“, kreischte Krawall und versuchte, sich zu wehren, doch gegen einen Automechaniker, der jeden Tag mit festgerosteten Zylinderköpfen kämpfte, hatte er schlicht keine Chance. Tino drückte ihn sanft, aber bestimmt auf eine Holzbank im Inneren des Pavillons und hielt ihn dort fest. Marc ging langsam die Stufen hinauf, nahm das Megaphon entgegen und betrachtete die blinkenden Drähte. „Tino, kann man das Ding entschärfen, ohne dass uns die Ohren abfallen?“ Tino kniete sich hin, zog den kleinen Seitenschneider aus der Tasche und beugte sich über die Elektronik. Sein Gesicht verzog sich in pure Konzentration. „Sekunde… Rot auf Blau… oder war es Blau auf Rot? Wenn ich das falsche Kabel erwische, spielen wir hier gleich alle zusammen Polka.“ „Mach hinne, Tino!“, rief Rudi vom Boden herauf. „Die Strassentauben fangen schon an im Takt mitzuwippen, das ist kein gutes Zeichen!“ Dr. Melodie trat ebenfalls auf die Plattform, beugte sich über Tinos Schulter und flüsterte: „Versuchen Sie die Frequenzmodulation bei dreihundert Hertz zu kappen, mein Lieber. Das ist der klassische Rhythmus des Widerstands.“ „Halt den Mund, Melodie“, brummte Tino, während ihm ein Schweißtropfen von der Stirn tropfte. Die LEDs des Megaphons blinkten in immer
77 kürzer werdenden Intervallen. Ein hohes Piepen – der Countdown näherte sich dem dramatischen Endpunkt – schnitt durch die Nachtluft. „Noch zehn Sekunden!“, rief Herr Filzstift, der inzwischen ebenfalls die Treppe hinaufgestolpert war und gebannt auf seine Armbanduhr starrte. „Ich hab’s gleich“, murmelte Tino. Mit einer schnellen, fast chirurgischen Bewegung setzte er den Seitenschneider an ein dikes, violettes Kabel an und drückte zu. Ein lautes Zisch ertönte. Die bunten Lichter des Megaphons flackerten wild auf, gaben ein letztes, klägliches Stöhnen von sich und erloschen dann vollständig. Das tiefe Brummen im Boden verstummte schlagartig. Stattdessen kehrte eine fast gespenstische, tiefe Stille in den Stadtpark zurück, die nur noch vom leisen Rauschen des Windes in den Baumkronen unterbrochen wurde. Krawall sackte auf der Holzbank zusammen und starrte fassungslos auf das tote Gerät in Tinos Hand. „Meine… meine Melodie… sie ist verstummt.“ „Gott sei Dank“, stöhnte Marc erleichtert, strich sich über den Vollbart und steckte die Hände in die Taschen seiner Lederjacke. Er blickte in die Runde seiner erschöpften, aber glücklichen Mitstreiter. „Das war knapp. Sehr knapp.“ Frau Kurze trat vor, packte den verdutzten Krawall am Arm und zog ihn hoch. „So, Herr Krawall. Ihr Auftritt ist beendet. Wir gehen jetzt aufs Revier, und dort singen Sie uns ein ganz anderes Lied.“ Herbert seufzte tief und kratzte sich am Kopf. „Meint ihr, wir können jetzt endlich zurück ins FlowerPower gehen und ein normales Bier trinken? Ohne Musik, ohne Jukebox, einfach nur Bier?“ „Das“, sagte Marc und warf einen letzten, misstrauischen Blick in Richtung des dunklen Parks, „wollen wir schwer hoffen. Aber ich habe das Gefühl, dass dieser sogenannte ‚Musikminister‘ noch lange nicht aufgegeben hat.“ Mit diesen Worten setzte sich die Gruppe in Bewegung, um den Rückweg anzutreten, während im Schatten des alten Pavillons unbemerkt ein kleiner, roter Notizzettel vom Tisch wehte, auf dem eine neue, kryptische Adresse stand.
78 Die Botschaft im Wind Der rote Notizzettel flatterte durch die laue Nachtluft des Stadtparks, als ob er ein Eigenleben besäße, und landete punktgenau auf den frisch geputzten Halbschuhen von Herr Filzstift. Der Polizist blieb stehen, blickte mit einer Miene, die absolutes behördliches Unbehagen ausdrückte, auf das kleine Stück Papier herab und zog seine Brille auf der Nase nach oben. „Na, was haben wir denn da schon wieder für eine amtliche Belästigung?“, brummte Herr Filzstift und bückte sich mit der Eleganz eines schwer beladenen Krans, um das Papier aufzuheben. Marc, dem grauen Vollbart und der mittlerweile unverzichtbaren Lesebrille, seufzte tief. Er rieb sich über die Schläfen. Eigentlich hatte er gehofft, diesen Abend bei einem kühlen Bier in seiner Stammkneipe ausklingen zu lassen, anstatt im Dunkeln durch feuchte Büsche zu stolpern. Neben ihm stand Tino, der Automechaniker und treue Weggefährte, der sich gerade die ölverschmierten Hände an einer alten Stoffhose abwischte. „Lass mich raten, Filzi“, sagte Marc mit einer Stimme, die tonnenschwere Last von fünfzig Lebensjahren und unzähligen besoffenen Kneipengästen widerspiegelte. „Da steht nicht zufällig ‚Herzlichen Glückwunsch zum gewonnenen Wellness-Wochenende‘ drauf, oder?“ Herr Filzstift strich das Papier glatt und schüttelte den Kopf. Seine Züge versteinerten sich in dem schummrigen Licht der Parklaterne. „Negativ. Es handelt sich um eine Adresse. Industriestraße vierzig. Und darunter steht in krakeliger Handschrift: ‚Das Finale lässt sich nicht aufhalten.‘ Gezeichnet: Der Musikminister.“ Frau Kurze, die resolute Polizistin, die wegen ihrer kurzen Haare und ihres durchsetzungsstarken Auftretens von Betrunkenen gerne mal für einen Mann gehalten wurde, trat energisch einen Schritt nach vorn. Sie riss Herrn Filzstift den Zettel förmlich aus der Hand. „So, Schluss jetzt mit dem Kindergeburtstag. Wer immer dieser Musikminister ist, er treibt sein Unwesen in unserem Revier. Und das bedeutet: Ordnung muss her, und zwar sofort!“ Rudi, der liebenswerte, aber zu nervösen Zuckungen neigende Kneipenhelfer, schluckte hörbar und klammerte sich an Marcs Jackenärmel. „Marc!
79 Industriestraße vierzig? Das ist doch das alte, abgerockte Lagerhaus am Hafen! Da spukt es doch! Oder noch schlimmer – da gibt es keinen Handyempfang! Wie sollen wir denn da überleben?“ „Ganz ruhig, Rudi“, brummte Marc und tätschelte dem zitternden Mann ungeduldig die Schulter. „Niemand spukt hier. Höchstens ein paar Ratten und ein paar Typen mit massivem Dachschaden. Aber wenn wir diesen Musikminister nicht stoppen, spielen die uns demnächst auf jeder Beerdigung zwanzig Stunden am Tag volkstümliche Marschmusik vor. Und das ist eine Drohung, die ich nicht auf mir sitzen lasse.“ Im Hintergrund räusperte sich Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur und selbsternannte Musikwissenschaftler, den die Gruppe nach seinen vergangenen Missetaten wohl oder übel als Art unfreiwilligen Führer durch die kriminelle Musikszene mitgeschleppt hatte. Er rückte seinen Trenchcoat zurecht und lächelte süffisant. „Sie unterschätzen die psych akustische Dimension dieses Unterfangens, meine Herren. Der Minister ist kein gewöhnlicher Krimineller. Er ist ein Visionär des schlechten Geschmacks. Seine Frequenzen können Ziegelsteine zum Bröckeln bringen!“ „Noch so ein Spruch, Doktor, und ich sorge dafür, dass Ihre nächste Symphonie aus dem Zahnarztbohrer kommt“, knurrte Marc. Ein leichtes Zucken ging durch seine breiten Schultern. Er kniff die Augen hinter der Brille zusammen. Er mochte zwar älter geworden sein, aber Respektlosigkeit im Revier hatte er noch nie leiden können. Herbert, der frisch geläuterte ehemalige Antagonist, der sich nun reumütig der Gruppe angeschlossen hatte, nickte eifrig. „Marc hat Recht! Hören Sie auf den Chef, Herr Doktor. Der Mann weiß, wie man die Leute ruhigstellt. Ich spreche da aus schmerzhafter Erfahrung.“ Tino klopfte an seinen Werkzeugkasten, den er stets bei sich trug. „Wagen stehen bereit. Wenn wir uns beeilen, sind wir in zehn Minuten an der Industriestraße. Aber ich sage euch eins: Wenn die Karre dort wieder anfängt, Heavy Metal zu spielen, fahre ich freiwillig rückwärts gegen die nächste Betonwand.“ „Keine halben Sachen, Tino“, erwiderte Frau Kurze und schlug entschlossen die Hacken zusammen. „Wir fahren im geschlossenen Verband. Herr Filzstift, Sie nehmen den
80 Beifahrersitz und protokollieren jedes verdächtige Geräusch. Und Marc… Sie sorgen dafür, dass dieser Musikminister am Ende des Abends handfesten Respekt vor der deutschen Rechtspflege und dem guten Musikgeschmack hat.“ „Verstanden“, brummte Marc. Wenige Augenblicke später setzte sich die kleine Autokolonne in Bewegung. Tinos alter Kombi, der klang wie ein sterbender Rasenmäher, führte das Feld an, dicht gefolgt vom Streifenwagen der beiden Polizisten. Die Fahrt zur Industriestraße verlief schweigend, aber die Anspannung im Wagen war mit Händen zu greifen. Rudi starrte panisch aus dem Fenster, während Marc stoisch nach vorn blickte und im Geiste bereits durchdachte, wie er einen störrischen Schurken am Kragen packte und vor die Tür setzten würde – metaphorisch gesprochen, oder auch ganz wörtlich, je nach Härtegrad der Lage. Als sie das Hafengebiet erreichten, bot sich ihnen ein Bild des Jammers. Die Industriestraße vierzig war ein fensterloses, grau verputztes Zweckgebäude aus den siebziger Jahren, umgeben von rostigem Maschendrahtzaun und dystopischer Dunkelheit. Aus den Lüftungsschlitzen des Gebäudes drang ein dumpfes, unheilvolles Vibrieren – eine Mischung aus dröhnendem Synthesizer-Bass und schlagermäßigem Akkordeon-Gejaule. „Na wunderbar“, flüsterte Tino, während er den Motor abstellte. „Das nenne ich akustische Umweltverschmutzung im Endstadium.“ Marc öffnete langsam die Wagentür und stieg aus. Die kühle Nachtluft strich über seine Glatze. Er zog den grauen Vollbart glatt, setzte seine Brille fest auf die Nase und trat mit entschlossenem Schritt vor die Gruppe. „Okay, Leute“, sagte er mit leiser, aber unverkennbar autoritärer Stimme. „Der Spaß hört hier auf. Wir gehen da jetzt rein, stellen diesen Musikminister zur Rede und sorgen dafür, dass in Zukunft in keiner Kneipe mehr ungefragt Marianne Rosenberg läuft. Filzi, Kurze, sichern Sie den Hintereingang. Tino, Rudi, ihr bleibt dicht hinter mir und passt auf, dass niemand von hinten kommt. Und Herbert… Sie bleiben einfach da stehen und atmen durch.“ „Verstanden, Chef!“, rief Herbert pflichtbewusst. Mit einem kräftigen Stoß öffnete Marc die rostige Metalltür des
81 Lagerhauses. Sie gab ein markerschütterndes Quietschen von sich, das im schallenden Inneren des Gebäudes mehrfach wiederhallte. Im fahlen Licht, das durch staubige Oberlichter fiel, erblickten sie eine riesige, surrende Maschinenwand voller blinkender Lampen, Schalter und riesiger Lautsprecherkabel. Und mitten darin, auf einem Podest stehend und mit wild gestikulierenden Armen vor einem futuristischen Mischpult tanzend, stand eine Gestalt im glitzernden Pailletten-Sakko. „Ah!“, rief eine hysterische, durch ein Mikrofon verstärkte Stimme durch den Raum. „Die Ehrengäste sind eingetroffen! Willkommen im Epizentrum der musikalischen Erleuchtung, Herr Türsteher!“ Marc kniff die Augen zusammen. Er trat zwei Schritte vor, das Kinn gereckt, bereit für das unvermeidliche Finale. Doch bevor er auch nur ein einziges Wort erwidern konnte, fing das gesamte Mischpult an, bedrohlich zu glühen, und ein lauter Countdown begann, durch die Lautsprecher zu dröhnen: Zehn… Neun… Acht… Rudi schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Jetzt ist es vorbei! Wir werden alle zu Schlager-Fanatikern! Tun Sie doch etwas, Marc!“ Marc atmete tief durch, knallte die Tür hinter sich ins Schloss und machte sich mit schweren Schritten auf den Weg nach vorn, während der Countdown erbarmungslos weiterzählte.
82 Alarm in der Industriestraße Der Countdown auf der digitalen Anzeige an der Stirnwand des Lagerhauses ratterte erbarmungslos nach unten, während ein tiefer, grollender Bass durch den Beton vibrierte. „Zwei Minuten und fünfzehn Sekunden!“, rief Herr Filzstift panisch, während er hektisch in seinem Notizbuch blätterte, als könne man eine drohende akustische Katastrophe mit Paragrafen und Strichlisten bekämpfen. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier gegen mindestens drei Lärmschutzverordnungen und die öffentliche Ordnung verstoßen wird!“ „Ach was, Filzi, wirklich?“, rief Frau Kurze, die ihre Dienstwaffe bereits gezogen hatte und mit entschlossenem Blick die schattige Halle musterte. Sie trug ihre kurze Frisur wie einen Helm der Gerechtigkeit und strich sich entschlossen über die Uniformjacke. „Wenn dieser Bass noch eine Oktave tiefer geht, verlieren wir hier alle unsere Zahnfüllungen!“ Marc schüttelte den Kopf, schob seine Brille auf der Nase nach oben und zog den grauen Vollbart in Falten. Er war mittlerweile fünfzig Jahre alt, hatte eine glänzende Glatze und dachte wehmütig an seinen gemütlichen Fernsehsessel zu Hause, den er vor Stunden für diese Schnitzeljagd verlassen hatte. Doch der ehemalige Türsteher hatte in seinem Leben schon ganz andere Kaliber aus Lokalen geworfen – und wenn es sein musste, würde er eben auch den musikalischen Weltuntergang stoppen. „Hört auf zu quatschen“, brummte Marc mit seiner tiefen, autoritären Stimme, die sofort jedes Echo in der Halle übertönte. „Tino, wo steckst du?“ Aus einer dunklen Ecke ertönte ein klirrendes Geräusch, gefolgt von einem heftigen Fluchen. Tino, Marcs treuer Automechaniker und langjähriger Kollege, schob sich mühsam hinter einem riesigen Schaltschrank hervor. Er hatte schwarze Schmierflecken im Gesicht und hielt einen Schraubenschlüssel in der Hand, der fast so groß war wie sein Unterarm. „Der Hauptverteiler ist komplett verbaut, Marc!“, keuchte Tino. „Das ist keine normale Musikanlage. Das ist eine monströse Kombination aus Industrieverstärker und einem umgebauten Atomreaktor für Partymucke! Wer auch immer das gebaut hat, hat absolut keine
83 Ahnung von Elektronik, aber verdammt viel Fantasie.“ „Das muss der Musikminister sein!“, rief Rudi, der sich zitternd an einen verrosteten Gabelstapler klammerte. Rudi war ein liebenswerter, aber extrem anstrengender Mensch, der sich mal wieder ungefragt an die Fersen der Gruppe geheftet hatte. „Ich habe es gewusst! Erst spielen sie Helene Fischer, dann Heavy Metal, und am Ende explodiert das Universum in Moll! Ich will nach Hause, meine Strümpfe sind nass!“ „Halt den Mund, Rudi, sonst stecke ich dich in den Lautsprecher als Dämpfungsmaterial“, knurrte Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur und Musikwissenschaftler, der mit auf dem Rücken gefesselten Händen neben Herbert stand. Dr. Melodie sah in seinem feinen Tweed-Anzug aus wie ein Professor auf Abwegen, der die Kontrolle über sein Experiment verloren hatte. Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der vor Kurzem noch selbst versucht hatte, die Stadt mit Schlagern zu terrorisieren, schüttelte betrübt den Kopf. „Hey, schieb die Schuld nicht auf mich“, maulte Herbert. „Ich war doch nur ein kleiner Fisch im großen Teich der musikalischen Vernichtung. Der echte Musikminister… der ist eine Nummer für sich. Ein Perfektionist des schlechten Geschmacks!“ In diesem Moment flackerten die Neonröhren an der Decke des Lagerhauses. Ein grelles, violettes Licht schoss aus dem Zentrum des Raumes, wo eine gigantische, mit Kabeln behangene Konsole thronte. Dahinter, auf einer erhöhten Plattform, stand eine Gestalt im Schatten, die sich langsam erhob. Der Musikminister. Er trug einen bodenlangen Mantel, der im künstlichen Wind einer unsichtbaren Nebelmaschine flatterte, und hielt einen goldenen Taktstock in der Hand. „Willkommen, meine ungläubigen Jünger!“, rief der Musikminister mit einer Stimme, die durch einen künstlichen Hall-Effekt klang, als spräche er aus den Tiefen des Tartarus. „Ihr seid zu spät! Die Frequenzweiche ist bereits auf maximale Zerstörung gestellt. In genau neunzig Sekunden wird ganz Hafen die ultimative Symphonie hören – eine unendliche Schleife aus Blasmusik, Techno und den schlimmsten Radio-Hits der Neunziger! Niemand kann mich aufhalten!“ „Wetten dass doch?“, brummte Marc. Seine Augen verengten sich hinter den Brillengläsern. Er
84 knackte demonstrativ mit den Fingerknöcheln, ein Reflex aus alten Türsteher-Tagen, der schon manchen unruhigen Gast zur Vernunft gebracht hatte. „Marc, tu nichts Unüberlegtes!“, rief Tino, der bereits wieder an den Kabeln riss. „Wenn du den falschen Draht triffst, explodiert hier nicht die Anlage, sondern mein Blutdruck!“ Der Musikminister lachte hysterisch und schwang den goldenen Taktstock. „Ihr könnt mich nicht berühren! Mein Sicherheitsabstand beträgt mindestens drei Meter und ich habe Lautsprecher als Schutzschild aufgebaut!“ „Das interessiert mich herzlich wenig“, sagte Marc ruhig. Er setzte sich in Bewegung. Mit schweren, zielstrebigen Schritten marschierte er auf die Plattform zu. „Halt! Im Namen des Gesetzes!“, schrie Frau Kurze und stürmte mit gezogener Waffe hinterher, dicht gefolgt von Herrn Filzstift, der versuchte, im Lauf einen Durchschlag auszufüllen. „Sie begehen hier eine Ordnungswidrigkeit von monumentalen Ausmaßen!“ Der Musikminister trat einen Schritt zurück, schien kurz die Fassung zu verlieren, als er sah, wie der fünfzigjährige Ex-Türsteher unbeeindruckt durch die Schwallwellen des Basses stapfte. „Bleiben Sie stehen! Sie verstehen die Kunst nicht! Das ist avantgardistische Gehirnwäsche!“ „Ich verstehe von Kunst genau so viel, wie ich brauche, um dich vor die Tür zu setzen“, knurrte Marc. Er beschleunigte seinen Schritt. Rudi, der das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachtete, rief mit schriller Stimme: „Gib ihm, Marc! Zeig ihm, wer hier Hausrecht hat!“ Der Countdown auf der LED-Anzeige sprang auf fünfzig Sekunden. Tino fluchte laut, schnappte sich eine Kombizange und biss die Zähne zusammen. „Ich versuche die Hauptplatine zu überbrücken! Wenn ich den roten Draht mit dem blauen verbinde… oder war es der gelbe? Egal, YOLO!“ Ein lauter Funkenregen sprühte von der Konsole, während Tino mit der Zange zusteuerte. Die Musik in der Halle wechselte schlagartig von einem tiefen Grollen zu einem schrillen Pfeifen, das an kreischende Kreidetafeln erinnerte. Herr Filzstift hielt sich schmerzverzerrt die Ohren zu und rief: „Das ist ein Verstoß gegen Paragraf Vierzehn, Absatz drei! Ohrenkrebs durch illegale Schallwellen!“ Dr. Melodie, der die Szene mit
85 professioneller Neugier beobachtete, rief hilfreich von hinten: „Sie müssen den Hauptkondensator entladen, sonst implodiert das Ding in Moll!“ Marc war nun fast an der Plattform angelangt. Der Musikminister holte mit dem goldenen Taktstock aus, als wolle er einen unsichtbaren Chor dirigieren, doch Marc war schneller. Mit einer fließenden Bewegung, die er in zwanzig Jahren an den Türen der angesagtesten Clubs perfektioniert hatte, griff er nach dem Mantel des Schurken, zog ihn mit einem kräftigen Ruck von der Plattform und drückte ihn unsanft auf den kalten Betonboden. „Hausverbot“, sagte Marc trocken, während der Musikminister unter ihm stöhnte und der goldene Taktstock klappernd über den Boden schlitterte. „Die… die Symphonie…“, stammelte der Musikminister, während ihm der Atem ausging. „Die Symphonie ist vorbei“, sagte Marc und blickte zu Tino hinüber. Tino, der schweißgebadet und mit rußverschmiertem Gesicht auf dem Boden saß, hatte den Draht tatsächlich erwischt. Mit einem letzten elektronischen Seufzen erlosch die digitale Anzeige des Countdowns bei exakt drei Sekunden. Die dröhnenden Bässe verstummten schlagartig. Stattdessen herrschte eine fast unheimliche Stille in der großen Lagerhalle, die nur noch durch das schwere Atmen der Anwesenden unterbrochen wurde. Rudi, der als Erster wieder zu sprechen wagte, blinzelte verwirrt. „Ist… ist es vorbei? Spielen sie jetzt wieder Rock?“ Frau Kurze steckte ihre Dienstwaffe weg, trat vor und klickte die Handschellen um die Handgelenke des am Boden liegenden Musikministers. „Gute Arbeit, Marc. Der Mann ist festgenommen wegen schwerer Körperverletzung durch schlechte Musik.“ Herr Filzstift kramte sofort wieder sein Notizbuch hervor und beugte sich über den Gefangenen. „Name? Alter? Haben Sie eine Lizenz für diesen Taktstock?“ Herbert und Dr. Melodie sahen sich an. Herbert schüttelte den Kopf. „Mann, ich sags ja, die Jugend von heute hat echt keinen Sinn mehr für handgemachte Sabotage.“ Marc atmete tief durch, strich sich über die Glatze und nahm die Brille ab, um sie an seinem Hemd zu putzen. Der Adrenalinspiegel sank langsam, und augenblicklich meldete sich das schmerzhafte Ziehen in seinem rechten Knie zurück,
86 das ihn stets an seine glorreichen Tage als Türsteher erinnerte. Er hatte gehofft, diesen Abend entspannt auf dem Sofa zu verbringen. Stattdessen hatte er gerade den musikalischen Weltuntergang verhindert. Tino wischte sich den Ruß von der Stirn, grinste breit und klopfte Marc auf die Schulter. „Na, alter Junge, das war doch mal wieder wie früher, oder? Fast wie in den besten Zeiten an der Tür.“ Marc warf einen skeptischen Blick auf den am Boden liegenden Musikminister, dann auf Rudi, der bereits wieder anfing, über den Zustand seiner Socken zu jammern, und schließlich auf die Polizisten, die den Schurken abführten. „Von wegen wie früher“, brummte Marc und setzte die Brille wieder auf. „Früher gab es wenigstens Freibier nach dem Dienst. Kommt, wir gehen zurück ins FlowerPower, bevor Rudi noch einen Nervenzusammenbruch bekommt.“ Die Gruppe setzte sich in Bewegung, um das Lagerhaushotel zu verlassen, während draußen im Dunkeln der Wind über die Hafenstraßen strich. Doch während sie durch das Tor traten, bemerkte keiner von ihnen, dass auf dem Boden neben der zerstörten Konsole ein kleiner, unauffälliger USB-Stick leise zu glühen begann und ein winziges, grünes Licht aufblitzte.
87 Das grüne Leuchten der Wahrheit Ein winziges, grünes Blitzen auf dem kalten Betonboden der Industriehalle schien die Welt nicht erschüttern zu können, doch es reichte aus, um Marc innehalten zu lassen. Der ehemalige Türsteher, dessen Glatze im trüben Licht der Notbeleuchtung glänzte und der seinen grauen Vollbart skeptisch nach oben zog, starrte auf den kleinen Gegenstand. „Na komm schon, Marc, der Musikminister sitzt im Streifenwagen und wir haben uns ein herrlich verdientes Bier im FlowerPower redlich verdient“, rief Tino, der seine Werkzeugkiste unter den Arm geklemmt hatte und mit schnellen Schritten Richtung Ausgang marschierte. Der Automechaniker wischte sich mit einem schmutzigen Lappen über die Stirn und blickte sich ungeduldig um. Rudi, der als treuer Kneipenhelfer die gesamte Operation zitternd begleitet hatte, drückte sich eng an Herrn Filzstift. Der Polizist wiederum hielt seinen treuen Notizblock in der Hand und schien gerade zu überlegen, ob ein glühender USB-Stick unter die Rubrik „Fundgegenstand mit erhöhtem Nerd-Faktor“ oder „terroristische Kleinbeschallung“ fiel. Frau Kurze, die durch ihre kurze Frisur und ihr durchsetzungsfähiges Auftreten nach wie vor jede zwielichtige Gestalt im Umkreis von drei Kilometern das Fürchten lehrte, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte das kleine elektronische Bauteil mit hochgezogener Augenbraue. „Warte mal kurz, Tino“, brummte Marc, ging in die Knie und setzte seine Brille ab, um den Stick genauer zu betrachten. „Das Ding ist doch erstens explodiert und zweitens absolut tot.“ In diesem Moment knackte es laut im Gehäuse des Sticks. Ein leises, fast vernehmbares Summen, das stark an das Hochfahren eines extrem leistungsstarken Rechners erinnerte, durchschnitt die Stille der verlassenen Halle. Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur und selbsternannte Musikwissenschaftler, der von den Polizisten an den Händen gefesselt war, riss die Augen auf. „Das… das kann nicht sein!“, rief Dr. Melodie panisch. „Das ist nicht Teil des regulären Protokolls!
88 Das ist die Backup-Sequenz der vierten Dimension!“ „Ach, halt den Mund, Melodie, du hast heute schon genug Krach gemacht“, seufzte Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der sich mittlerweile reuig an die Seite der Gruppe gestellt hatte und nun bedauernd mit dem Kopf schüttelte. „Ich dachte, wir hätten diesen ganzen elektronischen Zirkus hinter uns gelassen.“ Plötzlich projizierte der glühende USB-Stick einen kleinen, holografischen Lichtkegel an die Wand der Lagerhalle. Darin tanzte kein Logo, sondern ein winziges, animiertes Männchen, das eine Miniatur-Gitarre schwang und mit blecherner, aber absolut unverkennbarer Stimme tönte: „Achtung, liebe Musikfreunde. Das Finale war erst der Auftakt. Der Hauptserver wurde soeben in den Autonomen Modus versetzt. Zielobjekt: Die musikalische Seele der Stadt. Countdown läuft.“ Ein schriller, digitaler Ton ertönte, gefolgt von einer mechanischen Stimme, die unerbittlich herunterzuzählen begann: „Zehn, Neun, Acht…“ „Verdammt noch einmal!“, brüllte Marc, sprang mit der Agilität eines Panthers auf, die man einem Fünfzigjährigen mit Lesebrille kaum zugetraut hätte, und trat mit seinem schweren Stiefel auf den USB-Stick. Doch der Stick wich dem Tritt mit einer unerwarteten, fast unheimlichen Agilität aus – oder besser gesagt, die Erschütterung der Halle ließ ihn über den Boden schlittern, direkt in Richtung des offenen Ausgangs. „Halt ihn auf!“, schrie Frau Kurze und zog entschlossen ihre Dienstmarke, obwohl es reichlich sinnlos schien, einer Computerdatei einen Platzverweis zu erteilen. Tino war schneller. Der Automechaniker warf seine Werkzeugkiste auf den Boden, rannte los und warf sich in bester Torwart-Manier flach auf den Beton. Mit einer heldenhaften Handbewegung schnappte er sich den glühenden Datenträger und drückte ihn fest an seine Brust. Der Countdown stoppte jäh bei exakt Null-Eins, gefolgt von einem erleichterten, tiefen Seufzen aus dem Inneren des winzigen Gehäuses, das nun endgültig erstarrte und kalt wurde. „Puh“, stöhnete Tino, während er sich langsam aufsetzte und den Stick in die Höhe hielt wie eine Trophäe. „Das war knapper als die TÜV-Plakette von meinem alten VW Käfer.“ Herr Filzstift
89 lehnte sich erleichtert an einen rostigen Stahlträger und blätterte in seinem Block. „Sehr gut pariert, Tino. Ich trage das unter ‚Gefahr im Verzug, erfolgreich abgewendet‘ ein. Aber ich schlage vor, wir verbrennen dieses Ding zur Sicherheit in einem Hochofen.“ „Oder wir werfen es in den Fluss“, warf Rudi nervös ein, der sich gerade den Staub von seiner Jacke klopfte. „Ich will heute Abend nur noch auf der Couch sitzen und höchstens noch dem Kühlschrank beim Brummen zuhören.“ „Von wegen Couch“, knurrte Marc, während er sich den Staub von den Knien klopfte und seinen grauen Vollbart ordnete. Seine Augen blitzten hinter den Brillengläsern kampflustig auf. „Auf dem Display stand nicht nur ‚Autonomer Modus‘. Da stand eine Adresse. Die Zentrale dieses sogenannten Hauptservers ist nicht hier im Hafen. Sie ist dort, wo alles angefangen hat: im Stadtpark.“ Dr. Melodie stöhnete auf. „Sie verstehen das nicht, mein lieber Herr Ex-Türsteher! Der Stadtpark ist nur die Fassade. Darunter verbirgt sich das Herzstück des musikalischen Wahnsinns!“ „Mir egal, ob da das Herzstück oder ein verrosteter Kaugummiautomaut steht“, erwiderte Marc mit tiefer, bestimmter Stimme. „Wer versucht, das FlowerPower und unsere Stadt mit permanenter Musik-Folter zu überziehen, bekommt es mit mir zu tun. Und diesmal klopfe ich nicht höflich an.“ Die Gruppe wechselte vielsagende Blicke. Die anfängliche Skepsis war längst einer schrulligen, aber unerschütterlichen Loyalität gewichen. Selbst die Polizisten sahen ein, dass ein Dienstschluss heute Abend wohl utopisch war. Frau Kurze zuckte mit den Schultern. „Nun gut. Wenn wir schon Nachtschicht schieben, dann machen wir es richtig. Aber diesmal fahre ich.“ Wenig später rollte der Streifenwagen, flankiert von Tinos klapprigem Kombi, mit quietschenden Reifen vom Hafengelände und nahm Kurs auf den Stadtpark. Die Straßen der Stadt waren menschenleer, und über den Baumwipfeln des Parks lag ein unheilvolles, leicht phosphoreszierendes Schimmern, das so gar nicht in die herbstliche Idylle passen wollte. Als die Fahrzeuge am Rande des Parks zum Stehen kamen, sprang Marc sofort aus dem Wagen. Er zog seine Jacke glatt, setzte seine Brille fest auf die Nase und blickte in die Dunkelheit der schattigen Alleen. Hinter
90 ihm folgten Tino mit einem massiven Schraubenschlüssel bewaffnet, Rudi mit einer Taschenlampe, die mehr flackerte als leuchtete, sowie die beiden Polizisten und der gefesselte, aber faszinierte Dr. Melodie im Schlepptau. „Bleibt dicht hinter mir“, wies Marc die Gruppe an, genau in dem Tonfall, mit dem er jahrelang renitente Gäste aus den heißesten Diskotheken der Stadt befördert hatte. „Und falls uns jemand mit einer Blockflöte oder einem Synthesizer entgegenkommt: sofort melden.“ Sie schlichen über den feuchten Kiesweg, der direkt zum zentralen Musikpavillon führte. Der Pavillon, der tagsüber für harmlose Platzkonzerte genutzt wurde, schien heute Nacht in ein seltsames, violettes Licht getaucht zu sein. Aus den Lautsprechern, die unauffällig in den Hecken versteckt waren, drang ein leises, bedrohliches Summen – eine Mischung aus klassischer Ouvertüre und treibendem Elektrobeat. „Hören Sie das?“, flüsterte Howi, der DJ der Kneipe, der sich ihnen auf halbem Weg angeschlossen hatte und nun mit großen Augen auf die Büsche starrte. „Das ist keine normale Playlist. Das ist ein akustisches Ritual!“ Marc hob die Hand, um die Gruppe zum Anhalten zu bewegen. Vor ihnen, mitten auf der Treppe des Pavillons, stand eine Gestalt in einem auffälligen, silbernen Umhang, die wild gestikulierte und an einem futuristisch anmutenden Pult hantierte. „Wer da?“, rief Marc mit einer Stimme, die jeden Hund im Umkreis von fünf Kilometern in die Flucht geschlagen hätte. Die Gestalt drehte sich langsam um. Im hellen Scheinwerferlicht des Pavillons entblößte sich das Gesicht von niemand anderem als Günther Krawall, der sie triumphierend angrinzte. „Zu spät, Marc!“, rief Günther mit dramatischer Pathos-Stimme. „Der ultimative Takt ist bereits im System. Die Stadt wird tanzen – ob sie will oder nicht!“ Tino schüttelte den Kopf, trat einen Schritt vor und knackte mit den Fingerknöcheln. „Günther, du hast echt den Schuss nicht gehört. Gib mir fünf Minuten, und ich baue dir aus diesem Synthesizer eine Kaffeemaschine.“ Marc kniff die Augen zusammen, ballte die Fäuste und trat vor. Der finale Showdown im Stadtpark hatte begonnen, und der ehemalige Türsteher war absolut nicht bereit, heute Abend auch nur eine einzige Runde freiwilligen Tanzunterricht zu
91 nehmen.
92 Der Bass des Zorns Günther Krawall stand auf der holzverkleideten Bühne des Stadtparkpavillons wie ein Dirigent, der sein Orchester direkt in die Hölle führen wollte. In seinen Händen hielt er eine modifizierte, rot leuchtende Fernbedienung, während aus den gigantischen Lautsprechern eine unheilvolle Mischung aus dröhnendem Blasorchester und aggressivem Technobass wummerte. Die Luft knisterte vor elektrischer Spannung, und die Bäume rund um den Pavillon schienen im Takt der grauenhaften Frequenz bedenklich zu wackeln. „Halt! Im Namen des Gesetzes!“, schrie Frau Kurze und zog ihre Dienstwaffe, obwohl sie in diesem Moment vermutlich lieber einen Gehörschutz gezogen hätte. Neben ihr riss Herr Filzstift sofort seinen Block aus der Tasche, um den exakten Zeitpunkt des illegalen Lärms zu protokollieren. Marc stieß ein tiefes, ungeduldiges Schnauben aus. Er schob seine Brille auf der Nase zurecht, strich über seinen grauen Vollbart und kniff die Augen hinter den Gläsern zusammen. „Von wegen Gesetz“, murmelte der ehemalige Türsteher mit dunkler, sonore Stimme. „Das ist Körperverletzung am trommelfell. Und das zahlt heute Abend bar.“ Bevor Krawall auch nur den nächsten Knopf drücken konnte, setzte sich Marc in Bewegung. Seine Statur war zwar durch ein paar gemütliche Jahre im Ruhestand etwas weicher geworden, aber der gefürchtete Blick des alten Rausschmeißers saß noch immer so präzise wie vor zwanzig Jahren. Mit zielstrebigen Schritten stapfte er auf den Pavillon zu, während Rudi panisch hinterherlief und rief: „Marc, warte! Der Mann hat einen Taktstock! Wer weiß, was der damit anrichten kann!“ „Lauf du lieber weiter, Rudi“, rief Tino, der Automechaniker, der sich bereits mit einer Rohrzange bewaffnet an die Rückseite des Pavillons heranschlich, um die Hauptstromkabel zu kappen. „Wenn der hier gewinnt, hören wir morgen alle freiwillig Volksmusik auf dem Weg zur Arbeit, und das überlebt meine Leber nicht.“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der sich nun notgedrungen auf die Seite der Gesetzeshüter geschlagen hatte, verschränkte die Arme und rief warnend: „Unterschätzt ihn nicht! Diese Frequenz ist auf exakt
93 einhundertzwanzig Dezibel eingestellt. Sie löst bei ungeübten Zuhörern unkontrollierten Polka-Tanz aus!“ Tatsächlich begannen in diesem Augenblick einige der umstehenden Laternenmähnen im Takt zu zucken, und Herr Filzstift, der versuchte, den Tatbestand zu notieren, machte unabsichtlich drei Schritte Walzer, während sein Kugelschreiber über das Papier tanzte. „Verdammt“, fluchte Herr Filzstift und versuchte verbissen, die Kontrolle über seine Beine zu behalten. „Das ist ein schwerer Verstoß gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung!“ Frau Kurze behielt die Nerven, zielte mit ihrer Waffe präzise auf die Fernbedienung in Krawalls Hand und rief: „Letzte Warnung, Krawall! Leg das Gerät weg, oder ich lasse den Amtsschimmel steigen!“ Günther Krawall lachte hämisch, wobei seine Haare wild im künstlichen Wind wehten, den ein kleiner Ventilator auf der Bühne erzeugte. „Zu spät! Der finale Countdown läuft! Die Stadt wird verstehen, was wahre Kultur bedeutet! Kein Entkommen mehr! Der Musikminister wird triumphieren!“ „Von wegen Musikminister“, brummte Marc, der nun die Stufen des Pavillons mit schweren Schritten erklomm. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht. „Ich habe schon ganz andere Typen vor der Tür stehen gehabt, die meinten, sie müssten den dicken Max markieren. Die meisten von denen haben danach flüssige Nahrung zu sich genommen.“ Krawall wich einen Schritt zurück, schien plötzlich gar nicht mehr so mutig zu sein und drückte hektisch auf der roten Fernbedienung herum. „Komm mir ja nicht näher! Ich habe hier die ultimative Playlist! Wenn ich diesen Schalter drücke, spielt die Jukebox im FlowerPower für immer nur noch Heimatmelodien!“ „Das wage ich stark zu bezweifeln“, rief Howi, der Haus-DJ der Kneipe, der sich ebenfalls durch das Gebüsch gekämpft hatte und nun mit einer Kiste voll alter Rock-Singles bewaffnet an der Seite stand. „Niemand fasst die Klassiker an, solange ich hinterm Pult stehe!“ Tino nutzte die Ablenkung perfekt. Er sprang mit einem eleganten, wenn auch für einen Automechaniker erstaunlich ungelenken Satz auf die hintere Plattform des Pavillons, schwang seine Rohrzange und rief: „Zange frei!“ Mit einem gezielten Schlag trennte er das dicke Hauptstromkabel, das direkt aus dem Boden in Krawalls
94 Mischpult führte. Ein lauter Funkenregen sprühte in die Luft. Die dröhnenden Bässe stockten, gingen in ein ungesundes, elektronisches Stottern über und erstarben schließlich in einem schrillen Fiepen. Die unheimliche Beleuchtung des Pavillons flackerte wild und ging dann komplett aus. Krawall starrte fassungslos auf seine dunkle Fernbedienung. „Nein! Meine Frequenz! Mein Meisterwerk!“ Marc nutzte die Sekunde der Verwirrung gnadenlos aus. Er packte den selbsternannten Dirigenten am Kragen seines schrillen Sakkos, hob ihn mühelos eine Handbreit in die Höhe und blickte ihm tief in die verängstigten Augen. „Ausgestanden, Krawall. Und jetzt erklärst du uns ganz genau, wer dieser angebliche Musikminister ist, für den du hier den Hampelmann spielst.“ „Ich… ich weiß von nichts!“, stammelte Krawall, während seine Beine in der Luft baumelten. „Er hat mir nur die Instruktionen gegeben! Über einen verschlüsselten Messenger! Ehrlich!“ Herr Filzstift eilte herbei, zückte sofort seine Handschellen und schnaufte erleichtert: „Guter Griff, Marc. Damit haben wir den Hauptverdächtigen festgesetzt. Frau Kurze, bitte übernehmen Sie die formelle Verlesung der Rechte, während ich die Personalien aufnehme.“ Frau Kurze trat vor, klopfte Krawall lässig auf die Schulter und sagte mit fester Stimme: „Sie haben das Recht zu schweigen. Und glauben Sie mir, das ist auch dringend angeraten, wenn ich mir Ihren Musikgeschmack anschaue.“ Dr. Melodie trat langsam näher, musterte das zerstörte Mischpult und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Faszinierend. Die Hardware ist hochkomplex, aber die Programmierung stammt eindeutig von jemandem, der zu viel Freizeit und zu wenig Liebe zum echten Rock ’n’ Roll hat.“ Herbert, der sich während des Tumults vorsichtig im Hintergrund gehalten hatte und nun mit einer Dose Bier in der Hand dastand, nickte zustimmend. „Recht hat er. Musik muss krachen, nicht piepsen. Sag ich ja schon immer.“ Rudi atmete tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief erleichtert in die Runde: „Gott sei Dank! Bedeutet das, wir können jetzt endlich zurück ins FlowerPower und ganz normal ein Bier trinken, ohne dass uns die Wände entgegenkommen?“ Doch bevor jemand antworten konnte,
95 passierte etwas Unerwartetes. Aus dem zerstörten Mischpult, das eigentlich komplett stromlos sein sollte, erklang plötzlich ein leises, mechanisches Surren. Ein einzelner, winziger Lautsprecher, der bisher versteckt geblieben war, erwachte zum Leben. Eine verzerrte, blecherne Stimme flüsterte aus dem Inneren der Anlage: „Fehler in Sektor Eins. Der Hauptplan bleibt unberührt. Das Finale beginnt erst richtig.“ Ein kleiner, rauchender USB-Stick, der zuvor tief im Gehäuse gesteckt hatte, sprang mit einem leisen Klick heraus und landete direkt vor Marcs Füßen auf den Holzbohlen. Er glühte in einem unheilvollen, hellen Violett und schien pulsierende Signale auszusenden, die sofort ein leises Summen in den umliegenden Straßenlaternen auslösten. Tino ging in die Knie, betrachtete den Stick misstrauisch und schluckte schwer. „Das… das ist kein normaler Datenträger. Das ist ein autarkes Notfallsystem. Es sendet gerade ein Signal an einen unbekannten Empfänger.“ Marc starrte auf den glühenden Stick am Boden. Seine anfängliche Erleichterung wich augenblicklich wieder jener unverkennbaren, grimmigen Entschlossenheit eines Mannes, der merkte, dass sein wohlverdienter Ruhestand mal wieder eine Verlängerung brauchte. „Aufheben lassen wir den sicher nicht“, brummte Marc leise, ballte erneut die Fäuste und wandte sich an die versammelte Truppe. „Sieht so aus, als hätten wir den wahren Chef immer noch nicht erwischt.“
96 Das pulsierende Rätsel Die Nacheluft roch nach kaltem Asphalt, verbranntem Kupfer und der leisen, unangenehmen Gewissheit, dass ein gemütlicher Fernsehabend auf dem Sofa für Marc heute schlicht und einfach nicht vorgesehen war. Der violett leuchtende USB-Stick, den Tino soeben mit einer Miene des tiefsten professionellen Misstrauens von der Konsole gepflückt hatte, pulsierte in einem unheilvollen Rhythmus. Es war die Art von Licht, die man normalerweise in billigen Science-Fiction-Filmen sah, kurz bevor das Mutterschiff explodierte oder eine Horde tanzender Zombies die Vororte übernahm. „Das Ding hat keinen normalen Speicher“, brummte Tino und drehte den winzigen Datenträger zwischen Daumen und Zeigefinger, als handelte es sich um eine hochgiftige Kröte. „Da läuft im Hintergrund ein versteckter Kernel. Wenn ich mich nicht schwer täusche, ist das eine Endlosschleife, die direkt auf einen überregionalen Knotenpunkt im Regierungsbezirk zugreift. Oder auf das lokale Wasserwerk. Oder auf den Musikantenstadl.“ Marc schob seine Brille auf der Nasenwurzel nach oben, während sein grauer Vollbart bei jedem tiefen Seufzer bedächtig wogte. Er hatte in seiner langen Karriere als Türsteher wahrlich viel gesehen: randalierende Junggesellenabschiede, betrunkene Philosophie-Studenten, die meinten, sie könnten die Eingangstür mit Kant-Zitaten überzeugen, und sogar einen Mann in einem vollen Pandabären-Kostüm, der partout keinen Eintritt zahlen wollte, weil er behauptete, Pandas seien von der Kurtaxe befreit. Aber ein geheimer, überregionaler Musik-Verschwörungsring, der die Bevölkerung mit einer diabolischen Mischung aus Blasmusik und digitalem Heavy Metal unterjochen wollte, sprengte selbst seinen gut gefüllten Erfahrungsschatz. „Egal, wohin das Ding funkt“, sagte Marc mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete und die Jahre an der Saaltür sofort wieder lebendig werden ließ. „Wir lassen uns von so einem Plastik-Stick nicht auf der Nase herumtanzen. Wer ist der nächste auf unserer Liste?“ Herr Filzstift zückte sofort sein kleines, graues Notizbuch und blätterte mit spitzen Fingern durch eng beschriebene Seiten, während er die Brille tief ins
97 Gesicht rutschen ließ. „Nun, laut unseren akribischen Ermittlungen und den Aussagen des bedauernswerten Günther Krawall, der sich im Streifenwagen gerade laut über die mangelnde Beinfreiheit beschwert, gibt es nur noch eine einzige logische Anlaufstelle. Der Quellcode dieses Sticks verweist auf eine IP-Adresse, die direkt zu einer verlassenen, denkmalgeschützten Konzerthalle am Stadtrand führt. Der sogenannte ‚Große Klangturm‘.“ Frau Kurze verschränkte die Arme vor der Brust und nickte knapp, wobei ihre kurze Frisur im kalten Wind leicht zusteuerte. „Genau. Und da wir es hier offenbar mit einer staatsgefährdenden Ruhestörung im Großformat zu tun haben, schlage ich vor, wir fackeln nicht lange. Herr Filzstift fährt den Streifenwagen, Dr. Melodie sitzt zur Sicherheit auf dem Rücksitz, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, und die Herren bilden die Vorhut.“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der inzwischen eher wie ein reumütiger Musiklehrer auf Abwegen wirkte, hob abwehrend die Hände. „Hey, ich habe mit dem Turm absolut nichts zu tun! Mein Fachgebiet war rein die analoge Jukebox-Modifikation! Ich bin ein Künstler, kein Terrorist der Tonkunst!“ „Schon gut, Maestro“, schnaubte Rudi, der sich tapfer an Tiinos Autowerkstatt-Jacke klammerte, als gälte es, einen Orkan zu überstehen. „Solange da drüben keine Schunkel-Musik läuft, halte ich sogar den Mund. Aber wehe, da fängt wieder so ein Akkordeon an zu quälen. Ich kriege von Polka einfach Nesselsucht.“ Die Autotüren schlugen kurz darauf im Takt zu. Tino saß am Steuer seines modifizierten Kombis, der nach Altöl und frischen Fritten roch, während Marc auf dem Beifahrersitz Platz nahm und die Knie bis unter das Kinn zog. Für einen Mann mit seiner Statur waren moderne Kleinwagen schlicht eine Zumutung. Dahinter folgte der Streifenwagen mit Frau Kurze und Herrn Filzstift, im Schlepptau den unglücklichen Dr. Melodie und den geläuterten Herbert, der während der Fahrt leise vor sich hin summte und offenbar versuchte, die Melodie von Highway to Hell mit volkstümlichen Jodel-Einlagen zu kreuzen. Die Fahrt zum „Großen Klangturm“ dauerte zwanzig Minuten, in denen die Welt draußen in einem trüben, nebligen
98 Grau versank. Der Turm selbst war ein Relikt aus den siebziger Jahren – ein gigantischer, brutalistischer Betonbau, der mitten im Wald stand und aussah wie eine Kreuzung aus einem sowjetischen Fernsehturm und einer viel zu großen Kaffeemühle. Die Fenster waren dunkel, doch aus den Lüftungsschächten drang ein tiefes, summendes Vibrationen, das man bis in die Magengrube spüren konnte. „Das ist sie“, stellte Tino fest, als er den Wagen auf dem Schotterparkplatz mit einer gekonnten Handbremswende zum Stehen brachte. Der Motor heulte kurz auf, ehe er hustend verstummte. „Die Frequenz, die aus dem Gebäude abstrahlt, liegt genau im Bereich von achtundvierzig Hertz. Das bringt jeden Menschen dazu, unkontrolliert mit den Fußspitzen zu wippen. Wenn das Ding auf Sendung geht, tanzt morgen ganz Deutschland den Foxtrott, ob sie wollen oder nicht.“ Marc stieg aus, dehnte seine alten Glieder, dass es verdächtig knackte, und zog den Kragen seiner grauen Jacke hoch. Seine Brille beschlug im nächtlichen Nieselregen leicht, was ihn noch mehr wie einen griesgrämigen Professor für Türsteher-Agressionen wirken ließ. „Gut. Dann schauen wir uns mal an, wer hier meint, ohne gültige Eintrittskarte die musikalische Weltherrschaft übernehmen zu können.“ Die Gruppe näherte sich dem massiven Stahltor des Klangturms. Herr Filzstift prüfte noch einmal seine Dienstwaffe, stellte dann aber fest, dass er sie im Eifer des Gefechts im Handschuhfach des Streifenwagens vergessen hatte, was er mit einem laut gefassten Seufzer der bürokratischen Resignation kommentierte. „Nun gut, dann müssen wir eben auf die klassische Deeskalation setzen. Oder auf Marcs Fäuste.“ „Fäuste sind heute nur Plan B“, knurrte Marc, trat mit einem gezielten, schweren Stiefeltritt gegen das riesige Metalltor, dass es dröhnend erzitterte. „Erst reden wir. Wenn der Typ uneinsichtig ist, knallt die Tür.“ Mit einem schrillen Quietschen, das klang wie eine ungeölte Geige in den Händen eines Anfängers, gab das Schloss nach. Das Tor sprang einen Spaltweit auf und gab den Blick frei auf eine finstere Eingangshalle, in der das violette Leuchten des USB-Sticks von oben herab durch einen Aufzugsschacht schimmerte. Eine
99 mechanische Stimme erklang aus den Lautsprechern der Decke, kalt und synthetisch: „Initialisierung der finalen Frequenz läuft. Noch fünf Minuten bis zum globalen Klang-Kollaps.“ Rudi schluckte hörbar und blickte sich ängstlich um. „Marc? Ich glaube, die Jukebox im FlowerPower war gemütlicher.“ Marc setzte entschlossen einen Fuß über die Schwelle, während hinter ihm Tino, die Polizisten und der Rest der seltsamen Truppe in das Innere des Turms drängten. „Von wegen, Rudi“, sagte der ehemalige Türsteher trocken, während seine Augen im Halbdunkel nach dem nächsten Lichtschalter suchten. „Hier drinnen gibt es keinen Tresen, an den man sich lehnen kann. Also machen wir uns besser direkt an die Arbeit.“
100 Beton, Kabel und kalter Kaffee Die Luft im Inneren des Großen Klangturms roch nach heißem Silikon, billigem Filterkaffee und der unverkennbaren Panik von Menschen, die ihre Excel-Tabellen nicht rechtzeitig gespeichert hatten. Marc, dessen Glatze im neonfarbenen Notlicht des Treppenhauses matt schimmerte, zog seine Brille von der Nase, hauchte kurz darauf und wischte die Gläser an seinem grauen Pullover ab. Er setzte die Brille wieder auf und musterte den kahlen Betonflur, der sich vor ihnen erstreckte. „Na wunderbar“, brummte Marc mit seiner tiefen, wie Schmirgelpapier klingenden Bassstimme. „Sieht aus wie im Rathaus, nur dass hier wahrscheinlich noch weniger gearbeitet wird.“ Hinter ihm schubste Tino gerade die schwere Stahltür ins Schloss, während er seinen Werkzeugkasten mit einem metallischen Scheppern neu ausrichtete. „Mach dir keine Sorgen, Marc“, sagte der Automechaniker und strich sich eine schmierige Strähne aus dem Gesicht. „Wenn hier irgendwo ein Hauptrechner steht, der die Stadt mit unterschwelligen Polka-Frequenzen bombardieren will, dann ziehe ich dem Ding so lange an den Kabeln, bis es ‚Stille Nacht‘ pfeift.“ Rudi, der sich eng an Marcs breite Schulter drückte, zitterte leicht am Kinn. Er hatte in den letzten Stunden deutlich mehr erlebt, als ihm lieb war, und vermisste seine vertraute Zapfanlage im FlowerPower mehr denn je. „Meinst du, die haben hier auch Automaten mit Erdnüssen?“, flüsterte Rudi mit panisch geweiteten Augen. „Ich habe aufregungsbedingten Unterzucker. Ich schwöre es euch, meine Leber fordert eine Bestandsaufnahme.“ „Halt den Mund, Rudi, wir sind hier in einer verdeckten Operation“, zischte Herr Filzstift, der bereits sein kleines Notizbuch und einen spitz anfallenden Kuli gezückt hatte. Der Polizist drückte seine Mütze tiefer ins Gesicht und blickte streng den Flur hinab. „Unbefugtes Betreten einer sicherheitsrelevanten Sendeanlage. Paragraf vierzig, Absatz drei. Das gibt mindestens drei Jahre Entzug von jeglicher Geräuschkulisse, wenn wir den Chef erwischen.“ Frau Kurze, die dank ihrer kurzen, burschikosen Frisur und ihrer
101 energischen Haltung im Halbdunkel erneut für einen strengen Herrn gehalten werden konnte, wenn man sie nicht kannte, schnaubte verächtlich. Sie legte die Hand an den Holster ihrer Dienstwaffe. „Von mir aus können die hier gleich einpacken, Filzi. Wenn uns noch einmal so ein Typ mit einer Akkordeon-Fernbedienung vor die Füße läuft, trete ich ihm so lange gegen das Schienbein, bis er die Nationalhymne rückwärts singt.“ Dr. Melodie, der wegen seiner Verstrickungen in die früheren Sabotageakte vorsorglich an Tinos Gürtel festgebunden worden war – oder besser gesagt, mit einem alten Abschleppseil gesichert wurde –, räusperte sich nervös. „Meine Herren, beziehungsweise werte Gesetzeshüter“, begann der Musikwissenschaftler mit dünner Stimme. „Sie unterschätzen die architektonische Dimension dieses Turms. Wir befinden uns in einer akustischen Kathedrale der Resonanz. Der Hauptsender strahlt auf einer Frequenz, die das menschliche Kurzzeitgedächtnis löscht und durch unaufhaltsame Blasmusik ersetzt. Wenn wir zu spät kommen, wird ganz Deutschland morgen früh im Dirndl zur Arbeit gehen.“ „Das“, warf Günther Krawall ein, der als Gefangener in der Mitte der Gruppe lief und die Hände auf dem Rücken verschränkt hatte, „wäre für manche von uns eine optische Aufwertung.“ Marc warf Krawall einen Blick zu, der selbst einen Wachhund in die Flucht geschlagen hätte. Der ehemalige Türsteher trat einen Schritt vor, packte den Kragen von Krawalls Jacke und zog den Gefangenen so dicht heran, dass sich ihre Nasen fast berührten. „Noch ein Ton in diese Richtung, Günther, und ich sorge persönlich dafür, dass deine Ohren in den nächsten zwanzig Jahren nur noch das Rascheln von Aktenordern hören. Verstanden?“ Krawall schluckte trocken und nickte stumm. „Sehr gut“, brummte Marc und schubste ihn sanft zurück. „Und jetzt alle vorwärts. Tino, führ uns an die Konsole. Wir haben einen Countdown am Hals und ich habe heute Abend noch Besseres zu tun, als mir das Akkordeon-Orchester des Grauens anzuhören.“ Sie machten sich auf den Weg. Ihre Schritte hallten hohl von den kahlen Betonwänden wider, während sie einem schmalen Korridor
102 folgten, der von surrenden Lüftungsschächten gesäumt wurde. Die Luft wurde spürbar wärmer, je tiefer sie in das Innere des Gebäudes vordrangen. Über ihnen flackerten die Leuchtstoffröhren im Takt eines unhörbaren, tiefen Basses, der in den Zahnspitzen vibrierte. Tino, der mit geübtem Blick die Verkabelung an den Wänden analysierte, blieb plötzlich stehen. Er deutete auf eine schwere Doppeltür am Ende des Ganges, über der ein rotes Schild mit der Aufschrift ZENTRALE AKUSTIK-REGELUNG prangte. „Da drinnen sitzt das Biest“, flüsterte der Mechaniker und zog einen großen Schraubenschlüssel aus seiner Gesäßtasche. „Die Signale werden von dort aus direkt in die städtischen Sendemasten eingespeist. Wenn wir die Tür öffnen, haben wir genau zehn Sekunden, um den Hauptstrom zu kappen, bevor die Anlage in den automatischen Notfallmodus übergeht.“ Marc nickte langsam. Er ließ die Fingerknöchel knacken, ein Geräusch, das in der angespannten Stille des Flurs wie Pistolenschüsse klang. „Gut. Dann machen wir es auf die alte Art. Keine Verhandlungen, kein Kaffeekränzchen.“ Er wandte sich an Rudi. „Rudi, du bleibst hier hinten bei den Polizisten und passt auf, dass uns keiner in den Rücken fällt. Und wenn du auch nur einmal niest, stopfe ich dir ein Bierkürbis-Plakat in den Mund.“ „Verstanden, Chef“, piepste Rudi und drückte sich so flach an die Betonwand, dass er fast mit ihr zu verschmelzen schien. „Ich bin stumm wie ein Fisch. Ein Fisch mit Platzangst.“ Herr Filzstift hielt den Stift über sein Notizbuch, als gälte es, eine historische Schlacht zu dokumentieren. „Ich halte fest: Erstürmung des Kontrollraums durch gezielte physische Intervention. Frau Kurze, sichern Sie die Flanke, falls die Blasmusik-Fanatiker Verstärkung rufen.“ „Bereit, Filzi“, erwiderte Frau Kurze und zog ihre Taschenlampe mit einer solch martialischen Entschlossenheit, dass selbst Dr. Melodie unwillkürlich einen Schritt rückwärts machte. Marc holte tief Luft. Seine grauen Vollbartstoppeln bewegten sich im Rhythmus seines Atems. Er holte Schwung und trat mit der Wucht eines ehemaligen Türstehers gegen die massive Doppeltür, dass das Schloss unter einem metallischen Kreischen nachgab. Die Tür sprang mit einem lauten Knall auf
103 und schlug gegen die dahinterliegende Wand. Im Raum bot sich ihnen ein Bild des technologischen Wahnsinns. Dutzende Monitore flimmerten in unheilvollem Violett, riesige Mischpulte blinkten mit hunderten bunten LEDs, und in der Mitte des Raumes stand eine gigantische, gläserne Säule, in deren Inneren eine violette Flüssigkeit brodelte – der ominöse Hauptserver, der die Stadt mit der ultimativen Frequenz beschallen sollte. Auf einem erhöhten Podest stand ein leerer Drehstuhl, der sich langsam im Kreis drehte, als hätte ihn gerade erst jemand verlassen. „Halt! Niemand bewegt sich!“, rief Marc mit seiner gewaltigen Stimme, die jeden Lautsprecher in den Schatten stellte. Er stürmte in den Raum, gefolgt von Tino, der sofort auf das nächstbeste Bedienfeld zustürzte und seinen Schraubenschlüssel zückte. Tino schlug die Abdeckung eines Hauptschalters ab und rief über den Lärm der surrenden Lüfter hinweg: „Marc, ich hab den Verteiler! Aber sie haben eine automatische Sperre eingebaut! Wenn ich den falschen Draht erwische, fliegt uns das Ding um die Ohren!“ „Dann nimm den richtigen, Tino!“, rief Marc zurück, während sein Blick den Raum nach weiteren Überraschungen absuchte. Plötzlich erklang eine verzerrte, mechanische Stimme über die Deckenlautsprecher des Raumes, die den gesamten Raum zum Beben brachte: „Willkommen, Herr Türsteher. Sie kommen zu spät. Die Frequenz ist bereits im System. Der letzte Akt beginnt jetzt.“ Auf den Monitoren flammte ein grelles, rotes Logo auf: Ein stilisierter Notenschlüssel, der von einem Blitz durchbohrt wurde. Der Countdown auf dem Hauptbildschirm sprang von 00:05 auf 00:04 Sekunden. Tino fluchte laut, schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Mit einer schnellen Handbewegung riss er ein dickes, blaues Kabel aus der Verankerung und verband es mit einem blanken Metallstift. Ein gewaltiger Funkenregen sprühte durch den Raum, gefolgt von einem tiefen, grollenden Seufzen der Maschinen. Der Countdown stoppte abrupt bei 00:01. Die Monitore flackerten ein letztes Mal und wurden dann schwarz. Stille legte sich über den Kontrollraum – eine so absolute Stille, dass man das Summen der abgekühlten Transistoren und das schwere Atmen der sechs Personen im Raum hören konnte. Marc ließ die Arme
104 sinken und atmete tief aus. Er strich sich über die Glatze, auf der sich feine Schweißperlen gebildet hatten. „Na also“, sagte er leise und blickte zu Tino rüber, der erleichtert gegen das Mischpult lehnte. „Sag ich doch. Gegen einen echten Türsteher kommt eben keine Jukebox der Welt an.“ Bevor jedoch einer von ihnen auch nur einen Schritt zur Feier des Sieges machen konnte, knackte es in den Lautsprechern erneut. Es war kein technisches Rauschen, sondern ein leises, verhaltenes Kichern, das sich langsam in ein dunkles, hämisches Lachen verwandelte. Aus dem Schatten hinter der gläsernen Säule trat eine Gestalt hervor, die einen eleganten, dunkelgrauen Trenchcoat trug und in der Hand eine fernbedienbare Miniatur-Orgel hielt. Das Gesicht des Mannes blieb im Halbdunkel verborgen, aber das metallische Glänzen einer goldenen Brille war unverkennbar. „Ein guter Versuch, Marc“, sprach die dunkle Gestalt mit einer Stimme, die jeden Anwesenden erstarren ließ. „Aber die Melodie hat erst angefangen zu spielen.“
105 Die Falle im Beton Die dunkle Gestalt stand auf einer schmalen, metallenen Galerie, die sich hoch oben im Inneren des Großen Klangturms befand. In der Hand hielt der Unbekannte jene kleine Miniatur-Orgel, deren Tasten im Takt eines unheimlichen, pulsierenden Rhythmus leuchteten. Marc, der mit seiner Glatze, dem grauen Vollbart und der fest sitzenden Brille eine imposante, wenn auch in die Jahre gekommen Erscheinung abgab, musterte den Neuankömmling mit skeptischem Blick. Hinter ihm standen Tino, der Automechaniker mit schmierigen Händen, der treue Rudi, die beiden Gesetzeshüter Frau Kurze und Herr Filzstift sowie die beiden eher unfreiwilligen Mitläufer Dr. Melodie und Günther Krawall. „Wer zur Hölle soll das jetzt sein?“, zischte Tino leise und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. „Haben wir nicht langsam genug musikalische Chaoten für diesen Monat?“ „Wer ich bin, ist unwichtig“, rief die Gestalt von oben herab, während eine synthetische Orgelmelodie durch den riesigen Raum hallte und in den Stahlträgern widerhallte. „Wichtig ist nur, dass ihr zu spät kommt. Die Frequenz ist bereits im System. Die Stadt wird bald im Takt marschieren!“ Marc verschränkte die Arme vor der Brust und trat einen Schritt nach vorn. Seine alte Türsteher-Autorität, die er jahrzehntelang an den Türen der Stadt bewährt hatte, schimmerte in jeder seiner Bewegungen durch. Er kannte diese Art von Selbstdarstellern. Sie hatten alle denselben Tick: zu viel Theater, zu wenig Substanz. „Hör mal zu, du Pfeifenputzer auf der Empore“, rief Marc mit seiner tiefen, resonanten Stimme nach oben. „Entweder kommst du jetzt freiwillig runter und erklärst uns, wo der Ausschaltknopf ist, oder ich hole mir meine Ruhephase eben mit Gewalt zurück. Mein Sofa zu Hause wartet schließlich auch noch auf mich.“ Frau Kurze nickte anerkennend. Sie trat neben Marc, zog entschlossen ihren Schlagstock und rief nach oben: „Hier spricht die Polizei! Sie stören die öffentliche Ordnung und verstoßen gegen das Lärmschutzgesetz in schwerem Fall! Kommen Sie sofort runter, oder wir eröffnen das Verfahren mit Handschellen!“ Herr Filzstift, der penibel wie immer sein
106 kleines Notizbuch bereithielt, zückte den Kuli und ergänzte mit schriller Stimme: „Unerlaubtes Musizieren nach Mitternacht! Das gibt mindestens drei Monate Entzug der Notenberechtigung!“ Dr. Melodie, der neben ihnen stand und skeptisch zu der Orgel hinaufblickte, schüttelte den Kopf. „Das ist absolut dilettantisch“, murmelte er. „Diese Frequenz hat überhaupt keine harmonische Basis. Das ist reiner akustischer Vandalismus!“ Günther Krawall, der gefesselt und sichtlich genervt zwischen den Polizisten stand, seufzte tief. „Endlich sagt’s mal jemand. Ich hab’s ja immer gesagt: Blasmusik hat Niveau, aber das da oben ist einfach nur Krach.“ Die Gestalt auf der Galerie lachte dunkel auf, drehte an einem Regler der Miniatur-Orgel, woraufhin ein schriller Ton durch die Halle peitschte, der selbst die Fenster zum Vibrieren brachte. „Ihr versteht gar nichts! Die Symphonie des Untergangs ist nicht aufzuhalten!“ Mit diesen Worten drehte sich der Unbekannte um und verschwand durch eine schwere Stahltür im hinteren Bereich der Empore. „Hinterher!“, rief Marc. Seine Brille rutschte ein Stück nach unten, was ihn noch entschlossener wirken ließ. Er stürmte als Erster auf die massive Wendeltreppe zu, die sich an der Außenwand des Turms nach oben wand. Tino folgte ihm dicht auf den Fersen, während Rudi keuchend hinterherlief und rief: „wartet auf mich! Ich habe meine Kondition seit den achtziger Jahren nicht mehr getestet!“ Die Treppe schien schier endlos zu sein. Jeder Schritt auf den hohlen Gitterstufen hallte blechern wider, begleitet von dem dumpfen Dröhnen der Maschinen im Untergeschoss. Oben angekommen, prallten Marc und Tino gegen die schwere Stahltür, durch die der Unbekannte verschwunden war. Sie war verschlossen. „Kein Problem“, sagte Tino grinsend, griff in seine Werkzeugtasche und zog einen gewaltigen Schraubenschlüssel hervor. „Das Schloss ist veraltet. Das knacken wir in fünf Sekunden.“ Während Tino mit geübten Handgriffen am Schloss hantierte, nutzte Marc die Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. „Das ergibt alles keinen Sinn“, brummte er. „Erst die Jukebox im FlowerPower, dann das Elektrizitätswerk, dann der Stadtpark und jetzt dieser Turm. Irgendjemand zieht hier im Hintergrund die Fäden, und ich werde herausfinden, wer es
107 ist.“ „Vielleicht ist es der Hausmeister?“, warf Rudi hilfsbereit ein, der inzwischen ebenfalls die Galerie erreicht hatte und sich schnaufend an einem Geländer abstützte. „Die Hausmeister haben immer die Schlüssel zu allem. Sogar zum Kiosk.“ „Rudi, halt den Mund“, sagte Marc freundlich, aber bestimmt. Mit einem lauten Klong sprang die Stahltür auf. Tino trat stolz einen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Sag ich doch. Mechanik schlägt jeden Zaubertrick.“ Sie traten in einen abgedunkelten Raum, der vollgestopft war mit Monitoren, Kabeln und blinkenden Servern. In der Mitte des Raumes stand ein großer, verkleideter Schreibtisch, hinter dem eine Gestalt saß. Doch zu ihrer Überraschung war es nicht der Unbekannte mit der Miniatur-Orgel, sondern eine ganz andere Person, die dort seelenruhig saß und an einem Mischpult drehte. „Herbert?“, rief Marc fassungslos, als er den ehemaligen Kneipengast erkannte. Herbert drehte sich langsam um. Er trug eine Sonnenbrille im dunklen Raum und hielt eine Tasse lauwarmen Kaffee in der Hand. „Ah, Marc. Schön, dass du auch da bist. Du kommst genau rechtzeitig zum großen Finale.“ Tino starrte Herbert mit weit aufgerissenen Augen an. „Du? Du steckst hinter dem ganzen Mist? Aber du hast doch im Elektrizitätswerk selbst auf der Empore gestanden!“ „Das war nur eine Ablenkung“, erklärte Herbert stolz und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. „Ein bisschen Schauspielerei muss sein, wenn man die akustische Weltherrschaft an sich reißen will. Die Leute im FlowerPower dachten immer, ich wäre nur der Typ, der am Tresen einschläft. Aber in Wahrheit bin ich der kreative Kopf hinter der Frequenz.“ Dr. Melodie, der inzwischen mit der Polizei den Raum betreten hatte, schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. „Das ist absurd! Du hast keine Ahnung von Kontrapunktik, Herbert! Deine Bässe sind viel zu übersteuert!“ Herbert zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Hauptsache, es knallt, Melodie. Hauptsache, es knallt.“ Plötzlich ging die Tür hinter ihnen erneut auf, und der Unbekannte mit der Miniatur-Orgel trat herein – allerdings ohne Maske. Es handelte sich um niemand Geringeren als den Stadtkämmerer
108 persönlich, der nun sichtlich verlegen an seinem Kragen zupfte. „Oh“, sagte der Kämmerer. „Ich dachte, die Hintertür wäre sicherer.“ Frau Kurze zögerte keine Sekunde. Sie trat vor, packte den Kämmerer am Arm und drückte ihn sanft, aber unnachgiebig gegen die Wand. „Sie sind vorläufig festgenommen wegen illegaler Beschallung, Amtsmissbrauch und schlechten Musikgeschmacks.“ Herr Filzstift kramte sofort wieder sein Notizbuch hervor. „Dazu kommt noch die Vernachlässigung der städtischen Lärmschutzverordnung Paragraf zwölf, Absatz vier.“ Marc ging langsam auf den Schreibtisch zu, auf dem der Hauptschalter für das gesamte System prangte. Herbert wollte noch nach einer Fernbedienung greifen, doch Marc legte eine schwere, entschlossene Hand auf den Arm des ehemaligen Gastes. Die Blicke der beiden trafen sich. Marc sagte nichts, aber sein Blick sprach Bände – der Blick eines Mannes, der jahrelang Betrunkene aus Kneipen geworfen hatte und nun absolut keine Geduld mehr für Faxen besaß. „Herbert“, sagte Marc mit ruhiger, tiefer Stimme. „Mach das Ding aus. Sofort. Sonst sorge ich persönlich dafür, dass du den Rest deines Lebens nur noch Kirchengesänge ohne Begleitung hören musst.“ Herbert schluckte schwer, hob langsam die Hände und nickte ergeben. „Okay, okay. Ist ja gut. Kein Grund gleich handgreiflich zu werden.“ Er drückte auf einen großen roten Knopf am Mischpult. Das schrille Summen im Raum verstummte augenblicklich. Die Monitore erloschen, und eine tiefe, wohltuende Stille legte sich über den Großen Klangturm. Tino atmete erleuchtet aus. „Geschafft. Pünktlich zum Feierabend.“ Rudi klatschte begeistert in die Hände. „Das war ja spannender als jeder Tatort am Sonntagabend! Können wir jetzt wieder Bier trinken gehen?“ Frau Kurze und Herr Filzstift begannen sofort damit, Herbert und den Kämmerer zu fesseln und aus dem Raum zu eskortieren. Dr. Melodie und Günther Krawall wurden vorsorglich ebenfalls mitgenommen, da man bei ihnen nie wissen konnte, ob sie nicht doch noch ein Instrument in der Tasche hatten. Marc blieb als Letzter im Raum zurück. Er blickte auf das erloschene Mischpult und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Endlich schien alles vorbei zu sein. Kein Lärm, keine Countdown-Uhren, keine
109 geheimnisvollen USB-Sticks. Er drehte sich um, um seinen Freunden nach draußen zu folgen, als sein Blick auf eine kleine, unauffällige Diskette fiel, die auf dem Boden lag. Sie blinkte in einem sanften, violetten Licht und trug die Aufschrift: Backup-System Initialisierung – Phase Zwei. Marc blieb wie vom Thüringer Wald getroffen stehen. Er starrte auf das blinkende Licht, während ein leises, mechanisches Summen aus der Tiefe des Schreibtisches ertönte. Ein elektronisches Lachen, das wie eine Computerstimme klang, hallte plötzlich durch den leeren Raum. „Glaubst du wirklich, Marc, dass die Melodie hier zu Ende ist?“, tönte es aus den versteckten Lautsprechern. „Das Konzert hat gerade erst begonnen.“ Marc starrte auf den USB-Stick, holte tief Luft und schüttelte den Kopf. Sein ersehnter Ruhestand würde wohl, wie es aussah, noch ein Weilchen auf sich warten lassen müssen.
110 Spuren im kalten Licht Marc starrte auf den glühenden, violetten USB-Stick in seiner Hand, als ob das kleine Plastikteil ihm persönlich ins Gesicht gespuckt hätte. Um ihn herum atmete der Kontrollraum des Großen Klangturms aus. Die Polizistin Frau Kurze steckte gerade demonstrativ ihre Dienstwaffe weg, während ihr Kollege Herr Filzstift eifrig in seinem kleinen Notizbuch blätterte, um den genauen Zeitpunkt der Festnahme von Herbert und dem Stadtkämmerer festzuhalten. Der Stadtkämmerer saß winsckend auf einem umgedrehten Plastikhocker, während Herbert, der sich nun zum gefühlten hundertsten Mal als verhinderter Mastermind entpuppt hatte, finster in die Runde blickte. Dr. Melodie und Günther Krawall, die beiden anderen unfreiwilligen oder freiwilligen Mitläufer dieses absurden Desasters, wurden von Tino und Rudi im Blick behalten. Tino, der Automechaniker und Marcs treuer Gefährte, wischte sich mit dem Handrücken den Ruß von der Stirn und musterte den Stick in Marcs Hand mit hochgezogenen Augenbrauen. „Sag bloß, da ist noch mehr von diesem Blasmusik-und-Polka-Schlamassel drauf, Marc?“, fragte Tino mit einem hörbaren Seufzer, der von tiefen, mechanischen Seelenschmerzen zeugte. Tino hatte in den letzten Stunden mehr Kabel durchtrennt und Platinen überbrückt, als ihm lieb war, und sein Blaumann roch inzwischen intensiv nach verbranntem Isolierband. Marc setzte seine Brille ab, rieb sich über die glatte Glatze, auf der sich feine Schweißperlen gebildet hatten, und setzte seinen grauen Vollbart in Bewegung. „Sieht ganz danach aus, Tino“, brummte er mit seiner tiefen, autoritären Türsteher-Stimme, die in dem raumklimatisierten Kontrollraum hallte. „Phase Zwei. Wenn ich diesen verdammten USB-Stick anschaue, kriege ich das Gefühl, dass mein Ruhestand eine Illusion ist, die von irgendwelchen Spinnern mit Synthesizern erfunden wurde.“ Rudi nickte eifrig, wobei seine Haare wild in alle Richtungen abstanden. „Genau, Marc! Mein Bier im FlowerPower wartet quasi kalt auf uns, und stattdessen stehen wir hier in einer Betonbunker-Disko und spielen Weltenretter. Das ist nicht gut für meine Verdauung. Ich
111 sag dir, die Psyche leidet unter diesem ganzen Rhythmuswechsel.“ Frau Kurze trat herbei, legte die Hände in die Hüften und musterte Marc mit einem amüsierten Blick. Ihr kurzer Haarschnitt verlieh ihr nach wie vor eine resolute Ausstrahlung, die bei jedem Betrunkenen im Umkreis von fünf Kilometern sofort für parlamentarische Disziplin sorgte. „Na, Marc, alter Haudegen“, sagte sie mit einem breiten Grinsen. „Sieht so aus, als müsstest du deinen alten Leder-Mantel wohl doch noch nicht im Second-Hand-Laden abgeben. Die Stadt braucht dich offenbar. Wer sonst räumt hier den musikalischen Müll weg?“ Herr Filzstift räusperte sich hinter seinem Notizbuch. „Ähem. Wenn ich kurz anmerken darf: Rechtlich gesehen ist das Betreten dieses Sektors ohne offizielle Genehmigung des Innensenators eine Grauzone, aber angesichts der Tatsache, dass Herr Herbert hier gerade die gesamte lokale Frequenz für eine Dauerschleife aus Akkordeon-Pop missbrauchen wollte, sehe ich von einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs ab. Vorerst.“ Herbert stöhnte auf dem Boden auf. „Es war Kunst! Eine revolutionäre Klanglandschaft! Ihr versteht einfach die Avantgarde nicht!“, rief er fast weinerlich, während der Stadtkämmerer neben ihm panisch versuchte, sich hinter einem Aktenordner zu verstecken, als ob das sein Gesicht unsichtbar machen würde. Dr. Melodie, der ehemalige Musikwissenschaftler, der sich inzwischen an die bizarre Zweckgemeinschaft gewöhnt hatte, adjustierte seine Brille und schüttelte bedauernd den Kopf. „Avantgarde? Herbert, das war schlichter akustischer Terrorismus. Selbst ich, der ich jahrelang mit dissonanten Moll-Akkorden experimentiert habe, muss sagen: Diese ständige Polka-Berieselung ging selbst mir an die Substanz. Ich beantrage asylrechtliche Anerkennung in Marcs Kneipe.“ „Von wegen Asyl“, warf Howi ein, der sich als Haus-DJ ebenfalls in das Getümmel gemischt hatte. „Wer im FlowerPower nicht mindestens einen guten Gitarren-Riff von Deep Purple zu schätzen weiß, kriegt bei mir Hausverbot. Auch wenn wir vorhin alle zusammengearbeitet haben.“ Marc winkte ab. Die Debatte drohte, in eine Grundsatzdiskussion über Musikgeschmack
112 ausartete, und dafür hatte der ehemalige Türsteher jetzt schlicht keine Nerven. Er steckte den violett leuchtenden USB-Stick in die Innentasche seiner Jacke, wo er verdächtig warm pulsierte. „Genug geredet“, befahl Marc mit einer Tonlage, die keinen Widerspruch duldete und sofort jeden an die Türsteher-Zeiten an der berüchtigten Club-Pforte erinnerte. „Die Polizei nimmt die Herrschaften hier mit. Und wir, meine Herren, müssen uns wohl oder übel ansehen, was uns diese ‚Phase Zwei‘ bescheren will. Tino, hol deinen Werkzeugkasten. Wir fahren in den Stadtpark.“ „Schon wieder in den Stadtpark?“, stöhnte Rudi und warf die Arme in die Luft. „Da wachsen doch nur Bäume und diese komischen Enten, die mich immer so anstarren, als wüssten sie von meinen Steuerschulden!“ „Keine Widerrede, Rudi“, sagte Tino, der bereits seinen Lieblingsschraubenschlüssel aus der Tasche zog und ihn besitzergreifend prüfte. „Wenn Marc sagt, wir müssen in den Park, dann gehen wir in den Park. Außerdem brennt in meiner Werkstatt noch Licht, das ich vergessen habe auszuschalten, aber das muss jetzt warten.“ Frau Kurze nickte anerkennend. „Wir bringen die Jungs hier aufs Revier. Filzi schreibt den Bericht, während wir fahren. Aber haltet die Ohren steif, Marc. Wer weiß, wer hinter diesem ‚Musikminister‘ oder wer auch immer jetzt die Fäden zieht, wirklich steckt. Es wirkt fast so, als gäbe es da noch einen Drahtzieher im Hintergrund.“ „Es gibt immer einen im Hintergrund“, knurrte Marc, während er sich als Erster auf den Weg zum Ausgang machte. Die Gruppe folgte ihm im gänsemarschähnlichen Tempo durch die tonnenschweren Stahltore des Großen Klangturms, hinaus in die kühle, nächtliche Luft der Stadt. Die Fahrt zum Stadtpark verlief in Tinos klapprigem Kombi, der bei jeder Bodenwelle stöhnte wie ein alter Seebär im Orkan. Drinnen herrschte eine eigentümliche Mischung aus schwebender Anspannung und der typischen Kneipen-Gemütlichkeit, die diese Truppe trotz aller Widrigkeiten zusammenschweißte. Rudi versuchte auf dem Rücksitz krampfhaft, den USB-Stick durch seine Jackentasche hindurch zu fotografieren, während Tino das Lenkrad mit der Präzision eines Formel-1-Piloten durch den nächtlichen Berufsverkehr manövrierte. Als sie den Rand des Stadtparks
113 erreichten, lag eine gespenstische Stille über den alten Alleen. Die Straßenlaternen flackerten leicht, und aus Richtung des zentralen Musikpavillons drang ein schwaches, violettes Leuchten, das sich unheilvoll über die Baumkronen legte. Kein Vogel zwitscherte, keine Katze lief über den Weg. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. „Da ist es wieder“, flüsterte Tino und bremste den Wagen abrupt am Rand des Schotterwegs ab. „Diese Frequenz… ich spüre sie schon in meinen Zähnen.“ Marc öffnete langsam die Wagentür und stieg aus. Seine massige Gestalt schien im Halbdunkel des Parks noch etwas imposanter zu wirken. Er zog die Brille aus der Tasche, setzte sie auf und kniff die Augen zusammen. „Rudi, bleib beim Auto und pass auf, dass uns niemand in den Rücken fällt. Tino, komm mit. Wir schauen uns an, was dieser Pavillon für uns bereithält.“ „Verstanden“, murmelte Tino und zog einen Phasenprüfer aus der Tasche, der in seiner Hand fast wie eine Waffe wirkte. Gemeinsam schlichen die beiden Männer über den feuchten Rasen, während sich hinter ihnen die Autotüren leise schlossen. Jeder Schritt brachte sie näher an den Pavillon, aus dem nun leise, aber unverkennbar eine seltsame Melodie herüberschwappte – eine unheilvolle Kombination aus klassischer Marschmusik und elektronischen Bündner-Bässen, die selbst den hartgesottensten Kneipengänger das Fürchten lehren konnte. Im Zentrum des Pavillons stand eine Gestalt, die eine riesige, altmodische Radio-Antenne in die Luft hielt und dabei wild gestikulierte. Es war kein Geringerer als Günther Krawalls vermeintlicher Mentor, eine hagere Gestalt in einem schlecht sitzenden Anzug, die sich sofort umdrehte, als Marcs schwere Stiefel auf die Holzbohlen des Pavillons traten. „Ah, der Herr Türsteher!“, rief die Gestalt mit einer schrillen, fast theatralischen Stimme, die durch den leeren Park schallte. „Sie kommen zu spät. Die Symphonie der ewigen Schleife hat bereits begonnen!“ Marc blieb mit verschränkten Armen stehen. Sein grauer Vollbart zuckte leicht, und in seinen Augen blitzte jene unbändige Entschlossenheit auf, die schon manchen aggressiven Gast im FlowerPower dazu gebracht hatte, freiwillig die Heimreise
114 anzutreten. „Ich war noch nie zu spät, Kollege“, sagte Marc mit einer Ruhe, die selbst den Wind zum Schweigen brachte. „Und jetzt machst du diesen Lärm aus, bevor ich dir zeige, wie sich eine richtige Rausschmeißer-Behandlung im Freien anfühlt.“ Die Anspannung im Park schnitt sich fast mit dem Messer, während der Countdown auf der Antenne unerbittlich weiterlief und der nächste musikalische Anschlag auf die Stadt drohte. Tino machte sich bereits im Hintergrund daran, das Kabel der Antenne zu kappen, doch die Gestalt im Anzug zog plötzlich eine Fernbedienung hervor und grinste diabolisch. „Zu spät, meine Herren! Die Frequenz ist bereits im globalen Netz!“, rief der Fremde und drückte auf den roten Hauptknopf, woraufhin ein ohrenbetäubender, metallischer Klangstoß durch den gesamten Stadtpark rollte und die Bäume gefährlich zu vibrieren begannen.
115 Die unsichtbare Leitung Der metallische Klangstoß traf die Gruppe im Stadtpark wie eine unsichtbare Faust, die aus den Tiefen des Kosmos direkt auf die Magengrube zielte. Marc, dem grauen Vollbart und der unverkennbaren Lesebrille auf der Nase, wankte kurz nach hinten, fing sich jedoch sofort wieder mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der in seinem früheren Berufsleben schon ganz andere Substanzen und Gestalten abgefangen hatte. Neben ihm stöhnte Tino, der treue Automechaniker, und rieb sich die Ohren. Rudi, der gutmütige, aber stets leicht überforderte Kneipenhelfer, klammerte sich krampfhaft an den nächstbesten Baumstamm, als ob dieser gleich mitsamt den Wurzeln in den Orbit abheben würde. „Verdammt!“, schrie Marc gegen den dröhnenden Lärm an, der sich inzwischen zu einer diabolischen Mischung aus Synthesizer-Gejaule und schlechter Blasmusik eingependelt hatte. „Das ist ja schlimmer als dreimal Schichtdienst an einem Freitagabend in der Nordstadt!“ Der Fremde, jener ominöse Drahtzieher im dunklen Mantel, der den roten Hauptknopf gedrückt hatte, stand auf der Bühne des Musikpavillons und lachte hysterisch. Seine Haare wehten im unsichtbaren Frequenzwind, während um ihn herum die Lautsprecherboxen gefährlich glühten. „Die Frequenz läuft! Niemand kann sie mehr aufhalten! Die Welt wird tanzen! Für immer!“, kreischte er mit einer Inbrunst, die jeden durchschnittlichen Opernsänger neidisch gemacht hätte. „Das wollen wir doch mal sehen“, brummte Marc. Seine Augen verengten sich hinter den Brillengläsern zu zwei schmalen Schlitzen. In diesem Moment schaltete sich der Kopf des ehemaligen Türstehers komplett auf den alten, verlässlichen Modus um: Tür zu, Störenfried raus, Feierabend sichern. Ohne zu zögern, setzte er sich in Bewegung. „Tino! Deckung! Rudi, lass den Baum los, der läuft dir nicht weg!“, kommandierte Marc mit jener unverkennbaren Autorität, die schon Generationen von betrunkenen Kneipengästen das Fürchten gelehrt hatte. Tino nickte, wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und rief: „Ich kappe die Hauptleitung, Chef! Gib mir zehn Sekunden!“ Der Automechaniker rannte los, direkt auf den
116 Schaltkasten an der Rückseite des Musikpavillons zu, während die Polizisten Frau Kurze und Herr Filzstift versuchten, sich dem Chaos geordnet zu nähern. Herr Filzstift, der stets mit penibler Akribie Notizen in sein kleines Blockheftchen eintrug, stolperte über eine freiliegende Kabeltrommel, fing sich aber artistisch ab. „Frau Kurze! Wir müssen hier ein offizielles Protokoll der akustischen Ruhestörung anfertigen! Der Paragraph Vierzehn Absatz drei untersagt ausdrücklich das Beschallen von Grünanlagen mit elektronischer Endzeit-Muzak!“ Frau Kurze, die durch ihre kurze Frisur und ihr resolutes Auftreten in brenzligen Situationen oft für einen harten Kerl gehalten wurde, lachte kurz auf, zog ihre Dienstmarke und rief zurück: „Vergessen Sie den Paragraphen, Filzi! Hier hilft nur noch grobes Zupacken!“ Mit schnellen Schritten stürmte sie die Stufen des Pavillons hinauf, direkt auf den Fremden zu, der gerade zum nächsten Monolog ansetzen wollte. Der Drahtzieher, völlig überrascht von der kompromisslosen Entschlossenheit der Staatsgewalt, wich einen Schritt zurück. „Halt! Kommen Sie mir nicht näher! Sonst aktiviere ich die Sub-Harmonische Schleife!“ „Von wegen Schleife“, knurrte Marc, der inzwischen ebenfalls die Bühne erklommen hatte. Mit zwei ausladenden Schritten überbrückte er die Distanz zwischen sich und dem Bösewicht. Er packte den Mann im Mantel ganz klassisch am Kragen, hob ihn mühelos einen halben Meter in die Luft und setzte ihn sanft, aber bestimmt auf einem umgedrehten Lautsprecher ab. „Bei uns im Laden gilt: Wer Lärm macht, fliegt raus. Und draußen ist heute verdammt langes Warten angesagt.“ „Aber… aber mein Meisterwerk!“, stammelte der Fremde, während seine Hände unkontrolliert in der Luft ruderten. In diesem exakten Moment schrie Tino von unten: „Ich hab den Hauptschalter! Mach die Augen zu, Jungs!“ Mit einem brachialen Ruck riss der Automechaniker ein dickes, rot-schwarzes Kabel aus der Verankerung. Ein lauter Funkenregen sprühte in den Nachthimmel, gefolgt von einem enttäuschten, elektronischen Seufzen. Die dröhnende Musik verstummte schlagartig. Der ohrenbetäubende Druck in der Luft löste sich auf, und eine gespenstische Stille legte sich über den Stadtpark. Nur das
117 leise Summen von Tinos Taschenlampe war noch zu hören. Rudi, der inzwischen den Baum losgelassen hatte und langsam herbeiwankte, atmete tief durch. „Heiliger Bimbach. Ich dachte schon, mein Trommelfell zieht dauerhaft in eine andere Dimension.“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der die ganze Zeit über im Hintergrund gefesselt auf einer Parkbank gesessen und das Spektakel beobachtet hatte, schüttelte mitleidig den Kopf. „Amateure. Die Frequenz war viel zu hoch eingestellt. Kein Wunder, dass die Membranen durchgebrannt sind. Wissenschaftlich absolut inkonsequent.“ „Sei leise, Melodie“, fauchte Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der sich klammheimlich neben die Polizisten gestellt hatte, um bloß nicht wieder verdächtigt zu werden. „Sei froh, dass wir hier alle heil rauskommen.“ Herr Filzstift leuchtete mit einer kleinen Stablampe auf den am Boden liegenden Schaltkasten und zückte seinen Stift. „So. Person festgesetzt, Anlage zerstört, akute Gefahr für die öffentliche Ordnung gebannt. Frau Kurze, notieren Sie bitte: Fall gelöst.“ Frau Kurze nickte zufrieden und legte dem verdutzten Drahtzieher professionell die Handschellen an. „Gute Arbeit, Kollege Filzstift. Und ein großes Lob an die Zivilstreife aus der Kneipe.“ Sie warf Marc und Tino einen anerkennenden Blick zu. Marc strich sich über den grauen Vollbart, richtete seine Brille auf der Nase und atmete die frische, endlich wieder geräuschlose Luft des Parks ein. Ein wohliges Gefühl der Erleichterung breitete sich in seiner Magengegend aus. Endlich. Der Albtraum mit den kaputten Jukeboxen, den verrückten Musikministern und dem nervtötenden Sound-Terror hatte ein Ende. Der wohlverdiente Ruhestand schien greifbar nah. Tino wischte sich die schmutzigen Hände an seiner Arbeitshose ab und grinste breit. „Na, Chef? Wollen wir auf den Schrecken ein kühles Blondes im FlowerPower trinken? Howi legt bestimmt schon wieder anständigen Rock auf.“ „Ein hervorragender Plan“, brummte Marc. „Aber diesmal nehme ich den Vordersitz im Transporter. Ich fahre keinen Meter mehr, bevor ich nicht mindestens zwei Gläser gezapftes Bier vor mir stehen habe.“ Die kleine Truppe setzte sich in Bewegung, um den Park zu verlassen. Der
118 gefangene Drahtzieher wurde von den beiden Polizisten abgeführt, während Rudi fröhlich pfeifend vorausging, glücklich darüber, dass seine geliebte Stammkneipe gerettet war. Niemand von ihnen ahnte in diesem Moment, dass unten im Gras, direkt neben dem zerstörten Schaltkasten, ein winziger, fast unscheinbarer, violett leuchtender USB-Stick lag, der im Takt eines ganz neuen, extrem langsamen Countdowns pulsierte. Der Stick glomm im Schatten einer Parkbank vor sich hin, während die Lichter der Stadt über ihnen friedlich funkelten. Der Kampf schien gewonnen, doch die Technik schläft nie.
119 Der Knoten im Netz Der violette Schein des kleinen USB-Sticks pulsierte im nächtlichen Gras wie das Warnlicht eines radioaktiven Krötenschenkels. Marc starrte auf das winzige Plastikding, während seine Knie leise knackten, als er sich in die Hocke beugte. Hinter ihm strömten die restlichen Mitglieder der improvisierten Spezialeinheit aus dem Schatten der Parkbank hervor. „Wenn das Ding jetzt anfängt, Polka zu spielen, ziehe ich meine Socken aus und erpresse den Verfassungsschutz“, knurrte Tino und wischte sich mit einem schmutzigen Handtuch die Ölspuren von den Händen, die er sich bei der letzten Sabotage-Aktion eingefangen hatte. „Das ist kein gewöhnlicher Datenträger, Tino“, tönte Dr. Melodie, der sich mit verschränkten Armen neben dem Mechaniker aufgebaut hatte und dabei aussah wie ein verhinderter Dirigent auf Entzug. „Das Frequenzmuster im Infrarotbereich deutet auf eine sequenzielle Kompression hin. Wir sprechen hier von einem audio-kryptografischen Endspiel!“ „Halt den Mund, Melodie, sonst stecke ich dir den Stick quer in die Oboe“, brummte Marc, griff mit Daumen und Zeigefinger nach dem Plastikteil und zog eine schmerzverzerrte Grimasse. Seine Brille rutschte ihm auf der verschwitzten Nase nach vorn. Mit einer grauen Vollbart-Bewegung, die an einen schlecht gelaunten See-Elefanten erinnerte, schob er die Gläser wieder an ihren Platz. „Rudi! Hör auf, im Gebüsch nach leeren Bierdosen zu fischen. Wir haben hier ein Problem.“ Rudi, der sich gerade mit dem Gesicht voran in eine Hecke gestürzt hatte, tauchte mit einem schiefen Grinsen und einer leicht verbogenen Coladose in der Hand wieder auf. „Ich dachte nur, falls die Welt untergeht, brauche ich Pfandgeld für den Notgroschen, Marc! Man weiß ja nie!“ Frau Kurze, deren harte Polizeimarke im Mondlicht matt glänzte, trat energisch vor. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte den glimmenden Stick mit der unbarmherzigen Skepsis einer Beamtin, die schon zu viele Betrunkene sagen hörte, der Döner sei explodiert. „Herr Filzstift, notieren Sie: Ein herrenloser, violett leuchtender Datenträger wurde im städtischen Erholungsgebiet
120 aufgefunden, mutmaßlich im Besitz einer kriminellen Musikvereinigung.“ Herr Filzstift, der wie gewohnt ein winziges Notizbuch und einen Stift zückte, deren Proportionen an eine Requisite aus einem schlechten Krimi erinnerten, kratzte sich mit der Kappe am Kinn. „Soll ich es als ‚Bedrohung der öffentlichen Ordnung durch unlizensierte Bass-Frequenzen‘ verbuchen oder unter ‚Kulturförderung, die schiefging‘, Frau Kurze?“ „Schreiben Sie einfach ‚Alarmstufe Blödsinn‘, Filzi“, seufzte Marc, während er den Stick an seiner Jacke abwischte, als wäre er eine besonders klebrige Wurstsemmel. In diesem Moment flackerte das winzige LED-Licht des Sticks von Violett auf ein bedrohliches Giftgrün um. Ein leises, fast unhörbares Summen drang aus dem Inneren des winzigen Speichers, das sich wie eine digitale Version von Alle meine Entchen im Fünffach-Turbo angoß. Herbert, der ehemalige Antagonist, der nach seiner wundersamen Läuterung nun nervös an seinem Trenchcoat zupfte, trat einen Schritt vor. Seine Augen weiteten sich hinter der Brille. „Oh nein. Das… das ist nicht der normale Countdown. Das ist die Backup-Sequenz für die ultimative Endlosschleife!“ „Welche Endlosschleife, Herbert?“, fauchte Marc. „Die, in der wir alle in Schlaghosen durch die Fußgängerzone tanzen müssen, bis uns die Füße abfallen?“ „Schlimmer“, flüsterte Herbert fast ehrfürchtig. „Eine Mischung aus mittelmäßigem Techno und dem offiziellen Schützenfest-Medley von 1984. Es wird die Frequenzweiche des gesamten Stadtnetzes überlasten!“ Tino riss die Augen auf. „Das darf nicht wahr sein! Wenn das ins Netz geht, brennt im ganzen Block jede Mikrowelle durch, und meine Werkstatt fliegt in die Luft! Da ist so viel Restspannung auf der Hauptleitung, das verträgt keinen Synthie-Bass!“ Der Automechaniker sprang auf wie von der Tarantel gestochen, riss Marcs Hand weg und starrte auf den kleinen Bildschirm, der plötzlich auf dem USB-Stick aufleuchtete. Eine winzige digitale Zeitschaltuhr zählte erbarmungslos herunter: 03:42… 03:41… „Wir müssen das Ding sofort knacken“, rief Tino und kramte in den tiefen Taschen seines Blaulands nach einer Zange, die verdächtig nach einem Flaschenöffner aussah. „Vorsicht, Mann! Nicht mit roher Gewalt!“, schrie Dr.
121 Melodie und wedelte hysterisch mit den Armen. „Das ist ein quantenmechanischer Logik-Code! Wenn du den falschen Pin berührst, schickt der Stick einen elektromagnetischen Impuls aus, der jedes Radio im Umkreis von zehn Kilometern auf Schlager-Dauerfeuer stellt!“ Marc atmete tief durch. Fünfzig Jahre Lebenserfahrung, davon zwanzig an der Tür der wildesten Rockkneipe der Stadt, hatten ihn gelehrt, dass man panischen Musikwissenschaftlern niemals das Werkzeug überlassen durfte. Mit einer ruhigen, fast väterlichen Entschlossenheit, die jeden Berserker in die Flucht geschlagen hätte, nahm der ehemalige Türsteher dem Mechaniker den Stick aus der Hand. „Tino, halt du die Zange. Rudi, leuchte mit dem Handy drauf. Und ihr beiden da“, nickte er zu den Polizisten rüber, „sorgt dafür, dass keine herumlaufenden Hunde oder betrunkenen Kegelclubs unseren Arbeitsbereich betreten.“ Frau Kurze nickte knapp. „Verstanden, Marc. Wenn hier jemand singt, schieße ich ihm in den Verstärker.“ Die Anspannung im Park war mit Händen zu greifen. Die Lichter der Skyline warfen lange, schattenhafte Silhouetten auf den Rasen, während der Countdown erbarmungslos weiterlief: 02:15… 02:14… Marc kniff die Augen zusammen. Seine Brille spiegelte das grüne Leuchten des Sticks wider. Er erinnerte sich an die alten Tage im FlowerPower, wenn ein betrunkener Gast versuchte, die Jukebox mit einer abgebrochenen Büroklammer zu manipulieren. Die Lösung lag damals wie heute selten in der Hochtechnologie, sondern meistens im mechanischen Widerstand gegen die Dummheit. „Tino“, sagte Marc mit tiefer, ruhiger Stimme. „Gib mir deinen dicksten Schraubenzieher.“ „Aber Marc, der ist für die Zylinderkopfdichtung!“, protestierte Tino. „Jetzt ist er für die Rettung des Abendlands. Gib her.“ Mit einer chirurgischen Präzision, die man einem Mann mit Pratzen wie Mühlsteinen kaum zugetraut hätte, setzte Marc die flache Klinge des Werkzeugs an der winzigen Naht des Plastiksticks an. Der Countdown stand bei 00:45. „Mach schon, Marc!“, rief Rudi und hielt sich die Hände vor die Augen, als stünde er vor der Enthüllung eines Horrorfilms. „Ich will nicht wieder zu den Klängen von Marianne Rosenberg frühstücken müssen!“ „Ruhe
122 im Glied, Rudi“, knurrte Marc. Ein kurzes Knacken ertönte. Der Kunststoff des USB-Sticks gab nach. Im selben Moment sprang das grüne Licht auf ein beruhigendes, mattes Blau um. Das hektische Summen verstummte schlagartig und wich dem leisen Rauschen des nächtlichen Windes in den Baumkronen. Tino atmete hörbar aus und ließ sich auf eine Parkbank fallen. „Heiliger Strohsack. Du hast die Platine erwischt.“ Herr Filzstift steckte den Stift weg und klappte sein Notizbuch zu. „Hervorragende Handwerkskunst, Marc. Das gibt bestimmt einen Eintrag im Quartalsbericht der Stadtverwaltung. Unter der Rubrik ‚Verhinderung von akustischem Ungehorsam‘.“ Dr. Melodie starrte fassungslos auf den zerstörten Stick in Marcs Hand. „Das… das war der Kern der Klang-Matrix! Wie haben Sie das ohne Programmierkenntnisse geschafft?“ Marc steckte sich den ruinierten Stick demonstrativ in die Jackentasche, setzte ein mürrisches Grinsen auf und richtete sich auf. „Ganz einfach, Melodie. Wer jahrelang betrunkene Gäste davon abgehalten hat, mit einer Flasche Tequila auf die Bühne zu klettern, den schockt auch kein USB-Stick aus dem Elektronik-Discounter.“ Die Gruppe atmete erleichtert auf. Die Anspannung fiel von ihnen ab wie der Schlamm von Tinos Arbeitsstiefeln. Sogar Herbert lächelte matt und strich sich über den Mantel. „Na großartig“, sagte Rudi und rieb sich den Bauch. „Jetzt, wo die Welt gerettet ist, habe ich einen Bärenhunger. Hat noch jemand ein belegtes Brötchen in der Tasche?“ „Vergiss das Brötchen, Rudi“, sagte Marc und deutete mit dem Kopf in Richtung der Straße, wo in der Ferne das neonfarbene Schild des FlowerPower durch die Dunkelheit leuchtete. „Wir gehen jetzt in die Kneipe, bestellen eine Runde eiskaltes Bier, und wehe, Howi spielt auch nur einen einzigen Takt Blasmusik, dann sehe ich persönlich nach dem Rechten.“ Die kleine Truppe setzte sich in Bewegung, schlenderte gemeinsam über die geschotterten Wege des Parks und ließ die nächtliche Idylle hinter sich. Die Krise schien endgültig abgewendet, die Ordnung in der musikalischen Unterwelt wiederhergestellt. Doch während sie die Straße überquerten, bemerkte keiner von ihnen, dass tief in der Jackentasche von
123 Herbert ein zweiter, noch kleinerer, silbern schimmernder Gegenstand zu surren begann – und leise, aber vernehmbar das Vorspiel zu einem neuen, unheilvollen Rhythmus anstimmte.
124 Was Herbert verschwieg Das leise Surren aus Herberts Jackentasche war zunächst kaum mehr als ein nervöses Vibrieren, wie es ein vergessenes Mobiltelefon im Vibrationsmodus kurz vor dem Akkutod von sich zu geben pflegte. Doch je näher die kleine, vom nächtlichen Einsatz gezeichnete Truppe der vertrauten, warm erleuchteten Fassade der Kneipe FlowerPower kam, desto intensiver wurde die mechanische Kakophonie. Herbert, der sich gerade noch sichtlich erleichtert darüber gefühlt hatte, dass die Polizei ihn vorerst nicht in Handschellen abführen musste, blieb abrupt mitten auf dem Bürgersteig stehen. Er verzog das Gesicht, als würde er einen besonders ungepflegten Akkordeonspieler direkt neben seinem linken Ohr ertragen müssen. „Hören Sie das?“, stieß Herbert hervor und griff sich fahrig an den Brustbereich seines Mantels. Seine Finger bohrten sich in den Stoff, als wolle er einen unsichtbaren Parasiten ersticken. „Das klingt ja schrecklich. Das ist doch niemals von mir! Ich habe mit dem neumodischen Zeug abgeschlossen. Ich bin ein geläuterter Mann, fragen Sie Dr. Melodie!“ Dr. Melodie, der neben ihm ging und sich gerade die Staubkörner von seinem feinen Sakko klopfte, schüttelte empört den Kopf. Seine Brille blitzte im Licht der Straßenlaterne. „Erwähnen Sie meinen Namen nicht in einem solch vulgären Kontext, Heribert. Meine wissenschaftlichen Forschungen im Bereich der audiophilen Destabilisierung hatten wenigstens Stil. Das dort drüben – oder besser gesagt, in Ihrer direkten Körpernähe – klingt eher nach kaputten Zahnrädern in einem kaputten Küchengerät.“ Marc, dem grauen Vollbart und der unverkennbaren Brille, hielt ebenfalls an. Er seufzte tief, nahm die Brille ab, hauchte demonstrativ darauf und polierte sie an seinem grauen Pullover, während er den Blick auf Herbert richtete. Die Glatze glänzte im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Taxis. Wenn Marc eins in den letzten Jahrzehnten gelernt hatte, dann war es die unumstößliche Gesetzmäßigkeit des Schicksals: Sobald man dachte, man könne sich endlich ein kühles Bier gönnen, tauchte garantiert irgendein technischer Unfug auf, der nach einer ordentlichen
125 Portion Nachdruck verlangte. „Herbert“, sagte Marc mit jener ruhigen, autoritären Bassstimme, die schon manchen betrunkenen Raufbold am Einlass des Clubs das Fürchten gelehrt hatte. „Nimm die Hand aus der Tasche und zieh das Ding heraus. Und zwar langsam. Wenn das wieder so ein violett leuchtender USB-Stick ist, der mir meinen wohlverdienten Feierabend versaut, dann sorge ich persönlich dafür, dass du nie wieder auch nur eine Triangel berühren darfst.“ Tino, der als Automechaniker ohnehin ein feines Gespür für unnatürliche Vibrationen und falsch eingestellte Motoren hatte, trat sofort an Herbert heran. Er schob die Hände in seine Blaumann-Taschen und beäugte Herberts Jacke skeptisch, als handle es sich um einen Motorschaden an einem alten Opel Kadett. „Das ist kein normaler Kurzschluss“, brummte Tino und kniff die Augen zusammen. „Die Frequenz, die da pulsiert, liegt irgendwo im Bereich zwischen defekter Wasserpumpe und einem aggressiven Marschmusik-Sampler. Herbert, hast du etwa heimlich noch ein Ersatzteil gebunkert?“ „Ich schwöre bei meiner Schallplattensammlung, ich weiß von nichts!“, rief Herbert fast hysterisch und zog mit einer ruckartigen Bewegung die Hand aus der Tasche. In seiner Handfläche lag kein USB-Stick, sondern ein winziges, silbern glänzendes Etui, das mechanisch zuckte und summte, als würde darin ein winziger Uhrwerks-Roboter um sein Leben laufen. Aus winzigen Schlitzen an den Seiten drang ein schrilles, metallisches Piepsen, das sich in die Gehörgänge bohrte. Rudi, der treue Kneipenhelfer, der während der gesamten Aktion bisher meist damit beschäftigt gewesen war, seine Schnürsenkel zu binden oder den Überblick zu verlieren, trat einen Schritt vor. Seine Augen leuchteten vor naiver Neugier. „Oh, schau mal! Das blinkt ja wie eine Kirmesbeleuchtung! Meinst du, da ist Schokolade drin? Oder vielleicht ein Gutschein für die Jukebox?“ „Rudi, fass das Ding nicht an!“, zischte Frau Kurze, die Polizistin mit der kurzen, markanten Frisur und dem resoluten Auftreten, das selbst eingefleischte Kneipengänger Respekt abnötigte. Sie trat entschlossen vor, während ihr Kollege Herr Filzstift bereits hektisch in seinem kleinen
126 Notizbuch blätterte, um den Vorfall akribisch zu dokumentieren. Herr Filzstift leckte sich über den Daumen, hielt den Stift bereit und blickte fragend zu Frau Kurze auf. „Soll ich das als ‚fortgesetzten akustischen Ungehorsam im öffentlichen Raum‘ oder als ‚unerlaubten Besitz von Klappermusik-Gerätschaften‘ protokollieren, Frau Kurze?“, fragte Herr Filzstift mit seiner leicht quakenden Stimme, während er wild auf dem Papier krizzelte. „Schreib einfach ‚neuer Ärger‘, Filzi“, antwortete Frau Kurze trocken und legte demonstrativ die Hand auf ihr Holster, auch wenn weit und breit kein klassischer Räuber zu sehen war, sondern nur eine nervtötend summende Metallschachtel. „Und du, Herbert, machst jetzt ganz geschmeidig den Deckel auf, bevor ich meine Dienstwaffe benutze, um das Ding in seine atomaren Bestandteile zu zerlegen. Und das meine ich ernst.“ Herbert schluckte schwer. Mit zitternden Fingern drückte er auf einen kaum sichtbaren Mechanismus an der Seite des Etuis. Mit einem leisen Klick sprang der Deckel auf. Statt einer Explosion oder schädlicher Gase schoss ein winziger holografischer Projektor empor und warf einen flackernden Lichtkegel in die nächtliche Luft direkt vor Marcs Brilengläser. In dem blauen Licht erschien das dreidimensionale Bild eines alten Bekannten: Günther Krawall, der erst kürzlich überwältigte Blasmusik-Fanatiker, grinste hämisch von der Miniatur-Projektion herab. Seine Stimme, elektronisch verzerrt und blechern, hallte durch die ruhige Straße. „Aha! Wenn ihr das hier seht, dann hat meine Vorhut versagt. Aber macht euch keine Hoffnungen, ihr Glorreichen Fünf – oder wie viele von eurer chaotischen Truppe auch immer noch gerade geradeaus laufen können. Die echte Symphonie fängt erst jetzt an. Der Hauptserver im städtischen Funkturm läuft bereits auf Hochtouren. Und dieses Mal gibt es kein Entkommen vor der ultimativen Polka-Apokalypse!“ Das kleine Hologramm flackerte kurz auf, stieß einen schrillen Ton aus und erlosch dann mit einem leisen Puff, während Rauchwölkchen aus dem silchernen Etui stiegen. Der Gegenstand kühlte augenblicklich ab und blieb regungslos in Herberts Hand liegen. Silence legte sich über die Gruppe. Nur das ferne Rumpeln einer Straßenbahn in
127 der Nachbarschaft war zu hören. Rudi kratzte sich am Hinterkopf. „Funkturm? Meint er den großen Turm am alten Güterbahnhof? Da gibt es doch diesen tollen Automaten für warme Bockwurst.“ Marc starrte auf die Stelle, an der das Hologramm eben noch geschwebt hatte. Langsam schob er die Brille weiter nach oben auf die Stirn, rieb sich die Augen und atmete tief aus. Seine breiten Schultern sanken für eine Sekunde nach unten, bevor sich seine Muskeln wieder strafften. Die Illusion eines ruhigen Abends war endgültig zerplatzt wie eine billige Seifenblase. „Der Funkturm“, stellte Marc fest und seine Stimme klang dabei so gefährlich ruhig, dass Tino sofort wusste, was die Stunde geschlagen hatte. „Der Kerl will also den ganzen Bezirk mit Dauer-Blasmusik beschallen. Das können wir unmöglich zulassen. Wenn die Gäste im FlowerPower morgen Früh keinen Rock hören, sondern zu Tuba-Klängen ihr Bier trinken müssen, bricht hier endgültig die Anarchie aus.“ „Er hat Recht“, bestätigte Tino und zog bereits einen Schraubenzieher aus seiner Gesäßtasche, den er vorsorglich eingesteckt hatte. „Der Funkturm hat ein veraltetes Röhrensystem. Wenn man da zur falschen Zeit am Hauptverteiler schraubt, brennt entweder die ganze Elektronik durch oder wir haben die perfekte Partybeleuchtung für die nächsten drei Wochen. Ich fahre den Wagen vor.“ Dr. Melodie, der bisher skeptisch zugesehen hatte, trat nun einen Schritt vor und strich sein Revers glatt. „Wenn ich mich kurz einbringen darf: Als ehemaliger Musikwissenschaftler und vorübergehender Saboteur kenne ich die Frequenzarchitektur dieses Funkturms besser als jeder andere. Ohne meine analytische Kompetenz verlauft ihr euch doch im Kabelsalat.“ „Du kommst nur mit, damit du keinen weiteren Unsinn machst“, erwiderte Frau Kurze scharf, aber in ihren Augen blitzte ein amüsierter Funken. „Filzi, hol den Wagen. Wir machen Dienstfahrt. Und wehe, das Protokoll stimmt am Ende nicht.“ Herr Filzstift nickte eifrig, klappte sein Notizbuch zu und spurtete mit beachtlicher Geschwindigkeit los, um den Streifenwagen zu holen. Herbert, der nun endgültig einsah, dass es für ihn kein Entkommen aus dieser absurden Mission gab, seufzte tief und warf das zerstörte
128 Etui in den nächsten Mülleimer. „Na gut“, murmelte Herbert und folgte der Gruppe, die sich bereits in Richtung von Tinos klapprigem Werkstattwagen in Bewegung setzte. „Aber wenn da oben wieder so ein verrückter Dirigent mit einer Miniatur-Orgel steht, steige ich aus. Das ist mir für meine Nerven einfach zu stressig.“ Marc ging voran. Seine schwere Lederjacke knarrte bei jedem Schritt, und der graue Vollbart wackelte leicht, als er entschlossen das Lenkrad seines alten Lebensstils wieder fest in die Hand nahm. Der Ruhestand war schließlich keine feste Institution, sondern lediglich eine temporäre Abwesenheit von echtem Ärger. Und heute Abend war der Ärger musikalisch, laut und verdammt starrsinnig. „Auf geht’s, Jungs“, rief Marc über die Schulter, während Tino den Motor des Autos mit einem kräftigen Röcheln zum Leben erweckte. „Zeigen wir dem Musikminister, wie echtes Türsteher-Handwerk klingt – ganz ohne Notenblatt.“ Die Autotüren schlossen sich mit dumpfem Schlagen, und während der Wagen in der Dunkelheit verschwand, um Kurs auf den ominösen Funkturm zu nehmen, blieb auf der verlassenen Straße nur die Gewissheit zurück, dass die Nacht noch verdammt lang und laut werden würde.
129 Zwischen Blasmusik und Weltuntergang Die Nachtluft roch nach Ozon, kaltem Asphalt und der unverkennbaren Vorahnung einer gewaltigen Katastrophe, die vermutlich aus einer seltsamen Mischung aus Tubas und Synthesizern bestand. Tino trat das Gaspedal seines treuen Kombis durch, sodass der Motor aufheulte wie ein betrunkener Wolf bei Vollmond. Auf dem Rücksitz saßen Herbert und Dr. Melodie eng aneinandergedrängt, während Herr Filzstift versuchte, in der Dunkelheit mit einem winzigen Bleistift Notizen in sein Dienstheft zu kritzeln, was bei jeder Bodenwelle zu kreativen Schlangenlinien führte. Frau Kurze, die auf dem Beifahrersitz thronte, musterte die leere Straße vor ihnen mit einem Blick, der Stahl hätte schneiden können. Marc, mit seiner Brille, der glänzenden Glatze und dem grauen Vollbart, lehnte sich derweil auf dem Vordersitz zurück und rieb sich die Schläfen. „Ich könnte jetzt auf der Couch sitzen“, brummte Marc leise vor sich hin, während der Wagen scharf um eine Kurve driftete. „Mit einer Tasse Kamillentee. Ohne Blasmusik. Ohne holografische Etuis.“ „Ach, komm schon, Marc“, rief Tino vom Steuer aus und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, wo Rudi selig und mit offenem Mund gegen Herberts Schulter lehnte. „Ein bisschen frische Luft tut gut. Und außerdem retten wir gerade die Welt. Oder zumindest den hiesigen Radioempfang.“ „Die Welt kann mich mal“, entgegnete Marc trocken, auch wenn seine Augen unter den Brillengläsern verdächtig hell vor verhaltenem Tatendrang glänzten. Der ehemalige Türsteher in ihm war längst wieder hellwach. Wer jahrelang betrunkene Raufbolde vor der Clubtür sortiert hatte, den konnte ein größenwahnsinniger Blasmusik-Fanatiker mit einem Funkturm auch nicht mehr wirklich erschüttern. Es war im Grunde nur eine Frage der richtigen Ausrichtung von Autorität und roher Körperkraft. Der städtische Funkturm ragte wie ein monströser, grauer Spargel in den nächtlichen Himmel, umgeben von einem maschendrahtbewehrten Zaun, der aussah, als könnte er selbst eine Panzerdivision aufhalten. Tino bremste den Wagen scharf
130 vor dem Haupttor ab. Die Reifen quietschten auf dem Schotter. Bevor der Motor ganz zum Stillstand gekommen war, riss Frau Kurze bereits ihre Tür auf. „Aussteigen, Herrschaften!“, rief sie mit ihrer tiefen, markanten Stimme, die jeden Rekrutierungsfeldwebel vor Neid hätte erblassen lassen. „Das ist eine offizielle Amtshandlung. Und falls dieser Herr Krawall drinnen tatsächlich vorhat, uns mit Polka zu beschallen, verstoßen wir hiermit offiziell gegen das Genfer Protokoll zur Wahrung des guten Geschmacks.“ Herr Filzstift stieg ebenfalls aus, klemmte sich das Notizbuch unter den Arm und setzte seine Brille gerade. „Ich habe den Paragraphen für akustische Körperverletzung parat, Frau Kurze. Sektion vierzehn, Absatz drei: Wer unaufgefordert Schlagermusik über UKW verbreitet, zahlt mindestens zwanzig Euro oder verbringt die Nacht in der Zelle mit den singenden Betrunkenen.“ „Das ist Folter, Filzi“, murmelte Herbert schüchtern, während er sich aus dem Auto schälte und seinen Mantel glättete. „Selbst für jemanden wie mich, der mal kurz davor war, die Weltherrschaft zu übernehmen.“ „Sei leise, Herbert, du hattest deinen Auftritt im Elektrizitätswerk“, erinnerte ihn Dr. Melodie streng, während er seine Brille auf der Nase zurechtrückte und die Umgebung mit dem distanzierten Blick eines Musikwissenschaftlers musterte, der sich auf einem Heavy-Metal-Konzert verirrt hatte. „Die Architektur dieses Turms ist faszinierend. Brutalismus der späten siebziger Jahre. Akustisch eine absolute Katastrophe, perfekt für unbarmherzige Frequenzverzerrungen.“ Marc ignorierte die philosophischen Exkursionen seiner Begleiter. Er trat an den Maschendrahtzaun, musterte das Vorhängeschloss und wandte sich dann an Tino. „Na, Spezi? Bringst du uns rein, oder müssen wir das Tor höflich bitten, sich zu öffnen?“ Tino grinste breit, griff in seine Jackentasche und zog ein handlich wirkendes Brecheisen hervor, das dort offenbar seit Jahren auf seinen Einsatz wartete. „Für dich, alter Freund, knacke ich jedes Schloss, solange wir danach noch auf ein Bier in die Kneipe FlowerPower gehen.“ Mit einem gezielten Ruck und dem unverkennbaren metallischen Geräusch nachgebenden Stahls
131 sprang das Vorhängeschloss auf. Der Weg in den inneren Sicherheitsbereich des Funkturms war frei. Rudi, der inzwischen durch den Lärm aufgewacht war, rieb sich die Augen und tappte der Gruppe hinterher. „Sind wir schon da? Gibt es hier irgendwo eine Bratwurstbude?“ „Nein, Rudi, hier gibt es nur Blasmusik und schlechte Laune“, antwortete Marc und schritt als Erster über den betonierten Vorplatz, das schwere Stahlturmportal fest im Blick. Die Gruppe drängte sich in den Eingangsbereich des Turms. Drinnen roch es nach altem Kabelbrand, heißgelaufenen Transistoren und dem dezenten Duft von billigem Deo. Ein leises, summendes Vibrieren lag in der Luft, das direkt durch die Schuhsohlen in die Waden kletterte. Es war die unverkennbare Signatur einer massiven technischen Anlage, die kurz vor dem Startschuss stand. Plötzlich knarzte eine Lautsprecheranlage an der Decke. Eine hohle, leicht blecherne Stimme dröhnte durch das Treppenhaus: „Achtung, liebe Bürger der Stadt! Die Polka-Apokalypse beginnt in wenigen Minuten. Bitte machen Sie sich bereit für den unaufhaltsamen Marsch der Tuba!“ „Günther Krawall“, zischte Tino und packte sein Werkzeug fester. „Der Kerl lernt es einfach nicht.“ „Das werden wir ja sehen“, knurrte Marc. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er ballte die Hände zu Fäusten, und allein seine physische Präsenz im engen Treppenhaus schien die umgebende Lufttemperatur um ein paar Grad abkühlen zu lassen. „Hinter mir bleiben, Leute. Wenn hier jemand Krach macht, dann bin ich das, wenn ich meine alte Playlist auflege.“ Sie setzten sich in Bewegung, stiegen Stufe um Stufe die schwindelerregend spiralförmige Metalltreppe nach oben. Jeder Schritt hallte blechern wider. Oben auf der Plattform, direkt vor der Hauptsteuerung des Funkturms, stand Günther Krawall höchstpersönlich. Er trug eine traditionelle Trachtenjacke, hatte ein Headset auf dem Kopf und tanzte mit wilden Verrenkungen vor einem riesigen Mischpult, das bunt blinkte wie ein Weihnachtsbaum nach einer Koffein-Überdosis. Neben ihm lief ein digitaler Countdown auf einem Monitor: Noch genau vier Minuten bis zur weltweiten Ausstrahlung der Frequenz. „Ah, Besuch!“, rief Krawall
132 triumphierend, ohne von seinen Reglern aufzusehen. „Ihr kommt genau richtig für das große Finale! Die Stadt wird tanzen! Ob sie will oder nicht! Niemand kann die Macht der Blasmusik aufhalten!“ „Da wär ich mir nicht so sicher, Spezi“, rief Marc, der mit schnellen, entschlossenen Schritten die Plattform erreichte und sich vor dem Mischpult aufbaute. Seine Statur füllte den Raum aus wie eine graubärtige Schrankwand. Krawall zuckte kurz zusammen, versuchte jedoch tapfer, professionell zu wirken. „Halt! Kommen Sie mir nicht zu nah! Ich habe hier die volle Kontrolle über den Sender! Noch ein Schritt, und ich aktiviere den Turbo-Schunkel-Modus!“ „Den was?“, fragte Herr Filzstift fassungslos, während er hastig in seinem Notizbuch blätterte. „Ist das überhaupt legal?“ „Das ist völlig egal, ob das legal ist, Filzi!“, rief Frau Kurze, die im gleichen Moment auf der Plattform auftauchte, ihre Dienstmarke zückte und Krawall fixierte. „Hände weg von den Reglern, Krawall! Sonst lerne ich Ihnen Manieren, die selbst Ihre Tuba nicht mehr retten kann!“ Dr. Melodie trat hinter Marc hervor und schüttelte bedauernd den Kopf. „Krawall, ich muss Sie enttäuschen. Ihre Frequenzberechnung weist einen gravierenden Fehler im Mitteltonbereich auf. So ruinieren Sie doch jeden vernünftigen Rhythmus.“ „Ruhe da unten!“, kreischte Krawall und wollte gerade panisch auf einen großen roten Hauptschalter hauen, der den Countdown auf null setzen sollte. Aber so weit ließ Marc es natürlich nicht kommen. Mit der schnellen, präzisen Eleganz eines Mannes, der in seiner Jugend hunderte störrische Gäste eigenhändig vor die Tür gesetzt hatte, griff Marc zu. Er packte Krawall am Kragen der Trachtenjacke, hob ihn mühelos eine Handbreit vom Boden ab und setzte ihn mit einer geschmeidigen Drehung sanft, aber unmissverständlich auf einem verstaubten Bürostuhl in der Ecke ab. „So“, sagte Marc und knöpfte sich die obersten Knöpfe seines Hemdes auf, während Krawall verdutzt nach Luft schnappte. „Jetzt wird hier gar nichts mehr geschunkelt.“ Tino stand bereits am Mischpult, zückte seinen Seitenschneider und blickte fragend zu Marc. „Soll ich das rote Kabel kappen, Chef?“ „Immer mit der Ruhe, Tino“, erwiderte Marc und warf einen Blick auf den blinkenden
133 Bildschirm, auf dem der Countdown bei verbleibenden zehn Sekunden stand. „Aber mach lieber schnell. Ich habe heute Abend noch eine Verabredung mit einem kühlen Bier und meiner Couch.“ Tino zögerte keine Sekunde. Mit einem schnellen, entschlossenen Schnitt durchtrennte er das dicke, rot-schwarze Hauptkabel. Der Countdown auf dem Bildschirm erlosch schlagartig mit einem kurzen elektrischen Zischen, und die laute Blasmusik, die bereits leise aus den Lautsprechern gedröhnt war, verstummte in einem jämmerlichen, langgezogenen Stöhnen, das eher an eine sterbende Kirchenorgel erinnerte. Stille kehrte auf dem Funkturm ein. Eine fast schon unheimliche Stille, die nur noch vom leisen Summen der restlichen Elektronik unterbrochen wurde. Krawall saß in seinem Stuhl, starrte fassungslos auf das gekappte Kabel und sank dann resigniert in sich zusammen. „Das… das kann nicht sein. Meine Polka… mein Lebenswerk…“ „Ihr Lebenswerk war klanglicher Unrat, Krawall“, stellte Herr Filzstift fest, während er mit geschäftsmäßiger Miene eine Handschelle auspackte. „Sie sind hiermit festgenommen. Wegen versuchter akustischer Körperverletzung und Störung des öffentlichen Friedens.“ Frau Kurze trat neben Filzstift und nickte anerkennend. „Gute Arbeit, Filzi. Das tragen wir sauber ein.“ Herbert und Dr. Melodie atmeten tief aus. Rudi lehnte sich gegen die Wand und gähnte vernehmlich. „Endlich Ruhe. Sag mal, Tino, hat die Kneipe FlowerPower eigentlich noch auf?“ Tino grinste und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Für uns immer, Rudi. Für uns immer.“ Marc wandte sich ab und blickte aus dem großen Fenster des Funkturms hinaus auf die friedlich daliegende Stadt, die von den Lichtern der Nacht erleuchtet wurde. Endlich war die Bedrohung abgewendet. Der Funkturm war still, die Verschwörung gestoppt, und die Welt schien wieder sicher zu sein. Er atmete tief durch und freute sich auf den wohlverdienten Feierabend. Doch in diesem Moment, als sich alle entspannt zum Aufbruch wandten, knackte es plötzlich leise in Herberts Manteltasche. Ein schwaches, violettes Leuchten drang durch den dicken Stoff, begleitet von einem elektronischen Piepsen, das unverkennbar
134 die Notiz einer neuen, automatischen Backup-Sequenz anzeigte. Auf dem Display eines winzigen, unbemerkt gebliebenen Zusatzgeräts, das dort im Schatten lag, leuchtete eine neue Botschaft auf: Initialisierung von Phase Drei gestartet. Marc blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Er schloss langsam die Augen, zählte bis zehn und wandte sich dann mit einem resignierten Seufzer an seine Begleiter.
135 Der Sender in der Tasche Die Kälte des abendlichen Windes schien sich direkt durch Marcs grauen Vollbart bis auf die Haut zu bohren, während er dort am Fuße des Funkturms stand und das leise, aber unverkennbare Summen aus Herberts Manteltasche hörte. Es klang ein bisschen wie eine schlecht gelaunte Hummel, die beschlossen hatte, den Weltuntergang einzuläuten. „Was zur Hölle ist das schon wieder?“, knurrte Marc und schob seine Brille auf der Nasenwurzel nach oben, um den glücklicherweise inzwischen überwältigten Günther Krawall und den sichtlich verdutzten Herbert genauer zu mustern. Der Wunsch nach einem gemütlichen Feierabendbier in der Stammkneipe FlowerPower schien mal wieder in unerreichbare Ferne gerückt zu sein, verbannt in ein paralleles Universum, in dem die Menschen vermutlich freiwillig Polka tanzten. Tino, der gerade noch mit ölverschmierten Fingern die Hauptleitungen des Funkturms lahmgelegt hatte, trat heran und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Frag mich nicht, Marc“, stöhnte der Automechaniker und warf einen skeptischen Blick auf Herberts Mantel. „Ich dachte, wir hätten den Schalter umgelegt. Wenn dieses Ding jetzt auch noch anfängt zu singen, kriege ich die Krise. Und mein Werkzeugkasten liegt im Auto, den kann ich heute Nacht nicht noch dreimal verlieren.“ Frau Kurze, die resolute Polizistin mit der kurzen Frisur, die von den Betrunkenen früher immer für einen harten Kerl gehalten wurde, trat energisch einen Schritt nach vorn. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte Herbert mit einem Blick, der ausgereicht hätte, um eine Blockhütte zum Einsturz zu bringen. „Also gut, Herbert“, sagte sie mit tiefer, bestimmter Stimme. „Du greifst jetzt ganz langsam in deine Tasche und holst das Ding heraus. Und wehe, es spielt auch nur eine Note von Hansi Hinterseer, dann vergesse ich meine Uniform.“ Herbert, der sich in den letzten Stunden von der zwielichtigen Randfigur zum geläuterten Ex-Antagonisten gewandelt hatte, zitterte am ganzen Leib. „Ich war das nicht!“, rief er fast weinerlich, während er panisch in den Tiefen seines Mantels wühlte. „Das
136 ist bestimmt die Post! Oder eine App für vergessene Schlüssel! Ich habe mit dieser ‚Phase Drei‘ absolut nichts zu tun!“ Mit einer schnellen, fast akrobatischen Bewegung zog er die Hand aus der Tasche und warf einen kleinen, schwarz glänzenden Kasten auf den Asphalt, als handelte es sich um eine glühende Kartoffel. Dr. Melodie, der ehemalige Musikwissenschaftler und zeitweilige Saboteur, ging mit der Eleganz eines Kranichs in die Knie und betrachtete das surrende Gerät durch seine Hornbrille. „Faszinierend“, murmelte er, fast vergessen machend, dass er selbst noch vor Kurzem die Jukeboxen der Stadt manipuliert hatte. „Das ist kein gewöhnliches Abspielgerät. Die Frequenz, die das Ding aussendet… sie liegt im subsonischen Bereich. Es vibriert direkt im Takt des menschlichen Herzschlags.“ „Mir scheißegal, worin das vibriert“, blaffte Rudi, der treue Kneipenhelfer, der sich bisher hinter Tino versteckt hatte. Rudi sah aus, als stünde er kurz vor einem nervösen Zusammenbruch. „Ich will einfach nur nach Hause. In der Kneipe gibt es Bier, hier gibt es nur kalten Wind und verrückte Musiker mit kleinen Kästchen. Marc, sag doch mal was! Du bist der Chef!“ Marc atmete tief aus. Die Luft schmeckte nach nassem Beton und dem bitteren Hauch von Niederlage – oder eben von „Phase Drei“. Er trat auf das am Boden liegende Kästchen zu und beugte sich hinab, trotz seiner fünfzig Jahre und den leichten Beschwerden im Lendenwirbelbereich, die von jahrelanger Türsteher-Arbeit zeugten. „Rudi hat recht“, brummte Marc. „Wir fackeln hier nicht lange. Wenn das Ding noch eine Sekunde länger summt, trete ich so feste drauf, bis es 'O Tannenbaum' rückwärts pfeift.“ „Moment, Marc!“, warf Herr Filzstift ein, der treue Polizeibeamte, der die ganze Zeit pflichtbewusst in seinem kleinen Notizbuch gekritzelt hatte. „Wir müssen das protokollieren! Wenn es sich um eine illegale Audio-Übertragung handelt, benötigen wir Beweise für das Kommissariat. Ohne Aktenzeichen läuft hier gar nichts.“ „Filzi, behalt dein Notizbuch für die Nachwelt“, zischte Frau Kurze und warf ihrem Kollegen einen eisigen Blick zu, der jede weitere bürokratische Initiative im Keim erstickte. „Schau dir das Display an.“ Tatsächlich leuchtete auf der Oberseite des
137 schwarzen Kastens plötzlich eine winzige, feuerrote Digitalanzeige auf. Darauf stand in grellen Ziffern: 03:59. Ein Countdown. Und daneben blinkte ein kleiner Schriftzug: INITIIERE PHASE DREI: DER GROSSE CHOR. „Ein Chor?“, fragte Tino ungläubig. „Wollen die uns jetzt etwa zum Mitsingen zwingen?“ „Schlimmer“, sagte Dr. Melodie mit todernster Miene. „Wenn dieser Countdown abläuft, wird über alle offenen Funkmasten der Stadt ein akustisches Signal ausgesendet, das jeden Menschen im Umkreis von zwanzig Kilometern dazu bringt, unkontrolliert gregorianische Choräle zu grölen. Niemand wird mehr arbeiten können. Die Wirtschaft bricht zusammen. Die Bäckereien werden streiken, weil die Bäcker ‚Halleluja‘ rufen statt Teig zu kneten!“ Die Vorstellung, dass die gesamte Nachbarschaft in Mönchskutten gehüllt durch die Straßen zog und Kirchengesänge anstimmte, ließ selbst den hartgesottenen Herrn Filzstift für einen Moment den Stift sinken. Günther Krawall, der gefesselte Blasmusik-Fanatiker am Boden, grinste trotz seiner misslichen Lage triumphierend. „Ihr könnt das nicht aufhalten!“, rief er schadenfroh. „Der Musikminister ist überall! Er hat das Netzwerk längst überlastet!“ Marc, der schon ganz andere Krawallmacher aus Diskotheken geworfen hatte, seufzte tief. Er sah in die Gesichter seiner Gefährten – Tino, der mit seinem Werkzeugkoffer anrückte, Rudi, der trotz seiner Angst tapfer die Stellung hielt, die beiden Polizisten, die längst über ihre Zuständigkeiten hinausgewachsen waren, und sogar den bekehrten Herbert. Sie waren ein verdammt seltsamer Haufen, aber sie waren sein Haufen. „Genug jetzt mit dem Theater“, sagte Marc mit jener unverkennbaren, rauchigen Autorität, die einst ganze Gruppen von betrunkenen Raufbolden in die Flucht geschlagen hatte. Er packte das surrende Kästchen vom Boden, ignorierte den wild blinkenden Countdown, der bei 02:45 stand, und warf einen entschlossenen Blick zu Tino. „Tino, du hast doch vorhin gesagt, du hast noch ein Überbleibsel aus der Autowerkstatt dabei? Irgendeinen Magnetschalter oder so einen Quatsch?“ Tino grinste breit, griff in die Tasche seines Blaulands und zog ein klobiges, schweres Metallteil hervor, das
138 aussog, als gehöre es in einen Traktor aus den Fünfzigern. „Einen alten Lima-Regler. Wenn man da den falschen Pol anlegt, zieht der so viel Strom, dass dir die Haare zu Berge stehen – beziehungsweise“, Tino warf einen kurzen Blick auf Marcs kahles Haupt, „dir die Sicherungen durchbrennen.“ „Perfekt“, knurrte Marc. „Verbinde das Ding mit dem Kästchen. Und zwar zackig. Wir haben keine Zeit für Chöre, ich muss heute noch mein Bier trinken.“ Die Gruppe formierte sich sofort um die beiden Männer herum. Während Frau Kurze und Herr Filzstift den gefangenen Krawall im Auge behielten und Dr. Melodie mit gespannter Neugier auf die Schaltkreise blickte, kniete Tino im kalten Asphalt nieder. Seine geschickten Mechanikerhände flogen über das kleine schwarze Gerät. Er schraubte die Abdeckung mit einem Taschenmesser auf, legte winzige Drähte frei und hielt den schweren Lima-Regler bereit. Der Countdown auf dem Display zeigte unerbittlich 01:12. „Tino…“, presste Rudi hervor, der sich die Augen mit den Händen verdeckte. „Mach hin! Ich höre schon die ersten Orgeln in meinem Kopf!“ „Gleich, gleich“, murmelte Tino, die Zunge konzentriert zwischen die Zähne geklemmt. „Nur noch das rote Kabel mit dem blauen verbinden… oder war es das grüne? Ach, verdammt, bei den Chinesen ist rot immer Plus!“ „Mach einfach!“, brüllte Marc und trat einen Schritt vor, den Blick starr auf das Display gerichtet, das bei 00:35 angelangt war. Mit einem schnellen Handgriff presste Tino den Lima-Regler an die freiliegenden Kontakte des Kästchens. Ein lautes, fauchendes Geräusch zerriss die nächtliche Stille. Funken sprühten in einem kurzen, hellen Bogen durch die Luft, und für einen Bruchteil einer Sekunde roch es stark nach verschmortem Plastik und billigem Deo. Dann erlosch das rote Display schlagartig. Das surrende Geräusch verstummte. Tiefe, erlösende Stille legte sich über den Vorplatz des Funkturms. Niemand sang. Niemand grölte gregorianische Choräle. Nur der Wind pfiff leise durch die eisernen Streben des Turms. Rudi nahm langsam die Hände von den Augen und blinzelte. „Ist… ist es vorbei?“ Tino ließ den schwerem Regler fallen und atmete tief aus. „Sieht ganz danach aus. Das Ding ist komplett frittiert.
139 Da kommt kein Ton mehr raus, nicht mal ein leises Flüstern.“ Frau Kurze atmete erleichtert aus und steckte die Handschellen weg. „Gute Arbeit, Jungs. Das gibt einen Extrageldbeleg im Bericht, Filzi.“ Herr Filzstift nickte eifrig und schrieb etwas in sein Büchlein. Herbert lehnte sich erschöpft gegen die Betonwand und schloss die Augen. Günther Krawall wurde von der Polizei fachmännisch aufgerichtet und zum Streifenwagen geführt. Die unmittelbare Krise war abgewendet, die Stadt vor dem musikalischen Untergang gerettet. Marc wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und schaute in den sternklaren Nachthimmel. Endlich. Der Ruhestand hatte zwar ein paar Umwege über Lagerhallen, Elektrizitätswerke und Funktürme genommen, aber jetzt stand dem verdienten Bier im FlowerPower wirklich nichts mehr im Weg. Er drehte sich gerade um, um seinen Freunden das Startsignal zum Aufbruch zu geben, als ein leises, mechanisches Klicken aus Herberts Manteltasche ertönte, die nun leer auf dem Boden lag. Marc blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Er schloss langsam die Augen, zählte bis zehn und wandte sich dann mit einem resignierten Seufzer an seine Begleiter.
140 Kurs auf das Schwimmbad Marc blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Er schloss langsam die Augen, zählte bis zehn und wandte sich dann mit einem resignierten Seufzer an seine Begleiter. Das mechanische Klicken aus Herberts Mantel hatte sich in ein bedrohliches, helleres Summen verwandelt, das verdächtig an den Ton erinnerte, den Mikrowellen kurz vor dem Explodieren einer vergessenen Käsesemmel von sich geben. Um sie herum lag die kühle Nachtluft des Stadtviertels, gemischt mit dem Duft von feuchtem Asphalt und der leisen Hoffnung auf ein Feierabendbier in der Stammkneipe. Doch diese Hoffnung zerplatzte schneller als eine billige Seifenblase. „Sag mir bitte nicht, dass das schon wieder dieses Ding ist“, knurrte Marc und schob seine Brille auf der Nase nach oben, während sein grauer Vollbart bei jedem Wort leicht zuckte. Seine Glatze glänzte im fahlen Licht der Straßenlaterne, und für eine Sekunde sah er aus wie ein Mann, der ernsthaft überlegte, ob er seine Pensionierung nicht lieber in einem abgelegenen Kloster ohne Strom und ohne musikalische Geräte verbringen sollte. Herbert, der sich gerade noch rührselig lächelnd als geläuterter Ex-Antagonist gefühlt hatte, zuckte heftig zusammen. Mit zitternden Händen griff er in die Innentasche seines Mantels und zog ein flaches, metallisches Etui hervor, das mittlerweile in den schillerndsten Regenbogenfarben pulsierte. „Ich schwöre es, ich habe nichts mehr damit zu tun!“, rief Herbert fast hysterisch und warf das Etui von sich, als handele es sich um eine glühende Kartoffel. Tino, der treue Automechaniker, fing das Ding reflexartig mit einer Hand auf, zuckte jedoch sofort zusammen, weil das Metall lauwarm geworden war. Er kniff die Augen zusammen, drehte das Gerät um und untersuchte die Unterseite. „Hoppla“, sagte Tino mit einer Mischung aus professioneller Faszination und panischem Schrecken. „Das ist keine Phase Drei mehr, meine Herren. Das sieht mir stark nach dem verdammten Service-Pack aus.“ „Ein Service-Pack?“, brüllte Rudi, dessen Augen vor Aufregung fast aus den Höhlen traten. Der liebenswerte Kneipenhelfer ruderte mit den Armen, als versuche er, einen Bienenschwarm
141 abzuwehren. „Wir haben gerade den gregorianischen Chorgesang gestoppt und Krawall dingfest gemacht! Ich will kein Service-Pack! Ich will einen Kamillentee und mein Bett!“ Frau Kurze, die resolute Polizistin mit der kurzen Frisur, die von den Betrunkenen stets für einen harten Mann gehalten wurde, trat energisch einen Schritt nach vorn. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte das blinkende Etui mit einem Blick, der Stahl hätte schneiden können. „Hier wird gar nichts installiert“, erklärte sie mit tiefer, bestimmter Stimme. „Filzi, hol das Notizbuch raus. Wir schreiben eine offizielle Anzeige wegen unerlaubten Software-Updates im öffentlichen Raum.“ Herr Filzstift, der treue Kollege an ihrer Seite, kramte pflichtbewusst in seiner Uniformtasche, hielt einen Stift bereit und blickte kurz auf das Etui. „Wird gemacht, Chef“, murmelte er. „Paragraph vierzig, Absatz zwei: Störung des öffentlichen Friedens durch unautorisierte Audiomedien. Soll ich gleich noch ’ne Ordnungswidrigkeit wegen mangelnder Lautsprecher-Erdung eintragen?“ „Warten Sie mal kurz“, warf Dr. Melodie ein. Der ehemalige Musikwissenschaftler und einstige Saboteur trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Seine Brille war beschlagen, und er wischte sie hektisch an seinem Sakko ab. „Wenn das Etui tatsächlich ein Service-Pack ist, dann handelt es sich hierbei nicht um eine einfache Fortsetzung. Das bedeutet, dass der Hauptserver… oh nein. Das bedeutet, dass der Hauptserver auf die Notstromversorgung im alten städtischen Hallenbad umgeschaltet hat.“ Marc starrte Dr. Melodie an. Seine Augenbrauen zogen sich tief zusammen. „Im Hallenbad? Du willst mir doch wohl im Ernst erzählen, dass jetzt eine Armada von wasserfesten Synthesizern auf uns wartet?“ „Nicht nur das“, piepste Dr. Melodie fast unhörbar. „Die Akustik in einer Schwimmhalle ist katastrophal. Wenn dort eine Endlosschleife aus technolaftigem Schlager-Heavy-Metal losgelöst wird, vibriert das Wasser im Becken so stark, dass die ganze Innenstadt unter einer Welle aus synkopiertem Dauerbass versinkt!“ Tino wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Also gut. Wenn wir das verhindern
142 wollen, müssen wir sofort dorthin. Und zwar bevor die Umwälzpumpe den Takt übernimmt.“ Die Gruppe wechselte einen kurzen Blick. Die anfängliche Erleichterung war wie weggeblasen, und der alte, leicht absurde Überlebenswille, der sie in den letzten Stunden zusammengeschweißt hatte, kehrte mit voller Wucht zurück. Marc kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und nickte schließlich. Er war zwar mittlerweile fünfzig Jahre alt, trug eine Brille und wollte eigentlich nur seine Ruhe, aber wenn es darum ging, die musikalische Integrität der Stadt zu retten – und vor allem die Chance auf ein verdientes Bier nach Feierabend zu wahren –, gab es für einen ehemaligen Türsteher kein Halten mehr. „Na schön“, brummte Marc mit seiner tiefen, autoritären Stimme, die schon so manchen aggressiven Gast in die Flucht geschlagen hatte. „Auf zum Hallenbad. Aber wehe, da läuft auch nur ein einziges Lied von Andy Borg, dann räume ich persönlich auf.“ Ohne zu zögern setzte sich die ungleiche Truppe in Bewegung. Tino übernahm das Steuer seines klapprigen Kombis, während Marc sich auf den Beifahrersitz quetschte, wo seine Knie fast das Handschuhfach berührten. Auf der Rückbank drängten sich Rudi, der immer noch panisch von nassen Bassgitarren fasziniert schien, der reumütige Herbert und Dr. Melodie, der aufgeregt Notizen in sein Notizbuch krakelte. Hinter ihnen fuhren Frau Kurze und Herr Filzstift im offiziellen Streifenwagen, das Blaulicht stumm geschaltet, um den Überraschungseffekt nicht zu ruinieren. Die Fahrt zum alten städtischen Hallenbad dauerte keine zehn Minuten, kam den Männern jedoch wie eine halbe Ewigkeit vor. Als sie den großen, Klinkerstein-verkleideten Bau am Rand des Stadtparks erreichten, lag das Gebäude dunkel und unheilvoll da. Nur ein schmaler Streifen gelben Lichts drang unter der schweren Notausgangstür hervor, begleitet von einem tiefen, dumpfen Wummern, das man nicht nur hören, sondern regelrecht in den Zahnfüllungen spüren konnte. „Das ist es“, flüsterte Tino, während er den Motor abstellte und das Auto im Schatten einer alten Trauerweide parkte. „Der Bass läuft bereits auf Frequenz fünfzig. Wenn wir jetzt nicht sofort handeln, fangen die Kacheln an zu tanzen.“ Marc öffnete die
143 Wagentür und stieg aus. Er zog seine Jacke glatt, rückte die Brille zurecht und ließ seine Fingerknöchel knacken – eine alte Gewohnheit aus seiner Zeit an der Eingangstür des FlowerPower, die immer dann zum Vorschein kam, wenn es ernst wurde. „Tino, du kümmerst dich um den Sicherungskasten im Keller. Rudi, du bleibst am Eingang und passt auf, dass uns niemand in den Rücken fällt. Frau Kurze und Filzstift sichern den Hintereingang. Und du…“, Marc blickte streng zu Dr. Melodie und Herbert, „ihr bleibt schön hinter uns und fasst gar nichts an.“ „Verstanden“, murmelte Dr. Melodie und schluckte hörbar. Gemeinsam schlichen sie sich an das Gebäude heran. Die schwere Eingangstür des Hallenbads stand einen Spalt offen, als ob jemand sie absichtlich eingeladen hätte, einzutreten. Das dumpfe Wummern wurde lauter, vermischt mit dem schrillen Synthesizer-Ton einer Melodie, die verdächtig stark an eine technisierte Version von Hiatamadl erinnerte. Marc ging voran. Mit einer geschmeidigen Bewegung drückte er die Tür auf und trat in das schwach beleuchtete Foyer des Bades. Der Geruch von Chlor und verbrannter Elektronik lag in der Luft. Überall im Eingangsbereich hingen bunte Plakate, auf denen mit großen Buchstaben „Die Polka-Revolution beginnt hier“ stand. Plötzlich erklang aus den Lautsprechern der Schwimmhalle eine blecherne, elektronisch verzerrte Stimme, die durch das gesamte Gebäude hallte: „Willkommen, Herr Türsteher. Sie dachten wohl, Sie hätten gewonnen? Doch das Becken ist erst der Anfang!“ Marc blieb mitten im Foyer stehen, seine Hände ballten sich zu Fäusten, und ein fast gefährliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Wir werden ja sehen, wer hier wen rausschmeißt“, murmelte er leise in seinen Vollbart. Ohne zu zögern trat er auf die doppelflügeligen Glastüren zur Schwimmhalle zu und drückte sie mit einem kräftigen Stoß auf, bereit, dem ultimativen musikalischen Wahnsinn ein für alle Mal ein Ende zu setzen.
144 Das Signal vom Sprungturm Das Chlorwasser im alten Hallenbad stieg Marc sofort mit einer fast nostalgischen Schärfe in die Nase, als er mit breiten Schritten die Eingangshalle betrat. Hinter ihm schob sich Tino durch die leicht klemmenden Glastüren, während Rudi mit stolpernden Schritten folgte und dabei versuchte, seine Jacke zu richten. Die graue Brille auf Marcs Nasenrücken beschlag augenblicklich durch die tropische Schwüle, die aus der Schwimmhalle drang. Er schob sie mit dem Zeigefinger ein Stück nach oben, strich sich über den grauen Vollbart und kniff die Augen zusammen. „Na toll, das riecht nach Fußpilz und dem Untergang des Abendlandes“, murmelte Marc mit tiefer, sonorer Stimme, während er seinen Blick über das verlassene Nichtschwimmerbecken schweifen ließ. Die riesigen Kacheln an den Wänden spiegelten das gräuliche Licht der Notbeleuchtung wider. Aus den in die Decke eingelassenen Lautsprechern dröhnte eine unheilvolle Melodie – eine absurde, markerschütternde Mischung aus synthetischen Technobässen und den schrillen Klängen einer tschechischen Blaskapelle, untermalt von einem dumpfen Metal-Gitarrenriff. „Heiliger Strohsack“, flüsterte Tino und ließ seinen Werkzeugkasten mit einem metallenen Scheppern auf den gefliesten Boden krachen. Der Automechaniker rieb sich die Stirn. „Wer auch immer diese Frequenz programmiert hat, gehört nicht in den Knast, sondern in die Tonne. Das hält ja kein Getriebe aus.“ „Ruhe bewahren, Männer“, erwiderte Marc und ließ seine Fingergelenke knacken, ein reflexartiges Ritual aus seinen alten Tagen an den Türen der Stadt. „Hier herrscht Zucht und Ordnung. Egal, ob draußen Rock ’n’ Roll läuft oder hier drinnen Blas-Techno.“ In diesem Moment schoben sich Frau Kurze und Herr Filzstift durch den Eingang. Die Polizistin trug ihre Uniform mit gewohnter Autorität, während Herr Filzstift hektisch in seinem kleinen Notizbuch blätterte und dabei mit einem Kugelschreiber klickte. „Achtung, wir betreten einen offiziellen Tatort“, rief Frau Kurze mit kräftiger Stimme, die mühelos den Hallenlärm übertönte. Sie musterte die verlassene Beckenlandschaft.
145 „Filzi, schreiben Sie auf: Die akustische Belästigung im Bereich des Sprungturms hat ein neues Niveau erreicht.“ „Schon notiert, Frau Kurze“, bestätigte Herr Filzstift und kritzelte wild, während er über einen nassen Handtuchhalter stolperte, sich aber gerade noch rechtzeitig an Tinos Schulter abfing. „Verdammte Feuchtigkeit. Das greift die Tinte an.“ Hinter den Polizisten traten Dr. Melodie und Herbert in die Halle. Der ehemalige Saboteur schüttelte ungläubig den Kopf, während Herbert die Hände in die Taschen seines Mantels steckte. „Das ist Wahnsinn“, sagte Dr. Melodie mit schrillem Unterton. Seine Brille rutschte ihm fast von der Nase. „Diese Frequenz sprengt jegliche musikalische Harmonielehre! Das ist kein Sound mehr, das ist ein akustisches Kriegsverbrechen!“ Herbert grinste schief. „Sag ich doch. Früher haben wir einfach die Jukebox im FlowerPower manipuliert, aber das hier… das ist eine ganz andere Gewichtsklasse. Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben.“ „Halt den Mund, Herbert“, knurrte Marc, ohne sich umzudrehen, während er den Weg zum Rand des großen Fünfzigmeterbeckens anführte. Die neonfarbene Beleuchtung der Unterwasserscheinwerfer flackerte unregelmäßig. Genau in der Mitte des Beckens, auf dem 10-Meter-Sprungturm, stand eine kleine, kastenartige Apparatur, die verdächtig summte und violette Funken in die feuchte Luft spuckte. Ein dicker Kabelstrang schlängelte sich von der Plattform über das Geländer direkt ins tosende Wasser hinab. „Da oben ist die Quelle“, stellte Tino fest und stellte seinen Werkzeugkasten ab. Er kramte eine Zange hervor. „Wenn wir den Hauptstrang kappen, bevor die Frequenz das gesamte städtische Stromnetz flutet, haben wir vielleicht eine Chance. Aber einer muss da hoch und die Box vom Netz trennen.“ Marc verschränkte die Arme. Der graue Vollbart bebte leicht, als er ein verächtliches Schnauben von sich gab. „Auf einen Sprungturm steige ich schon lange nicht mehr, Tino. Dafür bin ich zu alt und meine Knie machen bei der Feuchtigkeit sowieso nicht mit.“ „Aber Marc“, warf Rudi ein, der sich ängstlich an Herberts Mantelzipfel klammerte und mit großen Augen nach oben starrte. „Du bist doch unser Anführer! Wenn du da nicht hochkletterst, wer dann? Ich kriege schon
146 Höhenangst, wenn ich auf einen Stuhl steige!“ Plötzlich knisterte es in den Lautsprechern über ihren Köpfen. Die Technobässe verstummten für eine Sekunde, und eine künstlich verzerrte, blecherne Stimme schallte durch das leere Hallenbad. „Willkommen, Herr Türsteher“, tönte die Stimme und spottete förmlich durch den Hall. „Du dachtest wohl, du könntest dich einfach in deinen wohlverdienten Ruhestand verabschieden und den musikalischen Frieden genießen? Weit gefehlt. Die Symphonie der Endzeit hat erst begonnen. Der Sprungturm ist gesichert. Wer ihn betritt, wird Teil des Orchesters.“ Frau Kurze trat sofort einen Schritt nach vorne und zog ihre Dienstwaffe, obwohl weit und breit kein Gegner zu sehen war. „Im Namen des Gesetzes! Zeigen Sie sich sofort, Sie akustischer Geisterfahrer!“ Herr Filzstift kramte panisch in seiner Tasche. „Wo ist mein Diktiergerät? Haben Sie das aufgenommen, Frau Kurze? Das ist ein glasklarer Verstoß gegen das Lärmschutzgesetz in Kombination mit schwerer technischer Sabotage!“ Marc hob eine Hand, um die Gruppe zur Ruhe zu bringen. Seine Augen hinter den Brillengläsern fixierten die violett leuchtende Box auf dem zehnten Meter. Er kannte diesen Blick. Es war derselbe Blick, mit dem er damals betrunkene Raufbolde aus dem FlowerPower geworfen hatte – eine Mischung aus stoischer Geduld und absoluter Kompromisslosigkeit. „Genug des Theaters“, sagte Marc mit tiefer Stimme. Er wandte sich an seinen Mechaniker. „Tino, gib mir das längste Kabel, das du in deinem Kasten hast. Und eine Flachzange. Wenn diese Maschine meint, sie könne hier den Ton angeben, hat sie die Rechnung ohne das alte Handwerk gemacht.“ Tino nickte eifrig, kramte im Kasten und reichte Marc das Werkzeug. „Hier, Marc. Aber pass auf, die Isolierung sieht verdammt morsch aus. Wenn du da einen gewischt kriegst, spielen wir hier alle Polka.“ „Ich habe schon Schlimmeres überstanden als ein paar blinkende Lichter“, brummte Marc und zog seine Jacke aus. Er warf sie Rudi zu, der sie wie einen heiligen Gral auffing. Dann setzte Marc sich in Bewegung, um die Stufen zum Sprungturm zu erklimmen. Jeder Schritt auf dem feuchten Metall der Treppe hallte laut durch die Halle. Unten blieben die anderen zurück
147 und blickten gespannt nach oben. Frau Kurze hielt die Waffe im Anschlag, während Dr. Melodie nervös an seinen Fingernknöcheln zog. „Meinst du, er schafft das?“, flüsterte Rudi leise zu Tino. Tino verschränkte die Arme vor der Brust und grinste zuversichtlich. „Frag nicht so blöd, Rudi. Das ist Marc. Der hat schon ganz andere Kaliber aus der Bahn geworfen.“ Oben auf der Plattform angekommen, stand Marc nun direkt vor der summenden Apparatur. Die violetten Funken sprühten nur wenige Zentimeter an seinem Gesicht vorbei und warfen unheimliche Schatten auf seine Glatze. Die Musik dröhnte nun noch lauter, ein ohrenbetäubender Mix aus Techno-Beats und dem tiefen Grollen eines heran nahenden Gewitters. Die digitale Anzeige auf der Box flackerte bedrohlich: 00:45… 00:44… Marc atmete tief durch den Mund ein, packte die Zange fester und musterte die Kabelverbindungen. „Na komm schon, du elendiges Ding“, knurrte er leise in seinen Bart. Ohne zu zögern setzte er das Werkzeug an der Hauptleitung an, bereit, den ultimativen Schnitt zu machen. Unten in der Halle hielten alle den Atem an, während die Sekunden unaufhaltsam herunterticken und die Spannung im Raum greifbar wurde.
148 Showdown ohne Wasser Oben auf der nassen Plattform des Zehn-Meter-Turms pfiff ein eisiger Wind, der Marcs grauen Vollbart wie ein freches Wiesel umherwehte. Er stand vor der violett funkelnden Apparatur, die unbarmherzig summte und Frequenzen ausspuckte, die selbst einem tauben Frosch das Trommelfell gesprengt hätten. Unten in der leeren Schwimmhalle, wo das blau-grüne Kachelmuster unheimlich im Dämmerlicht glänzte, glich die Gruppe einem Haufen ratloser Statisten in einem schlecht finanzierten Agententhriller. „Marc! Mach hinne!“, brüllte Tino nach oben, während er hektisch an seinem Werkzeuggürtel nestelte, als hinge sein letztes Feierabendbier davon ab. „Die Kiste zieht Saft direkt aus den alten Neonröhren! Wenn die Frequenz den Resonanzpunkt der Schwimmbecken erreicht, schwappen hier gleich vier Millionen Liter Chlorwasser über die Ränder!“ Frau Kurze, die mit stoischer Ruhe die Hände in die Hüften gestemmt hatte und deren kurze Haare im Luftzug kaum zuckten, warf einen kurzen Blick auf ihre Dienstuhr. „Wenn der Kollege da oben nicht in den nächsten dreißig Sekunden die Drähte durchtrennt, schreibe ich eine formgerechte Anzeige wegen unerlaubter Ruhestörung im besonders schweren Fall. Und glauben Sie mir, die Bußgelder für Basslast im Feuchtbereich sind saftig.“ Herr Filzstift kramte sofort in seinem Mantel, zückte seinen unersetzlichen Notizblock und nickte eifrig. „Sehr richtig, Frau Kurze. Paragraf vierzig, Absatz drei: Schallverursachung durch unbefugte Apparaturen in öffentlichen Nasszellen. Soll ich gleich die maximale Härte des Gesetzes fordern?“ Unten am Beckenrand drängte sich der Rest der illustren Truppe. Dr. Melodie, der ehemalige Musikwissenschaftler und nun widerwillige Partner in diesem Schlamassel, schüttelte fassungslos den Kopf. „Das ist Wahnsinn! Das ist keine normale Frequenz! Das ist eine subharmonische Aggression gegen den guten Geschmack! Wer auch immer diese Apparatur gebaut hat, verachtet die chromatische Tonleiter zutiefst!“ Herbert, der frisch geläuterte Ex-Antagonist, der sich mittlerweile eher wie ein besorgter Kleingärtner auf Abwegen benahm, zupfte nervös an seinem
149 Kragen. „Ich war das wirklich nicht! Ehrlich! Meine Zeiten mit dem elektronischen Terrorismus sind vorbei. Ich schwöre bei meinem Komposthaufen, ich habe nur noch Zimmerpflanzen gezüchtet!“ Rudi, der sich eng an Tinos Werkstattwagen gedrückt hatte, weinte fast vor Erschreckung. „Ich will doch nur ein Pils! Ein ganz normales, langweiliges Pils in der Kneipe! Warum müssen wir immer da sein, wo irgendwelche Maschinen explodieren wollen? Ich habe meine Mitgliedschaft im Kegelverein gekündigt, weil es mir da zu stressig war, aber das hier schlägt dem Fass den Boden aus!“ Oben auf dem Turm hörte Marc jedes Wort seiner genervten Gefährten, während er sich mit einer Hand an der rostigen Reling abstützte und mit der anderen den Seitenschneider hielt, den Tino ihm mit nach oben gegeben hatte. Seine Brille war durch den aufsteigenden Dunst der Halle beschlagen, was seine ohnehin schon skeptische Miene noch grimmiger wirken ließ. Durch die dicken Gläser und den dichten Bart sah er aus wie eine Mischung aus Weihnachtsmann im Streik und einem pensionierten Kommissar, der schon zu viele schlechte Witze gehört hatte. „Halt den Mund da unten, Rudi, sonst schicke ich dich als Testpiloten für den Sprung ins trockene Becken!“, rief Marc mit seiner tiefen, resonanten Türsteher-Stimme nach unten, die von den Hallenwänden dreifach hallte. Dann wandte er sich wieder dem summenden Kasten auf dem Sprungturm zu. Die Apparatur blinkte in hämischem Violett. Plötzlich knackte der eingebaute Lautsprecher, und eine verzerrte, mechanische Stimme dröhnte aus dem Gerät, die so klang, als hätte man Darth Vader durch ein billiges Megafon aus den Siebzigern gejagt. „Respekt, Herr ehemaliger Türsteher. Sie haben es bis hierher geschafft. Doch der echte Meister des Klangs lässt sich nicht von einem Mann aufhalten, der früher nur Ausweise kontrolliert und betrunkene Studenten rausgeworfen hat.“ Marc schnaubte verächtlich. „Junge, ich habe schon ganz andere Gestalten vor der Tür stehen gehabt, die meinten, sie wären klüger als die Salztabelle. Die meisten von denen trugen Turnschuhe zum Anzug und redeten von ’VIP-Bereich’.
150 Du bist nur eine überdimensionierte Karaffe mit Blinklichtern.“ „Die Frequenz lässt sich nicht mehr aufhalten!“, zischte die elektronische Stimme hämisch, während der Countdown auf dem Display von 00:15 auf 00:14 sprang. „Phase Eins war nur ein Test. Phase Zwei war das Vorspiel. Jetzt beginnt der große, unumkehrbare Akkord!“ „Tino!“, rief Marc nach unten, ohne den Blick von den bunten Kabeln zu wenden. „Hier sind drei Kabel: Ein rotes, ein blaues und ein extrem hässliches pinkfarbenes mit Glitzer. Welches kapp ich?“ Unten herrschte sofort panische Betriebsamkeit. Tino rannte wild gestikulierend im Kreis. „Nimm das Blaue! Nein, warte! Bei japanischen Import-Verstärkern ist das Blaue meistens die Masse, aber das hier sieht nach Chinaware aus dem Ramschladen aus! Nimm das Rote! Oder besser: Schneid alle auf einmal durch!“ „Alle auf einmal ist eine verdammt schlechte Idee bei Geräten mit integriertem Zünder!“, warf Dr. Melodie ein und ruderte mit den Armen. „Wenn Sie das falsche Kabel erwischen, spielen wir hier alle innerhalb von Millisekunden synchron die Ouvertüre von ’Wilhelm Tell’ aufsteigend in Moll!“ Herr Filzstift kritzelte fieberhaft in seinen Block. „Protokollvermerk: Eventuelle Detonation erfolgt durch unsachgemäße Kabelfarbe. Schuldfrage unklar, da keine Bedienungsanleitung vorliegt.“ Frau Kurze seufzte tief, zog ihre Dienstwaffe und zielte demonstrativ auf den Rand des Sprungturms, um ihrer Ungeduld Nachdruck zu verleihen. „Marc, wenn Sie den Kerl da oben nicht sofort zum Schweigen bringen, schieße ich das Ding eigenhändig in seine atomaren Bestandteile. Und ich treffe jedes Ziel, solange es sich im Radius von fünfzig Metern befindet und nicht zu schnell zappelt!“ Der Countdown stand bei 00:07. Die Sekunden zählten mit einem elektronischen Piepsen herunter, das sich wie ein Wecker auf Koffein anhörte. Marc starrte auf die Kabel. Seine Hände, die in tausend harten Nächten vor den Clubs der Stadt schon ganz andere Situationen deeskaliert hatten, blieben absolut ruhig. Er erinnerte sich an seine Zeit als Türsteher, an die unzähligen Male, in denen er betrunkene Gäste davon abhalten musste, die Lautsprecheranlage zu kapern. Es gab im Grunde keinen Unterschied zwischen einem
151 größenwahnsinnigen DJ und einem frustrierten Elektronik-Bastler auf dem Zehn-Meter-Turm: Beide brauchten eine klare Ansage und ein schnelles Ende. „Weißt du was, du Plastik-Kasten?“, murmelte Marc und holte mit dem Seitenschneider aus. „Ich mag keine Musik, bei der man nicht wenigstens ordentlich mit dem Fuß wippen kann. Und Techno im Hallenbad ist Körperverletzung am guten Geschmack.“ Mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung schnappte er sich das pinkfarbene Glitzerkabel und den roten Strang gleichzeitig und drückte die Klingen des Seitenschneiders zu. Ein helles metallisches Zischen schnitt durch den Raum. Funken sprühten kurz in einem kleinen Bogen auf, das violette Leuchten der Apparatur flackerte ungleichmäßig wie eine sterbende Kerze, und dann – mit einem plötzlichen, tiefen Seufzen – erlosch das Display komplett. Das schrille Summen verstummte schlagartig, und nur noch das sanfte Plätschern des Wassers im großen Schwimmbecken war zu hören. Unten in der Halle hielten alle den Atem an. Niemand bewegte sich. Die Sekunden vergingen, ohne dass eine Explosion folgte oder die Welt unterging. Tino riss die Arme hoch und stieß einen lauten Jubelschrei aus. „Er hat es geschafft! Der Mann ist ein Genie! Ein mechanisches Naturtalent!“ Rudi sank erleichtert auf die Knie und küsste fast den dreckigen Hallenboden. „Gott sei Dank! Nie wieder Technomusik! Ich schwöre, ich gehe ab morgen jeden Sonntag in die Kirche, solange dort nur eine Orgel steht, die normal klingt!“ Frau Kurze steckte ihre Waffe langsam wieder ins Holster und nickte anerkennend nach oben. „Gute Arbeit, Herr Marc. Der Mann hat Nerven aus Krupp-Stahl.“ Herr Filzstift blätterte eine Seite in seinem Notizbuch um und machte einen dicken Haken dahinter. „Einsatz erfolgreich beendet. Störung beseitigt. Die öffentliche Ordnung ist wiederhergestellt.“ Doch oben auf dem Turm schaute Marc keineswegs zufrieden drein. Er beugte sich über die zerstörte Apparatur, deren Gehäuse durch die Hitze leicht verformt war. Zwischen den durchtrennten Kabeln ragte etwas hervor, das dort absolut nicht hingehörte: Ein winziges, mechanisches Relais, das leise klickte und augenblicklich wieder zu surren
152 begann. Es war kein Lautsprecher-Signal, sondern ein winziges, internes Backup-Modul, das mit einer kleinen, rot blinkenden LED-Diode versehen war. Marc strich sich durch den grauen Bart und kniff die Augen hinter den Brillengläsern zusammen. Auf dem winzigen Bauteil klebte ein handgeschriebener Zettel, den er im halbdunklen Licht kaum entziffern konnte. Mit spitzen Fingern zog er den Zettel ab und las die darauf geschriebene Zeile. Seine Augen weiteten sich hinter den Gläsern leicht. Unten rief Tino neugierig nach oben: „Marc? Alles in Ordnung da oben? Komm runter, wir geben einen aus! Das Abenteuer ist vorbei!“ Marc lehnte sich über das Geländer der Plattform, schaute hinab in die Runde der erwartungsfrohen Gesichter und hielt den Zettel hoch. Seine Stimme klang dabei so trocken wie altes Mahagoni, als er die Nachricht vorlas. „Das war erst Phase Drei, Jungs“, rief Marc und schüttelte langsam den Kopf, während sich ein resigniertes, aber kampfbereites Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. „Der Zettel sagt: ’Der echte Musikminister wartet im alten Hauptbahnhof auf die Generalprobe’. Und da steht noch was: ’Bringt eure Zahnbürsten mit.’“ Unten in der Halle erstarrte Tino mitten in der Bewegung, während Rudi leise zu wimmern begann und Frau Kurze sofort wieder ihre Notizblöcke und Stifte zückte.
153 Der Mann über dem Becken Das Klirren von Rudi Zähnen klang in der feuchten Echo-Akustik der leerstehenden Schwimmhalle fast wie eine musikalische Begleitung, die man sich auf einer Beerdigung im tiefsten Winter hätte wünschen können. Oben auf dem Zehn-Meter-Turm stand Marc, dem grauen Vollbart und der unfehlbaren Brille, und betrachtete den Schlamassel mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der in seinem früheren Leben schon ganz andere Gestalten aus Diskotheken geworfen hatte, als es diese violett leuchtende Box je sein könnte. Unten in der gefliesten Halle hatte sich die illustre Truppe um den Beckenrand versammelt. Tino starrte mit offenem Mund nach oben und hielt in der Hand einen schmierigen Gabelschlüssel, den er im Ernstfall wohl eher als Wurfgeschoss denn als Werkzeug hätte nutzen können. Herr Filzstift zückte bereits mit hektischer Geschäftigkeit seinen Notizblock, während Frau Kurze, die durch ihre kurze Frisur und ihr resolutes Auftreten ohnehin wie ein unerbittlicher Kommissar aus einem alten Schwarz-Weiß-Film wirkte, die Hände in die Hüften stemmte. „Marc!“, brüllte Tino nach oben, dass die nackten Wände wackelten. „Trenn die Kabel bloß in der richtigen Reihenfolge! Nicht, dass das Ding hier noch den Fön-Modus aktiviert!“ Marc schob sich die Brille auf der Nase zurecht, kneifte die Augen zusammen und musterte das Innere der Apparatur. Überall blinkten kleine LEDs in den schrillsten Farben, und aus einem winzigen Lautsprecher drang ein leises, bedrohliches Summen, das stark an den Anfang einer besonders schlechten Polka-Platte erinnerte. „Keine Panik, Tino“, rief Marc mit seiner tiefen, rauem Stimme herunter, die in der Halle vibrierte. „Ich habe schon Schlimmeres gesehen. Damals im ‚Pimpernellen‘, als die Anlage wegen einer komplett betrunkenen Handballmannschaft in Flammen aufgegangen ist, da hat auch niemand einen Notarzt gerufen.“ „Das ist aber kein besoffener Handballer, Marc!“, rief Dr. Melodie, der sich ängstlich hinter Herbert versteckt hatte. Der ehemalige Saboteur schüttelte den Kopf, dass seine Brille verrutschte. „Das ist eine hochkomplexe Frequenzweiche der dritten Generation! Wenn du das falsche
154 Kabel durchtrennst, spielen wir hier alle innerhalb von fünf Sekunden ‚Hinter den Bergen‘ auf einer Mundharmonika, ob wir wollen oder nicht!“ Rudi wimmerte leise und klammerte sich an den Arm von Frau Kurze. Die Polizistin war für solche Späße eigentlich nicht zu haben, zuckte jedoch kurz zusammen, als Rudi eine Träne auf ihre Uniformjacke tropfen ließ. „Reiß dich zusammen, Rudi“, fauchte Frau Kurze, aber ihre Stimme klang ungewohnt mild. Sie blickte zu Herr Filzstift herüber, der gerade mit spitzer Feder etwas notierte. „Filzi, schreiben Sie auf: Verdächtiger Gegenstand… äh… violett, glühend, hochgradig nervenaufreibend.“ „Schon notiert, Frau Kurze“, flüsterte Herr Filzstift, dessen Stift fast über das Papier flog. „Soll ich noch vermerken, dass der Zehn-Meter-Turm nicht den Vorschriften der Arbeitsstättenverordnung entspricht?“ „Später, Filzi! Konzentrieren wir uns lieber darauf, ob Marc das Ding gleich sprengt oder ob wir heute Abend tatsächlich noch unser verdientes Feierabendbier im ‚FlowerPower‘ bekommen.“ Obergemächlich, aber mit der Präzision eines Chirurgen, der jahrelang an Autotüren herumgeschraubt hatte, zog Marc ein kleines Taschenmesser aus seiner Hose. Er hatte es damals von Tino zum Geburtstag bekommen, und es hatte ihm schon bei so mancher Türsteher-Diskussion gute Dienste geleistet. „So, du kleiner Musikterrorist“, murmelte Marc und blickte direkt in das rot glühende Lämpchen, das den Countdown anzeigte. Noch zehn Sekunden. Neun. Acht. „Mach schon, Marc!“, brüllte Rudi, der sich nun die Augen zuhielt. Mit einer schnellen, fast eleganten Handbewegung schnitt Marc das dickste, blutrote Kabel durch. Das Summen stoppte abrupt. Die violette Beleuchtung flackerte ein letztes Mal auf, wurde milchig und erlosch schließlich ganz. Stille legte sich über das alte Hallenbad, nur unterbrochen vom leisen Plätschern von Restwasser am Rand des leeren Beckens. Tino atmete hörbar aus und ließ den Gabelschlüssel fallen, der mit einem lauten Scheppern auf den Fliesen aufschlug. „Puh. Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hat geschlagen.“ Marc wandte sich um und begann den mühsamen Abstieg von der Leiter des Zehn-Meter-Turms. Seine Knie knackten bei jeder Stufe, was
155 ihn daran erinnerte, dass er inzwischen fünfzig Jahre alt war und seine glorreichen Tage an der Eingangstür des ‚FlowerPower‘ vielleicht doch länger zurücklagen, als ihm lieb war. Als er unten ankam, klopfte ihm Tino anerkennend auf die Schulter, während Dr. Melodie ehrfürchtig den Kopf neigte. „Hervorragende Arbeit, Marc“, sagte Dr. Melodie fast ehrfürchtig. „Ich muss zugeben, deine handwerklichen Fähigkeiten übertreffen deine Qualifikationen als ehemaliger Rausschmeißer bei Weitem.“ „Pass bloß auf, was du sagst, Melodie“, brummte Marc und zog sich die Brille von der Nase, um sie an seinem Hemd zu putzen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich das Rausschmeißen nie verlernt habe. Du kannst also gerne den Test machen, wenn du möchtest.“ Bevor die Situation in gewohnter Manier eskalieren konnte, trat Frau Kurze energisch vor die Gruppe. Sie trat an das defekte Gerät heran, das nun leblos auf dem Sprungturm thronte, und bemerkte an der Unterseite ein winziges, bisher übersehenes Detail. „Warten Sie alle mal einen Moment“, sagte sie mit scharfer Stimme. „Das ist noch nicht vorbei.“ Herr Filzstift trat sofort neben sie, den Notizblock im Anschlag. „Was gibt es, Frau Kurze?“ „Schauen Sie sich das an“, sagte sie und zeigte auf eine kleine, aufklappbare Metallklappe, die unter einer Schicht aus Staub und Rost verborgen gewesen war. Darin blinkte kein Countdown mehr, sondern es leuchtete ein kleines, grünes Display auf, das einen winzigen Text auswarf. Tino trat heran, kniete sich hin und schielte über Frau Kurzes Schulter. „Ein integriertes Backup-Modul. Verdammt. Das Ding ist redundant aufgebaut.“ Marc trat ebenfalls heran, beugte sich tief nach unten und las laut vor, was auf dem Display stand: „Das war nur das Vorspiel. Die echte Musik spielt woanders. Generalprobe im alten Hauptbahnhof in zwanzig Minuten. Der Musikminister erwartet euch.“ Rudi stöhnte laut auf. „Hauptbahnhof? Um diese Uhrzeit fahren da doch nur noch die Güterzüge und die Nachtschwärmer! Und vor allem: Es gibt dort keine anständige Zapfanlage!“ Herbert, der sich während der gesamten Aktion eher im Hintergrund gehalten und reumütig die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben hatte, räusperte sich leise. „Wenn ich mich dazu äußern darf…
156 Der alte Hauptbahnhof ist seit Jahren stillgelegt. Aber er verfügt über eine gigantische, unterirdische Bahnhofshalle mit einer Akustik, die jeden Opernsänger vor Neid erblassen lassen würde. Wenn der Musikminister dort seine Generalprobe abhält, dann meint er es dieses Mal wirklich ernst.“ Marc richtete sich langsam auf, strich sich durch den grauen Vollbart und atmete tief durch. Der Wunsch nach einem ruhigen Lebensabend, nach Fernsehen auf der Couch und einem kühlen Bier in der Stammkneipe schien sich mal wieder in Luft aufzulösen. Seine alten Instinkte als Türsteher, die er so mühsam begraben geglaubt hatte, brodelten wieder hoch. Es gab Momente im Leben eines Mannes, da konnte man einfach nicht wegschauen – besonders dann nicht, wenn jemand die musikalische Integrität der gesamten Stadt mit Füßen trat. „Na wunderbar“, sagte Marc und setzte ein grimmiges, aber fast schon amüsiertes Lächeln auf. „Dann wird es wohl Zeit für eine kleine Zugverspätung der besonderen Art.“ Tino grinste breit und rieb sich die Hände. „Mein Werkstattwagen steht draußen. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vor dem nächsten Güterzug.“ Herr Filzstift blätterte hektisch in seinem Notizblock. „Ich muss protestieren! Ohne offizielle Durchsuchungsbefehle und ohne die Zustimmung der Bundespolizei können wir doch nicht einfach einen stillgelegten Bahnhof stürmen!“ Frau Kurze warf ihm einen durchdringenden Blick zu, der jeden Widerstand im Keim erstickte. „Filzi, hören Sie auf zu jammern. Wir sind hier nicht im Lehrgang für gehobenen Verwaltungsdienst. Wir sind auf einer Mission. Und wenn dieser sogenannte Musikminister glaubt, er könne uns mit einer Generalprobe auf den Arm nehmen, dann zeigen wir ihm, wie eine ordentliche Einlasskontrolle funktioniert.“ Rudi schluckte schwer, nickte dann aber tapfer und zog seinen Schal etwas fester um den Hals. „Na gut. Aber wenn es da Spinnen gibt, gehe ich als Erster rückwärts.“ Dr. Melodie seufzte tief, folgte der Gruppe jedoch ohne zu zögern, als sie sich geschlossen in Richtung Ausgang der Schwimmhalle in Bewegung setzte. Die bunte Truppe, bestehend aus einem ehemaligen Türsteher, einem Automechaniker, einem nervösen
157 Kneipenhelfer, zwei Gesetzeshütern und einem bekehrten Saboteur, funktionierte mittlerweile wie ein Uhrwerk – ein extrem kaputtes, aber erstaunlich funktionstüchtiges Uhrwerk. Draußen vor der Tür schlug ihnen die kühle Abendluft entgegen. Der Himmel über der Stadt war sternenklar, doch in der Ferne, genau in Richtung des alten Hauptbahnhofs, war ein schwacher, unheilvoll violetter Schimmer am Horizont zu erkennen. Die Luft schien zu vibrieren, als ob die Stadt selbst den Atem anhalten würde vor dem, was da kommen mochte. Marc ging als Erster voran, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Seine Schritte klang schwer und entschlossen auf dem Asphalt. Der Ruhestand konnte warten. Der Chef an der Tür hatte noch eine Rechnung offen, und der Musikminister war im Begriff, sich den falschen Rausschmeißer ausgesucht zu haben. Mit jedem Schritt, den die Gruppe auf den wartenden Wagen von Tino zumachte, verdichtete sich das Gefühl, dass dieser Abend alles andere als gewöhnlich werden würde.
158 Abschied vom alten Kombi Tinos alter Kombi stöhnte leise auf, als sich die bunt zusammengewürfelte Truppe hineinquetschte. Die Stoßdämpfer gaben ein klägliches Geräusch von sich, das verdächtig nach einem baldigen Totalversagen klang, während Tino den Schlüssel im Zündschloss herumdrehte. Der Motor sprang mit einem gewohnten, metallischen Husten an. Marc saß auf dem Beifahrersitz, die Brille auf der Nasenwurzel verschoben, und starrte stoisch durch die verschmierte Windschutzscheibe in Richtung Innenstadt. Hinter ihnen drängten sich Rudi, der nervös an seinem Hemdkragen zupfte, die resolute Frau Kurze, Herr Filzstift mit seinem treuen Notizbuch im Anschlag, der geläuterte Herbert und der stets etwas fahrige Dr. Melodie. „Wenn wir diesen Hauptbahnhof erreichen, will ich fließendes Warmwasser, eine Schachtel Mentholzigaretten und vor allem meine wohlverdiente Ruhe“, brummte Marc, während Tino den Wagen mit durchdrehenden Reifen von dem nassen Parkplatz manövrierte. „Ruhe wird völlig überbewertet, Marc“, warf Frau Kurze von der Rückbank ein, während sie die Sicherung ihrer Dienstwaffe überprüfte. „Betrachte es lieber als spätes Teambuilding. Wir sind schließlich eine funktionierende staatlich-private Kooperation zur Bekämpfung akustischer Verbrechen.“ Herr Filzstift kramte sofort in seiner Tasche. „Das muss ich protokollieren. Paragraf vierzig, Absatz zwei: Gemeinsame Gefahrenabwehr im musikalischen Sektor.“ „Halt den Mund, Filzi“, gab Herbert kleinlaut von sich, der sich tief in seinen Mantel eingekuschelt hatte. „Seit wir diesen USB-Sticks hinterherjagen, zuckt mein linkes Augenlid im Takt von Marschmusik.“ Die Fahrt zum alten Hauptbahnhof dauerte keine zwanzig Minuten, doch sie fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Die Straßen der Stadt lagen im fahlen Licht der Straßenlaternen, menschenleer und unheimlich ruhig, als ahnten die Bürger, was ihnen bevorstand. Als Tino den Kombi schließlich mit quietschenden Reifen direkt vor dem verlassenen, imposanten Haupteingang des Bahnhofs zum Stehen brachte, schaltete er sofort den Motor ab. Stille legte
159 sich über das Fahrzeug – unterbrochen nur vom leisen Ticken des Motors, der langsam abkühlte. Das Gebäude vor ihnen war ein Relikt vergangener Tage. Die einst so stolze Glasfassade war an vielen Stellen mit Brettern vernagelt, und Unkraut wucherte durch die Ritzen des Betonvorplatzes. Doch aus den oberen Etagen drang ein unheilvolles, violettes Pulsieren, das sich unverkennbar durch die maroden Fensterfraktionenstahlträger fraß. „Da oben ist es“, sagte Dr. Melodie und deutete mit zitterndem Finger auf die zentrale Bahnhofshalle. „Die Generalprobe läuft bereits. Ich erkenne die Frequenz. Das ist keine normale Musik mehr. Das ist… orchestraler Terror!“ Marc schnaufte tief aus. Er zog die Jacke fester, strich über seinen grauen Vollbart und drückte die Autotür auf. „Dann wollen wir mal nach dem Rechten sehen. Wer den Einlass stört, kriegt es mit mir zu tun. Ganz egal, ob mit oder ohne Ticket.“ Tino sprang ebenfalls aus dem Wagen, griff in den Kofferraum und zog eine beachtliche Ansammlung von Werkzeugen heraus – Schraubenschlüssel, Seitenschneider und ein langes Kabelstück, das er sich wie ein Bandolier über die Schulter warf. „Wenn da drinnen ein Mischpult steht, das größer ist als mein Auto, zerlege ich es in seine atomaren Bestandteile“, verkündigte der Automechaniker mit grimmiger Entschlossenheit. Die Gruppe folgte Marc wie eine kleine, aber entschlossene Privatarmee. Sie traten durch die schwergängigen Flügeltüren des Hauptbahnhofs, die mit einem lauten Quietschen nachgaben. Drinnen roch es nach Staub, altem Beton und der eigentümlichen elektrischen Spannung, die entsteht, wenn Hochspannung auf billige Lautsprecherboxen trifft. Die riesige Bahnhofshalle war dunkel, beleuchtet nur von dem intermittierenden, violetten Schein, der von der Empore herabstrahlte. Plötzlich durchbrach eine dumpfe, dröhnende Melodie die Stille. Es war eine bizarre Mischung aus Kirchenorgel, treibenden Club-Bässen und einer Marschkapelle, die sich unaufhaltsam durch die Betonpfeiler fraß. „Hört ihr das?“, flüsterte Rudi panisch und klammerte sich an Herberts Ärmel. „Das ist der Soundtrack zu meinem Nervenzusammenbruch!“ „Ruhe jetzt“, zischte Marc. Er ging in
160 gewohnter Türsteher-Manier voraus, die Schultern breit, den Blick scharf. Seine Augen hatten sich längst an das Halbdunkel gewöhnt. Er musterte die Treppenaufgänge, die nach oben zur alten Empore führten. Genau dort, im Zentrum der akustischen Welle, schien sich das Auge des Sturms zu befinden. „Filzi, Kurze, sichern Sie den Hinterausgang, falls jemand entkommen will“, befahl Marc mit einer Tonfall, die keinen Widerspruch duldete. Die beiden Polizisten nickten stumm und zogen sich in Richtung des östlichen Korridors zurück, während Herbert und Dr. Melodie sich ängstlich an Tino hielten. „Marc“, rief Tino leise, während sie die ersten Stufen der breiten Marmortreppe erklommen. „Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Da oben wartet nicht einfach nur ein DJ mit einer Macke. Das riecht nach High-End-Verstärkern mit manipulierter Kernschmelze.“ „Umso besser“, erwiderte Marc trocken. „Je größer der Verstärker, desto lauter knallt es, wenn ich ihn ausschalte.“ Sie erreichten das obere Plateau. Hier oben war das Licht noch greller, und das violette Leuchten schien direkt aus einem riesigen, raumgreifenden Mischpult zu kommen, das in der Mitte der Empore aufgebaut worden war. Unzählige Kabeln schlängelten sich wie leblose Schlangen über den Boden, und mitten im Scheinwerferlicht stand eine Gestalt, die in einen eleganten, aber völlig altmodischen Frack gehüllt war. Auf dem Kopf trug dieser Jemand einen Zylinder, der leicht schief saß. Der Mann drehte sich langsam um. In seinen Händen hielt er eine silberne Stimmgabel, die er gerade an einem Tischkanten angeschlagen hatte, um den Ton zu prüfen. Ein breites, fast schon diabolisches Lächeln zeichnete sich in seinem Gesicht ab. „Ah, der Sicherheitsdienst ist eingetroffen“, rief der Musikminister – denn niemand anderes konnte dieser Mann sein – mit einer theatralischen, fast hallenden Stimme in den Raum. „Ich hatte Sie zwar erst zur Premiere erwartet, aber eine Generalprobe mit fachkundigem Publikum hat durchaus ihren Reiz.“ Marc blieb stehen, nur wenige Schritte von dem Pult entfernt. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den Selbstdarsteller von oben bis unten. Seine Brille reflektierte das violette Licht der Anlage. „Du hast dir den falschen Club ausgesucht, Kumpel“, sagte
161 Marc mit tiefer, ruhiger Stimme. „Hier gibt es keinen Eintritt. Und vor allem gibt es keine Zugabe.“ Der Musikminister lachte hell und glockenrein auf, ein Ton, der selbst Tino erschaudern ließ. „Glauben Sie wirklich, alter Mann, dass ein paar Fäuste und ein bisschen handwerkliches Geschick mein Meisterwerk aufhalten können? Die Stadt schläft bereits im Takt meiner Frequenz. In wenigen Minuten wird die Generalprobe abgeschlossen sein, und die ganze Welt wird nach meiner Pfeife tanzen – buchstäblich!“ Tino nutzte die Ablenkung, um sich im Halbdunkel unbemerkt an die Seite des riesigen Mischpults zu schleichen. Seine Augen suchten nach dem Hauptstromkabel. Er wusste, wenn er den falschen Stecker erwischte, flog ihnen die gesamte Empore um die Ohren, aber die Zeit rann ihnen davon. Auf dem zentralen Display blinkte ein roter Countdown, der unerbittlich bei 02:15 Minuten stand. „Marc, lenk ihn ab!“, zischte Tino leise, während er mit einer Zange bewaffnet hinter das massive Gehäuse tauchte. Marc nickte unmerklich. Er machte einen Schritt auf den Musikminister zu, die schwere Sohle seiner Schuhe schlug hart auf dem Boden auf. „Weißt du, was das Problem mit Leuten wie dir ist, Minister? Ihr redet zu viel und habt keine Ahnung, wie man eine ordentliche Schlange am Einlass regelt. Ihr wollt alle rein, aber keiner von euch hat das Format dafür.“ Der Musikminister verlor für eine Sekunde das Lächeln. „Ich bin kein Türsteher! Ich bin der Architekt einer neuen, harmonischen Weltordnung!“ „Du bist vor allem verdammt laut und störst den Frieden“, konterte Marc und trat noch einen Schritt näher heran. Die Distanz zwischen ihnen schmolz dahin. „Haltet ihn auf!“, rief der Musikminister panisch und deutete auf Marc, während er hektisch an den Reglern des Mischpults drehte. Plötzlich erwachte eine Reihe kleinerer Boxen an den Wänden zum Leben und spie einen ohrenbetäubenden Akkord aus, der die Luft vibrieren ließ. Tino, der nun hinter dem Pult hockerte, fluchte leise. „Verdammt, das ist kein normales Kabel, das ist ein glasfaserverstärkter Datenbus!“ Er setzte die Zange an, während die Musik um ihn herum anschwoll und die Wände des alten Bahnhofs bedenklich zu Beben begannen. Marc jedoch
162 fackelte nicht lange. Mit einem schnellen, absolut routinierten Schritt schloss er die Lücke zum Musikminister, packte den feinen Herrn am Revers seines Fracks und hob ihn mühelos einen halben Meter in die Luft, exakt so, wie er es vor Jahren mit allzu aufdringlichen Gästen vor der Eingangstür des FlowerPower getan hatte. „Ende der Vorstellung“, knurrte Marc, während der Countdown auf der Konsole unerbittlich weiterlief und der Raum in grelles, violettes Licht getaucht wurde.
163 Die nächste Spur Das grelle, violette Licht der Konsole zuckte wie ein wild gewordenes Stroboskop durch die alte, zugige Bahnhofshalle und warf schattenhafte Silhouetten an die verrußten Wände. Jedes Mal, wenn der Countdown auf dem Display eine weitere Sekunde nach unten sprang, zuckte auch Rudi zusammen, der sich hinter Marcs breitem Rücken ducken wollte, als ob der Countdown persönlich auf ihn zielte. „Einfach ruhig bleiben, Rudi“, zischte Tino, während er mit einer Hand eine Kombizange hielt und mit der anderen hektisch an einem Dschungel aus bunten Kabeln rüttelte, die aus der Rückseite des Hauptmischpults hingen. „Wenn du jetzt anfängst zu hyperventilieren, bläst uns dieser musikalische Größenwahnsinnige noch die Socken aus den Schuhen, und ich habe heute meine guten Socken an.“ „Das ist keine Zeit für Sockenwitze, Tino!“, rief Frau Kurze, die ihre Dienstmütze tief ins Gesicht gezogen hatte und mit gezückter Taschenlampe den oberen Bereich der verlassenen Empore absuchte. „Der Musikminister ist irgendwo da oben. Wenn der uns sieht, drückt er vielleicht auf den großen roten Knopf. Und ich habe absolut keine Lust, den Rest des Abends als tanzende Mumie durch den Hauptbahnhof zu steppen!“ Herr Filzstift, der penibel darauf achtete, sein amtliches Notizbuch trotz des Sturms und des violetten Lichts trocken zu halten, blätterte eine Seite um. „Darf ich kurz anmerken, dass das Betreten dieses Bahnhofs ohne gültigen Fahrschein ohnehin ein Bußgeld von mindestens sechzig Euro nach sich zieht? Ganz abgesehen von der versuchten Gehörschädigung im Frequenzbereich über zwanzig Kilohertz.“ „Filzi, halt den Mund, sonst stecke ich dir das Notizbuch da hin, wo die Sonne niemals scheint“, knurrte Marc, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von der Konsole abzuwenden. Seine graue Brille war durch den aufgewirbelten Staub leicht beschlagen, und der graue Vollbart bebte vor unterdrückter Entschlossenheit. Er war mittlerweile fünfzig Jahre alt, und anstatt gemütlich mit einer Tasse Kamillentee auf der Couch zu sitzen, stand er hier in einer kalten Bahnhofshalle und verhinderte den
164 Weltuntergang durch schlechte Musik. „Tino, wie sieht’s aus? Kriegen wir das Ding mundtot oder müssen wir singen?“ „Ich versuche es“, presste Tino hervor, während ihm der Schweiß von der Stirn tropfte. „Aber die Software ist verschlüsselt. Das ist kein normaler MP3-Player, das ist ein hochentwickeltes, diabolisches Akustik-Monster! Der Typ hat hier eine Frequenz draufgelegt, die sogar Beton zum Bröckeln bringt.“ In diesem Moment knackte es in den riesigen Lautsprechern an der Decke. Eine tiefe, theatralische Stimme, die klang, als hätte jemand ein Mikrofon in einen Blecheimer gehalten, hallte durch die Halle. „Ihr trotteligen Narren!“, schallte es von oben. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ihr den Musikminister aufhalten könnt! Die Symphonie des Untergangs ist unaufhaltsam! In genau dreißig Sekunden wird diese Stadt in ein einziges, unendliches Medley aus Blasmusik und schlechtem Techno getaucht! Es gibt kein Entkommen!“ „Oh Gott, Techno und Blasmusik?“, stöhnte Dr. Melodie, der sich bisher schüchtern im Hintergrund gehalten hatte und seine Brille auf der Nase zurechtrückte. „Das ist ja schlimmer als Zwölftonmusik! Das ist eine Verletzung der Genfer Konvention!“ Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der nun eher unfreiwillig zur Rettungscrew gehörte, schüttelte betrübt den Kopf. „Und ich dachte immer, meine Playlist im FlowerPower wäre schlimm gewesen. Da verblasst ja selbst der schlimmste Schlagerabend gegen.“ „Genug geredet“, brummte Marc. Seine alten Instinkte als Türsteher, die jahrelang unter einer dicken Schicht aus Ruhestand und Kaffeetrockenheit geschlummert hatten, brachen nun mit voller Wucht durch. Er packte das schwere Metallgehäuse der Konsole mit beiden Händen. „Tino, wenn ich bis drei sage, ziehst du das dicke rote Kabel da unten raus. Verstanden?“ „Aber Marc, wenn ich das falsche ziehe, fliegen wir alle in die Luft!“, rief Tino. „Eins!“, zählte Marc unerbittlich, während der Countdown auf dem Display bedrohliche elf Sekunden anzeigte. Die violetten Lichter blinkten nun in einem rasenden Tempo, und ein schriller, metallischer Ton begann in der Luft zu vibrieren, der den Staub auf dem Boden zum Tanzen brachte. „Marc, warte!“, rief Rudi, der sich jetzt komplett hinter
165 einer Betonsäule verschanzt hatte und die Augen fest zudrückte. „Zwei!“, brüllte Marc, und seine Muskeln unter dem grauen Hemd spannten sich an. „Bereitschaft!“, keuchte Tino und hielt die Zange zitternd an das dicke, isolierte Kabel. „Drei! Zieh!“ Mit einem brachialen Ruck riss Marc die gesamte obere Abdeckung der Konsole ab, während Tino gleichzeitig das Kabel durchtrennte. Ein lauter Funkenregen sprühte durch die Luft, begleitet von einem elektronischen Seufzen, das klang wie ein sterbender Staubsauger. Das grelle, violette Licht flackerte panisch, wurde blasser, flackerte noch einmal kurz auf – und erlosch dann vollständig. Die Halle versank in dämmrigem, grauem Halbdunkel. Der Countdown auf dem Display fror bei 00:02 ein und erlosch. Stille senkte sich über den alten Bahnhof. Nur das ferne Rauschen des windigen Abends war zu hören. „Hä?“, machte Rudi vorsichtig und lugte hinter seiner Säule hervor. „Ist… ist es vorbei? Kommt jetzt kein Schlagermedley?“ Tino ließ die Zange fallen und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Puh. Ich glaube… ich glaube, wir haben es geschafft. Der Server ist tot.“ Frau Kurze atmete hörbar aus, steckte die Taschenlampe ein und klopfte sich den Staub von der Uniform. „Wunderbar. Das nenne ich mal präzise Polizeiarbeit. Herr Filzstift, schreiben Sie auf: Verdächtiger hat sich der technischen Zerstörung widersetzt, wir haben ihn dingfest gemacht.“ Herr Filzstift nickte geschäftig und kritzelte in sein Notizbuch. „Bereits notiert. Inklusive des Sachschadens an der Konsole, den wir dem Musikminister privat in Rechnung stellen werden.“ „Zu früh gefreut, meine Herren!“, tönte plötzlich eine hämische Stimme von der Empore. Alle drehten sich blitzartig um. Dort oben, im Schatten eines rostigen Stahlträgers, stand einegestalt im eleganten, leicht staubigen Frack. Es war der Musikminister höchstpersönlich. Er hielt eine kleine Fernbedienung in der Hand, auf deren Display ein winziges, grün leuchtendes Lämpchen blinkte. Ein triumphales Grinsen lag auf seinem Gesicht. „Ihr habt vielleicht den Hauptserver gekappt“, rief der Musikminister und lachte schrill, „aber ihr habt die Rechnung ohne mein mobiles Notfall-Backup gemacht! Dieses kleine Gerät hier ist unabhängig vom Stromnetz der
166 Stadt. Es läuft auf Plutonium-Basis – na gut, eigentlich auf einer alten Autobatterie, aber der Effekt ist derselbe! Wenn ich diesen Knopf drücke, sendet es die ultimative Frequenz direkt in den Äther!“ „Halt sofort die Luft an, du singender Spinner!“, rief Marc, der sich keinen Zentimeter bewegte. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Der ehemalige Türsteher hatte schon ganz andere Gestalten erlebt, die im Club Ärger machen wollten – betrunkene Studenten, aggressive Raufbolde und jetzt eben einen größenwahnsinnigen Musikfanatiker. Der Unterschied war nur, dass die anderen damals keinen Frack trugen. „Zu spät, Herr Türsteher!“, rief der Musikminister und hob den Daumen über den roten Knopf der Fernbedienung. „Die Welt wird tanzen! Die Polka wird triumphieren!“ „Tino“, flüsterte Marc leise aus dem Mundwinkel, ohne den Blick von dem Schurken auf der Empore zu wenden. „Hast du noch das Werkzeug von vorhin?“ Tino kramte in seiner Manteltasche und zog eine schwere, verchromte Rohrzange hervor. „Die ist zwar eigentlich für Wasserrohre gedacht, aber für musikalische Minister tut sie es auch.“ „Gut“, sagte Marc. „Ablenkung ist alles.“ Bevor der Musikminister den Knopf drücken konnte, holte Rudi, der sich durch den Adrenalinkick offenbar übermütig geworden fühlte, eine alte, leere Plastikflasche aus seiner Jackentasche und warf sie mit einer Mischung aus Verzweiflung und blinder Entschlossenheit direkt in Richtung der Empore. Die Flasche traf den Musikminister zielsicher am linken Ohr. „Autsch! Was soll das?!“, rief der Musikminister erschrocken und zuckte zusammen. In diesem Bruchteil einer Sekunde verlor er das Gleichgewicht und stolperte über ein herumliegendes Kabel. Marc reagierte sofort. Mit einer für seine fünfzig Jahre überraschenden Explosivität setzte er zum Sprint an, sprang über eine umgestürzte Absperrung, rannte die Stufen zur Empore hinauf, als gäbe es kein Morgen, und packte den Musikminister am Kragen seines Fracks. Mit einer geschmeidigen, jahrzehntelang erprobten Türsteher-Bewegung drehte er den Arm des Schurken nach hinten und drückte ihn sanft, aber unmissverständlich flach auf den staubigen Boden der Empore. Die Fernbedienung glitt dem
167 Musikminister aus der Hand, trudelte durch die Luft und landete klappernd auf den Metallstufen. Tino, der hinterhergesprintet war, schnappte sich die Fernbedienung geistesgegenwärtig vom Boden und trat einmal kräftig mit dem Stiefel darauf. Ein kurzes Knacken, ein letztes elektronisches Piepen – und das grüne Lämpchen erlosch für immer. „Vorstellung beendet“, sagte Marc atemlos, während er den am Boden liegenden Musikminister fixierte, der nun jämmerlich stöhnte. „Im FlowerPower spielen wir heute Abend wieder Rockmusik. Und wer da nach Schlager verlangt, fliegt raus.“ Frau Kurze und Herr Filzstift kamen schnaufend die Treppe heraufgelaufen. Die Polizistin zog sofort ihre Handschellen aus der Tasche und beugte sich über den besiegten Antagonisten. „Gute Arbeit, Marc. Sie haben es immer noch drauf.“ „Ja“, brummte Marc und richtete seine Brille auf der Nase, während er sich den Staub von der Hose klopfte. „Aber ich bin eindeutig zu alt für diesen Quatsch.“ Herbert und Dr. Melodie nickten anerkennend, während Rudi erleichtert aufatmete und sich an Tino lehnte. „Meint ihr, wir schaffen es jetzt noch rechtzeitig auf ein Bier in die Kneipe?“, fragte Rudi hoffnungsvoll. „Aber sicher“, sagte Tino und grinste. „Der Abend ist noch jung.“ Doch während die Gruppe erleichtert den Rückweg antreten wollte und der Musikminister fluchend von Frau Kurze abgeführt wurde, fiel Marcs Blick auf den Boden direkt neben der zerstörten Fernbedienung. Dort lag, halb im Schatten des Stahlträgers verborgen, ein weiterer, winziger, quietschgrüner USB-Stick. Und während Marc ihn ansah, fing das kleine Ding in der Dunkelheit an zu blinken – und ein leises, mechanisches Surren begann, die Stille des Bahnhofs zu durchbrechen.
168 Das Flüstern der Daten Das leise Surren des quietschgrünen USB-Sticks schien durch den gesamten alten Hauptbahnhof zu hallen. Marc, dessen Glatze im neonfarbenen Notlicht des verlassenen Bahnsteigs leicht schimmerte, starrte auf das kleine Plastikteil, als hätte es soeben angefangen, lateinische Zitate zu rülpsen. Mit seinem grauen Vollbart und der leicht verrutschten Brille wirkte er wie ein pensionierter Philosophieprofessor, dem gerade die Existenzgrundlage gestohlen worden war – oder eben wie ein ehemaliger Türsteher, der einfach nur noch seine Ruhe haben wollte. „Sag bloß nicht, was ich denke, dass du denkst“, murmelte Marc mit tiefer, leicht genervter Bassstimme, während er sich schwerfällig nach unten beugte. Tino, der treue Automechaniker und Marcs langjähriger Weggefährte, wischte sich gerade den Ruß von der Stirn. Er war ohnehin der Meinung, dass man jedes technische Problem mit einem kräftigen Hammerschlag lösen konnte, doch bei diesem bunten Kabelsalat schien selbst sein handwerkliches Selbstvertrauen an Grenzen zu stoßen. „Lass mich raten“, stöhnte Tino und stützte die Hände in die Hüften. „Das ist nicht etwa die LED-Beleuchtung für das nächste Schützenfest, oder?“ „Eher das Software-Update für den Weltuntergang“, brummte Dr. Melodie, der ehemalige Musikwissenschaftler, der sich inzwischen erstaunlich gut in die Rolle des krisenerprobten Beraters eingefügt hatte. Er rückte seine Brille zurecht und beugte sich über Marc. „Beachten Sie die Blinkfrequenz. Das ist kein Zufall. Das ist ein binauraler Rhythmus im Vierundvierzig-Hertz-Bereich! Wenn dieses Ding aktiviert wird, fängt die irdische Kruste an im Dreivierteltakt zu schwingen.“ „Wenn hier gleich irgendetwas schwingt, dann schwinge ich dir gleich eine“, fauchte Frau Kurze, die gerade mit entschlossenem Schritt und der ihr eigenen, soldatischen Haltung zurückkehrte. Sie hatte den Musikminister soeben erfolgreich in Handschellen gelegt und an einen rostigen Betonpfeiler gelehnt. Der Gefangene jammerte leise über seine eingeklemmten Handgelenke, während Herr Filzstift, der treue und äußerst bürokratische Polizist, eifrig in seinem kleinen
169 Notizbuch blätterte. „Protokollnummer achtundachtzig“, diktierte Herr Filzstift mit näselnder Stimme, während er sich den Stift an die Unterlippe tippte. „Wiederauffindung eines unidentifizierten Datenträgers nach offizieller Festnahme des Hauptbeschuldigten. Frau Kurze, notieren Sie bitte, dass der grüne Farbton gegen diverse Umwelt-und geschmackliche Verordnungen verstößt.“ „Filzi, halts Maul“, sagte Frau Kurze trocken, aber durchaus herzlich. Sie blickte auf den blinkenden Stick in Marcs Hand. „Was machen wir jetzt damit? Draufsetzen und warten, bis er explodiert?“ „Wegtreten ist keine Option“, mischte sich Rudi ein, der sich bisher hinter Tino versteckt hatte. Rudi war ein liebenswerter, wenn auch chronisch panischer Mensch, der den Weg vom Kneipenhelfer im FlowerPower zum unfreiwilligen Agenten des Chaos nie ganz verstanden hatte. „Ich wollte heute eigentlich nur drei Bier zapfen und die Bundesliga-Zusammenfassung gucken! Und jetzt stehen wir hier in einer verlassenen Industriehalle – ähm, im Hauptbahnhof, Entschuldigung – und müssen die Menschheit vor tanzenden Schlagersängern retten!“ „Rudi, beruhige dich“, sagte Marc und drückte den quietschgrünen USB-Stick fest zwischen Daumen und Zeigefinger, als wolle er ihn erwürgen. „Niemand rettet heute Abend mehr irgendwen, wenn ich ein Wörtchen mitzureden habe. Ich will einfach nur auf die Couch. Meine Knie knacken, mein Rücken zwickt, und Tino schuldet mir noch eine Kiste Pils.“ „Das Pils geht auf mich, sobald wir hier raus sind, versprochen“, lenkte Tino ab und warf einen prüfenden Blick auf das blinkende Lichtchen. „Aber Marc… es surrt lauter.“ Tatsächlich. Das mechanische Summen hatte sich von einem dezenten Summen in ein vernehmliches Surren verwandelt, das verdächtig nach einem winzigen Elektromotor klang. Plötzlich ertönte aus dem Inneren des USB-Sticks eine elektronische, stark verzerrte Stimme, die durch die hohlen Hallen des Bahnhofs hallte: „Initialisierung von Phase Vier eingeleitet. Guten Abend, Herr Türsteher.“ Die gesamte Gruppe erstarrte. Sogar der am Pfeiler gefesselte Musikminister riss die Augen auf und rief: „Das war nicht abgesprochen! In meinem Vertrag
170 stand nur was von Blasmusik und Techno-Remixen! Von einer vierten Phase war nie die Rede!“ „Halt den Mund, du Tonbandkassette auf Abwegen“, fauchte Marc und trat einen Schritt auf den Stick zu, als wäre das kleine Ding eine giftige Schlange. „Wer spricht da? Zeig dich! Ich habe schon ganz andere Typen vor der Eingangstür stehen gehabt, die meinten, sie kämen ohne Ausweis rein!“ Die Stimme lachte blechern aus dem Stick. „Sie kennen mich, Marc. Erinnern Sie sich an das Jahr zweitausendundacht? Türsteher-Meisterschaft in Castrop-Rauxel? Sie haben mir damals den Einlass verwehrt, nur weil ich eine Jogginghose trug.“ Marcs Augen verengten sich hinter seinen Gläsern. Sein grauer Vollbart bebte vor unterdrückter Erinnerung. „Jürgen? Bist du das, Jürgen von der Saftbar? Wegen der Jogginghose damals… das war eine Hausordnung!“ „Es war eine Demütigung!“, schrie der Lautsprecher im Stick, und das Blinken wechselte von quietschgrün zu einem aggressiven, grellen Violett. „Und jetzt schlage ich zurück! Nicht mit Fäusten, sondern mit der ultimativen akustischen Waffe: einer Endlosschleife aus Helene Fischer und Hardcore-Gabber, übertragen über alle städtischen Megaphone gleichzeitig! Der Countdown läuft!“ Ein elektronischer Piepton ertönte. Zehn. Neun. Acht. „Tino! Mach was!“, schrie Rudi und klammerte sich an Herr Filzstift, der so erschrak, dass er fast sein Notizbuch fallen ließ. „Moment, ich brauche Werkzeug!“, rief Tino und kramte in seiner Latzhose, in der sich neben Schraubenschlüsseln auch halbe Zündkerzen und Kaugummipapiere befanden. „Wo ist meine Kombizange?“ „Keine Zeit für Werkzeug“, knurrte Marc. Als ehemaliger Türsteher wusste er, dass man manche Probleme nicht mit Diplomatie oder Mechanik lösen konnte, sondern mit kompromissloser Entschlossenheit. Mit einem kurzen, gezielten Tritt beförderte Marc den quietschgrünen USB-Stick direkt in die Luft. „Nein, mein Beweisstück!“, brüllte Herr Filzstift und streckte die Hand aus, als könne er die digitale Bedrohung im Flug einfangen. Tino reagierte blitzschnell. Er riss einen alten, herabhängenden Starkstromkabelstrang von der Wand, an dem noch ein blanker
171 Metallhaken baumelte, und schwang ihn wie ein Lasso. Mit einem perfekten mechanischen Wurf traf er den fliegenden USB-Stick in der Luft. Ein gewaltiger Funkenregen sprühte durch die Halle, als der Stromschlag das kleine Plastikteil mitten im Flug traf. Ein kurzes, helles Aufblitzen, gefolgt von einem enttäuschten elektronischen Puff, und der Stick schlug klappernd auf dem Betonboden auf. Das Surren verstummte schlagartig. Die Stille kehrte in den Hauptbahnhof zurück, unterbrochen nur vom leisen Jammern des Musikministers und dem tiefen, erleichterten Ausatmen der gesamten Gruppe. „Treffer, versenkt“, sagte Tino grinsend und wischte sich die Hände an der Hose ab. Marc starrte auf das verkohlte Stück Plastik am Boden. Er atmete tief durch, schob die Brille auf der Nase nach oben und blickte in die Runde. Seine Autorität hatte einmal mehr die Stadt gerettet, aber sein Gesicht sprach Bände: Er wollte einfach nur nach Hause. „So“, sagte Marc mit fester Stimme. „Der Einsatz ist beendet. Wer jetzt noch einmal das Wort ‚Musik‘, ‚Frequenz‘ oder ‚USB‘ in den Mund nimmt, kriegt von mir persönlich Hausverbot auf Lebenszeit. Ab in die Kneipe. Tino, du zahlst das Bier.“ Frau Kurze half dem jammernden Musikminister mühsam auf die Beine und zog ihn Richtung Ausgang, während Herr Filzstift eifrig hinterherhumpelte und den Vorfall als ‚erfolgreich abgewendete akustische Ruhestörung durch Fremdeinwirkung‘ protokollierte. Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, nickte stumm und folgte Rudi, der sichtlich erleichtert schien, dass die Welt heute doch nicht unterging. Die Gruppe setzte sich in Bewegung, raus aus dem kalten, verlassenen Bahnhof und hinein in die laue Nachtluft. Doch während Marc als Letzter das Gebäude verließ und die schwere Eisentür hinter sich ins Schloss fallen ließ, bemerkte er nicht, dass im Schatten des alten Ticket-Schalters, tief in einer verstaubten Ecke, ein winziges, rotes Lämpchen aufblinkte. Ein leises Klicken war zu hören – kaum hörbar unter dem Lachen der Gruppe, die dem FlowerPower entgegenzog. Eine neue Sequenz hatte begonnen. Und der Abend war noch lange nicht vorbei.
172 Die Falle in der Oper Das rote Blinken des kleinen USB-Sticks im verlassenen Hauptbahnhof war ungefähr so beruhigend wie ein tickender Wecker im Handgepäck beim Flughafen-Sicherheitscheck. Marc, dem grauen Vollbart und der unfehlbaren Brille, starrte auf das winzige Plastikteil auf dem staubigen Bahnsteig, als handele es sich um eine giftige Schlange. „Also, wenn das Ding jetzt anfängt, Blockflötenmusik zu spielen, trete ich zurück“, knurrte Marc und schob seine Brille auf der Nase nach oben. Tino, der treue Automechaniker und Marcs langjähriger Weggefährte, ging sofort in die Knie. Er zückte einen kleinen Schraubenzieher aus der Gesäßtasche, der aussah, als hätte er schon den Ersten Weltkrieg miterlebt, und beugte sich über die blinkende Lichtquelle. „Warte mal kurz, Marc. Das ist kein normaler Speicherstick. Die Platine ist vergoldet. Und schau mal auf die LED-Frequenz. Das ist ein gepulstes Signal.“ Rudi, der liebenswerte und stets leicht panische Kneipenhelfer aus dem FlowerPower, wuselte derweil im Kreis wie ein aufgescheuchtes Huhn. „Ein gepulstes Signal? Heißt das, wir fliegen alle in die Luft? Oder schlimmer noch – müssen wir wieder zu diesem furchtbaren Akkordeon-Konzert im Stadtpark?“ „Rudi, halt die Luft an“, fauchte Frau Kurze, die resolute Polizistin mit der kurzen Frisur, die von den Betrunkenen früher stets für einen harten Kerl gehalten wurde. Sie zog ihre Dienstmarke, obwohl weit und breit niemand zu sehen war, der verhaftet werden könnte, außer dem gefesselten Musikminister, der in der Ecke saß und schmollte. „Wir haben die Lage im Griff. Herr Filzstift, schreiben Sie das auf.“ Herr Filzstift, der penible Polizist mit dem unzertrennlichen Notizbuch, leckte kurz über seinen Bleistift und nickte geschäftig. „Notiert, Frau Kurze. Gegenstand: Blinkender USB-Stick, vermutlich außerirdischer oder zumindest akustisch terroristischer Natur. Zeugen: Anwesend. Nervositätsgrad bei Rudi: Kritisch.“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur und geläuterte Musikwissenschaftler, trat mit verschränkten Armen hinzu und schüttelte den Kopf. „Sie verstehen das alle nicht. Das ist nicht einfach nur ein
173 USB-Stick. Das ist das ‚Alpha-Protokoll‘. Eine Endlosschleife aus orchestralem Heavy Metal und volkstümlichem Jodeln. Wenn dieser Code den Hauptmast im Stadtzentrum erreicht, wird niemand in dieser Stadt jemals wieder einen normalen Popsong hören können.“ „Genau das haben die beim letzten Mal auch gesagt, und am Ende saß ich drei Stunden lang fest und musste Polka tanzen, bis mir die Knie wehtaten“, brummte Herbert, der ehemalige Antagonist, der sich mittlerweile der Gruppe angeschlossen hatte und demonstrativ eine Dose billiges Bier trank. „Ich sag euch, wir sollten das Ding einfach ins Gleis werfen und hoffen, dass ein Güterzug drüberfährt.“ „Keine schlechte Idee“, murmelte Marc, aber bevor er zutreten konnte, piepte der USB-Stick in einer so schrillen Tonlage, dass selbst die Tauben unter dem Bahnhofsdach panisch das Weite suchten. Das rote Blinken wechselte zu einem grellen, unheilvollen Violett. Tino fuchtelte wild mit seinem Schraubenzieher. „Achtung! Der baut einen internen Hotspot auf! Der sendet Daten an ein unbekanntes Ziel!“ „Wohin denn?“, rief Rudi und hielt sich die Ohren zu. „Vermutlich direkt auf das Smartphone von diesem Jürgen, dessen Stimme wir vorhin aus dem Lautsprecher gehört haben“, rief Tino zurück, während er versuchte, mit bloßen Fingern das winzige Gehäuse des Sticks aufzuhebeln. „Wenn ich jetzt den falschen Widerstand erwische, grill ich uns allen das Kurzzeitgedächtnis!“ „Mach hinne, Tino!“, drängte Marc, dessen Beschützerinstinkt als ehemaliger Türsteher nun endgültig die Oberhand gewann. Er trat einen Schritt vor, breitete seine massige Statur aus und stellte sich schützend vor die Gruppe, als erwarte er, dass jeden Moment eine Horde wild gewordener Discobesucher aus den Tunneln stürmte. „Hier kommt mir niemand mehr durch. Weder musikalisch noch physisch.“ Frau Kurze lachte kurz und trocken auf. „Immer mit der Ruhe, Marc. Noch haben wir das Monopol auf Staatsgewalt. Herr Filzstift, bereitmachen für den Zugriff auf den virtuellen Feind.“ Herr Filzstift zückte eine Lupe aus seiner Manteltasche, obwohl es stockfinster war, und kniete sich neben Tino. „Ich leuchte Ihnen, Kollege. Nutzen Sie den analogsten Ansatz, den Sie finden können.“ Tino zögerte keine Sekunde.
174 Mit einem gekonnten Handgriff, den er sonst nur beim Ausbau festgerosteter Lichtmaschinen an alten Opel Kadetts verwendete, riss er die Rückseite des USB-Sticks ab. Ein winziger Funke sprühte auf den Betonboden. Das schrille Piepen stockte, ging in ein tiefes, grollendes Stöhnen über und verstummte schließlich ganz. Das violette Licht erlosch mit einem schwachen Puff. Stille kehrte in dem alten Bahnhofsgebäude ein. Nur das ferne Rauschen des Stadtverkehrs von draußen war zu hören. Rudi atmete tief aus und sank auf eine alte Holzkiste. „Ist… ist es vorbei? Dürfen wir jetzt endlich wieder in die Kneipe?“ „Schaut mal nach unten“, sagte Dr. Melodie leise und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf das Innere des zerstörten Sticks, das nun offen zutage lag. Aus dem winzigen Gehäuse ragte kein normaler Speicherchip, sondern ein winziger, handgeschriebener Zettel, der so klein zusammengerollt war, dass man ihn mit einer Pinzette herausziehen musste. Herr Filzstift schnappte sich den Zettel sofort, setzte seine Brille auf und entfaltete das Papier mit äußerster Vorsicht, als handle es sich um die Magna Charta. „Vorlesen, Filzi!“, forderte Marc ungeduldig auf. Herr Filzstift räusperte sich theatralisch. „Da steht: ‚Ihr habt den kleinen Funken gelöscht, aber das Feuer brennt längst im Keller der alten Oper. Das Finale beginnt um Mitternacht. Gezeichnet: Der wahre Musikminister‘.“ Herbert schnaubte verächtlich. „Die Oper? Ernsthaft? Da war ich seit zwanzig Jahren nicht mehr. Da gibt es nicht mal gescheites Bier, nur Sekt aus Plastikbechern.“ „Die alte Oper liegt direkt am Stadtpark“, warf Tino ein, während er seinen Schraubenzieher wegsteckte und sich den Ruß von der Stirn wischte. „Wenn die dort ihre Frequenzverstärker aufbauen, beschallen die nicht nur den Bezirk, sondern gleich das ganze Bundesland.“ Marc seufzte. Er blickte an sich herunter, auf seine bequeme Freizeithose und die robusten Stiefel, die er eigentlich für einen gemütlichen Fernsehabend auf dem Sofa vorgesehen hatte. Sein Plan, im Ruhestand einfach nur noch die Tür des FlowerPower von innen zu sehen und gelegentlich ein kühles Blondes zu genießen, schien sich in Luft aufzulösen – genauer gesagt in den Schallwellen eines wahnsinnigen Musikfanatikers.
175 „Na großartig“, brummte Marc und zog seine Jacke stramm. „Und ich dachte, mein schwerster Job heute Abend wäre es, Rudi davon abzuhalten, das ganze Freibier auszutrinken.“ „Hey!“, protestierte Rudi gekränkt. „Ich habe mich voll und ganz unter Kontrolle gehabt!“ Frau Kurze klopfte Marc energisch auf die breite Schulter, dass es nur so knackte. „Keine Widerrede, mein lieber Ex-Türsteher. Die Nacht ist noch jung, und die Oper hat keinen Notausgang, den wir nicht knacken könnten. Herr Filzstift, holen Sie den Gefangenen hoch. Wir haben einen Termin mit dem Musikminister.“ Der gefesselte Musikminister in der Ecke stöhnte leise auf, während Herbert grinsend seine Bierdose leerte und sie in einen Mülleimer warf. „Na gut“, sagte Herbert. „Aber wenn da drinnen wieder nur Blasmusik läuft, gehe ich streik.“ Marc nickte entschlossen. Er setzte seine Brille fest auf, knusperte kurz mit den Fingerknöcheln und wandte sich dem Ausgang zu, der hinaus in die kühle Nachtluft führte. Die Jukebox im FlowerPower mochte zwar vorerst stumm geblieben sein, aber die Stadt brauchte ihn. Und ein echter Türsteher lässt sich nun mal nicht von ein paar verrückten Sound-Tüftlern den Feierabend verderben. „Los Männer“, rief Marc mit seiner unverkennbaren, tiefen Baritonstimme, die durch die hohlen Hallen des Bahnhofs hallte. „Zeigen wir diesem Minister, was passiert, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt.“ Die Truppe setzte sich in Bewegung, fest entschlossen, dem mysteriösen Drahtzieher in der alten Oper das Handwerk zu legen, während im Hintergrund das leise, unheilvolle Summen eines völlig anderen, noch unentdeckten Geräts in der Manteltasche des Musikministers ein letztes Mal aufleuchtete.
176 Hinter den Flügeltüren Die alte Oper thront wie ein verstaubter, steinernes Monstrum im Herzen der Nacht, während die nächtliche Luft schwer über dem Asphalt liegt. Marc schritt mit entschlossenem Schritt voran, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben, die Brille auf der Nase leicht beschlagen von der herbstlichen Kühle. Hinter ihm marschierte die bunt zusammengewürfelte Truppe, die inzwischen mehr an eine mobile Katastrophenschutzbehörde als an einen Haufen Kneipengänger erinnerte. Tino, der Automechaniker, trug eine Werkzeugtasche über der Schulter, die bei jedem Schritt bedrohlich klirrte. Direkt daneben stapfte Rudi, der sich nervös den Kragen seines Hemdes richtete und leise vor sich hin brummelte. „Ich sage euch, das ist alles viel zu modern“, murmelte Rudi und blickte sich ängstlich um. „Früher gab es im FlowerPower einfach nur Bier und gute alte Rockmusik. Niemand hat hier jemals von einem ‚Alpha-Protokoll‘ oder einer Oper geredet. Mir schwant Übles.“ „Halt den Mund, Rudi, und heb die Beine“, zischte Marc, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme hatte jenen unverkennbaren, rauchigen Tonfall, der früher jeden unbotmäßigen Gast am Eingang der Kneipe sofort verstummen ließ. „Wir haben einen Job zu erledigen. Der Musikminister glaubt wohl wirklich, er könnte hier die Kulturhauptstadt in ein einziges, orchestrales Tollhaus verwandeln. Da machen wir nicht mit.“ Hinter den beiden folgten die Polizisten. Frau Kurze, deren kurze Haare im Schein der Straßenlaternen glänzten, schritt mit militärischer Präzision voran, während Herr Filzstift eifrig in seinem kleinen Notizbuch blätterte. „Eintrag um Uhrzeit zweiundzwanzig Uhr fünfzig“, diktierte Herr Filzstift mit hellem, pflichtbewusstem Stimmchen. „Die Gruppe nähert sich dem Zielobjekt, der alten Oper. Keine Bewaffnung im klassischen Sinne, abgesehen von Tinos Ratschenkasten und Marcs unerschütterlicher schlechter Laune.“ „Passen Sie auf, Filzi, dass ich Ihnen diesen Notizblock gleich nicht irgendwo hinstecke, wo die Sonne nie hinscheint“, brummte Marc, warf dem Beamten jedoch einen fast schon amüsierten Seitenblick
177 zu. Trotz all des Wahnsinns schätzte der ehemalige Türsteher die Verlässlichkeit der beiden Gesetzeshüter mittlerweile sehr. Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der sich nun notgedrungen auf die Seite der Guten geschlagen hatte, rieb sich nervös die Hände. „Sie unterschätzen den Musikminister, Herr Marc! Die Akustik in der alten Oper ist perfekt für eine Resonanzwelle. Wenn er den Hauptschalter umlegt, vibriert hier nicht nur die Luft, sondern die gesamte Statik des Gebäudes!“ „Dann sorgen wir eben dafür, dass er gar nicht erst an den Schalter kommt“, entgegnete Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der erstaunlich gut gelaunt neben Tino herging. „Ehrlich gesagt finde ich es ganz erfrischend, mal auf der richtigen Seite des Gesetzes zu stehen. Früher musste ich immer die Kabel verlegen, jetzt darf ich sie durchschneiden.“ „Vorausgesetzt, wir kommen überhaupt rein“, warf Tino ein und blieb vor den massiven Flügeltüren der alten Oper stehen. Das historische Gebäude wirkte wie aus der Zeit gefallen. Die goldenen Ornamente an der Fassade waren von Ruß und Schmutz überzogen, und die schweren Holztüren schienen fest verschlossen zu sein. „Die sehen mir nicht nach Standard-Zylinderschlössern aus. Da brauche ich schweres Gerät.“ „Mach keine Komlimente, Tino, mach einfach auf“, sagte Marc und trat einen Schritt heran. Er musterte das massive Holzportal mit dem Blick eines Mannes, der schon ganz andere Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte. Bevor Tino jedoch überhaupt seine Werkzeugtasche öffnen konnte, gab es ein metallisches Klicken im Hintergrund. Aus der Manteltasche des gefesselten Musikministers, der von Frau Kurze und Herbert bewacht wurde, drang plötzlich ein schrilles, helles Summen. Ein rotes Licht blinkte durch den dicken Stoff, gefolgt von einer elektronischen Computerstimme, die durch die nächtliche Stille hallte: „Backup-Protokoll aktiviert. Finale Sequenz gestartet. Countdown läuft: Zehn, Neun…“ „Verdammt!“, rief Frau Kurze und riss die Augen auf. „Der Kerl hat noch ein Notrufsystem bei sich!“ „Tino, sofort die Tür!“, brüllte Marc. Der Automechaniker fackelte nicht lange. Mit einem geübten Griff zog er einen massiven Schraubenzieher
178 und einen Dietrich aus seiner Tasche, stürzte sich auf das Schloss und begann mit einer rasanten Fingerfertigkeit darin zu stochern, während der Countdown erbarmungslos weiterzählte. „Acht! Sieben! Sechs!“ „Mach schon, Mann!“, stöhnte Rudi und schloss panisch die Augen. „Ich will nicht als wandelnde Notenblatt-Statue enden!“ Mit einem lauten, satten Klong sprang das Schloss aus der Verankerung. Die schweren Holztüren schwenkten mit einem dumpfen Quietschen nach innen auf. Ohne zu zögern, stürmte Marc als Erster in das düstere Foyer der Oper, gefolgt von der gesamten Truppe. Tino war ihnen dicht auf den Fersen, warf sich auf den Boden und drückte im letzten Moment, als die Stimme „Drei! Zwei! Eins!“ rief, auf das blinkende Etui in Herberts Tasche, wodurch die Sequenz mit einem schrillen Piepen abbrach. „Puh“, stöhnte Tino und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Knappe Kiste. Der hat uns gerade noch gefehlt.“ Das Innere der alten Oper bot einen bizarr faszinierenden Anblick. Der einstige Glanz des prächtigen Zuschauerraums war gewichen, stattdessen prangte auf der Bühne eine gigantische Ansammlung von elektronischen Geräten, Mischpulten, Kabeln und gigantischen Lautsprechern, die wie unheimliche Skulpturen in den Himmel ragten. In der Mitte der Bühne stand ein Mann in einem Frack, der wild mit den Armen fuchtelte und offenbar gerade mit sich selbst probte. Es war der Musikminister höchstpersönlich. „Ah, die ungebetenen Gäste!“, rief der Musikminister mit operettenhafter Dramatik, während er sich umdrehte und die Truppe im Zuschauerraum musterte. Seine Brille blitzte im spärlichen Bühnenlicht. „Sie kommen genau richtig für den Höhepunkt! Die Ouvertüre des Untergangs wird in wenigen Minuten beginnen. Die Welt wird endlich die wahre, orchestrale Perfektion hören!“ „Schluss jetzt mit dem Theater, du Pfeife!“, brüllte Marc und setzte sich in Bewegung. Er ignorierte die roten Samtsitze des Zuschauerraums, sprang mit der Agilität eines Panthers über die vorderste Stuhlreihe und landete direkt am Rande der Bühne. Seine Augen blitzten hinter der Brille hervor, der graue Vollbart bebte vor Entschlossenheit. „Ich
179 habe heute Abend wahrlich Wichtigeres zu tun, als mir dein Geigen-Gekratze anzuhören. Mein Feierabendbier wartet im FlowerPower, und du hältst mich verdammt noch einmal davon ab!“ Der Musikminister lachte hysterisch. „Glauben Sie etwa, ein einfacher ehemaliger Türsteher könnte die Symphonie der Zukunft aufhalten? Meine Frequenzen durchdringen jeden Stein, jedes Fundament! Niemand kann mich stoppen!“ „Das wollen wir doch mal sehen“, knurrte Marc und zog die Augenbrauen zusammen. Tino, der inzwischen ebenfalls die Bühne erklommen hatte, schlich sich von der Seite an das gigantische Mischpult heran. „Marc, lenk ihn ab! Wenn ich diesen Hauptverteiler hier erwische, schalte ich die ganze Anlage auf einen Schlag aus!“ „Verstanden“, rief Marc und machte einen großen Schritt auf den Dirigenten zu. „Hör mal zu, Spezi. Ich habe in meiner Laufbahn schon ganz andere Gestalten vor der Tür stehen gehabt. Betrunkene Studenten, aggressive Rocker, die meinten, sie müssten den Laden auseinandernehmen, und sogar einmal einen Mann im Hühnerkostüm, der partout nicht einsehen wollte, dass Sperrstunde ist. Gegen die warst du ein laues Lüftchen.“ Der Musikminister trat irritiert einen Schritt zurück. „Was? Was hat das mit meiner Kunst zu tun?“ „Das hat damit zu tun, dass du nervst“, schnaubte Marc. Ehe der Antagonist reagieren konnte, machte Marc einen schnellen Satz nach vorn, packte den Mann im Frack am Kragen und hob ihn mit der spielerischen Leichtigkeit eines Bären in die Höhe, sodass die Beine des Musikministers in der Luft baumelten. „Und wer nervt, fliegt raus. So einfach ist das.“ „He! Hilfe! Ein Eingriff in die künstlerische Freiheit!“, zeterte der Musikminister, während er wild mit den Armen strampelte. „Tino, jetzt!“, rief Marc. Tino fackelte nicht lange. Mit einem triumphierenden Grinsen riss er ein dickes, rot-schwarzes Hauptkabel aus der Konsole und biss kurzerhand – frei nach alter Handwerker-Manier – den letzten feinen Kupferdraht durch, der noch für die Stromzufuhr sorgte. Ein lautes, schrilles Summen ertönte, gefolgt von einem dumpfen Knall, als im Inneren der riesigen Lautsprecher die Kondensatoren durchbrannten. Auf einen Schlag erstarmt jede
180 Musik. Die bunten Lichter erloschen, und das unheilvolle Brummen der Frequenzen wich einer absoluten, fast gespenstischen Stille in der alten Oper. „Frequenz unterbrochen. System down“, stellte Dr. Melodie fest, der mit offenem Mund am Bühnenrand stand. In diesem Moment trafen auch Frau Kurze und Herr Filzstift am Tatort ein. Die Polizistin zückte sofort ihre Handschellen. „Gute Arbeit, Marc. Herr Musikminister, Sie sind hiermit festgenommen. Das unerlaubte Verursachen von akustischem Terror und schwerer Körperverletzung an den Ohrmuscheln der Bevölkerung wird ein Nachspiel haben.“ Herr Filzstift drückte eifrig auf die Tasten seines kleinen Geräts, um den Vorfall zu protokollieren. „Eintrag um Uhrzeit einundzwanzig Uhr zehn: Hauptverdächtiger gestellt, Anlage zerstört, Stadt vor dem musikalischen Kollaps gerettet. Und ich muss sagen, die Akustik hier war gar nicht mal so schlecht, auch wenn die Bässe etwas zu laut waren.“ Rudi, der inzwischen ebenfalls vorsichtig die Bühne betreten hatte, atmete erleichtert aus und klopfte Marc auf die Schulter. „Wahnsinn, Marc! Du bist und bleibst einfach der Beste. Ich schlage vor, wir gehen jetzt alle zurück ins FlowerPower, trinken ein ordentliches Bier und vergessen diesen ganzen Unsinn.“ „Dem ist absolut nichts hinzuzufügen“, brummte Marc, ließ den immer noch zeternden Musikminister in Frau Kurzes Obhut fallen und wischte sich demonstrativ die Hände an der Hose ab. „Der Ruhestand wartet zwar immer noch auf mich, aber vorher wird auf diesen Sieg angestoßen.“ Die Truppe setzte sich in Bewegung, um den Rückweg anzutreten, erleichtert und voller Vorfreude auf das kühle Bier in ihrer Stammkneipe. Niemand von ihnen bemerkte jedoch, dass im Schatten hinter dem großen Vorhang auf der Bühne ein kleines, unauffälliges Gerät im Rhythmus eines unheilvollen, tieffrequenten Herzschlags zu leuchten begann. Ein winziges Display flackerte auf und zeigte in scharfen, blauen Lettern eine kurze Nachricht an: „Initialisierung von Phase Vier eingeleitet. System bereit.“
181 Das Ende der Symphonie Die Fünfzig war für Marc eigentlich das Alter gewesen, in dem man sich abends eine wärmende Decke über die Beine zog, die Nachrichten schaute und sich darüber freute, wenn niemand mehr an der Haustür klingelte. Doch an diesem Abend schien das Universum beschlossen zu haben, dass sein wohlverdienter Ruhestand ein schlechter Scherz war. Während die frisch verhafteten Überreste der musikalischen Untergrundbewegung – angeführt von einem sichtlich reumütigen Musikminister, der von den Polizisten Frau Kurze und Herr Filzstift flankiert wurde – langsam aber sicher in Richtung Streifenwagen abgeführt wurden, atmete die verbliebene Truppe erst einmal tief durch. „Endlich“, murmelte Marc und schob seine Brille auf der Nasenwurzel nach oben, während er sich mit der groben Hand über den grauen Vollbart strich. „Wenn ich noch einmal das Wort Symphonie, Frequenz oder auch nur Chorgesang höre, dann spiele ich den Leuten hier eine Melodie vor, die sich gewaschen hat. Und die besteht ausschließlich aus dem Geräusch einer knallenden Eingangstür.“ Tino, der treue Automechaniker und sein langjähriger Kumpel, grinste breit und warf sich einen Schraubenschlüssel von einer Hand in die andere. „Ach, komm schon, Marc. Ein bisschen Rhythmus im Blut hat noch keinem geschadet. Außer vielleicht deinem Blutdruck, aber der ist ja ohnehin auf Dauer-Heavy-Metal geeicht.“ „Sehr witzig, Tino“, brummte Marc, auch wenn ein leichtes Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, dass er den Humor durchaus zu schätzen wusste. Rudi, der vom treuen Stammgast zum unverzichtbaren Mädchen für alles mutiert war, rieb sich fröhlich die Hände. „Hauptsache, das Bier in der Stammkneipe ist noch da. Ich habe auf dem Weg hierher eine schwere Entwöhnungsphase durchgemacht. Ohne den Geruch von verschüttetem Pils und leicht angebranntem Toast fühle ich mich einfach nicht komplett.“ „Das Pils wartet, Rudi“, sagte Frau Kurze, die mit gewohnter Autorität den Musikminister an der Jacke packte und einen Schritt vorwärts machte. Trotz ihrer kurzen Frisur und ihres resoluten Auftretens, das den einen
182 oder anderen Betrunkenen in der Vergangenheit schon mal verwirrt hatte, strahlte sie eine Verlässlichkeit aus, auf die man sich verlassen konnte. „Aber vorher wird der Herr hier standesgemäß auf die Rückbank verfrachtet. Und wehe, er fängt auf der Fahrt wieder an, von irgendwelchen orchestralen Weltuntergängen zu faseln. Sonst lasse ich das Blaulicht aus und fahre im Schrittempo durch die Fußgängerzone.“ Der Musikminister, der in seinem schicken, aber mittlerweile reichlich staubigen Trenchcoat steckte, seufzte tief. „Ihr versteht die Kunst nicht. Das war keine Zwangsbeschallung, das war Avantgarde! Ein Weckruf für eine schlafende Gesellschaft!“ „Ein Weckruf, der mir fast die Plomben aus den Zähnen gehauen hat“, schnaubte Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der sich nach einigen Wendungen der Gruppe angeschlossen hatte und nun skeptisch an seiner Brille zupfte. „Ich bitte Sie, Kollege. Technno-Blasmusik-Mischungen als Hochkultur zu verkaufen, ist nicht nur eine musikalische Entgleisung, das ist schlicht und einfach Körperverletzung.“ Herr Filzstift, der penibel darauf achtet, jeden Zwischenfall in seinem kleinen Notizbuch festzuhalten, blätterte eine Seite um. „Körperverletzung, Sachbeschädigung, Störung der öffentlichen Ordnung und Verstoss gegen das Lärmschutzgesetz nach Paragraph Vierzehn Absatz drei. Ich habe alles notiert. Wir können abrücken.“ Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der sich mittlerweile überraschend gut in die Gruppe integriert hatte, nickte zustimmend. „Da hat der Herr Beamte recht. Lasst uns verschwinden. Die Luft hier riecht nach feuchtem Staub und größenwahnsinnigen Ideen. Ich brauche frische Luft und einen geregelten Feierabend.“ Die kleine Karawane setzte sich in Bewegung. Sie verließen das ehrwürdige, aber reichlich heruntergekommene Gebäude der alten Oper, dessen Bühnenvorhang hinter ihnen im nächtlichen Wind raschelte. Niemand von ihnen ahnte, dass im Halbdunkel jener Bühne, direkt neben den Überbleibseln der gigantischen Lautsprecherboxen, das winzige blaue Display des mysteriösen Geräts unaufhaltsam weiterglimmte. Die Ziffern zählten herunter, während ein leiser, mechanischer Ton durch die leere Halle hallte. Draußen auf dem Vorplatz schien die Welt
183 jedoch vorerst in Ordnung. Die kühle Nachtluft tat gut. Marc zog seine Jacke etwas enger um die breiten Schultern, während Tino den Autoschlüssel zücken wollte, um die Fahrt zurück in Richtung Kneipe anzutreten. „Wartet mal kurz“, sagte Tino und blieb abrupt stehen. Er zog eine Augenbraue hoch und blickte zu den Autos hinüber. „Hat einer von euch gehört, ob da drinnen gerade ein leises Summen zu hören war? So ein elektronisches Piepsen?“ Marc blieb ebenfalls stehen, das Gesicht in skeptische Falten gelegt. Seine alten Instinkte als Türsteher, die ihn jahrelang davor bewahrt hatten, Ärger zu übersehen, schlugen augenblicklich Alarm. „Tino, du machst Witze. Sag mir, dass du scherzt.“ „Ich scherze nie, wenn es um Elektronik geht“, erwiderte Tino ernst und drehte sich halb um. „Das klang exakt so wie das Startsignal von diesem verdammten USB-Stick vorhin.“ Dr. Melodie, der sich gerade eine Zigarette anstecken wollte, hielt inne. Die Flamme seines Feuerzeugs tanzte im Wind. „Ein Summen? Sagen Sie bloß nicht, dass…“ Bevor der Musikwissenschaftler seinen Satz beenden konnte, durchbrach ein dumpfer, grollender Ton die nächtliche Stille. Es klang nicht wie ein Donnerschlag und auch nicht wie eine Fehlzündung eines Motors. Es war ein tiefer, basslastiger Impuls, der sich durch den Asphalt fortsetzte und den Schuhen der anwesenden Männer und Frauen einen leichten Stoß versetzte. Frau Kurze drehte sich augenblicklich um, die Hand griff reflexartig an den Holster. „Was zur Hölle war das? Filzi, haben Sie das gespürt?“ Herr Filzstift zückte sofort wieder sein Notizbuch, obwohl seine Hände leicht zitterten. „Erschütterung unbekannter Herkunft. Möglicherweise ein Nachbeben der musikalischen Frequenz oder… oh, Moment.“ Er deutete mit dem Stift auf den Eingang der alten Oper. Aus dem schmutzigen Portal des Gebäudes quoll kein Rauch, dafür aber etwas, das unverkennbar nach modernem Synthesizer-Bass klang, gepaart mit den unverkennbaren Klängen einer ungedämpften Tuba. Die Melodie war laut, aufdringlich und drang durch die geschlossenen Türen hindurch, als ob die Wände aus Papier wären. „Das gibt’s doch gar nicht“, stöhnte Rudi und fasste sich an den Kopf. „Ich
184 dachte, wir hätten diesen Blasmusik-Irrsinn hinter uns gelassen! Mein Trommelfell fängt schon wieder an zu vibrieren.“ Marc starrte mit versteinertem Gesicht auf das Gebäude. In ihm brodelte eine Mischung aus tiefer Erschöpfung und eiskaltem Zorn. Die Hoffnung, dass dieser Abend mit einem friedlichen Bier in der Stammkneipe enden würde, hatte sich in Luft aufgelöst. Die sogenannte „Phase Vier“ war offenbar kein theoretisches Konstrukt auf einem Papier gewesen, sondern ein automatisierter Notfallplan, den der Musikminister oder einer seiner unsichtbaren Hintermänner hinterlassen hatte. „Das war’s“, knurrte Marc mit tiefer, bestimmter Stimme. Er machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zielstrebigen Schrittes auf den Haupteingang zu, als gälte es, einen besonders unbelehrbaren Gast eigenhändig vor die Tür zu setzen. „Wer auch immer diesen Krach zu verantworten hat, bekommt gleich eine Lektion in Sachen Hausrecht erteilt. Und zwar ohne Vorwarnung.“ Tino lief ihm sofort hinterher. „Warte auf mich, Marc! Allein kommst du an der verriegelten Brandschutztür ohnehin nicht vorbei. Da braucht man technisches Fingerspitzengefühl, keinen Türsteher-Griff!“ „Wir werden ja sehen, ob eine Brandschutztür stärker ist als meine Geduld“, brummte Marc, während er die Stufen zum Eingang nahm. Frau Kurze atmete tief aus, steckte die Hand in die Tasche ihrer Uniform und blickte zu ihrem Kollegen. „Filzi, Streifenwagen stehen lassen. Wir haben einen Wiedergänger.“ Herr Filzstift seufzte leise, klappte das Notizbuch zu, steckte es weg und zog stattdessen seine Taschenlampe hervor. „Immerhin wird uns nie langweilig, Frau Kurze. Das muss man dieser Stadt lassen.“ Dr. Melodie und Herbert tauschten einen kurzen, beredten Blick aus, ehe sie sich der vorwärtsstürmenden Gruppe anschlossen. „Wenn das so weitergeht“, murmelte Dr. Melodie kopfschüttelnd, „schreibe ich nach diesem Abend meine Memoiren. Titel: Wie ich verhinderte, dass die Welt zu Polka-Rhythmen unterging.“ Rudi lief als Letzter hinterher, hielt sich die Ohren zu und rief klagend: „Wenn die Jukebox im FlowerPower heute Abend nicht bald wieder ganz normalen Rock spielt, kündige ich meinen Job
185 als Mädchen für alles und werde Mönch! Schweigepflicht! Ganz ohne Musik!“ Doch niemand hörte auf sein Jammern. Die Gruppe drängte sich erneut durch die schwere Eingangstür zurück in das Innere der alten Oper, wo das blaue Licht des ominösen Geräts auf der Bühne mittlerweile in einem grellen, fast unwirklichen Neonfarbton pulsierte. Der Countdown hatte begonnen, und die Melodie der Zwangsbeschallung gewann zusehends an Lautstärke. Marc ballte die Fäuste in den Taschen seiner Jacke. Der Ruhestand musste sich noch ein Weilchen gedulden; hier gab es schließlich noch jemanden, der dringend vor die Tür gesetzt werden musste.
186 Bässe und glühender Staub Das blaue Licht auf der Bühne der alten Oper war mittlerweile so hell, dass es selbst die feinen Staubkörner in der Luft wie winzige, glühende Disco-Kugeln wirken ließ. Aus den gigantischen Lautsprechern dröhnte eine Mischung aus drückendem Techno-Bass und hysterischem Jodeln, die das historische Gebäude in seinen Grundmauern erbeben ließ. „Das ist doch nicht mehr feierlich!“, rief Rudi, der sich beide Hände schützend auf seine Ohren presste und panisch im Kreis drehte. „Wenn das so weitergeht, fallen hier nicht nur die Staubkörner, sondern das ganze Dach!“ Marc, dessen grauer Vollbart im Takt des dröhnenden Basses leicht vibrierte, schob seine Brille auf der Nase zurecht und musterte das blinkende Ungetüm auf der Bühne mit der finsteren Entschlossenheit eines Mannes, dem soeben der verdiente Feierabendkaffee gestohlen worden war. Er kniff die Augen zusammen. „Rudi, halt den Mund und hör auf zu jammern“, brummte Marc mit seiner tiefen, autoritären Türsteher-Stimme, die mühelos gegen den musikalischen Orkan ankam. „Hier wird nichts zum Einsturz gebracht, solange ich das sage. Wir haben einen Job zu erledigen.“ Tino, der seinen Werkzeugkasten wie einen heiligen Gral vor der Brust trug, nickte eifrig. Er flitzte bereits in Richtung Bühnenaufgang, wobei er über ein loses Lautsprecherkabel stolperte, sich akrobatisch abfing und mit einem erleichterten Keuchen auf den Beinen blieb. „Marc hat recht! Gebt mir zwei Minuten, und ich verkabel diesen neumodischen Quatsch so, dass er nie wieder einen Ton von sich gibt – außer vielleicht ein leises Summen!“ „Äh, Moment mal!“, rief Herr Filzstift, der mit seinem Klemmbrett bewaffnet hinter Frau Kurze herlief. Der Polizeibeamte blickte panisch auf seine Notizen, während der Bass seine Uniformknöpfe zum Klappern brachte. „Haben wir überhaupt ein amtliches Formular für die gewaltsame Demontage von fremdem Bühnenequipment vorliegen? Ich bin mir nicht sicher, ob Paragraph vierundvierzig Absatz zwei das ohne schriftliche Genehmigung der Stadtverwaltung abdeckt!“ Frau Kurze, deren kurze Haare im Luftzug der Lautsprecher
187 wild tanzten, warf ihrem Kollegen einen herrlich amüsierten und zugleich resoluten Blick zu. Sie zog ihre Dienstmütze etwas tiefer ins Gesicht und schüttelte den Kopf. „Filzi, vergiss deinen Paragraphenparanoia für eine Sekunde. Wenn dieses Ding noch eine Minute lang weiterspielt, beantrage ich hier amtlich Gehörsturz für alle Anwesenden. Machen Sie den Weg frei, wir stürmen die Bühne!“ Dr. Melodie, der ehemalige Saboteur, der sich inzwischen eher wie ein unglücklicher Zuschauer bei einer sehr schlechten Theateraufführung fühlte, hob zaghaft die Hand. „Ähm, nur zur Info…“, krächzte er, während er sich hinter Herbert versteckte. „Dieses Gerät reagiert auf Manipulationen. Wenn der falsche Draht erwischt wird, aktiviert sich die Notfall-Sequenz der Phase Vier. Und glauben Sie mir, die ist akustisch noch… unangenehmer.“ „Schon gut, Doktor“, fauchte Herbert, der sich als geläuterter Ex-Antagonist mittlerweile pflichtbewusst an Marcs Seite gehalten hatte. Herbert klopfte sich heroisch auf die Brust. „Wenn es brenzlig wird, opfere ich mich. Na ja, oder ich lasse Tino den Stecker ziehen und gucke wichtig zu.“ „Sehr vernünftige Arbeitsteilung“, knurrte Marc. Er setzte sich in Bewegung, ging mit langen, entschlossenen Schritten auf die Bühne zu und schob die hölzerne Bühnenkante beiseite, als handelte es sich um eine lästige Menschentraube vor dem Einlass eines überfüllten Clubs. „Tino, an die Konsole. Der Rest sichert die Flanken. Und wehe, einer fasst diesen blauen Stick an!“ Die Truppe setzte sich in geordnetem, wenn auch leicht chaotischem Laufschritt in Bewegung. Tino war als Erster an der gigantischen Konsole, die wie ein futuristisches Mischpult aussah, das direkt aus einem Science-Fiction-Film der siebziger Jahre entsprungen sein musste. Kabel hingen herab wie Lianen in einem technischen Dschungel, und auf einem kleinen LED-Bildschirm leuchtete unerbittlich ein Countdown: 01:15… 01:14… „Verdammt“, zischte Tino, während er seinen Werkzeugkasten aufklappte und einen riesigen Seitenschneider heraushog. „Die haben hier nicht nur Standardkabel verwendet, das ist hochfester Industriekunststoff! Da brauche ich ordentlich Muskelkraft.“ „Hier hast du Muskelkraft“, sagte Marc, trat neben den
188 Mechaniker und packte mit seiner gewaltigen Hand beherzt zu. Mit einem dumpfen Ratsch und einem kurzen Wutanfall, den nur ein ehemaliger Türsteher nach dreißig Jahren Nachtleben aufbringen kann, riss Marc eigenhändig ein dickes Bündel violetter Kabel aus der Verankerung. Ein lautes elektrisches Surren ertönte, gefolgt von einem schrillen Piepen. Der Countdown blieb bei 00:42 stehen, flackerte wild und schien für einen Moment den Dienst zu verweigern. „Hah!“, rief Rudi triumphierend vom Rand der Bühne, wo er sich hinter einem schweren roten Vorhang verschanzt hatte. „Marc hat sie besiegt! Der Chef regelt das eben! Wir haben gewonnen!“ „Nicht zu früh freuen, Rudi“, tönte plötzlich eine metallisch verzerrte Stimme aus den Deckenlautsprechern, die den gesamten Raum erfüllte und jedes Wort mit einem fiesen Hall versah. Es klang ein wenig nach Günther Krawall, aber tiefer, fast schon theatralisch böse. „Ihr habt vielleicht die Hauptleitung gekappt, aber das Herzstück von Phase Vier schlägt unaufhaltsam weiter. Ihr werdet den Rhythmus nicht aufhalten können!“ Frau Kurze zog sofort ihre Dienstwaffe, zielte in Richtung der dunklen Empore über der Bühne und rief: „Sofort zu erkennen geben! Sie sind umzingelt von der Staatsgewalt und Herrn Filzstifts akribischer Bürokratie!“ Herr Filzstift kramte hektisch in seiner Tasche, hielt ein Notizbuch hoch und rief pflichtbewusst: „Genau! Und Sie verstoßen gegen mindestens drei Lärmschutzverordnungen der Nachtruhe!“ Oben auf der Empore, wo sich der Schatten eines mysteriösen Unbekannten abzeichnete, lachte die Stimme hämisch. „Lärmschutz? Pah! Die Welt braucht keinen Frieden, die Welt braucht den perfekten Beat!“ Marc schnaubte verächtlich. Er hasste nichts mehr als ungefragte Lebensweisheiten von Leuten, die sich hinter Technik versteckten. „Weißt du was, Kumpel?“, rief Marc nach oben, während seine Augen gefährlich funkelten. „In meiner alten Kneipe flog raus, wer sich nicht benehmen konnte. Und du benimmst dich gerade extrem daneben.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung, die man einem Mann in seinem Alter und mit dieser Statur gar nicht mehr zugetraut hätte, sprang Marc auf das untere Gerüst der Bühnenbeleuchtung. Er zog
189 sich hoch, während Tino unten verzweifelt versuchte, das flackernde Bedienfeld mit Isolierband und einer Kombizange zu bändigen. „Marc, pass auf!“, schrie Dr. Melodie von unten, während er nervös an seiner Brille zupfte. „Der Typ da oben hat noch ein Notfall-Modul! Wenn das auslöst, fängt der ganze Zirkus von vorne an – nur diesmal mit Blasmusik und Kirchenglocken!“ „Kirchenglocken?“ Rudi schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Um Gottes willen, nicht schon wieder dieser sakrale Krach! Ich kriege Tinnitus allein beim Gedanken daran!“ Marc ignorierte die panischen Rufe seiner Begleiter. Er kletterte Stufe für Stufe das Stahlgerüst empor, während der Bass dröhnte und die Luft im Opernsaal immer heißer wurde. Seine Brille beschlug leicht durch den Schweiß, aber sein Blick blieb starr auf die Gestalt auf der Empore gerichtet. Der Unbekannte auf der Empore – eine hagere Gestalt in einem viel zu großen Trenchcoat und mit einer blinkenden LED-Maske im Gesicht – versuchte panisch, auf ein kleines Tastenfeld zu hämmern. „Nein, nein, nein! Du kommst zu früh! Die Symphonie ist noch nicht reif für die Veröffentlichung!“ „Für dich ist hier Endsporn, Kleiner“, rief Marc, der nun die Kante der Empore erreichte. Mit einem kräftigen Ruck schwang er sich auf den schmalen Laufsteg, baute sich in seiner vollen, imposanten Größe vor dem Schurken auf und ließ seine Fingerknöchel mit einem vernehmbaren Knacken kreisen. Der maskierte Unbekannte wich erschrocken einen Schritt zurück, stolperte über ein herrenloses Mikrofonkabel und fiel ungläubig auf den Hosenboden. Die LED-Maske verrutschte, und zum Vorschein kam ein völlig verdutzter Gesichtsausdruck, den Marc irgendwoher kannte. „Warte mal…“, brummte Marc und beugte sich vor, während er die Brille abnahm und mit dem Ärmel seiner Jacke putzte. „Kenne ich dich nicht vom Sperrmüllcontainer in der Nordstraße? Du bist doch der Typ, der mir vor drei Wochen meine Lieblings-Rock-CDs aus dem Transporter klauen wollte!“ Der am Boden liegende Möchtegern-Mastermind stammelte: „Äh… Guten Abend, Herr Türsteher. Schöne Aussicht von hier oben, oder?“ Unten auf der Bühne rief Tino in diesem Moment triumphierend: „Ich habs!
190 Der Hauptserver ist down! Keine Musik mehr, keine Phase Vier, nur noch himmlische Stille!“ Mit einem Schlag erstarb das Dröhnen der Lautsprecher. Die drückenden Bässe wichen einer plötzlichen, fast gespenstischen Stille im alten Opernsaal. Nur das Summen des abgeklemmten Geräts und das schwere Atmen der Anwesenden waren noch zu hören. Frau Kurze steckte ihre Waffe weg und klopfte sich zufrieden auf die Jacke. „Sehr gute Arbeit, Jungs. Filzi, setzen Sie den jungen Mann fest.“ Herr Filzstift zückte eifrig die Handschellen und nickte stolz. „Wird erledigt, Frau Kurze. Paragraf siebzehn, Störung des öffentlichen Friedens durch unzulässige Klangerzeugung.“ Marc blickte von der Empore herab auf seine versammelte Truppe. Rudi lehnte erleichtert an Tino, der stolz seinen Schraubenschlüssel in die Höhe hielt. Herbert nickte anerkennend, und Dr. Melodie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es schien, als wäre der Abend endlich gerettet und der wohlverdiente Ruhestand greifbar nah. Doch in diesem Moment, als sich alle entspannen wollten, knackte es leise auf dem verlassenen Mischpult unten auf der Bühne. Ein winziges, rotes Lämpchen, das bisher unsichtbar geblieben war, begann in einem bedrohlichen Rhythmus zu blinken. Ein leises, mechanisches Klicken erklang, gefolgt von einer synthetischen Frauenstimme aus einem verschollenen Lautsprecher: „Systeminitialisierung für Phase Fünf gestartet. Guten Abend, Marc.“ Unten auf der Bühne erstarrten alle, während Marc von der Empore aus langsam den Kopf senkte und tief durchatmete. Der Ruhestand konnte also doch noch ein Weilchen warten.
191 Das Tuba-Trauma Die Melodie von „Phase Fünf“ klang verdächtig nach einer Blasorchester-Version von einem alten Schlagersong, der selbst auf Mallorca im tiefsten Vollrausch nur für kollektives Fluchtverhalten gesorgt hätte. Oben auf der Empore stand Marc mit zusammengekniffenen Augen hinter seiner Brille und musterte den maskierten Unbekannten, der mit einer akribischen Hingabe an einem winzigen Synthesizer drehte, als ginge es um die Rettung des Weltfriedens und nicht um das musikalische Trauma der gesamten Nachbarschaft. „Hör mal zu, du Clown mit der Pappnase“, brüllte Marc mit jener unverkennbaren Bariton-Autorität, die schon Generationen von betrunkenen Kneipenschlägern das Fürchten gelehrt hatte. „Entweder du machst diese Scheiße jetzt sofort aus, oder ich zeige dir, wie sich eine Nahkampfausbildung aus den Neunzigern in der Praxis anfühlt!“ Der Maskierte zuckte kurz zusammen, ließ fast seinen Regler fallen, drehte sich dann aber trotzig um. „Du verstehst das nicht, Marc! Die Menschheit ist nicht bereit für die wahre musikalische Erleuchtung! Die Zukunft gehört der Tuba!“ Unten auf dem schmutzigen Parkett der alten Oper herrschte heilloses Chaos. Herr Filzstift kramte hektisch in seiner Aktentasche, um ein Formular für unerlaubte Lärmbelästigung zu finden, während Frau Kurze, die dank ihrer kurzen Haare und ihrer strammen Haltung von Betrunkenen regelmäßig für einen strammen jungen Mann gehalten wurde, bereits die Ärmel hochkrempelte. „Lassen Sie das Protokoll stecken, Filzi! Hier hilft kein Paragraf, hier hilft nur noch rohe Gewalt!“, rief sie und warf einen entschlossenen Blick nach oben. Tino, der als versierter Automechaniker ohnehin allergisch auf unkontrollierte Schwingungen reagierte, rief hinauf: „Marc, tritt dem Typen gegen das Schienbein! Wenn die Frequenz noch fünf Minuten läuft, vibriert mir an meinem Transporter der Auspuff ab!“ Rudi nickte eifrig, obwohl er sich gleichzeitig die Ohren zuhalten musste. „Genau, Marc! Und sag ihm, er soll gefälligst wieder Rockmusik spielen! Im FlowerPower warten schließlich die Gäste auf ihr Feierabendbier!“ Dr. Melodie, der ehemalige
192 Musikwissenschaftler und temporäre Saboteur, schüttelte fassungslos den Kopf. „Das ist doch Wahnsinn! Eine Tuba in dieser Tonart destabilisiert die Statik des gesamten Gebäudes! Das hat nichts mehr mit Kunst zu tun, das ist reine Körperverletzung!“ Herbert, der sich inzwischen mustergültig läutert hatte und als ehemaliger Antagonist nun fest an der Seite der Gruppe stand, versuchte unterdessen, Frau Kurze den Rücken freizuhalten. „Achtung da drüben, die Lautsprecherkabel wackeln schon!“ Marc fackelte nicht lange. Mit ein paar schnellen, entschlossenen Schritten überbrückte er den Abstand auf der Empore. Der maskierte Unbekannte versuchte zwar noch, ihn mit einer Plastikflasche zu bewerfen, doch für einen ehemaligen Türsteher, der jahrelang die berüchtigtsten Gestalten der Stadt gebändigt hatte, war das nicht einmal ein warmes Lüftchen. Marc fing die Flasche im Flug auf, packte den Saboteur am Kragen seines Trenchcoats und hob ihn mühelos einen halben Meter in die Luft. „Endstation, Kumpel“, knurrte Marc und blickte dem Übeltäter direkt in die Augen. „Wer hier die Musik macht, bestimme immer noch ich. Und jetzt drückst du diesen dämlichen Aus-Knopf, bevor ich ungemütlich werde.“ Der Maskierte strampelte kurz mit den Beinen, gab dann aber angesichts von Marcs stechendem Blick unter der Brille klein bei. Mit zitternden Fingern tippte er auf das Bedienfeld. Mit einem schrillen elektronischen Seufzer verstummte die Tuba-Melodie abrupt. Die Oper versank in einer fast unheimlichen Stille, die nur noch durch das schwere Atmen der Anwesenden unterbrochen wurde. Unten atmete die Truppe hörbar auf. Tino wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Sag ich doch: Ein kräftiger Druck auf die richtige Platine, und der Spuk hat ein Ende.“ Frau Kurze trat sofort vor, zog ein Paar glänzende Handschellen aus der Tasche und rief nach oben: „Marc, wir übernehmen ab hier! Bring mir den Singvogel runter!“ Herr Filzstift blätterte triumphierend in seinem Notizbuch. „Paragraf vierzig Absatz zwei: Unbefugtes Ingangsetzen einer akustischen Vernichtungsmaschinerie. Das gibt mindestens dreimal lebenslänglich mit anschließender Bewährung bei gutem Blasorchester-Verzicht!“ Marc ließ den
193 Saboteur un sanft auf den Boden gleiten, wo Frau Kurze ihn sofort in Empfang nahm und fachmännisch fixierte. Der Maskierte jammerte leise, während Dr. Melodie kopfschüttelnd näherkam. „Unfassbar“, murmelte der Musikwissenschaftler. „Dass jemand die Kunstform der Blasmusik so missbrauchen kann. Das ist ja fast so schlimm wie Techno auf einer Beerdigung.“ Doch während die Polizisten den Gefangenen abführten und die Gruppe den vermeintlichen Sieg feierte, geschah das Unerwartete. Aus der zerstörten Konsole, die eigentlich längst tot sein sollte, erklang ein leises, mechanisches Surren. Ein kleiner, rot leuchtender USB-Stick, der tief in der Rückwand des Geräts gesteckt hatte, sprang mit einem leisen Klick heraus und fiel klappernd auf den staubigen Boden der Bühne. Rudi, der gerade stolz eine Dose Cola öffnen wollte, starrte auf das kleine Ding. „Ähm… Leute? Das blinkt schon wieder so verdächtig rot. Ist das normal für eine erfolgreiche Festnahme?“ Marc trat langsam näher, kniete sich mit schmerzenden Knien nieder und hob den USB-Stick auf. Auf dem winzigen Display blinkte eine kryptische Zeile auf: Initiiere Phase Sechs: Das grosse Finale. Tino trat hinzu, warf einen kurzen Blick auf das Display und verdrehte die Augen. „Oh nein. Sag mir bitte nicht, dass das jetzt erst richtig losgeht.“ Frau Kurze, die den Gefangenen gerade an Herr Filzstift übergeben hatte, kam eilig herbeigeeilt. „Was ist das schon wieder für ein elektronischer Unrat? Haben wir diesen Musikminister nicht gerade dingfest gemacht?“ „Offenbar“, knurrte Marc, während er den Stick fest in seiner Hand umschloss, „hatte der Typ noch ein paar Kumpels mit einem sehr bescheidenen Musikgeschmack.“ Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, musterte den Stick mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wenn ich mich nicht täusche, gehört dieses Protokoll zu einer Anlage im alten Industriepark am Stadtrand. Da gibt es eine alte Lagerhalle, die seit Jahren als geheimer Stützpunkt für radikale Musik-Extremisten gilt.“ Herr Filzstift kramte sofort wieder nach seinem Stift. „Industriepark? Haben wir dafür überhaupt die passende Genehmigung zur Amtshilfe?“ Frau Kurze winkte ab. „Ach, Filzi, scheiß auf die
194 Genehmigung! Wenn da wieder jemand mit Schlagern oder Blasmusik unsere Stadt terrorisiert, fahren wir eben ohne Stempel hin!“ Marc atmete tief aus. Sein Rücken schmerzte vom langen Stehen, seine Beine forderten den längst überfälligen Feierabend, und der Gedanke an ein kühles Bier im FlowerPower war zum Greifen nah gewesen. Doch der graue Vollbart zuckte entschlossen, als er seine Brille zurechtrückte. Den Ruhestand konnte man schließlich auch auf morgen verschieben. „Na gut“, sagte Marc und blickte in die Runde seiner bunt zusammengewürfelten Truppe, die sich trotz aller Absurditäten zu einer echten Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt hatte. „Dann holen wir uns eben diesen letzten Musikverrückten auch noch. Aber danach, meine Herren, trinken wir so viel Bier, bis die Jukebox von alleine rockt.“ Tino grinste und schlug Marc kräftig auf die Schulter. „Das ist mein Wort! Mein Werkstattwagen wartet draußen, der Tank ist voll, und die Stoßdämpfer halten den Weg zum Industriepark gerade noch so aus.“ Rudi rieb sich die Hände. „Ich kümmere mich um die Wegzehrung! Ich habe hier noch eine halbe Tüte Gummibärchen im Mantel!“ Dr. Melodie nickte eifrig. „Ich kann als Experte analysieren, welche Frequenz sie diesmal gegen uns einsetzen wollen!“ Herbert und die beiden Polizisten stimmten ebenfalls zu, und so setzte sich die kleine Truppe erneut in Bewegung, entschlossen, dem musikalischen Wahnsinn ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Die Oper hinter sich lassend, machten sie sich auf den Weg in die dunkle, nächtliche Stadt, während im Hintergrund der kleine USB-Stick in Marcs Jackentasche leise weiterblinkte und den Auftakt zu einem noch größeren Abenteuer markierte.
195 Der letzte Akkord Die Straßen der Stadt lagen in einem gespenstischen, nebligen Grau, als sich die kleine, aber mittlerweile bestens eingespielte Truppe durch die kühle Nachtluft in Richtung des verlassenen Industrieparks bewegte. Vorne weg marschierte Marc, dessen grauer Vollbart im Schein der spärlichen Straßenlaternen wie die Rüstung eines alten Kriegers schimmerte. Er trug seine Brille auf der Nasenspitze, den Blick starr nach vorne gerichtet, während in seiner Jackentasche der kleine, violett blinkende USB-Stick die unheilvolle Melodie von „Phase Sechs“ weitertaktete. Es war ein leises, elektronisches Summen, das wie eine Miniatur-Zeitbombe klang, die darauf wartete, ihre ganz eigene Form des akustischen Terrors über die ahnungslose Bevölkerung zu bringen. „Wenn wir da drüben sind und schon wieder irgendein Blasorchester aus den Lautsprechern dröhnt, schwöre ich, nehme ich mir einen Vorschlaghammer und spiele persönlich auf der großen Trommel“, murmelte Marc und zog die Jacke enger gegen den herbstlichen Wind. Neben ihm schritt Tino, der Automechaniker, der seine Werkzeugtasche wie ein heiliges Reliquie an der Hüfte baumeln ließ. „Mach dir keine Sorgen, Marc. Egal, was dieser anonyme DJ oder Musikminister da im Industriepark aufgebaut hat – ein ordentlicher Kurzschluss auf die Hauptplatine, und der Apparat singt nie wieder ein Volkslied“, versicherte Tino mit der unerschütterlichen Zuversicht eines Mannes, der schon ganz andere Motoren zum Schweigen gebracht hatte. Hinter den beiden schlurfte Rudi, der sich mit gesenktem Kopf und leicht zitternden Knien redlich Mühe gab, mit dem Schritt der anderen Schritt zu halten. Rudi war von Natur aus eher für den gemütlichen Barhocker als für nächtliche Kommandounternehmen in verlassenen Industrieanlagen geschaffen, aber seine ungebrochene Loyalität zu Marc und Tino trieb ihn immer wieder mitten hinein in den Schlamassel. „Meint ihr, die haben dort wenigstens eine Zapfanlage? Ich meine, rein theoretisch, falls die Verhandlungen mit dem Saboteur etwas länger dauern sollten“,
196 rief Rudi in die kühle Nacht. „Rudi, wir stürmen keinen Partykeller, sondern einen hochtechnisierten Stützpunkt des musikalischen Wahnsinns!“, fauchte Herr Filzstift, der penibel darauf achtete, jeden Schritt der Truppe in seinem kleinen Notizbuch festzuhalten. Der Polizist hielt die Taschenlampe so exakt, dass der Lichtkegel genau auf den Gehweg vor ihnen fiel. „Dienstvorschrift Paragraph vierzehn, Absatz drei: Nächtliche Operationen erfordern präzise Protokollierung.“ Frau Kurze, die direkt neben ihrem Kollegen marschierte und durch ihre kurze Frisur sowie ihre herrische Körpersprache bei manchen Betrunkenen immer noch als Herr durchging, schnaubte verächtlich. „Vergiss dein Protokoll, Filzi. Wenn dieser angebliche Mastermind dort drüben gleich die nächste Frequenzwelle zündet, können wir unsere Notizen auf Klopapier schreiben. Wir müssen schnell rein und den Laden dichtmachen.“ Hinter der Polizei liefen Dr. Melodie und Herbert, die sich in den letzten Stunden zu einer fast schon rührenden Zweckgemeinschaft zusammenrausraften. Der einstige Saboteur Dr. Melodie, dessen Musikwissenschaftler-Brille fast so dick war wie Marcs Geduldsfaden, justierte nervös seinen Schal. „Sie verstehen das nicht, meine Herren! Phase Sechs ist kein gewöhnlicher Streich. Es handelt sich um eine komplexe polyrhythmische Schleife, die das menschliche Kurzzeitgedächtnis auf den Takt von Wiener Walzern eicht!“ Herbert, der geläuterte Ex-Antagonist, der vor gar nicht allzu langer Zeit selbst noch versucht hatte, die Weltherrschaft über eine Jukebox zu übernehmen, schüttelte bedauernd den Kopf. „Ja, ja, der Mann hat recht. Ich sage Ihnen, gegen diese Walzer-Frequenzen hilft kein normaler Verstand mehr. Da hilft nur noch rohe Gewalt oder ein sehr, sehr starker Kaffee.“ Die Gruppe bog um eine letzte Straßenecke, und vor ihnen erhob sich schließlich das Ziel: Halle Nummer sieben im alten Industriepark. Ein riesiges, fensterloses Gebäude aus grauem Beton, dessen rostiges Rolltor leicht aufstand, während ein unheilvolles, pulsiertes blaues Licht durch den Spalt drang. Aus dem Inneren drang ein
197 dumpfes, rhythmisches Wummern, das eher an einen Techno-Club der übleren Sorte erinnerte, gepaart mit den schrillen Tönen einer misshandelten Tuba. Marc blieb abrupt stehen und hob eine Hand, woraufhin die gesamte Truppe sofort hinter ihm zum Stillstand kam. Seine Augen verengten sich hinter den Brillengläsern. Das war das Terrain, das er kannte. Kein gemütlicher Tresen, keine theoretischen Diskussionen, sondern ein klassischer Eingangsbereich, den es zu sichern galt. „Okay, Tino, du nimmst die Werkzeuge und suchst nach dem Hauptstromkabel. Filzi und Kurze sichern die Rückseite, falls die Ratten versuchen zu fliehen. Rudi, du bleibst bei Herbert und Dr. Melodie und passt auf, dass die beiden keine dummen Witze machen“, flüsterte Marc mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Und du, Marc?“, fragte Rudi mit zitternder Stimme. Marc knackte demonstrativ mit den Fingerknöcheln, dass es selbst im lauten Wummern der Halle zu hören war. „Ich gehe durch die Vordertür und klopfe mal höflich an.“ Ohne zu zögern, trat Marc vor das schwere, rostige Rolltor. Mit einem energischen Ruck schob er es beiseite, sodass es mit einem lauten Quietschen in den Schienen nach oben glitt. Der Blick in das Innere der Halle offenbarte ein absurdes Szenario: Überall standen riesige Lautsprechertürme, blinkende Mischpulte und Kabelverhau, mitten darin eine zentrale Konsole, an der eine gestalt in einem schwarzen Umhang stand und wild gestikulierend auf Knöpfe drückte. „Halt im Namen des Gesetzes und der musikalischen Ordnung!“, rief Frau Kurze sofort und zückte ihre Dienstwaffe, während Herr Filzstift bereits hektisch im Notizbuch blätterte, um den genauen Tatbestand einzutragen. Der Gestalt am Pult fuhr herum. Unter der Kapuze des Umhangs kam ein Gesicht zum Vorschein, das niemand aus der Truppe erwartet hätte: Es war Günther Krawall, der sich offenbar aus seinem vorübergehenden Gewahrsam oder einer listigen Finte befreit hatte und nun mit wildem Blick und Schaum vor dem Mund die Regler nach oben riss. „Zu spät! Ihr kommt alle zu spät!“, rief Krawall mit hysterischer Stimme. „Die Phase Sechs ist bereits im System! Die Stadt wird tanzen, ob sie will oder nicht!
198 Niemand hält die Polka-Techno-Synkope auf!“ Doch Krawall hatte die Rechnung ohne den ehemaligen Türsteher gemacht. Marc fackelte nicht lange. Mit ein paar schnellen, entschlossenen Schritten überbrückte er den Abstand zur Konsole. Krawall versuchte noch, sich mit einer Miniatur-Pfefferspraydose zu verteidigen, doch Marc griff im perfekten Moment zu, packte den Saboteur am Kragen des Umhangs und hob ihn mit einer Hand mühelos von den Füßen, als wäre er ein leichter Mantel auf einem Kleiderbügel. „Hör mal zu, Spezi“, knurrte Marc, während Krawall hilflos in der Luft strampelte. „In meiner Kneipe wird getanzt, wenn wir es wollen, und nicht, weil du hier den DJ für Arme spielst. Tino, mach das Ding aus!“ „Bin schon dabei!“, rief Tino, der blitzschnell zu den Hauptschaltschranksäulen geeilt war. Er riss eine Abdeckung herunter, holte einen massiven Seitenschneider aus seiner Werkzeugtasche und durchtrennte mit einem energischen Klick das dicke, rot-schwarze Hauptkabel. Mit einem lauten Zisch erstarben schlagartig alle Lautsprecher. Das dumpfe Wummern der Bassboxen verstummte, und auch die schrille Tuba gab ein letztes, klägliches Quietschen von sich, bevor sie endgültig schweigend in sich zusammenfiel. Das blaue Licht der Konsole flackerte ein einziges Mal wild auf und erlosch dann vollständig. Krawall ließ sich enttäuscht in Marcs Griff hängen. „Das… das war erst der Anfang…“, stöhnte er leise. Marc ließ ihn ungerührt auf den Betonboden sinken. „Ja, ja, erzähl das deiner Großmutter.“ Frau Kurze trat vor, klickte demonstrativ die Handschellen auf und zog den gefangenen Krawall hoch. „Günther Krawall, Sie sind hiermit erneut festgenommen wegen Störung der öffentlichen Ruhe, illegaler Frequenzmanipulation und schwerer musikalischer Körperverletzung.“ Herr Filzstift leuchtete mit der Taschenlampe auf das Notizbuch und nickte zufrieden. „Sehr gut, Frau Kurze. Das gibt mindestens drei Jahre Entzug der DJ-Lizenz.“ Die gesamte Gruppe atmete hörbar auf. Rudi wischte sich den Schweiß von der Stirn und lehnte sich an die nächstbeste Lautsprecherbox. „Gott sei Dank. Ich dachte schon,
199 wir müssten die Nacht im Stehen verbringen.“ Dr. Melodie und Herbert nickten anerkennend. „Eine mustergültige Intervention“, lobte der Musikwissenschaftler und richtete seine Brille. „Man muss Ihnen lassen, Herr Marc, Ihre physische Durchsetzungskraft hat etwas… geradezu Sinfonisches.“ Marc brummte nur zustimmend und zog die Jacke glatt. „Sinfonie hin oder her. Jetzt will ich nur noch eins: zurück ins FlowerPower, ein kühles Bier und meine wohlverdiente Ruhe.“ Er wandte sich zum Gehen ab, während Tino und die Polizisten den gefangenen Krawall abtransportierten. Doch just in dem Moment, als die Gruppe sich erleichtert in Richtung des geöffneten Rolltors wandte, passierte es. Aus der Jackentasche von Herbert – der den Mantel mit den angeblichen Resten der Ausrüstung noch trug – ertönte plötzlich ein scharfes, mechanisches Klicken. Kurz darauf begann der kleine, violette USB-Stick, den Marc vorhin weggesteckt hatte, in Marcs eigener Tasche nicht nur zu blinken, sondern in einem schrillen, hellen Ton zu piepen. Auf dem kleinen Display des Geräts, das bisher unsichtbar geblieben war, leuchtete in grellen, blutroten Lettern ein einziger, unmissverständlicher Satz auf: INITIALISIERE PHASE SIEBEN: DER GROSSE CHOR. Marc blieb wie vom Donner gerührt stehen. Seine Augen hinter den Brillengläsern weiteten sich. Er griff in die Tasche, zog den Stick heraus und starrte auf das Display, während im Hintergrund der leerstehende Industriepark plötzlich von den ersten, fernen Tönen eines tonalen gregorianischen Chors erfüllt wurde, der leise aus einem unsichtbaren Lautsprecher in den Deckenbalken zu schwellen begann. Tino drehte sich langsam um, sah den blinkenden Stick in Marcs Hand und stöhnte leise auf. „Marc… sag mir bitte, dass das nur der Wecker von deinem Handy ist.“ Marc schüttelte langsam den Kopf, während sich das leise Summen des Chors zu einer bedrohlichen, gewaltigen Klangwand steigerte, die durch die Betonwände hallte. „Vergiss es, Tino“, brummte er mit tiefer, resignierter Stimme, während er die Brille auf der Nase zurechtrückte und den Blick in die dunkle Ecke der Halle richtete. „Der Abend fängt ja erst an.“