MARC GESCHICHTEN A5 FINAL Druckfassung 2

MARC-GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG by Marc-Henrik Wache

Copyright © 2026 Marc-Henrik Wache All rights reserved. No part of this book may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted in any form without written permission from the author. This is a work of fiction. Names, characters, places, and incidents either are products of the author's imagination or are used fictitiously.

INHALT 8Der Igel-Verschwörung auf der Spur 13Das Rascheln im Dickicht 17Stürmischer Empfang auf vier Pfoten 21Ein Abend ohne Hunde 27Der stürmische Weckruf 31Stachelige Abwege und Postbotenpech 36Das Erwachen vor dem Licht 40Zwischen Mehl und Uniform 44Der Flügelschlag des Morgens 48Duft von Kaffee und Geborgenheit 52Der König im Bademantel 57Hunger nach dem Chaos 62Der Tanz der Lebensfreude 66Stille nach dem Pansen-Debakel 70Der biologische Wecker 74Besuch aus dem Nichts 78Sturm an der Tür 83Schatten an der Tür

5 88Besuch hinter der Tür 93Das Summen hinter dem Glas 97Besuch aus dem Äther 101Das Paket, das piept 105Zimtschnecken im Lavendelnebel 110Der heldenhafte Einsatz 113Das Geheimnis im Karton 119Das orangefarbene Ungeheuer 124Bagger, Bellos und Baupläne 129Besuch aus schwerem Metall 133Das metallische Klacken 139Krieg der Drohnen und Schaufeln 143Das Konzert des Chaos 149Das Auge am Himmel 153Das unheimliche Klicken der Garage 159Summender Besuch aus der Luft 163Das Poltern im Wohnzimmer 168Der singende Bruchpilot 172Schlachtfeld im Vorgarten

6 177Besuch aus dem Sektor 181Der fliegende Höllen-Karton 186Rauchzeichen und roter Alarm 191Kratzen an der Glasfront 196Surren über der Veranda 201Rhythmus der fremden Tür 206Laserpunkt und Käsebrot 211Zimtschnecken und fliegende Blecheimer 215Besuch aus dem Chaos 220Frequenzen aus dem Keller 225Marschmusik und defekte Technik 230Der radioaktive Kaugummi 234Marschbefehl für den Kühlschrank 239Besuch aus dem Äther 243Das Echo des Kellers 248Störung im Funkverkehr 252Das Scheppern der Anomalie 257Kosmisches Zischen im Vorgarten 262Das Klappern der Geister 267Das Surren der Anomalie

7 272Besuch an der Terrassentür 278Streifenfreier Einbruch mit Etikette 283Besuch mit Krümelgarantie

8 KAPITEL I Der Igel-Verschwörung auf der Spur Der Morgen begann mit einem Desaster, das exakt um sechs Uhr und vierzehn Minuten seinen Lauf nahm, als Marc versuchte, elegant aus dem Bett zu gleiten, stattdessen aber über einen strategisch günstig im Dunkeln platzierten Quietsche-Igel stolperte. Mit einem unglaublichen Keuchen landete er bäuchlings auf dem flauschigen Teppich, während der Igel unter seinem linken Rippenbogen ein herzergreifendes, schrilles Quieken von sich gab. Anke schlug augenblicklich die Augen auf, musterte ihren am Boden liegenden Freund mit einer Mischung aus mütterlicher Fürsorge und purer Belustigung und gähnte herzhaft. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte sie mit melodischer Stimme. „Ich sehe, du hast bereits beschlossen, die Bodenhaftung zu testen. Sehr bodenständig von dir.“ „Sehr witzig“, murmelte Marc, während er sich mühsam aufrappelte und dabei versuchte Würde zu bewahren, was angesichts seines Schlafanzugs mit den kleinen, aufgedruckten Bananen eine schier unlösbare Aufgabe war. „Dieser Igel hat eine Verschwörung gegen mich initiiert. Da bin ich mir absolut sicher. Er lauert im Schatten.“ Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, öffnete sich die Schlafzimmertür mit einem lauten Quietschen, und eine Lawine aus reinem, ungezügeltem Lebenswillen stürmte in den Raum. Voran preschte Curso, der treue, aber geistig oft leicht überforderte Mischlingshund, dessen Beine in drei verschiedene Richtungen gleichzeitig zu galoppieren schienen. Hinter ihm folgte Flower, die majestätische Deutsche Schäferhündin, deren Gangart zwar kontrollierter wirkte, deren Enthusiasmus für den morgendlichen Weckdienst jedoch keineswegs geringer ausfiel. Curso, dessen Hauptlebensziel scheinbar darin bestand, die Gesetze der Schwerkraft regelmäßig

9 neu zu definieren, schoss direkt auf das Bett zu, verfehlte die Kante um exakt zwanzig Zentimeter, glitt auf dem Parkett aus und schlitterte in Marc hinein, der gerade wieder auf die Beine gekommen war. Beide, Mensch und Hund, gingen in einer epischen, epochenübergreifenden Umarmung zu Boden. „Na toll“, stöhnte Marc, während Curso ihm enthusiastisch das Gesicht ableckte. „Guten Morgen auch an dich, du kleiner Raufbold. Hast du etwa wieder geträumt, dass du eine Gazelle jagst?“ Flower setzte sich derweil ruhig neben das Chaos, legte den Kopf schief und beobachtete die Szenerie mit dem distanzierten Stolz einer Aristokratin, die den Plebejern bei ihren alltäglichen Fehltritten zusieht. Ihr Blick schien zu sagen: *Musst du denn immer so ein Drama veranstalten, Marc? Ein einfacher Kaffee hätte es auch getan.* Anke lachte laut auf, schwang die Beine aus dem Bett und strich sich durch die Haare. „Komm, steh auf, du großer Held. Die Hunde müssen raus, und ich brauche dringend Koffein, bevor mein Gehirn den Betrieb aufnimmt. Und übrigens, der Igel war gestern deine Idee, du fandest ihn süß.“ „Er sah im Laden harmlos aus“, verteidigte sich Marc, während er Curso sanft von seiner Brust schob und sich aufrichtete. „Niemand hat mich vor den psychologischen Nachwirkungen gewarnt.“ Fünf Minuten später befand sich das Quartett im Flur, wo das allmorgendliche Ritual des Leinenanlegens stattfand. Dieses Ritual glich traditionell eher einer Verhandlung auf höchster Ebene als einem schlichten Handgriff. Curso sprang im Kreis wie ein von der Tarantel gestochener Flummi, während Flower sich diszipliniert hinsetzte, allerdings mit einer Geduld, die so dick aufgetragen war, dass sie fast schon Vorwürfe enthielt. „Sitz, Curso! Nein, nicht drehen. Sitz!“, rief Marc, während er versuchte, den Mischlingshund in eine fotogene Ruheposition zu manövrieren. „Du musst ihn mit einem Leckerli bestechen, Marc, das weißt du doch“, rief Anke aus der Küche, wo sie bereits den Wasserkocher einschaltete. „Ohne Bestechung läuft bei diesem

10 Hund gar nichts. Er hat kapitalistische Züge.“ Schließlich gelang es Marc, beide Hunde anzuleinen, und die kleine Familie betrat die morgendliche Frische der Nachbarschaft. Die Luft war klar, und die Vögel zwitscherten in den Bäumen, als hätte die Welt keinerlei Sorgen. Doch diese idyllische Illusion hielt genau so lange, bis Curso beschloss, dass ein herannahender Postbote das wichtigste Ereignis des laufenden Jahrzehnts darstellte. Mit einem überraschten Keuchen riss der Mischlingshund an der Leine, und Marc, der für einen kurzen Moment unaufmerksam gewesen war und stattdessen Anke zuzwinkern wollte, wurde wie ein Wasserskifahrer über den asphaltierten Gehweg gezogen. „Hoppla!“, rief Marc, während seine Füße den Kontakt zum Boden verloren und er eine beeindruckende, wenngleich unfreiwillige Rutschpartie hinlegte. „Curso, halt! Wir haben keinen Termin beim Postboten! Wir kennen ihn nicht mal richtig!“ Der Postbote, ein freundlicher älterer Herr namens Herr Matuschke, blieb seelenruhig stehen, hob grüßend die Hand und lächelte. „Guten Morgen, Herr Müller! Schöner Hund, sehr dynamisch heute wieder. Haben Sie etwa beschlossen, die Jogging-Runde auf den Boden zu verlegen?“ „Guten Morgen, Herr Matuschke!“, presste Marc hervor, während er versuchte, sich auf allen vieren wieder aufzurichten. „Curso wollte nur sichergehen, dass Sie auch pünktlich Ihre Briefe austragen. Höchste Effizienz hier im Viertel!“ Flower hatte sich derweil mustergültig neben Anke hingesetzt, beobachtete das Spektakel mit einer stoischen Ruhe und schien sich insgeheim zu fragen, warum sie eigentlich mit solch peinlichen Individuen spazieren ging. Anke schüttelte den Kopf, musste sich aber das Lachen verkneifen, während sie ihrem Freund aufhalf. „Alles gut bei dir, mein Akrobat?“, fragte sie und klopfte ihm behutsam ein paar trockene Blätter von der Jacke. „Du machst heute echt keine halben Sachen. Erst der Igel, jetzt die Bodenwelle.“ „Ich bin einfach ein sehr aktiver Mensch“, erwiderte Marc mit gespielt stolzer Miene. „Man muss den Hunden ja schließlich zeigen, wie man sportlich bleibt. Wer

11 braucht schon ein Fitnessstudio, wenn man Curso hat?“ Der Spaziergang führte sie weiter in den örtlichen Park, wo die Sonne nun endgültig über den Baumwipfeln stand und die Wiesen in ein goldenes Licht tauchte. Die Hunde wurden von der Leine gelassen, was sofort zu einer Explosion reiner Lebensfreude führte. Curso schoss los, als gäbe es kein Morgen, drehte kreisrund um drei Bäume und landete schließlich bäuchlings im nassen Gras, während Flower in einem eleganten, kontrollierten Trab hinterherlief, um nach dem Rechten zu sehen. Marc und Anke nutzten den Moment der relativen Ruhe, um sich auf eine der hölzernen Bänke zu setzen, die den Weg säumten. Anke lehnte sich an Marcs Schulter, während er seinen Arm um sie legte. Die kühle Morgenluft roch nach feuchter Erde und Herbstlaub. „Weißt du“, sagte Anke leise und lächelte, während sie den Hunden zusah, wie sie nun gemeinsam versuchten, einen besonders hartnäckigen Schmetterling zu fangen, der sich von dem Trubel völlig unbeeindruckt zeigte, „trotz des Chaos mit dem Igel und dem Postboten... ich liebe unsere morgendlichen Runden.“ „Weil du es liebst, mich stolpern zu sehen?“, fragte Marc mit einem schmunzelnden Blick zu ihr. „Auch das“, gab Anke unumwunden zu. „Aber hauptsächlich, weil es mit dir einfach nie langweilig wird. Du bringst mich selbst dann zum Lachen, wenn ich eigentlich noch im Halbschlaf bin.“ Marc zog sie etwas näher an sich heran. „Das ist schließlich meine heilige Pflicht als dein persönlicher Hofnarr. Und außerdem sorgt Curso zuverlässig dafür, dass wir unsere tägliche Dosis Herzinfarkt bekommen, damit der Kreislauf in Schwung kommt.“ Plötzlich spitzte Flower die Ohren. Die Schäferhündin blieb wie vom Blitz getroffen stehen, starrte intensiv in ein nahegelegenes Gebüsch und stoß ein leises, warnendes Knurren aus. Curso, der bisher mit dem Schmetterling beschäftigt gewesen war, stoppte abrupt, stolperte über seine eigenen Pfoten und landete direkt neben Flower im Unterholz. „Was ist denn da los?“, flüsterte Marc und setzte sich kerzengerade hin. „Nicht schon wieder eine Katze, die meint, sie

12 müsste unsere Autorität untergraben.“ Anke kniff die Augen zusammen. „Warte mal... hörst du das?“ Aus dem Gebüsch erklang ein eigenartiges, rhythmisches Rascheln, gefolgt von einem leisen, empörten Schnauben, das so gar nicht zu einer Katze passen wollte. Marc und Anke tauschten einen vielsagenden Blick aus, während die Hunde nun beide laut und vernehmlich zu bellen begannen – und das Abenteuer des heutigen Tages damit eine völlig unerwartete Wendung nahm.

13 KAPITEL II Das Rascheln im Dickicht Das rhythmische Rascheln im Gebüsch hörte sich keineswegs nach einer harmlosen Waldmaus an, sondern vielmehr wie ein wütender Laubbläser auf Entzug. Marc hielt den Atem an, während Curso an der Leine zerrte, als gälte es, den Weltrekord im Schlittenhunderennen zu brechen. Flower hingegen blieb stoisch, setzte ein professionelles Gesicht auf und musterte das grüne Dickicht mit der skeptischen Miene einer strengen Oberstudienrätin. „Anke, hast du das gehört?“, flüsterte Marc und trat einen Schritt zurück, wobei er fast wieder über die Flexileine stolperte. „Das klingt, als würde dort drin ein kleiner Yeti sein Frühstück kauen.“ Anke verschränkte die Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue hoch. „Ein Yeti im Stadtpark, Marc? Sehr plausibel. Wahrscheinlich hat er seine Skier im Geräteschuppen der Stadtgärtnerei vergessen. Reiß dich zusammen. Du arbeitest beim Werkschutz, du hast mit gefährlichen Gestalten zu tun.“ „Ja, aber die kommen normalerweise durch die Vordertür und versuchen, alte Paletten zu klauen, nicht durch das Unterholz“, gab Marc zu Bedenken, während er Curso, der mittlerweile beschlossen hatte, auf zwei Beinen zu stehen und zu dirigieren, mit sanfter Gewalt zurückzuhalten versuchte. „Außerdem trage ich heute Turnschuhe mit unzureichendem Profil. Sollte das Vieh angreifen, bin ich verdammt noch mal nicht trittsicher.“ Bevor Anke auf diese logistische Meisterleistung eingehen konnte, bewegten sich die Zweige des Busches gewaltsam zur Seite. Ein Kopf schoss hervor. Es war kein Yeti, kein Bär und auch kein entlaufener Pandabär aus dem Zoo. Es war Herr Matuschke, der örtliche Postbote, der sich offenbar in den Brombeerhecken verirrt hatte. Seine Uniformmütze hing schief auf dem Kopf, im grauen Haar verfing sich ein einsames Eichenblatt, und in der Hand hielt er krampfhaft ein gelbes Päckchen. „Morgen!“, rief Herr Matuschke schwer atmend und versuchte, sich mit der

14 freien Hand einen Ast aus dem Gesicht zu streifen. „Haben Sie zufällig einen Enteisungsspray oder eine Machete dabei? Mein Navigationsgerät hat mich in diesen botanischen Albtraum gelotst, weil die Brücke gesperrt ist.“ Marc starrte den Postboten an, während Curso augenblicklich das Bellen einstellte und stattdessen anfing, freudig mit dem Schwanz zu wedeln, als hätte er gerade einen langjährigen Brieffreund wiedergetroffen. Flower schnüffelte einmal kurz an Herrn Matuschkes nassem Schuh und wandte sich dann mit sichtlicher Enttäuschung ab; kein verdächtiger Geruch nach Schinken oder Diebesgut. „Herr Matuschke?“, stieß Anke hervor, während sie sich ein Lachen mühsam verkniff. „Was machen Sie denn im Gebüsch? Wir dachten schon, hier treibt sich ein Monster herum.“ „Monster? Gnädige Frau, ich bin Postbote in diesem Bezirk, ich sehe jeden Tag Monster, wenn ich die Werbebroschüren für die Matratzen- Discount-Eröffnung austrage“, schnaufte Herr Matuschke und kämpfte sich endgültig aus dem Gestrüpp frei. Er trat auf den Weg und strich seine Hose glatt. „Ich habe versucht, eine Abkürzung zu nehmen, um Ihnen dieses Einschreiben zuzustellen, weil ich dachte, Sie warten schon sehnsüchtig darauf.“ Er hielt Marc das Päckchen hin. Marc nahm es entgegen, den Blick noch immer leicht verwirrt zwischen dem Postboten und der Hecke hin und her wandern lassend. „Einschreiben? Um acht Uhr morgens im Park? Müssen Sie nicht eigentlich Briefkästen leeren?“ „Normalerweise schon“, erwiderte Herr Matuschke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Aber der Automat am Kiosk hat gestreikt, und Ihr Name stand ganz oben auf meiner Liste. Außerdem schulden Sie mir theoretisch eine Tasse Kaffee, weil Ihre Hunde mich gerade fast in den Wahnsinn getrieben haben. Oder besser gesagt, der Kleine da.“ Er deutete mit dem Kinn auf Curso, der den Postboten nun anhimmelte, als wäre er der Erfinder der Leberwurst. Anke lachte hell auf und trat näher. „Na gut, Herr Matuschke. Wenn Sie es bis hierher durch den Dschungel geschafft haben, dann sind Sie offiziell eingeladen, mit uns zur Bäckerei zu laufen.

15 Ich muss ohnehin gleich aufschließen, und ich glaube, eine frische Tasse Kaffee ist das Mindeste, was wir für Ihren heldenhaften Einsatz im Unterholz tun können.“ „Ein Angebot, das ich unmöglich ausschlagen kann“, sagte Herr Matuschke und setzte sein professionellstes Lächeln auf, auch wenn ein kleiner Kratzer auf seiner Wange zeugte, dass der Busch ihm den Vormarsch nicht leicht gemacht hatte. Die kleine Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. Marc ging voraus, das Päckchen unter den Arm geklemmt, während Curso und Flower im perfekten Gleichschritt – naja, zumindest versuchte Curso es – an ihrer Seite trabten. Anke und Herr Matuschke unterhielten sich angeregt über die Tücken des morgendlichen Berufsverkehrs und die kreativen Verstecke, die sich Hundebesitzer für ihre Vierbeiner ausdachten. Als sie kurz darauf die Straße erreichten, an deren Ende Ankes Arbeitsplatz lag, duftete es bereits herrlich nach frisch gebackenen Brötchen. Der Duft von geschmolzener Butter, Hefe und zuckrigen Teilchen lag schwer und einladend in der Luft. Curso setzte sich sofort vor die Eingangstür der Bäckerei, machte einen Sitz und gab einen leisen, erwartungsvollen Laut von sich. Er wusste genau, dass die Bäckereiverkäuferin hinter dieser Tür arbeitete, und er wusste ebenso genau, dass dort gelegentlich ein winziges Stück Brötchenkruste für besonders brave Hunde abfiel. „Du bist heute verdammt berechenbar, mein Freund“, brummte Marc und band Curso an dem stabilen Fahrradständer vor dem Laden an. Flower setzte sich daneben, legte elegant die Pfoten übereinander und beobachtete die Passanten mit der kühlen Distanziertheit einer Diva, die wusste, dass sie wunderschön war. Anke schloss die Tür auf, und ein warmer Luftzug strömte ihnen entgegen. Herr Matuschke folgte ihr direkt an die Theke, wo er sich dankbar auf einen der Barhocker fallen ließ. „Das ist wahrlich ein Ort der Zivilisation“, seufzte er, während Anke bereits eine große Tasse Kaffee einschenkte und ihm einen Teller mit einem noch warmen Croissant hinstellte.

16 „Hier, für die Rettung des Morgens“, sagte sie charmant lächelnd. „Und keine Sorge, im Laden gibt es keine Büsche, in denen sich Postboten verfangen können.“ Marc lehnte sich an die Theke, trank ebenfalls einen Schluck Kaffee und sah zu, wie Anke routiniert die ersten Brötchen in die Auslage sortierte. Ihre Bewegungen waren sicher, schnell und voller Anmut – ein kompletter Gegenentwurf zu seiner eigenen Tollpatschigkeit am frühen Morgen. Er schmunzelte. Trotz des holprigen Starts mit dem umgeworfenen Napf, dem verunglückten Spaziergang und der dramatischen Begegnung mit dem Postboten im Unterholz war dieser Tag auf seine ganz eigene Art perfekt angelaufen. „Sag mal, Marc“, wandte sich Anke plötzlich an ihn, während sie mit der Zange ein Schokoteilchen platzierte. „Was steht eigentlich in diesem mysteriösen Päckchen, das Herr Matuschke unter Einsatz seines Lebens aus dem Gebüsch geborgen hat?“ Marc blickte auf das kleine, gelbe Paket, das er auf der Theke abgestellt hatte. Er hatte es im Trubel völlig vergessen. „Stimmt“, murmelte er. „Das habe ich ganz vergessen.“ Er zog ein kleines Taschenmesser aus seiner Arbeitshose, schnitt das Klebeband auf und zog einen flachen, quadratischen Karton hervor. Herr Matuschke lehnte sich neugierig vor, und selbst Flower, die draußen saß, drückte ihre Nase so fest gegen die Glasscheibe, dass ein runder, feuchter Abdruck entstand. Marc öffnete den Deckel und zog ein schweres, in Luftpolsterfolie gewickeltes Objekt heraus. Er wickelte es aus, und zum Vorschein kam ein glänzendes, metallisches Etwas, das verdächtig nach einem hochentwickelten GPS-Tracker aussah. Dazu lag ein Zettel im Karton. Anke las laut vor: „‚Für Marc, damit du beim Gassigehen im Stadtpark nie wieder die Orientierung verlierst und deine Freundin nicht um den Verstand bringst. Herzliche Grüße, deine Schwiegermutter in spe.‘“ Dankbare Stille trat in der Bäckerei ein. Herr Matuschke verschluckte sich fast an seinem Croissant, während Anke die Hände vor das Gesicht schlug und laut losprustete. Marc starrte das Gerät an und überlegte ernsthaft, ob er es direkt an Curso oder an sich selbst festmachen sollte.

17 KAPITEL III Stürmischer Empfang auf vier Pfoten Der Feierabend beim Werkschutz glich für Marc für gewöhnlich einem langsamen Übergang von hochkonzentrierter Wachsamkeit zu absoluter Entspannung. Doch heute, nach einer besonders langen Schicht, in der er den Verlust eines wichtigen Sicherheitsschlüssels hatte beklagen müssen, der sich letztlich nur in seiner eigenen Manteltasche befand, sehnte er sich nach nichts mehr als nach einer warmen Dusche und dem heimischen Sofa. Seine schweren Dienstschuhe drückten ein wenig, und der GPS-Tracker, den ihm Ankes Mutter geschickt hatte und den er heute vorsichtshalber in seiner Jackentasche mitführte, schien im Takt seines Herzschlags zu vibrieren. Als er endlich den Vorort erreichte und die vertraute Haustür aufschloss, wusste er noch nicht, dass seine friedliche Heimkehr eine schlagartige Kollision mit dem puren, vierbeinigen Wahnsinn werden würde. Kaum fiel das Schloss ins Loch und Marc betrat den Flur, brach im Inneren des Hauses ein orkanartiger Lärm los. Ein markerschütterndes Bellen, gefolgt von kratzenden Pfoten auf dem Parkett, kündigte das Unheil an. Ehe Marc überhaupt dazu kam, seine Jacke aufzuhängen oder auch nur ein zaghaftes „Hallo“ über die Lippen zu bringen, flog die Wohnungstür zum Flur weit auf. Flower, die stolze Deutsche Schäferhündin, schoss zuerst hervor, dicht gefolgt von Curso, dem übermischt-überenthusiastischen Mischlingshund. Die beiden Tiere hatten offenbar jede Hemmschwelle abgelegt und sahen in Marc keinen zurückkehrenden Partner, sondern eine Mischung aus verlorener Beute, einem lang vermissten Rudelführer und einer wandelbaren Kletterwand. „Hey, Moment mal, langsam, ihr beiden!“, rief Marc aus, der sofort in die Defensive geriet. Doch es war bereits zu spät. Flower, die mit ihren gut dreißig Kilo pure Muskelmasse und

18 grenzenloser Zuneigung ausgestattet war, sprang ihn direkt an der Brust an. Ihr massiver Kopf stieß gegen sein Kinn, was Marc unweigerlich einen überraschten Laut entlockte. Im selben Bruchteil einer Sekunde schoss Curso von unten heran, verhedderte sich mit seinen vier unkoordinierten Beinen in Marcs Schnürsenkeln und zog mit einer derart brachialen Hebelwirkung an dessen rechtem Bein, dass die physikalischen Gesetze keine andere Wahl ließen. Die Welt drehte sich für Marc in Zeitlupe. Er versuchte noch, nach der Garderobe zu greifen, doch seine Hand griff ins Leere. Mit einem dumpfen, aber eindrucksvollen Geräusch landete er flach auf dem Rücken im Flur. Flower nutzte den Bodenkontakt ihres Herrchens sofort als strategisch günstige Ausgangsposition und setzte sich mit ihrem gesamten Gewicht auf Marcs Bauch, während sie ihm enthusiastisch das Gesicht ableckte. Curso, der das Ganze als gemeinschaftliches Ringkampf-Event missverstand, rannte im Kreis über Marcs Beine, verlor erneut den Halt und prasselte direkt auf Fleurs Rücken, weshalb nun auch die Deutsche Schäferhündin ins Schlingern geriet und sich quer über Marcs Brustkorb legte. „Luft… ich brauche Sauerstoff…“, keuchte Marc, während er unter dem pelzigen Berg begraben lag. Seine Arme waren ausgebreitet wie bei einem schiffbrüchigen Seemann, und der schwere Atem von Flower strömte direkt in sein Ohr, während Curso versuchte, Marcs Brille abzulecken, die leicht schief auf seiner Nase saß. Aus dieser tiefen, geradezu demütigenden Perspektive vom Fußboden des Flurs aus sah die Welt reichlich grau aus – beziehungsweise braun-schwarz, je nachdem, welcher Hundehaarbüschel ihm gerade die Sicht versperrte. In genau diesem Moment öffnete sich die Tür zur Küche, und Anke trat in den Flur. Sie trug noch ihre weiße Schürze von der Arbeit in der Bäckerei, und in ihrer Hand hielt sie einen Kochlöffel, den sie vermutlich gerade zum Umrühren einer Sauce gebraucht hatte. Als sie den Blick auf den Flur richtete, blieb sie wie angewurzelt stehen. Marc lag flach auf dem Rücken, eingeklemmt zwischen zwei übermütigen Hunden, die gerade dabei waren, ihren

19 Besitzer mit Schlecktupfern zu überschütten und ihn im Grunde seines Herzens zu begraben. Marc starrte sie mit einem Blick an, der irgendwo zwischen heroischem Leiden und absolutem Erstaunen lag. Anke hielt inne. Ihre Schultern begannen leicht zu zucken. Dann entfuhr ihr ein leises, ungläubiges Keuchen, dem sofort ein schallendes, herzhaftes Lachen folgte. Sie lehnte sich an den Türrahmen, weil ihre Beine sie augenscheinlich nicht mehr trugen, und lachte so laut, dass die Hunde kurz von ihrem Opfer abließen, um sie verwundert anzusehen. „Oh, Marc!“, prustete Anke hervor, während sie sich eine Träne der Heiterkeit aus dem Augenwinkel wischte. „Ich sehe, du hast einen sehr… temperamentvollen Empfang bekommen. Soll ich dir helfen, oder machst du gerade Bodenübungen für den Werkschutz?“ Marc schnaufte tief aus und versuchte, Flower sanft zur Seite zu schieben, was die Hündin jedoch lediglich als Aufforderung verstand, sich noch dichter an ihn zu kuscheln. „Sehr witzig, Schatz“, presste Marc hervor, während Curso fröhlich mit dem Schwanz auf dem Laminat trommelte. „Dein Sinn für Humor ist phänomenal. Könntest du vielleicht diesen pelzigen Lastwagen von meiner Brust nehmen, bevor mein Brustkorb kapituliert?“ Anke lachte noch immer, trat dann aber grinsend näher heran. Sie kniete sich neben das Chaos auf den Boden, tätschelte Flower liebevoll den Kopf und zog Curso am Halsband weg, sodass Marc endlich wieder frei atmen konnte. Langsam und unter anhaltendem Stöhnen setzte Marc sich auf, strich sich die Haare aus der Stirn und musterte seine Freundin, die sich nun über ihn beugte und ihm einen Kuss auf die Wange drückte, der verdächtig nach Mehl und frischem Teig schmeckte. „Willkommen zu Hause, Liebling“, sagte Anke mit einem warmen, liebevollen Lächeln, auch wenn ihre Augen noch vor Lachen glänzten. „Der Alltag hat uns wieder.“ Marc atmete tief durch, richtete seine Brille und blickte an sich herab, wo sich bereits eine dicke Schicht Hundehaare auf seiner Werkschutzuniform abgesetzt hatte.

20 Er griff in seine Manteltasche, zog den GPS-Tracker hervor, der durch das Gerangel unversehrt geblieben war, und hielt ihn Anke hin. „Ich glaube“, murmelte Marc trocken, während Curso ihm erneut freudig die Hand ableckte, „wir müssen das Gerät doch nicht bei Curso anbringen. Ich war heute derjenige, der sich auf dem Heimweg verirrt hat – direkt in eine Hunde-Lawine.“ Anke kicherte erneut und half ihm schließlich auf die Beine, während die beiden Hunde bereits wieder zum Wohnzimmer trotteten, als wäre absolut nichts geschehen. Die chaotische Harmonie dieses Haushalts war einfach unschlagbar, und Marc wusste trotz des schmerzhaften Aufpralls ganz genau, dass er gegen kein anderes Leben auf der Welt tauschen wollen würde.

21 KAPITEL IV Ein Abend ohne Hunde Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Backwaren hing noch leise in den Klamotten, doch für den heutigen Abend hatten Anke und Marc beschlossen, die heimische Küche kalt zu lassen und sich stattdessen etwas ganz Besonderes zu gönnen. Nach all dem morgendlichen Chaos mit den Hunden, dem verlorenen Postboten Herrn Matuschke und Marcs fast schon akrobatischen Stürzen über das Hundespielzeug hatten sie sich einen romantischen Abend redlich verdient. Curso und Flower blieben schweren Herzens zu Hause, wo sie vermutlich in trauter Eintracht das Sofa in Beschlag nehmen würden, während ihre Menschen sich in schickere Gewänder warfen. Marc hatte sich in sein bestes Hemd gezwängt, das an den Schultern verdächtig spannte – was er selbstverständlich auf den intensiven Muskelaufbau durch seinen Beruf beim Werkschutz schob und keineswegs auf den sonstägigen Kuchenkonsum in Ankes Bäckerei. Anke sah in ihrem roten Kleid schlicht umwerfend aus, was Marc mit einem bewundernden Pfiff quittierte, der ihm prompt einen spielerischen Klaps auf die Brust einbrachte. Ihr Ziel für diesen Abend war das traditionsreiche Steakhaus „Zum goldenen Rindersteak“, ein Ort, der für seine rustikale Gemütlichkeit und gleichzeitig für exzellente Fleischgerichte bekannt war. Schon beim Betreten des Lokals wurden sie von einer warmen, einladenden Atmosphäre aus dunklem Holz, sanftem Kerzenschein und dem unwiderstehlichen Duft von gebratenem Beef empfangen. Ein kellnernder junger Mann mit tadellosem Seitenschnitt und einer steifen Fliege begrüßte die beiden mit tiefer Verbeugung. „Guten Abend der Herr, guten Abend die Dame. Haben Sie eine Reservierung?“, fragte der Kellner mit einer Höflichkeit, die fast schon ein wenig einschüchternd wirkte. „Ja, auf den Namen Marc“, antwortete Marc und lächelte charmant, während er versuchte, gleichzeitig den Bauch einzuziehen und galant neben

22 Anke zu stehen. Der Kellner warf einen kurzen Blick in sein digitales Buch und nickte zufrieden. „Ah, Herr und Frau... beziehungsweise Herr Marc und Begleitung. Folgen Sie mir bitte. Ich habe den perfekten Tisch für Sie vorbereitet. Sehr privat, sehr romantisch.“ Er führte die beiden durch den gut gefüllten Gastraum in eine lauschige Nische, die von einer dekorativen Grünpflanze vom Rest des Raumes abgeschirmt wurde. Auf dem Tisch flackerte bereits eine rote Stumpenkerze in einem Glas, und eine dezente Jazzmusik untermalte das leise Stimmengewirr der anderen Gäste. Anke setzte sich und strich ihr Kleid glatt, während Marc ihr ritterlich den Stuhl heranschob – ein Manöver, das dadurch leicht erschwert wurde, dass der Stuhl schwerer war als erwartet und Marc ihn fast in die Kniekehle der Bedienung gerammt hätte. Mit einem geübten Ausfallschritt rettete er die Situation und tat so, als wolle er lediglich seine Beine lockern. Anke kicherte leise. „Du bist heute Abend aber besonders gelenkig, Liebling“, flüsterte sie mit einem funkelnden Blick in den Augen, während sie die Speisekarten aufschlugen. „Werkschutz bedeutet eben ständige Wachsamkeit und körperliche Präsenz“, erwiderte Marc trocken und schlug die Karte auf, um dem drohenden Lachanfall seiner Freundin zu entgehen. Die Speisekarte bot eine beeindruckende Auswahl an Spezialitäten, und die Entscheidung fiel den beiden hungrigen Seelen dementsprechend schwer. Nach eingehender Beratung und dem Austausch von appetitanregenden Blicken entschieden sie sich für eine große Fleischplatte für zwei Personen, inklusive zweier gigantischer Rumpsteaks, Ofenkartoffeln mit Kräuterquark und einer bunten Salatbar. Dazu bestellten sie einen kräftigen Rotwein, der laut Karte perfekt mit dem gebratenen Fleisch harmonieren sollte. Als der Kellner kurz darauf mit dem Wein an den Tisch trat, um die obligatorische Kostprobe einzuschenken, vollzog sich ein kleiner Moment der gehobenen Gastronomiekomik. Marc wollte sich als wahrer Connaisseur präsentieren, nahm das Glas entgegen, schwenkte den roten Inhalt mit einer weltmännischen

23 Handbewegung, roch kurz daran und nickte bedächtig. „Sehr ausgewogen. Ein Hauch von Beeren, gepaart mit einer leichten Note von... äh... Traube“, stellte Marc fachmännisch fest. Der Kellner lächelte dünn. „Es ist reiner Merlot, der Herr.“ „Genau das meinte ich“, entgegnete Marc völlig ungerührt, während Anke sich hinter ihrer Speisekarte versteckte, um ihr lautes Lachen zu unterdrücken. Der Kellner schenkte die Gläser voll, wünschte einen angenehmen Abend und zog sich dezent zurück. „Du und der Wein“, schmunzelte Anke, als sie mit ihrem Glas anstoßen. „Du bleibst eben durch und durch ein Mann fürs Grobe, mein Schatz. Aber ich liebe dich genau dafür.“ „Ich bin ein Mann von Welt, Anke. Ein Mann von Welt, der tagsüber Tore bewacht und abends mit seiner wunderschönen Freundin im Steakhaus sitzt“, gab Marc charmant zurück und nahm einen tiefen Schluck von dem Merlot, der tatsächlich hervorragend schmeckte. Die Vorspeise – ein knackiger Salat von der Selbstbedienungsbar, den Marc mit einer abenteuerlichen Pyramide aus Maiskörnern und Gurkenscheiben garniert hatte – war schnell verputzt. Und dann kam der Hauptgang. Der Kellner erschien nicht etwa mit zwei normalen Tellern, sondern schob einen Servierwagen heran, auf dem eine rauchende, gewaltige Eisenplatte thronte. Darauf lagen zwei Steaks, die die Dimensionen gewöhnlicher Rinderfilets sprengten, umringt von dampfenden Kartoffeln und einer üppigen Portion Kräuterbutter, die zischend über dem Fleisch schmolz. „Das ‚Stier-Inferno‘ für zwei Personen“, verkündete der Kellner stolz. „Guten Appetit.“ Marc starrte auf das kulinarische Monument und schluckte einmal schwer. „Anke, ich glaube, das ist größer als Curso.“ „Ach Quatsch, das schaffen wir locker“, sagte Anke, obwohl ihr eigener Blick auf das Fleisch ebenfalls zeigte, dass hier eine logistische Meisterleistung gefordert war. Sie begannen mit großer Euphorie. Das Fleisch war perfekt medium gebraten, zart wie Butter und würzig im Abgang. Die romantische Stimmung am Tisch wurde durch die gemeinsame

24 Fleischeslust keineswegs getrübt, sondern auf eine sehr pragmatische und amüsante Weise vertieft. Man fütterte sich gegenseitig mit kleinen Fleischstückchen, wobei Marc bei dem Versuch, Anke ein besonders saftiges Stück mit der Gabel zu kredenzen, beinahe seine eigene Serviette aufgespießt hätte. „Pass auf, sonst isst du gleich noch deine Baumwollserviette mit Kräuterbutter“, neckte Anke ihn und wischte ihm mit einer sanften Handbewegung einen winzigen Klecks Kräuterquark von der Wange. Marc hielt einen Moment inne, sah sie an und spürte dieses tiefe, wohlige Gefühl der Vertrautheit. Trotz des morgendlichen Stresses, der schmerzhaften Hundeumarmungen im Flur und des ganzen Alltagschaos gab es niemanden auf der Welt, mit dem er lieber an diesem Tisch sitzen würde. Ankes Augen glänzten im Kerzenschein, und das Lächeln auf ihren Lippen ließ jede Anstrengung seines harten Jobs beim Werkschutz sofort verblassen. „Weißt du“, begann Marc leise, während er sein Besteck kurz sinken ließ, „egal wie chaotisch unser Leben mit Curso und Flower ist, und egal ob ich morgens über Spielzeug stolpere oder von Postboten im Gebüsch überrascht werde... solche Abende mit dir sind einfach unschlagbar.“ Anke wurde leicht rot, lächelte gerührt und lehnte sich über den Tisch, um seine Hand zu ergreifen. „Du wirst ja richtig poetisch, Marc. Liegt das am Merlot oder am Fleisch?“ „Sagen wir mal, die Kombination aus exzellenter Gastronomie und der besten Frau der Welt tut ihr Übriges“, antwortete er und drückte ihre Hand fest. Plötzlich jedoch wurde ihre traute Zweisamkeit durch ein unerwartetes akustisches Signal gestört. Es war ein leises, aber unverkennbares Piepsen, das irgendwo aus Marcs Sakko-Tasche drang, das er ordentlich über die Stuhllehne gehängt hatte. Marc stutzte. Er wusste sofort, was das war. Es war der GPS-Tracker, den er am Morgen von Herrn Matuschke überreicht bekommen und schlicht vergessen hatte, aus seiner Alltagskleidung in das Ausgeh-Sakko umzuziehen – oder eben doch eingesteckt hatte.

25 „Ist das etwa... dein neuer Peilsender?“, fragte Anke und zog amüsiert eine Augenbraue nach. Marc griff in die Tasche und förderte das kleine technische Gerät zutage, das fröhlich blinkte. „Äh... ja. Offenbar hat deine Mutter programmiert, dass ich mich nicht zu weit von vertrautem Terrain entfernen darf. Vermutlich schlägt das Ding Alarm, sobald ich mehr als fünfhundert Meter von der Bäckerei oder dem heimischen Kühlschrank entfernt bin.“ Anke brach in schallendes Gelächter aus, das einige am Nachbartisch befindliche Gäste kurz aufblicken ließ, ehe diese lächelnd wegschauten. „Das ist ja großartig! Meine Mutter will also sicherstellen, dass du nicht auf dem Weg ins Steakhaus verloren gehst und am Ende bei einer fremden Familie im Schrebergarten landest.“ „Sehr witzig“, murmelte Marc, schmunzelte dann aber selbst über die absurde Situation. Er schaltete das Gerät mit einem gekonnten Druck auf den winzigen Knopf aus und legte es demonstrativ neben den Brotkorb. „So, jetzt bin ich offiziell entfloht und nicht mehr ortbar. Ab jetzt gilt wieder pure Romantik.“ „Sehr gut“, erwiderte Anke und hob ihr Weinglas. „Denn den Nachtisch haben wir uns jetzt wahrlich verdient.“ Der restliche Abend verlief in einer wunderbaren Mischung aus tiefgründigen Gesprächen, lautem Lachen und schamlosem Schlemmen. Als sie schließlich das Steakhaus verließen und sich Hand in Hand auf den Heimweg machten, lag eine kühle, klare Nachtluft über der Stadt. Die Straßenlaternen warfen lange Schatten auf den Bürgersteig, und die Stadt schien zur Ruhe gekommen zu sein. Marc atmete tief durch und spürte die wohlige Schwere des üppigen Essens im Magen, während Anke sich eng an seine Seite schmiegte. Sie wussten beide genau, dass am nächsten Morgen wieder der ganz normale Wahnsinn auf sie warten würde – dass Curso vermutlich schon mit den Hufen scharren und Flower hochmotiviert sein würde, sie bei der Gassirunde im Park umzureißen. Doch in diesem Moment zählte nur der gemeinsame Weg nach Hause, eingehüllt in die Gewissheit, dass ihr turbulentes Leben mit all seinen kleinen Pannen und großen Herzen genau das Richtige war. Mit einem zufriedenen Lächeln

26 im Gesicht bogen sie um die letzte Straßenecke, während zu Hause im Flur zwei Hunde bereits friedlich schlummerten und von den Abenteuren des kommenden Tages träumten.

27 KAPITEL V Der stürmische Weckruf Der Wecker sollte an diesem freien Tag eigentlich überhaupt nicht existieren. Das war zumindest der feste Plan von Marc und Anke, nachdem sie sich am Vorabend im Steakhaus quer durch die Speisekarte geschlemmt und dabei jede Menge romantische Zweisamkeit genossen hatten. Die Realität hatte jedoch vier Pfoten, einen ungebremsten Enthusiasmus und die Zeitempfindung eines frisch aufgezogenen Duracell-Häschens. Es war exakt sechs Uhr morgens, als der Sturm auf das Schlafzimmer losbrach. Flower, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, riss die Schlafzimmertür auf – oder genauer gesagt, sie sprang dagegen, bis das Schloss nachgab –, stürmte mit wehenden Ohren herein und landete mit einem Satz direkt auf der Bettdecke. Gleich dahinter folgte Curso, der gechillte Mischlingshund, der zwar nicht ganz so explosionsartig vorging, aber immerhin beschlossen hatte, dass Marcs Gesicht das perfekte Kissen für einen ausgiebigen morgendlichen Liebesbeweis darstellte. „Morgen, ihr Chaoten“, murmelte Marc mit tonloser Stimme, während er versuchte, sich unter der Decke zu vergraben, um der feuchten Hundenase zu entkommen, die zielgerichtet sein Ohr ansteuerte. Neben ihm schlug Anke langsam die Augen und seufzte leise, aber amüsiert. Sie streckte eine Hand aus, um Flower zu kraulen, die vor lauter Aufregung mit dem Schwanz wedelte, dass es klang wie ein kleiner Helikopter im Landeanflug. „Ich glaube, das war wohl nichts mit ausschlafen, Schatz“, stellte Anke fest und grinste breit, während Curso nun beschloss, dass es an der Zeit war, ein lautes, ungeduldiges Keuchen von sich zu geben. Marc schielte auf den Wecker auf dem Nachttisch. Sechs Uhr eins. An einem feiertagsähnlichen freien Tag, an dem sie beide eigentlich vorgehabt hatten, bis mindestens neun Uhr gemütlich im Bett zu liegen und den Duft von frischem Kaffee zu genießen, der normalerweise wie von Zauberhand durch das

28 Haus zog. Heute gab es jedoch nur den Duft von Hundeatem und die unumstößliche Gewissheit, dass die Vierbeiner keinerlei Verständnis für arbeitsfreie Tage besaßen. „Ich schwöre“, brummte Marc, während er sich mühsam aus dem wärmenden Gefängnis der Bettdecke schälte, „irgendwann bringe ich den Hunden bei, den Wecker selbst zu stellen. Und wenn sie nur draufspringen, bis er kaputtgeht.“ „Ach Quatsch“, entgegnete Anke, die sich inzwischen ebenfalls aufsetzte und sich die Haare aus dem Gesicht strich. „Du liebst sie doch insgeheim. Außerdem wollten wir heute ohnehin einen ruhigen Tag machen. Da schadet ein bisschen Frühsport an der frischen Luft sicher nicht.“ Frühsport war ein dehnbarer Begriff. Aus Sicht von Flower und Curso bedeutete Frühsport, dass Herrchen und Frauchen in Rekordzeit in ihre Trainingsanzüge schlüpfen mussten, um sofort das Territorium zu sichern. Kaum hatten Marc und Anke ihre Jogginghosen übergezogen und die Leinen in die Hand genommen, tobten die Hunde bereits im Flur auf und ab. Curso trug im Maul ein Quietsche-Huhn, das bei jedem Schritt einen schrillen Ton von sich gab, während Flower versuchte, sich gleichzeitig durch Marcs Beine zu schlängeln und die Haustür einzutreten. „Langsam, ihr Wahnsinnigen!“, rief Marc, als er beinahe über Curso stolperte, der sich in einer perfekten Vollbremsung direkt vor seinen Füßen positioniert hatte. „Wir kommen ja schon. Die Welt läuft uns nicht weg.“ Doch, schienen die Hunde zu denken, genau das tat sie. Draußen auf der Straße weckte der kühle Morgenwind augenblicklich die letzten Lebensgeister in dem Paar. Die Sonne schob sich gerade erst über die Dächer der Nachbarschaft und tauchte die Straßen in ein goldenes, friedliches Licht. Die morgendliche Stille wurde allerdings juckend unterbrochen von Curso, der plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, an seiner Leine riss wie ein Schlittenhund in der Antarktis. „Hey! Langsam!“, schnaufte Marc, der dank seiner Arbeit beim Werkschutz zwar eine gewisse Grundkonstitution besaß, aber gegen die pure, unbändige Zugkraft eines

29 übermotivierten Mischlingshundes manchmal schlicht verlor. Flower, die ihrerseits eine Katze auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckt hatte, schloss sich dem Zugmanöver nahtlos an. In einer Formation, die stark an ein professionelles Hundeschlittenrennen erinnerte, zogen die beiden Tiere ihre Menschen vorwärts. Anke lachte laut auf, während sie im lockeren Jogging-Schritt hinterherlief. „Sieh es positiv, Marc! Du brauchst heute kein Fitnessstudio mehr. Der Kurs ist absolut kostenlos!“ „Sehr witzig“, presste Marc hervor, der sich mit beiden Händen an der Leine klammerte und versuchte, seine Skater-Sneaker auf dem Asphalt zu stabilisieren. „Wenn das so weitergeht, komme ich nicht ins Fitnessstudio, sondern direkt in die orthopädische Abteilung!“ Trotz des holprigen Starts und der Tatsache, dass an langes Ausschlafen nicht im Entferntesten zu denken gewesen war, genossen sie den Spaziergang. Die Luft war herrlich frisch, und der Park, den sie nach wenigen Minuten erreichten, lag noch vollkommen ruhig da. Keine anderen Spaziergänger weit und breit – nur sie, die aufgehende Sonne und zwei Hunde, die mittlerweile beschlossen hatten, dass das hohe Gras am Wegesrand dringend untersucht werden musste. Marc atmete tief durch und ließ die Anspannung der vergangenen Arbeitswoche von sich abfallen. Er blickte zu Anke herüber, die gerade versuchte, Flower davon abzuhalten, einen besonders matschigen Ast aus dem Gebüsch zu ziehen und stolz ins Wohnzimmer zu schleppen. Das Licht fiel vorteilhaft auf ihr Gesicht, und trotz des morgendlichen Chaos sah sie einfach hinreißend aus. „Weißt du was?“, sagte Marc und trat neben sie, während er Curso, der sich gerade genüsslich im Gras wälzte, einen Klaps auf den Hinterkopf gab. „Trotz der Chaoten hier… es ist eigentlich ganz schön.“ Anke lächelte warm und hakte sich bei ihm ein, während sie auf die beiden Hunde blickte, die nun wie zwei vergnügte Flummis umeinander herumsprangen. „Sag ich doch. Ausschlafen wird völlig überbewertet, wenn man stattdessen

30 solches Entertainment geboten bekommt.“ Plötzlich spitzte Flower die Ohren. Ihr ganzer Körper versteifte sich, und sie starrte gebannt in Richtung eines dichten Rhododendronbusches am Rand des Parks. Ein leises Knurren, das eher nach einem unzufriedenen Brummen klang, entrang sich ihrer Kehle. Curso, der eben noch friedlich im Gras gelegen hatte, sprang augenblicklich auf und schloss sich der Wachsamkeit seiner Gefährtin an. Marc und Anke wechselten einen vielsagenden Blick. Das kam ihnen verdammt bekannt vor. „O nein“, flüsterte Marc und griff fester in die Leinen. „Sag mir nicht, dass Herr Matuschke schon wieder versucht, eine neue Abkürzung durch den Park zu nehmen.“

31 KAPITEL VI Stachelige Abwege und Postbotenpech Der Anblick, der sich hinter dem dichten Haselnussgebüsch im Stadtpark bot, war an Komik kaum zu übertreffen. Herr Matuschke, der wackere Postbote, steckte mit dem Kopf voran in einer Brombeerhecke fest, während seine Dienstmütze auf einem Ast thronte wie eine traurige Krone der Kapitulation. „Hilfe!“, rief Herr Matuschke mit gedämpfter Stimme aus dem Dickicht. „Ich wollte doch nur eine Zeitkürzung vornehmen!“ „Eine Abkürzung, Herr Matuschke, das heißt Abkürzung!“, rief Anke und legte eine Hand an den Mund, um ein schallendes Lachen zu unterdrücken. Ihre Schultern bebten bereits gewaltig. Curso und Flower sahen das Ganze hingegen als persönliche Einladung zu einem Rettungsspiel. Der gechillte Mischlingshund Curso setzte sich demonstrativ vor die Hecke, leckte sich gemächlich die Schnauze und beobachtete den strampelnden Postboten mit dem stoischen Blick eines Zen-Meisters. Die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin Flower hingegen verwandelte sich in einen hysterischen Flummi. Sie sprang im Kreis, bellte in den höchsten Tönen und versuchte, nach Herrn Matuschkes gelber Posttasche zu schnappen, in der sie offenbar den ultimativen Feind vermutete. Marc, der nach dem morgendlichen Schrecken und der anstrengenden Jogging-Runde ohnehin noch tief durchatmen musste, verdrehte die Augen. „Flower, aus! Curso, Platz! Und Sie, Herr Matuschke, bleiben bitte exakt so liegen, sonst erwischen Sie noch einen Zweig im Auge.“ Mit vereinten Kräften und unter dem anhaltenden Protest von Flower, die den Postboten am liebsten eigenhändig aus dem Busch gezogen hätte, befreiten Marc und Anke den armen Mann. Herr Matuschke strich glatt, was von seiner Uniform übrig war, setzte die wiedererlangte Mütze auf und murmelte etwas von

32 Bürokratie und mangelnder Wegbeschilderung, bevor er eilig das Weite suchte. Anke wischte sich eine Träne der Rührung und des Lachens aus dem Augenwinkel. „Was für ein Auftakt für unseren freien Tag. Erst der schweißtreibende Dauerlauf quer durch den Park, und jetzt eine Begegnung der dritten Art mit der Post.“ „Du nennst das Joggen?“, keuchte Marc und strich sich über die atmungsaktive Sportjacke. „Das war ein Überlebenskampf. Flower hat mich behandelt wie einen Schlittenhund und Curso hat beschlossen, dass jeder Grashalm einzeln beschnüffelt werden muss. Meine Kondition ist offiziell im Keller.“ „Ach, Quatsch“, sagte Anke und boxte ihm spielerisch gegen den Arm. „Du hast dich wacker geschlagen. Und jetzt haben wir uns einen gemütlichen Abend redlich verdient.“ Der restliche Tag verging in einem angenehmen, verschlafenen Tempo. Nach dem sportlichen Vormarsch am Morgen und dem unvermeidlichen Chaos beim Mittagessen – Curso hatte versucht, eine Schüssel Kartoffelsalat im Alleingang zu vernichten, während Flower den Staubsauger attackierte – kehrte allmählich Ruhe in die gemeinsame Wohnung ein. Die Sonne senkte sich langsam hinter die Dächer der Nachbarschaft und tauchte das Wohnzimmer in ein warmes, goldgraues Licht. Anke hatte sich bereits in ihre Lieblingsjogginghose geworfen, ein extrem bequemes Exemplar mit leicht ausgeleiertem Bund, das Marc heimlich als ihr „Komfort-Masterpiece“ bezeichnete. Sie war in der Küche verschwunden, um die ultimativen Vorbereitungen für den Fernsehabend zu treffen. Aus den Boxen erklang leise Popmusik, während der Duft von frisch gebackenem Knoblauchbrot und geschmolzenem Käse durch die Räume zog. Marc betrat das Wohnzimmer beladen wie ein Lastesel. In der linken Hand balancierte er eine riesige Schüssel Popcorn, in der rechten hielt er zwei große Gläser eiskalte Cola, und unter dem Arm klemmte eine Auswahl an Knabberzeug. „Vorsicht, Hindernis!“, rief er, als Curso beschloss, genau in diesem ungünstigen Moment eine Vollbremsung auf dem Teppich

33 hinzulegen. Marc machte einen akrobatischen Ausfallschritt, der stark an eine Balletteinlage erinnerte, die von einem Bären auf dem Schleifstein ausgeführt wird. Er strauchelte kurz, fing sich jedoch mit einer erstaunlichen, dem Werkschutz geschuldeten Reaktionsschnelligkeit ab. Keine einzige Popcorntüte ging verloren. Stolz atmete er aus. Anke kam just in diesem Augenblick aus der Küche, eine dampfende Pizza auf einem großen Holzbrett balancierend. Sie blieb im Türrahmen stehen und musterte ihn mit einem warmen, liebevollen Lächeln. „Du bist ein wahrer Held, Marc. Ich weiß nicht, was ich ohne deine waghalsigen Stunts machen würde.“ „Ich halte die Stellung, wo immer Gefahr droht“, scherzte Marc und ließ sich theatralisch auf das große, weiche Sofa fallen. „Vor allem, wenn die Gefahr darin besteht, dass der Fernseher ohne uns läuft.“ Das Wohnzimmer war perfekt präpariert. Die Kissen waren aufgeschüttelt, die Decken lagen griffbereit, und das sanfte Licht einer Stehlampe sorgte für eine gemütliche Atmosphäre. Es sollte ein ruhiger, entspannter Abend werden – genau das Kontrastprogramm zu dem aufregenden Morgen und dem anstrengenden Jogging-Tag. Sofort nach Marcs Landung auf dem Sofa gab es heftige Konkurrenz um den besten Platz. Flower, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, rannte heran und schoss zielstrebig auf den Platz direkt neben Marc zu. Mit einem eleganten Satz landete sie auf seinem Schoß, bevor er überhaupt reagieren konnte. Sie legte ihren schweren Kopf auf seine Brust, schnaufte tief aus und blickte ihn mit ihren großen, treuherzigen Augen an, als ob sie sagen wollte: *Ich beschütze dich vor dem Fernseher, Herrchen.* „Ähm, Flower?“, stöhnte Marc leise unter der plötzlichen Last. „Du bist eine Deutsche Schäferhündin, kein Schoßhündchen. Mein Brustkorb braucht Luft zum Atmen.“ Anke lachte, als sie sich mit der Pizza und dem Knoblauchbrot neben ihn auf das Sofa kuschelte. „Lass sie, sie liebt dich eben. Und du hast doch gesagt, du willst einen gemütlichen Abend mit den Hunden verbringen.“ „Ja, aber ich dachte eher an nebeneinander liegen, nicht an eine

34 chiropraktische Notoperation“, brummte Marc, strich der Hündin dann aber doch liebevoll über das weiche Fell. Curso, der gechillte Mischlingshund, sah dem Treiben von seinem gewohnten Platz aus zu. Er lag bereits auf dem flauschigen Teppich vor dem Fernseher, langgestreckt wie ein Teppichmuster, und schien jegliche Sorgen der Welt hinter sich gelassen zu haben. Mit einem zufriedenen Seufzer schloss er die Augen und ignorierte das Drama auf dem Sofa komplett. So kannten sie ihren Curso: absolut tiefenentspannt, solange es irgendwo Futter oder einen warmen Boden gab. Anke schnitt ein Stück Pizza ab und reichte es Marc rüber, der es dankbar entgegennahm. „Na gut“, gab er geschlagen, während er sich noch tiefer in die Kissen sinken ließ. „Das hat schon was. Nach dem ganzen Chaos heute Morgen und dem Lauf durch den Park haben wir uns das redlich verdient.“ „Absolut“, stimmte Anke zu. Sie zog eine weiche Fleecedecke über ihre Beine und lehnte sich an Marcs Schulter, während Flower es sich auf ihnen beiden gemütlich machte und mit einem zufriedenen Brummen einschlief. Marc griff nach der Fernbedienung, die auf dem Couchtisch lag, und schaltete den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm flackerte das bunte Logo eines Streamingdienstes auf, das eine endlose Auswahl an Filmen versprach. „Also, was schauen wir?“, fragte Marc und blickte zu Anke hinüber. „Etwas Romantisches, etwas Lustiges oder etwa einen spannenden Dokumentarfilm über den Stadtpark und seine tückischen Hecken?“ Anke lachte leise und lehnte den Kopf an seine Brust. „Bloß keine Dokumentationen über Parks, sonst träume ich heute Nacht wieder von Postboten im Busch. Such einfach irgendwas aus, Hauptsache, es ist gemütlich.“ Marc klickte sich durch das Menü, während draußen die Nacht über die Stadt hereinbrach und das helle Straßenlaternenlicht sanft durch die geschlossenen Vorhänge schimmerte. Die Hunde lagen friedlich an ihrer Seite, die Müdigkeit des Tages legte sich wie eine warme Decke über das Paar, und für den Moment schien das turbulente Leben rundherum für einen Abend lang stillzustehen.

35 Doch gerade als Marc auf Play drücken wollte und die ersten Akkorde einer gemütlichen Titelmelodie aus den Lautsprechern klangen, zuckte Curso unten auf dem Teppich plötzlich zusammen. Der Mischlingshund hob abrupt den Kopf, spitzte die Ohren und starrte wie gebannt auf das geschlossene Wohnzimmerfenster, während ein leises, verdächtiges Kratzen von der Terrasse herüberdringt.

36 KAPITEL VII Das Erwachen vor dem Licht Der Wecker schrillte mit einer unbarmherzigen Lautstärke, die selbst die schlafenden Hunde im Nebenzimmer aus ihren Träumen schreckte. Es war punkt drei Uhr morgens. Während draußen in der finsteren Nacht noch tiefster Frieden herrschte und die Welt fest im Griff der Dunkelheit lag, war für Anke die Nachtruhe abrupt beendet. Sie seufzte tief, tastete im Halbdunkel nach dem Wecker und schlug wild auf den Snooze-Knopf, bis das Klingeln endlich verstummte. Neben ihr im warmen Bett drehte sich Marc genüsslich auf die andere Seite, zog die Decke noch ein Stück weiter nach oben und murmelte etwas Unverständliches, das klang wie eine Mischung aus „Fünf Minuten noch“ und „Der Werkschutz wartet auf niemanden“. Anke war da ganz anderer Ansicht. Der Werkschutz konnte warten, aber die frischen Brötchen für die Kundschaft ganz sicher nicht. Mit einem geübten Handgriff warf sie die Bettdecke zur Seite, schälte sich aus den wohligen Federn und trat im Dunkeln direkt auf ein quietschendes Quietsche-Huhn aus Gummi, das Flower am Vorabend wohlweislich mitten vor dem Ehebett platziert hatte. Ein schrilles „Quiek!“ durchbrach die nächtliche Stille. Marc schnarchte ungerührt weiter, während Anke ein leises Fluchen unterdrückte, auf einem Bein hüpfend das Spielzeug einsammelte und den Weg ins Badezimmer antrat. Eine Viertelstunde später schlüpfte sie in ihre Arbeitskleidung. Der Kaffeegeruch aus der Küche belebte ihre Lebensgeister ein wenig, aber der Blick auf das Thermometer im Flur verhieß nichts Gutes: Minusgrade. Mit eisigem Wind im Rücken trat sie um genau vier Uhr morgens die Tür zur Bäckerei auf. Die riesigen Teigknetmaschinen warteten bereits auf sie. Es gab keinen Raum für Trägheit. Mehlstaub wirbelte durch die Luft, als sie die ersten Zentner Mehl in die große Schüssel gab, Hefe und Wasser hinzufügte und den Motor anwarf. Bald darauf erfüllte der herrlich warme Duft von aufgehendem Hefeteig den Raum, und

37 Anke stand knietief in der Arbeit, formte mit flinken Händen Semmeln, Zöpfe und Brezeln, während die Stadt draußen langsam aus ihrem tiefen Schlaf erwachte. Ganz anders gestaltete sich die Situation nur wenige Kilometer entfernt im warmen Schlafzimmer. Dort genoss Marc die absolute, himmlische Stille. Nach seinem anstrengenden Nachtdienst am Vortag und den aufregenden Ereignissen rund um das mysteriöse Kratzen an der Terrassentür, das sich glücklicherweise als ein verirrter Nachbarskater und nicht als Einbrecher entpuppt hatte, war ihm nach Erholung zumute. Er konnte sich noch einmal genüsslich im Bett umdrehen, tief durchatmen und bis mittags schlafen, da er wie immer in der Nacht arbeitete. Die Hunde, die normalerweise um diese Zeit schon mit den Pfoten scharrten, schienen die Gemütlichkeit ihres Herrchens zu respektieren. Curso hatte sich auf Marcs freier Betthälfte zusammengerollt und schnarchte im Duett mit seinem Menschen, während Flower am Fußende lag und ab und zu leise im Schlaf zuckte. Um kurz nach zwölf Uhr mittags schlug Marc die Augen auf. Der Duft von frischem Kaffee lag zwar nicht in der Luft – den musste er sich heute selbst machen –, aber die helle Mittagssonne schien durch die Ritzen der Jalousien. Er dehnte sich, gähnte herzhaft und strich Curso über den Kopf, der sofort mit dem Schwanz wedelte, sobald er die Bewegung bemerkte. „Na, du alter Schnarchzapfen“, brummte Marc mit rauchiger Stimme und schlug die Decke zurück. „Zeit wird es.“ Die Hunde sprangen sofort auf, als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet. Ein fröhliches Gewusel aus wedelnden Ruten, tapsenden Pfoten und erwartungsfrohem Jaulen setzte ein. Marc schlüpfte in seine Hausschuhe, torkelte in Richtung Küche und stellte erst einmal die Kaffeemaschine an. Während das dunkle Gold durchlief, warf er einen Blick auf sein Smartphone. Eine Kurznachricht von Anke leuchtete auf dem Display: *„Erste Ladung Brötchen ausverkauft! Die Kunden lieben die neuen Körnersemmeln. Bis heute Nachmittag, Schatz :-*“* Marc lächelte, tippte eine kurze Antwort

38 und nahm den ersten Schluck Kaffee, der ihm sofort den nötigen Lebensgeist zurückbrachte. Doch die Ruhe währte nicht lange. Flower stand bereits vor der Haustür, die Schnauze dicht an den Spalt gepresst, und gab einen leisen, ungeduldigen Ton von sich. Curso hingegen lief in den Flur und stupste Marcs Jacke an, die über dem Stuhl hing. „Ja, ja, ich habe es verstanden. Der Ruf der Wildnis ruft“, sagte Marc, schnappte sich seine Jacke und die Leinen. Der Gang nach draußen war herrlich erfrischend. Die Mittagssonne hatte den Raureif auf den Wiesen des Parks geschmolzen, und die Hunde stürzten sich sofort in jedes erreichbare Gebüsch. Marc folgte ihnen mit gemächlichen Schritten, froh darüber, heute einmal den Tag auf diese entspannte Weise beginnen zu können. Die morgendliche Plackerei überließ er schließlich gerne seiner flektierenden Partnerin, auch wenn er wusste, dass er sich am Abend in der Bäckerei blicken lassen und als Gegenleistung ein paar frische Teilchen abholen musste. Plötzlich spannte sich Flowers Leine ruckartig an. Die Deutsche Schäferhündin hatte Witterung aufgenommen und starrte gebannt hinter eine große Eiche, während Curso unbeeindruckt an einem Grashalm schnüffelte. „Wer ist da?“, rief Marc halb scherzhaft, halb wachsam, denn die Erinnerung an Herrn Matuschkes Verirrungen in den Hecken steckte ihm noch in den Knochen. Aus dem Gebüsch erklang ein bekanntes Räuspern. Eine postbotengrüne Mütze schob sich vorsichtig hervor. Herr Matuschke lächelte ein wenig gequält, während er versuchte, sich aus einer Dornenranke zu befreien. „Guten Tag, Herr Marc“, rief der Postbote mit leicht erstickter Stimme. „Wissen Sie, ich dachte mir, ich nehme hier eine Abkürzung, um die Mittags-Post schneller zuzustellen, aber diese Büsche scheinen mich persönlich nicht zu mögen.“ Marc konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er zog sein Smartphone aus der Tasche, öffnete kurz die Tracking-App, die ihm seine Schwiegermutter geschenkt hatte, und schüttelte den Kopf. „Herr Matuschke, Sie brauchen

39 dringend auch so einen GPS- Tracker, damit Sie sich nicht ständig verlaufen“, rief Marc amüsiert, während er Flower zurückzog, um dem Postboten den Weg aus dem Dickicht freizumachen. Nachdem Herr Matuschke mit einem erleichterten Seufzen und ein paar neuen Kratzern im Gesicht seinen Weg fortgesetzt hatte, setzten Marc und die Hunde ihren Spaziergang fort. Die Kombination aus dem frühen Aufstehen von Anke und Marcs spätem Start in den Tag sorgte am Ende dafür, dass die Familie perfekt im Takt blieb – auch wenn das tägliche Chaos garantiert nie weit entfernt war.

40 KAPITEL VIII Zwischen Mehl und Uniform Der Duft von frisch gebackenen Brötchen, der normalerweise die ganze Nachbarschaft in eine friedliche, fast schon meditative Stimmung versetzte, hatte für Anke an diesem Morgen die sanfte Konsistenz eines Weckers, der direkt neben dem Ohr explodierte. Sie schloss die schwere Ladentür auf, strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und atmete tief die warme, leicht mehlstaubige Luft ein, die ihr entgegenströmte. Die Nachtschicht in der Bäckerei lag hinter ihr, und während die ersten Kunden draußen bereits ungeduldig mit den Hufen beziehungsweise mit ihren Einkaufskörben scharrten, sehnte sie sich nur nach einem: der heimischen Couch und absoluter Stille. Doch bevor sie diesen Zustand erreichen konnte, stand noch der kurze Fußmarsch nach Hause an, der dank ihrer morgendlichen Routine meistens genau dann zu einem Erlebnis wurde, wenn der Tag eigentlich schon gelaufen sein sollte. Als Anke schließlich den Flur ihrer Wohnung betrat und die Schuhe von den müden Füßen streifte, bot sich ihr ein Anblick, der pure, ungeschnittene Effizienz ausstrahlte. Marc, in der blauen Uniform des Werkschutzes, stand bereits im Flur und war in einem atemberaubenden Tempo dabei, sich für seine Arbeit fertig zu machen. Mit einer geradezu militärischen Präzision – oder dem verzweifelten Versuch einer solchen – stopfte er gerade ein Notizbuch in seine Brusttasche, während er versuchte, mit dem anderen Fuß in seinen linken Einsatzstiefel zu schlüpfen. „Morgen, Schatz“, rief Marc, wobei das Wort eher wie ein ersticktes Keuchen klang, als er bei dem Versuch, das Gleichgewicht zu halten, gefährlich nah an der Garderobe ins Straucheln geriet. „Du kommst genau richtig. Die Lage ist stabil, aber hochexplosiv.“ Anke lehnte sich gegen den Türrahmen und schmunzelte trotz ihrer eigenen Erschöpfung. „Definiere hochexplosiv, Marc. Steht die Kaffeemaschine wieder in Flammen, oder hat Curso beschlossen, dass heute Montag ist und

41 deshalb das Sofa streikt?“ „Schlimmer“, antwortete Marc und zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch. Er deutete mit dem Kinn auf den Flurteppich. Dort saß Flower. Die Deutsche Schäferhündin hatte sich in eine Position gebracht, die man am besten als monumentale Aufbruchsbereitschaft beschreiben konnte. Ihre Ohren waren spitz nach vorne gerichtet, die dunklen Augen fixierten Marcs Einsatzgürtel mit einer Intensität, die selbst einen erfahrenen Wachmann nervös machen konnte, und ihr buschiger Schwanz klopfte im gleichmäßigen Takt gegen den Fußboden. Sie stand schon bereit wie immer, in der Hoffnung, dass sie diesmal mit zur Arbeit kommen kann. „Oh nein“, sagte Anke und rief sich innerlich die Gesetze der Logik ins Gedächtnis. „Du willst sie doch nicht etwa schon wieder mitnehmen? Letztes Mal hat sie im Kontrollraum des Werks sicherheitshalber den Feueralarm ausgelöst, weil ihr ein Fliegengitter suspekt vorkam.“ „Das war ein Versehen“, verteidigte Marc die Hündin sofort, obwohl ein leichtes Zucken um seinen Mundwinkel verriet, dass er sich des Risikos durchaus bewusst war. „Sie hat nur den Brandschutz überprüft. Ganz im Sinne meines Arbeitgebers! Außerdem schau sie dir an. Sie brennt vor Tatendrang. Sie will die Pforte sichern.“ Flower stieß einen leisen, fast unhörbaren Jaulaut aus, der klang wie eine professionelle Gewerkschaftsforderung nach sofortiger Freigabe des Dienstausweises. Ihr Körper bebte vor Vorfreude. Jeder Zentimeter ihres athletischen Schäferhundekörpers schrie geradezu nach Uniform, Streifendienst und der Möglichkeit, verdächtige Postboten – vorzugsweise Herrn Matuschke, falls dieser sich in die Nähe des Werksgeländes verirren sollte – höchstpersönlich zu stellen. „Flower, Süße“, sagte Anke mit sanftem, aber bestimmtem Ton und trat näher heran, um der Hündin über den Kopf zu streicheln. „Du bleibst heute schön hier und passt auf mich auf. Ich habe nämlich vor, die nächsten vier Stunden schlafend auf dem Sofa zu verbringen, und da brauche ich einen professionellen

42 Kissenwächter. Keine Angst, Marc passt schon auf das Werk auf, das schafft er zur Abwechslung mal ohne Hundebegleitung.“ Marc atmete hörbar aus, was gleichermaßen Erleichterung und eine Spur Enttäuschung über den Verlust seiner potenziellen vierbeinigen Unterstützung bedeutete. „Da hat sie recht, Mädchen. Heute machen wir getrennte Wege. Du bleibst bei Frauchen und tust so, als wärst du ein Schoßhund.“ Curso, der in diesem Moment langsam und mit der gebotenen Gemütlichkeit aus dem Wohnzimmer watschelte, schien diesen Kommentar mit einem tiefen Seufzer zu quittieren. Der Mischlingshund schaute Marc an, gähnte demonstrativ, dass man fast seine Mandelentzündung hätte sehen können, und ließ sich direkt neben Ankes Füßen fallen. Wenn hier jemand qualifiziert für den Posten des professionellen Kissenwächters war, dann ja wohl er. Curso verkörperte die Kunst des Nichtstuns mit einer Perfektion, die buddhistische Mönche vor Neid hätte erblassen lassen. „Siehst du? Curso hat die Weisheit gepachtet“, sagte Anke und tätschelte nun auch den Kopf des Mischlingshundes, der sich genüsslich auf den Rücken rollte und die Beine von sich streckte. „Der plant keine Staatsstreiche an der Pforte, der plant nur, wie er am effektivsten an die Leckerlis in der Küche kommt.“ Marc war inzwischen fertig mit seiner Ausrüstung. Er prüfte noch einmal den Sitz seines Gürtels, an dem neben der Taschenlampe auch der berüchtigte GPS-Tracker prangte – ein ständiges Geschenk seiner Schwiegermutter, das ihn stets daran erinnern sollte, dass er theoretisch ortbar war, selbst wenn er sich auf dem Weg zur Toilette verlief. Er beugte sich hinunter, um sich von Anke zu verabschieden. „Pass auf dich auf, Liebling“, sagte er und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange. „Und lass dir von Curso nicht den letzen Toast klauen. Ich weiß, wie charmant er gucken kann, wenn er hungrig ist.“ „Keine Sorge, ich habe die Bäckerei-Gene tief in mir verankert. Ich erkenne einen Kohldampf-Blick auf drei Meilen Entfernung“, erwiderte Anke lächelnd.

43 Flower hingegen hatte sich noch immer nicht ganz mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie stand weiterhin stramm, die Rute wedelte nun etwas langsamer, aber die treuen Augen blickten Marc an, als würde er gerade das größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte ohne sie antreten. Es war diese typisch stoische, aber charmante Sturheit, die das Leben mit einer Deutschen Schäferhündin so unberechenbar machte. „Komm, Flower, Schluss jetzt mit den traurigen Hundeaugen“, sagte Marc und tätschelte ihr beruhigend den Kopf. „Der Werkschutz braucht mich heute in Höchstform, und wenn du dabei bist, verbringe ich die Hälfte der Schicht damit, dich davon abzuhalten, den Lieferwagen vom Getränkehandel zu verhaften.“ Mit einem letzten, vielsagenden Blick zur Tür, der ganz klar signalisierte: *Wir sehen uns heute Nachmittag, und dann reden wir über diese Sache mit der Pforte*, drehte Marc sich um, öffnete die Haustür und trat hinaus in den kühlen Vormittag. Die Tür fiel ins Schloss. Zurück im Flur herrschte für genau drei Sekunden absolute Stille. Dann setzte Curso zu einem vernehmlichen Schnarchen an, das eher an einen alten Traktor als an einen Hund erinnerte. Anke lachte leise, strich sich den Mehlstaub von der Schürze und blickte auf die beiden Hunde, die sich nun endgültig auf dem Teppich niedergelassen hatten. Das morgendliche Chaos hatte seinen gewohnten Lauf genommen, die Familie funktionierte, und während draußen die Welt erwachte, war für Anke endlich der Moment gekommen, die wohlverdiente Ruhe zu genießen – vorausgesetzt, Curso würde nicht gleich anfangen, im Schlaf von der Weltherrschaft zu träumen.

44 KAPITEL IX Der Flügelschlag des Morgens Die Nachtschicht hatte für Marc immer einen ganz eigenen, leicht psychedelischen Beiklang. Wenn die Welt um ihn herum friedlich schlief und von süßen Träumen oder, im Falle von Curso, von der Weltherrschaft fabulierte, schob er pflichtbewusst seine Runden auf dem weitläufigen Werksgelände der Firma Müller & Söhne. Es roch nach kaltem Beton, Industrieöl und jener ganz besonderen Sorte Stille, die nur von fernen Autobahngeräuschen oder dem Summen der nächtlichen Lüftungsanlagen unterbrochen wurde. Doch nun war der Morgen angebrochen. Die Sonne schob ihre ersten, noch etwas schüchternen Strahlen über den Horizont und versuchte vergebens, den leichten Nebel zu vertreiben, der sich über die Asphaltwege gelegt hatte. Für Marc bedeutete das vor allem eines: Feierabend. Bevor er jedoch den Heimweg antreten und sich zu Anke ins Bett kuscheln konnte, stand noch die finale Pflicht auf dem Programm. Kaum ist Marc auf dem Werksgelände angekommen und dabei die Hallen abzuschließen, flog aus einer Halle eine Taube heraus und prallte direkt in Marc sein Gesicht. Der Aufprall war überraschend heftig für ein Tier, das eigentlich als Symbol des Friedens galt. In Marcs Wahrnehmung fühlte sich die gefiederte Begegnung jedoch eher an wie ein ungebremster Tennisball, geworfen von einem ungeduldigen Profi-Spieler. Mit einem erschrockenen Ausruf stolperte er einen Schritt rückwärts, wedelte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und griff sich im nächsten Moment instinktiv an die Nase. Die Taube, augenscheinlich genauso verwirrt wie ihr menschliches Opfer, schüttelte kurz das Gefieder, gab ein entrüstetes Gurren von sich und segelte davon, als wäre nie etwas geschehen. Marc blieb keuchend zurück. Er rieb sich die betroffene Stelle, die sich bereits leicht warm anfühlte. Seine Gedanken schossen augenblicklich in die amüsantesten und zugleich absurdesten Richtungen, wie es für seine chaotische

45 innere Logik typisch war. Er dachte sich noch, hoffentlich bekomme ich jetzt nicht die Vogelgrippe und wenn doch, ist das dann ein Arbeitsunfall? Dieser Gedanke schoss ihm mit solcher Wucht durch den Kopf, dass er laut auflachen musste. Er stellte sich bildhaft vor, wie er bei der Berufsgenossenschaft einen Antrag einreichte: Grund des Unfalls – feindlicher Luftangriff durch eine radikale, ortsansässige Taube. Ob die Dame am Schalter Verständnis dafür hätte, dass das Federvieh ohne Vorwarnung den Luftraum über Halle drei gekreuzt hatte? Wahrscheinlich würde sie ihm raten, nächstes Mal einen Regenschirm auf dem Werksgelände zu spannen. Er schüttelte den Kopf über seine eigene Fantasie, strich sich den Staub von der Uniformjacke und zog den schweren Eisenschlüssel aus dem letzten Schloss der Hauptlagerhalle. Der Dienst war offiziell beendet, der Nahkampf mit der avianischen Spezies glücklicherweise unblutig überstanden. Auf dem nach Hause weg fing ihn wie gewohnt die Realität des Alltags ein. Während er im Auto saß, wanderte sein Blick kurz auf den Beifahrersitz, wo jener berüchtigte GPS-Tracker lag, den ihm seine Schwiegermutter in einem Anflug mütterlicher Fürsorge geschenkt hatte. Sie hatte wohl immer noch die Befürchtung, er könne sich auf dem Weg zum Brötchenholen heillos in den Straßen der Vorstadt verirren. Marc schmunzelte. Heute brauchte er kein Navi, um den Weg zu finden. Sein Magen knurrte vernehmlich und erinnerte ihn daran, dass Anke in der Bäckerei wahrscheinlich schon die ersten frischen Croissants aus dem Ofen holte. Als er den Wagen in der Einfahrt parkte und den Motor ausschaltete, hörte er bereits das vertraute, helle Bellen von Flower. Die Deutsche Schäferhündin schien an der Innenseite der Haustür auf Posten zu stehen und jedes Geräusch genau zu analysieren. Kurz darauf öffnete sich die Tür auch schon, und Anke trat heraus, in der Hand eine Kaffeetasse, während ihr Blick eine amüsante Mischung aus mütterlicher Zuneigung und humorvoller Skepsis verriet. „Na, mein Held der Arbeit“, rief sie

46 ihm entgegen, während sie ihm mit der freien Hand zur Begrüßung zuwinkte. „Siehst ein bisschen zerzaust aus. Hat dir etwa wieder der Postbote aufgelauert?“ Marc stieg aus und schloss die Fahrertür. „Nein, viel schlimmer“, sagte er mit todernster Miene, strich sich theatralisch über die Nasenspitze und ging auf sie zu. „Ein gefiederter Attentäter hat mich angegriffen. Ein gezielter Kamikaze-Flug direkt aus Halle drei. Ich nenne es den Krieg der Tauben.“ Anke zog eine Augenbraue nach oben, während sie an ihrem Kaffee sipfte. „Eine Taube? Hat sie dir etwa das Frühstück streitig gemacht oder wollte sie dich nur aufwecken, weil du auf den letzten Metern deiner Schicht eingenickt bist?“ „Weder noch“, entgegnete Marc, während er sie an sich zog und ihr einen Kuss zur Begrüßung gab, der nach kaltem Nachtwind und frischem Kaffee schmeckte. „Sie ist mir frontal ins Gesicht geflogen. Ich überlege gerade ernsthaft, ob das ein Arbeitsunfall ist und ich jetzt Anspruch auf bezahlten Sonderurlaub wegen akuter Gefieder-Phobie habe.“ „Sicher doch“, lachte Anke und hakte sich bei ihm ein. „Und ich bin die amtierende Miss Bäckerei 2024. Komm erst mal rein, bevor du hier noch den Rettungsdienst für verletzte Wildvögel rufst. Curso liegt schon wieder auf der Couch und bewacht die Kissen vor feindlichen Übergriffen.“ Sie betraten das Haus, und sofort wurden sie von einer Welle aus Hundebegrüßung verschlungen. Flower stürmte auf Marc zu, drehte sich im Kreis, wedelte mit dem gesamten hinteren Körperbereich und gab jene hohen, fiependen Laute von sich, die unmissverständlich signalisierten, dass die Welt ohne ihn für die letzten acht Stunden quasi unbrauchbar gewesen war. Sie versuchte, an ihm hochzuspringen, um sein Kinn zu erreichen, während Marc sich lachend nach unten beugte, um die ungestüme Hündin zu bändigen. „Ja, hallo mein Schatz, ich hab dich auch vermisst“, rief er gegen Flowers Begeisterung an. „Aber bitte, verschone meine Nase, die hat heute schon Bekanntschaft mit der lokalen Luftfahrt

47 gemacht.“ Im Wohnzimmer bot sich das gewohnte Bild des friedlichen Chaos. Curso lag auf dem Teppich, hatte die Beine weit von sich gestreckt und würdigte die Szenerie keines Blickes, solange sein Schlafplatz nicht direkt gefährdet war. Ein leises, tiefes Schnarchen drang aus seiner Schnauze, das bewies, dass der Mischlingshund die morgendliche Ruhe extrem ernst nahm. Anke lehnte sich an den Türrahmen des Wohnzimmers und beobachtete das Treiben mit einem warmen Lächeln im Gesicht. Die Sorgen der Nacht und der kleine Schreck auf dem Werksgelände schienen in diesem Moment ganz weit weg zu sein. „Weißt du“, sagte Anke und stellte ihre Tasse auf dem Beistelltisch ab, während Marc sich erschöpft, aber glücklich auf das Sofa fallen ließ, direkt neben den unbeeindruckten Curso, „vielleicht sollten wir den GPS-Tracker das nächste Mal nicht dir umbinden, sondern der Taube. Dann wüssten wir wenigstens, wo die Vögel ihre Flugstunden nehmen.“ Marc schmunzelte und legte einen arm um Flower, die sich sofort schnurrend – oder eher schwer schnaufend – neben ihn plazierte und ihren Kopf auf seinen Oberschenkel legte. „Keine schlechte Idee“, brummte er leise. „Aber erst mal gibt es Kaffee. Und wenn ich merke, dass ich in den nächsten Stunden anfange, Körner zu picken, schicke ich dich sofort in die Backstube, um Spezialfutter zu besorgen.“ Anke schüttelte amüsiert den Kopf, drehte sich um und ging in die Küche, während im Hintergrund Curso seine Tonlage wechselte und ein besonders lautes, traktorähnliches Schnarchen anstimmte. Der Tag hatte zwar chaotisch begonnen, doch am Ende war alles genau dort, wo es hingehörte.

48 KAPITEL X Duft von Kaffee und Geborgenheit Der Duft von frisch aufgebrühtem Bohnenkaffee und warmen Brötchen zog durch das gesamte Erdgeschoss und vertrieb im Handumdrehen den letzten Hauch von Marcs müdem Nachtdienst- Charme. Nach einer ausgiebigen Frühstücksrunde, bei der Curso mit einer bemerkenswerten Ausdauer gleich drei halbe Croissants und eine ordentliche Portion Rührei verdrückt hatte, schien die Welt wieder absolut in Ordnung zu sein. Anke, die bereits seit den frühen Morgenstunden in ihrer Bäckerei gestanden und dort die ersten Teige geknetet hatte, genoss nun den wohlverdienten zweiten Kaffee in Gesellschaft ihrer kleinen, wenn auch extrem haarigen Familie. Marc rieb sich die Augen, gähnte einmal herzhaft, dass die Kiefer knackten, und beschloss, dass die horizontale Position jetzt genau das Richtige für seinen erschöpften Körper war. Ohne große Umschweife bewegte sich Marc in Richtung Schlafzimmer, dicht gefolgt von seiner enthusiastischen treuen Begleiterschaft. Nach einem ausgiebigen Frühstück legte sich Marc mit Flower und Curso ins Bett. Die Bettdecke war noch wunderbar warm von der Nacht, und das große Doppelbett schien sich in diesem Moment magisch auf die doppelte Größe auszudehnen, um Platz für zwei Erwachsene und zwei Hunde zu bieten, die sich für den sportlichen Wettbewerb im Ausbreiten angemeldet hatten. Flower stürmte gleich aufs Kopfkissen, legte ihren stattlichen Schäferhündinnen-Kopf mit einem tiefen Seufzer exakt auf Marcs Lieblingskissen ab und blickte ihn mit treuherzigen, wachen Augen an, als ob sie fürchten müsste, er wolle ihr diesen strategisch wichtigsten Aussichtspunkt streitig machen. Marc zuckte kurz mit den Schultern und gab nach; gegen Flowers unerschütterliche Entschlossenheit war ohnehin kein Kraut

49 gewachsen. Curso hingegen, der gemütliche Mischlingshund, machte keine großen Umstände und kletterte mit unter die Decke. Mit einer geschmeidigen, fast katzenartigen Bewegung wühlte sich Curso durch die Laken, schob seine kalte Schnauze direkt an Marcs linkes Schienbein und rollte sich zu einem kompakten, aber verblüffend schweren Ball zusammen. Marc stöhnte leise auf, als das volle Gewicht des Vierbeiners auf seiner frisch gewaschenen Bettwäsche lastete, aber die wohlige Wärme, die von dem Tier ausging, glich die anfängliche Enge mehr als aus. Während Anke sich für ihre Arbeit fertig machte, lief im Flur und im Badezimmer das gewohnte, harmonische Morgenprogramm ab. Man hörte das leise Klappern von Duschgel-Flaschen, das Summen der elektrischen Zahnbürste und das geordnete Klappern von Ankes Schuhen, als sie noch einmal kurz den Kopf durch die leicht geöffnete Schlafzimmertür steckte, um nach dem Rechten zu sehen. „Ihr seht ja aus wie eine perfekt drapierte Kuscheldecke aus dem Katalog für schlaflose Wachmänner“, rief Anke amüsiert durch den Türspalt, während sie sich den letzten Feinschliff an ihrem Lippenstift verpasste. Marc, dessen Kopf nun zur Hälfte unter Flowers imposantem Körperbau begraben lag, gab ein undefinierbares Brummen von sich, das wohl so viel wie ‚Lach nur, mein Engel‘ bedeuten sollte. Curso, der unter der Decke inzwischen die ideale Betriebstemperatur erreicht hatte, begann sofort wieder mit seinem legendären, tiefen Bass- Schnarchen, das die Bettkanten sanft vibrieren ließ. Anke schmunzelte über dieses friedliche, wenngleich urkomische Tableau. „Ich muss los in die Bäckerei, Liebling. Vergesst nicht, zwischendurch auch mal aufzuwachen und zu atmen! Und Marc, lass den GPS-Tracker lieber da, falls die Hunde dich im Schlaf entführen wollen.“ Mit diesen Worten zog sie die Haustür hinter sich zu, und im Haus breitete sich eine wohlige, fast heilige Ruhe aus, die nur durch das unermüdliche Orchester aus Hundeschnarchen unterbrochen wurde.

50 Marc schloss die Augen und genoss die friedliche Stille, die nach den Strapazen seines Nachtdienstes beim Werkschutz wie pure Erholung wirkte. Die morgendliche Begegnung mit der frechen Taube auf dem Firmengelände von Müller & Söhne schien plötzlich Lichtjahre entfernt zu sein. Hier, eingeklemmt zwischen einer eifrigen Schäferhündin und einem entspannten Mischlingshund, gab es keine ungebetenen Vögel, keine streikenden Schranken und vor allem keine dringenden Anrufe. Flower schnaufte einmal tief aus, drehte sich im Kreis und landete schließlich mit dem Rücken direkt an Marcs Rippen, während Curso sich noch ein Stück weiter nach unten schob, um Marcs Füße als persönliche Wärmflasche zu nutzen. Die Minuten vergingen wie im Flug. Die Sonne schob sich langsam über die Nachbardächer und warf helle, goldene Lichtstreifen durch den Spalt der Jalousien direkt auf Flowers braune Schnauze. Die Hündin blinzelte kurz, beschloss jedoch, dass Schlaf in diesem Moment eine höhere Priorität hatte als die Überwachung der Nachbarschaft. Marc atmete tief ein und aus. Das Leben mit Anke, den beiden Hunden und dem täglichen Chaos war vielleicht nicht immer traditionell oder ruhig, aber es war genau das, was er brauchte. Jeder Stolperstein, jede verwirrte Begegnung mit dem Postboten Herrn Matuschke und jeder ungeplante Hundeknöchel unter der Bettdecke fügten sich zu einem großen Ganzen zusammen, das voller Wärme und Humor steckte. Plötzlich, mitten in dieser tiefen, wohlverdienten Entspannungsphase, zuckte Flower abrupt zusammen. Ihre spitzen Ohren richteten sich wie zwei Radarschüsseln nach oben, und ein leises, warnendes Knurren entglitt ihrer Kehle. Curso, der eben noch tief und fest geschlafen hatte, schreckte ebenfalls hoch, bohrte seine Nase unter der Decke hervor und starrte mit großen, wachsamen Augen in Richtung Flür. Marc, der gerade im Begriff war, endgültig ins Land der Träume hinüberzugleiten, öffnete widerstrebend ein Auge. Ein dumpfes Kratzen an der Terrassentür im Erdgeschoss durchschnitt die morgendliche Stille wie ein scharfes Messer. Die Hunde sprangen mit einem

51 Satz aus dem Bett, rissen die Bettdecke komplett mit sich und ließen Marc schlagartig frische, kühle Morgenluft spüren, während sie laut keifend die Treppe hinunterstürmten, bereit, das nächste geheimnisvolle Abenteuer in Angriff zu nehmen. Marc stöhnte auf, rieb sich das schmerzende Knie, rappelte sich langsam auf und folgte den Hunden mit der resignierten Gewissheit, dass an ein Weiterschlafen heute wohl nicht mehr zu denken war.

52 KAPITEL XI Der König im Bademantel Die morgendliche Ruhe im Haus war endgültig dahin, und während Curso und Flower im Erdgeschoss vermutlich gerade die Terrassentür in ihre Einzelteile zerlegten, um den mutmaßlichen Eindringling zu stellen, stand Marc vor seinem Kleiderschrank und versuchte, die Scherben seiner verbliebenen Würde aufzusammeln. Ein normaler Mensch hätte sich in dieser Situation eine Hose und feste Schuhe angezogen. Doch Marc war nach einer weiteren harten Nachtschicht beim Werkschutz weder normal noch sonderlich besonnen. Er war müde. Er war genervt. Und vor allem hatte er absolut keine Lust auf Komplikationen. Also entschied er sich für die unkonventionelle Methode. Marc zog sich einen Bademantel über setzte sich einen Schlapphut auf, leinte die Hunde an und ging mit ihnen wie der King in Badelatschen spazieren. Der Bademantel war flauschig, hellblau und besaß praktischerweise zwei Taschen, die jedoch viel zu klein für sein Smartphone waren. Der Schlapphut stammte aus irgendeinem längst vergessenen Sommerurlaub und verlieh ihm die Aura eines gealterten Detektivs, der seine besten Jahre in einer zwielichtigen Bar hinter sich gelassen hatte. Und die Badelatschen – nun ja, sie machten bei jedem Schritt ein verlässliches *Klack-klack-klack*, das im schlafenden Wohngebiet vermutlich jede Katze im Umkreis von fünfhundert Metern weckte. Unten im Flur traf er auf Anke, die gerade mit einer Kaffeetasse in der Hand aus der Küche trat und beim Anblick ihres Lebensgefährten beinahe den gesamten Inhalt auf dem Flurteppich verteilte. Sie blinzelte einmal, zweimal und musterte ihn dann von Kopf bis Fuß. Ihr Blick blieb an den flauschigen Frotteefesseln seiner Füße hängen und wanderte langsam über den Bademantel hinauf zu dem extravaganten Hut. „Du siehst fantastisch aus, Schatz“, sagte Anke mit einem schiefen Lächeln, das unverkennbar den Versuch unternahm, einen Lachanfall zu

53 unterdrücken. „Planst du eine Audienz im Buckingham Palace oder suchst du nach einem Zeugenschutzprogramm für Hunde?“ Marc schnaubte leise, während Curso und Flower ungeduldig an ihren Leinen zerrten, als gäbe es draußen einen Staatsfeind zu verhaften. „Sehr witzig, Anke. Unten hat es gekratzt. Ich habe keine Zeit für Modeberatung. Der Werkschutz ruft, selbst im privaten Bereich. Wenn hier ein Einbrecher rumschleicht, dann soll er wenigstens sehen, dass er es mit einem Mann von Welt zu tun hat.“ Flower schien die modische Entscheidung ihres Herrchens voll und ganz zu unterstützen. Sie bellte einmal kurz und kraftvoll, was in der morgendlichen Stille klang wie ein Kanonenschlag, und stürmte dann direkt Richtung Haustür. Curso, der weitaus gemütlichere Vertreter der Hundewelt, trottete hinterher, warf Marc jedoch einen skeptischen Seitenblick zu, als wollte er sagen: *Mit diesem Outfit blamierst du uns beide.* Marc öffnete die Haustür, trat hinaus in die kühle Morgenluft und zog den Bademantel etwas fester um seinen Körper. Der Schlapphut saß schief auf seinem Kopf, schützte ihn aber immerhin vor den neugierigen Blicken der Nachbarn – vorausgesetzt, die Nachbarn schliefen noch tief und fest. Ein frommer Wunsch, wie sich nur wenige Sekunden später herausstellen sollte. Kaum hatten sie den Vorgarten verlassen und das Gartentor hinter sich gelassen, erklang ein vertrautes, markerschütterndes Rascheln aus der angrenzenden Hecke. Flower spannte sich augenblicklich an, und ihre Rute erstarrte zu einer steifen Antenne. Curso schnupperte tief in die Luft und stieß ein leises, grollendes Geräusch aus, das man fast schon als professionell bezeichnen konnte. Marc hielt die Luft an. Sollte es etwa der Einbrecher sein? Ein internationaler Spion, der sich im feuchten Gebüsch versteckte? Aus der Hecke schob sich ein Kopf, der von einer grauen Postmütze geziert wurde. Herr Matuschke, der Gemeindepostbote, kämpfte sich einmal mehr aus dem dichten Geäst hervor, an dem er sich offenbar erneut verfangen hatte. Seine Uniformjacke war an der linken Schulter

54 leicht aufgerissen, und ein loses Buchenblatt klebte malerisch auf seiner Brille. „Guten Morgen, Herr Matuschke!“, rief Marc mit leicht genervter Stimme, während die Badelatschen beim Abbremsen ein schriles Quietschen von sich gaben. „Haben Sie sich etwa schon wieder in unserem Vorgarten verirrt? Der Weg zur Haustür ist eigentlich gepflastert, falls Ihnen das in den letzten Jahren nicht aufgefallen sein sollte.“ Herr Matuschke, der sich gerade mühsam einen Zweig aus den Haaren strich, hielt inne und starrte Marc an. Seine Augen wanderten von den Badelatschen über den flauschigen Bademantel bis hin zu dem eleganten Schlapphut. Für einen Moment schien der Postbote völlig sprachlos zu sein – ein Zustand, den man bei ihm sonst eher selten erlebte. „Herr... Herr Nachbar“, stotterte Herr Matuschke schließlich und rückte seine Brille gerade, hinter der das verirrte Buchenblatt zum Vorschein kam. „Ich wollte nur... eine Abkürzung nehmen. Aber wer von uns beiden sieht hier eigentlich aus wie derjenige, der gerade aus einem James-Bond-Film entflohen ist?“ Curso nutzte die Ablenkung sofort aus, um an Herrn Matuschkes Hose zu schnuppern, während Flower versuchte, sich ein herabgefallenes Post-Infoblatt zu schnappen. Marc seufzte tief auf und zog den Gürtel seines Bademantels noch einmal nach. „Es ist eine lange Geschichte, Herr Matuschke“, erwiderte Marc trocken. „Sagen wir einfach, der Morgen verlangt nach dramatischen Maßnahmen. Haben Sie zufällig Einschreiben für mich oder nur schlechte Laune im Gepäck?“ Herr Matuschke schüttelte den Kopf, schien sich langsam von dem Schock des Anblicks erholt zu haben und kramte in seiner Umhängetasche. „Nein, heute keine Einschreiben. Nur Werbung für Gartenmöbel. Was angesichts Ihres Outfits fast schon wieder passend ist.“ Anke, die inzwischen neugierig auf der Veranda stand und das Schauspiel mit verschränkten Armen beobachtete, konnte sich nun endgültig ein lautes Lachen nicht mehr verkneifen. Ihre helle Stimme hallte durch die ruhige Straße. „Marc! Vergiss nicht, nachher noch frische Brötchen zu holen! Aber zieh vorher bitte echte Schuhe an, sonst denkt der Bäcker noch, du hättest

55 die Kontrolle über dein Leben verloren!“ Marc warf seiner Freundin einen theatralischen Blick zu, der puren Schmerz und gespielte Empörung ausdrücken sollte, während Herr Matuschke sich kopfschüttelnd und mit schnellen Schritten aus dem Staub machte, um dem wandelnden Bademantel-Phänomen zu entkommen. Curso winselte leise und sah Marc an, als wolle er fragen, ob sie jetzt endlich weitergehen oder ob der Ausflug in die Modewelt damit beendet sei. „Na kommt, ihr beiden“, brummte Marc und zog leicht an den Leinen. Das *Klack-klack-klack* seiner Badelatschen setzte sich wieder in Bewegung, während sie die morgendliche Gassirunde fortsetzten – ein unschlagbares Team aus einem schlecht gelaunten Werkschutzmitarbeiter im Bademantel, zwei übermotivierten Hunden und einer Nachbarschaft, die sich schmunzelnd aus den Fenstern lehnte. Die frische Luft tat gut, auch wenn die Blicke der ersten Pendler, die an ihnen vorbeifuhren, Bände sprachen. Einige winkten amüsiert, andere zückten fast reflexartig ihre Smartphones, um diesen absurden Anblick für die Nachwelt festzuhalten. Marc ignorierte es gekonnt. Er war schließlich im Dienst – wenn auch im modischen Ausnahmezustand. Nach einer ausgiebigen Runde durch den Park, in der Flower beinahe einen Eichhörnchen-Baum gefällt hätte und Curso sich demonstrativ in das feuchte Gras fallen ließ, um die Geduld seines Herrchens auf die Probe zu stellen, traten sie den Heimweg an. Die Sonne stand mittlerweile höher am Himmel und wärmte den flauschigen Stoff des Bademantels angenehm von außen. Als sie das Haus erreichten, wartete Anke bereits an der offenen Haustür. Sie hielt zwei frisch gebrühte Tassen Kaffee in den Händen und grinste breit, als Marc mit herabhängenden Schultern und schiefem Schlapphut den Weg heraufkam. „Und? War der Einbrecher ein internationaler Agent oder nur der Postbote?“, fragte sie und reichte ihm eine der Tassen entgegen, während die Hunde eifrig in den Flur drängten. Marc nahm den Kaffee dankend entgegen, zog den Hut aus dem Gesicht und atmete den duftenden Dampf ein. „Schlimmer als

56 jeder Agent, Schatz. Es war die Realität. Und ab morgen ziehe ich definitiv wieder richtige Hosen an.“ Anke lachte herzlich, hakte sich bei ihm ein und führte ihn ins Haus, während Curso und Flower sich bereits erschöpft auf den Teppich im Flur fallen ließen. Der Tag hatte zwar denkbar chaotisch begonnen, aber in diesem Moment wusste Marc genau, dass er trotz aller Pannen genau am richtigen Ort war – selbst in Badelatschen.

57 KAPITEL XII Hunger nach dem Chaos Die morgendliche Aufregung um den vermeintlichen Einbrecher und den in Postboten Herr Matuschke lag kaum hinter ihnen, da meldete sich bereits ein weitaus primitiverer, aber nicht minder dringlicher Feind zu Wort: der Hunger. Nach all dem Adrenalin, dem heroischen Auftritt im Bademantel und dem anschließenden besänftigenden Kaffee mit Herrn Matuschke knurrte Marcs Magen mittlerweile in einer Tonlage, die selbst die Deutsche Schäferhündin Flower kurz aufhorchen ließ. Die Hündin hob den Kopf von ihren Pfoten, sah Marc skeptisch an und legte sich dann mit einem tiefen Seufzer wieder hin, als hätte sie beschlossen, dass von ihrem Herrchen heute ohnehin keine vernünftige Rettungsaktion mehr zu erwarten war. Der Mischlingshund Curso hingegen, dessen Lebensphilosophie ohnehin aus den drei Grundpfeilern Fressen, Schlafen und gelegentlichem Staubsaugen von heruntergefallenen Krümeln bestand, hatte sich bereits vor der Küche in Position gebracht. Er saß dort wie eine gusseiserne Statue der Erwartung, den Blick starr auf die Küchentür gerichtet, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme gnadenlos auszunutzen. Anke, die nach den Strapazen der Nachtschicht in der Bäckerei und dem turbulenten Vormittag eigentlich eine Mütze voll Schlaf hätte gebrauchen können, entschied sich stattdessen für die Rolle der tatkräftigen Versorgerin. Mit einem entschlossenen Blick, der normalerweise Profiköche vor Neid erblassen lassen würde, verschwand sie in den Tiefen der Speisekammer. Marc hörte das Klappern von Regalböden, das verräterische Rascheln von Papier und das dumpfe Klopfen von Dosen, die offenbar unsanft zur Seite geschoben wurden. Er selbst lehnte sich derweil an den Türrahmen der Küche, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete das Treiben mit einer Mischung aus hungriger Vorfreude und mütterlicher Skepsis, die er sich bei seiner eigenen Schwiegermutter abgeschaut zu haben schien.

58 Immerhin war Anke zwar eine exzellente Bäckereiverkäuferin und Meisterin des süßen Gebäcks, aber in Sachen heimischer Haute Cuisine gab es durchaus noch Raum für kreative Interpretationen. Nach einigen Minuten kehrte Anke mit einem triumphierenden Lächeln und einer leicht eingedrückten Konservendose in der Hand zurück. Sie stellte das metallische Gefäß mit einem vernehmbaren *Klong* auf den Küchentisch, genau vor Marcs Nase. Curso schoss augenblicklich auf die Pfoten, glitt auf dem glatten Küchenboden kurz aus, fing sich aber geschickt wieder und schob seine feuchte Schnuppernase Zentimeter für Zentimeter an die Tischkante, um den Fund ausgiebig zu beschnuppern. Flower, deren Neugier nun doch geweckt war, erhob sich ebenfalls und trottete mit eleganter, fast majestätischer Miene heran, um einen kritischen Blick auf die Dose zu werfen. Marc starrte auf das Etikett. Darauf abgebildet war ein unglaublich süßer, treuherzig dreinblickender Hund mit riesigen Kulleraugen, der den Betrachter mit einer Mischung aus unendlicher Liebe und grenzenlosem Vertrauen anblickte. Darunter prangte in fetten, rot umrandeten Buchstaben die unmissverständliche Aufschrift: *Für ihren Liebling*. Marc hob den Kopf und sah Anke an, wobei seine Augenbrauen in Richtung Haaransatz wanderten. Ein Ausdruck tiefster, ungläubiger Verwirrungbreitete sich auf seinem Gesicht aus. Er blinzelte einmal, blinzelte zweimal, neigte den Kopf leicht zur Seite und fixierte dann erneut das Etikett, als würde sich dort gleich eine versteckte Kamera offenbaren. „Anke“, begann Marc mit einer Stimme, die verdächtig nach einem drohenden Kurzschluss klang, während er mit dem Zeigefinger auf die Dose tippte. „Ist das Essen aus der Dose!?“ Anke lehnte sich lässig an die Küchenzeile, verschränkte ihrerseits die Arme und schmunzelte breit, sichtlich amüsiert über die dramatische Darbietung ihres Freundes. „Ja, klar“, antwortete sie völlig ungerührt. „Du hast doch gesagt, du hast Hunger und es muss schnell gehen. Und schau dir den Hund an, der ist doch wirklich süß, oder?“ Marc starrte sie an, als

59 hätte sie gerade vorgeschlagen, die Möbel anzuzünden und darin zu wohnen. „Schon gut, der Hund gewinnt vermutlich jeden Schönheitswettbewerb im Tierheim“, gab Marc kopfschüttelnd zu und zog eine Grimasse. „Aber Schatz, das ist doch… das ist doch eindeutig Hundefutter! Riech doch mal!“ Er schob die Dose ein Stück näher zu Anke, die jedoch lachend einen Schritt zurücktrat. „Stimmt doch gar nicht“, protestierte Anke, auch wenn ihr Blick verriet, dass sie sich selbst nicht ganz sicher war, ob sie gerade einen genialen kulinarischen Streich oder einen historischen Fehler begangen hatte. „Es gibt heute so viele moderne Manufakturen, die Bio-Eintöpfe in Dosen für gestresste Berufstätige herstellen. Da dachte ich mir, das passt perfekt zu dir. Außerdem steht extra drauf: *Für ihren Liebling*. Da fühlst du dich doch angesprochen, oder?“ Marc starrte sie an, zog skeptisch die Nase hoch und öffnete mit einem wackligen Daumennagel den Deckel der Dose, der mit einem schmatzenden *Plopp* nachgab. Ein aromaschwangerer, reichlich undefinierbarer Duft stieg empor, der sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit von Curso und Flower auf sich zog. Beide Hunde setzten sich im Synchronmodus hin, legten die Köpfe schief und begannen unisono zu hecheln, während ein feiner Speichelfaden an Cursos Lefze herabhing. „Also“, murmelte Marc, griff zu einem Löffel, stach skeptisch in die grauliche Masse hinein und hob eine kleine Portion empor. „Es riecht ein bisschen nach nasser Pappe, die in einer Brühe aus alten Socken gekocht wurde. Aber wenn du meinst…“ Ohne weiter nachzudenken – getrieben von einer Mischung aus purem Hunger, unerschütterlichem Vertrauen in seine Partnerin und einer gewissen Portion männlichem Starrsinn – schob sich Marc einen kleinen Löffel der dubiosen Masse in den Mund. Die Stille in der Küche war augenblicklich greifbar. Curso hielt den Atem an. Flower kniff die Augen zusammen. Anke lehnte sich nach vorne, die Hände gespannt auf den Oberschenkeln abgestützt, bereit für das Urteil.

60 Marcs Augen weiteten sich ruckartig. Sein Kiefer erstarrte mitten in der Kaufsbewegung. Die Gesichtszüge des gestandenen Werkschutzmitarbeiters durchliefen in Sekundenschnelle das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen: von anfänglicher Skepsis über plötzliches Entsetzen bis hin zu einer tiefen, fast philosophischen Resignation. Er kaute langsam, extrem langsam, als würde er versuchen, jedes einzelne Molekül dieses fragwürdigen Experiments wissenschaftlich zu analysieren. Schließlich schluckte Marc mit einem hörbaren, schmerzhaften Geräusch herunter. Er räuspert sich heftig, griff nach seinem Glas Wasser und trank es in einem Zug leer. „Und?“, fragte Anke gespannt und konnte sich das Kichern kaum noch verkneifen. „Wie schmeckt es?“ Marc wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, atmete tief aus und sah Anke mit einem Blick an, der Bände sprach. „Es schmeckt komisch“, presste er hervor. „Sehr komisch. Irgendwie nach… nassen Kieselsteinen mit einer feinen Note von Industriefett.“ „Echt jetzt?“, platzte es aus Anke heraus, die nun laut loslachte, während Marc sich angewidert schüttelte. „Du hast das wirklich gegessen!?“ „Du hast gesagt, es ist für deinen Liebling!“, verteidigte Marc sich fast empört, wenngleich seine Stimme vor Ekel leicht überschlug. „Und da auf dem Etikett kein Bild von mir abgedruckt war, ging ich naiverweise davon aus, dass du mich meinst und nicht den Hund!“ In diesem Moment schien Curso zu begreifen, dass dieses kulinarische Meisterwerk offenbar nicht für ihn bestimmt war, oder aber, dass Marc die harte Konkurrenz um die besten Dosenrationen im Haus eröffnete. Der Mischlingshund stieß einen leisen, empörten Wau-Laut aus, stellte sich auf die Hinterbeine und legte die Vorderpfoten entschlossen auf Marcs Oberschenkel, als wolle er sagen: *Wenn du den Unsinn nicht willst, gib her, ich habe da keine Vorurteile.* Flower, die das Treiben mit der ihr eigenen aristokratischen Würde beobachtet hatte, drehte sich demonstrativ um und trottete mit erhobenem Schwanz zurück in den Flur, um sich auf den Teppich zu legen. Sie schien der Ansicht zu sein, dass das intellektuelle Niveau des Haushalts an diesem Tag einen

61 irreparablen Tiefpunkt erreicht hatte. Anke wischte sich eine Träne der Lache aus dem Auge, trat an den Tisch und nahm die Dose in die Hand. Sie warf einen genaueren Blick auf die winzigen, fast unlesbaren Buchstaben auf der Rückseite des Etiketts, die sie vor lauter Eile beim Einkauf im Supermarkt offenbar komplett übersehen hatte. Ihr Lachen stockte kurz, und sie biss sich auf die Unterlippe. „Ähm… Marc?“, sagte sie mit einer Stimme, die plötzlich sehr klein klang. „Was denn noch?“, stöhnte Marc, der immer noch versuchte, den Geschmack der dubiosen Mahlzeit mit einem Schluck Kaffee aus der Tasse zu neutralisieren. „Hat das Zeug etwa auch noch ein Mindesthaltbarkeitsdatum aus dem letzten Jahrtausend?“ „Nicht ganz“, erwiderte Anke und drehte die Dose so, dass Marc das Kleingedruckte lesen konnte. Dort stand: *Ergänzungsfuttermittel für ausgewachsene Hunde mit sensiblem Magen. Ohne künstliche Zusätze.* Marc starrte sie an. Anke starrte zurück. Dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus, das durch die ganze Wohnung hallte und selbst Curso dazu brachte, schwanzwedelnd in den Chor einzustimmen. Der morgendliche Schreck mit dem Postboten war vergessen, der seltsame Angriff der Taube schien Lichtjahre entfernt, und selbst die Tatsache, dass Marc gerade eine halbe Portionsdose Premium-Hundefutter verputzt hatte, konnte die familiäre Harmonie nicht trüben. „Na gut“, prustete Marc und zog Anke mit einem liebevollen Armzug an sich, während Curso versuchte, den Restinhalt der Dose unbemerkt zu inspizieren. „Wenn das so ist, dann weiß ich wenigstens, wer von uns beiden heute Nacht als Erster fauchend vor der Terrassentür steht, falls der echte Einbrecher doch noch mal vorbeikommt.“ Anke lehnte sich an seine Schulter, während draußen langsam der Nachmittag anbrach und die Sonne die Straße in ein warmes, goldenes Licht tauchte. Das Chaos hatte sie fest im Griff, doch in diesem Moment gab es für keinen von ihnen einen Ort, an dem sie lieber gewesen wären.

62 KAPITEL XIII Der Tanz der Lebensfreude Die Sonne schob sich langsam hinter den sanften Hügeln des Vorortes hinab und hinterließ einen spektakulären Teppich aus Purpurrot und Orange am Abendhimmel. Es war ein schöner warmer Abend und Marc meinte zu Anke, lass uns den Abend draußen auf der Terrasse genießen und bei Musik etwas tanzen. Ich kann Standard und Lateinamerikanisch und du!? Anke riss die Arme hoch und meinte, ich kann Betrunken und woohoo rufen! Marc blinzelte sie kurz an, während ein leicht amüsiertes Zucken um seine Mundwinkel spielte. Er hatte in seiner Zeit beim Werkschutz schon so manchen skurrilen Vorfall erlebt, von verwirrten Tauben bis hin zu Postboten in Brombeerhecken, aber Ankes Definition von Tanzkunst schlug mal wieder alles. Curso, der gechillte Mischlingshund, lag derweil platt wie ein Teppich unter dem Gartentisch und schien absolut nicht die Absicht zu haben, sich an irgendeiner Standard-Choreografie zu beteiligen. Flower hingegen, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, sprang bereits freudig im Kreis herum, als hätte sie soeben den Hauptpreis in einer Lotterie für professionelle Parkettfeger gewonnen. Sie verstand zwar kein Wort von dem, was Marc über Lateinamerika erzählte, aber das Wort „tanzen“ klang in ihren Hundeohren verdächtig nach Bewegung, Action und vielleicht sogar nach Leckerlis. „Na wunderbar“, sagte Marc und schüttelte grinsend den Kopf. „Das ist doch mal eine solide tänzerische Grundausbildung. Dann hoffe ich nur, dass deine Ausführung beim ‚Woohoo‘ taktfester ist als meine Schritte nach einer Doppelschicht im Nachtdienst.“ Anke lachte laut auf, ging schnurstracks ins Wohnzimmer und kam wenige Augenblicke später mit einem tragbaren Bluetooth-Lautsprecher zurück, der sofort mit feurigen Rhythmen beschallt wurde. Die Nachbarschaft von Marc und Anke war normalerweise von einer gewissen idyllischen Ruhe geprägt, doch heute Abend schien das Paar entschlossen zu sein,

63 diese Ruhe mit einer Mischung aus feurigem Ehrgeiz und absolutem musikalischem Dilettantismus zu sprengen. Marc zog seine Jacke aus, warf sie über den Liegestuhl und streifte kurz seine Hände an der Hose ab, bevor er sich in Pose warf. Als Werkschutzmitarbeiter war er gewohnt, Gefahrenlagen zu analysieren und präzise zu handeln, weshalb er nun versuchte, den perfekten Grundschritt eines Cha-Cha-Cha auf die Gehwegplatten der Terrasse zu zaubern. „Pass auf, Madame“, verkündete Marc mit einem theatralischen Blick und hielt die Hand hin. „Erst den rechten Fuß setzen, Gewicht verlagern, und dann die Hüfte kreisen lassen.“ Anke ergriff seine Hand, holte kurz Schwung, riss den freien Arm in den Abendhimmel und brüllte ein asthmatisches, übermotiviertes „Woohoo!“, das Curso unter dem Tisch zu einem tiefen, resignierten Seufzer veranlasste. Flower hingegen fand diese Einlage fantastisch. Sie stimmte sofort mit einem hellen, zustimmenden Bellen in den Rhythmus ein und begann, um das tanzende Paar herumzuirren, wodurch sie Marcs fein ausgeklügelte Fußarbeit beinahe zunichte machte. „Flower, Platz!“, rief Marc, während er gleichzeitig versuchte, eine halbe Drehung zu vollführen, ohne auf den Schwanz der Hündin zu treten. „Das ist hier kein Hundetraining, das ist Kultur! Lateinamerikanische Lebensfreude!“ „Die Lebensfreude spürt man vor allem im Geldbeutel, wenn du mir gleich auf den Fuß trittst“, konterte Anke trocken, während sie im Takt der Musik eine eher an das Warten an einer Supermarktkasse erinnernde Rechtsdrehung vollführte. „Weißt du was, Marc? Dein Standard in Ehren, aber ich finde, mein ‚Woohoo‘ hat eindeutig mehr Seele.“ „Seelemäßig mag das stimmen, aber ich bezweifle, dass man damit auf einem Turnier in Berlin auch nur einen Blumentopf gewinnt“, gab Marc zurück und zog sie in einer vermeintlich eleganten Bewegung an sich heran, die jedoch jäh gestoppt wurde, weil Curso beschlossen hatte, genau in diesem Moment seine Position unter dem Tisch zu wechseln und Marc gegen das Schienbein stieß. Mit einem erstickten Laut der Überraschung strauchelte Marc nach vorne.

64 Anke reagierte geistesgegenwärtig, packte ihn an den Schultern, um einen Sturz in die sorgfältig gepflegten Geranientöpfe zu verhindern, und rief noch einmal laut und triumphierend „Woohoo!“, während sie beide in einer äußerst unkoordinierten Umarmung auf die Gartenbank stolperten. Flower fand das Ganze absolut großartig, sprang mit den Vorderpfoten auf Marcs Oberschenkel und begann, ihm enthusiastisch das Gesicht abzulecken. „Ich glaube“, stöhnte Marc leise, während er versuchte, die nasskalten Hundezungen abzuwehren, „unsere Version von Standard und Latein unterscheidet sich grundlegend von dem, was man in Tanzschulen unterrichtet.“ „Ach Quatsch“, sagte Anke, die sich vor Lachen kaum noch auf der Bank halten konnte und sich den Bauch rieb. „Das war pure Leidenschaft. Leidenschaftlich chaotisch, aber immerhin.“ Sie setzte sich aufrecht hin, wischte sich eine Träne der Heiterkeit aus dem Winkel des Auges und strich ihrem Freund durch die Haare. Der laue Sommerabend umfing sie mit einer behaglichen Wärme, die jede Anstrengung des Tages vergessen ließ. Die Musik spielte leise im Hintergrund weiter, während die Grillen in den umliegenden Gärten ihr Abendkonzert anstimmten. Curso hatte sich inzwischen wieder auf dem kühlen Steinboden langgemacht und schien endgültig eingeschlafen zu sein, während Flower mit wachsamen, aber zufriedenen Augen das Geschehen beobachtete und ab und zu mit dem Schwanz an den Stuhl klopfte. Marc atmete tief die warme Luft ein, die nach trockenem Gras und dem Duft von Ankes frisch gebackenen Brötchen roch, die noch leicht an ihren Händen hafteten. All die kleinen Pannen, die Verwechslungen mit Hundefutterdosen, die seltsamen Begegnungen mit dem Postboten im Busch und der ewige Kampf mit dem GPS-Tracker schienen in diesem Moment unendlich weit weg zu sein. Es gab keine mysteriösen Kratzgeräusche an der Terrassentür, keine nervigen Taubenangriffe auf dem Werksgelände und keine drängenden Termine. Es gab einfach nur sie beide, die Hunde

65 und diesen wunderbaren, leicht schrägen Sommerabend. „Weißt du“, sagte Marc und lächelte Anke sanft an, während er einen Arm um ihre Schulter legte, „vielleicht sollten wir das mit dem Tanzen öfters machen. Aber das nächste Mal ohne Hunde im Aktionsradius. Zumindest nicht, wenn Curso meint, er müsse als Hindernisparcours fungieren.“ „Niemals“, entgegnete Anke und lehnte sich genüsslich an seine Brust, während sie ihren Blick über den sternklaren Himmel schweifen ließ. „Ohne die Vierbeiner fehlt doch die halbe Choreografie. Wer sollte denn sonst die Stimmung anheizen?“ „Da hast du allerdings recht“, murmelte Marc und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. „Flower hat eindeutig das Zeug zur Primadonna.“ Die Minuten verstrichen in einer friedlichen Stille, die nur durch das leise Rumoren des Kühlschranks im Haus und das ferne Rauschen des Verkehrs unterbrochen wurde. Der Tag ging langsam zur Neige, und die Dunkelheit senkte sich wie ein schwerer, samtartiger Vorhang über das Grundstück. Doch während drinnen im Flur der GPS-Tracker leise vor sich hin blinzelte – rein vorsorglich, falls sich die Realität doch noch einmal dazu entschließen sollte, chaotisch zu werden –, genoss das Paar jede einzelne Sekunde dieser verdienten Ruhe. Keiner von ihnen ahnte auch nur im Geringsten, dass der scheinbar so perfekte Frieden die Ruhe vor einem ganz besonderen, neuen Abenteuer war, das bereits am nächsten Morgen ungeduldig an ihre Tür klopfen würde.

66 KAPITEL XIV Stille nach dem Pansen-Debakel Die Nacht legte sich schwer und dunkel über das kleine Häuschen, in dem der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und dem missglückten Hunde-Eintopf des Vormittags längst einer friedlichen Kühle gewichen war. Draußen raschelten die Blätter im sanften Wind, während drinnen die Standuhr im Flur leise tickte, als wolle sie den Herzschlag der Welt verlangsamen. Marc, der mit seiner Glatze und dem grauen Vollbart im Halbdunkel des Schlafzimmers eher wie ein gutmütiger Hausphilosoph als wie ein gestandener Werkschutzmitarbeiter wirkte, atmete tief aus. Neben ihm stand Anke, deren lange, leicht gewellte Haare sich wie ein seidener Vorhang über ihre Schultern legten, während sie gähnend den letzten Knopf ihres Schlafanzugs schloss. „Wenn ich noch einmal das Wort ‚Dose‘ höre“, murmelte Marc mit einem breiten Grinsen im Gesicht, während er seine Brille auf den Nachttisch legte, „werde ich feierlich in den Hungerstreik treten. Mein Magen knurrt immer noch verdächtig nach Rinderpansen und Vollkorn.“ Anke lachte leise auf und warf ihm ein Kissen zu, das ihn zielsicher an der Schulter traf. „Du wolltest unbedingt probieren, was unsere Vierbeiner so schmackhaft finden. Selbst schuld, mein Schatz. Das nächste Mal liest du gefälligst das Etikett, bevor du den Löffel schwingst.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ sich rücklings in die frisch aufgeschüttelten Kissen des großen Bettes fallen. Die Matratze gab ein wohliges Quietschen von sich, das im ganzen Raum zu hören war. Nach dieser turbulenten Tanzeinlage auf der Terrasse, bei der sie sich fast die Knöchel verstaucht und eine Gartenbank zertrümmert hatten, gingen alle ins Bett. Die Anspannung des Tages, gewürzt mit einer gesunden Ladung Slapstick und romantischem Chaos, wich augenblicklich einer bleiernen, aber sehr willkommenen Bettschwere. Die Hunde, die den gesamten Abend über als eifrige, wenn auch unkoordinierte Zuschauer fungiert hatten, ließen sich nicht zweimal bitten. Sie

67 nutzten die Gunst der Stunde, um das elterliche Schlafzimmer in Beschlag zu nehmen, was ohnehin jeden Abend dem Einmarsch einer kleinen, pelzigen Armee gleichkam. Flower legte sich auf die Decke an Marc’s Brust und Curso tat es ihr gleich, mit dem einen unterschied, dass er es unter der Decke bevorzugte. Marc stöhnte leise auf, als die gut dreißig Kilogramm schwere Deutsche Schäferhündin mit Karacho ihren Platz auf seinem Brustkorb einnahm. Flower, stets aufgedreht und der Meinung, dass man kuscheln nicht passiv betreiben kann, drehte sich noch dreimal im Kreis, schnupperte an Marcs grauem Vollbart und ließ sich schließlich schwer wie ein Sack Mehl nieder. Ihre Pfoten zuckten im Halbschlaf, vermutlich verfolgte sie im Traum gerade wieder den Postboten Herrn Matuschke oder eine besonders freche Taube. „Du, Flower“, flüsterte Marc mit gepresster Stimme, da seine Lungen gerade etwa achtzig Prozent ihres normalen Volumens eingebüßt hatten, „weißt du eigentlich, dass du keine Decke bist? Du bist eine Dampfwalze mit Fell.“ Flower schien die Kritik nicht weiter zu stören. Sie legte ihren schweren Kopf direkt auf Marcs Kinn, schloss die Augen und begann tief und gleichmäßig zu atmen. Jeder ihrer Atemzüge fühlte sich an wie eine sanfte, aber unerbittliche Massage für Marcs Rippen. Doch so sehr er auch stöhnte, innerlich genoss er die tierische Nähe. Es war eben ihre ganz eigene Art von familiärer Gemütlichkeit, selbst wenn das Atmen unter einer Schäferhündin ein gewisses Maß an sportlichem Ehrgeiz erforderte. Unten im Fußbereich des Bettes herrschte indes eine ganz andere Dynamik. Curso, der gechillte mittelgroße Rüde, hatte sich bereits vor Minuten klammheimlich davongeschlichen, um nun unter den Laken sein Werk zu vollenden. Während Menschen normalerweise die Bettdecke über die Beine ziehen, schien Curso die Philosophie zu vertreten, dass die Decke am besten aufgehoben ist, wenn man sich komplett darin einrollt wie eine dicke, schnarchende Frühlingsrolle. Mit einem leisen, fast menschlichen Seufzer hatte er sich zwischen die Matratzen

68 und das Laken gekämpft, sodass von ihm nur noch eine merkwürdige, unnatürliche Erhöhung am Fußende zu sehen war. Ab und zu zuckte dieses Stoffknäuel leicht, wenn Curso im Traum über eine imaginäre Wiese rannte, was dazu führte, dass Ankes Füße im Takt seiner Bewegungen sanft massiert wurden. „Sag mal“, flüsterte Anke in die Dunkelheit hinein, während sie sich amüsiert das Schauspiel an ihrem Fußende ansah, „glaubst du, Curso bekommt da unten eigentlich noch Luft? Manchmal frage ich mich, ob wir einen Hund oder einen professionellen Höhlenforscher adoptiert haben.“ „Solange er nicht anfängt, im Schlaf zu graben und unsere Matratze ruiniert, soll er sich vergnügen“, brummte Marc leise zurück, wobei seine Stimme durch das Gewicht von Flower leicht vibrierte. „Außerdem hat das den großen Vorteil, dass er unsere Füße wärmt. Eine lebende Bettflasche mit vier Pfoten und einem Hang zum Drama.“ Im Zimmer breitete sich eine tiefe, wohlige Ruhe aus. Die Geräusche des Hauses verblassten allmählich. Nur das leise, rhythmische Schnarchen von Curso, das sich wie ein sanftes Motorengeräusch anhörte, mischte sich mit dem gleichmäßigen Ein- und Ausatmen von Flower. Anke schloss die Augen und zog die Decke noch ein Stück höher, während sie spürte, wie Marcs Hand im Halbdunkel nach ihrer Hand suchte. Ihre Finger verschränkten sich automatisch, ein vertrautes Ritual nach all den Jahren, das ihnen zeigte, dass sie trotz des täglichen Wahnsinns ein unschlagbares Team bildeten. Ob es die herannahende Müdigkeit war oder die schiere Erschöpfung nach den Ereignissen rund um den vermeintlichen Einbrecher und die Dosenfutter-Affäre – die Gedanken beider drifteten langsam ab. Marc dachte an seinen nächsten Dienst beim Werkschutz, fragte sich kurz, ob die ominöse Taube von neulich vielleicht Verstärkung geholt hatte, schob diesen Gedanken aber schnell wieder beiseite. Es gab Wichtigeres. Zum Beispiel die Frage, wie er sich morgen früh aus dem Klammergriff der aufgedrehten Schäferhündin befreien sollte, ohne einen Hexenschuss zu riskieren. Draußen

69 zog der Wind ein wenig an und trieb ein paar lose Äste gegen das Fensterglas, doch drinnen im warmen Schlafzimmer war davon kaum etwas zu spüren. Die Hunde waren ruhig, das Paar hielt Händchen, und selbst der GPS-Tracker, der unten im Flur auf der Kommode lag, blinkte mittlerweile in so einem sanften, fast unauffälligen Intervall, dass man ihn für eine verlorene Weihnachtsbeleuchtung hätte halten können. Anke atmete tief ein und aus. Die Anspannung des Bäckereialltags, das frühe Aufstehen mitten in der Nacht – all das schien in diesem Moment ganz weit weg zu sein. Sie kuschelte sich noch ein bisschen näher an Marc heran, wobei sie sorgsam darauf achtete, Flower nicht weiter zu provozieren, die nun in eine tiefere Schlafphase übergegangen war und leise im Traum bellte. „Schlaf gut, mein Großer“, flüsterte Anke kaum hörbar, während ihre Augenlider schwer wurden. „Schlaf gut, meine Kleine“, erwiderte Marc, der in diesem Augenblick den festen Entschluss fasste, morgen auf gar keinen Fall vor acht Uhr aufzustehen – es sei denn, Flower würde beschließen, dass jetzt die ideale Zeit für ein ausgiebiges Frühsportprogramm im Wohnzimmer war. Mit diesem beruhigenden, wenn auch leicht utopischen Gedanken sanken beide in einen tiefen, traumlosen Schlaf, eingeklemmt zwischen einer treuen, aber schweren Schäferhündin und einem unter der Decke versenkten Mischlingshund, bereit für alles, was der nächste Tag an Chaos bringen würde.

70 KAPITEL XV Der biologische Wecker Die Nacht war kurz, dunkel und von einem grollenden, tiefen Bass erfüllt, den man am ehesten als das Schorcheln einer uralten Dampfwalze beschreiben konnte. Marc lag auf dem Rücken, den Mund leicht geöffnet, während sein grauer Vollbart bei jedem Atemzug im Takt eines unsichtbaren MetronOMS wackelte. Neben ihm schlummerte Anke tief und fest, eingehüllt in die sanfte Illusion von sonntäglicher Ruhe und der absoluten Abwesenheit jeglicher Wecksignale. Doch diese Illusion hatte ein Verfallsdatum, das präzise auf den sieben Uhr morgens getaktet war. Es war keine Wecker-App, die das Ende der Nacht einläutete, sondern biologischer Natur, vierbeinig und von einer unerschütterlichen Entschlossenheit beseelt. Morgens um 7 Uhr standen Flower und Curso an der Bettseite von Anke und starrten sie an, bis sie schließlich wach wurde. Flower, die Deutsche Schäferhündin mit der unbändigen Energie eines aufziehbaren Flummis, hatte ihre Vorderpfoten auf die Bettkante gestemmt. Ihre dunklen Augen bohrten sich mit einer Intensität in Ankes Gesicht, die jeden professionellen Hypnotiseure vor Neid erblassen lassen würde. Direkt daneben saß Curso, der gechillte Mischlingshund, dessen heraushängende Zunge ein unverkennbares Zeichen dafür war, dass das Frühstück seiner Meinung nach bereits seit mindestens zwanzig Minuten überfällig war. Kein Winseln, kein Bellen – nur dieses starre, unerbittliche Anstarren, das jede noch so tiefe REM-Phase binnen Sekundenbruchteilen in Luft auflöste. Anke blinzelte schwerfällig, schlug die Decke ein Stück zur Seite und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie schaute schläfrig die Hunde an und sagte: „Ihr klebt den ganzen Tag an eurem Herrchen, und trotzdem bin ich diejenige, die ihr wegen des Frühstücks weckt?!“ Curso gab ein leises, melodisches Brummen von sich, das verdächtig nach Zustimmung klang, während Flower sofort begann, mit dem Schwanz so heftig gegen

71 den Nachttisch zu wedeln, dass ein kleiner Plastikbecher mit Büroklammern bedenklich ins Wanken geriet. Marc rührte sich in diesem Moment keinen Millimeter. Seine Brille lag fein säuberlich zusammengeklappt auf dem kleinen Tisch, seine Glatze glänzte matt im schrägen Morgenlicht, und sein Schnarchen ging nahtlos in einen schrillen Pfeifton über, als hätte man einen Teekessel auf die Herdplatte gestellt. Anke seufzte tief, warf einen langen, liebevoll-gequälten Blick auf ihren schlafenden Partner und schwang schließlich die Beine aus dem Bett. „Na gut, ihr kleinen Tyrannen. Bevor ihr hier noch vor Hunger umfallt oder das Mobiliarfressen anfangt, gehen wir eben los“, murmelte sie und schlüpfte in ihre Pantoffeln. Die Hunde mussten kein weiteres Mal gebeten werden. Mit einer Perfektion, die an ein militärisches Manöver erinnerte, machten sie Kehrtwende und stürmten die Treppe hinunter, wobei Curso auf den letzten drei Stufen mangels Bodenhaftung elegant ausrutschte und gegen die Flurwand schlitterte. Marc drehte sich im Bett einmal kurz auf die Seite, murmelte etwas Unverständliches von „Werkschutz und Nachtschichtzulage“ und schlief augenblicklich weiter, unbeeindruckt von dem akustischen Erdbeben im Erdgeschoss. Unten in der Küche herrschte bereits reges Treiben. Anke füllte den Napf der Hündin mit der gewohnten Präzision einer Apothekerin, während Curso sich demonstrativ neben sie setzte und mit einer Pfote leicht gegen ihr Schienbein tippte, um sicherzugehen, dass sie die Mengenangabe für den Mischlingshund bloß nicht zu knapp bemass. „Ja, ja, ich weiß, du kriegst auch deinen Teil, du Vielfraß“, sagte Anke lächelnd und strich dem Rüden über den Kopf. Während die Hunde gierig ihre Näpfe leerten, schlurfte Marc wenige Minuten später ebenfalls in die Küche. Er trug seinen ausgeleierten Jogginganzug, die Brille schief auf der Nase, und blickte drein wie jemand, der gerade Zeuge eines Banküberfalls geworden war. „Morgen“, nuschelte er und lehnte sich gegen den Kühlschrank, um sich den Kaffeebereiter zu sichern. „Guten Morgen,

72 Schlafmuetze“, begrüßte ihn Anke, während sie bereits den Kaffeelöffel schwang. „Haben die beiden dich etwa auch geweckt?“ Marc nahm die Brille ab, putzte sie an seinem ohnehin schon schmutzigen Pullover und blickte in Richtung Flur, wo Flower und Curso bereits ihre leeren Näpfe mit einer Ausdauer ausleckten, als gäbe es dort den Nobelpreis für Sauberkeit zu gewinnen. „Nein, ich bin von dem mentalen Druck aufgewacht, den Flower um Punkt sieben Uhr aufgebaut hat. Ich schwöre dir, die Frau hat eine innere Funkuhr, die direkt mit dem Frühstücksdepot gekoppelt ist.“ Anke lachte, reichte ihm die erste Tasse frisch gebrühten Kaffee und lehnte sich kurz an seine Schulter. „Sie wollten eben sichergehen, dass du nicht vergisst, wer hier wirklich das Sagen hat. Und apropos Sagen: Hast du gestern Abend eigentlich diesen GPS-Tracker auf der Kommode gesehen? Deine Schwiegermutter hat gestern noch eine SMS geschrieben und gefragt, ob die Satellitenverbindung einwandfrei funktioniert.“ Marc verdrehte theatralisch die Augen, nahm einen großen Schluck heißen Kaffee und schüttelte den Kopf. „Bitte nicht. Wenn die alte Dame erfährt, dass ich gestern Abend den Hunde-Eintopf probiert habe, statt eine Runde spazieren zu gehen, schickt sie mir noch ein Notfall- Armband mit integriertem Fallschirm.“ „Das wäre gar keine schlechte Idee“, entgegnete Anke trocken und grinste breit. „Besonders nach deinem denkwürdigen Auftritt im Wohnzimmer mit dem Tanz auf der Gartenbank.“ „Das war kein Auftritt, das war eine choreografische Fehlleistung der Gravitation“, korrigierte Marc mit gespielt ernster Miene, bevor er von einem heftigen Niesen unterbrochen wurde. Curso, der das Gespräch offenbar aufmerksam verfolgt hatte, kam herangetrabt, legte seinen kühlen nassen Kopf an Marcs Knie und hinterließ sofort einen sichtbaren Fleck auf der grauen Stoffhose. „Danke, mein Freund. Das hat mir jetzt echt noch gefehlt“, brummte Marc, strich dem Hund aber dennoch liebevoll über die Ohren. Die morgendliche Routine nahm ihren Lauf. Während Anke sich

73 langsam für den Weg in ihre Bäckerei fertig machte, musste Marc den obligatorischen Gang mit den Hunden antreten. Draußen roch die Luft nach frischem Frühlingsregen und feuchtem Asphalt. Der Tag versprach, ein typischer Tag im Leben dieser kleinen, chaotischen Gemeinschaft zu werden: voller kleiner Pannen, liebevoller Streitereien und jener unvorhersehbaren Momente, die ihr gemeinsames Leben so einzigartig machten. Marc war gerade dabei, die Leinen im Hausflur zu sortieren, als Flower plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufsprang und laut knurrend vor der Haustür Stellung bezog. Auch Curso hob den Kopf, spitzte die Ohren und fixierte den Türspalt mit skeptischem Blick. „Na toll“, stöhnte Marc und stützte sich seufzend auf seine Knie. „Wer ist das denn schon wieder? Matuschke, wenn du das bist und dich wieder in den Büschen verlaufen hast, ziehe ich dir die Ohren lang!“ Anke trat aus der Küche, den Schlüsselbund in der Hand, und schmunzelte. „Geh schon nach gucken, mein Schatz. Vielleicht bringt er ja wieder Post – oder den nächsten GPS-Tracker.“

74 KAPITEL XVI Besuch aus dem Nichts Die Haustür schwang mit einem leisen Quietschen auf, das sofort die Aufmerksamkeit von Curso und Flower erregte. Die beiden Hunde schossen im Eiltempo durch den Flur, die Krallen klickerten laut auf dem Laminat, als gäbe es einen Wettbewerb im Rutschen. Marc folgte ihnen mit gemessener Langsamkeit, die Glatze leicht glänzend im Flurlicht, die Brille auf der Nase, während er seinen grauen Vollbart skeptisch strich. Wer stand da draußen? Etwa wieder Herr Matuschke, der sich in der Nachbarschaft verlaufen hatte? Oder hatte die Schwiegermutter einen neuen technischen Überwachungsapparat geschickt, den sie eigenhändig an der Klingel montieren wollte? Marc öffnete die Tür einen Spaltbreit, den Blick wachsam wie ein erfahrener Werkschutzmitarbeiter. Doch draußen stand niemand. Kein Postbote, kein Paketbote und erst recht keine Schwiegermutter. Stattdessen lag lediglich eine kleine, einsame Werbebroschüre für einen lokalen Teppichreiniger auf der Fußmatte. Curso schnüffelte einmal kurz gelangweilt an dem Papier und drehte sich dann um, um im Wohnzimmer ein schattiges Plätzchen zu suchen. Flower hingegen versuchte, die Broschüre mit einem gezielten Kopfstoß in den Hausflur zu befördern, als gelte es, das Territorium gegen unerwünschte Druckschriften zu verteidigen. Marc atmete tief aus, nahm das Werbeblatt auf und schloss die Tür wieder. Anke lehnte sich derweil entspannt an den Türrahmen der Küche, verschränkte die Arme vor der Brust und schmunzelte breit. Ihre langen, leicht gewellten Haare fielen ihr dabei über die Schultern. „Na, hat der Postbote etwa kapituliert und schickt nur noch Altpapier?“, fragte sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Marc zog eine Augenbraue hoch, schob sich die Brille etwas höher und schüttelte den Kopf. „Ein Teppichreiniger, mein Schatz. Entweder will uns jemand dezent durch die Blume sagen, dass die Hunde hier zu viel Dreck machen, oder Herr Matuschke

75 hat seine Werbepost verloren. Ich tippe auf Letzteres.“ Anke lachte leise auf und winkte ihn in die Küche. „Vergiss die Post, der Duft ist wichtiger. Ich habe mittags gekocht und den Tisch gedeckt!“ Der Duft, der aus der Küche strömte, war in der Tat vielversprechend. Es roch nach frisch gebratenem Fleisch, feinen Kräutern und einem Hauch von Butter. Marc, dessen Magen bei diesem Aroma sofort ein vernehmliches Knurren von sich gab, ließ die Broschüre auf die Kommode fallen – direkt neben den berüchtigten GPS-Tracker, der dort stumm blinkte – und steuerte zielsicher den Esstisch an. Curso und Flower hatten sich bereits strategisch günstig unter dem Tisch positioniert, in der festen Hoffnung, dass bei der Essensausgabe der eine oder andere Krümel herabregnen würde. Marc setzte sich dazu und schaute auf seinen Teller. Neben einem perfekt gebratenen, saftigen Steak lag eine Portion seltsamer, kleiner, gelblicher Körner, die ein wenig an winzige Perlen oder Vogelfutter erinnerten. Er starrte das unbekannte Zeug an, blinzelte durch seine Brillengläser und musterte dann Anke, die gerade mit einer Schüssel Salat aus der Küche kam. Sein grauer Vollbart zuckte leicht, während er versuchte, dieses kulinarische Rätsel zu lösen. Es sah weder nach Kartoffeln aus noch nach Reis oder Nudeln. Es war einfach… da. Er beugte sich etwas vor, roch vorsichtig an dem Teller und blickte Anke mit einem Blick an, der pure Verwirrung ausdrückte. Er fragte Anke, was das neben seinem Steak sei!? Anke stellte die Salatschüssel auf den Tisch, setzte sich ihm gegenüber und lächelte charmant. „Das ist Couscous, mein Schatz. Sehr gesund, total modern und mal eine gelungene Abwechslung zu den üblichen Beilagen.“ Marc starrte kurz auf die kleinen Kügelchen, dann wieder auf Anke. In seinem Kopf ratterten die Zahnräder des Werkschutzmitarbeiters, der gewohnt war, klare Anweisungen und unmissverständliche Berichte zu lesen. Doch dieses Wort passte in kein Schema. Seine Züge entspannten sich zu einem breiten Grinsen, und er lehnte sich entspannt zurück.

76 Daraufhin sagte Marc: „Kuss zurück, aber was ist das!?“ Anke prustete los. Das Lachen schüttelte ihren ganzen Körper, und sie musste sich kurz am Tisch abstützen, um nicht vom Stuhl zu fallen. „Kuss zurück? Ernsthaft, Marc? Du bist unmöglich!“ „Hey, Moment mal!“, protestierte Marc mit gespielt empörtem Tonfall, während seine Augen fröhlich glänzten. „Das Wort klingt nun mal verdächtig nach einer Liebesbekundung oder einem Druckfehler in der Rezeptur. Couscous? Klingt wie ein verunglückter Kosenamen für einen Papagei.“ „Es ist Hartweizengrieß, du Scherzkeks“, erklärte Anke kopfschüttelnd, aber immer noch breit grinsend. „Und jetzt hör auf, den Mund aufzureißen, und probier es endlich. Es schmeckt fantastisch, versprochen.“ Unter dem Tisch hörte man ein leises Schmatzen, als Curso im Traum bereits den perfekten Steakbissen kaute. Flower gab ein kurzes, hohes Fiepsen von sich, als wolle sie die Kochkünste ihrer Herrin energisch unterstützen. Marc gab sich schließlich geschlagen, schnitt ein Stück von seinem Steak ab, spießt eine ordentliche Gabelvoll von dem geheimnisvollen Couscous auf und schob sich beides in den Mund. Anke beobachtete ihn gespannt. „Und? Urteil der Jury?“ Marc kaute langsam. Seine Stirn legte sich in Falten, während er den Geschmack analysierte. Die Kräuter entfalteten sich, die Butter harmonierte perfekt mit dem Fleisch, und die kleinen Körner hatten eine angenehme, locker-leichte Konsistenz. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich unter seinem grauen Vollbart aus. Er nickte anerkennend. „Gut“, urteilte er kauend. „Sehr gut sogar. Zwar kein Kuss, aber geschmacklich auf jeden Fall ein Volltreffer. Wenn du mir jetzt noch verrätst, wie man das ausspricht, ohne dass man denkt, ich würde jemanden küssen wollen, bin ich vollkommen zufrieden.“ „Das üben wir nach dem Essen, Liebling“, scherzte Anke und reichte ihm die Schüssel mit dem Salat. „Erst wird aufgegessen.“ Die Hunde unter dem Tisch schienen den Ausgang des kulinarischen Experiments ebenfalls

77 zu billigen, denn sie legten demonstrativ die Köpfe auf ihre Pfoten und warteten geduldig auf den Moment, in dem die menschliche Nahrungsaufnahme beendet sein würde. Die Sonne schien durch das Küchenfenster und tauchte den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Das alltägliche Chaos schien für diesen Moment weit weg zu sein. Weder kreischte eine Taube, noch hing der Postbote in einer Hecke, und selbst der GPS-Tracker auf der Flurkommode schien heute vergessen zu haben, wie man blinkt. Marc genoss das Steak und das merkwürdige Getreide, während Anke ihm eine amüsante Anekdote aus der Bäckerei erzählte, bei der ein Kunde versucht hatte, ein Roggenbrot mit einer Kreditkarte zu bezahlen. Die heitere Stimmung füllte den Raum, getragen von jener vertrauten Harmonie, die das Paar trotz aller Tollpatschigkeit und kleineren Missgeschicke stets verband. Doch während sie noch gemütlich beisammen saßen und über die Missgeschicke der Kundschaft lachten, schreckten die Hunde plötzlich hoch. Curso hob ruckartig den Kopf, die Ohren aufgestellt, und Flower stieß ein leises, warnendes Knurren aus, das sofort jede Gemütlichkeit im Keim ersticken ließ. Draußen auf dem Gehweg vor dem Haus erklomm ein merkwürdig schleifendes Geräusch die Stufen zur Veranda. Es klang keineswegs wie der schüchterne Schritt des Postboten Matuschke. Es klang schwer, unregelmäßig und zielstrebig. Marc hielt die Gabel in der Luft, während Anke ihn mit fragendem Blick ansah. Die entspannte Mittagspause war vorbei. Der Alltag hatte sie wieder eingeholt, und der nächste unerwartete Zwischenfall stand unüberhörbar vor der Haustür.

78 KAPITEL XVII Sturm an der Tür Das dumpfe Poltern an der Haustür klang nicht nach dem Postboten Herrn Matuschke. Es klang eher, als versuche jemand, das Holzportal mit einem gefrorenen Baguette einzuschlagen. Marc ließ die Gabel sinken, aufgespießtes Couscous plumpste zurück auf den Teller. „War das etwa eine Türverriegelung, die ihren Dienst quittiert hat, oder versucht da draußen gerade jemand, unsere Fußmatte zu enteisen?“, fragte Marc mit tonloser Stimme und wischte sich mit der Serviette über den grauen Vollbart. Anke stand so schnell auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und mit einem vernehmbaren Krachen auf den Fliesen landete. „Wenn das schon wieder dieser windige Vertreter für Doppelkammer-Staubsauger ist, zeige ich ihm, wie eine echte Bäckereiverkäuferin Teig ausrollt.“ Bevor Anke auch nur einen Schritt in Richtung Flur machen konnte, schalteten die Hunde auf den ultimativen Alarmmodus. Flower, die deutsche Schäferhündin mit einem unerschöpflichen Vorrat an überschüssiger kinetischer Energie, schoss wie eine schwarz-gelbe Rakete unter dem Esstisch hervor. Dabei erwischte sie Marcs linkes Schienbein mit einer Präzision, die jeden Profi-Fußballer vor Neid erblassen lassen würde. Marc stieß ein leises, gepresstes Keuchen aus und hielt sich das Bein. Curso, der gechillte Mischlingshund, sah das Ganze weitaus gelassener, folgte seiner überdrehten Gefährtin jedoch im Schleichtrab, um den verpassten Ruhm bei einer eventuellen Beutejagd nicht gänzlich Flower zu überlassen. „Hey, langsam! Passt auf die Gläser auf!“, rief Anke und hechtete hinterher, um Schlimmeres zu verhindern. Im Flur angekommen, bauten sich die beiden Hunde vor der massiven Eichentür auf. Flower gab ein tiefes, grollendes Keifen von sich, das bei jedem anderen Einbrecher sofort für eine grundlegende Umschulung und den Wunsch nach einem Bürojob gesorgt hätte. Curso lehnte sich derweil lässig mit dem Hinterteil

79 gegen die Kommode, auf der immer noch der ominöse GPS-Tracker der Schwiegermutter blinkte, und blinzelte verschlafen zur Decke. Von dort oben schien die Gefahr jedenfalls nicht zu kommen. Marc hinkte hinterher, korrigierte im Vorbeigehen seine Brille auf der Nase und musterte die Haustür. „Vielleicht sollten wir einfach so tun, als wären wir nicht zu Hause. Wenn wir mucksmäuschenstill sind, denkt der da draußen vielleicht, wir sind ausgewandert.“ „Marc, wir stehen direkt hinter der Glasfront, und Curso bellt gerade im Takt mit Flower“, erinnerte Anke ihn mit verschränkten Armen und einem leicht ironischen Lächeln, das trotz der bedrohlichen Lage ihre Zuneigung zu ihm verriet. „Mach jetzt endlich auf. Nicht, dass es am Ende doch der Paketdienst ist, der unsere lang ersehnte Großpackung Kaffeebohnen im Blumenbeet entsorgt hat.“ Marc seufzte tief. Er zog die Schultern nach oben, strich über seine blanke Glatte und legte die Hand auf die Klinke. Als Werkschutzmitarbeiter hatte er zwar ganz andere Kaliber gesehen, aber an einem freien Tag mit einer Horde hungriger Hunde im Rücken fühlte sich selbst der Gang zur Haustür an wie ein Einsatz in einem Actionfilm, bei dem das Budget für Spezialeffekte gestrichen wurde. Mit einem entschlossenen Ruck riss er die Tür auf. Draußen stand jedoch weder ein Paketbote noch ein gefährlicher Krimineller. Vor ihnen auf der Fußmatte stand eine ältere Dame in einem grellen, neongelben Windbreaker, die in der einen Hand einen Regenschirm hielt, der eher aussah wie eine Waffe, und in der anderen Hand eine Tupperdose. Es war Frau Huppertz aus der Nachbarschaft, die berühmt-berüchtigt für ihre zentnerschweren Pflaumenkuchen war, bei denen man sich grundsätzlich die Zähne ausbiss. „Guten Tag, Herr Matuschke… äh, Herr Marc!“, keuchte Frau Huppertz und drückte ihm sofort die Tupperdose in die Arme, bevor er etwas erwidern konnte. „Ich habe mich im Treppenhaus verlaufen, weil diese neumodischen Bewegungsmelder im Flur schneller ausgehen als

80 eine Kerze im Orkan. Da dachte ich mir, ich bringe Ihnen und Ihrer charmanten Frau mal den Rest vom Sonntagskuchen vorbei. Ist noch von vorgestern, aber der Beton wird erst in drei Wochen ganz hart.“ Marc starrte die Tupperdose an, als handle es sich um einen hochexplosiven Sprengsatz. „Äh, hallo, Frau Huppertz. Vielen Dank. Das ist… äußerst aufmerksam von Ihnen.“ Anke trat hinter Marc hervor, schob ihn mit sanftem Druck zur Seite und lächelte strahlend. „Ach, Frau Huppertz, wie wunderbar! Kommen Sie doch kurz rein auf einen Kaffee. Wir haben ohnehin gerade Mittagspause.“ „Nein, nein, ich will nicht stören“, sagte die alte Dame und schob sich, ohne auf eine Einladung zu warten, direkt an Marc und den Hunden vorbei in den Flur. Flower schnüffelte sofort intensiv an den orthopädischen Halbschuhen der Besucherin, während Curso beschloss, dass die Anwesenheit von Kuchen die Anwesenheit von Aufmerksamkeit bedeutete, und seinen Kopf demonstrativ auf Frau Huppertz' Knie legte. „Na schau an, der Kleine weiß eben, wo es die besten Leckerbissen gibt“, kicherte Frau Huppertz und streichelte Curso über den Kopf, während sie sich im Flur ihrer nassen Jacke entledigte. Marc schloss langsam die Haustür und warf Anke einen Blick zu, der Bände sprach. Der abrupte Übergang von einer potenziellen Krisensituation zu einem Kaffeekränzchen mit einer rüstigen Seniorin war an Absurdität mal wieder kaum zu übertreffen. Doch trotz der unerwarteten Störung des häuslichen Friedens breitete sich im Flur bald jene typische, chaotische Gemütlichkeit aus, die ihr gemeinsames Leben auszeichnete. „Kommen Sie in die Küche, Frau Huppertz“, sagte Anke und ging voraus. „Marc holt schon mal die Teller. Und wehe, du nimmst wieder die kleinen, auf denen der Kuchen verrutscht!“, rief sie über die Schulter. Marc verdrehte grinsend die Augen, nahm die Tupperdose entgegen und folgte den Damen in die Küche. Die Hunde trotteten dicht hinterher, in der festen Erwartung, dass der Pflaumenkuchen eventuell tierfreundliche Inhaltsstoffe wie Leberwurst oder Käse enthalten könnte.

81 Am Tisch angekommen, setzte sich Frau Huppertz auf den freien Stuhl, während Marc die Dose öffnete. Ein schwerer, süßlicher Duft nach Zimt und leicht überreifem Obst stieg ihnen entgegen. Curso saß bereits kerzengerade neben dem Stuhl der Besucherin und setzte seinen professionellsten Hunde-Dackelblick auf, der selbst den härtesten Türsteher weichgekocht hätte. „Und, junger Mann“, wandte sich Frau Huppertz direkt an Marc, während sie sich genüsslich zurücklehnte. „Ich habe gehört, Sie passen neuerdings so gut auf sich auf? Ich sah neulich im Garten so ein kleines rotes Blinken an Ihrem Gürtel. Machen Sie jetzt neuerdings auf Jogger?“ Marc verschluckte sich fast an seinem eigenen Speichel. Anke, die gerade die Kaffeetassen einschenkte, musste sich das Lachen mühsam verkneifen, sodass ihre Schultern heftig zuckten. „Das… äh… das ist ein technisches Hilfsmittel für den Notdienst“, stammelte Marc und schob den GPS-Tracker gedanklich zum tausendsten Mal in die Hölle, in die ihn seine Schwiegermutter geschickt hatte. „Damit mich meine Hunde im Park nicht wieder im Gebüsch verlieren.“ „Sehr vernünftig“, nickte Frau Huppertz anerkennend. „In Ihrem Alter kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Mein seliger Mann hat sich damals im Wald auch immer verlaufen, bis wir ihm eine Klingel um den Hals gehängt haben.“ Anke prustete nun doch los, und der Kaffee schwappte leicht über den Rand der Tasse. Marc war dankbar, dass sein grauer Vollbart den Großteil seines rot anlaufenden Gesichts verbergen konnte. Er nahm ein Stück des knallharten Pflaumenkuchens, biss vorsichtig hinein und stellte fest, dass die Befürchtungen bezüglich seiner Zahnsubstanz keineswegs unbegründet gewesen waren. „Und schmeckt er?“, fragte Frau Huppertz erwartungsvoll. Marc kaute mühsam, während Flower ihren Kopf nun auf seinem Schoß ablegte und ihn mit großen, treuen Augen anblickte, als wolle sie sagen: *Gib nicht auf, Herrchen, wir schaffen das zusammen.* „Phantastisch, Frau Huppertz“, brachte Marc mit steifem Kiefer hervor. „Einfach… unvergesslich.“ Die Szene am Küchentisch entwickelte sich zu einer jener typischen, schrägen

82 Alltagsanekdoten, die sie am Abend wahrscheinlich wieder stundenlang zum Lachen bringen würden. Das Chaos hatte sie fest im Griff, und der Tag war noch lange nicht vorbei. Draußen zog am grauen Nachmittaghimmel bereits die nächste Regenfront auf, während drinnen die Hunde darauf warteten, dass Frau Huppertz unachtsam wurde und ein Stück Kuchen fallen ließ. Anke lehnte sich an Marcs Schulter, während die Seniorin in eine langatmige Geschichte über ihren früheren Kleingartenverein verfiel. Marc spürte die Wärme ihrer Nähe und vergaß für einen Moment das Pochen in seinem Schienbein und den lästigen Tracker im Flur. Trotz aller Tollpatschigkeit und der täglichen Überraschungen funktionierte ihr Leben genau so, wie es war: unperfekt, laut, chaotisch und voller kleiner, unverhoffter Glücksmomente. Doch während Frau Huppertz gerade zu einer besonders langen Anekdote über den dortigen Gärtner ansetzte, spitzte Flower plötzlich die Ohren. Die Schäferhündin hob den Kopf, ließ den Kuchen völlig unbeachtet und starrte wie gebannt auf das Küchenfenster, hinter dem sich ein Schatten im einsetzenden Dämmerlicht abzeichnete. Marc bemerkte die plötzliche Anspannung der Hündin sofort. Er hielt inne, die Kaffeetasse in der Hand, und wechselte einen schnellen, bedeutungsvollen Blick mit Anke. Der entspannte Nachmittagkaffee hatte sich in Luft aufgelöst. Die Ruhe im Haus war vorbei, und bevor sie sich versahen, stand der nächste ungebetene Störenfried bereit, um ihre Geduld auf eine harte Probe zu stellen.

83 KAPITEL XVIII Schatten an der Tür Flower stieß ein tiefes, bedrohliches Knurren aus, das so gar nicht zu ihrem sonst so verspielten Wesen passen wollte. Die Ohren der Deutschen Schäferhündin waren kerzengerade nach vorne gerichtet, und ihr muskulöser Körper spannte sich wie eine geölte Feder. Curso, der mittelgroße Mischlingshund, ließ im selben Moment den Rest seines Hundekuchens links liegen, sprang mit einem Satz von der Couch und stellte sich breitbeinig neben Flower. Seine Rute peitschte nervös hin und her. Marc, der mit seiner Brille auf der Nase und dem grauen Vollbart im Gesicht noch immer die Kaffeetasse hinhielt, seufzte tief. Seine Glatze glänzte im nachmittäglichen Sonnenlicht, das durch das Küchenfenster fiel, während er den Blick von den Hunden zu Anke wandte. „Wenn das schon wieder Frau Huppertz mit einem nachfolgenden zahnbrechenden Backwerk ist, verweigere ich jegliche Mitarbeit“, brummte Marc und stellte die Tasse klappernd auf dem Tisch ab. Anke strich sich eine Strähne ihrer langen, leicht gewellten Haare aus dem Gesicht und zog eine Augenbraue nach oben. Sie musterte den Flur, von dem aus das Geräusch gekommen war. „Vielleicht ist es ja auch der Postbote, der sich erneut in den Büschen verirrt hat. Oder die Taube von neulich plant eine feindliche Übernahme unseres Wohnzimmers.“ Ein lautes Schaben an der Haustür unterbrach den sarkastischen Kommentar. Es klang nicht nach den sanften Schritten eines Paketbotens oder dem höflichen Klopfen einer Nachbarin. Es klang eher so, als versuche jemand, das Schloss mit einer Zahnbürste zu öffnen, oder als würde ein übergroßer Dachs den Eingangsbereich belagern. Flower legte den Kopf schief, bellte einmal kurz und scharf, und setzte sich dann in Bewegung. Mit gestrecktem Galopp stürmte sie in den Flur, direkt auf die Haustür zu. Curso, stets bemüht, den Status des gechillten Mitläufers zu wahren, der aber im Ernstfall doch nicht fehlen

84 durfte, trabte mit kurzem, entschlossenem Traben hinterher. Marc schaute den Hunden hinterher und rieb sich die Hände. „Na wunderbar. Als Mitarbeiter beim Werkschutz sage ich dir: Das ist ein glasklarer Fall für die Profis. Oder für jemanden, der seine Brille geputzt hat. Lass uns nachsehen, bevor sie die Tür komplett zerlegen.“ Anke erhob sich kichernd von ihrem Stuhl. „Du mit deinem Werkschutz-Instinkt. Du hast doch vorhin erst panisch den GPS-Tracker der Schwiegermutter gesucht, weil du dachtest, die Haustür sei weggelaufen.“ „Das war taktische Wachsamkeit“, verteidigte Marc sich mit gespielt empörtem Tonfall, während er Anke in den Flur folgte. Im Eingangsbereich bot sich ihnen ein Bild vollkommener Absurdität. Flower saß vor der Haustür, die Schnauze direkt an den unteren Türspalt gepresst, und schnüffelte so geräuschvoll, dass man meinen könnte, ein Staubsauger sei am Werk. Curso lehnte sich lässig gegen Fleurs Hinterläufe und musterte das Schlüsselloch mit einem Blick, der pure philosophische Gleichgültigkeit ausstrahlte. „Na, wer da wohl ist?“, flüsterte Anke und legte eine Hand auf Marcs Schulter. Marc räusperte sich, straffte seine Statur, auch wenn der graue Vollbart und der schlabbrige Pulli ihn eher wie einen gemütlichen Bären als wie einen harten Türsteher wirken ließen, und rief mit tiefer Stimme: „Wer da? Im Namen des Gesetzes und des hiesigen Werkschutzes: Identifizieren Sie sich, oder die Hunde bekommen den Befehl zum Küssen!“ Draußen an der Tür hörte das Schaben abrupt auf. Stattdessen ertönte ein empörtes Schnauben, gefolgt von einer krächzenden, sehr vertrauten Stimme: „Ja macht denn hier eigentlich niemand auf? Man steht sich ja die Beine in den Bauch! Und diese elenden Kletten im Vorgarten sind eine Zumutung für jede Maniküre!“ Anke schlug die Hände vor das Gesicht und lachte laut auf. „Das gibt es doch nicht. Es ist Mama!“ Marc erstarrte. Seine Brille rutschte ein Stück nach unten. „Deine Mutter? Die Schwiegermutter? Oh nein. Sie hat den GPS-Tracker nicht etwa

85 benutzt, um mich zu finden... sie hat *mich* als Ziel in ihrem Navigationsgerät eingegeben und uns nun eigenhändig geortet!“ Bevor Marc auch nur einen Fluchtversuch starten konnte, drückte Anke entschlossen die Klinke herunter und riss die Haustür auf. In der Öffnung stand Marcs Schwiegermutter, Frau Klein, bekleidet mit einem Trenchcoat, der aussah, als hätte er die Modewochen der 1980er Jahre persönlich überlebt, und bewaffnet mit einer riesigen Plastiktüte, die verlockend nach frischem Kuchen duftete. Um ihren Hals trug sie stolz eine Handtasche, die farblich perfekt auf ihre extrem spitzen Halbschuhe abgestimmt war. „Da seid ihr ja endlich!“, schimpfte Frau Klein und trat entschlossen über die Schwelle, ohne auch nur abzuwarten, ob man sie hereinbitten würde. Flower begrüßte den Neuankömmling mit einem überschwänglichen Schwanzwedeln und versuchte sofort, die Handtasche auf essbare Inhalte zu untersuchen. Curso hingegen verdrehte fast die Augen, drehte sich um und schlurfte gemächlich zurück in Richtung Wohnzimmer, wo der gemütliche Teppich auf ihn wartete. „Guten Tag, Schwiegermutter“, sagte Marc mit einer Mischung aus Erleichterung und leiser Panik. „Welch... unerwartete, hochmoderne Überraschung. Bist du etwa den Satellitenkoordinaten gefolgt?“ Frau Klein schloss die Tür hinter sich, schüttelte resolut den Kopf und fixierte Marc mit einem Blick, der jeden potenziellen Angreifer in die Flucht geschlagen hätte. „Von wegen Satellitenkoordinaten, Marc! Dein kleiner GPS-Sender auf der Kommode hat mir exakt angezeigt, dass du dich seit drei Stunden keinen Meter von der Stelle bewegt hast. Da dachte ich mir, der Junge verhungert wieder, weil Anke arbeiten muss und er zu faul ist, sich eine ordentliche Mahlzeit zu kochen. Also habe ich den Bus genommen!“ Anke trat neben ihren Partner, legte ihren Arm in den seinen und grinste amüsiert. „Siehst du, Schatz? Deine Schwiegermutter sorgt sich eben rührend um dich. Sogar ohne militärischen Werkschutz.“ Marc warf Anke einen Blick zu, der Bände sprach. „Ja, rührend ist das

86 richtige Wort. Fast so rührend wie der Hunde-Eintopf von gestern.“ „Was für ein Eintopf?“, fragte Frau Klein misstrauisch und zog die Einkaufstasche enger an ihren Körper, als befürchte sie einen Überfall. „Hast du wieder irgendwelchen Unfug gekocht, Marc? Du siehst ohnehin so blass aus. Hast du deine Brille geputzt? Warum glänzt deine Glatze so?“ „Das ist die natürliche Aura eines Mannes, der den harten Alltag mit zwei Hunden und einer unermüdlichen Familie meistert“, konterte Marc trocken, während er höflich nach der schweren Tasche griff. „Komm erst mal rein, Schwiegermutter. Bevor du uns hier im Flur noch eine Standpauke über Haushaltsführung hältst. Wir haben gerade erst Kaffee aufgesetzt.“ Frau Klein folgte Marc ins Wohnzimmer, nicht ohne Flower mit einer strengen Handbewegung davon abzuhalten, ihren Trenchcoat als Klettergerüst zu missbrauchen. „Kaffee ist gut“, meinte sie, während sie sich auf dem besten Sessel niederließ, den Curso zuvor nur ungern und mit tiefem Seufzen geräumt hatte. „Aber ich habe nicht nur Kaffee im Sinn. Ich habe die Nachrichten gehört. Es gab Vorfälle in der Nachbarschaft. Ein verdächtiges Rascheln, mysteriöse Gestalten im Gebüsch, und du, Marc, läufst angeblich in fragwürdigen Outfits durch das Haus, wenn man den Gerüchten glauben darf.“ Anke, die gerade frische Tassen aus dem Schrank holte, prustete leise los. „Wer hat dir denn das gesteckt, Mama? Etwa Frau Huppertz?“ „Frau Huppertz weiß Dinge, von denen ihr modernen Leute nicht einmal träumt“, erklärte Frau Klein bedeutungsvoll und öffnete ihre Plastiktüte. Zum Vorschein kam eine Tupperdose mit Ausmaßen, die eher an eine Autobahnbrücke als an Kaffeekuchen erinnerten. „Und deshalb habe ich beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wenn der Werkschutz versagt, muss die Familie eben eingreifen.“ Marc setzte sich auf das Sofa, genau neben Curso, der sich sofort wieder lang machte und seinen Kopf schwer auf Marcs Oberschenkel legte. Der Wachmann strich dem Mischlingshund geistesabwesend über das weiche Fell und blickte zu Anke, die ihm mit einem breiten Grunen eine Tasse Kaffee reichte.

87 „Na wunderbar“, murmelte Marc leise, aber laut genug, dass es alle hören konnten. „Erst die Hunde, dann die Taube, dann der Postbote in den Büschen, und jetzt ein hochgerüsteter Familienbesuch mit Tupperdose. Mein geplanter gemütlicher Nachmittag entwickelt sich langsam zu einer diplomatischen Krise.“ Frau Klein schnaubte vergnügt, schnitt mit einer Präzision, die eines Chirurgen würdig gewesen wäre, ein riesiges Stück Kuchen ab und schob es Marc direkt unter die Nase. „Iss erst mal, Marc. Du brauchst Kräfte. Wer weiß, wer heute Abend noch alles an eurer Tür kratzt.“ Flower, die den Kuchen gerochen hatte, setzte sich demonstrativ vor Frau Klein auf die Hinterbeine und legte den Kopf schief. Ihre braunen Augen blickten die Schwiegermutter so treuherzig an, dass selbst die resolute Dame kurz innehalten musste. Anke lehnte sich gegen Marcs Schulter, trank einen Schluck Kaffee und genoss das gewohnte, turbulente Chaos. Der Nachmittag war zwar völlig anders verlaufen als geplant, aber in diesem Moment wusste sie genau, dass sie keine Sekunde davon missen wollte. Marc atmete tief aus, strich sich über den grauen Vollbart und nahm schließlich das Stück Kuchen entgegen. Doch während er hineinbiss, wanderte sein Blick langsam zum Flur hinüber, wo der GPS-Tracker auf der Kommode leise vor sich hin blinkte, als warne er sie vor dem nächsten unerwarteten Ereignis, das nur darauf wartete, ihre Idylle auf den Kopf zu stellen.

88 KAPITEL XIX Besuch hinter der Tür Der leise blinkende GPS-Tracker auf der Kommode im Flur hatte kaum den Rhythmus eines gestressten Glühwürmchens angenommen, da knackte es an der Haustür so laut und vernehmlich, dass Marc fast der halbe Pflaumenkuchen seiner Schwiegermutter aus dem Bart fiel. Curso hob träge den schweren Kopf, seufzte tief und legte ihn wieder auf seine Pfoten, als ginge ihn die ganze Welt nichts an. Flower hingegen, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, schoss mit der Präzision einer überspannten Stahlfeder von ihrem Teppich hoch, stieß einen scharfen, durchdringenden Belllaut aus und rannte so ungestüm Richtung Flur, dass sie auf dem glatten Parkett kurz die Bodenhaftung verlor. „Huch!“, rief Frau Klein, die gerade noch mit einer Kaffeetasse in der Hand auf dem Sofa gesessen hatte und sich nun erschrocken an ihre ansehnliche Oberweite fasste. „Was ist denn jetzt schon wieder los? Bricht hier etwa das Haus ein oder hat der Postbote etwa Verstärkung geholt?“ Marc schluckte den Kuchen herunter, setzte seine Brille, die durch das plötzliche Aufspringen etwas verrutscht war, mit einer schnellen Handbewegung auf der Nase gerade und wischte sich mit dem Handrücken über seinen grauen Vollbart. Er schaute von seiner Partnerin Anke zu der geschlossenen Haustür, hinter der nun ein unverkennbares, schleifendes Geräusch zu vernehmen war. Es klang ein bisschen so, als würde jemand mit einem riesigen Besen die Fußmatte fegen – oder als versuche jemand mit sehr ungeduldigen Fingern das Schloss von außen zu knacken. „Keine Panik, Frau Klein“, sagte Marc mit einer Stimme, die er beruhigend klingen lassen wollte, die aber durch den Kaffeekuchenkrümel im Hals verdächtig kratzig klang. „Das ist bestimmt nur wieder Herr Matuschke, der sich in der Hausnummer geirrt hat. Oder die Müllabfuhr hat ihren Job heute besonders kreativ interpretiert.“ Anke stellte ihre Kaffeetasse

89 leise auf den Tisch ab und stand auf. Sie strich sich über ihre langen, leicht gewellten Haare und lächelte tapfer, obwohl ihre Augen eine gewisse Skepsis verrieten. „Herr Matuschke war heute Vormittag schon dran, Marc. Und den haben wir aus der Brombeerhecke gezogen. Es sei denn, er hat sich im Unterholz vermehrt.“ Flower kratzte inzwischen mit ihren Vorderpfoten an der Innenseite der Haustür und gab ein tiefes, grollendes Knurren von sich, das man von der sonst so freundlichen Hündin kaum kannte. Curso entschied nun ebenfalls, dass die Lage möglicherweise Aufmerksamkeit erforderte, erhob sich mit einem hörbaren Gelenkknacken und trottete im Schleichtempo hinterher, wobei sein dicker Schwanz in weiten Bögen hin und her wedelte – der Inbegriff absoluter Entspannung mitten im drohenden Chaos. „Warte mal kurz, Schatz“, hielt Anke Marc am Ärmel fest, als dieser in bester Werkschutz-Manier einen heroischen Schritt nach vorne machen wollte. „Nicht, dass du wieder in deinem Bademantel und den Badelatschen dastehst. Diesmal hast du zwar deine normale Hose an, aber man weiß ja nie.“ „Ich bin die Ruhe selbst“, beharrte Marc, auch wenn er reflexartig an seiner Brille zupfte. „Ich bin schließlich ausgebildeter Werkschutzmitarbeiter. Ich habe schon ganz andere Situationen gemeistert. Damals im alten Lagerhaus, als die automatische Schranke klemmte...“ „Das war ein defekter Bewegungsmelder, Marc, und du hast drei Stunden lang mit einem Regenschirm auf eine Motte eingeprügelt“, erinnerte Anke ihn liebevoll, aber bestimmt. Bevor Marc zu einer heroischen Entgegnung ansetzen konnte, flog die Haustür auf. Nicht, weil jemand sie geöffnet hätte – nein, sie schwang mit einem satten Krachen nach innen auf, weil der Riegel offensichtlich den ständigen Remplern der neugierigen Hunde nicht mehr standgehalten hatte. Oder weil jemand von außen kräftig dagegengetreten war. In der Türöffnung stand kein Postbote, kein Einbrecher und auch keine verirrte Nachbarin. In der Tür stand ein Mann in einer knallgelben Warnweste, mit

90 einem riesigen Klemmbrett unter dem Arm und einem Gesichtsausdruck, der pure, unbändige Verzweiflung ausstrahlte. Es war Herr Kroll, der örtliche Bezirksförster, den man sonst nur bei Stadtteilversammlungen oder wenn mal wieder ein Eichhörnchen im Trafohaus saß, zu Gesicht bekam. „Guten Tag!“, rief Herr Kroll atemlos und stolperte direkt über Flores Schwanz, was den armen Mann zu einer eleganten, aber völlig ungeplanten Pirouette veranlasste, an deren Ende er sich an Marcs Schulter festhalten musste. „Entschuldigung! Die Hunde! Die Haustür war nicht richtig im Schloss! Ich bin im Dienst!“ Marc, der nun von dem Förster umarmt wurde, starrte ihn durch seine Brillengläser an. „Herr Kroll? Was machen Sie denn hier? Suchen Sie etwa den vermissten Fuchs aus dem Kurpark?“ „Schlimmer!“, keuchte Herr Kroll und richtete hektisch seine Warnweste. „Viel schlimmer! Es geht um Ihren GPS-Tracker!“ Im Flur herrschte augenblicklich absolute Stille. Selbst Flower stoppte ihr Knurren und legte den Kopf schief, während Curso genüsslich an Herrn Krolls Wanderschuh schnupperte. Anke kam aus dem Wohnzimmer herbeigeeilt, dicht gefolgt von der resoluten Schwiegermutter Frau Klein, die sofort die Hände in die Hüften stemmte. „Mein GPS-Tracker?“, fragte Marc und deutete mit dem Zeigefinger auf den kleinen Apparat, der auf der Kommode immer noch leise vor sich hin blinkte. „Was ist mit dem?“ „Der sendet Signale aus!“, rief Herr Kroll und wedelte mit seinem Klemmbrett, als handelte es sich um eine exakte militärische Karte. „Und zwar nicht irgendwelche Signale, sondern Notfall-Koordinaten! Die Zentrale für Naturschutz und urbane Wildtierlenkung hat mich alarmiert. Auf meinem Dienst-Tablet leuchtet Ihr Flur rot auf! Die dachten, hier hätte sich ein extrem seltener, aggressiver Waschbär im Wohngebiet verschanzt, der mit High-Tech-Geräten ausgerüstet ist!“ Ein kurzes, schweres Schweigen legte sich über den Flur. Dann fing Frau Klein laut an zu schnauben. „Ein Waschbär?“, prustete sie los, dass ihre Dauerwelle wackelte. „Der einzige Waschbär in diesem Haus ist mein Schwiegersohn, wenn er

91 nachts heimlich den Kühlschrank plündert! Und dafür braucht er keinen Satelliten!“ Anke biss sich auf die Unterlippe, um ein schallendes Lachen zu unterdrücken, während ihre Schultern verdächtig zuckten. Sie trat neben Marc und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. „Siehst du, Schatz? Deine Schwiegermutter sorgt sich eben wirklich um dich. Sogar die Forstbehörde weiß jetzt Bescheid, dass du dich beim Gassigehen nicht mehr verlaufen kannst.“ Marc fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss, und er spürte, dass sein grauer Vollbart ihn heute nicht vor der Peinlichkeit retten würde. Er nahm den GPS-Tracker von der Kommode, drehte ihn in seinen Händen und drückte vorsorglich auf jeden erdenklichen Knopf, bis das kleine Ding endlich aufhörte zu blinken und stattdessen ein schrilles, elektronisches Abschiedslied piepste. „Herr Kroll“, sagte Marc mit einer Mischung aus Erschöpfung und tiefem inneren Frieden. „Ich verspreche Ihnen, hier treibt sich kein wilder Waschbär herum. Höchstens zwei Hunde mit zu viel Bewegungsdrang und eine Familie, die ein ganz normales, chaotisches Leben führt.“ Der Förster atmete tief aus, nahm seine Warnweste ab und strich sich über die feuchte Stirn. „Da bin ich aber beruhigt. Obwohl... wenn ich mir den Hund da anschaue...“, er deutete auf Curso, der sich gerade genüsslich auf den Fuß des Försters lehnte und dort einzuschlafen schien, „...der hat schon einen sehr verdächtigen Blick für einen wilden Waldbewohner.“ Alle lachten erleichtert auf. Selbst Frau Klein musste zugeben, dass das Ganze eine durchaus amüsante Wendung genommen hatte. Nach einigem Hin und Her und der feierlichen Übergabe einer Tasse Kaffee an den völlig erschöpften Herrn Kroll – der von dem steinharten Pflaumenkuchen vorsorglich nur die Kaffeeflüssigkeit zu sich nahm –, kehrte nach und nach wieder so etwas wie normaler Frieden in das Haus ein. Der Förster verabschiedete sich schließlich mit den Worten, er müsse im Stadtwald nach dem rechten Rechten sehen, und stolperte diesmal ohne tierische Zwischenfälle durch die offene

92 Haustür. Marc schloss die Tür hinter ihm, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete tief durch. „So“, sagte er und sah zu Anke, die ihn mit einem warmen, liebevollen Lächeln musterte. „Das hätten wir. Kein Einbrecher, kein Waschbär, nur der Bezirksförster.“ „Und ein funktionierender GPS-Tracker“, ergänzte Anke mit einem schelmischen Funkeln in den Augen, während sie ihm den kleinen Kasten aus der Hand nahm. „Den sollten wir vielleicht das nächste Mal ausschalten, bevor wir Besuch aus dem Wald bekommen.“ Marc seufzte, nickte und strich sich durch den Bart. Doch bevor er auch nur einen Schritt Richtung Wohnzimmer machen konnte, um sein angefangenes Stück Kuchen endlich aufzuessen, ertönte von draußen ein neues, diesmal extrem scharfes und ungewohntes Geräusch. Es war ein leises, mechanisches Surren, gefolgt von einem feinen Summen, das direkt vor dem Küchenfenster in der Luft zu hängen schien. Flower, die sich gerade auf den Weg ins Körbchen gemacht hatte, wirbelte in der Luft herum, dass ihre Ohren nur so flogen, und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Fensterscheibe. Auch Curso hob den Kopf und spitzte die Ohren. Marc und Anke tauschten einen vielsagenden Blick. Das Surren wurde lauter, fast so, als würde sich eine riesige, summende Hummel – oder etwas sehr viel Komplizierteres – direkt vor ihrem Glas positionieren, um das turbulente Familienidyll auf eine neue, unerwartete Probe zu stellen.

93 KAPITEL XX Das Summen hinter dem Glas Das mechanische Surren schwillt zu einem alarmierenden Crescendo an, das selbst den treuesten Wachhund der Welt aus der Fassung bringen könnte. Marc starrt mit weit aufgerissenen Augen auf das Küchenfenster, hinter dessen Milchglas sich ein unheilvoller, rotierender Schatten abzeichnet. Neben ihm steht Anke, die die Hände in die Hüften stemmt und den Kopf schieflegt. Frau Klein hingegen greift sofort nach ihrer Handtasche, als gelte es, sich gegen bewaffnete Banditen zu verteidigen, während die Hunde Curso und Flower in eine synchrone, hochfrequente Bell-Sinfonie ausbrechen. „Das ist doch niemals eine Hummel“, ruft Marc aus, während er reflexartig einen Schritt nach hinten macht und dabei beinahe über Curso stolpert. Der gechillte Mischlingshund zuckt nicht einmal mit der Wimper, schaut Marc lediglich mit einem Blick an, der pure Gleichgültigkeit ausstrahlt, und leckt sich gemütlich die Pfote. Flower hingegen springt an der Fensterscheibe hoch, hinterlässt eine Ladung feuchter Nasenabdrücke auf dem Glas und versucht mit Nachdruck, dem unsichtbaren Feind die Leviten zu lesen. „Beherrsche dich, Marc! Du arbeitest beim Werkschutz, du hast ganz andere Kaliber gesehen“, faucht Frau Klein streng und zieht eine Papiertüte mit selbstgebackenen Plätzchen hervor, als ob Zuckergebäck jede Krise der Welt lösen könnte. Anke verdreht die Augen, geht entschlossen auf das Fenster zu und reißt es mit einem kräftigen Ruck auf. „Jetzt reicht es aber mit dem heimlichen Kino“, ruft sie in den Garten hinaus. Anstelle eines gefährlichen Monsters oder eines weiteren verwirrten Beamten blickt die kleine Gruppe nun direkt in die rotierenden Rotorblätter einer knallroten Drohne, die in der Luft schwebt und offenbar versucht, durch das Fenster den Esstisch zu scannen. Unter dem Fluggerät hängt blinkend und piepsend – wie ein unheilvolles Damoklesschwert – exakt jenes

94 technische Gadget, das für die letzten Tage so viel Aufruhr gesorgt hat: der GPS-Tracker von Schwiegermutter Frau Klein. Marc greift sich an die Glatze, schiebt seine Brille auf der Nase zurecht und stößt ein erleichtertes, aber höchst verwirrtes Seufzen aus. „Warte mal. Meint deine Mutter etwa, ich bin ein streunender Waschbär, weil die Drohne mich ortet?“ „Nicht ganz“, antwortet Frau Klein, die nun ebenfalls ans Fenster tritt und stolz das Display ihres Smartphones vorzeigt. „Ich habe mir eine professionelle Überwachung angeschafft. Schließlich weiß man bei deiner Tollpatschigkeit nie, ob du dich im Park mal wieder von einer läppischen Hunde-Leine umreißen lässt oder von Tauben attackiert wirst!“ Marc verschränkt die Arme vor der Brust und schüttelt ungläubig den Kopf. „Eine Drohne? Ernsthaft? Soll das etwa heißen, ich stehe unter permanenter Luftüberwachung durch meine eigene Schwiegermutter?“ „Es dient deiner Sicherheit, mein Lieber“, entgegnet Frau Klein trocken, bevor sie sich wieder den Plätzchen widmet. Bevor der verbale Schlagabtausch zwischen Marc und der resolute Dame weiter eskalieren kann, verliert die Drohne offenkundig die Orientierung. Vielleicht liegt es an Flowers energischem Gebell, vielleicht auch an einer plötzlichen Windböe, jedenfalls gerät das technische Fluggerät ins Trudeln. Mit einem lauten Summen kippt die Drohne zur Seite, streift den Blumentopf auf der Fensterbank, in dem Ankes Lieblingsgeranien thronen, und stürzt unaufhaltsam in Richtung Erdreich ab. Ein dumpfer Aufschlag, gefolgt von einem knackenden Geräusch, hallt durch den Garten. „Meine Geranien!“, ruft Anke entsetzt, während Marc sofort in den Retter-Modus umschaltet – oder es zumindest versucht. In seiner typischen, leicht unkoordinierten Hektik stürmt er an Curso vorbei, verfängt sich in Flowers langer Flexileine, die noch immer auf dem Küchenboden liegt, und vollzieht eine elegante, wenn auch unfreiwillige Bauchlandung direkt auf dem Wohnzimmerteppich. „Alles bestens im Griff!“, ruft Marc aus der

95 Teppichkante heraus, während seine Brille auf die Nasenspitze gerutscht ist und er mühsam versucht, sich aufzurappeln. Anke eilt herbei, zieht ihn an den Schultern hoch und kann sich dabei ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Du bist und bleibst mein bester Action-Held, Marc. Da braucht es gar keine Drohnen für die Unterhaltung.“ Frau Klein nickt missbilligend, während sie aus dem Fenster blickt. „Der GPS-Tracker ist vermutlich Schrott. Aber das war ohnehin ein Billigmodell aus dem Sonderangebot.“ Curso, der das ganze Spektakel vom Sofa aus beobachtet hat, rollt sich demonstrativ zusammen und beschließt, dass jetzt der ideale Zeitpunkt für ein ausgiebiges Nickerchen ist. Flower hingegen rennt zur Terrassentür, kratzt energisch an der Scheibe und will unbedingt nach draußen, um den abgestürzten Metallvogel einer genauen geruchlichen Inspektion zu unterziehen. „Na gut“, seufzt Marc, klopft sich den Staub von der Hose und richtet seine Brille. „Bevor dieser fliegende Spion noch den Rasenmäher in Brand setzt, hole ich das Ding rein. Aber danach wird Klartext geredet, was die Überwachung angeht.“ Anke legt ihren Kopf an seine Schulter und lacht leise. „Du weißt doch, wie meine Mutter ist. Sie meint es nur gut – auch wenn ihre Methoden eher an einen Agenten-Thriller als an einen ruhigen Nachmittag erinnern.“ Gemeinsam treten sie nach draußen in den Garten. Die Nachmittagssonne taucht die Umgebung in ein warmes, goldenes Licht, und von dem anfänglichen Schrecken ist nicht mehr viel zu spüren. Die rote Drohne liegt kopfüber im Blumenbeet, die Rotorblätter zucken noch matt, während der GPS-Tracker friedlich vor sich hin blinkt. Flower nähert sich dem technischen Gerät mit gespitzten Ohren und schnuppert vorsichtig daran, während Curso gemütlich auf der Terrasse sitzen bleibt und dem treiben aus sicherem Abstand zusieht. Frau Klein steht derweil an der offenen Terrassentür, hält die Kaffekanne in der Hand und ruft ihnen zu: „Und? Lebt der Feind noch? Oder soll ich frischen Kaffee kochen, um den Schock zu

96 verdauen?“ Marc schaut zu Anke rüber, die ihm einen liebevollen, amüsierten Blick zuwirft. Trotz des alltäglichen Chaos, der herumlaufenden Hunde, der Einmischungen der Schwiegermutter und der drohenden technischen Überwachung spürt Marc genau diese tiefe, unerschütterliche Harmonie, die ihr gemeinsames Leben auszeichnet. Es ist ein turbulentes, lautes und oft vollkommen verrücktes Dasein – aber es ist ihr Leben, und sie würden keinen einzigen Zentimeter davon eintauschen wollen. „Kaffee klingt hervorragend“, ruft Marc schließlich zurück und bückt sich nach dem GPS-Tracker, wobei er peinlich genau darauf achtet, nicht wieder über Curso zu stolpern, der sich unbemerkt angeschlichen hat. „Aber diesmal ohne Drohnen-Begleitung, verstanden?“ Frau Klein winkt abwinkend ab, schenkt sich jedoch demonstrativ eine neue Tasse ein. Die Gefahr scheint vorerst gebannt, und die kleine Familie versammelt sich wieder auf der Terrasse, um den Tag bei Kaffee und Gebäck ausklingen zu lassen. Doch während Marc sich gerade gemütlich in seinen Gartenstuhl fallen lassen will, fängt Flower plötzlich wieder an, misstrauisch die Ohren zu spitzen. Die Schäferhündin starrt starr und konzentriert in Richtung Gartentor, wo ein verdächtiges Rascheln in den Hecken zu hören ist. Marc hält die Kaffeetasse in der Hand, erstarrt in der Bewegung und tauscht einen skeptischen Blick mit Anke aus. Das Surren mag zwar vorbei sein, doch das nächste Abenteuer lässt in diesem Haus garantiert nicht lange auf sich warten.

97 KAPITEL XXI Besuch aus dem Äther Die Kaffeetasse in Marcs Hand schien plötzlich zu schwer zu werden, als das mechanische Surren endgültig verklang. Er trug seine Brille auf der Nasenspitze, und durch seine Glatze zog sich ein feiner Schweißfilm, den er sich mit dem Handrücken abwischte. Anke lehnte sich gegen die Küchenzeile, ihre langen, leicht gewellten Haare fielen ihr über die Schulter, während sie ihren Blick starr auf das geschlossene Gartentor richtete. Die Deutsche Schäferhündin Flower stand kerzengerade, die Ohren gespitzt wie zwei Radarschüsseln, und der Mischlingshund Curso gab ein leises, aber tiefes Knurren von sich, das eher nach einer kaputten Kaffeemaschine klang als nach einem gefährlichen Wachhund. „Wenn das wieder deine Mutter ist, die versucht, uns mit einer Drohne frische Buletten zu liefern, ziehe ich in den Wald zu Herr Kroll“, murmelte Marc und stellte die Tasse so geräuschvoll auf den Tisch, dass ein brauner Schwapp des Kaffees die makellose Ordnung der Tischdecke ruinierte. Anke schmunzelte trotz der angespannten Situation. „Ach, Marc, sie meint es doch nur gut. Sie sorgt sich eben um deine Tollpatschigkeit. Seitdem du diesen verdammten GPS-Tracker hast, glaubt sie wohl, sie leitet die Bodenstation der NASA.“ „Es ist kein NASA-Projekt, Anke! Es ist ein Folterinstrument, das mich daran hindern soll, beim Bäcker die falsche Straßenseite zu wählen!“, erwiderte Marc und strich sich fahrig über seinen grauen Vollbart. Bevor Anke antworten konnte, ertönte ein lautes, metallisches Scheppern vom Gartentor. Curso schoss mit einem Satz nach vorn, riss dabei fast den kleinen Teppich im Flur mit sich und prallte frontal gegen die Schuhbank. Flower ließ sich davon nicht beirren, galoppierte elegant an dem benommenen Mischlingshund vorbei und landete mit den Vorderpfoten direkt auf der Türklinke. Mit einem gewohnten Dreh, den sie sich über die Monate mühsam abgeguckt hatte, drückte sie die Klinke

98 herunter. Die Terrassentür sprang auf. „Flower, nein! Nicht schon wieder der Postbote!“, rief Anke und rannte hinterher, während Marc fluchend in seine Hausschlappen schlüpfte. „Wenn Herr Matuschke heute wieder in den Brombeeren landet, zahle ich seinen Chiropraktiker!“ Draußen im Garten bot sich ein Bild des reinen Chaos. Der Wind wehte leicht durch die Büsche, und mitten auf dem Rasen stand eine Gestalt in leuchtend gelber Warnweste, die wild mit den Armen fuchtelte. Es war jedoch nicht Herr Matuschke, der sonst um diese Uhrzeit mit stoischer Ruhe Briefe einwarf. Es war ein gänzlich unbekannter Mann, der eine riesige, blinkende Kiste vor sich her schleppte, als trüge er einen sprenggesicherten Koffer. „Halt! Bleiben Sie stehen!“, rief der Fremde mit schriller Stimme, als Flower und Curso im Vollsprint auf ihn zustürmten. Der Mischlingshund und die Schäferhündin bildeten sofort ein perfektes, wenn auch leicht verwirrtes Einhhorn-Tandem, das den armen Mann einkreiste. Curso schnüffelte ausgiebig an dessen linker Hosentasche, während Flower demonstrativ ein Bein hob und den Plastikkoffer des Mannes fixierte. Marc kam keuchend hinterhergerannt, hielt sich die Seite und versuchte, Autorität auszustrahlen, was durch seinen Bademantel und den grauen Vollbart eher mäßig gelang. „Guten Tag! Wer sind Sie und warum belästigen Sie unsere Hunde mit Ihrem Koffer? Die haben gerade erst gefrühstückt!“ Der Mann wich entsetzt zurück, stolperte über einen Gartenzwerg, der Frau Klein einst geschenkt hatte, und landete unsft im weichen Blumenbeet. „Ich bin Kisten-Klaus! Vom örtlichen Paketdienst!“, presste er hervor, während Curso fröhlich sein Gesicht ableckte. „Ihre... Ihre elektronische Bestellung ist da! Und sie piept!“ Anke trat hinzu, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den am Boden liegenden Paketboten mit einer Mischung aus Mitleid und Amüsement. „Wir haben nichts bestellt. Marc, hast du wieder nachts im Internet Dinge geordert, an die du dich am Morgen nicht mehr erinnerst?“ Marc hob abwehrend die Hände. „Ich schwöre dir, das Einzige, was ich nachts bestelle, ist der Drang,

99 endlich zu schlafen! Ich habe nichts gekauft!“ „Doch, haben Sie!“, rief Kisten-Klaus aus den Tulpen und deutete zitternd auf den Karton, der nun gefährlich rot aufblinkte. „Hier steht drauf: ‚Für den wertesten Schwiegersohn, der sich ständig verläuft. Inklusive Selbstzerstörungs-Garantie gegen den Verstand!‘“ Ein kollektives Schweigen legte sich über den Garten. Selbst Curso stoppte sein hektisches Schwanzwedeln und Flower legte den Kopf schief. Marc schloss die Augen und seufzte tief. „Meine Schwiegermutter.“ „Frau Klein“, stellte Anke trocken fest. „Natürlich.“ Nachdem der Paketbote mit einem großzügigen Trinkgeld und einer frisch geschmierten Stulle aus Ankes Bäckerei (die sie sicherheitshalber in eine Plastiktüte packte, um Verwechslungen mit Hundefutter zu vermeiden) verabschiedet worden war, stand die Familie im Wohnzimmer um das mysteriöse Paket herum. Curso und Flower lagen bereits platt auf dem Teppich, als hätten sie gerade einen Marathon absolviert, und beobachteten das Treiben mit halb geschlossenen Augen. Marc saß auf dem Sofa, den Karton vor sich auf dem Couchtisch. Mit einem Taschenmesser, das er sonst für den Werkschutz nutzte, schnitt er vorsichtig das Klebeband auf. Anke stand hinter ihm, die Hände auf seine Schultern gelegt, während sie spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. „Wenn da jetzt eine ferngesteuerte Kaffeemaschine drin ist, die morgens um drei Uhr Alarm schlägt, wandert sie in den Müll“, drohte Marc leise. Er öffnete den Deckel. Zum Vorschein kam kein technisches Wunderwerk und keine Waffe, sondern ein riesiges, plüschiges Kopfkissen in Form eines übergroßen Hundeknochens, auf dem in grellgelben Buchstaben stand: *„Damit du nicht wieder auf dem harten Boden einschläfst, wenn die Hunde dich umwerfen.“* Darunter lag ein kleiner Zettel in der unverkennbaren Handschrift von Frau Klein: *„Lieber Marc, da du letztes Mal so unglücklich gelandet bist, hier ein Sicherheitskissen. Dein GPS-Tracker sagt mir übrigens, dass du dich zu wenig bewegst. Geh gefälligst mit den Hunden raus!“* Anke brach in

100 schallendes Gelächter aus. Sie bog sich nach vorne, hielt sich den Bauch und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Das ist brillant! Meine Mutter übertrifft sich selbst!“ Marc starrte das Kissen an, nahm es langsam hoch und drückte es gegen seine Brust. Sein grauer Vollbart zuckte, als er versuchte, ernst zu bleiben, doch schließlich musste er selbst schmunzeln. „Immerhin“, brummte er, „weiß sie, wie weich ich es gerne habe. Aber das mit dem GPS-Tracker treibt sie zu weit.“ „Ach, sie liebt dich doch“, sagte Anke und hauchte ihm einen Kuss auf die Glatze. „Und jetzt, wo wir dieses Sicherheitskissen haben, bist du für jedes weitere Abenteuer gewappnet.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, ertönte von draußen ein schriller Pfiff. Nicht vom Gartentor, sondern direkt am Küchenfenster. Curso schreckte hoch, als hätte jemand den Startschuss zu einem Rennen gegeben, und stürmte fauchend zur Scheibe. Flower folgte ihm auf dem Fuß. Marc und Anke starrten zum Fenster hinaus. Dort stand niemand Geringeres als Herr Matuschke, der Postbote, der sich diesmal offenbar aus den Brombeeren befreien konnte, allerdings an der Hauswand lehnte und wild mit einem gelben Umschlag winkte. Er hatte Schlamm an der Hose, eine Blüte im grauen Haar und blickte drein wie ein Entdecker, der gerade den Südpol gefunden hatte. „Einschreiben!“, rief er durch das Glas. „Für Herrn Marc! Und wehe, es ist wieder so ein Hundekissen!“ Marc seufzte, drückte das plüschige Geschenk an Anke und erhob sich langsam von der Couch. „Ich wette“, murmelte er auf dem Weg zur Tür, während Curso und Flower einen höllischen Lärm veranstalteten, „das ist die Rechnung für die Drohne.“ Anke lehnte sich entspannt zurück, nahm einen tiefen Zug von ihrem Kaffee und lächelte. Der Tag hatte gerade erst begonnen, und das Chaos war perfekt.

101 KAPITEL XXII Das Paket, das piept Die Kaffeetasse in Ankes Hand zitterte leicht, allerdings nicht etwa wegen der morgendlichen Frische auf der Terrasse, sondern aufgrund des infernalischen Lärms, der sich mit der Macht einer anrollenden Dampfwalze näherte. Der Postbote Herr Matuschke, der gerade erst das letzte Einschreiben des Tages überreicht hatte, stolperte rückwärts über die Fußmatte, während die Deutsche Schäferhündin Flower und der Mischlingshund Curso zu einer ohrenbetäubenden Symphonie aus Bellen und heiseren Kehllauten anstimmten. „Heiliges Kanonenrohr!“, rief Marc aus, der mit seiner Glatze, seiner Brille und dem grauen Vollbart wie ein leicht verwirrter Professor wirkte, während er versuchte, gleichzeitig seine Kaffeetasse vor Curso’s schwanzwedelndem Hinterteil und seine Brille vor dem einsetzenden Nieselregen zu retten. Anke stellte die Tasse ab, wischte sich mit der Hand über ihre langen, leicht gewellten Haare und seufzte tief. „Herr Matuschke, ich nehme an, das Klingeln an unserem Gartentor war kein Versehen?“ Der Postbote, dessen Mütze schief auf dem Kopf thronte und der sich panisch an einer Rosenhecke festhielt, japste nach Luft. „Ein Paket, Frau Anke! Ein gigantisches Paket! Und es piept! Es piept ganz furchtbar!“ Marc trat einen Schritt vor, stolperte dabei wie üblich über ein im Weg liegendes Quietschespielzeug von Flower und landete mit einer anmutigen Eleganz, die eher an einen gestrandeten Wal erinnerte, auf dem Rasen. „Ein Paket?“, grummelte er aus der Grasnarbe heraus, während Curso sofort herbeieilte, um Marcs grauen Vollbart ausgiebig und voller Zuneigung abzulecken. „Wenn das schon wieder ein GPS-Tracker von Schwiegermutter Frau Klein ist, baue ich mir eine Schutzmauer aus leeren Kaffeepäckchen.“ „Nicht aufstehen, mein Schatz, du liegst so gemütlich“, rief Anke und schmunzelte, während sie sich bückte, um Marc aufzuhelfen. Doch Marc winkte ab und robbte auf allen

102 vieren zum Eingang des Grundstücks, wo Herr Matuschke inzwischen hinter einem Gartenzwerg Deckung gesucht hatte. Dort stand es: ein quaderförmiges, in braunes Packpapier gehülltes Monstrum, das tatsächlich in schrillem Rhythmus *Piep-Piep-Piep* machte und dabei leicht vibrierte. Auf der Oberseite prangte in unverkennbar akribischer Handschrift ein Absendervermerk: *Frau Klein, Abteilung für Lebensrettung und Zivilschutz.* „Ich wusste es“, stöhnte Marc und justierte seine Brille auf der Nase, während er das verdächtige Paket prüfend musterte. „Deine Mutter will mich in die Luft jagen. Oder sie hat gemerkt, dass mir beim letzten Gassigehen fast eine Taube auf den Kopf geschissen hat und schickt mir jetzt eine mobile Flugabwehr.“ Anke verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete das Spektakel mit amüsanter Gelassenheit. „Ach, Marc, sie meint es doch nur gut. Du weißt doch, wie besorgt sie ist, seit du neulich beim Werkschutz im Dunkeln über deinen eigenen Besen gestolpert bist.“ „Das war ein taktischer Rückzug!“, protestierte Marc hitzig, während Flower neugierig an der Kiste schnüffelte und mit der Pfote dagegen schlug, woraufhin das Piepen für eine Sekunde in ein schrilles Hupen umschwang. Curso setzte sich demonstrativ daneben, lehnte den Kopf schief und heulte leise im Takt des elektronischen Signals, als würde er einen alten Blues-Song interpretieren. Herr Matuschke wagte sich vorsichtig hinter dem Gartenzwerg hervor. „Also… ich habe meine Pflicht getan. Wenn das Ding hochgeht, war ich nie hier.“ Mit diesen Worten ergriff der Postbote die Flucht, rannte mit beachtlicher Geschwindigkeit den Gehweg entlang und verschwand hinter der nächsten Hausecke. Marc und Anke blieben mit dem sprechenden, hupenden Päckchen und ihren beiden hochmotivierten Hunden auf dem Hof zurück. „Na gut“, sagte Marc mit der heroischen Entschlossenheit eines Mannes, der beim Werkschutz schon Schlimmeres erlebt hatte – wie zum Beispiel die berüchtigte Kaffeemaschinen-Krise von 2021.

103 „Wir öffnen es. Aber wenn da drin ein ferngesteuerter Schleudersitz für mein Sofa ist, wandert es direkt zu den Nachbarn.“ Anke holte aus der Küche eine Gartenschere, während Marc vorsichtig den Klebestreifen durchschnitt. Die Spannung war greifbar. Selbst Curso hatte aufgehört zu heulen und starrte gebannt auf das sich öffnende Paket. Mit einem letzten mechanischen Surren gab das Innere sein Geheimnis preis. Keine Bombe, kein Spionage-Satellit und auch kein Schleudersitz. Zum Vorschein kam ein riesiges, quietschgelbes Nackenhörnchen, das mit unzählbaren kleinen Taschen versehen war, in denen fein säuberlich beschriftete Utensilien steckten: *Notfall-Taschentuch*, *Pflaster gegen Stolperschäden*, *Spezial-Kompass für den Stadtpark* und – als absolutes Highlight – ein Mini-Megafon mit der Aufschrift *„Achtung, Hindernis!“*. Darauf lag ein handgeschriebener Zettel: *Für meinen schwiegersohnlichen Tollpatsch. Damit du den Weg nach Hause findest, falls Curso dich wieder umwirft. In Liebe, Mama.* Marc starrte das gelbe Nackenhörnchen an. Seine Glatze glänzte in der spärlich durchbrechenden Mittagssonne, und sein Vollbart zuckte, als er versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. Anke brach in schallendes Gelächter aus. Sie bog sich vor Lachen und musste sich an Marcs Schulter festhalten, während die Hunde das gelbe Ungetüm sofort als neues Spielzeug musterten und Flower mit den Zähnen nach dem Mini-Megafon schnappte. „Sie… sie hat es wieder getan“, brachte Anke keuchend hervor, während Tränen der Lachsalven über ihre Wangen rollten. „Ein Nackenhörnchen mit eingebautem Megafon. Marc, das ist genial! Du musst es morgen bei deinem Spaziergang tragen.“ „Träumen kannst du weiter“, brummte Marc, aber in seinen Augenblitzen lag pure Zuneigung. Er nahm das Nackenhörnchen hoch und legte es sich kurzerhand selbst um den Hals, während das Mini- Megafon durch Flowers ungestümes Herumspringen plötzlich einen schrillen Ton von sich gab, der über den gesamten Innenhof hallte. Die harmonische, wenn auch urkomische Situation schien perfekt, die familiären Wogen waren geglättet,

104 und die morgendlichen Strapazen wichen einer wohligen Vertrautheit. Marc zog Anke sanft an sich heran, während Curso und Flower sie wie eine Leibwache umringten und das gelbe Kissen stolz zur Schau trugen. „Weißt du was?“, flüsterte Marc und blickte Anke tief in die Augen, während er das quietschende Nackenhörnchen zurechtrückte. „Deine Mutter hat eigentlich recht. Ohne dieses ganze Chaos wäre unser Leben doch nur halb so schön.“ Anke lächelte und lehnte ihren Kopf an seine breite Brust. „Du sagst es, mein Schatz. Aber warte nur ab, bis du das Megafon ausprobierst.“ Bevor Marc jedoch auf diese Drohung eingehen konnte, geschah es. Ein plötzliches, gänzlich unerwartetes Geräusch durchschnitt die friedliche Luft. Es war kein Rascheln im Gebüsch, kein Postbote und auch keine Drohne. Es war ein lautes, metallisches Scheppern direkt hinter der Holztür zum Kellerabgang, gefolgt von einem leisen, fast menschlich wirkenden Fluchen, das definitiv weder von Curso noch von Flower stammen konnte. Die Hunde erstarrten augenblicklich. Ihre Ohren richteten sich wie Radarschüsseln nach hinten, und ein tiefes, warnendes Knurren entstieg Flowers Kehle. Marc ließ das Megafon sinken. Seine professionellen Instinkte als ehemaliger Werkschutzmitarbeiter flammten in Bruchteilen einer Sekunde auf. Er trat einen Schritt vor Anke und fixierte die Kellerpforte, während Anke unwillkürlich nach dem nächsten Utensil in Marcs neuem Nackenhörnchen griff – dem Pflaster gegen Stolperschäden. „Bleibt alle hinter mir“, flüsterte Marc mit einer tonfestaben Ernsthaftigkeit, die durch das gelbe Kissen um seinen Hals und seinen grauen Vollbart allerdings jede Autorität verlor. Das Scheppern wiederholte sich, und eine dunkle Gestalt, die verdächtig nach einem übergroßen Berg aus Wanderrucksäcken aussah, wankte oben an der Kellerstufe, bevor sie mit einem dumpfen Laut gegen die Fensterscheibe lehnte.

105 KAPITEL XXIII Zimtschnecken im Lavendelnebel Die dunkle Gestalt schwankte bedenklich auf der obersten Kellerstufe, während der dumpfe Laut gegen die Fensterscheibe durch den gesamten Flur hallte. Marc, der mit seinem frisch gelieferten, quietschgelben Nackenhörnchen um den Hals bewaffnet dastand, hielt den Atem an. Neben ihm spannte sich die Deutsche Schäferhündin Flower bis zum Zerreißen an, die Nackenhaare steil nach oben gerichtet, während der gechillte Mischlingshund Curso ein leises, beinahe entspanntes Gähnen von sich gab, das so gar nicht zu der angespannten Situation passen wollte. Anke trat einen Schritt näher an Marc heran, wobei sie den grauen Vollbart ihres Freundes streifte, der vor lauter Anspannung leicht zuckte. „Marc, wenn das schon wieder meine Mutter in einem Tarnanzug ist, springe ich freiwillig in den Keller“, zischte Anke leise, während sie versuchte, die Hunde im Zaum zu halten, die nun demonstrativ mit den Pfützen auf den Fliesen scharrten. „Unmöglich“, erwiderte Marc mit tiefer, amtlicher Stimme, die er sich aus seiner Zeit beim Werkschutz bewahrt hatte, auch wenn die Brille durch seine aufsteigende Körperwärme sofort beschlug. „Keine Tarnung der Welt riecht nach frisch gebackenen Zimtschnecken und einer leichten Note von billigem Lavendelwasser. Das kann nur eins bedeuten.“ Bevor Anke nachfragen konnte, gab die Gestalt an der Scheibe ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich. Der vermeintliche Berg aus Wanderrucksäcken bewegte sich ruckartig, drehte sich um die eigene Achse und schlitterte mit einer Eleganz, die eher an einen stolpernden Pinguin auf Glatteis erinnerte, direkt gegen die Garderobenholo-Wand. Ein lautes Poltern folgte, als Regenschirme, Schals und Schlüsselbänder in alle Himmelsrichtungen flogen. „Hilfe!“, tönte eine vertraute, wenn auch stark verquollene Stimme aus dem Knäuel aus Stoff und Riemen. „Man hat mich ausgeraubt! Oder besser gesagt, ich

106 habe mich in den Riemen verfangen!“ Marc atmete tief aus, nahm die Brille ab, putzte sie an seinem Pullover und setzte sie wieder auf. „Herr Matuschke? Sind Sie das schon wieder?“ Die Riemen und Taschen bewegten sich, bis schließlich eine rot angelaufene Nase und ein paar graue Haare zum Vorschein kamen. Der Postbote lag bäuchlings auf dem Fußboden, eingeklemmt zwischen einem Trekking-Rucksack, drei Zusatztaschen für alpine Expeditionen und einer Plastiktüte mit der Aufschrift *Gartenzubehör XL*. Anke schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Herr Matuschke! Was in aller Welt machen Sie schon wieder auf unserem Kellerabgang? Sie wohnen doch drei Straßen weiter!“ „Ich wollte nur abkürzen!“, jammerte der Postbote, während er versuchte, ein Bein aus den verhedderten Gurten zu befreien. „Ihre Nachbarin, diese Frau Huppertz, hat gemeint, der Hintereingang wäre heute wegen Bauarbeiten gesperrt. Und da dachte ich mir, ich nehme den Weg durch den Garten, klettere über die niedrige Mauer, stolpere über das graue Etwas, das da am Zaun blinkte... war das nicht zufällig dieser GPS-Tracker von Ihrer Schwiegermutter, Marc? Jedenfalls hat mich das Ding so irritiert, dass ich rückwärts in den Lichtschacht gefallen bin!“ Flower nutzte die Gelegenheit, lief schwanzwedelnd auf den am Boden liegenden Postboten zu und begann, sein Gesicht mit einer solch feuchten Hingabe zu abzuleken, dass Herr Matuschke laut kichernd versuchte, sich wegzudrehen. „Aus, Flower! Aus! Der Mann braucht keinen Sabotageakt, der braucht einen orthopädischen Notdienst!“, rief Anke und zog die Schäferhündin am Halsband zurück, während Curso sich unbeeindruckt neben den gestürzten Postboten setzte und geduldig wartete, ob vielleicht eine Brotkruste aus einer der Taschen fallen würde. Marc trat vor, ging in die Knie und packte den Postboten an den Schultern, um ihn aus dem Geflecht aus Nylon und Reißverschlüssen zu ziehen. „Kommen Sie hoch, Herr Matuschke. Aber erklären Sie mir eins: Warum tragen Sie drei Wanderrucksäcke und eine Gartenzubehör-Tüte ausgerechnet dann aus, wenn Sie Post

107 zustellen sollen?“ Herr Matuschke schnaufte schwer, als Marc ihn schließlich auf die Beine hiefte. Er strich seinen grauen Kittel glatt und justierte seine Mütze, die leicht schief auf dem Kopf saß. „Das ist die neue Zustellmethode für entlegene Grundstücke, junger Mann! Die Post testet das im Härtetest. Und Ihr Grundstück gilt in der internen App offiziell als ‚Risikozone mit hoher Hundedichte und unberechenbaren Schwiegereltern‘. Da muss man ausgerüstet sein.“ Anke musste sich kurz an der Wand abstützen, weil sie vor Lachen kaum noch Luft bekam. Der graue Vollbart ihres Freundes zuckte erneut, als Marc die Arme verschränkte und den Kopf schüttelte. „Risikozone? Wir sind hier die Oase der Gemütlichkeit! Solange meine Schwiegermutter nicht mit der Drohne im Tiefflug ankommt, ist hier alles absolut unter Kontrolle.“ In diesem exakten Moment ertönte ein leises, mechanisches Surren draußen vor dem Küchenfenster. Es war jenes feine, hochfrequente Summen, das Marc und Anke in den letzten Tagen bereits schmerzlich kennengelernt hatten. Curso, der eben noch tiefenentspannt dagestanden hatte, spitzte sofort die Ohren, drehte sich um und starrte mit großen, runden Augen in Richtung Glasscheibe. Flower ließ ein tiefes, grollendes Knurren hören, das so gar nicht zu ihrer sonst so aufgedrehten Art passen wollte. Herr Matuschke zuckte zusammen und drückte sich so flach wie möglich an die Flurwand. „Was ist das? Klingt wie ein Rasenmäher auf Entzug!“ „Das“, sagte Marc mit einem Seufzer, der die Erschöpfung von drei Wochen Daueralarm widerspiegelte, „ist die moderne Technik, kombiniert mit dem mütterlichen Kontrollwahn.“ Anke trat ans Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Draußen, in der grauen Dämmerung des späten Nachmittags, tanzte die rote Drohne von Frau Klein, ausgestattet mit einer kleinen, blinkenden LED-Leuchte und einer winzigen Kamera, die direkt auf die Fensterscheibe gerichtet war. Das Gerät schien kurz in der Luft zu schweben, machte eine elegante Kurve und tippte dann mit dem Landegestell dreimal rhythmisch gegen das Glas – fast so, als würde sie anklopfen

108 wollen. „Sie hat uns im Visier“, stellte Anke trocken fest, während sie zu Marc herüberschaute. „Und ich wette, sie hat gesehen, wie du dem armen Herrn Matuschke gerade aus den Rucksäcken geholfen hast. Deine Mutter denkt jetzt sicher, du wirst von einer alpinen Sekte überfallen.“ Marc stöhnte auf und zog das quietschgelbe Nackenhörnchen noch etwas höher, als könne es ihn unsichtbar machen. „Ich schwöre dir, Anke, wenn dieses Ding noch einmal piept, baue ich mir eine Steinschleuder aus der Hundeleine.“ Herr Matuschke, der sich mittlerweile etwas gefangen hatte, blickte fasziniert durch die Scheibe auf das rote Flugobjekt. „Wissen Sie was? Früher haben die Schwiegermütter einfach nur ungefragt Kuchen gebacken oder sich über die Tapeten beschwert. Aber so eine fliegende Überwachungskamera hat natürlich Stil. Kann man die auch für Einschreiben nutzen?“ „Bloß nicht auf dumme Gedanken kommen, Herr Matuschke“, entgegnete Anke, während sie entschlossen den Weg in Richtung Küche einschlug. „Aber wo Sie schon mal hier sind und nicht im Lichtschacht feststecken: Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee? Wir müssen diesen ganzen Wahnsinn schließlich irgendwie verdauen.“ „Kaffee klingt fantastisch“, sagte der Postbote und klopfte sich noch immer einige dürre Zweige aus dem Kittel. „Aber nur unter der Bedingung, dass dieser fliegende Spion da draußen nicht auch noch mitrührt. Mein Herz macht solche High-Tech-Abenteuer in meinem Alter nicht mehr mit.“ Marc folgte den anderen nur zögernd, den Blick starr auf das kleine rote Licht gerichtet, das draußen vor dem Fenster beharrlich weiterblinkte. Die Hunde trotteten hinterher, wobei Curso mit dem Schwanz wedelte in der sicheren Erwartung, dass es in der Küche gleich etwas zu fressen gab, während Flower wachsam den Postboten im Auge behielt, als ob sie fürchten würde, er könnte sich spontan wieder in Wanderrucksäcke auflösen. In der Küche angekommen, stellte Anke die Kaffeemaschine an, während Marc sich auf den Stuhl fallen ließ und das Nackenhörnchen abnahm.

109 Die vertraute Wärme des Raumes und der Duft des frisch gebrühten Kaffees schienen die Anspannung des Tages für einen kurzen Moment vergessen zu lassen. Doch die Ruhe währte nicht lange. Kaum hatte Marc den ersten Schluck genommen, ertönte von draußen ein neues Geräusch – ein lautes, metallenes Klacken, gefolgt von einem dumpfen Schlag gegen das Garagentor, der die Kaffeetassen auf dem Tisch leicht vibrieren ließ. Alle fünf – Marc, Anke, der Postbote und die beiden Hunde – erstarrten in ihren Bewegungen. Der Blick von Marc und Anke traf sich über den Tisch hinweg mit jenem perfekten, stummen Einverständnis, das nur Paare entwickeln können, die jahrelang das tägliche Chaos gemeinsam gemeistert haben. „Na wunderbar“, murmelte Marc und stellte die Tasse ab. „Entweder ist das jetzt die Invasion der Waschbären... oder meine Schwiegermutter hat aufgerüstet.“ Mit einem tiefen Seufzer erhob sich Marc von seinem Stuhl, griff nach seiner Brille, die er vorsorglich noch einmal aufpolierte, und machte sich auf den Weg zur Haustür, während im Hintergrund das leise Surren der Drohne und das erwartungsvolle Hecheln der Hunde den Takt für das nächste unvermeidliche Abenteuer vorgaben.

110 KAPITEL XXIV Der heldenhafte Einsatz Mit einer entschlossenen Miene, die bei näherem Hinrichten eher an einen leicht verwirrten Waschlappen erinnerte, trat Marc durch die Vordertür in den Vorgarten hinaus. Seine Glatze glänzte in der späten Nachmittagssonne, und der graue Vollbart zuckte verdächtig, als er versuchte, die mysteriöse Lärmquelle am Garagentor zu orten. Direkt hinter ihm drängten sich Flower und Curso, wobei die Deutsche Schäferhündin wie eine gefiederte Rakete nach vorne schoss und der Mischlingshund Curso mit einer Gemütlichkeit folgte, die eher an einen Faultier auf Valium erinnerte. „Bleibt stehen, ihr wilden Bestien!“, rief Marc und stolperte prompt über seine eigenen Hausschuhe, die er im Eifer des Gefechts angelassen hatte. Er fing sich jedoch geschickt an der Hecke ab, wobei ihm eine Handvoll feuchter Laubblätter ins Gesicht klatschte. Anke stand derweil an der Haustür, lehnte sich lässig gegen den Türstock und verschränkte die Arme vor der Brust, während ihre langen, leicht gewellten Haare sanft im Wind wehten. Ein amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen. „Brauchst du professionelle Unterstützung oder schaffst du es heute mal, ohne den Rettungsdienst auszukommen, Schatz?“, rief sie ihm zu. „Sehr witzig, Anke!“, brummte Marc, während er sich eine feuchte Blättersträhne von der Brille wischte. „Ich sage dir, das ist wieder diese elende Drohne von deiner Mutter oder irgendein wild gewordener Waschbär, der die Weltherrschaft an sich reißen will.“ Doch bevor Anke antworten konnte, tat sich am Garagentor etwas. Das Holz krachte leise, und ein vertrauter Kopf schob sich unter dem halb angehobenen Rollladen hervor. Es war der Postbote Herr Matuschke, der sich in den letzten Wochen zu so etwas wie einem permanenten Dauergast und Unfallmagneten auf ihrem Grundstück entwickelt hatte. Er trug seine Postuniform, die allerdings an der linken Schulter einen ordentlichen Riss aufwies,

111 und hielt in der Hand triumphierend ein gelbes Päckchen. „Achtung! Paketdienst! Oder eher… Paket-Opfer!“, schnaufte Herr Matuschke, während er versuchte, sich aus der engen Führungsschiene des Garagentors zu befreien, in die er offenbar geraten war. „Ich wollte nur abkürzen! Ehrlich! Aber dieser GPS-Tracker von Ihrer Schwiegermutter hat mich total verwirrt. Das Ding piept im Takt von ‚Alle meine Entchen‘, und da bin ich in den Busch geraten, und dann… na ja, Sie kennen das.“ Marc starrte den Postboten fassungslos an. „Herr Matuschke, was machen Sie schon wieder in unserem Garten? Haben Sie eigentlich keinen normalen Zustellbezirk? Zum Beispiel in Timbuktu?“ „Der Ehrgeiz, Herr Marc! Der Ehrgeiz eines deutschen Postboten kennt keine Grenzen!“, erwiderte Herr Matuschke stolz und stolperte bei dem Versuch, sich aufzurichten, direkt über den Rücken des entspannt daliegenden Curso. Der Mischlingshund blinzelte kurz, seufzte tief und blieb einfach liegen, als ob die Anwesenheit eines stolpernden Postboten auf seinem Fell das Normalste der Welt wäre. Flower hingegen fand die Situation extrem spannend und begann, laut und freudig um Herrn Matuschke herumzuspringen, was den armen Mann endgültig aus dem Gleichgewicht brachte. Anke kam herbeigeeilt, um Schlimmeres zu verhindern. Sie packte Herrn Matuschke am gesunden Arm und zog ihn hoch, bevor er sich auf dem Kiesweg niederlassen konnte. „Alles in Ordnung, Herr Matuschke? Keine Knochenbrüche dieses Mal?“ „Nein, nein, gnädige Frau, nur mein Stolz hat leichte Kratzer davongetragen“, stöhnte er und reichte das Päckchen an Marc weiter. „Hier. Ist direkt von Frau Klein. Einschreiben mit Rückschein und rotem Blitz-Symbol drauf. Ich glaube, es geht um Leben und Tod. Oder um frisch gebackenen Kuchen.“ Marc nahm das Päckchen entgegen und wog es in der Hand. Es war erstaunlich schwer und summte leise. „Wenn das wieder so ein Nackenhörnchen oder ein GPS-Tracker ist, der meine Socken überwacht, wandert es direkt in den Müll“, murmelte er. „Nicht so voreilig, Liebster“, sagte Anke und strich ihm sanft über die Schulter. „Vielleicht ist es ja

112 endlich die Fernbedienung für den Fernseher, die du letzte Woche im Kühlschrank versteckt hast.“ Bevor Marc etwas erwidern konnte, schwebte plötzlich mit einem lauten Summen die rote Drohne von Frau Klein vom Himmel herab und landete punktgenau auf Marcs Glatze, wo sie kurz balancierte, bevor sie mit einem schrillen Piepton verkündete: *„Ziel erreicht. Person stabil, aber unkoordiniert.“* „Das reicht jetzt!“, rief Marc, griff nach der Drohne und hielt sie sich wie ein verrückter Kapitän an ein Funkgerät. „Schwiegermutter! Ich weiß, dass du zuhörst! Die Drohne ist konfisziert! Und das Päckchen wird jetzt geöffnet, ob du willst oder nicht!“ Herr Matuschke, der sich mittlerweile auf der Gartenbank niedergelassen hatte und von Flower mit sabbernden Hundeblicken fixiert wurde, klatschte leise Beifall. „Das nenne ich Einsatz! Darauf bräuchte man jetzt eigentlich eine Tasse Kaffee.“ Anke lachte laut auf, nahm Marc die Drohne aus der Hand und drückte ihm stattdessen eine Gartenschere in die Hand. „Dann lass uns mal reinschauen, was Mutter dieses Mal für uns ausgeheckt hat. Aber vorher machen wir für Herrn Matuschke einen Kaffee, sonst zieht er hier noch dauerhaft ein.“ Gemeinsam ging das chaotische Quartett – bestehend aus dem genervten Marc, der amüsierten Anke, dem völlig schmerzfreien Postboten und den beiden Hunden, die nun im Gänsemarsch hinterherwatschelten – zurück Richtung Terrasse. Die Sonne war inzwischen tief gesunken und tauchte den Garten in ein warmes, goldenes Licht, das fast darüber hinäuschte, dass der Tag noch lange nicht vorbei war und die nächste skurrile Überholung von Frau Kleins Logistik-Abteilung nur eine Frage der Zeit sein würde. Marc stellte das Päckchen auf den Gartentisch, holte tief Luft und schnitt mit der Gartenschere das dicke Paketband durch. Alle hielten den Atem an – selbst Curso hob kurz den Kopf. Was würde zum Vorschein kommen? Ein weiteres technisches Gadget zur Lebensrettung, ein Berg Pflaumenkuchen oder doch nur ein Schild mit der Aufschrift: *„Ich sehe alles“*?

113 KAPITEL XXV Das Geheimnis im Karton Marc hielt den Atem an, während die Klingen der Gartenschere das dicke, rote Paketband mit einem satten Ton durchtrennten. Neben ihm stand Anke, die ihre Hände erwartungsvoll in die Hüften gestemmt hatte und ihren Partner mit einem Blick musterte, der irgendwo zwischen amüsiertem Desinteresse und purer Faszination angesiedelt war. Die Deutsche Schäferhündin Flower saß kerzengerade auf dem Rasen, die spitzen Ohren nach vorne gerichtet, während der Mischlingshund Curso demonstrativ auf Marcs linken Fuß getreten war und leise schnarchte. Der Postbote Herr Matuschke, der sich kurz zuvor noch im Labyrinth der Wanderrucksäcke verirrt hatte, lehnte sich mit einer Kaffeetasse in der Hand gegen die Holzverkleidung des Gartentisches und blickte in das Innere des Kartons wie ein Entdecker, der kurz davorstand, ein vergessenes Grabmal zu öffnen. „Wenn da jetzt ein ferngesteuerter Rasenmäher drin ist, der meine Socken einsammelt, ziehe ich aus“, verkündete Marc mit dramatischer Grabesstimme, während er die dicke Papplasche nach oben klappte. Aus dem Inneren des Kartons drang kein bedrohliches Piepen, keine elektronische Melodie und auch kein summendes Geräusch, das auf eine verirrte Drohne der Schwiegermutter hindeutete. Stattdessen strömte ihnen ein Geruch entgegen, der so intensiv und unverkennbar war, dass er sofort die gesamte Terrasse einnahm. Es roch nach altem Leder, Kampfer, billigem Lavendelöl und einer ganz bestimmten Sorte Menthol-Bonbons, die ausschließlich von einer einzigen Person auf diesem Planeten in rauen Mengen konsumiert wurden. „Ein Überlebensset“, flüsterte Anke und schlug die Hände vor das Gesicht, während ein ersticktes Lachen ihre Schultern zum Beben brachte. Marc zog langsam und mit der vorsichtigen Miene eines Bombenentschärfers den obersten Gegenstand aus dem Karton. Es war eine Strickjacke. Und zwar nicht irgendeine Strickjacke,

114 sondern ein handgefertigtes, grau-braunes Monstrum aus Schafwolle, das an den Ellenbogen mit künstlichem Wildleder verstärkt war. Daneben lag ein handgeschriebener Brief auf schwerem, gelbstichigem Pergamentpapier, verfasst mit einer Handschrift, die jedes Schulkind vor Neid erblassen lassen würde, weil sie aussah wie die Blaupause für eine Steuerprüfung. Herr Matuschke lehnte sich noch ein Stück weiter vor. „Darf ich mal raten? Eine Patenschaft für eine finnische Rentiermücke?“ „Schlimmer“, presste Marc hervor. Er entfaltete den Zettel, den seine Schwiegermutter Frau Klein ihm geschickt hatte, und räusperte sich theatralisch. „Lieber Marc. Da du dich offenbar auf die nächste Polarexpedition vorbereitest, wenn man deinen Zustand nach den letzten Berichten des GPS-Trackers betrachtet, habe ich dir etwas Nützliches geschickt. Die Strickjacke hat mein Uropa schon bei der Reichs-Post getragen. Sie hält warm und schützt vor unvorhergesehenen Stürzen in Brombeerhecken.“ Anke prustete los. Ein Schwall Kaffeewasser schoss ihr beinahe aus der Nase, als sie sich auf die Rückenlehne der Gartenbank fallen ließ. „Der Postbote ist in die Hecke gestürzt, nicht du, Marc! Aber die Logik meiner Mutter ist mal wieder unschlagbar.“ Flower, die das Warten leid war, sprang mit einem Satz auf die Bank, legte ihre vorderen Pfoten auf Marcs Brust und steckte die feuchte Schnauze direkt in den Karton. Mit geübtem Blick durchwühlte die Schäferhündin den Rest des Inhalts. Sie ignorierte die Strickjacke gekonnt, schob eine Packung Hustenbonbons beiseite und beförderte schließlich das eigentliche Highlight ans Tageslicht: eine riesige, metallene Thermoskanne mit Aufdruck, die aussah wie ein antiker Artillerie-Granatenbehälter. „Huch“, machte Herr Matuschke und stellte seine Kaffeetasse hastig ab, als Flower die schwere Kanne mit dem Schwanz beinahe vom Tisch fegte. „Das Ding hat ja Kaliber.“ Marc nahm die Thermoskanne an sich. Sie wog mindestens fünf Kilo. Als er den Verschluss aufschraubte, entwich ein lautes Zischgeräusch, gefolgt von einer Dampfwolke,

115 die verdächtig nach Kamillentee mit einem kräftigen Schuss Pfefferminz schmeckte. Curso, der bisher stur auf Marcs Fuß verharrt hatte, schnupperte kurz in die Luft, verdrehte die Augen und zog sich demonstrativ drei Schritte zurück, um sich im Gras einzurollen. Selbst für einen Mischlingshund, der sonst jeden alten Dönerbecher auf dem Gehweg als kulinarische Offenbarung feierte, schien diese Teemischung eine Grenze des Erträglichen zu überschreiten. „Das ist reines Nervengift“, stellte Marc fest, während er den Deckel wieder zuschraubte. „Deine Mutter will mich vergiften, Anke. Anders kann ich mir das nicht erklären. Erst die Drohne, die mich fast skalpiert hätte, dann die Wanderrucksäcke im Lichtschacht, und jetzt das hier. Sie baut ein Arsenal gegen meine Tollpatschigkeit auf.“ „Sie liebt dich eben auf ihre ganz eigene, psychologisch höchst anstrengende Art“, erwiderte Anke und wischte sich eine Lachende Träne aus dem Augenwinkel. Sie stand auf, ging zu Marc hinüber und legte ihre Arme um seinen Hals, wobei sie kurz über die grobe Wolle der neuen Strickjacke strich, die Marc sich in der Zwischenzeit resigniert über die Schultern geworfen hatte. Mit seiner Glatze, seiner markanten Brille, dem grauen Vollbart und der riesigen, kratzenden Wolle sah er nun aus wie ein pensionierter Leuchtturmwärter, der gerade aus einem jahrzehntelangen Sturm gerettet worden war. „Du siehst fantastisch aus. Ein echter Trendsetter.“ Herr Matuschke nickte anerkennend. „Ja, hat was von... Überlebenskünstler in der Uckermark. Mein Onkel trug sowas ähnlich Hässliches, als er damals in den Siebzigern den Bienenstock verteidigen musste.“ Bevor Marc auf diesen ästhetischen Tiefschlag reagieren konnte, geschah es. Ein leises, aber durchdringendes Piepen erklang. Es kam nicht aus dem Karton. Es kam auch nicht aus der Thermoskanne. Es war ein digitaler Ton, der direkt aus der Hosentasche von Marc drang. Der GPS-Tracker. Marc fuhr herum und griff in die Tasche seiner Arbeitshose. Er zog das kleine schwarze Kästchen hervor, das seine Schwiegermutter ihm untergejubelt hatte.

116 Das kleine rote LED-Licht blinkte hektisch in schneller Folge, und auf dem winzigen Display leuchtete eine blinkende Warnmeldung auf: *„Achtung! Unerwartete Bewegung im Radius von 3 Metern. Zielobjekt nähert sich.“* Alle Bannte sich auf der Terrasse augenblicklich verdichtend. Sogar Curso hob wieder den Kopf und starrte mit zusammengekniffenen Hundeaugen auf das Gartentor, während Flower ein leises, kehliges Knurren ausstieß, das sich anhörte wie ein defekter Rasenmähermotor. „Moment mal“, sagte Anke und trat einen Schritt vor. „Wenn der Tracker Alarm schlägt und das Zielobjekt sich nähert... und wir sind alle hier... wer bewegt sich dann da draußen?“ Herr Matuschke, der sich gerade seine Warnweste glattzuziehen versuchte, wurde plötzlich blass. Er drehte sich langsam zum Gartentor um, wo der weiße Postwagen auf der Straße stand. „Ähm. Mein Kollege aus der Frühliedstraße wollte mir heute eigentlich den Nachschub an Einschreiben bringen. Aber der fährt keinen Kleinwagen, der fährt einen roten Transporter mit Anhänger.“ Ein dumpfes Scheppern drang von der Vorderseite des Hauses herüber. Es klang so, als hätte jemand mit großer Entschlossenheit gegen die Mülltonnen getreten. Kurz darauf erklomm eine vertraute, schwer atmende Gestalt den kleinen Fußweg, der vom Vorgarten zur Terrasse führte. Es war nicht der Kollege. Es war Frau Klein höchstpersönlich. Die resolute Dame trug ihren beigefarbenen Regenmantel, der auch bei strahlendem Sonnenschein stets griffbereit im Flur hing, und schob einen riesigen, vollgepackten Bollerwagen vor sich her. In der linken Hand hielt sie ein Tablet, auf dem die Satellitenkarte des Grundstücke zu sehen war, auf der Marcs aktueller Standort als leuchtender roter Punkt markiert war. „Aha!“, rief Frau Klein triumphierend, als sie um die Hausecke bog und die kleine Runde auf der Terrasse musterte. Sie blieb abrupt stehen, schob ihre Lesebrille auf die Stirn und blickte direkt auf Marc, der mit einer Thermoskanne in der einen und einer blinkenden GPS-Einheit in der anderen Hand dastand, eingehüllt in die historische Strickjacke ihres Großvaters. „Ich wusste es! Du hast den

117 Empfang des Pakets bestätigt, aber du hast dich seit zwanzig Minuten keinen Millimeter von der Stelle bewegt, Marc! Ein klarer Fall von Bewegungsstarre! Ich habe es auf dem Monitor gesehen!“ Anke schlug die Hände vors Gesicht, während Marc tief durchatmete und den Blick zum Himmel richtete, als suche er nach einer göttlichen Intervention. Flower hingegen wedelte freudig mit dem Schwanz, rannte auf die Schwiegermutter zu und versuchte, ihr die Plastiktüte mit den zusätzlichen Vorratsdosen aus der Hand zu schnüffeln. „Guten Tag, Frau Klein“, sagte Herr Matuschke höflich und zog an seiner Schirmmütze. „Wir hatten gerade eine kleine botanische Lagebesprechung.“ „Sie schon wieder, junger Mann?“, schnaubte Frau Klein, trat energisch auf die Terrasse und ignorierte den Postboten geflissentlich. Sie packte Marc am Arm der kratzigen Wolljacke und zog ihn zwei Schritte vor, um seinen Puls zu fühlen. „Das sieht gar nicht gut aus. Deine Haut ist ganz blass, Marc. Und diese Jacke sitzt perfekt. Hab ich dir doch gesagt, dass die passt!“ Marc war kurz davor, etwas zu erwideren, als Curso plötzlich aufsprang, laut zu bellen begann und wie von der Tarantel gestochen in Richtung des offenen Gartentors rannte. Im selben Moment, als der Mischlingshund das Tor passierte, schrillte der GPS-Tracker in Marcs Hand ein weiteres Mal auf – und zwar diesmal mit einem durchgehenden, schrillen Dauerton, der klang wie eine fehlgeleitete Notfall-Sirene. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, rief Anke, während Flower sich ebenfalls in Bewegung setzte und mit lautem Getöse an den Beinen der Schwiegermutter vorbeistürmte. Marc blickte auf das Display des Trackers. Dort war nun nicht mehr nur sein eigener roter Punkt zu sehen, sondern ein zweiter, größerer, der sich mit alarmierender Geschwindigkeit direkt auf das Grundstück zubewegte. Es war kein Waschbär, kein Postbote und auch keine verirrte Drohne. Es war ein Bagger. Ein kleiner, gelber Minibagger, der mit schätzungsweise zwanzig Stundenkilometern über den asphaltierten Fußweg holperte und

118 Kurs auf den Gartenzaun nahm. Frau Klein riss die Augen auf, ließ den Bollerwagen los und presste die Hände an die Wangen. „Um Himmels willen! Das ist die Stadtwerke- Baustelle! Die haben die Hauptwasserleitung angebohrt!“ Marc stand starr wie eine Statue, die dicke Thermoskanne in der Hand, die historische Strickjacke im Wind wehend, während der Baulärm näher kam. Er sah zu Anke, die ihn mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Bewunderung anblickte. „Na toll“, murmelte Marc und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. „Und ich dachte, der Tag fängt heute mal ruhig an.“ Der Minibagger quietschte laut auf, als er mit voll eingelenkten Reifen direkt vor dem Gartentor zum Stehen kam, während Curso und Flower bellend und schwanzwedelnd das Vorderrad untersuchten.

119 KAPITEL XXVI Das orangefarbene Ungeheuer Der Minibagger stand schnaufend im strömenden Sonnenlicht vor dem Gartentor, als hätte er sich auf einer Baustelle verirrt und beschlossen, stattdessen eine Schrebergartenparzelle zu entern. Seine rote Karosserie glänzte in der Vormittagssonne, und aus dem Auspuff stieg eine winzige, traurige Rauchwolke auf. Curso, der gechillte Mischlingshund, schnüffelte äußerst gründlich an dem linken Gummikettenlaufwerk, während Flower, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, mit hängender Zunge und hysterischem Bellen versuchte, das Vorderrad in ein tiefes Loch zu bellen. Marc, der mit seiner Glatze, seiner Brille und dem grauen Vollbart ohnehin schon aussah wie ein pensionierter Admiral im Ausnahmezustand, riss die Brille von der Nase und rieb sich die Augen. „Sag mal, träume ich das, Anke, oder parkt da gerade ein Bagger im Vorgarten?“ Anke, deren lange, leicht gewellte Haare sanft im Wind wehten, trat mit einer Kaffeetasse in der Hand neben ihn auf die Veranda. Sie schaute auf das monströse Baugerät, dann auf ihre Mutter Frau Klein, die hinter dem Bagger stand und triumphierend mit einem Klemmbrett winkte. „Sieht stark nach einer gezielten Baumaßnahme aus, Schatz“, sagte Anke trocken und nahm einen ruhigen Schluck aus ihrer Tasse. „Vielleicht will Mutti den Eingangsbereich umgestalten. Der Kiesweg hat ihr beim letzten Mal bestimmt nicht gepasst.“ „Umgestalten? Mit einem Kettenfahrzeug? Wir wohnen hier nicht am Nürburgring!“, rief Marc aus, während er wild mit den Armen gestrudelte, um die Hunde von der Baumaschine wegzurufen. Doch Flower ließ sich von ein paar menschlichen Gesten nicht beeindrucken. Sie setzte sich demonstrativ vor die Schaufel des Baggers und begann zu heulen, als würde sie der Maschinenbauindustrie persönlich huldigen. Curso hingegen beschloss, dass die Raupenkette ein hervorragender Kratzbaum für seinen Rücken war, warf sich genüsslich auf den Schotter und

120 rieb sich genüsslich an dem tonnenschweren Stahl. Frau Klein öffnete die Tür des Minibaggers mit einem vernehmlichen Quietschen, schwang sich mit der Eleganz einer Elchbulle in der Brunft aus dem Führerhaus und landete mit einem satten dumpfen Geräusch auf dem frisch geharkten Boden. Sie trug eine orangefarbene Warnweste über ihrem geblümten Sommerkleid, was sie optisch irgendwo zwischen Straßenmeisterei und Kaffeekränzchen einordnete. „Marc! Anke!“, rief Frau Klein mit durchdringender Stimme, während sie zielstrebig auf die Veranda zusteuerte. „Ich habe gesehen, dass du, Marc, dich in den letzten zwei Stunden um exakt vierzig Zentimeter von der Stelle bewegt hast! Das ist eine katastrophale Unterdeckung im Bereich der täglichen Mindestbewegung. Wenn du so weitermachst, wächst du noch auf dem Sofa fest! Also habe ich kurzerhand diesen Bagger organisiert, um deinen Horizont ein wenig zu erweitern.“ Marc schnappte nach Luft. Seine Glatze glänzte im Sonnenlicht. „Einen Bagger? Du hast wegen meiner Schrittzahl einen Bagger gemietet? Frau Klein, wir brauchen hier keine Erdarbeiten! Wir haben keinen Kanalisationsbruch! Wir wollten einfach nur einen ruhigen Vormittag verbringen!“ „Ein ruhiger Vormittag ist der Feind der körperlichen Fitness, mein Lieber“, entgegnete die Schwiegermutter bestimmt und klopfte auf das Klemmbrett. „Außerdem hat mir der GPS-Tracker, den ich dir letzten Dienstag unter die Armaturenbrettmatte deines imaginären Autos geklebt habe, signalisiert, dass du dringend mal wieder richtig durchgerüttelt werden musst. Und nichts rüttelt den Menschen so zuverlässig durch wie japanische Hydraulik.“ Anke lehnte sich seelenruhig an den Türrahmen und sah zu, wie ihr Partner langsam die Farbe wechselte – von blass zu einem gesunden Tomatenrot. „Eigentlich, Mutti“, warf Anke mit einem amüsierten Lächeln ein, „hat Marc heute Nacht erst einen sehr anstrengenden Dienst beim Werkschutz hinter sich gehabt. Da ist so ein schweres Gerät vielleicht ein bisschen zu viel des Guten.“ „Ach Quatsch!“, winkte

121 Frau Klein ab. „Ein bisschen Handarbeit hat noch keinem geschadet. Ich dachte mir, wir machen das ganz traditionell: Marc setzt dich in den Bagger, und ich gebe die Kommandos. Wir heben den alten Rhododendron-Strauch aus, der dir und Anke schon seit Jahren ein Dorn im Auge ist.“ Flower, die merkte, dass es hier offenbar um Bewegung ging, sprang augenblicklich auf, bellte laut und versuchte, in die Hydraulikschläuche zu beißen. Curso, der das Potenzial des Baggers als Ruhekissen erkannt hatte, blieb stur auf dem Boden liegen und weigerte sich, auch nur einen Millimeter Platz zu machen. Der Bagger drohte also unweigerlich zu einer Hundefalle zu werden. „Niemand hebt hier irgendwelche Rhododendren aus!“, rief Marc und trat entschlossen vor, wobei er fast über seine eigenen Schlapplatschen stolperte, die er aus purer Schreckhaftigkeit immer noch trug. „Das ist mein Garten! Mein Rasen! Und vor allem: Meine absolute, unangefochtene Ruhezone!“ „Das sagen sie alle, bevor das Fundament absackt“, erwiderte Frau Klein unbeeindruckt und zog eine Trillerpfeife aus ihrer Kitteltasche. Bevor Marc auch nur einen weiteren Einwand vorbringen konnte, blies sie so scharf in das Instrument, dass Curso erschrocken aufsprang und mit eingezogenem Schwanz auf die Terrasse flüchtete, während Flower das Pfeifsignal als Startschuss für eine neue Runde bellenden Irrsinns interpretierte. In diesem Moment bog Postbote Herr Matuschke um die Ecke der Straße. Er hatte seinen Postwagen in zwanzig Meter Entfernung abgestellt und schritt nun mit schwerem Schritt, bepackt mit drei Einschreiben und einem riesigen gelben Umschlag, auf das Grundstück zu. Als er den Minibagger und die martialisch wirkende Frau Klein in der Warnweste sah, blieb er abrupt stehen. Seine Mütze rutschte ihm ein Stück ins Gesicht. „Halt! Stop!“, rief Herr Matuschke und hob beschwörend die Hände. „Ist hier etwa eine behördliche Baumaßnahme im Gange? Ohne schriftliche Genehmigung des städtischen Tiefbauamtes darf hier kein Quadratmeter Erde bewegt werden! Das wissen Sie genau, Frau Klein!“ „Matuschke, halten Sie sich da raus!“, donnerte Frau

122 Klein, ohne mit der Wimper zu zucken. „Hier handelt es sich um eine private Sofortmaßnahme zur Bekämpfung von Marcs chronischer Trägheit! Haben Sie etwa Post für ihn? Wunderbar! Werfen Sie es ihm einfach in die Baggerschaufel!“ Marc starrte den Postboten an, als wäre dieser seine letzte Rettung in einem Ozean aus Verzweiflung. „Herr Matuschke, bitte! Sagen Sie meiner Schwiegermutter, dass ein Minibagger im Vorgarten gegen die guten Sitten verstößt!“ Herr Matuschke schluckte schwer, trat vorsichtig an der Raupenkette vorbei – wobei er fast über den immer noch liegenden Curso stolperte, der genüsslich mit den Pfoten in der Luft strampelte – und drückte Marc den gelben Umschlag in die Hand. „Ich habe nur meinen Zustellungsauftrag zu erfüllen, Herr Marc. Aber ich muss schon sagen... für einen Dienstagvormittag ist das hier eine ganz schön dynamische Nachbarschaft.“ Anke, die das Spektakel mit höchstem Genuss und immer noch warmer Kaffeetasse verfolgte, trat nun endgültig nach draußen. Sie legte ihrem Partner beruhigend eine Hand auf die Schulter. Die Wut in Marcs Gesicht wich langsam jenem vertrauten, resignierten Ausdruck, den sie so gut kannte und den sie beide schon so oft durch Humor und gegenseitige Zuneigung überwunden hatten. „Na komm, mein Großer“, sagte Anke mit sanfter, fast liebevoller Stimme. „Wenn Mutti schon den Bagger bringt, sollten wir das Beste daraus machen. Wir setzen uns jetzt alle auf die Terrasse, trinken einen ordentlichen Schluck Kaffee, und Herr Matuschke kriegt auch einen ab. Und den Bagger... den parken wir einfach vor der Garage, damit er denkt, er gehört zum Inventar.“ Marc sah auf den gelben Umschlag in seiner Hand, dann zu Anke, deren lange Haare im sanften Wind flatterten. Ein kleines Lächeln stahl sich trotz aller Anstrengung in seinen grauen Vollbart. Die Absurdität der Situation schlug jeden Zorn in die Flucht. „Meinst du, Curso passt in die Schaufel?“, fragte Marc trocken und blickte auf den Mischlingshund, der sich gerade genüsslich im Schatten des Kettenfahrwerks wälzte. „Probieren wir es aus“, antwortete Anke grinsend. Frau Klein, die inzwischen

123 den Motor des Minibaggers im Leerlauf dröhnend klingen ließ, schimpfte zwar leise vor sich hin, dass hier überhaupt nicht effektiv gearbeitet wurde, ließ sich aber von Ankes bestimmtem Blick schließlich doch in Richtung Kaffeetisch lotsen. Während der Dieselmotor im Hintergrund weiter vor sich hin tuckerte und die kleine Schäferhündin Flower beschloss, den Auspuff des Baugeräts intensiv anzubellen, setzte sich die kleine Familie langsam in Bewegung. Der Tag versprach, noch genauso chaotisch zu werden, wie er begonnen hatte – aber genau das war ihre Welt.

124 KAPITEL XXVII Bagger, Bellos und Baupläne Der Lärm des roten Minibaggers hallte über den Rasen und drohte, jede Unterhaltung im Umkreis von fünf Kilometern unmöglich zu machen. Marc stand mit seiner Glatze, seiner Brille und seinem grauen Vollbart am Rande der Terrasse, strich sich fahrig über das Kinn und beobachtete, wie Frau Klein mit entschlossenem Blick auf dem Fahrersitz thronte. Sie hatte den Steuerhebel fest in der Hand, als wäre sie kurz davor, eine Autobahn durch ihr eigenes Wohnzimmer zu pflügen. „Ich sage dir, Anke, deine Mutter hat sie nicht mehr alle stramm“, rief Marc gegen das tuckernde Dieseltriebwerk an, während er versuchte, den Schmutz von seiner Brille zu wischen, den der Auspuff gerade in seine Richtung geblasen hatte. „Erst dieser verdammte GPS-Tracker, dann die Drohne und jetzt der Bagger? Fehlt eigentlich nur noch, dass sie hier eine Landebahn für Hubschrauber anlegt!“ Anke, die mit ihren langen, leicht gewellten Haaren im sanften Morgenwind lehnte, lachte leise und trank seelenruhig ihren Kaffee aus einer großen Tasse. „Ach, Marc, sie meint es doch nur gut. Sie sorgt sich eben um deine körperliche Fitness. Sie meinte letztens am Telefon, dein Job im Werkschutz habe dich zu einem Couch-Potato gemacht.“ „Ich bin Wachmann, kein Faultier!“, erwiderte Marc empört und gestikulierte wild mit den Händen. In diesem Moment beschloss Flower, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, dass der lärmende Minibagger eine unmittelbare Bedrohung darstellte. Mit lautem Kläffen stürzte sie sich auf die vordere Baggerschaufel und biss beherzt in den kalten Stahl, als handele es sich um einen besonders widerspenstiven Einbrecher. Curso, der gechillte mittelgroße Mischlingshund, sah dem Spektakel aus sicherer Entfernung zu, lehnte sich genüsslich gegen Marcs Bein und schien zu übernächsten Schlafpausen anzusetzen. Mit einem zischenden Geräusch kam der Bagger zum Stillstand. Frau Klein schob die Schutzbrille auf die Stirn, blickte herab auf die tobende

125 Schäferhündin und rief mit lauter Stimme: „Aus, Flower! Das ist kein Spielzeug, das ist ein erzieherisches Arbeitsgerät für deinen Herrchen! Marc, beweg deinen Hintern her und nimm die Schaufel in die Hand! Wer rastet, der rostet!“ Marc stöhnte auf und verdrehte die Augen hinter seinen Brillengläsern. „Ich höre es schon rosten, und zwar in meinen Knien“, murmelte er, setzte sich dann aber zähneknirschend in Bewegung, um Schlimmeres zu verhindern. Wenn der Rasen erst einmal komplett umgegraben war, würde er hier höchstens noch Kartoffeln anbauen können. Bevor er jedoch den Rand der Baustelle erreichte, ertönte ein vertrautes, klapperndes Geräusch am Gartentor. Ein Postbote in leuchtungsblauem Hemd quälte sich durch den schmalen Spalt, bepackt mit einem riesigen Stapel Briefe und völlig außer Atem. Es war Herr Matuschke, der sich den Schweiß von der Stirn wischte und panisch blickte, als er das schwere Gerät erblickte. „Halt! Stop! Baustellenverordnung!“, rief Herr Matuschke, stolperte über einen vergessen geglaubten Gartenzwerg und landete mit einer Bauchlandung im frisch recycelten Rindenmulchbeet. Curso hob kurz den Kopf, musterte den gestürzten Postboten mit mäßigem Interesse und wandte sich dann wieder seiner Pfote zu, um sie gründlich zu lecken. Flower, die von ihrer Attacke auf die Baggerschaufel abgelenkt war, rannte sofort hinüber und begann, Herrn Matuschkes Gesicht mit überschwänglichen Küssen zu überziehen. „Herr Matuschke! Um Himmels willen, bleiben Sie liegen, bevor Sie sich noch etwas brechen!“, rief Anke besorgt, stellte ihre Kaffeetasse ab und eilte dem Postboten zu Hilfe. Marc, der froh über jede Ablenkung war, die ihn von Frau Kleins Bagger fernhielt, rannte ebenfalls los. Gemeinsam zogen sie den Postboten aus dem Rindenmulch. Herr Matuschke war voll von braunen Holzspänen, hielt aber tapfer einen Brief in der Hand, als wäre es die heiligste Reliquie der Welt. „Ein... ein Einschreiben!“, stöhnte Herr Matuschke und drückte Marc den Umschlag in die Hand. „Für Sie, Herr... Marc. Und ganz ehrlich, wenn ich gewusst

126 hätte, dass hier Erdarbeiten stattfinden, hätte ich einen Helm aufgesetzt.“ „Danke, Herr Matuschke“, sagte Marc und warf einen skeptischen Blick auf den Umschlag. „Keine Sorge, meine Schwiegermutter baut nur kurz unseren Vorgarten in eine Teststrecke für Senioren um. Kommen Sie erst mal rein auf einen Kaffee, bevor Sie hier noch vom Bagger überrollt werden.“ Frau Klein schaltete den Motor des Minibaggers ab, kletterte behände von der Maschine und marschierte auf die Gruppe zu. „Wer wird denn hier vom Bagger überrollt? Ich fahre äußerst präzise! Guten Tag, Herr Matuschke. Sie kommen wie gerufen. Haben Sie etwa Post für meine Tochter?“ Herr Matuschke schluckte schwer. „Äh, nein, Frau Klein, nur dieses Einschreiben für Marc. Aber ich muss sagen, die Landschaftsgestaltung hier ist... sehr dynamisch.“ Anke nahm das Einschreiben an sich, warf einen kurzen Blick darauf und seufzte leise. „Es ist von der Stadtverwaltung“, verkündete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Es geht um den ungenehmigten Einsatz von Baumaschinen in einem reinen Wohngebiet.“ Die Gesichter aller Beteiligten fror für eine Sekunde ein. Selbst Flower hörte auf zu hecheln und blickte abwechselnd zu Anke und zur Schwiegermutter. Frau Klein verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte verächtlich. „Genehmigung? Wo kämen wir denn hin, wenn man für jede kleine Bodenreform erst dreimal Formulare ausfüllen müsste? Marc braucht Bewegung, frische Luft und ein bisschen ehrliche Handarbeit! Und wenn die Stadt ein Problem damit hat, kann der Herr Bürgermeister gerne vorbeikommen, ich setze ihn auch kurz in den Bagger.“ Marc schmunzelte trotz der prekären Lage. „Das Bild würde ich zu gerne sehen“, flüsterte er Anke zu, während er den Arm um ihre Schulter legte. „Der Bürgermeister im Minibagger, flankiert von Flower und Curso.“ Anke lehnte sich kurz an ihn, schmunzelte ebenfalls und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Du bleibst aber schön hier fern von dem Ding, sonst landest du am Ende auch noch im Rindenmulch.“ „Keine Sorge“, entgegnete Marc trocken. „Mein Rücken hat

127 heute schon genug gelitten, ohne dass ich mich von deiner Mutter über den Acker jagen lasse.“ Herr Matuschke, der inzwischen wieder auf den Beinen war und sich den gröbsten Schmutz von der Hose klopfte, nahm dankend den Becher Kaffee an, den Anke ihm reichte. „Wisst ihr was?“, sagte der Postbote und blies vorsichtig auf den heißen Dampf. „Im Vergleich zu dem Hund, der mich letztens durch die halbe Nachbarschaft gejagt hat, ist so ein Minibagger fast schon erholsam.“ Curso, der wohl spürte, dass er gemeint war, blinzelte träge in die Sonne und gab ein leises, zufriedenes Schnarchen von sich, das alle Zweifel an seiner Unschuld zerstreute. Flower hingegen nutzte die Gelegenheit, um sich unbemerkt an Herrn Matuschkes Tasche heranzuschleichen, in der sich offenkundig noch ein paar verirrte Hundekekse befanden. „Also gut“, sagte Frau Klein und klopfte sich energisch auf die Oberschenkel, während sie den Minibagger musterte. „Wenn wir hier keine ungenehmigten Erdbewegungen machen dürfen, dann parken wir das Gefährt eben vorerst direkt auf der Einfahrt. Aber wundert euch nicht, wenn ich morgen mit dem Presslufthammer wiederkomme. Irgendwie muss hier ja mal Schwung in die Bude kommen!“ Marc verdrehte erneut die Augen, aber ein breites Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. Der Tag hatte mit Lärm, Chaos, einem gestürzten Postboten und einer Schwiegermutter mit schwerem Gerät begonnen, doch am Ende standen sie alle zusammen auf dem Rasen, tranken Kaffee und lachten über das absurde Durcheinander. „Na wunderbar“, murmelte Marc leise, als er den Arm fester um Anke legte. „Ich glaube, ich brauche bald Urlaub von meinem freien Tag.“ Anke lachte hell auf und drückte seine Hand. „Ach Quatsch, Marc. Langweilig wird es mit dir und unseren Vierbeinern jedenfalls nie.“ Während sich die kleine Gruppe langsam in Richtung Terrasse begab, um den Vormittag bei Kaffee und Kuchen fortzusetzen, blieb der Minibagger auf dem Rasen stehen und tuckerte leise vor sich hin – ein stummes, aber

128 unübersehbares Monument für das turbulente Familienleben, das noch so manche Überraschung bereithalten sollte.

129 KAPITEL XXVIII Besuch aus schwerem Metall Die Kaffeetasse in Ankes Hand zitterte leicht, allerdings nicht etwa wegen der morgendlichen Kühle, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass sich auf ihrem frisch gepflegten Rasen ein tonnenschweres Baustellenfahrzeug befand, das dort absolut nichts zu suchen hatte. Marc, der mit seiner Glatze, seiner Brille und dem markanten grauen Vollbart ohnehin schon aussah wie ein pensionierter Admiral auf Landgang, strich sich resigniert über das Gesicht. Neben ihm schnüffelte die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin Flower neugierig an der eiskalten Kette des Minibaggers, während der gechillte Mischlingshund Curso sich mit einem vernehmlichen Seufzer direkt vor den Kettenantrieb legte, um einen optimalen Platz für ein Vormittagsschläfchen zu beanspruchen. „Ich sage dir, Anke, deine Mutter plant die Weltherrschaft“, flüsterte Marc und schob seine Brille auf der Nase zurecht, während er einen besorgten Blick auf Frau Klein warf, die mit entschlossenem Schritt und einer Thermoskanne im Anschlag über die Terrasse marschierte. Anke stellte die Kaffeetasse auf dem Gartentisch ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie macht sich eben Sorgen, Marc. Sie meint, deine tägliche Bewegung beschränkt sich zu sehr auf den Weg vom Kühlschrank zum Fernseher.“ „Das stimmt doch gar nicht!“, empörte sich Marc. „Ich gedenke immerhin dreimal am Tag mit Curso und Flower durch den Park zu joggen – oder zumindest gezogen zu werden.“ Bevor Anke darauf antworten konnte, ertönte ein vertrautes, schmerzliches Fluchen vom Vorgarten her. Die kleine Gruppe wandte geschlossenen Blickes den Kopf Richtung Eingangsbereich. Dort kämpfte sich der Postbote Herr Matuschke gerade mühsam aus den Überresten einer frisch umgegrabenen Rabatte frei. In seiner Hand hielt er wie eine Trophäe einen leicht lädierten Gartenzwerg, dessen spitzer Hut nun bedrohlich nach unten neigte. „Einschreiben!“, rief Herr

130 Matuschke keuchend, während er sich mit der freien Hand den Staub von der Uniform klopfte. „Und wenn ich das sagen darf, Frau Klein, Ihr Fuhrpark ist für die Zustellung eine absolute Zumutung! Ich wäre beinahe in der Schaufel gelandet!“ Frau Klein, die soeben die Terrasse betreten hatte und gerade im Begriff war, Kaffeetassen aus Plastik zu verteilen, warf dem Postboten einen eisigen Blick zu. „Wer ohne festes Schuhwerk über eine Baustelle rennt, Herr Matuschke, der muss eben mit Kollateralschäden rechnen. Das Fundament für den neuen Kräutergarten gießt sich schließlich nicht von allein.“ Anke eilte dem Postboten entgegen, um ihm behutsam den Gartenzwerg aus der Hand zu nehmen. „Guten Morgen, Herr Matuschke. Setzen Sie sich doch erst einmal. Möchten Sie einen Schluck Kaffee? Sie sehen aus, als hätten Sie das Abenteuer Ihres Lebens hinter sich.“ Herr Matuschke lehnte dankend ab, zog jedoch mit wichtiger Miene einen offiziell wirkenden Umschlag aus seiner Manteltasche. „Kaffee klingt verlockend, aber ich habe hier ein dringendes Dokument von der Stadtverwaltung für Herrn Marc. Und ich rate dringend dazu, es sofort zu öffnen, bevor noch schweres Gerät auf dem Dach landet.“ Marc nahm den Umschlag entgegen, wobei seine Hände kurz zitterten. Er setzte seine Brille ab, putzte sie an seinem Hemd, setzte sie wieder auf und riss den Umschlag auf. Mit gerunzelter Stirn las er das offizielle Schreiben vor. „Sehr geehrter Herr Marc, hiermit untersagen wir Ihnen jegliche Erdbewegungen mittels ungenehmigter Baumaschinen in einem reinen Wohngebiet. Der Minibagger ist umgehend – ich betone, umgehend – außer Betrieb zu setzen. Gegebenenfalls droht ein Bußgeld.“ Frau Klein schnaubte verächtlich und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Thermoskanne. „Bürokraten! Alles Bürokraten! Wenn ich damals in meinem Garten auf die Stadt gewartet hätte, würde heute noch kein Apfelbaum stehen.“ „Aber Mama, das ist ein offizielles Schreiben“, warf Anke beschwichtigend ein, während sie sich neben Marc stellte und tröstend eine Hand auf seinen grauen

131 Vollbart legte. „Wir können hier keinen illegalen Tiefbau betreiben. Die Nachbarn schauen schon ganz irritiert über den Zaun.“ Tatsächlich ließ das Schließen eines Küchenfensters im Nachbarhaus erahnen, dass Frau Huppertz das Spektakel mit Argusaugen verfolgte. Flower, die den Ernst der Lage offensichtlich völlig falsch verstand, fing an, freudig um den Minibagger herumzuspringen und in die Luft zu bellen, während Curso sich ungerührt auf die Seite rollte, um sich von der Frühlingssonne den Bauch wärmen zu lassen. Marc atmete tief durch. Er blickte auf das offizielle Schreiben, dann auf den Minibagger und schließlich auf seine Schwiegermutter, die trotzig die Arme verschränkte. Die Komik der Situation schlug sich in einem schmunzelnden Zucken seiner Mundwinkel nieder. „Wisst ihr was?“, sagte Marc mit einem amüsierten Unterton. „Wenn wir den Bagger jetzt sofort stilllegen müssen, dann sollten wir diesen historischen Moment gebührend feiern. Bevor die Stadtpolizei anrückt.“ Anke musste lachen. Die Anspannung fiel von ihr ab, und sie lehnte sich kurz an Marc. „Du hast recht. Bevor wir den Schlüssel abziehen, machen wir noch ein Erinnerungsfoto.“ Herr Matuschke, der sich inzwischen auf einen Gartenstuhl geflüchtet hatte und mit einem Keks von Anke versorgt worden war, kramte sofort sein Diensthandy hervor. „Kein Problem! Als ehemaliger Hobbyfotograf übernehme ich das. Aber stellen Sie sich bitte alle so hin, dass man den Bagger gut sieht. Für die Akten!“ Und so entstand ein Bild, das wohl in keinem Fotoalbum fehlen durfte: Marc in der Mitte, flankiert von einer resoluten Schwiegermutter mit Thermoskanne, einer lachenden Anke, der aufgeregten Schäferhündin Flower im Sprung und dem tiefenentspannten Curso im Vordergrund. Der Postbote stand im Hintergrund auf dem Stuhl, um den perfekten Winkel zu erwischen. Während das Blitzlicht aufblitzte und die kleine Gruppe in schallendes Gelächter ausbrach, schien der Tag trotz aller behördlichen Drohungen und familiären Einmischungen eine herrlich harmonische Wendung zu nehmen.

132 Doch während Marc gerade den Schlüssel des Minibaggers abziehen wollte, um den Frieden wiederherzustellen, ertönte am hinteren Gartentor ein metallisches Klacken, gefolgt von einem leisen, mechanischen Surren, das die fröhliche Idylle jäh durchbrach und alle abrupt erstarren ließ.

133 KAPITEL XXIX Das metallische Klacken Die Stille, die auf das metallische Klacken am hinteren Gartentor folgte, war so greifbar, dass man das Rascheln eines Grashalms hätte hören können. Niemand bewegte sich. Sogar der Minibagger, den Frau Klein gerade noch stolz wie eine Trophäe präsentiert hatte, schien zu begreifen, dass dieser Moment von höchster dramatischer Bedeutung war. Marc, der mit seiner Hand noch immer verkrampft an dem Zündschlüssel der schweren Baumaschine hing, starrte wie gebannt auf das Tor. Seine Brille war leicht verrutscht, und unter seiner Glatze bildeten sich winzige Schweißperlen, die sich tapfer durch seinen grauen Vollbahrt nach unten kämpften. Anke, die neben ihm stand und eben noch über das gemeinsame Gruppenfoto gelacht hatte, legte langsam die Arme verschränkt vor die Brust und kniff die Augen zusammen. „Das ist mit Sicherheit wieder dieser verdammte GPS-Tracker“, flüsterte Marc heiser, während er versuchte, sich hinter Ankes linker Schulter zu verstecken, was bei seiner Statur ungefähr so erfolgreich war wie der Versuch, einen Linienbus hinter einem Besenstiel zu parken. „Sei still, Marc“, zischte Anke leise zurück, verlor dabei jedoch keineswegs ihre charmante Gelassenheit. „Ein GPS-Tracker macht kein mechanisches Surren, das klingt eher wie eine Mischung aus Rasenmäher und Kettensäge.“ Herr Matuschke, der Postbote, der sich nach seinem Sturz über den Gartenzwerg gerade mühsam wieder aufgerichtet und den Staub von seiner Uniform geklopft hatte, schluckte hörbar. Er zog sein blaues Kappe tief ins Gesicht und trat demonstrativ hinter Frau Klein. „Ich sage Ihnen, Frau Klein, das sind die Russen. Oder die Stadtwerke. Beides ist gleichermaßen unberechenbar.“ Frau Klein schnaubte verächtlich. Sie fasste sich an die Hüften, strich ihr geblümtes Kleid glatt und trat zwei entschlossene Schritte nach vorn. „Unsinn, Herr Matuschke! Das ist höchstens der Kontrolleur vom Bauamt, der die Einstellung

134 unseres kleinen, privaten Infrastrukturprojekts persönlich überwachen will. Und dem werde ich jetzt aber mal ganz gewaltig die Leviten lesen! Niemand, und ich betone absolut niemand, hält mich davon ab, den Vorgarten meines Schwiegersohnes zu verschönern!“ Bevor Frau Klein jedoch das Tor stürmen konnte, um dem mysteriösen Störenfried die Meinung zu sagen, geschah etwas Unerwartetes. Das metallische Klacken wiederholte sich, gefolgt von einem lauten, elektrischen Summen. Plötzlich schoss ein kleines, blaues Etagengerät mit vier rotierenden Propellern über die Hecke hinweg in den Himmel, vollführte eine elegante Rolle rückwärts, streifte fast Herrn Matuschkes Posttasche und schwebte schließlich surrend exakt in der Mitte des Vorgartens, direkt über dem frisch umgegrabenen Beet. Flower, die Deutsche Schäferhündin, die sich bisher mustergültig ruhig verhalten hatte, stieß ein tiefes, unheilvolles Knurren aus. Ihre Nackenhare stellten sich auf, und sie fixierte das fliegende Objekt mit Blicken, die ausgereicht hätten, um Granit zu spalten. Curso, der gechillte Mischlingshund, sah die Drohne ebenfalls an, blinzelte müde, lehnte sich demonstrativ gegen den Reifen des Minibaggers und tat so, als ginge ihn das Ganze überhaupt nichts an. „Eine Drohne?“, rief Anke überrascht und trat einen Schritt vor. „Aber das ist doch nicht deine Drohne, Mama? Deine war doch rot und hatte diese seltsame Kamera auf der Unterseite.“ Frau Klein kniff die Augen zusammen und musterte das blaue Flugobjekt mit Argwohn. „Stimmt. Meine ist rot und wesentlich teurer. Das da ist billiger Chinakram. Wer wagt es, in *unserem* Luftraum unautorisierte Aufnahmen zu machen?“ „Vielleicht eine Spionage-Taube im futuristischen Gewand?“, warf Marc ein, der sich nun zaghaft wieder hinter dem Fahrersitz des Minibaggers hervorgewagt hatte. „Erinnerst du dich an den Vorfall neulich bei Müller & Söhne? Die Vögel heutzutage planen etwas Großes, Anke. Ich habe es im Urin.“ „Marc, hör auf mit deinen paranoiden Vögeln“, stöhnte Anke, während sie das Summen der Drohne beobachtete.

135 Plötzlich klappte an der Unterseite des Geräts eine kleine Klappe auf, und ein winziger Zettel flatterte zu Boden, genau vor die Füße von Frau Huppertz, der neugierigen Nachbarin, die das Spektakel aus sicherer Entfernung über die Hecke hinweg verfolgte. Frau Huppertz, deren Neugier selbst die stärksten physikalischen Gesetze übertraf, flitzte mit der Agilität einer Zehnjährigen über das Beet, griff nach dem Zettel und rief triumphierend: „Ich habe ihn! Ich habe die Kriegserklärung!“ „Geben Sie her, Frau Huppertz!“, rief Frau Klein empört und streckte resolut die Hand aus. „Das ist Post für den Baustellenleiter, also für mich!“ Doch Frau Huppertz hatte den Zettel bereits entfaltet und drückte ihre dicke Lesebrille auf die Nase. Sie räusperte sich bedeutungsschwer, während die kleine blaue Drohne in der Luft kreiste und bedrohlich summte, als würde sie jeden Moment zum Sturzflug ansetzen. „Da steht... Moment, die Handschrift ist schrecklich... Ah ja. ‚Achtung, Baustellen-Chaos-Crew! Sie wurden erwischt. Die Lizenz zum Umgraben ist abgelaufen. Übergeben Sie das Gelände freiwillig, sonst schicken wir den Bagger-Schreck 3000!‘“ Ein peinliches Schweigen breitete sich im Vorgarten aus. Alle Blicke wanderten von Frau Huppertz zu dem Zettel, dann zur Drohne und schließlich zu Marc, der immer noch den Schlüssel des Minibaggers in der Hand hielt. „Der Bagger-Schreck 3000?“, wiederholte Herr Matuschke ungläubig. „Klingt ein bisschen nach einem schlechten Science-Fiction-Film aus den späten Achtzigern.“ „Oder nach einer absolut geschmacklosen Marketingkampagne der Konkurrenz“, murmelte Anke und legte die Hände in die Hüften. Sie blickte nach oben zur Drohne, holte tief Luft und rief mit kräftiger Stimme in den blauen Frühlingshimmel: „Hören Sie auf, uns hier zu veräppeln, wer auch immer Sie sind! Wenn Sie ein Problem mit unserem Vorgarten haben, kommen Sie gefälligst persönlich vorbei und stellen sich uns wie ein ganzer Kerl – oder wie eine vernünftige Behörde!“ Die Drohne schien auf diese Aufforderung hin kurz zu zögern.

136 Sie machte einen kleinen Satz nach oben, drehte sich einmal um die eigene Achse und gab dann ein schrilles, elektronisches Piepsen von sich, das frappierend an den Wecker erinnerte, mit dem Flower und Curso ihre Besitzer jeden Morgen um sechs Uhr aus den Federn warfen. Plötzlich schoss das kleine Flugobjekt mit rasanter Geschwindigkeit nach oben, überwand die Gartenmauer und verschwand hinter den Dächern der Nachbarschaft, als hätte es kalte Füße bekommen. „Na toll“, brummte Marc und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn, während er erleichtert ausatmete. „Jetzt wissen wir, dass uns eine fliegende Maschine mit dubiosen Drohungen im Genick sitzt. Mein Tag fängt ja gut an – und ich habe nicht mal Nachtdienst.“ „Ach was, Marc“, sagte Anke und trat lächelnd an seine Seite, um ihm kurz über den grauen Vollbart zu streichen. „Das war doch nur irgendein dummer Streich. Vielleicht von den Nachbarskindern oder von diesem nervigen Typen aus der Blumenhandlung an der Ecke.“ „Oder von der Stadtverwaltung“, warf Herr Matuschke ein, der sichtlich erleichtert schien, dass keine Invasion bevorstand. „Die modernisieren heutzutage eben auch. Da wird nicht mehr nur geschrieben, da wird geflogen!“ Frau Klein indessen ließ sich von dem Zwischenfall keineswegs einschüchtern. Sie verschränkte die Arme und sah in die Richtung, in der die Drohne verschwunden war. „Ein ‚Bagger-Schreck 3000‘! Lächerlich. Solange ich hier das Kommando habe, wird hier gar nichts stillgelegt. Marc, du startest jetzt sofort wieder den Motor. Wir müssen die linke Beetseite fertig machen, bevor die Sonne untergeht!“ Marc verdrehte die Augen, während Curso leise gähnte und sich auf die andere Seite rollte, als wolle er damit signalisieren, dass er bei diesem Wahnsinn ganz sicher nicht mitmachen würde. Flower hingegen stand weiterhin wachsam am Rand des Rasens und musterte den Horizont, als wüsste sie genau, dass diese kleine Drohne nur der Vorbote von etwas viel Grösserem war. „Mama“, sagte Anke mit einem warnenden Unterton in der Stimme, „wir haben gerade erst ein offizielles Schreiben von der Stadt

137 bekommen, dass wir diesen Minibagger hier nicht einfach abstellen dürfen. Wenn du jetzt weitermachst, rücken die am Ende noch mit schwerem Gerät an.“ „Lass sie nur kommen“, schnaubte Frau Klein kampflustig. „Ich habe noch zwei Dosen Kräutertee und eine alte Strickjacke im Bollerwagen. Damit vertreibe ich jeden Amtsträger!“ Bevor Marc auf diese skurrile Drohung antworten konnte, ertönte am Eingangstor plötzlich ein lautes, schrilles Klingeln. Nicht das sanfte Bimmeln der alten Glocke, sondern das energische, fast schon aggressive Drücken eines Paketboten, der es extrem eilig hatte. Alle zuckten zusammen. Herr Matuschke stöhnte leise auf und murmelte etwas von „Konkurrenz auf meinem Bezirk“, während Flower sofort wieder in den Verteidigungsmodus umschaltete und mit lautem Bellen zum Tor rannte. Curso folgte ihr diesmal, wenn auch eher gemütlich und im Trab, um nach dem Rechten zu sehen. „Wer ist das denn jetzt schon wieder?“, seufzte Marc und ließ die Schultern hängen. „Haben wir heute Tag der offenen Tür für alle Kuriositäten des Landkreises?“ Anke ging voraus, gefolgt von einem leicht genervten Marc und einer unerschrockenen Frau Klein. Als sie das Gartentor öffneten, staunten sie nicht schlecht. Vor ihnen stand kein Paketbote und auch kein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, sondern ein völlig unbekannter, junger Mann in einer knallgelben Warnweste, der in der einen Hand ein riesiges, rot- weißes Schild hielt und mit der anderen hektisch auf ein Klemmbrett tippte. „Guten Tag!“, rief der junge Mann mit übertrieben gut gelaunter Stimme. „Sind Sie hier die Verantwortlichen für die ungenehmigte Baustelle mit dem Minibagger? Ich komme im Auftrag der regionalen Drohnen-Liga und muss Ihnen mitteilen...“ Weiter kam er nicht. Denn in diesem Moment setzte Flower zum finalen Bellen an, während die kleine blaue Drohne, die sich offenbar heimlich von hinten angeschlichen hatte, genau über dem Kopf des jungen Mannes in der Luft stehen blieb und ein

138 schrilles, triumphierendes Piepsen von sich gab, das den gesamten Vorgarten in helle Aufregung versetzte.

139 KAPITEL XXX Krieg der Drohnen und Schaufeln Der schrille Piepton der blauen Drohne schnitt durch die morgendliche Luft wie eine elektrische Heckenschere durch frisch geschnittenen Buchsbaum. Der unbekannte Mann in der Warnweste zuckte so heftig zusammen, dass ihm sein frisch geklemmter Klemmbaustein-Katalog – oder was auch immer diese regionale Drohnen-Liga als Ausweis benutzte – direkt in den frisch umgegrabenen Baggerdreck fiel. Flower, die stolze Deutsche Schäferhündin, setzte noch einmal nach und begleitete den akustischen Terror des Fluggeräts mit einem tiefen, basslastigen Bellen, das selbst die Fensterläden der Nachbarschaft zum Vibrieren brachte. „Halt! Sofort einstellen diesen Fluglärm!“, brüllte Frau Klein, die sich mit einer Hartnäckigkeit, die an einen mittelalterlichen Burgherren erinnerte, vor den Ketten des Minibaggers aufgebaut hatte. Sie hielt eine Schaufel in der Rechten wie eine Hellebarde. „Wer sind Sie überhaupt, dass Sie hier den Luftraum über meinem – beziehungsweise über dem von meiner Tochter und meinem Schwiegersohn – illegal beanspruchen? Haben Sie eine Flugerlaubnis vom Amt? Zeigen Sie mir Ihre Papiere, junger Mann!“ Marc, der sich gerade mit einer gewissen Faszination und einer Tasse kalten Kaffees an die Seite des Baggers gelehnt hatte, seufzte tief. Seine Glatze glänzte in der Morgensonne, während er seine Brille kurz auf der Nase zurechtschob. „Anke“, rief er leise zu seiner Partnerin hinüber, die mit verschränkten Armen und einem amüsierten Lächeln auf der Treppe stand. „Glaubst du, wir kriegen heute noch unseren Vormittagstee, oder müssen wir erst die Luftwaffe anrufen?“ Anke schmunzelte und lehnte sich an den Türrahmen. „Mach dir keine Sorgen, Schatz. Solange meine Mutter den Bagger verteidigt, kommt hier kein Luftangriff durch. Aber ich glaube, der Herr in der Warnweste braucht gleich eine Sauerstoffmaske.“ Tatsächlich rang der Vertreter der regionalen Drohnen-Liga nach Luft. Sein Gesicht

140 hatte inzwischen die Farbe einer reifen Tomate angenommen. Er bückte sich, fischte seinen Katalog aus dem Schlamm, wischte panisch ein bisschen Mutterboden ab und blickte dann wütend zu der kleinen blauen Drohne hoch, die summend in der Luft tanzte, als würde sie sich über ihn lustig machen. „Ich bin Sven! Sven Krawinkel!“, presste der junge Mann hervor, während er sich aufrichtete und versuchte, so autoritär wie möglich zu wirken, was durch den Umstand, dass seine Turnschuhe bis zum Knöchel im feuchten Lehm steckten, enorm erschwert wurde. „Und ich bin der offizielle Regionalbeauftragte Sektion Süd für den Schutz des unbemannten Luftverkehrs im Gemeindebereich! Ihre Baumaschine hier verstößt gegen Paragraph vierzehn, Absatz drei der Verordnung über urbane Kleinstbaustellen!“ Curso, der mittelgroße Mischlingshund, der das ganze Spektakel bisher aus einer gewissen, zen-artigen Gelassenheit heraus im Schatten eines Rhododendronbuschs beobachtet hatte, stand nun langsam auf. Er reckte sich, gähnte herzhaft, dass man alle seine gesunden Hundebezahlten Zähne sehen konnte, trottete gemächlich auf Herrn Krawinkel zu und schnupperte demonstrativ an dessen schlammigem Turnschuh. Herr Krawinkel zuckte zusammen und wich schreckhaft zurück. „Guter Hund… braver Hund… weg da“, murmelte der Drohnen- Vertreter und versuchte gleichzeitig, die blaue Drohne mit einer wilden Handbewegung zu greifen. Doch die Drohne war schneller. Mit einem elektronischen Surren wich sie aus, machte einen eleganten Looping und schwebte genau über dem Kopf von Frau Klein, wo sie kurz blinkte, als würde sie die resolute Dame als ihre neue Kommandantin anerkennen. „Paragraph hin oder her“, schaltete sich nun Frau Huppertz ein, die mit ihrer obligatorischen Kaffeetasse in der Hand am Gartenzaun lehnte und das Schauspiel genoss wie die beste Nachmittagsserie im Fernsehen. „Solange Frau Klein hier den Boden umgräbt, damit dieser arme Marc endlich mal ein paar Muskeln kriegt, wird hier gar nichts stillgelegt! Und überhaupt, junger Mann, Sie stehen auf meinem Grundrecht, wenn Sie da so

141 blöd im Matsch rumstehen!“ „Das ist nicht Ihr Grundrecht, das ist die Zufahrt!“, rief Herr Krawinkel fast hysterisch. „Ruhe im Glied!“, donnerte Frau Klein, und selbst die Drohne schien für eine Sekunde den Atem anzuhalten. Die Schwiegermutter musterte den Drohnen-Vertreter von oben bis unten. „Hören Sie mal zu, Herr Krawinkel. Ich lasse mir von so einem fliegenden Plastikstück und einem Jüngling in Warnweste sicher nicht mein landschaftsarchitektonisches Meisterwerk im Vorgarten verbieten. Wenn Sie ein Problem mit dem Bagger haben, können Sie sich gerne beschweren – aber erst, nachdem wir hier geklärt haben, wer die Verantwortung für diesen Luftterror trägt!“ In diesem Moment knackte es vernehmlich am Gartentor. Alle Köpfe zuckten herum. Der Postbote Herr Matuschke, der sich nach seinem letzten Sturz in den Lichtschacht offenbar gerade wieder aufgerappelt hatte, stolperte durch das geöffnete Tor. Er trug eine Umhängetasche, die vollgestopft war mit Päckchen, und in der Hand hielt er ein weiteres, gelbes Kuvert. Sein Gesicht war schweißgebadet, und seine Mütze saß schief auf dem Kopf. „Einschreiben!“, keuchte Herr Matuschke und wankte direkt auf die kleine Menschenmenge zu. „Ich habe ein Einschreiben… für Frau Klein oder Herrn… Moment… für den Herrn mit der Glatze!“ Marc stöhnte auf. „Nicht noch ein Einschreiben. Wenn das wieder von der Stadtverwaltung ist, wegen des Baggers, wandere ich aus. Nach Skandinavien. Ohne Drohnen.“ „Nein, nein“, rief Herr Matuschke, der nun gefährlich nahe an den Rand der Baggergrube geriet. Curso, der die Gefahr witterte, schob sich sanft, aber bestimmt zwischen den Postboten und den Abgrund. „Es ist… oh, Moment, Vorsicht…“ Zu spät. Ein unglücklicher Schritt nach links, ein kleiner Stein im feuchten Rasen, und Herr Matuschke machte eine klassische, filmreife Slapstick-Rolle vorwärts. Er landete exakt auf allen vieren im weichen, von Frau Klein frisch umgegrabenen Lehmbett, während die Umhängetasche einen Bogen machte und das gelbe Kuvert direkt vor Marcs Füße flog. Die blaue Drohne über ihnen

142 stieß einen schrillen Ton aus und schoss panisch in den grauen Himmel, als hätte sie genug von menschlicher Tollpatschigkeit für heute. Stille senkte sich über den Vorgarten. Nur das leise Brummen des Minibaggers im Leerlauf war noch zu hören. Frau Klein sah auf den im Dreck liegenden Postboten, dann auf den Brief und schließlich auf ihren Schwiegersohn. „Na los, Marc“, sagte sie streng, aber mit einem kaum merklichen Zucken um die Mundwinkel. „Heb das Ding auf. Vielleicht ist es die Lizenz für den Bagger.“ Anke trat von der Haustür herab, ging auf ihren Partner zu und hob das Kuvert auf. Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie drehte den Umschlag um und zeigte ihn Marc. Darauf stand in feinster Handschrift: *An die stolzen Besitzer von Flower, Curso und dem unbezwingbaren Bagger-Team.* Marc nahm seine Brille ab, putzte sie an seinem Pullover und blickte in die Runde. Der Postbote rappelte sich mühsam auf, während Flower ihm freundlich das Gesicht ableckte, um ihn zu trösten. Der Drohnen-Vertreter stand immer noch im Schlamm und wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte. „Weißt du was, Anke?“, sagte Marc und legte einen Arm um seine Partnerin, während er den turbulenten Haufen um sich herum musterte. „Ich glaube, ruhige Tage sind absolut überbewertet.“ Anke lachte leise und lehnte sich an seine Schulter. „Das, mein Schatz, unterschreibe ich sofort.“ Doch bevor sie den Moment der trachtigen Zweisamkeit genießen konnten, ertönte ein vertrautes, mechanisches Summen aus dem hinteren Bereich des Gartens, gefolgt von einem lauten, metallischen Klacken am Garagentor, das alle Hunde augenblicklich wieder in höchste Alarmbereitschaft versetzte.

143 KAPITEL XXXI Das Konzert des Chaos Das mechanische Summen scholl nicht länger nur als leise Drohung durch den Vormittag, sondern entwickelte sich rasch zu einem ohrenäubenden Konzert aus Kreischen und rasselnden Zahnrädern. Sven Krawinkel, der Regionalebeauftragte der Drohnen-Liga, ließ schlagartig seine Klemmmappe fallen, während Frau Klein ihre Schaufel wie eine mittelalterliche Hellebarde in den schlammigen Boden rammte. Marc, dessen Glatze im scharfen Sonnenlicht matt glänzte, schob seine Brille nach oben und kniff die Augen zusammen. „Das klingt verdächtig nach einem Getriebeschaden der Stufe vier“, murmelte Marc und wischte sich mit dem Handrücken über seinen grauen Vollbart. Anke verschränkte die Arme vor der Brust, während ihre langen, leicht gewellten Haare in einer plötzlichen Windböe tanzten. „Wenn das schon wieder diese fliegende Kamera ist, spende ich die Drohne mitsamt dem ominösen Bagger an den örtlichen Schrottplatz, Marc!“ Die Deutsche Schäferhündin Flower und der Mischlingshund Curso fackelten nicht lange. Mit einem markerschütternden Bellen stürzten die beiden Vierbeiner auf das Garagentor zu, als ob dort der Leibhaftige persönlich anklopfen würde. Curso, sonst der Inbegriff der gechillten Gelassenheit, rutschte auf den nassen Pflastersteinen aus und schlitterte auf dem Bauch direkt gegen das geschlossene Holz, während Flower heldenhaft im Kreis sprang und den vermeintlichen Feind lautstark anbellte. Mit einem gewaltigen Klong sprang das Garagentor aus seiner Verankerung und schwenkte nach oben. Zum Vorschein kam jedoch kein Flugobjekt und auch keine feindliche Drohnen-Armee, sondern eine graue, völlig verstaubte Mülltonne, die offenbar durch den anhaltenden Rückwärtsgang von Frau Kleins Minibagger in den vergangenen Minuten einen mächtigen Stoß abbekommen hatte. Die Tonne trudelte nun herrenlos aus der Dunkelheit der Garage hervor, drehte sich zweimal um die eigene

144 Achse und ergoß ihren gesamten, fein säuberlich sortierten Inhalt aus Kaffeesatz und Bananenschalen direkt auf die Schuhe des entsetzten Herrn Krawinkel. „Unerhört! Das ist Sabotage am luftverkehrsrechtlichen Apparat!“, kreischte Sven Krawinkel und sprang panisch zur Seite, während er wild mit den Armen fuchtelte. „Ich lasse diesen Bagger sofort konfiszieren! Das ist ein schwerer Verstoß gegen Paragraf Vierzehn Absatz Drei der kommunalen Drohnen- und Schuttverordnung!“ Frau Klein trat einen Schritt nach vorne, die Schaufel fest im Griff, und musterte den Regionalbeauftragten mit einem Blick, der selbst einen ausgewachsenen Kampfhund zum Zittern gebracht hätte. „Junger Mann, wenn hier jemand etwas konfisziert, dann bin ich das, wenn Sie nicht innerhalb von drei Sekunden Ihren Block einpacken und von meinem Grundstück verschwinden! Dieser Bagger bleibt da stehen, wo er steht. Er hat Charakter. Und Marc braucht Bewegung!“ Marc seufzte tief und lehnte sich gegen den Kotflügel des Minibaggers. „Ich hatte heute Morgen eigentlich schon genug Bewegung, wenn ich an den Angriff der Taube von vor ein paar Tagen denke, Frau Schwiegermutter.“ „Von wegen Taube, Marc!“, warf Anke ein, konnte sich aber ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Du hast dich damals vor einer Amsel erschrocken und bist rückwärts in den Gartenteich gefallen.“ Bevor Marc zu einer adäquaten Verteidigung ansetzen konnte, ertönte vom vorderen Gartentor ein vertrautes, lang gezogenes Stöhnen. Herr Matuschke, der Postbote, hatte es offenkundig erneut geschafft, sich in den provisorischen Baustellenabsperrungen zu verheddern. Er hing halb über dem Holzzaun, während ein gelber Warnwesten-Gürtel sich bedrohlich um seinen Hals gewickelt hatte. „Post!“, rief Herr Matuschke mit erstickter Stimme. „Ein... ein weiteres Einschreiben! Und diesmal ist es kein Scherz, Frau Klein! Es ist rosa! Das bedeutet amtlichen Ärger!“ Flower, die den Postboten sofort wiedererkannte, ließ von der Mülltonne ab und rannte schwanzwedelnd auf den Zaun zu, wo sie Herrn

145 Matuschke zur Begrüßung so stürmisch anheulte, dass der arme Mann fast den Halt verlor. Curso trottete gemächlich hinterher, schnupperte kurz an dem Kaffeesatz auf Sven Krawinkels Schuhen und beschloss, dass dieser Tag ohnehin viel zu stressig für einen anständigen Hund war, weshalb er sich kurzerhand im Schatten der Gartenbank niederließ. „Ein rosa Einschreiben?“, fragte Anke und trat näher an das Gartentor, um den Postboten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Sie zog den verhedderten Gurt vorsichtig über Herrn Matuschkes Kopf. „Danke, Herr Matuschke. Kommen Sie erst mal rein. Bevor hier noch jemand unter einer Baumaschine begraben wird oder von einer Mülltonne erschlagen wird, trinken wir alle erst mal einen ordentlichen Kaffee.“ „Kaffee klingt fantastisch“, stöhnte Herr Matuschke und wischte sich den Schweiß von der Stirn, während er sich durch das geöffnete Tor zwängte. „Aber ich muss Sie warnen. Der Postbote von nebenan hat erzählt, dass heute in der gesamten Bezirksregion ein Kontrolltag für illegale Erdbewegungen im privaten Wohnraum stattfindet. Und genau deshalb stehe ich vermutlich auch hier.“ Sven Krawinkel trat mit hochrotem Kopf heran, die Kaffeesatzreste tropften von seinen Lackschuhen. „Sehen Sie! Genau das meinte ich! Die Stadtverwaltung schaut nicht länger weg. Herr Matuschke hat völlig recht. Dieses Projekt hier ist eine illegale Großbaustelle!“ Frau Klein schnaubte verächtlich. „Großbaustelle? Das ist ein pädagogisches Kunstprojekt für meinen Schwiegersohn, junger Mann! Marc leidet an akuter Couch-Verwachsung. Wenn ich ihn nicht mit schwerem Gerät aus dem Haus locke, wächst er noch mit dem Polster zusammen.“ Marc hob abwehrend die Hände. „Ich bitte dich, Anke, bezeuge du es. Ich war gestern erst im Steakhaus. Ich bin absolut beweglich.“ „Du hast dich auf der Gartenbank verheddert und den GPS-Tracker im Salatbeil versteckt, Schatz“, erinnerte Anke ihn sanft, während sie Herrn Matuschke den Weg zur Terrasse wies, wo der Tisch bereits von den morgendlichen Frühstücksresten zeugte.

146 Die kleine Gruppe setzte sich in Bewegung, wobei Frau Klein den Minibagger mit einem warnenden Blick bedachte, als wolle sie ihm befehlen, bei eventuellen Fluchtversuchen des Regionalbeauftragten sofort den Rückwärtsgang einzulegen. Sven Krawinkel folgte der Prozession mit verschränkten Armen, immer noch grimmig auf seine verschmutzten Schuhe blickend. Auf der Terrasse angekommen, ließ sich Herr Matuschke dankbar auf einen Gartenstuhl fallen. Anke schenkte den Kaffee ein, während Flower und Curso sich sofort unter dem Tisch postierten, in der sicheren Erwartung, dass bei diesem Chaos unweigerlich das eine oder andere Stück Gebäck zu Boden fallen würde. „Nun her mit dem rosa Brief“, forderte Frau Klein und griff entschlossen nach dem Umschlag, den der Postbote immer noch krampfhaft in der Hand hielt. Sie riss ihn auf, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, während Marc leise Stoßgebete zum Himmel schickte, in der Hoffnung, dass die Stadtverwaltung nicht etwa die sofortige Sprengung des Vorgartens anordnete. Frau Klein las das Schreiben mit zusammengekniffenen Augen. Ihre Miene verfinsterte sich zunächst, die Falten auf ihrer Stirn tiefen sich, und am Tisch herrschte absolute Totenstille. Selbst die Hunde hielten den Atem an. „Na wunderbar“, brummte Frau Klein schließlich. „Was steht drin?“, fragte Marc mit belegter Stimme. „Geldstrafe? Haft? Muss ich den Bagger etwa eigenhändig wegschieben?“ Anke lehnte sich an Marcs Schulter und legte beruhigend ihre Hand auf seinen Arm, während sie zu ihrer Mutter hinübersah. „Mama? Lass uns nicht auf die Folter spannen.“ Frau Klein ließ das rosa Papier sinken und fing plötzlich an zu schmunzeln. „Es ist keine Strafe. Die Stadtverwaltung teilt uns mit, dass der Bereich unseres Vorgartens offiziell als ‚historisches Erdbewegungsgebiet‘ eingestuft wurde, weil vor hundert Jahren hier angeblich mal eine Postkutsche stecken geblieben ist. Daher dürfen wir nicht nur weitergraben, sondern wir müssen sogar einen offiziellen Bauzaun aufstellen, weil die Region nun unter Denkmalschutz steht!“ Sven Krawinkel fiel fast die Kinnlade herunter.

147 „Das... das kann unmöglich sein! Ich bin der Regionalebeauftragte! Ich kenne jede Verordnung auswendig!“ „Offenbar nicht die von vor hundert Jahren, Herr Krawinkel“, erwiderte Frau Klein triumphierend und schob ihm eine Tasse Kaffee hin. „Setzen Sie sich hin, trinken Sie einen Schluck, und überlegen Sie sich schon mal, wo wir den Bauzaun am besten hinstellen. Denn mein Schwiegersohn braucht schließlich Platz für seine sportlichen Aktivitäten.“ Marc starrte seine Schwiegermutter an, während in seinem Kopf die Erleichterung und das blanke Entsetzen gleichzeitig um die Vorherrschaft kämpften. Ein Bauzaun. Auf ihrem ohnehin schon winzigen Grundstück. Das bedeutete noch mehr Hindernisse für die Hunde, noch mehr Chaos im Alltag und garantiert neue Gelegenheiten für Herrn Matuschke, über irgendwelche Kanten zu stolpern. „Das wird ein fantastischer Sommer“, flüsterte Marc leise zu Anke, die sich vor Lachen kaum noch halten konnte und ihn liebevoll an sich drückte. Plötzlich, mitten in das allgemeine Aufatmen und Kaffeeklatsche hinein, ertönte aus der Richtung des Gartenfensters ein neues, hochfrequentes Piepsen. Es war der GPS-Tracker, den Marc immer noch in der Tasche seiner Jacke mit sich herumtrug. Das kleine Gerät blinkte in grellem Rot auf und sendete einen schrillen Ton, der direkt durch Mark und Bein ging. Curso sprang augenblicklich auf und starrte mit spitzgeografierten Ohren auf das Küchenfenster, während Flower ein tiefes, grollendes Knurren von sich gab. „Was hat das Ding denn jetzt schon wieder?“, fragte Marc und kramte das kleine elektronische Etwas aus seiner Tasche. „Es bewegt sich nicht mal. Es piept einfach nur so.“ Frau Klein beugte sich über den Tisch, ihre Augen blitzten verdächtig. „Das ist kein normaler Alarm, Marc. Das bedeutet, dass der Tracker ein Signal von einem anderen Gerät in unmittelbarer Nähe empfängt.“ Bevor jemand auch nur einen weiteren Gedanken daran verschwenden konnte, verdunkelte sich der Himmel über dem Vorgarten für einen kurzen Augenblick.

148 Ein gewaltiger, rot-schwarzer Schatten huschte über die Hauswand, begleitet von einem tiefen, grollenden Rotorgeräusch, das unverkennbar von etwas sehr viel Größerem als einer normalen Drohne stammte. Herr Krawinkel ließ seine Kaffeetasse fallen, die auf den Pflastersteinen in tausend Stücke zersprang. „Das... das ist keine städtische Drohne mehr“, stammelte er bleich im Gesicht. „Das ist der schwere Erkundungstrupp der regionalen Drohnen- Liga!“ Marc richtete sich langsam auf, seine Glatze glänzte in der Sonne, und mit einer Miene, die von absolutem Unverständnis und tiefer, unerschütterlicher Müdigkeit zeugte, schob er seine Brille zurecht. „Wenn das jetzt wieder meine Schwiegermutter war, wandere ich nach Alaska aus.“ Frau Klein schüttelte jedoch entschieden den Kopf und deutete nach oben. „Ich war das diesmal ganz sicher nicht, Marc.“ Alle Blicke richteten sich nach oben, wo der Schatten nun direkt über dem provisorischen historischen Erdbewegungsgebiet zum Stehen kam und ein mächtiges, grelles Scheinwerferlicht direkt auf den Minibagger und die versammelte Familie warf.

149 KAPITEL XXXII Das Auge am Himmel Der grelle Lichtkegel der geheimnisvollen Drohne schnitt durch die dicke Frühlingsluft und hüllte den Minibagger, Frau Klein, Marc, Anke und die fassungslos dreinblickenden Hunde in ein grelles Scheinwerferlicht, das jeden Einzelnen von ihnen wirken ließ wie die Hauptdarsteller in einer extrem kostspieligen, aber völlig misslungenen Hollywood-Produktion. Sven Krawinkel, der Regionalbeauftragte der Drohnen-Liga, nahm sofort Haltung an und salutierte knapp vor dem fliegenden Ungetüm, als ob es sich um den obersten Befehlshaber einer intergalaktischen Flotte handelte. „Endlich! Die Verstärkung ist eingetroffen!“, rief Krawinkel mit einer dramatischen Tonlage, die in Anbetracht der Tatsache, dass es sich lediglich um einen illegalen Vorgarten-Aushub handelte, reichlich übertrieben wirkte. „Die Luftraumüberlegenheit über dem historischen Erdbewegungsgebiet ist hiermit offiziell beendet!“ Frau Klein, deren Entschlossenheit durch den Scheinwerfer keineswegs geschwächt wurde, sondern im Gegenteil noch an Schärfe gewann, packte den Stiel ihrer Schaufel fester und starrte den Drohnen- Beauftragten mit Blicken an, die problemlos dicken Stahl hätten schmelzen können. „Wer hier das Sagen hat, entscheide immer noch ich und nicht irgendein fliegender Plastik-Staubsauger mit Fernbedienung!“, schimpfte sie und drohte dem summenden Etwas in der Luft mit der Schaufel, als wäre es eine lästige Stechmücke an einem lauen Sommerabend. Anke verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihrem Partner einen vielsagenden Blick zu. „Marc, ich habe das leise Gefühl, dein friedlicher Tag im Garten nimmt mal wieder eine sehr unerwartete Wendung.“ Marc, der sich dank seiner Brille und seines grauen Vollbarts Mühe gab, einen möglichst autoritären Eindruck zu erweisen, während er gleichzeitig versuchte, nicht über die Raupenkette des Minibaggers zu stolpern, seufzte tief. „Ich wollte doch eigentlich

150 nur in Ruhe meinen Kaffee trinken, Schatz. Warum landen wir eigentlich immer in solchen Situationen? Ist das dieser berüchtigte GPS-Tracker-Effekt?“ Curso, der mittelgroße Mischlingshund, schien die Dramatik der Situation völlig kaltzulassen. Er leckte sich genüsslich die Schnauze, setzte sich mitten in den frisch umgegrabenen Schlamm und begann, sich intensiv am Ohr zu kratzen. Die Deutsche Schäferhündin Flower hingegen sah das Ganze völlig anders. Sie sprang bellend im Kreis, fixierte den Lichtkegel der Drohne und machte unmissverständliche Anstalten, den Eindringling eigenhändig aus der Luft zu holen. Mit einem gewaltigen Satz stürmte sie auf den Bagger zu, nutzte die Ketten als Absprungbasis und verfehlte das surrende Flugobjekt nur um Haaresbreite, während Krawinkel panisch einen Schritt zurückwich und in eine Pfütze trat. „Holen Sie sofort diesen Köter da runter! Das ist hochmoderne Technologie im Wert von mehreren tausend Euro!“, schrie Krawinkel, während er versuchte, den Spritzwasser ausweichenden Schlamm von seiner teuren Funktionsjacke zu wischen. „Flower, aus! Sitz!“, rief Anke mit fester Stimme, auch wenn ihr ein amüsantes Lächeln um die Mundwinkel spielte. Die Schäferhündin gehorchte zwar, setzte sich aber direkt vor Krawinkel hin, fletschte leicht die Zähne und fixierte ihn mit einem Blick, der unmissverständlich klarstellte, dass hier niemand einen Schritt weitergehen würde, ohne die Erlaubnis der Hunde einzuholen. In diesem Moment öffnete sich das Gartentor mit einem quietschenden Geräusch, und der Postbote Herr Matuschke taumelte auf das Grundstück. Er hatte mal wieder einen riesigen Stapel Briefe unterm Arm, stolperte jedoch über ein ungesichertes Stromkabel des Minibaggers und vollführte eine elegante Rolle vorwärts direkt in das Blumenbeet von Frau Huppertz, die kurz zuvor neugierig ihren Kopf über den Gartenzaun gesteckt hatte. „Hui! Post für alle!“, rief Matuschke fröhlich, während er mit dem Gesicht im Rindenmulch landete und ein kleines Päckchen in

151 Richtung der Drohne warf, die prompt ausweichen musste. Frau Huppertz schüttelte entsetzt den Kopf. „Herr Matuschke, das ist ja wohl die Höhe! Erst machen Sie meine Astern kaputt und jetzt werfen Sie mit Paketen nach UFOs!“ „Das war keine Absicht, gnädige Frau! Der GPS-Tracker hat mich magisch angezogen!“, rechtfertigte sich der Postbote, während er sich mühsam aufrappelte und seine Mütze zurechtsetzte. Die Drohne in der Luft schien von der plötzlichen Anwesenheit des Postboten und der rebellischen Haltung der Hunde völlig irritiert zu sein. Das Summen des Fluggeräts veränderte sich in ein unregelmäßiges Stottern, und das grelle Scheinwerferlicht begann bedrohlich zu flackern. Oben aus der Öffnung des Geräts stieg plötzlich eine winzige Rauchsäule auf, was bei allen Anwesenden für schlagartiges Schweigen sorgte. „Moment mal“, sagte Marc und kniff die Augen hinter seiner Brille zusammen. „Riecht das hier etwa nach durchgebrannter Platine?“ Sven Krawinkel lief hellwach an, riss die Augen auf und rannte wild gestikulierend auf den Minibagger zu. „Das darf nicht wahr sein! Die thermische Überlastung! Sie haben mein High-Tech-Spionagegerät mit Ihrer provokanten Anwesenheit zur Überhitzung gebracht!“ „Ich habe überhaupt nichts gemacht, junger Mann“, entgegnete Frau Klein kühl und lehnte sich lässig an den Baggerarm. „Wenn Ihr Spielzeug nicht mit ein bisschen echtem Handwerk und einer ehrlichen Schaufel klar kommt, dann hat es in unserem historischen Erdbewegungsgebiet sowieso nichts verloren.“ Bevor Krawinkel antworten konnte, gab die Drohne ein letztes, klägliches Piepsen von sich, verlor komplett die Kontrolle über ihren Auftrieb und begann, in einer waghalsigen Spirale unaufhaltsam abzustürzen. Alle Beteiligten sprangen reflexartig zur Seite. Frau Klein zog Anke und Marc mit überraschender Kraft in Deckung, während Herr Matuschke geistesgegenwärtig hinter dem Minibagger in Sicherheit ging. Die Hunde gaben ein synchrones Heulen von sich, das wie ein triumphaler Abgesang klang.

152 Mit einem dumpfen Knall schlug das fliegende Objekt genau in jene Pfütze ein, in die zuvor bereits Herr Matuschke getreten war. Eine Fontäne aus schlammigem Wasser schoss in die Höhe und verteilte sich gleichmäßig über Sven Krawinkels makellose Funktionskleidung. Dicke Stille legte sich über den Vorgarten. Nur das leise, rhythmische Atmen der Hunde und das Zischen des beschädigten Akkus der Drohne waren zu hören. Krawinkel starrte fassungslos auf das rauchende Wrack im Schlamm, dann auf seine rußverschmierte Kleidung und schließlich auf die versammelte Familie, die ihn geschlossen und völlig unbeeindruckt musterte. „Das... das wird Folgen haben!“, stotterte er, drehte sich auf dem Absatz um und rannte mit wehenden Fahnen und schlammigen Schuhen vom Grundstück, als gäbe es kein Morgen mehr. Herr Matuschke klopfte sich den Dreck von der Schulter und grinste breit. „Na, das nenne ich mal einen gelungenen Vormittag. Braucht zufällig noch jemand ein Einschreiben?“ Anke brach in schallendes Gelöch aus, lehnte sich an Marcs Schulter und wischte sich eine Träne der Erheiterung aus dem Augenwinkel. „Ich glaube, Matuschke, heute brauchen wir erst einmal gar nichts außer ganz viel Kaffee.“ Marc nickte zustimmend, legte einen Arm um seine Partnerin und blickte auf das Chaos in ihrem Vorgarten, wo der Minibagger friedlich brummte, die Hunde schwanzwedelnd im Kreis tanzten und seine Schwiegermutter bereits triumphierend die Schaufel schwang. „Da hast du allerdings recht“, murmelte er mit einem liebevollen Lächeln. „Aber ich wette, der Tag hält noch ein paar weitere Überraschungen für uns bereit.“ Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, ertönte aus der Richtung der geschlossenen Garage plötzlich ein lautes, mechanisches Surren, gefolgt von einem unverkennbaren metallischen Klicken, das verdammt noch mal klang wie das Laden eines automatischen Bolzenschussgeräts.

153 KAPITEL XXXIII Das unheimliche Klicken der Garage Das mechanische Surren aus der Garage hing wie eine bleierne Last in der ohnehin schon angespannten Luft des Vorgartens. Niemand rührte sich. Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten, als das unverkennbare metallische Klicken durch die morgendliche Stille hallte. Frau Klein ließ die Schaufel sinken, die sie gerade noch entschlossen gegen den Drohnen-Beauftragten Sven Krawinkel erhoben hatte. Sven selbst, dessen teurer Anzug nach seiner unglücklichen Landung in der Schlammpfütze eher an die Uniform eines sumpfigen Monster-Zombies erinnerte, glotzte mit weit aufgerissenen Augen auf das Garagentor. „War das… war das etwa ein Bolzenschussgerät?“, flüsterte Anke und trat unwillkürlich einen Schritt näher an Marc heran. Sie suchte nach seiner Hand, griff dabei jedoch ins Leere, weil Marc vor Schreck so steif geworden war wie ein frisch aufgestellter Gartenzwerg. Marc schob sich mit zitternden Fingern die Brille auf der Glatze zurecht. Sein grauer Vollbart zuckte verdächtig. Als Werkschutzmitarbeiter hatte er schon einiges gesehen, aber ein automatisches Bolzenschussgerät in einer ganz normalen Wohnsiedlung gehörte definitiv nicht zu seinen Standard-Dienstvorschriften. „Keine Panik“, presste Marc hervor, wobei seine Stimme eine Oktave höher klang als gewöhnlich. „Das ist… bestimmt nur der Rasenmäherroboter auf Steroiden. Oder der Toaster von Frau Huppertz hat einen sehr, sehr schlechten Tag.“ Bevor irgendjemand diesen absurden Erklärungsversuch auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen konnte, fingen die Hunde an zu arbeiten. Curso, der mittelgroße Mischlingshund, der normalerweise die Gelassenheit in Person war und jede Krise mit einer gepflegten Runde Dösen beantwortete, richtete augenblicklich seine Ohren auf. Er legte den Kopf schief, schnüffelte einmal verächtlich in

154 Richtung Garage und beschloss, dass dieser Lärm eindeutig unter seiner Würde lag. Er setzte sich demonstrativ auf den feuchten Rasen und lehnte sich an Frau Kleins Gummistiefel. Flower hingegen sah das völlig anders. Die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin verwandelte sich in eine pelzige Rakete mit Zähnen. Sie stieß ein helles, markerschütterndes Bellen aus, das selbst einen bengalischen Tiger in die Flucht geschlagen hätte, und stürmte mit Vollgas auf das geschlossene Garagentor zu. „Nein, Flower, Platz! Halt stopp!“, schrie Marc und setzte sich in Bewegung. Das war ein fataler Fehler. Denn direkt in seiner Laufbahn lag immer noch die schlammige Pfütze, in die vor wenigen Minuten Sven Krawinkel gestürzt war. Marc rutschte aus, vollführte in der Luft eine akrobatische Pirouette, die jeden Eiskunstläufer neidisch gemacht hätte, und landete mit einer Eleganz, die laut genug platschte, um die Nachbarn im Umkreis von drei Kilometern zu wecken, direkt auf dem Rücken. „Marc!“, rief Anke entsetzt, während sie gleichzeitig die Hände über dem Kopf zusammenschlug. „Er lebt noch, der Sturzflug-Champion!“, rief Frau Klein mit ungerührter Härte, während sie die Schaufel wieder fester in die Hand nahm. „Ein bisschen mehr Körperspannung hätte der Nummer allerdings gutgetan, Marc. Wie soll man denn so einen Einbrecher beeindrucken?“ Sven Krawinkel nutzte das allgemeine Chaos, um sich unauffällig auf allen vieren rückwärts Richtung Gehweg zu robben. „Ich… ich glaube, meine Anwesenheit ist hier nicht mehr erforderlich“, stotterte er, während Schlammklumpen von seiner Designer-Brille tropften. „Das verstößt gegen sämtliche Richtlinien des Luft- und Bodenverkehrs! Das ist Anarchie! Das ist… das ist eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch unkontrolliertes Garagengeräusch!“ „Bleiben Sie liegen, Sie Feigling!“, fauchte Frau Klein und warf dem flüchtenden Drohnen-Beauftragten einen Blick zu, der selbst Stahlbeton zum Schmelzen gebracht hätte. „Wer hier aufräumt, wird nicht einfach so feige entlassen!“ Indem sich Marc mühsam aus dem Schlamm aufrappelte und dabei

155 aussah wie ein frisch ausgegrabenes Fossil aus der Kreidezeit, öffnete sich das Garagentor mit einem lauten Quietschen von ganz allein. Die elektronische Steuerung, die sonst eher unzuverlässig arbeitete, schien heute Höchstleistungen vollbringen zu wollen. Dunkelheit gähnte ihnen entgegen. Aus dem Inneren der Garage drang ein schwaches, unheilvolles rotes Blinken. „Och nö“, murmelte Marc und wischte sich mit dem Handrücken den Schlamm von der Brille, wodurch er die Gläser nur noch effektiver verschmierte. „Bitte sag mir, dass das nicht die Kaffeemaschine ist, die Schwiegermutter mir zum Geburtstag geschenkt hat.“ „Das ist keine Kaffeemaschine“, sagte Anke mit ernster Miene, als sie zu ihm trat und ihm vorsichtig einen großen Schlammklumpen von der Schulter wischte. „Das riecht eher nach… technologischem Overkill.“ Plötzlich trat aus dem Halbdunkel der Garage eine Gestalt hervor. Oder besser gesagt: ein Wesen. Alle Augen richteten sich gespannt auf den Eingang. Es war Herr Matuschke. Der Postbote hatte sich offenbar in den letzten Minuten unbemerkt in die Garage geschlichen, vermutlich auf der Suche nach einer weiteren Abkürzung oder einem sicheren Ort vor Frau Kleins Zorn. Allerdings hatte er sich dabei in eine Rolle verstrickt, die ihn eher wie einen verirrten Action-Helden aus einem drittklassigen B-Movie wirken ließ. Über seine Schulter war ein Gartenschlauch gewickelt wie ein schweres Maschinengewehr, auf dem Kopf trug er einen umgedrehten Eimer als Helm, und in der Hand hielt er triumphierend einen Gegenstand, der laut und unaufhörlich piepte. „Halt! Im Namen der Post!“, rief Herr Matuschke mit einer Stimme, die vor Pathos fast überschnappte. Er stolperte über die eigene Posttasche, fing sich in letzter Sekunde an einem Stapel Pflastersteine ab und streckte ihnen den Gegenstand entgegen. „Ich habe den Feind dingfest gemacht!“ Frau Klein starrte den Postboten an wie ein Auto. „Matuschke, was zum Teufel machen Sie in meiner Garage? Und warum tragen Sie einen Putzeimer auf dem Kopf?“ „Das ist kein Putzeimer, gnädige Frau! Das ist ein taktischer Kopfschutz!“, verteidigte sich der Postbote und wankte

156 bedrohlich nach vorne. „Und was die Garage betrifft: Ich wollte nur nachsehen, woher dieses schreckliche Surren kam. Und da bin ich auf… *das* gestoßen!“ Er hielt den piependen Gegenstand hoch. Es war ein handgroßes, quaderförmiges Gerät, das mit blinkenden LEDs und wild durcheinander wirbelnden Kabeln übersät war. An der Seite prangte ein kleines Etikett mit der Aufschrift: *GPS-Tracker Deluxe – Edition Schwiegermutter.* Marc, der sich gerade mühsam den Schlamm aus dem grauen Vollbart wischte, erstarrte. „Moment mal… Das Ding ist aus meinem Flur? Aber wie ist das in die Garage gekommen?“ „Das frage ich mich auch“, sagte Anke und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie ihren Partner musterte. „Besonders, weil du mir gestern noch geschworen hast, du hättest dieses Gerät feierlich auf der Kommode deponiert, damit meine Mutter dich nicht mehr auf Schritt und Tritt überwacht.“ „Habe ich ja auch!“, rief Marc fast flehend. „Ich schwöre es bei Curso und Flower! Ich habe es auf die Kommode gelegt, direkt neben den Schlüsselbund!“ „Falsch!“, schaltete sich Frau Klein ein, die nun mit verschränkten Armen und triumphierendem Gesichtsausdruck vortrat. „Ein guter Spion verlässt sich nie auf den ersten Ablageort. Ich habe dem Gerät ein kleines Upgrade verpasst. Einen autonomen Antrieb! Wenn mein Schwiegersohn sich weigert, sich freiwillig an der frischen Luft zu bewegen und den Minibagger zu bedienen, dann muss der Minibagger eben zum Schwiegersohn kommen – gesteuert durch modernste Satellitentechnik!“ Sven Krawinkel, der sich immer noch im Schlamm auf dem Gehweg befand, stöhnte auf. „Das ist illegal! Ohne offizielle Frequenzgenehmigung der Bundesnetzagentur ist das Betreiben von autonomen Tracking-Modulen auf privatem und halböffentlichem Grund eine absolute Frechheit!“ „Halt den Mund, Krawinkel, sonst schicke ich den Hund auf Sie!“, brummte Frau Klein, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Flower, die den Namen ihres Herrchens oder zumindest eine Drohung verstanden zu haben schien, gab ein kurzes, freudiges Wuff von sich und setzte sich schnurstracks

157 auf Sven Krawinkels Rücken, der daraufhin erneut im Schlamm versank. Marc atmete tief aus. Er blickte von Anke zu seiner Schwiegermutter, dann zu dem piependen Gerät in den Händen des Postboten und schließlich auf die Hunde. Die Absurdität der Situation schlug in ihm in pure, unbändige Erschöpfung um, die sich jedoch sofort wieder in jenen schrägen Humor auflöste, der ihre Beziehung seit Jahren zusammenhielt. „Weißt du was, Schatz?“, sagte Marc und trat trotz des Schlamms mit fast würdevoller Haltung auf Anke zu. „Vielleicht sollten wir einfach mal wieder in den Urlaub fahren. Irgendwohin, wo es keine Drohnen, keine Minibagger, keine GPS-Tracker und vor allem keine Postboten mit Putzeimern auf dem Kopf gibt.“ Anke musste unwillkürlich schmunzeln, auch wenn sie versuchte, ernst zu bleiben. „Und wo sollen die Hunde hin, Marc? Die würden uns doch bis an das Ende der Welt hinterherlaufen – und wahrscheinlich vorher noch den Bus entführen.“ „Curso würde schlafen und Flower würde den Busfahrer ankläffen, bis er schneller fährt“, konterte Marc trocken. Herr Matuschke, der den piependen Tracker immer noch stolz wie eine Trophäe in die Höhe hielt, trat einen Schritt vor. „Ähm, Entschuldigung? Bevor wir über den Urlaub sprechen… Ich glaube, das Ding zählt gerade rückwärts.“ Alle Blicke senkten sich auf das Gerät. Tatsächlich. Die blinkenden roten LEDs hörten auf zu flackern und gingen in ein schnelles, panisches Dauerleuchten über. Ein hochfrequenter Ton, der verdächtig an eine digitale Zeitbombe erinnerte, schnitt durch die Luft. „Weg da!“, brüllte Marc, packte Anke am Arm und riss sie zur Seite, während Frau Klein geistesgegenwärtig hinter der Schaufel in Deckung ging. Mit einem lauten *Plopp* öffnete sich eine kleine Klappe an der Seite des Trackers, und anstelle einer Explosion schoss eine gewaltige, gut zentrierte Ladung frischen, schaumigen Kaffees direkt heraus – und traf den am Boden liegenden Sven Krawinkel mitten ins Gesicht. Stille kehrte ein. Sven wischte sich den Kaffeeschaum von den Augen, starrte fassungslos in den blauen Himmel und sagte dann

158 mit dünner Stimme: „Ich hasse den Postdienst.“ Anke lehnte sich an Marcs schlammverkrustete Schulter und begann leise zu kichern. Marc atmete tief den Duft von frischem Kaffee und feuchter Erde ein und wusste, dass dieser Tag noch lange nicht vorbei war. Doch bevor jemand auch nur einen weiteren Schritt tun konnte, ertönte aus der Richtung des Briefkastens am Gartentor ein neues, mechanisches Geräusch – ein helles, fröhliches Klingeln, gefolgt von dem unverkennbaren Summen einer nagelneuen Drohne, die sich zielgerichtet auf Marcs Glatze senkte.

159 KAPITEL XXXIV Summender Besuch aus der Luft Die kleine, summende Drohne schwebte mit beunruhigender Präzision direkt über Marcs polierter Glatze. Das helle, fröhliche Klingeln des eingebauten Lautsprechers klang in dieser angespannten Situation geradezu höhnisch. Marc stand stockstarr auf dem umgegrabenen Rasen, die Brille auf der Nase leicht verrutscht, und wagte kaum zu atmen. „Bloß keine hektischen Bewegungen“, zischte er leise, während der graue Vollbart vor Anspannung bebte. „Die hat es auf meine Kopfhaut abgesehen, ich spüre es!“ Anke, die ein paar Schritte entfernt stand und das Szenario mit verschränkten Armen beobachtete, konnte sich ein amüsiertes Lächeln kaum verkneifen. „Ach, komm schon, Schatz“, rief sie durch den Vorgarten. „Vielleicht will sie dir nur einen neuen Hut verpassen. Nach dem Badelatschen-Outfit und dem Nackenhörnchen wäre das doch nur die logische Konsequenz!“ Frau Klein, die resolute Schwiegermutter, trat energisch einen Schritt vor, bewaffnet mit ihrer Schaufel, als gelte es, eine feindliche Invasion abzuwehren. „Das ist ein ungehöriger Eingriff in unsere Privatsphäre!“, rief sie empört und deutete mit dem Gartengerät auf das summende Etwas in der Luft. „Sven Krawinkel, sind Sie das wieder mit Ihren Spielereien? Ich schwöre Ihnen, wenn dieses Ding Marcs Kopf berührt, jage ich es eigenhändig mit dem Minibagger in die Luft!“ Sven Krawinkel, der immer noch halb im Schlamm saß und versuchte, den Kaffeeschaum aus seinem Gesicht zu wischen, wehrte panisch ab. „Ich war das nicht!“, schrie er und blinzelte durch die milchige Brühe. „Meine Drohne liegt zerstört in der Pfütze! Das da ist ein völlig anderes Modell! Das ist ein High-Tech-Flugobjekt der neuesten Generation!“ Tatsächlich unterschied sich das neue Exemplar deutlich von Krawinkels bisherigem Gerät. Es glänzte in einem kühlen Metallic-Blau, und an seiner Unterseite blinkten kleine, rote LEDs, die im Rhythmus des Klingeltons pulsierten.

160 Die Deutsche Schäferhündin Flower setzte sich sofort auf die Hinterbeine, spitzte die Ohren und stieß ein kurzes, helles Bellen aus. Der Mischlingshund Curso hingegen, der die Aufregung wie gewohnt mit sturer Gelassenheit betrachtete, legte sich einfach seufzend in den frisch aufgeworfenen Erdhaufen des Minibaggers und schloss die Augen. „Halt! Stillstehen!“, rief plötzlich eine helle Stimme vom Gartentor. Alle Köpfe zuckten herum. Der Postbote Herr Matuschke, der sich gerade mühsam aus den Überresten eines umgestürzten Blumenkübels befreit hatte, deutete mit zitterndem Finger auf das fliegende Objekt. „Ich erkenne dieses Klingeln! Das ist kein normales Post-Signal! Das ist... das ist eine automatische Zustellungsdrohne der Sonderklasse!“ Bevor jemand nachfragen konnte, was genau eine Sonderklasse auszeichnete, senkte sich das Flugobjekt noch ein Stück tiefer. Die Rotorblätter erzeugten einen kleinen Luftzug, der Marcs graue Barthaare leicht zum Wanken brachte. Mit einem leisen *Klick* öffnete sich eine winzige Klappe an der Unterseite der Drohne, und ein kleines, quadratisches Päckchen schwebte – gehalten an einer dünnen Nylonschnur – direkt vor Marcs Brillenläsern. Marc starrte das Paket an, das kaum größer als eine Streichholzschachtel war. „Soll das ein Witz sein?“, murmelte er. „Bekomme ich jetzt Briefmarken per Luftfracht geliefert?“ „Greif zu, Mann!“, rief Krawinkel aus dem Schlamm. „Bevor das Ding explodiert oder Kaffeeschaum versprüht!“ Vorsichtig, als handelte es sich um einen unschädlichen Blindgänger, hob Marc die Hand und schnappte nach dem Päckchen. Im selben Moment zog die Drohne ruckartig nach oben, gab einen triumphierenden Piepton von sich und schoss mit rasanter Geschwindigkeit über die Hecke davon, verschwand im blauen Frühlingshimmel. „Na toll“, brummte Marc und drehte das winzige Paket in seinen Händen. „Keine Schleife, kein Absender. Nur ein Barcode.“ Anke trat näher heran, legte eine Hand auf seine Schulter und blickte

161 neugierig auf das Objekt. „Mach schon auf, bevor wir alle vor Neugier platzen. Vielleicht hat deine Mutter ja noch ein technisches Gadget geschickt, damit du beim Fernsehen nicht einschläfst.“ Frau Klein schnaubte verächtlich. „Ich habe gewiss nichts geschickt! Meine Drohne war eine ganz andere Farbe! Und überhaupt, wer bestellt heutzutage noch per Luftpost, wenn man einen soliden Bollerwagen hat?“ Herr Matuschke, der sich den groben Dreck von der Postbotenjacke klopfte, trat ebenfalls näher heran. „Als offizieller Vertreter der Zustellungsbehörde muss ich darauf hinweisen, dass unidentifizierte Flugpakete erst auf sprengstoffverstärkte Inhaltsstoffe überprüft werden müssen“, warnt er mit ernster Miene, obwohl ihm ein breites Grinsen durch das Gesicht huschte. „Ach, Herr Matuschke, jetzt stellen Sie sich mal nicht so an“, winkte Anke ab. „Marc ist Werkschutzmitarbeiter, der hat schon ganz andere Sachen überlebt. Eine Taube hat ihn neulich erst angegriffen, da wird ihn ein Mini-Päckchen wohl kaum umhauen.“ Marc riss die Augen auf. „Hey, das mit der Taube war ein absolut unvorhersehbarer taktischer Hinterhalt aus dem Luftraum! Das hatte nichts mit mangelnder Wachsamkeit zu tun!“ Trotzdem zögerte er nicht länger. Mit geübten Fingern riss er das graue Papier auf. Zum Vorschein kam kein Sprengstoff, kein Kaffeeschaum und auch kein GPS-Tracker, sondern ein glänzender, kleiner Metallschlüssel und ein winziger Zettel. Darauf stand in akkurater Handschrift: *„Für den Fall, dass der Bagger im Weg steht. Schlüssel zum Glück.“* Stille legte sich über den Vorgarten. Alle blickten auf den kleinen Schlüssel in Marcs Hand, dann auf den gewaltigen Minibagger, den Frau Klein kurz zuvor im Eifer des Gefechts dort abgestellt hatte. Sven Krawinkel, der sich inzwischen mühsam aus dem Schlamm erhoben hatte und sich den gröbsten Dreck abklopfte, musterte den Schlüssel mit skeptischem Blick. „Das... das ergibt keinen Sinn. Wozu braucht ein Minibagger einen kleinen Schlüssel? Die Dinger haben Zündschlösser für handfeste Schlüssel!“ „Vielleicht“, warf Anke mit einem schelmischen Funkeln in den Augen ein, „ist das gar nicht der Schlüssel für den Bagger.

162 Vielleicht ist das der Schlüssel zu dem Geheimnis, warum meine Mutter in den letzten drei Tagen mehr Technik auf unserem Grundstück verteilt hat als die NASA bei einer Mars-Mission.“ Frau Klein richtete sich stolz auf, verschränkte die Arme und sagte nichts, lächelte jedoch geheimnisvoll in sich hinein. Curso schnarchte derweil vernehmlich im Erdreich, unbeeindruckt von den großen Rätseln der Familie, während Flower wachsam die Straße im Auge behielt, als ob sie jeden Moment mit dem nächsten absurden Besucher rechnete. Marc atmete tief durch, steckte den Schlüssel in seine Hosentasche und schüttelte den Kopf. „Weißt du was, Anke? Egal, wer uns diesen Schlüssel geschickt hat – ich glaube, wir brauchen heute Abend erst einmal ein ordentliches Steak und einen sehr, sehr großen Kaffee.“ „Da stimme ich dir ausnahmsweise zu hundert Prozent zu“, erwiderte Anke und hakte sich bei ihm ein. Doch bevor sie den Weg Richtung Haustür antreten konnten, zuckte Herr Matuschke zusammen. Ein tiefes, dumpfes Grollen, gefolgt von einem metallenen Klappern, drang plötzlich aus der Richtung der Kellertür. Die Hunde schreckten augenblicklich hoch, Flower stieß ein scharfes Bellen aus, und selbst Curso öffnete ein Auge und hob den Kopf. Die harmonische, aber völlig chaotische Nachbarschaftsidylle schien bereits Geschichte zu sein, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hatte.

163 KAPITEL XXXV Das Poltern im Wohnzimmer Die morgendliche Stille auf dem Grundstück wurde jäh von einem Geräusch zerrissen, das klang, als würde ein Elefant versuchen, auf einer Mandoline zu spielen. Alle Anwesenden zuckten zusammen. Marc, der den mysteriösen Metallschlüssel noch immer fassungslos in der Hand hielt, starrte auf die offene Haustür, aus der das unheilvolle Poltern nun noch lauter drang. Anke trat sofort an seine Seite, während die Deutsche Schäferhündin Flower und der Mischlingshund Curso ein helles, vielstimmiges Bollern anstimmten, das jeden Einbrecher in die Flucht geschlagen hätte – vorausgesetzt, der Einbrecher besetzte nicht bereits das Wohnzimmer. „Was zur Hölle war das?“, rief Sven Krawinkel, der mit Schlammkrusten im Gesicht und einer halb aufgelösten Kaffeeschaumkrone auf dem Kopf aussah wie ein gescheiterter Konditor im Schützengraben. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und trat einen Schritt zurück, als ob das Haus gleich explodieren würde. „Das war eindeutig Curso, der versucht, die Couch zu fressen“, vermutete Marc trocken, wurde jedoch sofort durch einen skeptischen Blick von Anke eines Besseren belehrt. Curso saß nämlich kerzengerade neben ihnen auf dem Rasen, zuckte mit den Ohren und leckte sich gemütlich die Schnauze, völlig frei von jeglicher Schuld. Flower hingegen gab ein tiefes, grollendes Knurren von sich, das durch Marcs Glatze direkt in sein zentrales Nervensystem wanderte. Der graue Vollbart des Werkschutzmitarbeiters zuckte verdächtig, als er tief durchatmete. „Na wunderbar“, brummte Marc. „Wenn das wieder deine Mutter ist, Frau Klein, die im Alleingang den Keller aufbohrt, um einen geheimen Bunker für GPS-Tracker zu errichten, dann wandere ich nach Usbekistan aus.“ Frau Klein, die sich gerade mit einer herrschaftlichen Geste den Staub von ihrer Kittelschürze klopfte, schnaubte verächtlich. „Unverschämtheit, Marc! Wenn ich einen

164 Bunker baue, dann mit DIN- geprüftem Beton und nicht mit dem Krach einer kaputten Waschmaschine. Da drinnen ist etwas ganz anderes im Gange.“ Bevor jemand Einspruch erheben konnte, schoss eine pelzige, braun-schwarze Rakete aus dem Flur: Herr Matuschke. Der Postbote, der sich offenbar im Haus verirrt hatte, stolperte über die Fußmatte mit der Aufschrift *Willkommen, aber zieht die Schuhe aus*, fing sich in einer unkoordinierten Pirouette ab und landete bäuchlings in den frisch umgegrabenen Rosenbeeten von Frau Klein. Ein kleiner, gelber Umschlag flog im hohen Bogen durch die Luft und prallte punktgenau gegen Sven Krawinkels rechte Brillenglas. „Post für das… huch!“, stöhnte Herr Matuschke aus dem Erdreich, während er versuchte, seine Mütze aus einem Brombeerstrauch zu fischen. „Ich wollte nur fragen, ob das Päckchen mit der Aufschrift *Vorsicht, tickt leise* hier abgegeben werden kann!“ Anke schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Ein tickendes Päckchen? Haben wir heute eigentlich den Tag der absurden Psychopathen im Angebot oder ist das ein Abo?“ Marc trat vor, blickte auf den Brief, der von Krawinkels Brille auf den Boden gerutscht war, und hob ihn auf. Seine Brille rutschte ihm dabei gefährlich nah an die Nasenspitze. Mit geübter Miene, die er noch aus seiner Zeit als Türsteher kannte, musterte er den Umschlag. Es war ein amtlich wirkendes Dokument, versehen mit dem Siegel der regionalen Postdienststelle und der handschriftlichen Notiz: *An den Herrn mit dem Schlüssel und dem Bagger.* „Das wird ja immer besser“, murmelte Marc und riss den Umschlag auf. Er zog ein buntes Papier heraus, auf dem mit großen, Filzstift- geschriebenen Buchstaben zu lesen war: *Herzlichen Glückwunsch! Sie haben das Finale erreicht. Der Schlüssel passt in das Schloss unter dem Vogelhäuschen.* Sven Krawinkel trat näher und riss die Augen auf. „Das ist eine illegale Schnitzeljagd! Als Regionalbeauftragter für Luft- und Raumfahrtüberwachung untersage ich hiermit jegliche Teilnahme an schlüsselbasierten Rätseln im Umkreis von fünfzig

165 Kilometern!“ „Ach, halt den Mund, Krawinkel“, fauchte Frau Klein und griff nach dem Schlüssel in Marcs Hand, der jedoch Geistesgegenwärtig einen Schritt zur Seite machte. Die Schwiegermutter glich in diesem Moment einer ehrgeizigen Raubkatze, die kurz davor stand, die Gazelle zu erlegen. „Das ist eindeutig ein Erbe von meinem Urgroßvater Heinrich! Der hat damals auch überall Schlösser im Garten vergraben, weil er dachte, die Preußen kommen zurück.“ „Mama, dein Urgroßvater war Postbote in Castrop-Rauxel und die Preußen waren zu seiner Zeit schon lange im Ruhestand“, warf Anke mit einer ruhigen, aber bestimmten Tonlage ein, die jeder Diskussion sofort den Wind aus den Segeln nahm. Sie trat zu Marc und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Ihre langen, leicht gewellten Haare glänzten im Vormittagslicht, während sie ihren Partner musterte, der angesichts der Drohnen, Postboten und Schwiegermütter langsam den Überblick verlor. „Aber Anke Schatz“, begann Marc mit weinerlicher Stimme, „du musst zugeben, dass ein Schloss unter dem Vogelhäuschen selbst für unsere Verhältnisse extrem sonderbar ist. Letzte Woche hatten wir dort noch drei Meisen und einen defekten Gartenzwerg.“ „Das Vogelhäuschen steht da erst seit gestern, weil du meintest, wir brauchen mehr ‚natürliche Ästhetik‘ statt des kaputten Grills“, entgegnete Anke mit einem süffisanten Lächeln. Flower und Curso hatten sich inzwischen um das Vogelhäuschen im hinteren Teil des Gartens versammelt. Die Deutsche Schäferhündin saß kerzengerade davor und gab ein rhythmisches Wuffen von sich, während Curso – der gechillte Mischlingshund – sich demonstrativ auf den Rücken legte und mit den Pfoten in der Luft strampelte, als erwarte er, dass sich das Rätsel von selbst löste. „Also gut“, seufzte Marc, dessen grauer Vollbart bei jeder Mundbewegung wackelte. Er strich über seine Glatze, setzte ein heroisches Gesicht auf, das eher an einen erschöpften Wachmann nach zwölfstündiger Nachtschicht erinnerte als an einen Helden, und marschierte los. „Dann schauen wir uns das verdammte Schloss eben an.

166 Wenn da eine Schlange drin ist, kündige ich.“ Die gesamte Truppe – bestehend aus Anke, der resoluten Frau Klein, dem schlammbedeckten Krawinkel, dem frisch aus den Rosen gekrochenen Postboten Matuschke sowie den beiden Hunden im Schlepptau – setzte sich in Bewegung. Es glich einer Prozession von Statisten aus einer absurden deutschen Vorabendserie. Am Vogelhäuschen angekommen, kniete Marc nieder. Er schob vorsichtig ein paar Zweige zur Seite. Tatsächlich befand sich direkt an der Unterseite des Holzhauses eine kleine, metallene Klappe, in die genau der Schlüssel passte, den ihm die mysteriöse Drohne zuvor geliefert hatte. „Jetzt bin ich aber gespannt“, flüsterte Anke und stellte sich hinter Marc, bereit, ihn im Falle eines plötzlichen Stromschlags oder einer Schlammexplosion wegzuziehen. Marc steckte den Schlüssel in das Schloss. Es passte perfekt. Mit einem leisen, mechanischen *Klick* sprang die Klappe auf. Alle hielten den Atem an. Sogar Krawinkel trat dicht heran, die Kaffeeschaumkrone mittlerweile an der Wange angetrocknet. Im Inneren des Fachs lag jedoch kein Schatz, kein antikes Erbstück und auch kein weiterer GPS-Tracker. Es war schlicht und einfach ein frisch gebackener, noch leicht warmer Streuselkuchen, auf dem ein kleiner Zettel lag. Marc nahm den Zettel mit zitternden Fingern heraus und las laut vor: *Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Guten Appetit, eure Bäckerei-Konkurrenz von nebenan.* Stille trat ein. Alle Gesichter wandten sich langsam zu Anke, deren Bäckerei sich schließlich nur drei Straßen weiter befand. Anke kniff die Augen zusammen, und ein gefährlich amüsiertes Funkeln trat in ihren Blick. „Ah“, sagte sie mit einer Stimme, die so ruhig war, dass es selbst Marc frösteln ließ. „Der Kollege Schmidt aus der Hauptstraße wollte es also wissen. Er meint wohl, sein Streuselkuchen könnte mit meinem mithalten.“ Marc atmete erleichtert aus, während Krawinkel enttäuscht die Arme verschränkte. „Wegen eines Kuchens machen die hier so einen Aufstand? Keine Drohnen-Abfang-Lizenz, keine Terror- Verdachtsmomente? Das ist ja wohl eine Frechheit!“ Frau Klein

167 schnappte sich sofort den Kuchen, roch daran und erklärte mit absoluter Autorität: „Viel zu wenig Butter. Da merkt man sofort, dass da ein Amateur am Werk war.“ Der Postbote Herr Matuschke, der sich den Schlamm aus den Haaren wischte, nickte eifrig. „Aber gut riechen tut er trotzdem.“ Die Spannung des Morgens schien sich in Wohlgefallen aufzulösen, und das Gelächter der Gruppe hallte über den Rasen. Marc wischte sich eine Schweißperle von der Stirn, dankbar, dass die Bedrohung vorerst nur aus Gebäck bestand. Doch in diesem Moment, als sich alle um den Kuchen versammelten, ertönte aus der Richtung des Garagendachs ein scharfes, elektronisches Piepsen, gefolgt von einem hellen Laserpointer-Punkt, der zielgerichtet über Marcs Glatze tanzte und kurz darauf auf Ankes Nasenspitze stehen blieb. Flower und Curso starrten wie gebannt nach oben. Und diesmal war es kein Postbote und keine Drohne der Liga – es war etwas völlig Neues, das laut surrend aus dem Schatten der Dachrinne herabglitt.

168 KAPITEL XXXVI Der singende Bruchpilot Die Welt schien kurz den Atem anzuhalten, während das surrende Etwas aus der Dachrinne glitt und mit der Anmut eines betrunkenen Pinguins auf den gepflasterten Hof stürzte. Marc spürte sofort, wie seine Glatze im kühlen Wind zu frösteln begann. Neben ihm schlug Anke die Hände vor das Gesicht, während Frau Klein ihre Schaufel wie eine Lanze im Mittelalter hielt. Sven Krawinkel, der Regionalbeauftragte, trat vorsichtig zwei Schritte zurück und flüsterte etwas von behördlichen Sicherheitsabständen. Doch die wahren Experten in dieser Situation waren die Hunde. Flower, die Deutsche Schäferhündin, stieß einen schrillen Kläffer aus, der Glas hätte zerspringen lassen können, während der gechillte Mischlingshund Curso seelenruhig dasitzte, gähnte und sich demonstrativ an einer Pfote kratzte. „Was zur Hölle ist das schon wieder?“, rief Marc und schob seine Brille höher, die bei der abrupten Bewegung beinahe von seiner Nase gerutscht wäre. Sein grauer Vollbart zuckte, als er den Mund zu einem ungläubigen Staunen öffnete. Das Ding am Boden entpuppte sich nach einer kurzen Phase des lauten Ratterns als ein kleiner, staubsaugerartiger Roboter, der mit bunten Luftballons behängt war und laut trötend eine Endlosschleife des Radetzkymarsches spielte. Aus seinem Lautsprecher krächzte eine metallische Stimme: „Achtung, Achtung! Die Schnitzeljagd geht in die nächste Runde. Finden Sie das süße Geheimnis im Keller.“ „Ein Staubsaugerroboter mit Partybeleuchtung?“, fragte Anke ungläubig und wandte sich an ihren Partner. „Marc, hast du etwa im Internet wieder nachts um drei Uhr Dinge bestellt, an die du dich am Morgen nicht mehr erinnern kannst?“ „Ich?“, wehrte sich Marc und breitete empört die Arme aus. „Ich bestelle online maximal Socken oder Ersatzteile für den Werkschutz! Ich brauche keinen tanzenden Haushaltshelfer, der militärische Märsche spielt!“ „Ach, Unsinn“, mischte sich Frau

169 Klein ein, die ihre Schaufel senkte und mit spitzem Blick auf das summende Gerät starrte. „Das ist doch glasklar ein verdeckter Test deiner körperlichen Reflexe, Marc. Deine Bewegungsstarre muss bekämpft werden! Der Roboter will dich zu einer Verfolgungsjagd animieren.“ Sven Krawinkel, der sich inzwischen wieder gefasst hatte und seine Warnweste glättete, schüttelte empört den Kopf. „Das ist ein unerlaubter Eingriff in den regionalen Luft- und Bodenverkehr! Solche autonomen Diskolaufbänder benötigen eine Sondergenehmigung nach Paragraf zwölf der Drohnen- und Haushaltsgeräte-Verordnung!“ In diesem Moment stolperte Herr Matuschke, der Postbote, rückwärts durch das Gartentor, da er mal wieder versuchte, eine Abkürzung über den unebenen Rasen zu nehmen. Mit einem lauten „Hoppla!“ landete er direkt neben dem trötenden Staubsauger, der sofort die Richtung wechselte und Kurs auf Matuschkes Posttasche nahm. „Hilfe! Ein elektronischer Anschlag!“, schrie Herr Matuschke und warf einen Stapel Werbeprospekte nach dem Roboter, die sich wie Konfetti über den Hof verteilten. Curso, der Mischlingshund, fand diese Entwicklung äußerst amüsant, sprang auf und begann, den im Kreis fahrenden Staubsauger zu jagen, während Flower bellend im Kreis herumwirbelte und versuchte, die Luftballons zu zerbeißen. Das Chaos auf dem Hof war perfekt. Marc stöhnte leise auf, rieb sich die glänzende Glatze und blickte zu Anke, die trotz der absurden Situation ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen trug. Die harmonische Dynamik zwischen den beiden hielt dem alltäglichen Wahnsinn stand, auch wenn Marc das Gefühl nicht loswurde, dass ihr ruhiges Leben in eine bizarre Gameshow ausgeartet war. „Okay, genug ist genug“, sagte Marc entschlossen. Er trat vor, holte tief Luft und wollte gerade nach dem tanzenden Roboter greifen, als dieser plötzlich einen heftigen Satz nach vorne machte, exakt über Marcs Schlappen rollte und ihm mit einer kleinen Düse einen ordentlichen Schwall eiskaltes Wasser direkt ins Gesicht sprühte. „Verdammt!“, rief Marc und taumelte

170 rückwärts, während Anke laut loslachte. „Siehst du, Marc?“, rief Frau Klein triumphierend. „Das Gerät fordert dich heraus! Du musst in den Keller gehen, wie es befohlen wurde!“ Sven Krawinkel nickte eifrig. „Ja, äh, ich schlage vor, der Herr geht vor. Als Werkschutzmitarbeiter sind Sie doch für solche Krisensituationen qualifiziert, oder?“ Marc wischte sich das Wasser von der Brille und blickte grimmig in die Runde. „Ich war Wachmann, Krawinkel, kein Kammerjäger für rebellische Haushaltsgeräte!“ Dennoch gab es kein Entrinnen. Die neugierigen Blicke aller Anwesenden – inklusive der Hunde, die nun gebannt vor der Kellerabgangstür saßen und mit dem Schwanz wedelten – ließen ihm keine Wahl. Gemeinsam mit Anke, die ihn unterstützend am Arm fasste, bewegte sich Marc langsam auf den Kellerabgang zu. Der Roboter drehte sich auf der Stelle, spielte nun eine triumphierende Fanfare und glitt mit summenden Rädern direkt vor ihnen her, als wolle er ihnen den Weg leuchten. Herr Matuschke rappelte sich derweil vom Boden auf, klopfte den Dreck von seiner Uniform und folgte der Gruppe mit sicherem Abstand, stets darauf bedacht, nicht wieder über einen Gartenzwerg oder einen GPS-Tracker zu stolpern. Die Treppe hinab in den Keller roch nach feuchtem Mauerwerk, altem Holz und – seltsamerweise – nach frisch gebackenem Streuselkuchen. Marc schaltete das Kellerlicht ein. Das grelle Neonlicht flackerte kurz, bevor es die Szenerie erhellte. Auf dem alten Werktisch in der Ecke stand ein weiteres, klein verpacktes Päckchen, direkt neben einer Kaffeetasse, aus der noch leichter Dampf aufstieg. „Das ergibt doch alles keinen Sinn“, flüsterte Anke und drückte sich eng an Marc. „Wer sollte sich in unserem Keller herumtreiben und frischen Kaffee kochen?“ Flower und Curso stürmten voraus, beschnupperten den Werktisch und gaben ein leises, neugieriges Jaulen von sich. Der Staubsaugerroboter parkte feinsäuberlich in der Ecke und schaltete sich mit einem zufriedenen Piepen ab. Marc trat näher heran, griff nach dem Päckchen und zog einen Zettel hervor, auf dem mit geschwungener Handschrift stand: *„Der wahre Test

171 beginnt erst im Gartenhaus.“* Plötzlich, genau in dem Moment, als die Anspannung im Keller ihren Höhepunkt erreichte, ertönte von draußen ein lautes, metallisches Scheppern, gefolgt von einem entrüsteten Aufschrei von Frau Klein und Sven Krawinkel. Marc warf Anke einen Blick zu. Die gemeinsame Routine des täglichen Chaos hatte sie längst zusammengeschweißt, doch dieses Mal lag etwas in der Luft, das selbst ihre gewohnte Gelassenheit auf eine harte Probe stellte. Ohne zu zögern machten sie auf dem Absatz kehrt und stürmten die Treppe wieder hinauf, um nach draußen zu sehen.

172 KAPITEL XXXVII Schlachtfeld im Vorgarten Marc rannte mit einer Entschlossenheit, die man bei jemandem mit seiner ausgeprägten Glatze und dem grauen Vollbart selten vermutete, die Kellertreppe hinauf, wobei seine Brille auf der Nase bedrohlich wackelte. Direkt hinter ihm drängte sich Anke, deren lange, leicht gewellte Haare im Eifer des Gefechts wild durch die Luft flogen. Die Hunde bildeten die Speerspitze dieses chaotischen Rettungstrupps: Die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin Flower bellte sich die Seele aus dem Leib, während der gechillte Mischlingshund Curso mit einer fast schon unverschämten Gelassenheit trottete, als stünde lediglich eine gemütliche Gassirunde auf dem Programm und keine drohende Apokalypse im Vorgarten. Als sie die Haustür aufstießen und ins Freie traten, bot sich ihnen ein Bild von epischer, geradezu absurd anmutender Zerstörung. Frau Klein, die resolute Schwiegermutter, stand mitten im Garten und schwenkte eine Schaufel, als gälte es, eine feindliche Invasion abzuwehren. Vor ihr lag der verwaiste Minibagger, der nun von einer seltsamen, rauchenden Apparatur umzingelt war, die am ehesten aussah wie eine Kreuzung aus einer Kaffeemaschine und einer mittelalterlichen Katapult-Konstruktion. „Die wollen uns sabotieren!“, rief Frau Klein mit schriller Stimme und deutete mit ihrer Schaufel auf den am Boden liegenden Sven Krawinkel. Der Regionalbeauftragte für Luft- und Raumfahrtüberwachung lag bäuchlings im frisch umgegrabenen Schlamm, weil er über eine herumliegende Kabelrolle gestolpert war. Seine einst so makellose Warnweste war nun ein braunes Kunstwerk aus Mutterboden und Feuchtigkeit. „Das ist ein illegaler Eingriff in die Infrastruktur des Landkreises!“, stöhnte Krawinkel, während er versuchte, eine Handvoll Regenwürmer aus seinem Hemdkragen zu schütteln. Marc blieb stehen, stützte die Hände in die Hüften und blickte von einer Partei zur anderen.

173 „Sven, mein Lieber“, sagte Marc mit einer Mischung aus Müdigkeit und ironischer Bewunderung in der Stimme. „Wenn du unbedingt bei der Gartenarbeit helfen willst, hättest du auch einfach fragen können. Dafür muss man keine rauchenden Küchengeräte in den Rasen werfen.“ Anke trat neben ihren Partner und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Sie konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln trotz der brenzligen Lage nicht verkneifen. „Sieh es positiv, Marc. Immerhin müssen wir den Rasen heute nicht mehr vertikutieren, das hat Krawinkel dank seines Sturzes komplett kostenlos erledigt.“ In diesem Moment stolperte auch noch der Postbote Herr Matuschke um die Ecke des Hauses. Er trug, wie so oft, einen weggeweckten Postbeutel über der Schulter, sah allerdings so aus, als sei er direkt aus einem Hollywood-Actionfilm entsprungen, in dem die Hauptfigur gerade eine Explosion überlebt hatte. „Ein Einschreiben!“, rief Herr Matuschke panisch und stolperte über Coursos Hinterlauf. Der Mischlingshund blinzelte den Postboten nur milde an, während Matuschke einen eleganten Salto vorwärts vollführte und direkt neben Krawinkel im Schlamm landete. „Für die Bagger-Crew! Es ist ein amtliches Siegel!“ Flower, die Deutsche Schäferhündin, nutzte die Gelegenheit sofort aus, um das Gesicht des gestürzten Postboten gründlich und mit sehr viel nasser Zuneigung abzulecken. Herr Matuschke prustete und versuchte, den Hund abzuwehren. „Aus, Flower! Ich bin im Dienst! Ich genieße Post-Immunität!“ Frau Klein schnaubte verächtlich, trat an den zappelnden Haufen aus Postbote und Regionalbeauftragtem heran und schnappte sich das rosa Kuvert aus Matuschkes schlammiger Hand. „Her damit“, brummte die Schwiegermutter, setzte ihre Lesebrille auf und musterte das offizielle Dokument. „Mal sehen, welche bürokratischen Auswüchse uns der Staat dieses Mal untersagen will.“ Marc trat heran, um ebenfalls einen Blick auf den Brief zu werfen. Seine Brille war inzwischen komplett beschlagen, weshalb er sie abnahm und mit dem Saum seines Pullovers polierte. „Und? Droht uns die sofortige Einweisung in eine psychiatrische Anstalt

174 wegen des tanzenden Staubsaugerroboters im Keller, oder geht es nur um den Minibagger?“ Anke lehnte sich an Marcs Schulter und wartete gespannt auf das Urteil ihrer Mutter. Die chaotische Dynamik zwischen den Anwesenden war so absurd, dass es fast schon wieder harmonisch wirkte. Niemand achtete in diesem Moment auf den kleinen GPS-Tracker, der friedlich in Marcs Jackentasche vor sich hin blinkte und über die App meldete, dass sich die Zielperson seit zehn Minuten in einer „hochriskanten Zone“ befand. Frau Klein las das Schreiben mit gerunzelter Stirn. Plötzlich hellten sich ihre Züge auf. Ein triumphales Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das nichts Gutes ahnen ließ. „Hört alle her!“, verkündete sie mit der Lautstärke einer Marktschreierin. „Das ist kein Bußgeldbescheid! Das ist die offizielle Bestätigung, dass unser Grundstück temporär zum ‚Forschungs- und Testgebiet für unkonventionelle Erdbewegungen‘ erklärt wurde!“ Sven Krawinkel, der sich gerade mühsam aus dem Schlamm aufgerichtet hatte und versuchte, seine Brille zu säubern, hielt mitten in der Bewegung inne. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Das... das kann nicht sein!“, stotterte er. „Ich bin der Regionalbeauftragte! Ohne meine Zustimmung darf hier gar nichts erforscht werden! Das verstößt gegen Paragraph vierzehn Absatz B der Luftverkehrsordnung für ferngesteuerte Haushaltsgeräte!“ „Paragraph vierzehn hin oder her“, entgegnete Frau Klein kühl und steckte den Brief in ihre Kitteltasche. „Der Landkreis hat gestempelt und unterschrieben. Wenn Sie also kein Ticket für unsere Baustelle gelöst haben, Krawinkel, müssen Sie den Platz jetzt verlassen. Oder eben weiter im Schlamm liegen bleiben. Beides ist für uns in Ordnung.“ Marc konnte sich ein lautes Lachen nicht mehr verkneifen. Er legte den armen Krawinkel mit einer väterlichen Geste die Hand auf die schlammbedeckte Schulter. „Kopf hoch, Sven. Komm, steh auf. Anke hat drinnen noch eine Tasse Kaffee übrig. Und wenn du versprichst, keine Drohnen mehr auf unsere Glatzen zu hetzen, darfst du auch das Geheimnis

175 unseres Keller-Roboters erfahren.“ Krawinkel schaute skeptisch drein, war jedoch sichtlich froh über die helfende Hand. Gemeinsam halfen Marc und Anke dem Beamten auf die Beine, während Herr Matuschke, der inzwischen ebenfalls wieder auf den Beinen war, seinen Postbeutel zurechtruchte. „Also, wenn hier geforscht wird“, warf der Postbote ein, „dann hoffe ich doch inständig, dass das nächste Paket nicht wieder aus einer Drohne abgeworfen wird. Mein Postfahrrad hat ohnehin schon genug gelitten.“ Die kleine Truppe setzte sich langsam in Bewegung Richtung Haus. Vorher schien die angespannte Lage zwischen Nachbarn und Behörden kaum lösbar, doch nun herrschte eine merkwürdige, fast schon familiäre Einigkeit im Angesicht des absoluten Chaos. Die Hunde trotteten voran, die Schwiegermutter stolz hinterher, während Marc und Anke das Schlusslicht bildeten. „Weißt du, Anke“, flüsterte Marc leise, während sie über die frisch umgegrabene Wiese gingen und dabei vorsichtig den Spuren des Minibaggers auswichen, „ich glaube, unser Leben wird einfach niemals langweilig.“ Anke lächelte ihn warm an und strich ihm zärtlich über den nackten, leicht von der Sonne gewärmten Hinterkopf. „Das habe ich dir doch von Anfang an gesagt, mein Schatz. Mit dir und den Hunden ist jeder Tag ein Abenteuer.“ Sie traten durch die Terrassentür zurück ins Warme. Der Kaffeegeruch strömte ihnen entgegen, und die Hunde machten es sich sofort auf dem Teppich bequem. Krawinkel setzte sich steif auf den Küchenstuhl und nahm die angebotene Tasse entgegen, während Frau Klein triumphierend den Minibagger draußen im Blick behielt. Die friedliche Idylle schien endlich greifbar nah, und für einen kurzen Moment gab es keinen Raum für Sorgen oder mysteriöse Zwischenfälle. Doch während Marc gerade an seiner Tasse nippte und sich auf den verdienten Frieden freute, passierte es. Ein leises, fast unhörbares Summen, das sich von der Decke herabsenkte, entging selbst den aufmerksamen Ohren der Hunde zunächst nicht.

176 Flower richtete augenblicklich die Ohren auf und knurrte leise, während Curso den Kopf hob und starr an die Wohnzimmerdecke blickte. Marc setzte die Tasse ab und blinzelte verwirrt. „Hört ihr das auch?“ Anke hielt den Atem an. Das Summen wurde lauter, schriller, mechanischer. Es klang nicht wie eine normale Drohne und auch nicht wie der Staubsaugerroboter aus dem Keller. Es war ein tiefes, vibrierendes Geräusch, das direkt über ihren Köpfen kreiste. Bevor jemand reagieren konnte, schoss ein kleiner, roter Lichtpunkt durch den Raum und tanzte direkt über Marcs Brillengläser. Kurz darauf ertönte aus dem Flur ein vertrautes, aber in diesem Kontext hochgradig beunruhigendes Piepen. Marcs Griff in seine Jackentasche förderte den GPS-Tracker zutage. Das kleine Display blinkte wild in einem aggressiven Warnrot. Darunter leuchtete eine neue, kryptische Textnachricht auf, die weder von Schwiegermutter Frau Klein noch vom Landkreis zu stammen schien: *„Ziel erfasst. Die nächste Stufe beginnt.“* Im Wohnzimmer schlug die harmonische Stimmung augenblicklich um, als draußen vor dem Küchenfenster ein Schatten vorbeihuschte, der größer war als jede Drohne, die sie bisher gesehen hatten. Die Tür zum Flur stand einen Spalt weit offen, und von dort drang ein leises, mechanisches Kratzen an die Holzverkleidung, das die Hunde mit einem markerschütternden, vereinten Heulen beantworteten.

177 KAPITEL XXXVIII Besuch aus dem Sektor Das markerschütternde Heulen von Flower und Curso ließ den Putz von der Altbauwand bröckeln, oder zumindest fühlte es sich für Marc exakt so an. Seine Brille rutschte bei dem plötzlichen Adrenalinstoß auf seiner Glatze nach vorn, während sein grauer Vollbart vor Schreck leicht zuckte. Neben ihm riss Anke die Augen weit auf, während draußen vor dem Fenster der gigantische Schatten eine fast schon bedrohliche Eleganz an den Tag legte, bevor er sich mit einem dumpfen Poltern auf dem Gartenweg niederließ. „War das etwa ein UFO oder hat sich meine Mutter schon wieder ein neues, völlig überteuertes Gadget im Internet bestellt?“, rief Anke über das andauernde Hundegeheul hinweg. Marc kniff die Augen zusammen und musterte den Flur, von dem das mechanische Kratzen nun noch lauter und hartnäckiger herüberdrang. „Wenn deine Mutter ein UFO bestellt hat, dann hoffentlich mit einer integrierten Kaffeemaschine, denn diese Aufregung geht mir gewaltig auf den Magen“, entgegnete er mit zitternder Stimme, während er sich vorsorglich hinter Ankes schmaler Silhouette zu verstecken versuchte. Plötzlich flog die Wohnzimmertür mit einem lauten Knall auf. Im Rahmen stand Sven Krawinkel, den die jüngsten Ereignisse offensichtlich psychisch stark gezeichnet hatten. Seine ehemals akkurat gebügelte Warnweste saß schief, und in der rechten Hand hielt er eine Thermoskanne wie eine Schusswaffe. „Achtung! Luftraumüberwachung aktiviert! Die Anomalie bewegt sich auf Sektor Zwei zu!“, schrie Krawinkel hysterisch und stolperte direkt über Curso, der sich gerade in Startposition für eine wilde Bell- Attacke gebracht hatte. Der Mischlingshund machte einen eleganten Satz zur Seite, während Krawinkel mit einer erstaunlichen, fast akrobatischen Körperdrehung durch den Flur schlitterte. Er landete bäuchlings genau vor der Terrassentür, exakt in dem Moment, als sich der Türgriff langsam

178 von selbst nach unten senkte. „Wagt es ja nicht, mein Eigentum zu betreten!“, schrie Frau Klein, die im selben Augenblick mit einer rustikalen Bratpfanne bewaffnet aus der Küche gestürmt kam. Sie hatte den Braten offenbar gerochen – oder zumindest die Tatsache erkannt, dass jemand es wagte, auf ihrem beschlagnahmten Testgelände ohne vorherige schriftliche Genehmigung Schatten zu werfen. „Frau Klein, um Gottes Willen, beruhigen Sie sich!“, keuchte Krawinkel vom Boden aus, während er versuchte, seine Brille mit der freien Hand auf der Nase zu fixieren. „Das ist keine normale Drohne! Das ist ein unautorisiertes Schwerlast-Flugobjekt unbekannter Herkunft!“ Anke verschränkte die Arme vor der Brust und sah den am Boden liegenden Regionalbeauftragten mit einer Mischung aus Mitleid und genervter Belustigung an. „Herr Krawinkel, stehen Sie bitte auf. Sie sehen auf dem Laminat aus wie ein gestrandeter See-Elefant. Und was diesen angeblichen Schatten angeht: Marc, geh und schau nach. Du bist schließlich der ehemalige Werkschutzmitarbeiter.“ Marc schluckte schwer. „Ich war beim Werkschutz, Anke. Da ging es um schlafende Nachtwächter und defekte Schranken, nicht um UFOs oder übergroße postapokalyptische Fluggeräte!“ Trotz seiner Einwände gab er dem Drängen seiner Partnerin nach. Unter dem kritischen Blick der Deutschen Schäferhündin Flower, die sofort an seine Fersen geheftet war, trat Marc im Schleichtritt in den Flur. Curso folgte den beiden mit entspanntem Trab, als ginge es lediglich um einen ganz normalen Abendspaziergang zum Kühlschrank. Das mechanische Kratzen an der Außenwand wurde nun von einem leisen Summen übertönt, das verdächtig nach dem Startvorgang einer Rasenmäher-Turbine klang. Marc erreichte die Eingangstür, holte tief Luft und riss den Griff nach oben. Draußen im grauen Dämmerlicht stand niemand Geringeres als der Postbote Herr Matuschke. Allerdings befand er sich in einer extrem prekären Lage: Er steckte bis zum Bauch in einem

179 riesigen, kugelartigen Post-Paket fest, das offenkundig mit einem hochentwickelten Mini- Rückstoßantrieb versehen war. „Hilfe!“, krächzte Herr Matuschke und ruderte wild mit den Armen. „Das Ding hat mich in der Postfiliale aufgeladen und wollte mich direkt zum Nordpol befördern! Ich glaube, das ist wieder so ein technisches Experiment von ihrer werten Frau Mutter, Marc!“ Frau Klein, die inzwischen ebenfalls in den Flur getreten war und sich über Marc hinwegbeugte, musterte das bunte Gefährt mit skeptischem Blick. „Ein Rückstoß-Paket? Wie faszinierend. Aber völlig ineffizient, wenn man bedenkt, dass die CO2-Bilanz katastrophal ist. Marc, hilf dem Mann doch auf die Beine, anstatt hier herumzustehen wie eine ausgeleuchtete Litfaßsäule!“ Mit vereinten Kräften – und unter tatkräftigem, wenn auch eher verwirrtem Einsatz von Hund Flower, die versuchte, das Paket mit der Schnauze aufzubeißen – gelang es Marc und Anke schließlich, den armen Postboten aus seiner metallischen Umklammerung zu befreien. Herr Matuschke taumelte nach drinnen, wo Krawinkel ihm sofort eine Tasse heißen Kaffees aus seiner Thermoskanne anbot, um die kollektiven Nerven zu beruhigen. „Ich sage Ihnen, das ist alles Teil einer Verschwörung“, nuschelte Matuschke, während er gierig an dem schwarzen Getränk schluckte. „Erst verirre ich mich in der Brombeerhecke, dann lande ich in einem Lichtschacht, und jetzt will mich ein ferngesteuertes Postpaket entführen. Ich kündige. Ganz ehrlich, ich werde Buchhändler.“ Anke legte ihrem Partner tröstend eine Hand auf die Schulter, während Flower und Curso sich schnuppernd um das eigenartige Gefährt im Flur versammelten. „Siehst du, Schatz?“, sagte sie mit einem warmen Lächeln, das die angespannte Atmosphäre im Flur sofort etwas auflockerte. „Dein Leben mit mir und den Hunden ist eben niemals langweilig. Wer braucht schon Fernsehen, wenn man eine Schwiegermutter mit Hang zur Luft- und Raumfahrt hat?“ Marc stöhnte leise auf, konnte sich ein Schmunzeln durch seinen grauen Vollbart hindurch jedoch nicht verkneifen. Er schob seine Brille zurecht

180 und wollte gerade zu einer passenden, sarkastischen Antwort ansetzen, als der integrierte GPS-Tracker in seiner Jackentasche plötzlich in einem schrillen, hellen Ton zu piepen begann. Gleichzeitig erloschen im gesamten Flur kurzzeitig die Lichter, und das mechanische Summen des Postpakets nahm draußen auf der Veranda wieder Fahrt auf – diesmal gefolgt von einer mechanischen Computerstimme, die glasklar durch den Raum hallte: „Ziel erfasst. Starte Synchronisation.“

181 KAPITEL XXXIX Der fliegende Höllen-Karton Die mechanische Computerstimme, die sich wie ein schlecht gelaunter Toaster mit Sprachmodul anhörte, hallte noch ein zweites Mal durch den Flur, während die Lichter in der Deckenlampe gefährlich flackerten. Marc, der mit seiner Glatze, seiner Brille und dem grauen Vollbart ohnehin schon aussah wie ein pensionierter Professor, der kurz vor einer Kernschmelze stand, starrte fassungslos auf den kleinen, flugfähigen Pappkarton draußen auf der Veranda. Anke, mit ihren langen, leicht gewellten Haaren, trat dicht an seine Seite und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie das absurde Spektakel musterte. „Ziel erfasst?“, wiederholte Anke mit einer Tonlage, die zwischen äußerster amüsanter Skepsis und echter Sorge schwankte. „Marc, hast du schon wieder online etwas bestellt, das wir nicht bezahlen können oder das die Genfer Konventionen verletzt?“ Marc hob abwehrend die Hände. „Ich schwöre dir, Anke, ich habe heute nur an meine Arbeit beim Werkschutz gedacht – gut, an die Zeit, als ich noch dort war – und an ein paar ruhige Stunden auf dem Sofa! Ich habe diesen Höllen-Karton nicht angefordert!“ Draußen auf der Veranda begann das Postpaket unterdessen zu vibrieren. Der integrierte Rückstoßantrieb spuckte eine kleine Wolke blauen Rauchs aus, die stark an den Duft von angebranntem Toast erinnerte. Herr Matuschke, der Postbote, der sich nach seiner Befreiung gerade mühsam den Staub von der Uniform klopfte, stieß einen schrillen Schrei aus. „Das ist nicht Postkonform!“, rief Herr Matuschke und warf sich sofort platt auf den Fußboden, als ob er Deckung vor einem herannahenden Artillerieangriff suchen würde. „Wo bleibt hier der Datenschutz? Wo bleibt das geordnete Einschreiben mit Rückschein? Das ist digitaler Wildwuchs!“ Sven Krawinkel, der Regionalbeauftragte für Luft- und Raumfahrtüberwachung, der sich nach seiner Niederlage im Garten inzwischen im Haus

182 eingenistet hatte, zückte panisch sein Tablet. Seine Hände zitterten so stark, dass das Display wild hin und her wackelte. „Eine Anomalie!“, schrie Sven Krawinkel hysterisch und lief im Kreis, während seine feine Brille auf die Spitze seiner Nase rutschte. „Ich wusste es! Die Drohnen-Liga greift nach dem Luftraum über dem Vorgarten! Sie wollen die lokale Bodenhoheit brechen!“ Frau Klein, Marcs resolute Schwiegermutter, trat seelenruhig aus dem Wohnzimmer. Sie trug eine orangefarbene Warnweste über ihrer Strickjacke und hielt eine Gartenschere wie ein Zepter in der Hand. Sie warf einen kurzen, fast gelangweilten Blick auf den vibrierenden Karton. „Stellt euch nicht alle so an“, sagte Frau Klein mit fester, dröhnender Stimme. „Das ist doch bloß wieder so ein neumodischer Quatsch, den diese technikverliebten Jungspunde erfinden, um anständige Bürger vom Gärtnern abzuhalten. Früher gab es noch richtige Pakete. Aus Packpapier und mit Paketschnur, die man ordentlich mit der Schere durchschneiden musste, statt dass sie einem um die Ohren fliegen.“ In diesem Moment schalteten sich die beiden Hunde in das Geschehen ein. Curso, der gechillte mittelgroße Mischlingshund, lag gemütlich auf dem Teppich im Flur, hob kurz den Kopf, gähnte herzhaft, dass man seine Zähne sah, und legte den Kopf seelenruhig wieder auf seine Pfoten. Für Curso konnte die Welt untergehen, solange sein Fressnapf pünktlich gefüllt wurde. Flower hingegen, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, war das exakte Gegenteil. Sie stand stramm wie ein Rekrut bei der Musterung, die Ohren aufgestellt, die Muskeln angespannt. Mit einem lauten, hellen Bellen stürmte Flower auf die Glastür der Veranda zu, setzte sich davor und knurrte den fliegenden Karton an, als handele es sich um den gefährlichsten Eindringling der Stadtgeschichte. „Flower, aus!“, rief Marc mit nachdrücklicher Stimme, doch die Schäferhündin dachte gar nicht daran, gehorchen. Sie fing an, mit den Vorderpfoten wild gegen die Scheibe zu kratzen, was dem mechanischen Summen

183 draußen einen unheimlichen polyphonen Charakter verlieh. Das Postpaket auf der Veranda hob nun tatsächlich wieder ab. Mit einem schrillen pfeifenden Geräusch schoss das Ding etwa einen halben Meter in die Luft, drehte sich um die eigene Achse und projizierte plötzlich einen roten Laserpunkt direkt auf Marcs Glatze. „Ähm, Anke?“, sagte Marc und versuchte, die Augen nach oben zu verdrehen, um den roten Punkt zu sehen, der sich unerbittlich auf seiner Kopfhaut festbiss. „Ich glaube, das Ding hat mich wirklich im Visier.“ „Steh bloß still“, erwiderte Anke und biss sich auf die Unterlippe, um einen unangebrachten Lachanfall zu unterdrücken. „Vielleicht will es dir nur einen neuen Haarschnitt verpassen. Das wäre bei deiner Glatze allerdings eine kreative Herausforderung.“ Sven Krawinkel riss die Augen auf. „Der Zielerfassungs-Modus! Sie wollen seine Biometrie scannen! Das ist ein direkter Verstoß gegen die Paragraphen vierzig bis siebenundvierzig der Luftverkehrsordnung!“ Krawinkel stürzte auf die Haustür zu, riss sie auf und streckte dem fliegenden Karton eine Aktenmappe entgegen, als könne er das Paket damit abwehren. „Im Namen der Regionalbehörde: Sofortige Landung! Zeigen Sie mir Ihre Betriebserlaubnis!“ Das Paket ignorierte den Behördenvertreter komplett. Es gab einen kurzen, metallischen Ton von sich – ein helles *Pling* – und schoss blitzschnell an Krawinkel vorbei direkt in den Flur hinein. „Achtung! Luftangriff!“, brüllte Herr Matuschke vom Boden aus und zog seinen Kopf noch weiter zwischen die Schultern, während das Paket knapp über seinen Rücken hinwegschwebte. Der Karton flog in eleganten, aber leicht ruckartigen Kurven durch den Flur, passierte den unbeeindruckten Curso, der ihm lediglich mit einem müden Blinzeln folgte, und blieb exakt in der Luft vor Marc stehen. Die Computerstimme ertönte erneut, diesmal noch viel lauter und glasklar: „Synchronisation läuft. Benutzeridentifikation bestätigt: Marc, der Wachsame.“ „Wachsam? Ich bin im Ruhestand,

184 verdammt noch mal!“, rief Marc aus und machte einen Schritt rückwärts, wobei er beinahe über Ankes Füße stolperte. Nur Ankes geistesgegenwärtiger Griff an seinen Arm bewahrte ihn davor, rückwärts auf den Fliesenboden zu landen. Die eingespielte Dynamik zwischen dem Paar funktionierte auch in brenzligen Momenten: Sie fing ihn auf, bevor die Situation vollends in Slapstick abgleitete, auch wenn ihre Mundwinkel dabei unverkennbar zuckten. Frau Klein trat entschlossen vor. Sie ließ ihre Gartenschere bedrohlich klacken. „Hör mal zu, du Plastikkasten“, fauchte sie das schwebende Paket an. „Hier wird niemand synchronisiert, solange der Minibagger im Vorgarten noch nicht vollgetankt ist! Wenn du hier Ordnung reinbringen willst, dann fang gefälligst an, das Unkraut zu jäten!“ Ob das Paket von Frau Kleins verbaler Attacke eingeschüchtert war oder ob der eingebaute Akku nach dem spektakulären Flug einfach den Geist aufgab, ließ sich schwer sagen. Jedenfalls fing das mechanische Summen plötzlich an zu stottern. Die rote Laserdiode auf Marcs Glatze flackerte wild, verlor an Intensität und erlosch schließlich ganz. Der Karton sackte in sich zusammen, verlor jeglichen Auftrieb und landete mit einem dumpfen *Plumps* direkt auf dem Rücken des immer noch am Boden liegenden Postboten Herrn Matuschke. Stille kehrte im Flur ein. Nur das leise, rhythmische Atmen von Curso war zu hören, der sich inzwischen auf die Seite gerollt hatte und von einem besseren, futterreicheren Leben träumte. Herr Matuschke hob vorsichtig den Kopf. „Ist… ist es vorbei? Hat der Zoll ihn erwischt?“ Marc atmete tief aus, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Glatze und rückte seine Brille zurecht. Er blickte zu Anke, die ihn mit einem warmen, liebevollen Lächeln musterte, in dem jedoch die unverkennbare Warnung lag, dass dieser Tag noch lange nicht vorbei war. „Ich glaube“, sagte Marc mit einem leisen Seufzer, der die Erschöpfung eines ganzen Lebens in sich trug, „wir müssen uns dringend überlegen, ob wir den Postboten zukünftig nicht durch einen Wachhund ersetzen.

185 Aber Flower wäre dafür wahrscheinlich zu überqualifiziert.“ Flower schnüffelte derweil vorsichtig an dem leblosen Karton auf Herrn Matuschkes Rücken, stieß ihn mit der Schnauze an und stieß ein kurzes, unzufriedenes Quieken aus, als hätte sie von einem High-Tech- Angriff deutlich mehr Action erwartet. Sven Krawinkel sank derweil kraftlos gegen die Flurwand und starrte an die Decke. „Das war erst der Anfang“, flüsterte er mit glasigem Blick. „Die nächste Lieferung kommt bestimmt aus der Stratosphäre.“ Bevor jedoch irgendjemand auf diese düstere Prognose reagieren konnte, knackte es plötzlich vernehmlich im Sicherungskasten an der Wand. Die Lichter im Flur flackerten erneut auf – diesmal rot statt weiß –, und ein dumpfes, mechanisches Klopfen drang aus dem Keller, direkt gefolgt von einer vertrauten, aber in diesem Moment absolut unerwünschten Detonation eines kleinen, ferngesteuerten Motors.

186 KAPITEL XL Rauchzeichen und roter Alarm Die Detonation des kleinen Motors im Keller entfachte eine Wolke aus grauem, streng riechendem Qualm, die sich mit bemerkenswerter Schnelligkeit durch den Flur bis in das Erdgeschoss ausbreitete. Marc, dessen Glatze im roten Notlicht des Sicherungskastens unvorteilhaft schimmerte und der seine Brille in der plötzlichen Hektik auf der Nasenspitze verrutscht hatte, blinzelte durch die Qualmwolke. Anke, deren lange, leicht gewellte Haare bei der Explosion leicht in Aufruhr geraten waren, ergriff sofort die Initiative. Sie packte Marc am Ärmel seiner Jacke und zog ihn einen Schritt zurück, bevor ein weiterer Funkenregen aus dem Sicherungskasten die Tapete hätte schwärzen können. „Aus dem Weg, du Experte für automatische Gefahrenherde!“, rief Anke mit einer Mischung aus resoluter Strenge und einem amüsierten Unterton in der Stimme. Sven Krawinkel, der Regionalbeauftragte für Luft- und Raumfahrtüberwachung, lag der Länge nach im Hausflur auf den Fliesen, nachdem er bei dem dumpfen Klopfen reflexartig Deckung gesucht hatte. Er presste die Hände schützend auf seinen Kopf und jammerte mit dünner Stimme: „Die Anomalie! Sie kalibriert sich neu! Wir werden alle gegrillt! Das ist ein unautorisiertes Protokoll der Klasse Drei!“ Frau Klein, die resolute Schwiegermutter, trat mit verschränkten Armen aus der Küche und musterte den am Boden liegenden Beamten mit unverhohlener Verachtung. Sie hielt eine Kaffeetasse in der Hand, als wäre sie gerade auf einem gemütlichen Sonntagsspaziergang und nicht Mitten in einem technischen Katastrophengebiet. „Stellen Sie sich nicht so an, Herr Krawinkel“, schnaubte sie und nahm einen Schluck. „In meiner Jugend sind uns ganz andere Sachen um die Ohren geflogen, meistens der Eintopf von meinem seligen Mann. Stehen Sie auf und machen Sie sich nützlich. Der Keller brennt vermutlich nicht, aber irgendjemand muss den Schlamm von

187 Ihren Stiefeln wischen.“ Herr Matuschke, der Postbote, saß derweil auf der untersten Stufe der Treppe. Er hatte sich einen alten Regenschirm aufgespannt, obwohl sie sich drinnen befanden, und starrte fassungslos auf das rot leuchtende Bedienzifferblatt des fliegenden Postpakets, das reglos auf dem Fußabtreter lag. „Ich wollte doch nur ein Einschreiben zustellen“, murmelte er leise vor sich hin, während ihm der Angstschweiß auf der Stirn stand. „Warum passiert das immer mir? Ich unterschreibe doch schon gar keine gelben Zettel mehr ohne psychologischen Beistand.“ Curso, der gechillte Mischlingshund, ignorierte das Chaos vollkommen. Er lag seelenruhig auf einem abgetretenen Vorleger direkt neben dem rauchenden Sicherungskasten, schnupperte einmal kurz an der aufsteigenden Qualmwolke, gähnte herzhaft, dass man seine Zähne sah, und schloss die Augen wieder für ein spätes Vormittagsschläfchen. Flower hingegen, die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin, rannte mit aufgestellten Ohren und lautem Kläffen im Kreis um Sven Krawinkel herum, der auf dem Boden kauerte. Bei jedem ihrer Sprünge streifte sie mit ihrem buschigen Schwanz Krawinkels Aktenkoffer, was den Beamten zu noch lauteren Angstschreien veranlasste. „Flower, Platz! Aus!“, rief Marc mit kräftiger Stimme, während er seine Brille abnahm, um die Gläser mit dem Ärmel seines grauen Vollbarts von Ruß zu befreien. Er setzte die Brille wieder auf, wobei der linke Glasteil nun einen leichten Schmierfilm aufwies, der die Welt in ein sanftes, verschwommenes Sepia-Tauchte. „Hör auf, den Mann zu terrorisieren. Der macht sich schon ganz von alleine in die Hose.“ Anke trat näher an Marc heran und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Die körperliche Nähe zwischen den beiden bildete einen ruhigen Anker inmitten des totalen Irrsinns. „Alles in Ordnung bei dir, Schatz?“, fragte sie leise, während sie ihm eine Rußspur von der Stirn wischte. „Nicht, dass dein eingebauter GPS-Tracker gleich einen Herzinfarkt meldet.“ „Mir geht’s prächtig“, erwiderte Marc mit einem schiefen Grinsen.

188 „Ich überlege nur gerade, ob ich mich bei der Berufsgenossenschaft als ‚von Tauben attackierter und von Drohnen bombardierter Wachmann im Ruhestand‘ versichern lassen kann. Die Prämie muss astronomisch sein.“ Bevor Anke auf diesen humorvollen Einfall antworten konnte, ertönte aus dem Keller ein mechanisches Summen, das sich anhörte wie eine Mischung aus einer Kaffeemühle und einem startenden Düsenjet. Das dumpfe Klopfen von vorhin wechselte in einen harten, metallischen Rhythmus – *Klopf, Klopf, Klopf, Summmm, Klick!* Sven Krawinkel fuhr auf dem Boden herum und starrte panisch zur Kellertür, die leicht im Luftzug wackelte. „Das ist das Initialsingnal!“, rief er hysterisch. „Die Systeminitialisierung ist im Gange! Wenn die Schleuse zum Keller geöffnet wird, bricht das gesamte elektromagnetische Gefüge zusammen!“ „Jetzt hören Sie mal auf zu kreischen wie ein Mädchen, das eine Spinne sieht“, herrschte Frau Klein den Regionalbeauftragten an. Sie stellte ihre Kaffeetasse auf der Kommode ab und trat entschlossen auf die Kellertür zu. In ihrer Hand hielt sie – warum auch immer – eine Küchenzange aus Edelstahl, als wolle sie dem mysteriösen Phänomen ein zünftiges Steak servieren. „Wenn da unten jemand werkelt und mir meine Kartoffeln im Keller verzieht, gibt es Ärger. Ich habe schließlich Rechte als Erziehungsberechtigte dieses Hauses.“ „Frau Klein, warten Sie!“, rief Marc und machte einen hechtenden Satz nach vorn, um seine Schwiegermutter aufzuhalten. Doch seine Tollpatschigkeit schlug im denkbar ungünstigsten Moment zu: Er trat auf das glatte Kabel des explodierten Motors, rutschte auf einer feinen Schicht Ruß aus und schlitterte in einer perfekten Bauchlandung direkt auf den Postboten Herr Matuschke zu. Der Zusammenprall war monumental. Herr Matuschke fiel mitsamt seinem aufgespannten Regenschirm nach hinten um, während Marc auf ihm landete wie eine nasse Pelzdecke. Der Regenschirm klappte über den Köpfen der beiden Männer zusammen und bildete ein provisorisches Zelt aus schwarzem Nylon, unter dem gedämpfte Flüche und das Klappern von

189 Matuschkes Posttasche hervordrangen. „Wer liegt hier auf wem?“, rief Herr Matuschke von unten keuchend. „Ich glaube, mein Beckenknochen hat gerade ein Patent angemeldet!“ Anke schlug die Hände vor das Gesicht und lachte laut auf, während ihr Tränen vor Lachen in den Augen standen. „Marc! Du bist unmöglich! Kannst du nicht einmal normal hinfallen, ohne gleich das gesamte Postwesen zu zerstören?“ Flower nutzte das Chaos sofort aus. Die Schäferhündin sprang mit einem Satz auf das umgedrehte Regenschirm-Zelt, auf dem Marc und Herr Matuschke klemmten, und begann fröhlich darauf herumzutrampeln, als handele es sich um ein Trampolin. Curso, der das Getöse hörte, öffnte kurz ein Auge, entschied, dass das Geschehen auf dem Regenschirm keine Bedrohung für seine Mittagsruhe darstellte, und drehte sich gemütlich auf die andere Seite. Frau Klein ignorierte das menschliche Knäuel auf dem Fußboden völlig, packte den Türknauf der Kellertür und drückte sie mit einem kräftigen Ruck auf. Der Raum dahinter war in dichten, blauen Dunst gehüllt, aus dem ein heller, rot-parierender Lichtstrahl direkt an die Decke zielte. Ein leises, piependes Gerätschaft war zu hören, das verdächtig nach einem Timer klang. Sven Krawinkel, der sich inzwischen auf alle Vieren aufgerichtet hatte, starrte in den dunklen Kellerabgang und stöhnte: „Der Countdown läuft. Es ist vorbei.“ Marc schälte sich unter dem Regenschirm hervor, schob seine verrutschte Brille zurecht und half dem keuchenden Herr Matuschke auf die Beine. Sein grauer Vollbart war leicht angekokelt, und an seiner Schulter hing ein Fetzen Rußtapete. Dennoch blickte er mit einer stoischen Ruhe in den Keller, die ihn als ehemaligen Werkschutzmitarbeiter auszeichnete – oder schlicht als jemanden, der das Chaos längst als festen Bestandteil seines Lebens akzeptiert hatte. „Keine Panik, meine Damen und Herren“, sagte Marc mit tiefer, gelassener Stimme, während er sich den Staub von den Knien klopfte. „Wenn das Ding gleich hochgeht, machen wir uns einfach einen schönen Kaffee.

190 Anke hat noch Kuchen da, und der Postbote braucht sowieso eine Krankschreibung.“ Anke trat an seine Seite, hhakte sich bei ihm ein und lehnte ihren Kopf kurz an seine Schulter. Trotz des aufsteigenden Qualms, des jammernden Regionalbeauftragten, der tobenden Hunde und der resolute Schwiegermutter an der Frontlinie wirkte das Paar wie eine unerschütterliche Festung mitten im Irrenhaus. „Genau“, sagte Anke und lächelte Marc liebevoll an. „Und falls es wirklich brennt, holen wir den Minibagger aus dem Vorgarten und graben uns einen Fluchttunnel.“ Bevor jedoch jemand auf diesen pragmatischen Vorschlag reagieren konnte, verstummte das Summen im Keller schlagartig. Das rote Licht an der Decke erlosch, und anstelle des Countdowns ertönte eine helle, mechanische Computerstimme, die glasklar durch den Hausflur hallte: *„Initialisierung abgeschlossen. Willkommen im System, Marc. Die nächste Aufgabe wartet im Garten.“* Im selben Moment knackte es an der Terrassentür im Wohnzimmer. Ein Schatten huschte vorbei, und ein erneutes, diesmal deutlich lauteres mechanisches Kratzgeräusch kündigte an, dass der Tag noch lange nicht vorbei war.

191 KAPITEL XLI Kratzen an der Glasfront Das mechanische Kratzen an der Terrassentür klang inzwischen weniger wie ein zufälliges Tier und mehr wie ein hochentwickelter Roboter, der versuchte, mit einem verrosteten Dosenöffner in die heiligen Hallen einzudringen. Marc, der mit seiner Glatze, seiner Brille und dem grauen Vollbart im halbdunklen Wohnzimmer stand, atmete tief aus. Er hatte in seinem Leben beim Werkschutz schon so manchen Fehlalarm erlebt, aber dieser Tag schlug einfach alles. „Wenn das schon wieder diese verdammte Drohne ist, spiele ich mit dem Ding Tischtennis“, murrte Marc und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Anke, die mit ihren langen, leicht gewellten Haaren direkt neben ihm stand, legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Sie hatte sich an das tägliche Chaos gewöhnt, doch selbst für ihre Verhältnisse war das hier inzwischen reines Kino. „Ganz ruhig, Schatz. Vielleicht will uns Herr Matuschke nur ein neues Einschreiben bringen, weil er sich im Garten verlaufen hat.“ „Mit einer hydraulischen Klaue? Eher nicht“, entgegnete Marc trocken. In diesem Moment gaben Curso und Flower den Startschuss für eine neue Runde reinen Irrsinns. Die aufgedrehte Deutsche Schäferhündin Flower bellte schrill und warf sich mit voller Wucht gegen die Glasscheibe der Terrassentür, während der gechillte Mischlingshund Curso seelenruhig auf einem Sofakissen liegen blieb, gähnte und mit dem Schwanz thronend den Takt angab, als würde er das Ganze als Abendunterhaltung betrachten. Flower schaffte es tatsächlich, mit ihrer Pfote den Griff der Terrassentür nach unten zu drücken. Mit einem lauten Zischen sprang der Flügel auf. Kalter Abendwind strömte in den Raum und trieb sofort alle losen Servietten vom Couchtisch. Im Türrahmen stand jedoch kein extraterrestrischer Invasor und auch keine feindliche Spionageeinheit, sondern Frau Klein, die

192 Schwiegermutter, die mit hochrotem Kopf und einem tragbaren Akku- Rasentrimmer in der Hand den Weg ins Wohnzimmer anführte. „Marc! Anke! Ihr müsst sofort in den Garten kommen!“, keuchte die resolute Dame und stolperte über Flowers Schwanz, woraufhin die Schäferhündin erschrocken zur Seite sprang. Frau Klein fing sich in einer athletischen Meisterleistung an der Stehlampe ab, die bedrohlich wackelte, aber standhielt. „Schwiegermutter?“, fragte Marc ungläubig, während er die Hände in die Hüften stemmte. „Was zum Teufel machst du um diese Uhrzeit mit einem Rasentrimmer im Dunkeln auf unserer Terrasse? Wolltest du etwa den Rasen für die Mondlandung stutzen?“ „Sei nicht so frech, Marc!“, fauchte Frau Klein und schnaufte tief durch. „Draußen am Komposthaufen ist etwas gigantisches Im Gange. Ich habe es mit meinem modifizierten GPS-Tracker geortet. Da bewegt sich etwas Unbekanntes im Unterholz! Es riecht nach verbranntem Metall und billigem Kaffee!“ Bevor Marc etwas erwidern konnte, schob sich eine weitere Gestalt in den Türrahmen. Sven Krawinkel, der regionale Drohnen-Beauftragte, der nach den vorherigen Zwischenfällen offenbar beschlossen hatte, das Haus nicht mehr zu verlassen, drückte sich an Frau Klein vorbei. Er trug immer noch seine neonfarbene Warnweste, hielt ein Klemmbrett krampfhaft vor die Brust gedrückt und sah aus, als stünde er kurz vor einem nervlichen Zusammenbruch. „Eine Anomalie! Ich habe es euch doch gesagt!“, rief Krawinkel mit überschnappender Stimme. „Die Sensoren im Luftraum zeigen einen unautorisierten Wärmesignatur-Ausschlag direkt hinter dem Geräteschuppen! Das ist kein Tier, das ist… das ist Technologie der Stufe Drei!“ Anke verdrehte die Augen und ging in die Küche, um kurz darauf mit einer frischen Tasse Kaffee und ein paar Keksen zurückzukehren. Sie reichte die Tasse Krawinkel, der sie mit zitternden Händen entgegennahm. „Herr Krawinkel, trinken Sie erst mal einen Schluck. Hier gibt es keine Technologie der Stufe Drei. Höchstens den defekten Toaster vom Nachbarn.“ „Der Toaster brennt nicht!

193 Das ist ein Signal!“, beharrte Krawinkel, nahm einen viel zu heißen Schluck, verschluckte sich und prustete den Kaffeeschaum direkt auf Marcs grauen Vollbart. Marc schloss kurz die Augen. Er zählte im Kopf bis zehn. „Wunderbar. Einfach wunderbar. Jetzt sehe ich aus wie der Weihnachtsmann nach einer Explosion in der Kaffeerösterei.“ „Das steht dir, Schatz“, witzelte Anke und wischte ihm mit einer Serviette grinsend über die Brille. Plötzlich fing Curso, der bisher so entspannte Mischlingshund, an zu knurren. Er sprang von seinem Kissen auf, legte die Ohren an und starrte direkt auf das offene Fenster zur Küche. Flower stimmte sofort mit ein, und diesmal klang ihr Bellen nicht aufgeregt, sondern tief, ernst und absolut alarmierend. In diesem Augenblick ertönte von draußen ein metallisches Schleifen, gefolgt von einem hellen, elektronischen Piepsen. Ein roter Laserpunkt tanzte an der Wohnzimmerwand entlang, zog einen Kreis um Marcs Glatze und blieb schließlich exakt auf der Nasenspitze des verdutzten Postboten Herrn Matuschke stehen, der, unbemerkt von allen anderen, gerade durch die offene Terrassentür hineingeschlichen war, um ein weiteres Einschreiben abzugeben. „Huch!“, rief Herr Matuschke und warf einen Stapel gelber Briefe in die Luft. „Hat mich da etwa ein Scharfschütze im Visier? Ich bin doch nur für die Postzustellung zuständig, ich habe keine Portokasse bei mir!“ „Alle in Deckung!“, schrie Frau Klein, warf sich geistesgegenwärtig auf den Boden und zog den Rasentrimmer schützend über ihren Kopf. Sven Krawinkel folgte ihrem Beispiel mit einem so dramatischen Hechtsprung, dass er direkt auf dem Rücken des armen Postboten landete, der daraufhin keuchend unter dem Gewicht zusammenbrach. Marc stöhnte auf. Das war der Moment, in dem er beschloss, dass der Ruhestand beim Werkschutz definitiv aufregender war als das bürgerliche Familienleben mit einer technikverrückten Schwiegermutter, zwei hyperaktiven Hunden und einem überforderten Postboten.

194 „Jetzt reicht’s“, knurrte Marc. Er zog seinen Bademantel-Gürtel fester, setzte eine entschlossene Miene auf – die durch den Kaffeeschaum im Bart allerdings eher komisch als furchteinflößend wirkte – und schritt auf die offene Terrassentür zu. „Wenn da draußen jemand meint, er könnte unseren Garten als Testgelände für seine Sci- Fi-Spielzeuge missbrauchen, dann lernt er gleich den alten Werkschutz kennen.“ Anke folgte ihm dicht auf den Fersen, während Curso und Flower sie flankierten, als wären sie eine Spezialeinheit auf dem Weg in den Einsatz. „Ich komme mit, starker Mann“, sagte Anke mit einem humorvollen Blitzen in den Augen. „Nicht, dass du am Ende wieder über einen Minibagger stolperst.“ „Ich stolpere nicht“, erwiderte Marc, trat hinaus in die kühle Nachtluft und blickte in den dunklen Garten. „Ich kontrolliere nur die Bodenbeschaffenheit.“ Im selben Moment zuckte ein greller, blauer Lichtblitz hinter dem Geräteschuppen auf. Ein dumpfer, summender Ton, der an einen startenden Hubschrauber erinnerte, scholl über das Grundstück, und ein kleiner, runder Gegenstand rollte quietschend über die Rasenkante direkt auf Marcs Hausschuhe zu. Die Hunde blieben wie angewurzelt stehen, die Ohren gespitzt, während der Gegenstand stoppte, ein letztes Mal aufleuchtete und eine mechanische, völlig übertriebene Computerstimme durch die Stille der Nacht scholl: „Identifikation erfolgreich. Willkommen im System, Agent Marc.“ Marc starrte auf den kleinen Apparat, dann zu Anke, und schließlich in den dunklen Himmel, wo sich die Umrisse einer weiteren, viel größeren Drohne bedrohlich aus dem Nebel schälten. „Ich wusste es“, flüsterte Frau Klein aus dem Wohnzimmer vor, während sie sich vorsichtig hinter dem Sofa hervorkämpfte. „Es ist der Bagger-Schreck 4000!“ Marc seufzte tief, während der kalte Wind seinen grauen Vollbart wehte. „Anke, erinnerst du mich daran, morgen den Rasen zu mähen? Bevor dieser Roboter uns das Haus wegsprengt.“ Anke legte den Kopf an seine Schulter und lachte leise. „Erst lösen wir das Rätsel, mein Schatz. Dann wird gemäht.“ Und während die Drohne über ihnen kreiste und

195 das rote Licht den Garten in ein surreales Leuchten tauchte, wusste Marc, dass dieser Abend noch lange nicht vorbei war.

196 KAPITEL XLII Surren über der Veranda Die rote Beleuchtung der Drohne warf gespenstische Schatten auf die hölzerne Veranda, während das surrende Geräusch der Rotorblätter in den Ohren dröhnte. Marc, der mit einer Glatze, einer Brille und einem grauen Vollbart ausgestattet war, stand im Zentrum des Geschehens und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Neben ihm stand Anke, seine langjährige Partnerin mit langen, leicht gewellten Haaren, die die Arme vor der Brust verschränkte und das surrende Flugobjekt skeptisch musterte. „Also, wenn das wieder so ein nettes Begrüßungsgeschenk von deiner Mutter ist, dann ziehe ich bald in eine Höhle ohne WLAN“, brummte Marc und schob seine Brille auf der Nase nach oben. Anke warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Ach komm, Schatz. Deine Mutter meint es doch nur gut. Vielleicht will sie dir bloß zeigen, dass du dich im Garten mehr bewegen sollst.“ Bevor Marc darauf antworten konnte, schoss Frau Klein, die resolute Schwiegermutter, mit einer schmutzigen Gartenschaufel in der Hand um die Ecke. „Das ist keine normale Drohne! Das ist ein hochentwickeltes Überwachungssystem der Konkurrenz!“, rief sie mit dramatischer Inbrunst und deutete mit der Schaufel bedrohlich in Richtung Himmel. Der Regionalbeauftragte Sven Krawinkel, der sich bisher hinter einem Blumentopf versteckt gehalten hatte, sprang nun hektisch auf. „Unzulässig! Vollkommen unzulässig! Der Luftraum gehört der Behörde! Ich werde das Gerät sofort protokollieren!“, schrie er und zückte einen kleinen Block, während er wild mit den Armen fuchtelte. Der Postbote Herr Matuschke, der gerade versuchte, sich unauffällig hinter der Mülltonne zu verbergen, trat unglücklich auf einen Ast, der unter seinem Schuh laut knackte. „Ich wollte doch nur ein schnelles Einschreiben abgeben“, stöhnete Herr Matuschke und rieb sich den schmerzenden Rücken. „Warum gerate ich eigentlich immer in solche Situationen? Ich war heute

197 Morgen noch im Postamt und habe mich auf einen ruhigen Feierabend gefreut.“ In diesem momentanen Tumult schalteten sich auch die Haustiere ein. Die Deutsche Schäferhündin Flower bellte laut und sprang an der Verandabrüstung hoch, während der gechillte Mischlingshund Curso seelenruhig auf einer Fußmatte saß, gähnte und sich demonstrativ am Ohr kratzte. Flower nahm die Bedrohung durch die Drohne sehr ernst, fixierte das blinkende rote Licht und begann im Kreis zu rennen, als versuche sie, das fliegende Objekt durch pure mentale Kraft vom Himmel zu bellen. Die Drohne verharrte kurz in der Luft, gab ein elektronisches Piepsen von sich und landete mit einer sanften, fast arroganten Präzision direkt auf dem Minibagger im Vorgarten, den Frau Klein am Tag zuvor in den Rasen gesetzt hatte. Aus dem Bauch der Drohne klappte eine kleine Metallklappe auf, und ein silbrig glänzender Gegenstand rollte heraus und landete polternd im Schlamm. Marc seufzte tief. „Gut. Ich hole den Gegenstand. Aber wenn da jetzt wieder ein verstaubter Kräutertee oder eine kratzige Strickjacke drin ist, wandert das Ding direkt in den Kompost.“ Er setzte sich in Bewegung, begleitet von Anke, die ihn mit einem schmunzelnden Blick anfeuerte. Sven Krawinkel folgte den beiden mit sicherem Abstand, stets darauf bedacht, nicht doch noch von einem herabstürzenden Propeller getroffen zu werden. Frau Klein marschierte im Stechschritt voran, fest entschlossen, die Kontrolle über das Objekt zu behalten. „Halt! Vorsicht! Das könnte eine biologische oder technologische Anomalie sein!“, rief Krawinkel und wich zurück, als Marc sich bückte, um den Gegenstand aus dem feuchten Erdreich zu fischen. Marc hob das Ding auf. Es war kein Päckchen und kein Tee. Es war eine kleine, metallene Fernbedienung mit nur einem einzigen roten Knopf und einem winzigen Display, auf dem in leuchtenden Buchstaben zu lesen war: *Initiale Phase abgeschlossen. Bereit für die Kalibrierung.* „Was soll das denn jetzt wieder heißen?“, fragte Anke, die sich über Marcs Schulter beugte. „Wird hier etwa ein Raumschiff gestartet?“ Frau Klein riss Marc die

198 Fernbedienung aus der Hand. „Das ist modernste Technik! Bestimmt von diesem ominösen Konkurrenten, von dem ich immer spreche! Gib her, ich drücke da jetzt drauf!“ „Nein, Mutter, um Gottes willen, nicht einfach auf Knöpfe drücken!“, rief Marc und versuchte, die Fernbedienung zurückzubekommen. In diesem Moment stolperte er über die Kette des Minibaggers, geriet ins Straucheln und landete mit einem vernehmbaren *Platsch* mitten in der Schlammpfütze, die der Bagger am Vormittag hinterlassen hatte. Ein schallendes Lachen entkam Ankes Kehle. Sie hielt sich den Bauch und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Marc, Schatz, du ziehst den Schlamm magisch an! Du bist der ungekrönte König des Untergrunds!“ Herr Matuschke, der sich vorsichtig genähert hatte, streckte eine helfende Hand aus. „Brauchen Sie Unterstützung, Herr Marc? Ich habe im Postdienst schon Schlimmeres gesehen. Damals, im Bezirk vier, gab es einen Fall mit wild gewordenen Rasenmähern…“ Bevor der Postbote seine Anekdote zu Ende erzählen konnte, begann die Fernbedienung in Frau Krains Hand schrill zu piepen. Das Display wechselte von Rot auf ein helles, pulsierendes Blau. Gleichzeitig gab die Drohne auf dem Bagger ein tiefes Brummen von sich, und aus ihren Lautsprechern ertönte eine mechanische, leicht blecherne Stimme: *Zielperson Marc verifiziert. Starte Programm: Familienidyll mit Hindernissen.* Sven Krawinkel schnappte nach Luft. „Das ist ein Verstoß! Ein klarer Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz und die Luftverkehrsordnung! Ich fordere die sofortige Deaktivierung!“ Doch die Drohne ignorierte den Regionalbeauftragten völlig. Sie erhob sich majestätisch in die Luft, zog eine weite Schleife über das Haus und warf dabei einen kleinen, perfekt quadratischen Gegenstand ab, der im hohen Bogen direkt auf Anke zusteuerte. Anke reagierte geistesgegenwärtig, streckte die Hand aus und fing das Paket geschickt auf, als wäre es beim Völkerball. „Na bitte. Geht doch“, sagte sie und drehte den Karton um. „Ein Absender steht natürlich nicht drauf.“ Marc kämpfte sich

199 unterdessen mühsam aus dem Schlamm, während die Schäferhündin Flower freudig an ihm hochsprang und ihm eine ordentliche Portion Schlamm ins Gesicht wischte. Curso trottete heran, schnupperte kurz an Marcs Hose und entschied, dass das Sofa drinnen heute definitiv der bessere Aufenthaltsort war. „Los, wir gehen rein“, sagte Marc und strich sich den Dreck von der Brille, wodurch die Gläser nur noch verschmierter wurden. „Bevor hier noch eine Kaffeemaschine landet oder ein Staubsaugerroboter uns die Vorfahrt nimmt.“ Die kleine Gruppe bewegte sich langsam zurück zum Haus, angeführt von Frau Klein, die immer noch versuchte, die mysteriöse Fernbedienung zu bedienen, und gefolgt von einem erleichterten Herrn Matuschke, der hoffte, heute endlich Feierabend zu machen. Sven Krawinkel lief hinterher und murmelte etwas von „behördlichen Ermittlungen“ und „Sicherheitszonen“. Im Flur angekommen, schloss Anke die Haustür hinter sich und atmete tief durch. Die Hunde stürmten sofort voraus, um ihre gewohnten Plätze zu besetzen. Curso legte sich direkt vor die Terrassentür, während Flower ungeduldig mit dem Schwanz wedelte und auf ein Leckerli wartete. „So“, sagte Anke und legte das geheimnisvolle Paket auf die Kommode, genau neben den berüchtigten GPS-Tracker, den Marcs Schwiegermutter vor Tagen dort deponiert hatte. „Jetzt machen wir uns erst einmal einen ordentlichen Kaffee. Und diesmal trinke ich ihn ganz in Ruhe, bevor die nächste technische Revolution vor unserer Haustür landet.“ Marc nickte zustimmend, während er sich in der Küche ein trockenes Handtuch suchte. „Einverstanden. Aber wenn draußen noch einmal eine Drohne auftaucht, hole ich den Gartenschlauch.“ Die Anspannung des Abends schien sich langsam zu legen, und eine vertraute, warme Harmonie breitete sich im Haus aus. Der Kaffeefisch brodelte in der Maschine, und die vertrauten Geräusche des häuslichen Alltags kehrten zurück. Doch als Marc gerade nach seiner Tasse greifen wollte, ertönte von draußen ein leises, aber unverkennbares Klopfen an der

200 Terrassentür, begleitet von einem kurzen, hellen Aufblinken im Garten. Marc hielt mitten in der Bewegung inne, sah zu Anke hinüber, die die Kaffeekanne sinken ließ, und wusste augenblicklich, dass der Abend noch lange nicht vorbei war.