Reportagen

SHOW ROOM

€URO 02|25130 ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER, © VG BILD-KUNST, BONN 2024 LOS ANGELES Als Hochburg für bewegte Bilder genießt die Stadt der Engel ewigen Ruhm. Jetzt begeistert sie auch als Zentrum für Gegenwartskunst VON MICHAEL HANNWACKER GELD & GENUSS

€URO 02|25 131 Welcome to L. A.: Mit ihrer an Segel erinnernden Fas- sade zieht die Walt Disney Concert Hall an der Grand Avenue seit Jahren die Blicke auf sich. Der Auftritt von Richard Orlinskis Panther am Rodeo Drive ist dagegen nur temporär ➝

€URO 02|25132 Obacht, Gucci-Taschen-Träger und Lamborghini-Piloten! Noch bis Mitte Februar brüllt euch auf dem Rodeo Drive in Beverly Hills ein pinker Panther an. Nicht der niedliche aus dem Vorspann der De- tektiv-Slapsticks mit Peter Sellers, son- dern ein leicht bedrohlich wirkendes Untier, das Richard Orlinski hier freige- lassen hat. Der französische Bildhauer kennt sich aus auf den Terrains von Plutokraten, denen er sich mit Auftritten seiner monumentalen und knallbunten Gorillas, Krokodile oder Bären etwa auch auf den Pisten des Winter-Monacos Courchevel oder auf der Lincoln Road in Miami Beach anheischig macht. Die Fiberglasmenagerie mag ein biss- chen oberflächlich sein. Doch die tem- poräre Freiluftausstellung zeigt, dass die zeitgenössische Kunst angekommen ist in Los Angeles. Das ist keine Selbstver- ständlichkeit, schließlich hatte die Szene in den USA bislang New York präferiert. Nun hat sie die Stadt der Engel als Him- mel auf Erden entdeckt. Und es stellt sich die Frage, warum in den letzten Jahren immer mehr Künstler in die Megacity am Pazifik ziehen und so viele Top-Galerien aufgesperrt haben. Die einen nennen die herausragenden Kunsthochschulen der Stadt, die anderen das gegenüber New York deutlich angenehmere Klima. Und natürlich gab und gibt es hier seit jeher jede Menge Reichtum. Davon zeugen nicht zuletzt die Namen der Wohltäter, die der Stadt Museen spendiert haben: der Musik- und Filmproduzent David Geffen etwa, der Öl-Tycoon John Paul Getty oder der Immobilien- und Versiche- rungsunternehmer Eli Broad. Ehrgeizig, eine der weltweit führen- den Sammlungen zeitgenössischer Kunst aufzubauen, hatte Letzterer mit- hilfe seiner Frau Edythe – und kolportiert mindestens zwei Milliarden Dollar – an die 2000 Werke von „Blue Chip Artists“ erworben, als er ihnen vor knapp zehn Jahren ein atemberaubendes Museum gönnte. The Broad – nur einen Block südlich der wie von Aluminiumsegeln umwehten Walt Disney Concert Hall des Wahl-Angeleno Frank Gehry – war der zweite Wunderbau an der Grand Avenue in Downtown. Und ein Fanal. Die von ei- nem wabenartigen Exoskelett verschlei- erte Kunstkammer der Avantgarde-Ar- chitekten Diller Scofidio + Renfro feiert Stars wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Jeff Koons. Und beschert Künst- lern wie der Afroamerikanerin Mickalene Thomas (deren Ausstellung „All About Love“ übrigens gerade in die Hayward Gallery nach London weitergewandert ist) viel beachtete Kurzauftritte. Dabei ist es nicht so, dass es unter Hollywoods Hügeln vorher keine mo- derne Kunst gegeben hätte. Schon etli- che Jahre zuvor hatte das Los Angeles County Museum of Art (LACMA) von der Eli and Edythe Broad Foundation eine 60-Millionen-Dollar-Spritze bekommen, um „das Ansehen von Los Angeles als globale Hauptstadt der zeitgenös- sischen Kunst zu fördern“. Und in der Tat: In den seither vom Genueser Aus- nahmearchitekten Renzo Piano entwor- fenen Hallen waren zuletzt exquisite Ausstellungen von Simone Leigh, der Vertreterin der USA auf der vorletzten Biennale in Venedig, oder von Ed Ruscha zu sehen, dem südkalifornischen Alt- meister der Pop-Art. Geld & Genuss Los Angeles 1

133!URO 02|25 L. A. Story: 1 Die zentrale Rotunde des Getty Center lädt die Sonne Südkaliforni- ens ein 2 Hank Willis Thomas’ Leinwand „America“ in The Broad regt zum Nach- denken an 3 Das New Yorker Architek- turbüro Diller Scofidio + Renfro hat das Museum des Milliardärs mit einer waben- artigen Hülle aus Weißbeton umgeben Für ihre Großeinkäufe mussten die Broads noch an die Ostküste reisen. Heu- te können kalifornische Sammler selbst ihres Kalibers auch in Los Angeles shop- pen gehen. Besucher der Stadt profi- tieren davon, denn die Galerien stehen auch in Südkalifornien jedem offen. Haus und Wirt. Wer sich als Händler zu einem Auftritt in L. A. entschließt, kann oft auf riesige Räumlichkeiten in auf- gelassenen Lagerhallen oder Industrie- bauten zurückgreifen, in denen Künstler auch Großformate vorstellen können. Die Schweizer Galerie Hauser & Wirth et- wa hat sich eine ehemalige Mühle im Art District bei der Union Station gesichert. Das sich über einen kompletten Block ausdehnende Areal bietet ausreichend Platz für mindestens drei parallele Aus- stellungen und einen zum sich dar- 2 3 ➝

€URO 02|25134 Geld & Genuss Los Angeles in Verlieren schönen Buchladen. Und weil Kultur mit Genuss zu tun hat, breitet sich im Innenhof das Restaurant Manuela aus, nicht zufällig auch der Vorname der Schweizer Galeristin, die mit ihrem Mann Iwan Wirth an den weltweiten Hotspots zeitgenössischer Kunst grandiose Gale- rien betreibt – in L. A. sogar zwei. Damit sind die Eidgenossen breiter aufgestellt als ihre großkarätigen Mitbe- werber. Larry Gagosian, mit bald 80 im- mer noch mächtigster Händler der gro- ßen Namen, unterhält eine Dependance in einer Seitenstraße des besagten Ro- deo Drive, die deutschen Galeristinnen Monika Sprüth und Philomene Magers bespielen einen brutalistischen Pavillon gegenüber dem LACMA, David Zwirner präsentiert Weltstars wie Isa Genzken, Gerhard Richter oder Wolfgang Tillmans in einem Zweckbauten-Ensemble in Mel- rose Hill, und der Berliner Händler Mi- chael Werner zeigte in seiner Niederlas- sung in einem aufgehübschten Hinter- hof in Beverly Hills kürzlich den aus der Eifel stammenden Florian Krewer. Open Air. Doch bleiben wir zunächst im Art District. Der heißt so nicht nur wegen der Ausstellungsflächen und Ateliers, die hier günstig zu mieten waren, als Lastwagen die Eisenbahn als Transport- mittel ablösten und sich die Lagerhäu- ser weg von der Union Station an die gro- ßen Highways bewegten, sondern auch, weil zahllose Straßenkünstler die Brand- mauern in eine weitläufige Freiluftgale- rie verwandelt haben. Die Akteure ver- stecken sich meist hinter Pseudonymen wie WRDSMTH, VYAL ONE, Royyal Dog oder @downtowndaniel, dabei hat die Stadtverwaltung die Rechtsfrage denk- bar simpel geklärt: Wenn Hauseigentü- mer einverstanden sind mit der Malerei an ihren Wänden, ist es Kunst. Wenn nicht, sind es Graffiti. Bei dem haus- hohen Porträt von Ed Ruscha, das der inzwischen über 80-jährige Wandmaler Kent Twitchell an die Nordwestwand des American Hotel an der Traction Avenue gebannt hat, dürfte der Fall klar sein. Oh- nehin sind die Grenzen in L. A. fließend. Autos gleichen nicht selten mobilen Skulpturen, Konzerte geraten zu L’art pour L. A.: 1 Eine Neonarbeit von Mickalene Thomas bei unserem Besuch in The Broad, derzeit in London zu sehen 2 Renzo Piano errichtete den Resnick Pavilion des Los Angeles County Museum of Art (LACMA) 3 Installation auf dem Außengelände des Museums 4 Eine Figur der Afroamerikanerin Simone Leigh, die vor zwei Jahren die USA bei der Biennale in Venedig vertreten hat 5 Mittagsgäste im Restaurant Manuela bei Hauser & Wirth im Art District 1 2 BILD: © VG BILD-KUNST, BONN 2024 ➝

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€URO 02|25136 Performances und Hollywood produ- ziert bewegte Tableaus. „Filme sind die populärste Kunstform weltweit“, stellt eine Tafel im Foyer des Museums der Academy of Motion Picture Arts and Sciences klar, also der Institution, die die wichtigsten Preise im Filmgeschäft ver- gibt. Man könnte auch Oscar-Museum sagen, weil hier vor allem die Drehbuch- autoren, Kostümbildner und Regisseure gefeiert werden, die eine der fast vier Ki- lo schweren, vergoldeten Bronzestatu- etten bekommen haben. Am ersten Sonntag im März ist es übrigens wieder so weit. Gleich nebenan, im Petersen Auto- motive Museum, wird einer anderen L. A.-typischen Kunstform gehuldigt, die schon deshalb Unterstützung verdient, weil man beim immerwährenden Stop and Go sonst verzweifeln müsste. Tat- sächlich zeigen die Ausstellungsstücke aus Chrom und Lack, dass Meisterwer- ke bisweilen nicht nur in Akademien und Ateliers entstehen, sondern immer wieder auch in den Studios von Auto- designern. Die Szene selbst hat es ja längst erkannt: Schon 1951 hob die Aus- stellung „8 Automobiles“ im Museum of Modern Art in New York das Genre aufs entsprechende Podest. „Modern Art“ war nicht die Sache des 1976 verstorbenen Ölmagnaten John Paul Getty, dessen Kollektion diejenigen von vielen anderen Großsammlern klein aussehen lässt. In seiner nach einem Vorbild aus Herculaneum gestalteten Villa in Pacific Palisades versammelte er Schätze der Antike um sich. Und auch das Spektrum des megalomanen, aller- dings nur mäßig schönen Getty Center in den Hängen über Brentwood reichte nur bis zur ersten Hälfte des vergange- nen Jahrhunderts. It Never Rains. Doch die Verantwortli- chen des Getty Trust, geschätzte acht Milliarden Dollar schwer und Schrecken aller Mitbieter bei einschlägigen Auktio- nen, denken längst weiter. Kürzlich be- leuchtete das Getty Center die Ausein- andersetzung zeitgenössischer Künst- ler mit der Holografie. Und noch bis Mit- te Februar unterstützte das „PST ART Project“ über 60 südkalifornische kultu- relle Institutionen bei der Frage, wo „Art & Science Collide“. Zum Beispiel gleich in der zentralen Rotunde des Mega- Museums. Dort nämlich hat Charles Ross, ein Altmeister der Lichtkunst, Pris- men im Glasdach installiert, die mit dem Lauf der Sonne spektrale Farbreflexe auf den Boden der Eingangshalle zaubern. Denn die Sonne scheint zuverlässig über dem Süden Kaliforniens. Wo „The Getty“ übrigens bei freiem Eintritt einer der angenehmsten Orte ist, um ein paar Stunden oder besser noch den ganzen Tag zu verbringen. Mit oder ohne Gucci- Tasche. L. A. State of Mind: 1 Bänder aus ge- bürstetem Stahl umgeben das Petersen Automotive Museum, wo bis Mai 2 der 1958 Chevrolet Impala „Final Score“ in der Ausstellung „Best In Low“ zu sehen ist 3 Dependance von Sprüth Magers 4 Leinwand des Deutschen Florian Krewer in der Michael Werner Gallery 5 Bilder von Titus Kaphar bei Gagosian in Beverly Hills 6 Standort von Hauser & Wirth im Art District und 7 ein Wandbild, das den Maler Ed Ruscha zeigt 1 2

€URO 02|25 137 Los Angeles hat über 500 Ausstel- lungshäuser, vom Air Conditioning & Refrigeration Museum über das Neutra Institute for Survival Through Design bis zum Wonders of the World Muse- um. Wir beschränken uns auf einige wenige – und auf Gegenwartskunst. ➸ Getty Center Die Stiftung des einst reichsten Mannes kann auch Moderne. getty.edu ➸ The Broad Großartige US-Kunst in spektakulärer Hülle. thebroad.org ➸ LACMA Größtes Museum des Wes- tens mit sehenswerten Ausstellungen. lacma.org ➸ Academy Museum Hier wird die Kunst der Oscar-Preisträger gefeiert. academymuseum.org ➸ Petersen Automotive Autos sind nur Fortbewegungsmittel? Von wegen. petersen.org ➸ Hauser & Wirth In L. A. haben die Schweizer Händler zwei Standorte. hauserwirth.com ➸ Gagosian Der Großgalerist hat mal hier angefangen. Jetzt ist er zurück. gagosian.com/locations/beverly-hills ➸ Sprüth Magers Mitbewerber be- neiden die Deutschen um ihr Gebäude. spruethmagers.com ➸ Michael Werner Der Grandseig- neur wagte 2024 den Schritt nach L. A. michaelwerner.com Weitere Informationen: discoverlosangeles.com GALLERY HOPPING IN DER STADT DER ENGEL Los Angeles Geld & Genuss 3 5 4 6 7

€URO 03|24138 Pool Position: Auf dem Dach des 1 Hotel Brooklyn Bridge geben sich nur die Jüngsten unbeeindruckt vom Panorama auf der anderen Seite

ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER (12), GREENS87/ISTOCK Es ist etliche Jahrzehnte her, dass der Autor dieser Geschichte das erste Mal nach New York reiste. Die Aufregung war immens damals, die Vorfreude auf die erste Begeg- nung mit der berühmten Skyline mindestens so riesig wie die Sky- scraper, die sie prägten. Und doch wollte sich bei der Annäherung vom John-F.-Kennedy-Flughafen auf Manhattan keine Euphorie ein- stellen. Warum? So oft (zu oft?) hatte er vorher auf atemberau- benden Fotos und in elektrisieren- den Filmsequenzen die Türme des Big Apple gesehen, dass der reale Anblick den zweidimensionalen Eindrücken kaum standhielt. Was sich also einstellte, war Enttäuschung auf – im wahrsten Sinne des Wortes – sehr ho- hem Niveau. Man sollte sich deshalb be- wusst machen: Manhattans Skyline ist zwar gewisserma- ßen in Stein gemeißelt, aber sie verändert sich stetig. In die- sem Jahrhundert allein sind – tragischerweise – die beiden Türme des World Trade Center gefallen, und das One World Trade Center von Stararchi- tekt David Childs hat ihre Stelle eingenommen. Einstige Wahr- zeichen wie das Rockefeller Center mussten hinter jünge- ren Highrises zurücktreten, und das ikonische Ensemble auf der wahrscheinlich teuers- ten Halbinsel der Welt hat jen- seits von East und Hudson Ri- ver Konkurrenz bekommen. In Brooklyn, Queens und Jersey City schießen die Immobilien ebenfalls in schwindelnde Hö- hen. Von denen man (wir kom- men darauf zurück) eine benei- denswerte Aussicht hat. ➝ NEW YORK Immer schon da gewesen, allzu oft gesehen? Nicht ganz. Manhattans Skyline hat sich zuletzt in rasantem Tempo verändert VON MICHAEL HANNWACKER GELD & GENUSS

€URO 03|24140 Apropos Neid. Spätestens seit der Errichtung des Empire State und des Chrysler Building (bei Re- daktionsschluss – noch! – in Teil- besitz von René Benkos Signa Holding) Anfang der 1930er-Jahre gehört es zum Wesen von Wolken- kratzern, dass sie beziehungswei- se ihre Erbauer sich gegenseitig in den Schatten stellen wollen. Die ambitioniertesten unter ihnen fal- len, nein, hoffentlich nicht: stehen in der Kategorie der sogenannten supertalls. Das definierende Krite- rium dieser Immobilienklasse ist nach Festlegung des 1969 in Chi- cago gegründeten „Council on Tall Building and Urban Habitat“ eine Höhe von mindestens 300 Me- tern. Geld & Genuss New York Hoch-Stapler. Am Battery Place, einer vergleichsweise ruhigen Sei- tenstraße am südwestlichen Ende Manhattans, gibt es seit einigen Jahren ein Museum, das stau- nenswert winzig ist angesichts seines überlebensgroßen The- mas. Eingezwängt in ein verwin- keltes Hochparterre neben dem Entree eines ansonsten unauffäl- ligen Gebäudes, beschäftigt es sich vorzugsweise mit diesen höchsten der Wolkenkratzer. In New York gibt es, aktueller Stand, 17 Hochhäuser, die diese Marke überschreiten – mehr als in jeder anderen Stadt der Welt. Oft auf Grundstücken erbaut, die nicht größer sind als der Hinterhof man- cher Häuser, muten ihre Propor- tionen an der sogenannten Billio- naires’ Row, der „Meile der Milliar- däre“ an der 57. Avenue südlich des Central Park, besonders gro- tesk an. Der Steinway Tower etwa, der seine 91 Stockwerke 435 Me- ter hoch stapelt, bringt es auf ein maximal instabil erscheinen- des Breite-zu-Höhe-Verhältnis von 1 : 24. „Zu gewöhnlichen Wol- kenkratzern“, schreibt „New York Times“-Autor Eric P. Nash, „ver- halten sich die supertalls wie Fo- tomodels oder Skulpturen von Giacometti zu normal gebauten Menschen.“ Dass als Käufer solcher Luxus- apartments nur Multimillionäre und Milliardäre (nicht selten mit nicht ganz koscheren Hintergrün- den) infrage kommen, gehört zum Geschäftsmodell der New Yorker Immobilienentwickler, einer be- sonders skrupellosen Subspezies der Kaufmannsgilde. „Einige der Männer hinter diesen Tür- 1 2 ➝

Auf die Spitze getrieben: 1 Waghalsig ragt ein gläsernes Aussichtsdeck aus dem – bislang – höchsten Gebäude des Neubauviertels Hudson Yards. 2 Sicherheitsleute sorgen dafür, dass niemand 3 dem Schatten des Empire State Building zu nahe kommt. 4 Aluminiumrelief in der Fifth Ave- nue Lobby, 5 Art-déco-Figur vor dem Rockefeller Center 3 4 5

€URO 03|24142 men sind begnadete Schausteller, andere ganz auf Zahlen fixiert“, charakterisiert Katherine Clarke, Immobilienreporterin des „Wall Street Journal“. „Manche halten sich für architektonische Visionä- re, andere sind Zauberer in der strategischen Kunst des Verhan- delns und der Kombination von Grundstücken. Sie sind alle risikoliebende Haudegen, offen- bar immun gegen den unglaubli- chen Druck, dem nur die wenigs- ten standhalten könnten.“ Die Rede ist von Größenwahn- sinnigen wie dem ehemaligen Diamantenhändler Gary Barnett (68), dem ständig am Rand des Bankrotts segelnden Harry Mack- lowe (87), dem Trump-Unterstüt- zer und Schattenbank-Investor Stephen M. Ross (83) oder dem Schnellstarter Michael Stern (44). In der Morgendämmerung nach der Finanzkrise begannen diese Männer, mit spindeldürren Wol- kenkratzern wie dem One57 (306 Meter, Fertigstellung 2014, Baukosten 1,5 Milliarden Dollar), dem 432 Park Avenue (426 Meter, 2015, 1,25 Milliarden Dollar), dem Central Park Tower (472 Meter, 2020, drei Milliarden Dollar) oder dem Steinway Tower (435 Meter, 2021, zwei Milliarden Dollar) den Central Park zu verschatten. Mit 290 Metern knapp unter der Supertalls-Messlatte gilt der nach seiner Adresse benannte, vor gut vier Jahren bezugsfertige Wolkenkratzer 220 Central Park South als eines der teuersten Wohngebäude der Stadt. Schlag- zeilen machte sein mehrstöcki- ges, über 2000 Quadratmeter Spielwiese für Himmelsstürmer: 1 Gegen die in den vergangenen Jahren entstandenen Auswüchse an der Billionaires’ Row nehmen sich die 2 Midtown Skyscraper (hier von Queens aus gesehen) fast beschei- den aus. 3 Wenn ihm auch längst der Höhenrekord genommen wurde, bleibt das Empire State Building das berühmteste aller Hochhäuser. 1 2

eindrucksvoll ist eine Meile oder 15 Blocks nördlich der Rundum- blick vom Top of the Rock, der Aussichtsplattform auf dem höchsten Turm des Rockefeller Center. Entworfen als Hommage an die mächtigen Ozeandamp- fer, die einst den Atlantik von New York nach Europa über- querten, ist es weitläufiger als sein Nachbar. Und bietet einen unverstellten Blick auf ihn. großes Penthouse, als Hedge- fonds-Manager Ken Griffin aus Chicago dafür die Rekordsumme von 238 Millionen Dollar hinblät- terte. Aber nicht etwa, um dort dauerhaft einzuziehen. Wie die meisten dieser unvorstellbar ho- hen Wohngebäude steht auch Griffins New Yorker pied-à-terre in der Regel leer. Für die Super- reichen aus aller Welt, die Woh- nungen in der Billionaires’ Row (immer wieder auch mit Bar- mitteln fragwürdiger Herkunft) kaufen, sind diese Residenzen in erster Linie eine Möglichkeit, Unsummen zu binden (oder zu verstecken). Jedenfalls definiert den Anreiz für die Käufer nicht vornehmlich der Wunsch, ein Dach über dem Kopf zu haben. Für das gemeine Publikum bleiben die schlanken Wohntür- me natürlich unzugänglich. Am Höhenrausch Manhattans kann es dennoch teilhaben. Legendär sind die Aussichten von den Ob- servatories auf der 86. und der 102. Etage des nach wie vor be- rühmtesten aller Wolkenkratzer New Yorks, dem 1931 nach nur 366 Tagen Bauzeit eröffneten Empire State Building. Entspre- chend groß – im Schnitt um die 11 000 Besucher täglich – ist der Andrang trotz gesalzener Preise. Die Einnahmen aus den Ticket- verkäufen sollen in manchen Jahren höher gewesen sein als die durch Mieten. Kaum weniger Geld & Genuss New York 3 ➝

Auf die schlichte Aussicht über das Häusermeer Manhat- tans setzen die Entertainer un- ter den neuen Wolkenkratzern noch eins drauf. Vor gut drei Jah- ren wurde in Midtown direkt ne- ben der Grand Central Station One Vanderbilt fertiggestellt, ein 427 Meter hoher supertall, des- sen Mieter, darunter die DZ Bank und die Carlyle Group, bis zu 3500 Dollar pro Quadratmeter monatlich zahlen. Über der 73. Etage hat Snøhetta, ein nor- wegisches Büro für Instagram- taugliche Avantgarde-Architek- tur, einen zehn Meter hohen, voll verspiegelten Riesenguckkasten installiert, der bei Sonnenschein fast zwingend nach möglichst ihrer Käufer und Mieter die Skyline Manhattans in den ver- gangenen zehn bis 15 Jahren maßgeblich verändert haben. Nicht alle nach den Sternen greifenden Objekte erreichen diese jedoch auch. Der Bau des von Pritzker-Preisträger David Adjaye entworfenen Affirmation Tower etwa, der wie aus immer größeren Glasboxen aufgetürmt 506 Meter hoch über die Hudson Yards hinauswachsen soll, ist vor drei Monaten erst einmal ge- stoppt worden. Einige Akteure sehen sogar schon ein Ende des Booms: „Wir haben gerade eine Ära durchlebt“, mutmaßte Mi- chael Stern, Erbauer des Stein- way Tower, unlängst im New Yorker Immobilienmagazin „The Real Deal“, „die sich so schnell nicht wiederholen wird. Es war (nur) ein kleines Fenster.“ dunkel getönten Designerbrillen verlangt. Summit at One Vander- bilt heißt das schwindelerregen- de Spiegelkabinett und gilt als Top-Destination für Social-Me- dia-Selbstdarsteller. Handys gehören zur Grund- ausstattung auch auf einer 35 Meter höher gelegenen Freiluft- terrasse knapp zweieinhalb Kilo- meter westlich. Dort kragt auf der 100. Etage des höchsten Ge- bäudes im neuen Viertel Hudson Yards ein riesiger dreieckiger Glasboden heraus, auf dem sei- ne Besucher 335 Meter über Manhattans Straßenschluchten und dem Fluss die Weitsicht mit etwas Nervenkitzel verbinden können. Weitsicht und Nervenkitzel gehören ebenfalls zur Grund- ausstattung von Männern wie Stephen Ross, dem Bauherrn der Hudson Yards, die mit einer Mischung aus Höhenrausch und Sensibilität für die Eitelkeiten 1 Selbstreflexion: Im Spiegelsaal des Summit One Vander- bilt vergisst man leicht, wo oben und unten ist 1

€URO 03|24 145 ➸ Empire State Building Den Blick auf New York vom Wahrzeichen der Stadt schlechthin zu genießen – das hat schon was. 20 West 34th St, 8–23 Uhr, ab 44 $ esbnyc.com/de ➸ Top of the Rock Auf dem höchs- ten Bau des Rockefeller Center reicht der Platz für kleine Spaziergänge. 30 Rockefeller Plaza, 9–24 Uhr, ab 40 $ rockefellercenter.com ➸ Summit One Vanderbilt Im Spiegelsaal auf der 93. Etage sind Instagramer im siebten Himmel. 45 East 42nd St, 9–24 Uhr, ab 42 $ summitov.com/de ➸ Edge Das freischwebende Glas- dreieck hoch über dem Hudson River ist nichts für schwache Nerven. 30 Hudson Yards, 9–22 Uhr, ab 36 $, edgenyc.com ➸ 230 Fifth Spätestens nach Büro- schluss herrscht Partystimmung auf der riesigen Dachterrasse 20 Stock- werke über der 5th Avenue zwischen Flatiron und Empire State Building. 1150 Broadway, Tel. +1/212/725 43 00, 230-fifth.com ➸ Panorama Room In der Rooftop- Bar des bestens gelaunten Graduate Hotel berauscht bereits die Lage: mit- ten im East River zwischen Manhattan und dem in den Himmel schießenden Zentrum von Long Island City. 22 North Loop Road, Roosevelt Island, Tel. +1/929/447 47 17, panoramaroomnyc.com ➸ Westlight Noch ein Dachrestau- rant, diesmal in Williamsburg, Brook- lyns angesagtestem Viertel. 111 North 12th St, Brooklyn, Tel. +1/718/ 307 71 00, westlightnyc.com ➸ 1 Hotel Brooklyn Bridge Der Besuch in diesem durch und durch ökofreundlichen Szenehotel lohnt sich schon wegen des Blicks vom verwegen geschnitzten Pool auf Manhattans Financial District (siehe Foto Seite 138). Die Rooftop-Bar und die besseren Zimmer haben auch ein schöne Sicht. Ab 398 Dollar, 60 Furman St, Tel. +1/347/ 696 25 00, 1hotels.com/brooklyn-bridge ➸ The Cloud One Bemerkenswert günstig bewohnt sich der Turm der Motel-One-Betreiber in Downtown. Ab 149 Dollar, 133 Greenwich St, Tel. +1/646/ 434 46 49, the-cloud-one.com ➸ The Ritz-Carlton New York, NoMad Todschick, extrem bequem und fußläufig zu vielen Top-Attraktionen. Ab 781 Dollar, 25 West 28th St, Tel. +1/212/ 404 84 00, ritzcarlton.com AUSSICHTS!REICHE ESSEN AUF HOHEM NIVEAU WOHNEN MIT WEITSICHT Bild schön: 2 Wenn der super- hohe Tower One Vanderbilt nicht an Wolken kratzt, 3 brauchen Selbstverliebte eine Sonnenbrille Geld & Genuss New York 2 3

Vrooom? Mmmmh! Unterwegs mit einem offenen G-Modell des Porsche 911 aus den 80er-Jahren zu guten Lokalen zwischen Zü- rich und Graubünden

Zürich Einsiedeln Bad Ragaz Schloss Schauenstein Vitznau Zugersee Vierwald- stätter See Walensee Zürichsee €URO 04|24 131 ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER K ennen Sie das? Man ist seit Studententagen befreundet, telefoniert ein, zwei Mal im Jahr, verspricht sich jedes Mal ein Wiedersehen, vielleicht sogar mal eine gemeinsame Männertour, aber dann vergeht doch die Zeit und es geht nichts zusammen. Was es bräuchte, ist eine Pfundsidee. Genau damit kam Curt bei unserem Neujahrstelefonat um die Ecke: „Hör zu, die Werkstatt hat mir meinen alten 911er wieder flottge- macht, und ich wollte eine kleine Runde drehen. Kommst du mit?“ Eine Route hatte er auch schon ausbaldowert: Drei Tage wollte er – mit mir! – auf den schönsten Strecken die Kantone Zürich, Zug, Luzern, Schwyz, Glarus, St. Gallen und Graubünden durchqueren. Dass das Wetter himmlisch sein würde, konn- te er nur hoffen. Dass an den Pitstops große Küche warten sollte, hatte Curt dagegen fest eingeplant. Um es kurz zu machen: Ich war überredet. „Aber bitte nur kleines Gepäck“, sagte er vor dem Auflegen, „du weißt, einen Kofferraum hat mein kleines Cabrio nicht wirklich.“ Gut vier Monate später, an einem gloriosen Nachmittag im Mai, holt mich Curt mit seiner rabenschwarzen Beauté (für Porsche-Fans: das letzte G-Modell) vom Flughafen Kloten ab, mit offenem Dach chauffiert er mich an das linke Ufer des Zürichsees und lockt mich in die Reserve: Er hat zwei Zimmer im La Réserve Eden au Lac (DZ ab 600 Franken, lareserve-zurich.com) gebucht, dessen zauberhafte Belle-Époque-Fas- sade sich bei der Vorfahrt in der Motor- haube des 911ers spiegelt. Drinnen er- leben wir ein schmuckes 40-Zimmer- Haus, nur durch den Utoquai vom See getrennt, das Stardesigner Philippe Starck als imaginären Jachtclub ge- dacht hat – mit zwei tollen Kombüsen. Im La Muña unterm Dach (das holz- strotzende Chalet-Ambiente mit Horror- Vacui-Täfelung kann auch den unbeglei- teten Gast mit See- und Segelmotiven einen Abend lang unterhalten) serviert Marco Ortolani peruanisch-japanische Fusion in Perfektion. In der clubähnli- chen Eden Kitchen & Bar (Hauptgerich- te ab 60 Franken), dem lässigen ➝ TOUR DE SUISSE Ein bewegungsfreudiger Oldtimer, Bilderbuchlandschaften und ein paar der besten Betten und Tische des Landes – wenn das kein Plan ist VON MICHAEL HANNWACKER GELD & GENUSS

€URO 04|24132 Restaurant im Parterre, zeigt der Du- casse-Schüler seine Version italienisch- Schweizer Weltküche. „Du wirst sehen“, verspricht Curt vor dem Schlafengehen, „die Schweiz macht selig. Erst recht, wenn man nach allen Seiten offen ist für das Beieinander von Bergen und Seen.“ Am nächsten Morgen, auf den ersten Kilometern entlang der von glücklichen Schweizern (und begüterten Bürgern anderer Länder) besiedelten Westküs- te des Zürichsees können wir das Poten- zial wenigstens erahnen. Oberhalb des Kreis 2 biegen wir ab auf die Hauptstra- ße 4, die sich in steilen Kurven über den Rücken des Albis windet. Dann beglei- tet uns idealtypische Schweizer Agrar- landschaft, satt und zufrieden. Die Sonne ist bereits auf dem Rück- zug, als Curt seinen heiser fauchenden Porsche in die Auffahrt des Park Hotel Vitznau (DZ ab 1153 Franken, parkhotel- vitznau.ch) lenkt. Der Blick aus der Hal- le auf die im Licht einer göttlichen Däm- merung schimmernde Oberfläche des Vierwaldstätter Sees ist so fesselnd, dass wir fast vergessen einzuchecken. Das wäre schade, denn jede der 39 Sui- ten ist eine Etüde in individuellem Charme, am begehrenswertesten na- türlich die, die auf den schönsten aller Schweizer Seen schauen. Wir wollen aber vor dem Abendessen noch einen Blick in den Keller werfen. Dort herrscht Star-Sommelier Sven Uzat, 33 Jahre jung, über 36 000 (!) bester und allerbester Flaschen. Sein aktueller Lieblingswein? Er empfiehlt den 2015 Saumur AOC Brézé, einen Chenin Blanc von der Domaine Romain Guiberteau, und zwar besonders zum Kabeljau, den Zwei-Sterne-Chef Patrick Mahler in sei- nem focus Atelier (Menü ab 295 Fran- ken) mit Muschel, Walnuss und Beurre blanc zum kulinarischen Kunstwerk komponiert. Sein Gourmet-Glashaus kontrastiert stark mit der schlossähn- lichen Seeufer-Residenz, die der öster- reichische Milliardär Peter Pühringer vor 14 Jahren den Oetker-Erben abgekauft und für kolportiert 270 Millionen Fran- ken aufgemöbelt hat. Und zwar so, dass wir am liebsten 911 Nächte in dieser Per- le der Schweizer Hotellerie blieben. Anderntags bestätigt sich: Von der Aussicht von meinem Zimmer auf See und Berge würde ich gern ewig kosten. Und ich frage mich, ob ich es hier oben nicht sogar besser habe als die Stand- Up-Paddler da unten oder die Pas- Seensucht 1 Das Ufer am Vierwaldstätter See ist ein Lieblingsort auf dem Areal des 2 Park Hotel Vitznau, das vor 111 Jahren unter- halb der Rigi errichtet wurde. 3 Die Fassade des La Reserve Eden au Lac am Zürcher Utoquai spiegelt sich in der Motorhaube. 4 Die Bilder im Rooftop-Restaurant La Muña feiern Schweizer Berge und Seen, 5 in der Eden Kitchen & Bar tafeln die Gäste vor der offenen Küche. 6 Über beide Lokale herrscht Küchenchef Marco Ortolani.1 2 ➝

€URO 04|24 133 Geld & Genuss Tour de Suisse 3 5 4 6

134 €URO 04|24 Geld & Genuss Tour de Suisse

€URO 04|24 135 sagiere der Ausflugsboote, die hier schon morgens mit hoher Frequenz vor- beischippern. Irgendwann aber treibt mich der Appetit (ja, der kommt er- staunlicherweise immer wieder) hinun- ter auf die zum Frühstück gedeckte Terrasse, auf der Curt bereits Platz genommen hat. Und was „seen“ wir von dort? Na eben! Aufbruch, Stimmung. Wir verlassen dieses Idyll nur ungern und auch erst, nachdem wir ein paar Züge im wegen des guten Wetters bereits nach außen geöffneten Hallenbad und im knackig frischen See geschwommen sind. Und weil es jetzt warm genug ist, dass wir auch die nächste Etappe offen angehen können, ist das maue Gefühl des Ab- schieds schon nach den ersten paar Kilometern verflogen. Und was für eine Etappe das ist! Zufrieden steuert Curt seinen 911er die Hauptstrasse 8 oberhalb des bilder- buchschönen Ägerisees entlang. „Weißt du, dass wir gerade auf einer Wallfahrt sind?“, fragt er plötzlich, und setzt den Blinker nach rechts. Kurz darauf hält er auf dem Klosterplatz von Einsiedeln vor der mächtigen Fassade von Mariä Him- melfahrt, der größten Wallfahrtskirche der Schweiz. Anschließend geht es auf dem angenehm anachronistischen Wil- lerzeller Viadukt über den Sihlsee zur nicht nur bei Motorradfahrern beliebten Passstraße über die Sattelegg und hin- unter zum beinahe berauschenden Südufer des Walensees. Am Nachmittag erreichen wir das Grand Resort Bad Ragaz (DZ ab 504 Franken, resortragaz.ch). Es genießt ei- nen unschlagbaren Ruf, was Wellness und Medical Health anbelangt. Der Kom- fort im Quellenhof ist ebenfalls kaum zu überbieten. Und nichts spricht gegen einen entschlossenen Sprung in den quellenreinen Pool vor dem palastähnli- chen Prachtbau. Aber wir haben das Re- sort eigentlich nur wegen Sven Wassmer angesteuert, der mit seinen Restaurants Memories (Menü ab 279 Franken, memo- ries.ch) und Verve by Sven dem Guide Michelin zusammen drei Sterne wert ist. Ein kluges Resort nährt nicht allein Stoffwechsel und Zellen, sondern bietet auch food for thought. Als wir uns Offen für alles: Der Pool des Parkhotel Vitznau öffnet sich bei gutem Wetter zum Vier- waldstätter See, 2 die Einrichtung der Nobelherberge für verschiedene Designepochen. 1 Vorbei am Ägerisee führt die 3 Hauptstrasse 8 durch Schweizer Ideallandschaften. 1 2 3 ➝

€URO 04|24136 nach dem Frühstück noch ein wenig im Park im Zentrum des Kurorts ergehen, gerät unser Spaziergang unversehens zu einem Kunst-Parcours. Denn bei der Triennale Bad RagARTz (bis 30. Okto- ber, badragartz.ch) stellen internationa- le Bildhauer auf dem Areal aus. Unterwegs zu unserem letzten Ziel geraten wir in die Bündner Herrschaft. Die großartigen Weine, die sie hier schon seit bald 1000 Jahren anbauen, sind jenseits der Grenzen nahezu unbe- kannt. Kein Wunder, die Schweizer trin- ken sie lieber selbst. Oder sie servieren die heimischen Tropfen in ihren besten Hotels. Vielleicht beim großen Finale? Rheinaufwärts und schließlich ent- lang des Hinterrheins fahren wir auf wie mit der Hand gefegten Landstraßen dem winzigen Weiler Fürstenau entge- gen. Hier steht Schloss Schauenstein (DZ ab 370 Franken, schauenstein.ch), einst für ein (längst ausgestorbenes) Rittergeschlecht gebaut und seit 2003 Residenz von Andreas Caminada. Im Erdgeschoss hat der kulinarische König der Eidgenossen eines seiner zwei 1 2 3

€URO 04|24 137 Drei-Sterne-Restaurants eingerichtet, darüber zehn wunderbare Zimmer und Suiten mit dem gerade richtigen Anflug von Patina für die Zeit nach dem Mahl. Curt hat ein Lunch im Oz (Neun-Gän- ge-Menü 222 Franken, oz-restaurant. com) gebucht, ehemalige Remise des Schlosses und heute Reich von Simeon Nikolov. Der ist sozusagen ein Eigen- gewächs, gereift unter der schützenden Hand des großen Caminada. Schon in der Früh dreht er seine Runde im Garten und sucht aus, was gerade voller Saft und Kraft steckt, um daraus ein tages- frisches Menü zu komponieren (Oz ist rätoromanisch und heißt „heute“). Wir nehmen am Chef’s Table Platz, einem eigens aus Bergahorn gezimmerten, die Küche umfangenden Tresen, und stau- nen, wie Nikolov eine Aubergine zu einer Köstlichkeit in Safransud mit fermen- tiertem Knoblauch verhext. Schnell einigen wir uns zwischen den Gängen, dass wir solch eine Tour auch für das nächste Jahr einplanen sollten. Denn das ist klar: Kleine Ausfahrten be- fördern die Freundschaft. Pitstops 1 Die Wallfahrtskirche in Einsiedeln ist die größte der Schweiz. 2 Zur Triennale zieren Skulpturen den Kurpark in Bad Ragaz. 3 Die Terrasse des Grand Resort schaut auf die Maienfelder Alpen. 4 Unterwegs in der Bündner Herrschaft. 5 Teller im Oz auf 6 Schloss Schauenstein. Geld & Genuss Tour de Suisse 6 4 5

€URO 10|24138 Oman Vereinigte Arabische Emirate Katar Saudi- Arabien Dubai Maskat Bahrain Persischer Golf Golf von Oman 1001 Genuss Man muss nicht im Geld schwimmen. Aber eine gefüllte Urlaubskasse braucht schon, wer Dubais neues Schlaraffenland gleich unter diesem Pool genießen will VON MICHAEL HANNWACKER GELD & GENUSS Lässt sich ein besserer Start in den Tag wünschen als zwei getrüffelte Eier „over easy“ mit Toast, Truthahnschinken und grünem Spargel? Der Blick nach Süd- osten suggeriert noch die Wüste, die Dubai vor 40 Jahren gewesen ist. Flache Gebäude (eines davon ein Palast des Scheichs) verteilen sich auf staubigem Boden, unterbrochen von breiten Tras- sen, künstlicher Begrünung und Renn- bahnen, mutmaßlich für die Pferde des Fürsten. Nach Südwesten freilich schauen die bodentiefen Fenster auf das unaufhörliche Aufwärtsstreben des winzigen Emirats mit dem eindrucksvol- len Nadelstich des Burj Khalifa in den Himmel als bisherigem Höhepunkt. Wir sind zu Gast auf dem Club Level des One&Only One Za’abeel im 53. Stock des jüngsten und sicherlich nicht letzten architektonischen Wunders des Emirats: zwei strenge, rechts und links einer Autobahn errichtete, knapp über 300 Meter hohe Glastürme. Ein solcher Auftritt allein würde im von Wunder- bauten verwöhnten Dubai noch keine Schlagzeilen machen. Für die sorgt The Link, ein riesiger, vollverglaster Cantile- ver, mit über 260 Metern Länge (natür- lich) der längste Querbalken der Welt, der, 100 Meter über dem Boden schwe- bend, die beiden Türme verbindet. Auf seinem Dach breitet sich ein Muss-man- gesehen-haben-sonst-glaubt-man-es- nicht-Infinity-Pool aus, die Stockwerke GOLFREGION

€URO 10|24 139 ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER Spiegelung: Nur scheinbar wachsen Dubais Türme aus dem Wasser. Attraktiv ist ihre Reflexion im Pool des One Za’abeel allemal ➝ darunter bespielen zehn hochambitio- nierte Restaurants. „Im The Link haben internationale Michelin- und Spitzen- köche ein Refugium gastronomischer Meisterwerke geschaffen“, feiert Phi- lippe Zuber, CEO des Hospitality-Kon- zerns Kerzner, „das an Raffinesse und Vielseitigkeit nicht zu überbieten ist.“ Ground Zero dieser Entwicklung ist das One&Only Royal Mirage, ein bereits 1999 eröffneter palastartiger Komplex direkt am Strand. In den Küchen der An- lage wird schon seit 25 Jahren heraus- ragend gekocht. Kürzlich hat man sogar den argentinischen Superchef Mauro Colagreco ins Boot geholt, dessen Res- taurant im südfranzösischen Menton seit Jahren drei Sterne trägt. Es ist das (grandiose!) Abendmahl dort, bei dem wir beschließen, anderntags in das neue Schwesterhotel zu wechseln und ganz auf die Gourmetkarte zu setzen. Wo wir schon bald nach dem Check- in bei Dabiz Muñoz am Tresen sitzen, mehrfach zu The World’s best Chef ge- kürt und für viele derzeit Spaniens bes- ter Koch. Das StreetXO, ausländische Filiale seines gleichnamigen Restau- rants in Madrid, erinnert eher an asia- tische Straßenmärkte (und Fetisch- clubs?) als an Tapas-Bars in der Heimat des irokesenköpfigen Starkochs. Doch auch hier kommen seine Kunstwerke eher im kleinen Format. Etwa die mit Kimchi in Wagyu-Tatar gefüllten und mit in Sherry gepickeltem Ingwer und

€URO 10|24140 Jalapeños dekorierten Croquettes oder der „Sweet & Sour Hamachi Tiradito“, der in Aji Amarillo und Passionsfrucht mariniert und mit der japanischen Ge- würzmischung Nama Shichimi und Es- pelette-Pfefferöl aufgesext wurde. Es ist ein überwältigender Auftritt. Tags drauf sitzen wir bei Paco Mora- les bei Tisch. Seit Jahren ist er auf der Suche nach der ursprünglichen Küche von al-Andalus und fand sie in uralten arabischen Kochbüchern. Seither kom- biniert er längst vergessene Zutaten wie Taubenfleisch oder bittere Orangen mit Ingredienzien, die viel später aus Süd- amerika Einzug in die spanischen Kü- chen fanden. Das hat Morales oder viel- mehr seinem Restaurant Noor in seiner Heimatstadt Cordoba zwei Michelin- Sterne eingebracht. Pic-fein. Direkt nebenan hat die höchst- dekorierte Köchin der Welt, Anne-So- phie Pic aus Valence an der Rhône, nach Aufschlägen in Lausanne, London, Pa- ris und Singapur ihren bereits fünften internationalen Auftritt. Eine durchaus erstaunliche Entwicklung für eine Frau, die zunächst gar nicht an den Herd woll- te. Vor 90 Jahren bekam ihr Großvater André Pic drei Sterne für seine Küche in Valence, ihr Vater Jacques konnte die Auszeichnung bis 1995 halten. Nach seinem Tod ging Anne-Sophie bei sich selbst in die Lehre und konnte 2007 die drei Sterne für ihr Familienrestaurant wiedergewinnen. Seitdem hat sie ihr Imperium erweitert, nun eben auch in Dubai. Der Abend zieht sich wie eine Wagner-Oper über viele Stunden mit ähnlich viel Drama und die Sinne beglü- ckenden Effekten: sieben überraschen- 1 2 4 3

€URO 10|24 141 de Gänge mit zum Teil noch erstaunli- cheren pairings, immer auf höchstem Niveau und mit großer Leidenschaft (und Humor) von ihrem in Valence ge- schulten Team präsentiert. Das alles macht großen Spaß, aber kein gutes Gewissen. Und als hätten sie’s geahnt, haben die Hotelbetreiber im selben Gebäude ein bislang beispiel- loses Fitnessstudio mit Zimmern ver- wirklicht. Siro heißt es, und in der Lob- by auf der 30. Etage ist der Check-in fast eine Nebensache. Viel wichtiger ist die Frage, welche Treatments und Work- outs während des Aufenthalts in Angriff genommen werden wollen. An der Bar neben der Rezeption werden heilsame Smoothies und Proteindrinks gemixt. Linker Hand warten eine Lieferung brandneuer Hometrainer auf den ersten Einsatz und gegenüber, in einer State- of-the-Art-Muckibude, hochmotivierte Trainer auf ebenso ehrgeizige Gäste. Die wissen schon jetzt: Die Kalorien, die uns all diese großartigen Köchinnen und Köche in den letzten Tagen zugeführt haben, werden in den nächsten zumin- dest teilweise verbrannt werden. Dubai Geld & Genuss Golfregion ➸ One&Only Royal Mirage Das Pionier-Hotel mit Privatstrand hält sein Niveau seit 25 Jahren. Ab 363 Euro, oneandonlyresorts.com/de/ royal-mirage ➸ One&Only One Za’abeel Famoses Vertikalresort mit Traum- pool und Top-Food-Konzept. Ab 439 Euro, oneandonlyresorts.com/ one-zaabeel ➸ Siro Beispielloses Fitness-Hotel mit holistischem Wellbeing-Ansatz. Ab 333 Euro, sirohotels.com/dubai/ one-zaabeel HOTELS Hohes Niveau: 1 Dubais jüngster Wunderbau, One Za’abeel, und die 2 Lobby auf der 25. Etage. 3 Paco Morales’ Mandarin Gelée mit Escabeche und Seebarsch. 4 Eingelegte Pilze auf dem Club Level des One&Only-Hotels. 5 Jakobsmuschel mit Jalapeño-Gazpacho und 6 Beef Tenderloin Brasa in Dabiz Muñoz’ StreetXO. 7 Gambas mit Ausblick. 8 Dibba-Bay-Auster des Drei-Sterne-Kochs Mauro Colagreco im Celebrities im One&Only Royal Mirage. 9 Ein Flügel des Resorts vor der Skyline. 5 6 8 97

€URO 10|24142 Immer mit Aussicht Mancher Besucher von Oman mag sich versetzt fühlen in eine Kulisse wie aus 1001 Nacht. Vor ihr spielt eine 5000-jährige Geschichte. Und eine lebendige Kultur Goldener Sand und grüne Oa- sen, imposante unterirdische Höhlen und bis zu 3000 Me- ter hohe Gipfel, kilometerlan- ge Sandstrände und Küsten mit schrof- fen Klippen – das Sultanat Oman im Südosten der Arabischen Halbinsel geizt nicht mit Kontrasten. Die Frage ist nur, wo das Abenteuer beginnen soll. Wir entscheiden uns für das Had- schar-Gebirge. Steile, nur mit Allradan- trieb zu bewältigende kurvenreiche Pis- ten führen hinauf in die majestätischen Landschaften eines Hochgebirges, das in den zwei bekanntesten Bergen des Sultanats gipfelt: Jebel Akhdar mit ma- lerischen Terrassengärten und Jebel Shams, der mit seinen 3075 Metern als höchster Punkt des Landes gilt. Wir ent- decken Wege entlang eindrucksvoller Schluchten wie dem Wadi Nakhar, dem „Grand Canyon von Oman“. Und das kleine Bergdorf Wakan auf etwa 2000 Meter Höhe, dessen exponierte Lage herrliche Aussichten über die einzigar- tige Gebirgslandschaft erlaubt. Klar, dass hier auch Kletterer auf ih- re Kosten kommen. Von besonderem Reiz ist die 1000 Meter hohe Südwand des 2090 Meter hohen Jebel Mischt im westlichen Hadschar-Gebirge, eine der höchsten Felswände der Arabischen Halbinsel. Schwindelerregend schöne

€URO 10|24 143 BILD: MINISTRY OF HERITAGE & TOURISM SULTANATE OF OMAN Schwindelerregend: Der Jebel Shams im pittoresk zerklüfteten Hadschar-Gebirge erhebt sich auf über 3000 Meter. Das lässt weit blicken ➝ Klettersteige versprechen die Canyons hoch auf dem Jebel Akhdar. Noch auf- regender: Höhlentraining in der 7th Hole Cave rund zwei Stunden östlich der Hauptstadt Maskat, eine von zahllosen Hohlräumen im Hadschar-Gebirge. In die Madschlis al-Dschinn, zweitgrößte Höhlenkammer der Welt – acht Flug- zeuge würden darin Platz finden –, dür- fen sich allerdings nur die glücklichsten Ex tremsportler abseilen. Wo Berge sind, sind auch Schluch- ten. Im Oman werden sie oft von bizar- ren Felsformationen, Naturpools und Wasserfällen begleitet. Im palmenge- säumten Wadi Bani Awf umschließen hohe Gebirgswände die holprige Piste, und kleine Bergdörfer wechseln sich mit spektakulären Ausblicken ab. Im Snake Canyon des Wadi Bimah lassen Kletter- elemente, Abseilpartien und Sprünge ins Wasser den Adrenalinpegel steigen. Noch mehr Wasser verspricht das Sultanat Oman entlang seiner 3000 (!) Kilometer langen Küste. Im Norden na- he der Hauptstadt locken Strände mit bunten Kieselsteinen zu Badevergnü- gen; Schnorchler können ein paar Kilo- meter entfernt rund um die Dayma- niyat-Inseln mit Walhaien schwimmen. An den naturbelassenen Sandstränden von Ras al-Dschinz an der Ostspitze des Landes dürfen wir Babyschildkrö- Oman Geld & Genuss Golfregion

Aktiv? Urlaub! 1 Auf einem schwindel- erregend schönen Klettersteig in den Can- yons des Jebel Akhdar ist Trittsicherheit gefragt. 2 Rund um die Daymaniyat-Inseln nordwestlich der Hauptstadt treffen Schnorchler mit etwas Glück auf Walhaie. 3 Im Wadi Bani Khalid, dem größten Fluss- system des Oman, laden natürliche Süß- wasserpools zum Schwimmen und Baden ein 4 und die strahlend schöne Corniche von Muttrah zum Flanieren. €URO 10|24144 BILD: ANANTARA HOTELS, RESORTS & SPA, MOLAMOLA DIVING CENTER ten beim Schlüpfen beobachten. In der Region Dhofar im Süden Omans erwar- tet uns sogar ein kleines Spektakel, als sich nahe der Küste von Salala große Sardinenschwärme einfinden und das Jagdfieber großer Delfinschulen anfa- chen. Die Exklave Musandam beein- druckt mit fjordähnlichen Buchten, spiegelglattem Wasser und einer bun- ten Unterwasserwelt, die sich auch vom Boot aus oder im Tauchanzug beobach- ten lässt. Und Masira, Omans größte In- sel, hat sich dank starker konstanter Monsunwinde in den Sommermonaten zum Kite-Hotspot entwickelt. Wellenreiten der etwas anderen Art erleben wir beim „Dune Bashing“, einer rasanten Fahrt mit dem Geländewagen in der Wüste Sharqiyah Sands, circa drei Autostunden von der Hauptstadt Mas- kat entfernt. Auch beim Kamelritt zum Sonnenaufgang schaukelt es ange- nehm. Zum Ausklang des Tages folgt auf den Sundowner auf der Düne ein La- gerfeuer unter der Milchstraße. Noch gewaltiger sind die Dünen in der entle- genen Rub al-Chali im Südwesten von Oman. Bis zu 300 Meter hoch erstre- cken sie sich wie gigantische Kunstwer- ke der Natur über Hunderte Kilometer bis nach Saudi-Arabien. Bei einer mehr- tägigen Wanderung mit Übernachtung in Zelten lernen wir nicht nur die Schön- heit und die Unwegsamkeiten der Wüs- te kennen, sondern auch den Alltag der dort lebenden Beduinen. Die Omanis begegnen uns durchweg mit besonderer Herzlichkeit. Dies, war- mes, sonniges Wetter und eine geringe 1 2 3 4

Wüste, Abenteuer: 5 Glamping mit orientalischem Flair und dem Komfort von Hotelzimmern ist ebenso unvergesslich wie 6 „Dune Bashing“ mit dem Geländewagen in der Wüste Sharqiyah Sands. €URO 10|24 145 BILD: CANVASCLUBTENTS, MINISTRY OF HERITAGE & TOURISM, SULTANATE OF OMAN (5) Besiedlungsdichte schaffen in einem der sichersten Länder der Welt beste Voraussetzungen für Campingerlebnis- se. Vor Regen, Kälte oder gar gefähr- lichen Tieren brauchen wir uns auch nicht zu fürchten – stattdessen ver- treibt eine frische Brise die Hitze des Tages, während sich imposante Land- schaften im Abendlicht oder zum Son- nenaufgang von ihrer schönsten Seite zeigen. Ob inmitten von Fjordlandschaf- ten oder einsamen Sandwüsten, auf einem Felsvorsprung im Hochgebirge oder zwischen türkisblauen Naturpools in einem Wadi – im gemieteten Gelän- dewagen mit normalem Zelt oder Dach- zelt oder gar im Wohnmobil dürften wir im gesamten Land kostenlos fast über- all campen. Nur Natur also? Nein. Einst auf den kleinen historischen Kern der Altstadt beschränkt, erstreckt sich Maskat, die Hauptstadt von Oman, heute über 65 Kilometer entlang der Küste. In der Altstadt liegen, von dicken Mauern um- geben, Museen und die beiden Festun- Oman Geld & Genuss Golfregion ➸ Anreise Die nationale Fluggesellschaft Oman Air (omanair.com) bietet fünfmal wöchentlich ab Frankfurt und je viermal wöchentlich ab Mün- chen und Zürich Direktflüge in die Hauptstadt Maskat an. Weitere Air- lines ergänzen das Flugangebot. ➸ Lieber Luxus als Camping? Für die Unterkunft können Besu- cher zwischen Premiummarken wie Shangri-La, Kempinski, Anantara, St. Regis, Six Senses, The Chedi oder Alila wählen. Besonders au- thentisch wohnen Gäste in Unter- künften von lokalen Hotelbetrei- bern wie Sama Resorts oder indi- viduell geführten Gästehäusern. Weitere Informationen zur Desti- nation Oman unter experienceoman.om INFO 5 6 gen Mirani und Al Jalali sowie der Al- Alam-Palast des Sultans. In der benach- barten Bucht bilden der Hafen von Muttrah und seine drei Kilometer lange Küstenstraße die perfekte Kulisse für Prachtvillen aus dem 18. Jahrhundert. Als Spiegelbild von Vergangenheit und Gegenwart ragt die Hauptstadt Maskat durch ihre traditionelle Architektur, Strände und besondere Lage zwischen Meer und den Bergen heraus. Und be- geistert zu Beginn oder zum Schluss einer einzigartigen Reise.

BILD: KATIE FARR PHOTOGRAPHY (2) ➝ GLAMPING Manche Zwitter sind zu Höherem geboren. Der Misch- ling aus Glamour und Camping ganz sicher. Oder möchten Sie nicht auch Ihren nächsten Urlaub in einem dieser Zelte planen? Aber bitte jetzt gleich. Sonst sind sie ausgebucht VON MICHAEL HANNWACKER GELD & GENUSS Uff. Das ist ein heftiges Preisschild (s. u.). Und was bekommt man dafür geboten? Auf den ersten Blick nur ein Basecamp fast jenseits der Zivilisationsgrenze (und des Polarkreises) im zerklüfteten hohen Norden Norwegens, allerdings an einem stahlblauen Fjord zur Barentssee. Auf den zweiten Blick ist Isbreen eine exklusive, einzigartige Unterkunft: fünf von geodätischen Kuppeln überwölbte, 40 Quadratmeter große Wow-Zimmer mit stylishen Scandi-Möbeln in eisigen Blau- und Grautönen, Holzöfen, Teleskop und unverstellter Sicht auf die dunklen Finnmark- Alpen und einen Gletscher, der direkt ins Meer kalbt. Im Winter locken Polarlichter, Ausfahrten mit dem Hunde- schlitten und (geführte!) Skitouren in absoluter Einsam- keit. Und jeden Abend ein Festessen mit Rentieren, Fisch und Beeren aus der Region. Das ist dann, zumindest für den, der es sich leisten kann, schon sein Geld wert. ➸ Isbreen the Glacier, Norwegen Drei Nächte ab 4200 Euro isbreentheglacier.com/en GANZ IN WEISS

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€URO 12|24132 BILD: XXXXXXXXXXXXXX Campen in der Wüste – das würde man sich ja allein kaum trauen. Schon gar nicht im Erg Chebbi, einer hinreißen- den Dünenlandschaft neun recht rumpelige Autostunden östlich von Marrakesch nahe der Grenze zu Algerien. Aber in glamourösen, tra- ditionell aus Kamelleder genähten Berberzelten werden die ein, zwei Nächte zu unvergesslichen Erlebnis- sen. Warum? Weil sich das Orange des Sands in der Abendsonne ins Gedächtnis brennt. Weil das Abend- mahl bei Lagerfeuer unter sternklarem Nachthimmel ebenso zu den Einmal- im-Leben-Erlebnissen gehört wie der morgendliche Ritt auf dem Rücken von Kamelen über die bis zu 150 Meter hohen Dünen. Und weil der Sahara- sand auch noch lange nach der Heimkehr aus den Falten der Reise- garderobe rieseln wird … ➸ Merzouga Luxury Desert Camp, Marokko Zwei Nächte ab 632 Euro merzougaluxurydesertcamps.com SANDBURG So mitten in der Pampa sind wir hier eigentlich nicht. Sondern am Westrand der Trabener Seite des an beiden Ufern gelegenen Moselstädtchens Traben-Trarbach. Aber ein idyllischer Garten umgibt uns. Und, ganz wichtig: Das erstaunlich geräumige Safarizelt ist ein Solitär, keine neugierigen Nachbarn schauen uns auf unserer holzgedeckten Terrasse ins Glas, das vielleicht ein frischer Riesling vom 400-jährigen Weingut Richard Böcking auf der anderen Seite füllt. Und statt schnarchender Nachbarn bezaubern uns im Sommer manchmal ein paar Glühwürmchen. Wenn wir dann aufwachen in unserem urgemütlichen Omabett mit Blick auf die Mosel und die Altstadt von Trarbach, meinen wir immer noch zu träumen. Fazit: Einen ganzen Urlaub würden wir hier wahrscheinlich nicht verbringen. Aber ein verliebtes, gern auch verlängertes Wochenende schon. ➸ Mosel Glamping, Traben-Trarbach Eine Nacht ab 115 Euro moselglamping.com EIN BETT AM WEINBERG

€URO 12|24 133 BILD:MERZOUGA LUXURY DESERT CAMP, MOSELGLAMPING TRABEN TRARBACH, GARDEN VILLAGE BLED(2) Geld & Genuss Glamping Im Garden Village unweit des Südufers des malerischen Bleder Sees (und damit auch nahe der Villa des jugoslawischen Präsidenten Tito) haben Familien mit kleinen Kindern vielleicht am meisten Spaß. Durch das Öko-Resort rauscht sanft gurgelnd ein Bach, an dessen Ufern sich etliche blitzsaubere Glamping-Unterkünfte verteilen, darunter, fast schon etwas abenteuer- lich, ein märchenhaftes Baumzelt. Das roman- tische Öko-Resort glänzt zudem mit einem Restaurant an einem von Naturwasser gespeisten Pool mit einer slowenisch geprägten Küche, die sich weitestmöglich aus dem eigenen Bio- Garten bedient und dazu heimische Weine kredenzt. Und wo entwickelt man den entspre- chenden Appetit? Beim Wandern im nahen Nationalpark Triglav, Canyoning in den wilden Flüssen der Umgebung oder beim Baden in dem herrlich warmen See. ➸ Garden Village, Bled, Slowenien Eine Nacht ab 169 Euro gardenvillagebled.com/de AM WASSER GEBAUT

€URO 12|24134 BILD: IGLU-DORF GMBH Glampen im Schnee? Und das auf Augenhöhe mit dem Matterhorn? Klar, geht auch, man muss sich nur ganz warm anziehen. Schließlich liegt man auf Thermomatten und in einen Expediti- onsschlafsack gehüllt im mit viel Schneekunst ausgestatteten Iglu-Dorf in Zermatt direkt auf einem Eisblock, und zwar 2727 Meter über dem Meeresspiegel. Das ist Ihnen zu hoch? Iglu-Dörfer sind auch auf 2600 Höhenmetern in Davos Klosters unterm Weissfluhjoch direkt an der Skipiste aufgebaut, auf etwa 2000 Höhen- metern und inklusive Wellnessbereich mit Sauna und Whirlpool im Schweizer Nobelort Gstaad, ebenso hoch und mit eigener Bar und Sauna in Kühtai bei Innsbruck und auch auf Deutschlands höchstem Berg, der Zug- spitze. Aber das alles natürlich nur bis zur Schneeschmelze. ➸ Iglu-Dorf, Zermatt Eine Nacht ab 538 Franken inkl. Halbpension iglu-dorf.com/de/standort/zermatt AUF EIS GELEGT

€URO 12|24 135 BILD: THE GLENDORIA, GLOTTENHAM FARM Geld & Genuss Glamping Die Betreiber sind offenbar gut herumge- kommen in der Welt, davon zeugt die Dekoration – vom nächsten Flohmarkt bis aus China – in den grandiosen, von wohl- habenden Reisenden der Vergangenheit inspirierten fünf Zelten rund um ihren Bauernhof und in der Scheune. Dabei sind wir hier recht entlegen, von Danzig immer- hin 150 Kilometer auf von Storchennestern begleiteten Landstraßen. Der Agrotouris- musbetrieb liegt verwunschen am Wald- rand mitten in der malerischen Masurischen Seenplatte. Der nächste (Bade-)Teich gehört quasi mit zum Grundstück, komplett mit einem Floß, auf dem – wenn die Wit- terung nichts dagegen hat – Spa-Treatments angeboten werden. Und haben wir schon erwähnt, dass in besagter Scheune die erin- nerungswürdigen Diners mit polnisch- mediterraner Küche gleichsam zelebriert werden? ➸ Camp Glendoria, Masuren, Polen Zwei Nächte ab 163 Euro glendoria.pl/en/Tents.html POLNISCHE SCHÖNHEIT Südenglische Ideallandschaft, wellige Wiesen, struppige Bäume – wenn wir ein Zelt besäßen, würden wir es hier aufschlagen. Allerdings steht schon eines da, viel schöner und geräumiger, als wir es uns je leisten könnten. Auf dem Gelände eines untergegangenen Kastells in der Grafschaft East Sussex zwischen Tunbridge Wells und dem Ärmelkanal ist dieses Zelt die char- manteste von sieben eigenwilligen Unterkünften, komplett mit voll eingerichteter Küche, Gasofen, heißer Safaridusche und batteriebetriebe- nen Laternen. Neulich trug sich eine Besucherin so ins Gästebuch ein: „Das Ecopod war warm, gemütlich und wunderschön mit Möbeln aus den 1970er-Jahren eingerichtet. Es war wirklich abgelegen, also perfekt für eine entspannte romantische Pause auf dem Land. Wir wollten gar nicht mehr weg.“ Das können wir nur unterschreiben. ➸ De Etchyngham at Glottenham Castle, East Sussex Eine Nacht ab 102 Pfund glottenham.com/de-etchyngham FESTZELT

€URO 12|24136 Maharadschas hatten es auch nicht komfortabler. Zwölf elegant mit nostalgischem Safari-Mobiliar ausgestattete Nobelzelte haben nur 15 Jeep-Minuten von den Toren zum Nationalpark Ranthambore festgemacht, viele Jahre bevorzugtes Jagdrevier auch der britischen Raj. Heute ist das Reservat, überragt von den Ruinen einer mäch- tigen Festung aus dem 10. Jahrhundert, die Teil des UNESCO-Welt- kulturerbes sind, einer der besten Orte in Indien, um auf den täg- lichen Ausfahrten – mit etwas Glück – dem Bengaltiger zu begegnen. Karge Feldküche muss man dennoch nicht befürchten. Das Suján Sher Bagh ist Mitglied der gourmetbesessenen Vereinigung Relais & Châteaux. Und falls Sie sich in dieses Luxus-Camp verlieben: Die Gründerfamilie Singh unterhält in Indiens Märchenland Rajasthan noch zwei weitere wundervolle Zeltlager. ➸ Suján Sher Bagh, Ranthambore, Rajasthan Eine Nacht ab 1467 Euro relaischateaux.com/de/hotel/sujan-sher-bagh/ INDIAN SUMMER

€URO 12|24 137 BILD: BUFFALO MEDIA, TOURISM AND EVENTS QUEENSLAND, HAJRA AHMAD/RELAIS & CHATEAUX SUJÀN Geld & Genuss Glamping Spätestens seit den fünf Staffeln des Streaming-Hits „Yellowstone“ schwärmt alle Welt von den epischen Landschaften Monta- nas. Da die Ranches, wie wir seit der Serie wissen, umkämpft und nur für Tech-Milliar- däre zu bezahlen sind, würden wir es auch gut in Zelten unter freiem Himmel aushalten, genau so, wie es John Dutton alias Kevin Costner und seine Mannen gemacht haben, wenn ihre Pferde auf den Sommerweiden waren. Zur selben Zeit, von Anfang Mai bis Ende September, verteilt der Betreiber Under Canvas geräumige Zelte im idyllischen Paradise Valley, 45 SUV-Minuten südöstlich von Bozeman, komplett mit Kingsize-Betten, plüschiger Bettwäsche, Badezimmer, fließend warmem Wasser, Holzofen und privaten Terrassen. Und was treiben wir da? Fliegenfischen natürlich und ausführlich am Lagerfeuer herumlungern. ➸ Under Canvas, North Yellowstone, Montana, eine Nacht ab 329 Dollar undercanvas.com/camps/north-yellowstone Wie wäre dies vor dem Frühstück? Sie schälen sich aus dem Kingsize-Bett Ihres Zelts, eines von nur neun auf diesem Eiland, schreiten über puderfeinen Sand die paar Meter hinunter zur Wasserlinie, legen Taucherbrille und Schnorchel an, tauchen ein ins badewannenwarme Meer und sind auf einmal mitten im Leben des größten Korallenriffs der Erde. Wilson Island, kaum mehr als zwei Hektar groß, 80 Kilometer vor der Ostküste Australiens und etwas nördlich des Wendekreises des Steinbocks, ist eine der wenigen bewachsenen Inseln auf dem Barrier Reef. Und Sie sind, mit maximal 17 anderen Gästen, die den Rest des Tages weiter schnorcheln, winzigen Schildkröten beim Schlüpfen zusehen, Sundowner genießen, sich vom Küchenchef verwöhnen lassen und sich dann wieder in ihre vom Wildwuchs versteckten Zelte zurückziehen, ganz allein in diesem Paradies. ➸ Wilson Island, Queensland, Australien Eine Nacht ab 1593 Euro wilsonisland.com PARADISE ISLAND WIE BEI KEVIN ZU HAUS

€URO 07|23130 ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER FÜR !URO Milano segreta Scala, Leonardos Abendmahl und Galleria Vittorio Emanuele kennen Sie schon? Aber diese schönen Geheimnisse der Metropole Norditaliens vielleicht noch nicht VON M. HANNWACKER LUOGHI ➸ 1 Terrazza del Duomo Haben Sie gewusst, dass Sie dem Mailänder Dom aufs Dach steigen können? Eben. Beein- druckend ist da oben nicht allein die schwindelerregende Detail- freude des (früher ja den Blicken der Gläubigen enthobenen) Bauschmucks. Sondern auch die Vogelsicht auf einen der schönsten Plätze Italiens Was sollen wir sagen? Ein erhabe- nes Gefühl. Piazza del Duomo, ticket.duomo milano.it, ab 15 Euro, Do–Di 9–19 ➸ 2 Pinacoteca Ambrosiana Selbst wenn Sie nur ein Stünd- chen hätten, sollten Sie dieses selten besuchte Museum auf- suchen und sei es „nur“ für Raf- faels lebensgroße Vorzeichnung seiner „Schule von Athen“ im Vatikan. Mehr Zeit belohnen Leonardo, Michelangelo oder Caravaggio mit Meisterwerken. P.a Pio XI, 2, +39/02/80 69 21, ambrosiana.it, 15 Euro, Do–Di 10–18 ➸ 3 Museo Luigi Rovati Das von einem reichen Pharma- Unternehmer gestiftete und erst im vergangenen Jahr eröff- nete Schatzhaus zeigt im Piano nobile Kunst des 20. Jahrhun- derts. Und in dem von einem an- tiken Hypogäum inspirierten Keller eine einzigartige Samm- lung etruskischer Skulpturen und Keramiken. Corso Venezia, 52, +39/02/38 27 30 01, museo.fondazioneluigirovati.org, 16 Euro, Mi–So 10–20 ➝

Mailands Moment: Den glücklichen Augenblick auf dem Dach des Doms wollen die meisten Besucher unbedingt fest- halten Geld & Genuss Summer In The City Mailand

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€URO 07|23 133 ➸ 4 ADI Design Museum Seit fast 70 Jahren verteilt die Associa- zione per il Disegno Industriale den Compasso d’Oro, den Goldenen Zirkel für herausragendes Industriedesign. Hier, in einer riesigen Halle eines ehe- maligen Werksviertels, treten die Preis- träger chronologisch auf und besche- ren damit ein Wiedersehen mit den ästhetisch befriedigendsten und funk- tional durchdachtesten Produkten Ita- liens der vergangenen 70 Jahre. Piazza Compasso d’Oro, 1, adidesignmuseum. org, 16 Euro, tägl. 10.30–20 ➸ 5 Villa Necchi Campiglio Eine mondäne Landvilla mitten in Mai- land – das war Anfang der 30er-Jahre der Auftrag der Highsociety-Familie Necchi Campiglio an den lombardi- schen Stararchitekten Piero Porta- luppi. Das Ergebnis ist bis heute eine seltene Oase mit einem verwunsche- nen Garten, Mailands erstem beheiz- tem Pool, einem höchst charmanten Café und einer beneidenswert ausge- statteten, bis ins kleinste Detail durch- gestalteten Architektur-Ikone. Via Mozart, 14, +39/02/76 34 01 21, fondoambiente.it/luoghi/villa-necchi- campiglio, 15 Euro, Mi–So 10–18 ➸ 6 Fondazione Prada Etwas entrückt, südlich des stillgeleg- ten Güterbahnhofs, hat sich Mode- zarin Miuccia Prada vom Rotterdamer Großbaumeister Rem Koolhaas eine alte Gin-Fabrik zum weitläufigen Kunst- komplex ausbauen lassen. Bespielt wird er mit hinreißenden Installationen aus dem Stiftungsbesitz und hoch- karätigen Ausstellungen. Largo Isarco 2, +39/02/56 66 26 11, fondazioneprada.org, 15 Euro, Mi–Mo 10–19 NEGOZI ➸ 7 Time & Style Ein Ausflug nach Japan? Das ist die Heimat eines Herstellers, der hand- werklich blitzsaubere Möbeleditionen unter anderem von Stararchitekten wie Peter Zumthor oder Kengo Kuma auf- legt. In Europa noch unter dem Radar, macht Time & Style mit seinem Auftritt im schönen Breraviertel eine unüber- sehbare Ansage in der italienischen Designhauptstadt. Largo Claudio Treves, 2, +39/02/49 65 85 60, timeandstyle.com, Mo–Sa 10–19 ➸ 8 Nilufar Vielleicht ist es ihr in Persien wurzeln- der Stammbaum, dem Nina Yashar ihr einzigartiges Gespür für die kunterbun- te Kombination rarer Nachkriegsent- würfe mit wertvollen Orientteppichen und zeitgenössischen Talenten ver- dankt. „Entdecken, miteinander kreu- zen, kreieren“ lautet das Credo der hochbegabten Kunsthändlerin. Mit ih- ren dreistöckigen Ausstellungsräumen seit fast drei Jahrzehnten mitten im Mailänder Modeviertel etabliert, prä- sentiert sie ihre Entdeckungen vorbild- lich restauriert wie Preziosen. Und lässt sie durch die Konfrontation mit- einander aufblühen. Na klar: „Nilufar“ bedeutet „Blüte“ auf Farsi. Via della Spiga, 32, +39/02/78 01 93, nilufar.com, Mo 15–19, Di–Sa 10–19 ➸ 9 Marchesi 1824 Die Edel-Pasticceria, die seit 2014 zur Prada Group gehört, präsentiert sich in ihrer Filiale im Quadrilatero della Moda zwischen Nachbarn wie Burberry, Tod’s oder Missoni selbst wie eine Mo- de-Boutique. Statt Schuhen, Tops oder Jacken lockt sie mit phänomenalen profiteroles, unwiderstehlicher torta aurora oder göttlichen gianduiotti. Und wenn’s in Mailand gar zu warm wird, verführt sie auch mit hausgemachtem gelato. Via Monte Napoleone, 9, +39/02/76 00 82 38, pasticceriamarchesi.com, Mo–So 7.30–20 ➸ 10 So-Le Studio Maria Sole Ferragamo, Enkelin des be- rühmten Schuhmachers der Reichen und Schönen, zaubert filigrane, Juwe- len-schöne Schmuckstücke aus edlen Mailand Geld & Genuss Summer In The City Lederresten der Luxusindustrie. Und seit jüngster Zeit auch preziose Hand- taschen. In ihrer vom Architekturbüro Fondamenta ersonnenen, winkellosen Ladengalerie werden sie ausgestellt wie kleine Kunstwerke. Via Sant’Andrea, 10, +39/372/140 97 81, so-le-studio.com, Mo–So 11–19 ➸ 11 La Double J Als Jennifer Jane Martin vor 21 Jahren aus Los Angeles (selbst nicht gerade eine graue Stadt) nach Italien kam, überwältigte sie die hiesige Farben- pracht. Eine Begeisterung, die sie 2015 auf ihre erste Kollektion übertrug: leicht zu tragende, wallende Gewänder mit kunterbunten Seventies-Prints. Inzwischen gibt es auch Accessoires, Taschen, Tapeten und Geschirr – und diesen Flagship-Store, dessen Farbenpracht überwältigt. Via Sant’Andrea, 10A, +39/02/50 03 00 19, ladoublej.com, Mo–So 10–19 RISTORANTI ➸ 12 Il Salumaio di Montenapoleone Risotto alla milanese und Tagliata mit Steinpilzen im prächtigen, gut durch- lüfteten Innenhof eines norditalieni- schen Renaissance-Palasts – stim- mungsvoller ist gehobene lombardi- sche Küche im Stadtzentrum kaum zu haben. Die Tatsache, dass zwei Juris- tenbrüder diesen herrlichen Palazzo erst Ende des 19. Jahrhunderts errich- ten ließen, sollte Ihnen und Ihren Gäs- ten kaum den Appetit verderben. Falls Sie es Ihnen überhaupt verraten. Via Santo Spirito, 10, +39/02/76 00 11 23, ilsalumaiodimontenapoleone.it, Mo–Sa 10–22.30 ➸ 13 Mediterranea Alda Attinà, eine angesehene Ernäh- rungsexpertin aus Latium, berät auch die brandneue Zweiteröffnung des Mediterranea im schicken, leicht alter- nativ angehauchten In-Viertel 5vie. Aus ihren „Real healthy food“- ➝

€URO 07|23134 Konzepten in den Richtungen Keto friendly, vegan, sportiv und low carb probierten wir eine appetitliche Vel- lutata vom grünen Spargel mit Tupfern von Rotkohl-Creme und marinierten Eigelbflocken in einem Ambiente aus olivgrün lackierten Sitzmöbeln auf grandiosen Terrazzo-Böden vor Morris- Tapeten und toskanaroten Wänden. Via Santa Marta, 6, +39/02/67 17 72 07, mediterraneabistrot.it, 8.30–22.30 ➸ 14 Mandarin Garden Nochmals eine Empfehlung für einen Innenhof, diesmal noch ruhiger und dank üppiger Bepflanzung und schüt- zender Schirme womöglich noch Sel- fie-tauglicher. Zwei-Sterne-Koch Anto- nio Guida lässt hier subtil verfeinerte Klassiker der cucina italiana auftischen. Das Frühstück und die Cocktails des sich abends in eine Lounge verwan- delnden „Gartens“ können sich aber auch sehen lassen. Via Andegari, 9, +39/02/87 31 88 98, mandarinoriental.com/de/milan/la-scala/ dine/mandarin-garden, Mo–So 7–1 ➸ 15 Beefbar Riccardo Giraudi, zweite Generation eines Rindfleisch-Importeurs aus Mo- naco, begreift Essen als Mode, die Erlebnisse mit Lifestyle verbindet. Ent- sprechend chic ist die jüngste Nieder- lassung seiner Gruppe unter einem Klostergewölbe mitten im Modeviertel. Die Fleischstücke haben Idealmaße. Die Gäste nach Wagyu-Bolognese oder „Carbonara di Kobe Beef“ nicht mehr unbedingt. Corso Venezia, 11, +39/02/50 03 75 00, beefbar.com/milano/, 12.30–15, 19.30–23 ➸ 16 Horto Nur wenige Schritte von der Galleria Vittorio Emanuele, ja sogar mit einem exklusiven Blick auf ihre Westostpas- sage, thront das edel-schlichte und von einem seltenen Dachgarten (= horto!) umgebene Restaurant auf einem auf- wendig renovierten Bürohaus. Die Lage passt zum Niveau der Küche von Alber- to Toé und seinem Chef de Rang, Da- vide Fresa: nah den Sternen. Das garan- tiert auch der Südtiroler Drei-Sterne- Koch Norbert Niederkofler, der das am- bitionierte Konzept – extreme Nach- haltigkeit und regionale Herkunft der verwendeten Produkte – überwacht. Via San Protaso, 10, +39/02/36 51 74 96, hortorestaurant.com, 12.30–14.30, 19–21.45 BARS ➸ 17 Bar Luce Kultregisseur Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“) hat die wundervoll skurrile Bar der Fondazione Prada (sie- he Seite 133) mit Formica-Möbeln, Flip- perautomaten und an die Innenfassa- den der Galleria Vittorio Emanuele er- innernden Tapeten wie eine 50er-Jah- re-Kulisse angerichtet. Es gibt mit Bresaola, Foie gras oder Thunfisch be- legte Sandwiches, großartigen Espres- so und klassische Cocktails. Filmreif! Largo Isarco, 2, +39/02/56 81 48 58, fondazioneprada.org/barluce-en/?lang=en, Mi–Mo 8.30–20 ➸ 18 Bar Basso Schon seit 1947 im Geschäft, nutzt die legendäre Bar ihre Tortenstücklage zwischen der Via Enrico Nöe und der Via Plinio für eine quicklebendige, um- laufende Freiluftterrasse. Der vorherr- schende Farbton: das elektrische Rot des Negroni Sbagliato. Kein Wunder: Mailands klassischer Sommerdrink wurde hier erfunden. Via Plinio, 39, +39/02/29 40 05 80, barbasso.com, Mi–Mo 10–1.15 ➸ 19 Ceresio 7 Weniger an stille Genusstrinker als an Anhänger des instagramablen Sehen und Gesehenwerden wendet sich diese spektakuläre Dachpoolbar zwischen Mailands Chinatown und dem Cimitero Monumentale. Das heißt nicht, dass hier nicht ambitioniert gemixt würde. Zu einem Glas mit monumentalem, kristallklarem Eiswürfel wird vor der Kulisse der in die Dämmerung ragen- den Glastürme des Finanzzentrums ein Kristallflakon serviert. Sein Inhalt: Ein mit dem Rauch verbrannten Holzes aromatisierter Cocktail aus Michter’s Straight Rye und rotem spanischem Vermouth namens „Smoking“. Via Ceresio, 7, +39/02/31 03 92 21, ceresio7.com, 12.30–15.30, 18.30–1 ALBERGHI ➸ 20 Portrait Milano Mailands derzeit begehrenswertestes Hotel (und es gibt wahrlich nicht wenig Konkurrenz) hat vor wenigen Monaten ein ehemaliges, aufwendig renoviertes Priesterseminar bezogen. Jahrzehnte- lang hinter den noblen Fassaden und atemberaubenden Schaufensterfron- ten des Quadrilatero della Moda ver- steckt, überwältigt die Pracht des mo- numentalen Innenhofs selbst die Ein- wohner. Die von der Pracht des 73 Zim- mer und Suiten nichts ahnen. Corso Venezia, 11, +39/02/367 99 58 00, www.lungarnocollection.com/de/portrait- milano-hotel/ ➸ Mandarin Oriental, Milan In einer stillen Seitengasse nur Schritte von der Scala atmet die sich über vier alte Stadthäuser erstreckende Nieder- lassung der asiatischen Luxushotel- marke die Atmosphäre einer Mailänder Residenz zu Anfang des 20. Jahrhun- derts. Der Concierge organisiert Privat- führungen der nahen Pinacoteca di Bre- ra, Oldtimer-Ausflüge ins Umland oder maßgeschneiderte Boutique-Besuche. Via Andegari, 9, +39/02/87 31 88 88, mandarinoriental.com/de/milan/la-scala ➸ Hotel La Madonnina Nobelhotels sind sündteuer in Mailand, Budget-Häuser auch nicht billig. Diese kleine, nach der Mailänder Stadtpatro- nin benannte Pension ist aber wegen ihrer großartigen Lage ihr Geld wert. Via Giuseppe Mazzini, 10, +39/02/89 09 69 17, hotellamadonninamilano.it Geld & Genuss Summer In The City Mai

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€URO 08|23122 WEST COAST Aufregender (und viel einsamer) als die Big Sur fährt sich die legendäre U.S. Route 101 von Seattle bis San Francisco. Ein Roadtrip in 13 Etappen GELD & GENUSS

123€URO 08|23 ALLE BILDER: MICHAEL HANNWACKER Großer Wagen. Great! Man könnte auch sagen: monstrous. Am Tresen der Alamo-Niederlassung in Seattle wartet ein „Fullsize SUV“ auf uns: die jüngs- te Version des 5 Chevrolet Suburban, der seit fast 90 Jahren auf US-Highways unterwegs ist. Entspre- chend respektvoll steuern wir ihn hinunter zum Ter- minal der 1 Washington State Ferries. Hier startet eine über 2000 Kilometer lange Route, deren Ver- lauf wir in die Hände des Individualreise-Spezialisten America Unlimited (ab ca. 3599 Euro p. P. im DZ inkl. Flügen und Mietwagen, Tel. 0511/37 44 47 50, america-unlimited.de) gelegt haben. Die Fähre bringt uns über die Elliott Bay nach Bainbridge Island. Nach weiteren 40 Meilen treffen wir auf die U.S. Route 101, eine der berühmtesten Straßen Amerikas. 1926 eröffnet, verbindet sie, oft dicht am Pazifischen Ozean verlaufend, Washing- tons Hauptstadt Olympia mit San Diego. Wir folgen ihr zunächst entlang der Nordküste der Olympic Peninsula und eine Zeit lang am Ufer des glasklaren Lake Crescent. Später führt sie durch dichten Nadel- wald in die – durch die Vampir-Sage „Twilight“ be- kannt gewordene – Kleinstadt Forks. Erster Stopp ist eine 55 Kilometer südlich grandios über dem end- losen Kalaloch Beach gelegene, rustikale 2 Lodge (157151 US-101, T. +1/866/662 99 28, thekalaloch lodge.com). Sie ist einst aus Treibholz errichtet wor- den, von dem der 3 jungfräuliche Strand weiterhin übersät ist. Viel Moos. Ausruhen schon an Tag 2? Kommt nicht infrage für unseren schwarz schimmernden Vor- stadt-Cruiser. Es drängt ihn auf den Highway. In die- ser Region führt die 8 101 durch majestätischen Nadelwald, durch den gelegentlich der Pazifik silbern aufblitzt. Wir sind auf dem Weg zum 4 Hoh Rain Fo- rest (Hoh bedeutet in der Sprache der hiesigen Na- tive Americans „schnell fließendes Wasser“. Oder, amüsanter, „Mann mit zänkischen Ehefrauen“). Es ist der besterhaltene Regenwald in der nördlichen Hemisphäre und wegen dieser Sonderstellung Teil des Welterbes der UNESCO. Seinen Status verdankt er feuchtigkeitsreichen, vom Pazifischen Ozean heranstürmenden Wolken, die an den westlichen Hängen der Olympic Mountains aufsteigen, abküh- len und sich dann in großen Mengen abregnen. Das nährt das Moos im Nationalpark, das in bu- schigen Zöpfen die Bäume bedeckt oder von ihnen herabhängt. Besonders der Spaziergang auf dem Hall of Mosses Trail gleicht dem Besuch einer grün wuchernden Kathedrale. In der übrigens während unseres Aufenthalts kein Tropfen fällt. Als wir uns später auf dem Terrain der Kalaloch Lodge Ribeyes grillen, kommt sogar die Abendsonne heraus. Roosevelt und Rock. Wir brechen früh auf. Unser erstes Ziel ist die 7 Lake Quinault Lodge (345 S Shore Rd, Quinault, Tel. +1/888/896 38 18, olympic nationalparks.com/lodging/lake-quinault-lodge/). Das bald 100-jährige, nostalgische Hotel liegt an ei- nem nebelverhangenen See, die Kulisse unseres „Logger’s Breakfast“ im Roosevelt-Restaurant. Wa- rum das so heißt? Der US-Präsident machte hier 1937 auf einem field trip Mittagspause. Auf der Fahrt Richtung Süden halten wir in Aber- deen, um 1900 wegen seiner Saloons und Bordelle auch als „Port of Missing Men“ berüchtigt. Für Rock- fans aber ist die eher schäbige Kleinstadt eine Pilger- stätte. Kurt Cobain, Frontman der Grunge-Band Nah am Wasser gebaut: Dicht über der anstür- menden Bran- dung windet sich der Oregon Coast Highway um das Cape Perpetua ➝ VON MICHAEL HANNWACKER

Nirvana, ist hier aufgewachsen. Der klei- ne Park, der an ihn erinnert, ist ebenfalls angemessen grungy. Am Abend über- queren wir die erst vor 60 Jahren errich- tete 14 Megler-Astoria Bridge über den mächtigen Columbia River. Und damit die Grenze zwischen den Bundesstaa- ten Washington und Oregon. Baden am Heuhaufen. Nach einem „organic, free-trade, locally roasted sleepy monk coffee“ mit unverbautem Strandblick im Stephanie Inn (2740 S Pacific Ave, Tel. +1/855/977 24 44, stephanieinn.com) beginnt ein weitge- hend autofreier Outdoor-Tag in Cannon Beach. Oregons Antwort auf die Hamp- tons an der Ostküste haben die weit ge- reisten Experten von „National Geogra- phic“ schon mal – und völlig zu Recht! – als „one of the world’s 100 most beauti- ful places“ gefeiert. Tatsächlich müsste die 6 atemberaubende Küste des Eco- la State Park Schwärmer für Kalifor- niens Big Sur kleinlaut werden lassen: Das Spektakel versammelt kilometer- lange, naturbelassene Sandstrände, mächtige Wälder und weit ins Meer hin- ausreichende Vulkanfelsen. Der mäch- tigste von ihnen, der von Papageitau- chern frequentierte Haystack Rock, ist von unserem Balkon aus fast greifbar. Abstecher. Die 101, die seit der Grenze unter Oregon Coast Highway firmiert, folgt jetzt meist dicht der dramatischen Küste, bald fast auf Höhe des Wasser- West Coast Geld & Genuss 101 1 2 5 4 3

Seattle Forks Quinault 101 101 101 101 Aberdeen 125€URO 08|23 spiegels, bald sich zu steileren Ab- schnitten (und auf den Plateaus zu herr- lichen Aussichten) aufschwingend. In einem Flecken namens Garibaldi entde- cken wir einen türkis leuchtenden Ver- schlag, aus dem eine reizende Barista einen heißen „white chocolate mocha“ und eine „iced toffee lovers latte“ reicht. Kurz darauf verlassen wir die Küste und kurven durch den zum Aussteigen schönen Tillamook State Forest. Doch uns zieht es in Amerikas Hipster-Kapi- tale Portland. Quartier beziehen wir in dem grandiosen, mit glasierten Terra- kottafliesen verzierten Meier & Frank Building. Dessen obere Etagen bespielt The Nines (525 SW Morrison St, Tel. +1/ 503/222 99 96, thenines.com) mit Tif- fany-blau akzentuierten Zimmern. Der Name rührt von der ursprünglichen Be- stimmung des Hauses als gehobener Department Store (in dem Clark Gable vor seiner Hollywood-Karriere Kra- watten verkaufte): Die Redewendung „Dressed up to the nines“ bedeutet „per fekt angezogen“. Häuser- und andere Schluchten. Heute darf unser Suburban in der Gara- ge entspannen. Denn pünktlich um nine o’clock steht ein Van von Hub World Tours (Tel. +1/800/637 31 10, https:// americashubworldtours.com/) vor der Tür und bricht mit uns auf zur „Multno- mah Falls & Columbia River Gorge Tour“. Die monumentale Schlucht gute 40 Ki- lometer westlich von Downtown Port- land hat der Fluss erst während der letz- ten Eiszeit durch die Basaltfelsen der Cascade Mountains gebrochen; sie wird auf der Südseite von dramatischen, aus großer Höhe durch den dichten Wald schneidenden 9 Wasserfällen be- Crystal Lake Kalaloch Hoh Rain Forest 87 6 ➝

101 101 Astoria Garibaldi Portland €URO 08|23126 gleitet. Zurück in Portland, durchstrei- fen wir die 10 Häuserschluchten im Zen- trum, sehen uns im 11 Flagship-Store des heimischen Sportartikelherstellers Nike (638 SW 5th Ave) um und besorgen in der riesigen Powell’s City of Books (1005 W Burnside St) die Restjahreslek- türe. Dann wechseln wir über den Willa- mette River ins angesagte Viertel Boise. Bei Uchu Sushi & Fried Chicken (3940 N. Mississippi Ave, Tel. +1/503/281 82 48, uchusushi.com) genießen wir eben- dies und in „The 1905“ (830 N Shaver St, Tel. +1/503/460 33 33, the1905.org) anschließend Avantgarde-Jazz auf ab- soluten Weltniveau. Wein und Wolken. Wir brechen früh auf in Portland, schließlich haben wir heute netto rund 400 Kilometer vor uns. Als wir unvermutet am Stoller Family Estate (16161 NE McDougall Rd, Dayton, Tel. +1/503/864 34 04, stollerfamilyestate. com) vorbeikommen, einem der führen- den Weingüter Oregons, sichern wir uns einen Reserve Chardonnay für den Abend. Dann, zurück auf dem Oregon Coast Highway, fällt es schwer, auf die Straße zu achten: Am Cape Perpetua etwa, südlich des pittoresken Dorfs Yachats, stürmen die Wellen unterhalb der 101 in eine Felsbucht namens Devil’s Churn (Teufelskessel, siehe Foto Seite 122/123); kurz darauf bläst das „Spou- ting Horn“ die Gischt wie eine Fontäne in den Himmel. So dramatisch bleibt es: Kaum haben wir uns an einem Küsten- West Coast Geld & Genuss 101 Cannon Beach 11 9 10

Bandon Gold Beach 101 101 101 127 abschnitt sattgesehen, bekommen wir schon wieder Appetit auf das, was sich hinter der nächsten Kurve auftut. Bald ist unser Zeitmanagement dahin. Als wir, direkt von der 101, in den Parkplatz des Bandon Inn (355 US-101, Bandon, Tel. +1/541/347 44 17, bandoninn.com) einbiegen, hat sich die Sonne längst in den Pazifik verabschiedet. Kap der guten Hoffnung. Beim Mor- genspaziergang auf der Uferprome- nade in Bandon entdecken wir eine chromglänzende Harley-Davidson. Kurz sind wir versucht, den Untersatz zu wechseln. Wenig später sitzen wir na- türlich doch in unserem SUV und steu- ern das 13 Cape Blanco Lighthouse an, ältester Leuchtturm Oregons und west- lichster Punkt seiner Küste dazu. Unter- halb des Kaps wie überall in der letzten Woche: 12 endlose, wie von der Zivilisa- tion unberührte Sandstrände, an die die Wellen zwar jede Menge Treibholz, aber offenbar kein Plastik werfen. Als die Sonne den letzten Nebel vertrieben hat, sind wir bereits südlich von Gold Beach (der Name erinnert an den Abbau des Edelmetalls in den 1850er-Jahren). Jetzt ist Kalifornien nicht mehr weit. Das Archimedische Prinzip. Acht Ta- ge hat unser schwarzer Gigant nun be- reits hinter sich. Und kaum hat er die kalifornische Grenze überquert, will er sich unter die Riesen des Sunshine State mischen. Der (nach einem Pelz- jäger, der als Pionier die kalifornische Küste erreichte, benannte) Jedediah Smith Redwoods State Park ist für uns die erste Gelegenheit für eine Begeg- nung mit den Mammutbäumen. Über- wältigt schlängeln wir uns dann entlang der wild zerklüfteten Küste und fin- Yachats 12 13 14 ➝ €URO 08|23

101 Mendocino Leggett Stafford Eureka Agate Beach Yedediah Smith Redwoods State Park €URO 08|23128 den ein reizendes Städtchen namens Eureka. Das ist übrigens auch das Staatsmotto Kaliforniens. Filmreife Kulisse. Eureka ist mit rund 27 000 Einwohnern immerhin die größ- te Stadt an der Pazifikküste zwischen Portland und San Francisco. Und ihr his- torisches Zentrum verzeichnet eine sehr hohe Dichte an viktorianischer Bausubstanz in den USA. Ein strahlen- des Beispiel ist das 15 Carter House Inn (301 L St, Tel. +1/707/444 80 62, carter house.com). Es handelt sich um den originalgetreuen Nachbau eines vom führenden Architekten der Ära, Samuel Newsom, entworfenen Hauses, das 1906 dem großen Feuer in San Francis- co zum Opfer gefallen war. Unsere groß- zügige Suite gibt eine Ahnung von dem Luxus, den die hiesigen Holzbarone dem Handel mit den Mammutbäumen zu verdanken hatten. In dem Raster der Old Town, in der nummerierte Straßen solche mit Buch- staben kreuzen, geben die geschnitzten und gedrechselten Fassaden eine Kulis- se, vor der Suspense-reiche Netflix- Serien spielen könnten. Als der Pazifik am Abend Nebelschwaden über das iko- nische 16 Carson Mansion schickt, wird es sogar ein bisschen unheimlich. Wir flüchten an den Tresen der Humboldt Bay Provisions (205 G St, Tel. +1/707/ 672 38 50, humboldtbayprovisions.us), das tagesfrische Muscheln von der für die Qualität seiner Austernbänke be- rühmten Bucht und dazu schneidige ka- lifornische Weißweine vorrätig hält. Und West Coast Geld & Genuss 101 nehmen dann in der herrlich schrägen Bar Phatsy Kline’s (124 C St, Tel. +1/707/ 444 33 44, historiceaglehouse.com) ei- nen „trouble maker“ als gespenstisch gute Nightcup. Matchbox-SUV. Der Manager des Car- ter House Inn empfiehlt, uns vor unse- rer elften Etappe zunächst nordwärts zu wenden; der Agate Beach sei einer der unberührtesten weit und breit. Also ver- bringen wir einen Vormittag als beach- comber – und entdecken erneut keinen Krumen Plastik. Dann kehren wir zurück auf unsere Route 101. Ab einem Weiler namens Stafford folgen wir ihrem alten Verlauf, der spektakulären Avenue of the Giants. 32 Meilen fahren wir unter den Kronen der gigantischen 17 Se- quoia Trees und bleiben unterwegs so- gar in einem stecken. Später biegen wir auf den Highway 1, der sich, begleitet vom Sir Douglas Quintet, in haarsträu- bender Linie entlang der schroffen Küs- te Richtung der alten Hippie-Enklave Mendocino windet. Happy Hippies. Wir haben himmlisch geschlafen im 18 Brewery Gulch Inn (9401 North Highway One, Tel. +1/707/ 937 12 79, brewerygulchinn.com), einer Anfang des Jahrtausends hoch über ei- ner malerischen Bucht errichteten, ganz und gar bezaubernde Zehn- Zimmer-Lodge. Sie ist aus sogenann- tem sinker wood gezimmert, Mammut- holz, das 150 Jahre lang in einem nahen Flussbett geruht hatte. Nach einem „gourmet-breakfast“ lenken wir unse- ren Suburban auf die Straße nach Men- docino und spazieren den ganzen Tag durch das auf einer kleinen Halbinsel ge- legene, von den Zeitläufen vergessene bohemianville, dessen viele Gärten die Flower Power wörtlich nehmen. If you’re going … Auf unserer letzten Etappe läuft der Pacific Coast Highway 1 noch einmal zu Höchstform auf und macht seiner historischen Bezeichnung als „shoreline highway“ alle Ehre. Die Straßenbaumeister, die ihn vor etwa 70 Jahren in das Steilufer gekratzt ha- ben, müssen schwindelfrei gewesen sein. Und auch wir wagen bei unserer Fahrt oftmals nur zögerlich den dann al- lerdings berauschenden Blick nach un- ten. Unser Soundtrack ist die wie beses- sen gegen die felsige Küste anrennende Brandung. Hin und wieder stoppen wir, etwa beim Point Arena Lighthouse, dem höchsten der US-Westküste, oder für eine clam chowder in Bodega Bay, wo einst Hitchcocks Vögel Schrecken ver- breiteten. Als wir dann ein Stückchen nördlich von Sausalito wieder auf die 101 treffen, macht sich freudige Erregung in unserem Suburban breit: Gleich geht es über eine der ikonischsten aller Brücken nach San Francisco. Wir steigen um in die 19 Cable Car nach Chinatown und feiern unsere 13-tägige Traumtour bei 20 Empress by Boon (838 Grant Ave., Tel. +1/415/757 07 28, theempresssf. com), der womöglich besten kantonesi- schen Küche östlich von Hongkong. Weitere Tipps auf VisitTheUSA.de Avenue of the Giants

101 101 1 Bodega Bay San Francisco Santa Rosa 129€URO 08|23 15 17 16 18 2019

!URO 09|23122 BILD: MICHAEL HANNWACKER PLAATSEN VON BELANG ➸ 1 Canal Cruise Die beste Art, sich Amsterdam zu nähern, ist übers Wasser. Was also liegt näher als eine beschauliche Tour durch die Grachten, am liebsten in einem ehrwürdigen alten Holzboot mit einem Bootsführer, der die Stadt wie seine Westentasche kennt und zu jedem Haus und Palast entlang der Kanäle eine Ge- schichte wüsste? Noch schöner, wenn es zur Rundfahrt ein paar leckere Canapés und ein Glas Champagner gäbe. Zu viel verlangt? Nicht, wenn Sie beim Hotel Tivoli Doelen anheuern. ab 250 Euro p. P., Anfrage: +31/20/554 06 00, tivolihotels.com/de/tivoli-doelen/ ➸ 2 Eye Filmmuseum Mit etwas Fan- tasie erinnert der skulpturale Bau des ös- terreichischen Büros Delugan Meissl am Nordufer des IJ aus der Ferne an ein in der Konzentration leicht zugekniffenes Auge. Eines, das dem Geschehen auf der Lein- wand folgt. Davon hat das EYE Film Insti- tute vier, auf die Retrospektiven bekannter Regisseure, aber auch Experimentalfilme projiziert werden. Außerdem gibt es Sehenswertes aus der Geschichte des be- wegten Bilds. Und in der luftigen Cafeteria den besten Apfelkuchen Amsterdams. IJpromenade 1, Tel. +31/20/589 14 00, eyefilm.nl, 11,50 Euro, tägl. 10–22 (Fr, Sa bis 23) ➸ 3 Gallery Hopping Das Goldene Zeitalter der niederländischen Kunst lässt Da geht’s lang! 30 Tipps für ein langes Wochenende in der niederländischen Hauptstadt, die (noch) nicht in jedem Führer stehen VON MICHAEL HANNWACKER AMSTERDAM-GUIDE GELD & GENUSS

123!URO 09|23 ➝ sich im Rijksmuseum in aller Ausführlich- keit bewundern. Es gibt aber auch eine quicklebendige Kunstszene in Amster- dam. Kaum irgendwo lässt sich das so gut beobachten wie im Galerienviertel zwi- schen Prinsen-, Lijnbaans-, Elands- und Rozengracht, wo neben provokanten bis unterhaltsamen Positionen auch ge- hobenes Kunsthandwerk zu sehen ist. ➸ 4 Het Grachtenhuis In der ersten Hälfte der 60er-Jahre des 16. Jahrhun- derts ließ der Amsterdamer Kaufmann Karel Gerards vom führenden Architekten seiner Zeit ein prächtiges Barockpalais am eben fertiggestellten Herrengraben errichten. In seinen Räumen erzählt ein multimedialer Rundgang mit hübschen Animationen vom Wandel der Grachten, die zunächst der Stadtverteidigung dienten, sich später in Kloaken verwandel- ten und heute Touristenattraktion sind. Naherholung bietet ein berückend schö- ner Garten im Rücken der Residenz. Herengracht 386, Tel. +31/20/421 16 56, grachten.museum, 16,50 Euro, tägl. 10–17 (Mo ab 12) ➸ 5 Hortus Botanicus Flora kommt ein bisschen zu kurz in der dicht bebauten Altstadt. Doch an ihrem westlichen Rand wurde schon Ende des 17. Jahrhunderts ein Hortus Medicus Amstelodamensis konzipiert. Viele der nicht nur von der Nie- derländischen Ostindien-Kompanie in Mauritius bis Surinam gesammelten 1

€URO 09|23124 Amsterdamer Anhalts- Punkte: In diese Fliesen haben sich die besten Adressen der Stadt eingebrannt HauptbahnhofHauptbahnhof JordaanJordaan Prins HendrikkadePrins Hendrikkade HerengrachtHerengracht KeizersgrachtKeizersgracht PrinsengrachtPrinsengracht WesterstraatWesterstraat LindengrachtLindengracht WillenstraatWillenstraat EgelantiersgrachtEgelantiersgracht BloemgrachtBloemgracht Frederik HendrikstraatFrederik Hendrikstraat NassaukadeNassaukade MarnixstraatMarnixstraat MarnixstraatMarnixstraat BloemstraatBloemstraat RozenstraatRozenstraat ElandsstraatElandsstraat LooiersgrachtLooiersgracht LeidesgrachtLeidesgracht WillemsparkwegWillemsparkweg VondelstraatVondelstraat OvertoomOvertoom Derde HelmerstraatDerde Helmerstraat Jacob Van LennepkadeJacob Van Lennepkade LeidsetraatLeidsetraat WeteringschansWeteringschans LijnbaansgrachtLijnbaansgracht VijzelgrachtVijzelgracht StadhouderskadeStadhouderskade StadhouderskadeStadhouderskade LauriergrachtLauriergracht LeliegrachtLeliegrachtWesterkerkWesterkerk Anne-Frank-HausAnne-Frank-Haus Prins HendrikkadePrins Hendrikkade De 9 StraatjesDe 9 Straatjes RembrandthuisRembrandthuis MagereMagere BrugBrug BotanischerBotanischer GartenGarten Artis ZooArtis Zoo DamDam BegijnhofBegijnhof NieuwendiikNieuwendiik SpuiistraatSpuiistraat KalverstraatKalverstraat KalverstraatKalverstraat RokinRokin NesNes DamstraatDamstraat RuslandRusland OudeschansOudeschans AmstelstraatAmstelstraat HerengrachtHerengracht HerengrachtHerengracht KeizersgrachtKeizersgracht KeizersgrachtKeizersgracht SpiegelSpiegel kwartierkwartier UtrechtstraatUtrechtstraat Rembrandt-Rembrandt- pleinplein KerkstraatKerkstraat SarphatistraatSarphatistraat WeteringchansWeteringchans StadhouderskadeStadhouderskade QuellijnstraatQuellijnstraat RuysdaelkadeRuysdaelkade Tweede Jan Steenstr.Tweede Jan Steenstr. CeintuurbaanCeintuurbaan AmsteldijkAmsteldijk WibautstraatWibautstraat Albert CuypstraatAlbert Cuypstraat MauritskadeMauritskade Fokke Simonszstr.Fokke Simonszstr. NoorderstraatNoorderstraat UtrechtsedwardstraatUtrechtsedwardstraat HoveniersburgwalHoveniersburgwal GroenburgwalGroenburgwal ValkenburgerstraatValkenburgerstraat Nieuwe UilenburgerstraatNieuwe Uilenburgerstraat Nieuwe HerengrachtNieuwe Herengracht Nieuwe PrinsengrachtNieuwe Prinsengracht Nieuwe KerkstraatNieuwe Kerkstraat WeesperstraatWeesperstraat Plantage KerklaanPlantage Kerklaan Water-Water- loopleinlooplein PapenburgPapenburgBinnenkantBinnenkant FrederikspleinFrederiksplein SarphatistraatSarphatistraat KerkstraatKerkstraat AmstelAmstel SingelSingel SingelSingel Red LightRed Light DistrictDistrict PrinsengrachtPrinsengracht MuseumkwartierMuseumkwartier VondelparkVondelpark RijksmuseumRijksmuseum Van GoghVan Gogh MuseumMuseum PrinsengrachtPrinsengracht LeidespleinLeidesplein China TownChina TownKönigspalastKönigspalast BlumenmarktBlumenmarkt SarphatiparkSarphatipark DamrakDamrak NemoNemo OosterdokOosterdok IJIJ 2 5 6 1 9 7 3 4 18 131112 10 17 23 21 25 19 26 24 27 20 16 8 HauptbahnhofHauptbahnhof JordaanJordaan Prins HendrikkadePrins Hendrikkade SingelSingel HerengrachtHerengracht KeizersgrachtKeizersgracht PrinsengrachtPrinsengracht WesterstraatWesterstraat LindengrachtLindengracht WillenstraatWillenstraat EgelantiersgrachtEgelantiersgracht BloemgrachtBloemgracht derik Hendrikstraatderik Hendrikstraat NassaukadeNassaukade MarnixstraatMarnixstraat MarnixstraatMarnixstraat RozenstraatRozenstraat ElandsstraatElandsstraat LooiersgrachtLooiersgracht LeidsegrachtLeidsegracht WillemsparkwegWillemsparkweg VondelstraatVondelstraat OvertoomOvertoom Derde HelmerstraatDerde Helmerstraat LeidsestraatLeidsestraat WeteringschansWeteringschans LijnbaansgrachtLijnbaansgracht VijzelgrachtVijzelgracht StadhouderskadeStadhouderskade StadhouderskadeStadhouderskade LauriergrachtLauriergracht LeliegrachtLeliegracht Prins HendrikkadePrins Hendrikkade De 9 StraatjesDe 9 Straatjes RembrandthuisRembrandthuis MagereMagere BrugBrug BotanischerBotanischer GartenGarten Artis ZooArtis Zoo DamDam Prins HendrikkadePrins Hendrikkade SpuistraatSpuistraat KalverstraatKalverstraat KalverstraatKalverstraat RokinRokin NesNes DamstraatDamstraat RuslandRusland OudechansOudechans AmstelstraatAmstelstraat HerengrachtHerengracht HerengrachtHerengracht KeizersgrachtKeizersgracht Spiegel-Spiegel- kwartierkwartier UtrechtstraatUtrechtstraat Rembrandt-Rembrandt- pleinplein KerkstraatKerkstraat SarphatistraatSarphatistraat WeteringchansWeteringchans StadhouderskadeStadhouderskade QuellijnstraatQuellijnstraat RuysdaelkadeRuysdaelkade Tweede Jan Steenstr.Tweede Jan Steenstr. CeintuurbaanCeintuurbaan AmsteldijkAmsteldijk WibautstraatWibautstraat Albert CuypstraatAlbert Cuypstraat MauritskadeMauritskade Fokke Simonszstr.Fokke Simonszstr. NoorderstraatNoorderstraat UtrechtsedwardstraatUtrechtsedwardstraat KloveniersburgwalKloveniersburgwal ValkenburgerstraatValkenburgerstraat Nieuwe UilenburgerstraatNieuwe Uilenburgerstraat Nieuwe HerengrachtNieuwe Herengracht Nieuwe PrinsengrachtNieuwe Prinse

➝ !URO 09|23 125 BILD: MAGANN/ISTOCK [M], MICHAEL HANNWACKER (2) Samen gingen auf. Und bildeten den Grundstock einer (kontrolliert!) wu- chernden, tropischen Oase. Middenlaan 2a, Tel. +31/20/625 90 21, dehortus.nl, 12,50 Euro, tägl. 10–17 (im Sommer Do–So bis 21) ➸ 6 Portugiesische Synagoge Zur Zeit ihrer Einweihung 1675 eines der größten Gebäude der Stadt und buch- stäblich auf Sand gebaut, ist das von Kerzen beleuchtete und mit erlesenen Holzschnitzereien ausgestattete In- nere des Barockbaus einer der stim- mungsvollsten Sakralräume Europas. Mr. Visserplein, Tel. +31/20/624 53 51, esnoga. com, 17 Euro (mit Joods Museum), tägl. 11–17 ➸ 7 Vrije Academie Auf der Suche nach Ihrem inneren Rembrandt oder van Gogh? Die „Freie Akademie“ bietet, neben gelehrten Vorträgen überwie- gend in der Landessprache, immer wieder Workshops in den herrlichen Räumlichkeiten des Huis Vasari an der Herengracht an. Ein Geheimtipp: die italophile Bar Vasari im Souterrain mit Zugang zu einem besonders ver- schwiegenen Garten. Herengracht 368, Tel. +31/88/518 50 00, vrijeacademie.nl, Kurse auf Nachfrage ➸ 8 Willet-Holthuysen Museum Irgendwann wird die Neugier uner- träglich. Man läuft unentwegt an den prächtigen Residenzen entlang, die Amsterdams Grachten säumen. Und will endlich wissen: Wie lebt es sich darin? Ende des 19. Jahrhunderts so wie in diesem Hausmuseum. Herengracht 605, Tel. +31/20/523 18 22, museum.nl/de/huis-willet-holthuysen, ab 12,50 Euro, tägl. 10–17 SHOPPEN ➸ 9 Bonebakker Vorsicht! Das könnte richtig teuer werden. Denn dies ist einer der prestigeträchtigsten Ju- weliere der Niederlande. Damit Sie einen Eindruck von seinem Niveau bekommen: Bonebakker hat vor Amsterdam Geld & Genuss Der Guide 2 8

€URO 09|23126 über 180 Jahren die Krone geschaffen, mit der zuletzt König Willem Alexander den Thron bestieg. So groß müssen Sie nicht unbedingt einsteigen. Aber viel- leicht mit einem Ring aus der „Bridges of Amsterdam Collection“ als funkeln- des Andenken? Van Baerlestraat 27, Tel. 31/20/673 75 77, bonebakker.nl/jeweler-amsterdam/, Mo–Sa 10–19.30, So 11–18.30 ➸ 10 Frozen Fountain Ist das noch ein Möbelgeschäft oder schon eine Ga- lerie? Dieser loftartige Laden ist jeden- falls auf dem neuesten Stand nieder- ländischen Designs, das – bunt, schrill, extrem originell – alle begeistert, die sich an den Klassikern aus Skandina- vien und Italien sattgesehen haben. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ih- nen Ihre Einrichtung daheim nach der Rückkehr langweilig vorkommt. Prinsengracht 645, Tel. +31/20/622 93 75, frozenfountain.com, Di–Sa 10–18 ➸ 11 Hunq „Denker, Designer, Kon- zeptentwickler“ lautet die Selbstbe- schreibung des Modeschöpfers Hyun Yeu. In Amsterdam hat der Exilkorea- ner „archetypische“ Männerdüfte der Geschmacksrichtungen Barkeeper, Gärtner, Zimmermann oder Mechani- ker konzipiert. Die aber auch mutige Herren mit Hang zum Individualismus tragen können. Huidenstraat 21c, +31/6/46 07 26 21, hunq.amsterdam, Fr–So 13–18 ➸ 12 Kaaskamer Klar, Tulpen riechen in der Regel besser als Käse. Als Mit- bringsel würden wir (hermetisch ver- packt, versteht sich) dennoch zu dem Milchprodukt raten. Eine überbordend große Auswahl bietet diese Institution auf De 9 Straatjes in Amsterdams hüb- schestem Shoppingviertel. Plus: Sie könnten beim Einkauf noch eines der famosen Sandwiches abgreifen. Tipp: Ham-Kaas met Wasabi. Lecker! Runstraat 7, Tel. +31/20/623 34 83, kaaskamer. nl, Mo–Fr 9–18 (Mo ab 12), Sa 9–17, So 12–17 ➸ 13 Rainkiss Dass es in Amsterdam des Öfteren regnet, dürfte sich herum- gesprochen haben. Dagegen ist immer noch zu vielen Menschen unbekannt, dass Jan-Hein Habes ein ziemlich styli- shes Gegenmittel entwickelt hat: was- serdichte Ponchos von Rainkiss. Die sind fürs gute Gewissen aus recycelten Plastikflaschen gefertigt und so gut gelaunt bedruckt, dass man sich den nächsten Guss fast herbeiwünscht. Herengracht 360, Tel. +31/20/770 51 89, rainkiss.com, Di–So 11–17.30 UIT ETEN GAAN ➸ 14 Até In Mexiko aufgewachsen, im Institut Paul Bocuse ausgebildet, 9 10

➝ €URO 09|23 127 BILD: MICHAEL HANNWACKER (4) Amsterdam Geld & Genuss Der Guide in ein paar der besten Küchen der Welt gestählt – der erst 27-jährige Filip Hanlo hat eine große Karriere vor sich. Seine Startrampe ist dieses minima- listische Restaurant, in dem er vor den Augen von maximal sechs Gästen ein achtgängiges Feuerwerk abschießt. Keizersgracht 384, Tel. +31/20/530 20 10, ate-amsterdam.com, Mi–Sa ab 19 ➸ 15 Bridges An einem der ältesten Kanäle Amsterdams, in einem Ge- bäude, das auf einen Konvent aus dem frühen 15. Jahrhundert zurückgeht, baut Küchenchef Raoul Meuwese hier seit Ende 2018 die Brücke zur Moderne mit saisonalen Spitzenprodukten aus der Region. Ein Favorit ist der im Salz- mantel gegarte und am Tisch ausgelös- te Seebarsch. Das Fünf-Gänge-Menü ist ein Schnäppchen. Oudezijds Voorburgwal 197, Tel. +31/20/ 555 35 60, bridgesrestaurant.nl, Fr–So 13–14.30, Do–Mo 18.30–21 ➸ 16 Hannekes Boom Prächtig gestimmter, weit in den ehemaligen Oosterdok hinauskragender, mit kun- terbunt bemalten Tischen und Bänken möblierter und bis spät in die Nacht ge- öffneter Biergarten nahe der Centraal Station. Falls Sie je wieder weg wollten. Dijksgracht 4, Tel. +31/20/419 98 20, hannekes boom.nl, Mo-Do 11–1, Fr 11–3, Sa 10–3, So 10–1 ➸ 17 Marie Ein kleiner kulinarischer Ausflug nach Frankreich? Dieses Res- taurant direkt über der Amstel hat sich eine Cousine des legendären Gerard Heineken als Namenspatronin ausge- sucht, die ihre (umfassende) Freizeit bevorzugt an der Côte d’Azur ver- brachte. Karte und Ambiente der Bras- serie orientieren sich auch dorthin. Nieuwe Doelenstraat 2–14, Tel. +31/20/531 16 19, marieamsterdam.com, tägl. 12–14, 17.30–21 ➸ 18 Omber Bernstein, niederlän- disch omber, war eine der zwölf Lieb- lingsfarben Rembrandts. Dieselbe Palette ist auch Leitmotiv der kuli- narischen Kreationen in diesem wie gemalt hübschen Restaurant nahe dem Haus der Meisters. Merke: Das Auge isst mit. Nieuwe Doelenstraat 24, Tel. +31/20/ 554 06 00, tivolihotels.com/de/tivoli-doelen, tägl. 12.30–14, 17.30–21 ➸ 19 Taiko „Contemporary Asian“ – unter diese Formel ließen sich die von der Fachpresse gefeierten Teller des Starkochs Schilo van Coevorden sub- sumieren. Erwarten Sie Erlesenes wie Black Cod mit Chinesischen Raupen- pilzen oder holländisches Lamm mit Szechuan-Pfeffer. Und ein einschüch- ternd stylishes Ambiente. Paulus Potterstraat 50, Tel. +31/20/570 00 00, taikocuisine.com, Di–Sa 18–24 13 14

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€URO 09|23 129 Drei Termine für Kulturtouristen bis 5. November Für seine erste museale Einzelausstellung schuf der junge Keith Haring 1986 eine 38 Meter lange Wand- zeichnung, die das Stedelijk Museum nun nochmals zeigt. Ein spektakuläres Wiedersehen. Museumplein, stedelijk.nl/en/ exhibitions/keith-haring-en, 22,50 Euro, tägl. 10–18 15. September Das finni- sche Wunderkind Klaus Mäkelä, 27 Jahre jung, wird ab der Spiel- zeit 2027/28 Chefdirigent am Concertgebouw, eines der füh- renden Orchester Europas. Mitte September läuft er sich schon mal warm, an diesem Abend mit Mahlers ebenso ambitionierter wie beliebter Sinfonie No. 3 in d-Moll. Concertgebouwplein 10, Tel. +31/20/ 671 83 45, concertgebouw.nl, 19–175 Euro 13. Oktober bis 14. Januar 1887 flüchtete Vincent van Gogh aus Paris, um rund um den Vorort Asnières en plein air zu malen. Dort inspirierten ihn „die Ufer der Seine mit ihren fröhlichen Restaurants, die klei- nen Boote auf dem Fluss, die Parks und Gärten, die vor Licht und Farben nur so sprühen“. Die Ausstellung „Van Gogh aan de Seine“ ruft die Periode in Erinnerung. Aber buchen Sie rechtzeitig! Das Museum ist oft auf Tage ausverkauft. Museumplein 6, vangoghmuseum.nl, 20 Euro, tägl. 9–18 ➸ 20 Vermeer 18 Punkte hat der nie- derländische „Gault & Millau“ zuletzt – und zu Recht – der aromenstarken Pro- duktküche des Nordengländers Chris Naylor verliehen. Und geschwärmt: „We worden echt in de watten gelegd.“ Härter wird es auch Sie nicht treffen. Prins Hendrikkade 59–72, Tel. +31/20/556 48 85, restaurantvermeer.nl, Mi–Sa 18–20.30 GAAN DRINKEN ➸ 21 Freddy’s Bar Man könnte – Alfred Heineken zu Ehren, der hier Stammgast war – ein Bier bestellen. Aber das hieße, die geballte Cocktail- Kunst der Traditionsbar zu ignorieren. Kommen Sie am späten Nachmittag, bevor es zum Dinner geht. Dann ist es am entspanntesten. Nieuwe Doelenstraat 2–14, Tel. +31/20/531 16 19, deleurope.com/de/freddys-bar, Mo 14–1, Mi–So 17–1 ➸ 22 Bar Brasserie Occo Im größe- ren Teil des Lokals serviert das feine Hotel Dylan sein Frühstück. Später sind aber auch Aushäusige gern gesehen, wenn der kleinere Teil des Lokals zu einem schmucken, intimen Lieblings- ort für Barflies mutiert. Keizersgracht 384, Tel. +31/20/530 20 10, occo.nl, tägl. 7–24 ➸ 23 Omber Bar Jenever, dem Vor- läufer des Gins, gehörte Rembrandts heimliche Liebe. Diese Bar arbeitet mit einem lokalen Hersteller, der ihn wie im Goldenen Zeitalter destilliert. Der Hauscocktail Night Watch nutzt ein his- torisches Rezept, das Jenever mit Kaf- feelikör, Sirup und Kirschbitter mixt. Nieuwe Doelenstraat 24, Tel. +31/20/554 06 00, tivolihotels.com/de/tivoli-doelen, tägl. 16.30–0.30 ➸ 24 Super Lyan Den Amsterdamer Außenposten des Londoner Bargurus Ryan Chetiyawardana, Pseudonym: Mr. Lyan, besucht man besser in Party- stimmung. Die Drinks sind potent und Amsterdam Geld & Genuss Der Guide fruchtig, die Geräuschkulisse vernehm- lich und das Ambiente kreischend bunt. Nieuwezijds Voorburgwal 3, Tel. +31/20/521 17 57, superlyan.com, Mi–So 17–24 SLAPEN ➸ 25 Conservatorium In seinem ersten Leben, ab 1901, Hauptquartier der Rijkspostspaarbank (dem Vorläufer der ING Bank) und seit 1983 Heimat der Amsterdamer Musikhochschule, ist der schlossartige, vom italienischen Stardesigner Piero Lissoni klarlinig überholte Komplex im Museumsviertel eine ausgeschlafene Luxusadresse für Business wie für Leisure Traveller. Loungige Lobby, wundervolles Spa, großartiger Concierge. ab 781 Euro, Paulus Potterstraat 50, Tel. +31/ 20/570 00 00, conservatoriumhotel.com ➸ 26 Tivoli Doelen Die laut den Ar- chiven älteste Herberge Amsterdams, erst kürzlich von der portugiesischen Tivoli-Gruppe übernommen und ge- konnt aufgepäppelt, bietet aus vielen der 81 Einheiten Blicke auf den Klove- niersburgwal, eine der ältesten Grach- ten der Stadt. Zwei Suiten sind beson- ders begehrt: Die Rembrandt Suite in- korporiert eine exakte Kopie seiner „Nachtwache“ genau an der Stelle, an der das Original 70 Jahre hing; die Em- press Suite diente einst Kaiserin Sisi als nicht ganz tugendhaftes Boudoir. ab 267 Euro, Nieuwe Doelenstraat 26, Tel. +31/20/554 06 00, tivolihotels.com/en/ tivoli-doelen ➸ 27 Tribe Eher junges, sehr urba- nes und erfrischend augenzwinkernd designtes Hotel mit bemerkenswert bequemen Betten. Das erst 2022 eröff- nete 192-Zimmer-Haus mag rund vier Kilometer außerhalb liegen. Aber mit der Metro direkt vor der Tür ist man binnen fünf Minuten im Stadtzentrum. Ab 129 Euro, Termini 9, Tel. +31/20/211 19 90, tribehotels.com/en/netherlands/ amsterdam-city Stadtflagge von Amsterdam BILD: MICHAEL HANNWACKER (7)

€URO 12|23130 BILD: JULIAN KROEHL/BMW, STEPHAN BAUER/BMW AG „Artrenalin“: „Ich wollte Geschwindigkeit bildlich darstellen“, sagte Weltstar Andy Warhol über seinen BMW M1 von 1979. Julie Mehretu, Künstlerin des 20. Art Car, packte das Rennfieber Ende Januar beim 24-Stunden- Rennen von Daytona➝ FAST AND CURIOUS Seit bald 50 Jahren lassen die Bayerischen Motoren Werke Sportwagen von den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern in BMW Art Cars verwandeln. Derzeit ist Nummer 20 in der Mache GELD & GENUSS Ein warmer Sommerabend in New York. Der zu diesem Zeitpunkt nahezu idyl- lische Central Park würde mit Schat- ten spendender Flora locken, bessere Restaurants mit Freiluftterrassen und Hotels mit zum Himmel offenen Rooftop-Bars. Doch ein besonders illustres Publikum hat andere Pläne. An der Fifth Avenue zwischen 88. und 89. Stra- ße strömen Menschen, aus den Fonds statt- licher Limousinen und Vans entlassen, ins wohltemperierte Solomon R. Guggenheim Mu- seum. Im Zentrum der ikonischen, von Frank Lloyd Wright entworfenen Rotunde erwartet sie nur ein einziges, zu diesem Zeitpunkt noch ver- hülltes Objekt. Ein Kunstwerk? Noch nicht. Un- ter dem Tuch lauert ein Rennwagen der Super- lative: ein BMW M Hybrid V8. Und er macht sich gut in diesem sonst den Stars der Kunst- VON MICHAEL HANNWACKER

BMW ART CARS Künstler Modell Jahr Alexander Calder BMW 3.0 CSL 1975 Frank Stella BMW 3.0 CSL 1976 Roy Lichtenstein BMW 320i Turbo 1977 Andy Warhol BMW M1 1979 Ernst Fuchs BMW 635 CSi 1982 Robert Rauschenberg BMW 635 CSi 1986 Michael Nelson Jakamarra BMW M3 Gruppe A 1989 Ken Done BMW M3 Gruppe A 1989 Matazo Kayama BMW 535i 1990 César Manrique BMW 730i 1990 A. R. Penck BMW Z1 1991 Esther Mahlangu BMW 525i 1991 Sandro Chia BMW M3 GTR 1992 David Hockney BMW 850 CSi 1995 Jenny Holzer BMW V12 LMR 1999 Ólafur Elíasson BMW H2R 2007 Jeff Koons BMW M3 GT2 2010 John Baldessari BMW M6 GTLM 2016 Cao Fei BMW M6 GT3 2017 Julie Mehretu BMW M Hybrid V8 2024

€URO 12|23132 BILD: BMW, SAM COBB/BMW szene vorbehaltenen Ambiente. Denn die hinreißend designte Maschine, mit der der Münchner DAX-Konzern seit diesem Jahr wieder im internationalen Prototypen-Rennsport unterwegs ist, gleicht einer rollenden Skulptur. Tatsächlich soll der Bolide binnen eines Jahres in ein Kunstwerk verwan- delt werden, so wie 19 BMW Art Cars vor ihm. Denn seit fast 50 Jahren haben die wichtigsten zeitgenössischen Künstler, von Andy Warhol über Roy Lichtenstein und Jenny Holzer bis zu Jeff Koons, immer wieder Rennwagen der Bayeri- schen Motoren Werke als Leinwand ge- nutzt. Die Gäste sind ins Guggenheim gekommen, um zu erfahren, „who’s next“. Aus der gespannten Erwartung erlöst sie Thomas Girst, Leiter BMW Group Kulturengagement. Er verrät, dass eine höchstkarätig besetzte (und im Übrigen vom Sponsor völlig unab- hängig entscheidende) Jury die New Yorker Künstlerin Julie Mehretu be- stimmt hat, den 20. BMW Art Car zu gestalten. Farbe trifft Bewegung. Dass die Serie 1975 an den Start ging, liegt, wie so oft bei Autos, an einer an Besessenheit grenzenden Passion: Der junge Auktio- nator und leidenschaftliche Amateur- Rennfahrer Hervé Poulain träumte von Leere Leinwand: Im New Yorker Guggenheim Museum wurde Ende Juni der BMW M Hybrid V8 enthüllt, der, künst- lerisch aufgewertet, nächsten Juni in Le Mans starten soll Die Jury: Ein Who’s who der Kunstwelt, darunter Star- kurator Hans Ulrich Obrist (1. von links), Matthias Müh- ling, Direktor Lenbachhaus München (4.), und Guggen- heim-Direktor Richard Arm- strong (7.), entschied, wer den 20. BMW Art Car gestaltet

€URO 12|23 133 einer Teilnahme am legendären 24-Stun- den-Rennen von Le Mans – und davon, Kunst und Geschwindigkeit irgendwie zu vereinen. Sein Weg: In einem Spiel- warengeschäft besorgte er sich ein maßstabgetreues Modell des BMW 3.0 CSL und fuhr zum Atelier des gefeierten US-Künstlers Alexander Calder in der französischen Provinz. Poulains Wahl war kein Zufall. Mit seinen Mobiles war der Bildhauer für die Verbindung von Farbe und Bewegung berühmt gewor- den. Mehr noch: Calder hatte zuvor eine Boeing für eine – inzwischen still- gelegte – Fluglinie bemalt. Poulains Instinkt trog ihn nicht. Die Idee, einen Rennwagen zu gestalten, der in Le Mans an den Start gehen würde, begeisterte den Künstler – und anschlie- ßend auch den Gründer von BMW Mo- torsport, Jochen Neerpasch. Im darauf- folgenden Rennen schied Calders BMW zwar aus, das Auto fesselte die Zu- schauer trotzdem. Und erregte die Auf- merksamkeit des New Yorker Star-Gale- risten Leo Castelli, der sich nun bemüh- te, seine Künstler bei Hervé Poulain in Stellung zu bringen. Mit Erfolg. Schon im darauffolgenden Jahr schickte der amerikanische Maler Frank Stella das nächste Art Car auf den Par- cours der 24 Stunden von Le Mans. Er überzog die Karosserie seines Art Cars BMW Art Cars Geld & Genuss Fast & Curious wie mit einem Quadratraster, auf das er Konstruktionszeichnungen des Innen- lebens eines 750 PS starken BMW 3.0 CSL übertrug. 1977 projizierte Roy Lich- tenstein einen Sonnenauf- und -unter- gang auf die Türen, eine Anspielung auf die epische Dauer des Autorennens. Und zwei Jahre später bemalte der gro- ße Andy Warhol in einer Dachauer Werk- statt binnen nicht mehr als 28 Minuten einen über 300 Stundenkilometer schnellen BMW M1 Group 4. „Ich liebe dieses Auto“, sagte er nach getaner Arbeit. „Es ist besser gelungen als das Kunstwerk.“ Schönheit der Geschwindigkeit. Die Frage ist ja ohnehin, ob Autos, zumin- dest zu Beginn ihrer Geschichte, nicht sowieso Kunstwerke sind. Die Futuris- ten waren davon überzeugt. Im Manifest der zukunftsgläubigen italienischen Kunstbewegung feierte der Dichter Filippo Tommaso Marinetti „die Schön- heit der Geschwindigkeit“ und hob die Werke der damaligen Karosseriebauer in die höchsten Höhen des Kunstka- nons: „Ein Rennwagen, dessen Karos- serie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem glei- chen, ist schöner als die Nike von Samo- thrake“ – die berühmte, antike griechi- sche Statue im Pariser Louvre. Auf der Strecke ver- gessen die Piloten, dass sie in einem Kunstwerk sitzen. Für sie ist es einfach ein Rennwagen.“ Thomas Girst, Leiter BMW Group Kulturengagement Kunst-Rasen: „Protect me from what I want“ war eine der „truisms“ (Binsenweisheiten), mit denen Jenny Holzers Art Car 1999 ins Rennen ging BILD: BMW, MICHAEL HANNWACKER ➝

€URO 12|23134 BILD: BMW, ENES KUCEVIC/BMW AG (2) Jahrzehnte später ging John Cham- berlain den umgekehrten Weg. Seit den frühen 60ern faltete oder quetschte der amerikanische Pop-Artist bunt lackier- te Reststücke von geschrotteten Stra- ßenkreuzern zu großformatigen, abs- trakten Skulpturen. Spätestens jetzt galten Autos als legitime Objekte der künstlerischen Auseinandersetzung, die auch die Aufmerksamkeit eines grö- ßeren Publikums fanden. Arman, Mitbegründer der südfranzö- sischen Nouveau-Réalisme-Bewegung, goss etwa Matchbox-Autos in Epoxid- harz. Und die beiden in Beton gefange- nen Cadillacs, die Wolf Vostell 1987 auf islamistischen Überfall auf die Pariser Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ermordete) Karikatu- rist Georges Wolinski im Jahr 1998 die Karosserie eines in Le Mans startenden Porsche GT2 mit sonnenbadenden Schönheiten. Zwei Jahre später verwan- delte Damien Hirst, einer der teuersten zeitgenössischen Künstler, einen Mini Cooper für eine Wohltätigkeitsauktion mit seinen charakteristischen Farb- punkten in einen „Spot Mini“. 2006 teerte und federte das dänische Künst- ler-Duo Elmgreen & Dragset einen Rolls- Royce Corniche; 2016 machte der bri- tische Pop-Art-Künstler Peter Bla- Premierenfeier: 1975 überredete Hobby- rennfahrer Hervé Poulain (r.) den Kinetik- Künstler Alexander Calder, für BMW einen Rennwagen zu bemalen Ausstellungsstück: Der Prototyp der Art-Car- Serie steht heute im BMW Museum in München dem Berliner Rathenauplatz installier- te, waren nicht die einzigen Fahrzeuge, die der deutsche Fluxus-Künstler aus dem Verkehr nahm. Der Österreicher Erwin Wurm wiederum amüsiert (nicht nur) die Kunstwelt seit Anfang des Jahr- tausends mit seinen „Fat Cars“, bei de- nen reale Minis, VW Bullis oder Porsche in aufgeblasene oder bis zum Zerplat- zen vollgefressene Versionen ihrer selbst verwandelt werden. Car pour l’art. Auch hat BMW kein Copyright darauf, Karosserien von be- rühmten Künstlern bemalen zu lassen. So „verschönerte“ der (später beim ➝

135€URO 12|23 Auf den Punkt: Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein überzog einen BMW 320i 1977 mit vorbeiziehenden Landschaften BMW Art Cars Geld & Genuss Fast & Curious

€URO 12|23136 BILD: STEEVE-X-ART/ALAMY/MAURITIUS IMAGES, VG BILD-KUNST, BONN 2023, WOLFGANG NEEB/PICTURE-ALLIANCE/DPA, BMW ➸ Frühe Faszination Die italie- nische Kunstbewegung der Futu- risten, hier eine populär gewor- dene Gouache des Malers und Komponisten Luigi Russolo aus dem Jahr 1916, begeisterte sich für Autos und Geschwindigkeit. ➸ Über Gewicht Seit Anfang des Jahrtausends amüsiert der öster- reichische Künstler Erwin Wurm (nicht nur) die Kunstwelt mit seinen „Fat Cars“ – reale Minis, VW Bullis oder Porsches in aufgeblasene Versionen ihrer selbst. AUTOS IN DER KUNST ke einen ohnehin schon eine viertel Mil- lion Euro teuren Bentley Continental GT V8 S Convertible mit einem großen roten Herz auf der knallgelben Motor- haube noch wertvoller. Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch die Ausdauer zu einer Serie hatte bislang einzig BMW. Eine beson- ders clevere Form des Marketings? Nein, sagt Thomas Girst, „die Art Cars sind weder Marketing noch PR und dienen auch nicht als flankierende Maßnahmen für Product Launches“. BMW möchte sein Engagement eher als Investment in künstlerische Interpretationen von Automobilität verstanden wissen. „Da- bei bleibt die kreative Freiheit höchstes Gut.“ Die der Konzern wie lenkt? „Gar nicht“, betont Girst. „Wir berufen eine Jury“, bei der es sich, wie der Kultur- manager nicht verschweigen möchte, „um ein Who’s who der Kunstwelt“ handle. Auf welche Künstlerin oder Künstler ihr Votum falle, „darauf haben wir nicht den geringsten Einfluss“. Jetzt traf die Wahl wieder einen Star der Szene. Denn die 53-jährige Julie Mehretu, in der äthiopischen Haupt- stadt Addis Abeba geboren und im US- Staat Michigan aufgewachsen, ist mit ihren nur vordergründig abstrakten, in Wahrheit aber mit Architekturplänen, Luftbildkarten und Stadtlandschaften auch politisch aufgeladenen Leinwän- den zu den bedeutendsten Künstlerin- nen der Gegenwart aufgestiegen. So schmückt ein Tennisplatz-großes Wandgemälde seit 2010 die Lobby des Goldman-Sachs-Hauptquartiers in Downtown Manhattan. Das „Time Magazine“ kürte sie 2020 zu einer der „100 Most Influential People“. Das Whit- ney Museum ehrte sie vor zwei Jahren mit einer Retrospektive, und erst An- fang Oktober erzielte ein 2001 entstan- denes Diptychon bei Sotheby’s in Hong- kong mit 9,3 Millionen Dollar den bislang höchsten Preis für eine in Afrika gebo- rene Künstlerin. Ihr Heimatkontinent soll nun auch von der Zusammenarbeit mit BMW pro- fitieren. Mehretu bat den Konzern, sie bei der Einrichtung von Workshops zu unterstützen, bei denen Künstler in acht afrikanischen Städten neue Wege zu einer gerechten bürgerlichen Zukunft erarbeiten sollen. Für ihr Art Car selbst hat Mehretu also absolute künstlerische Freiheit – bis auf eine Bedingung: Ihr Eingriff darf die Chancen des Autos, ein Rennen auf den vordersten Rängen zu beenden, nicht kompromittieren. „Sollte sie dagegen das Gewicht des Boliden reduzieren Tribal Art: Esther Mahlangu schmückte 1991 einen BMW 525i mit afrikanischen Ndebele-Mustern Kunstfreiheit: 2007 versteckte Ólafur Elíasson einen BMW unter vereistem Metall

€URO 12|23 137 BILD: BMW, BENTLEY, THOMAS VON SALOMON/BMW AG ➸ Fremdgänger 1998 wurde Art-Car-Initiator Hervé Poulain dem Münchner Konzern untreu und startete in Le Mans mit einem vom Karikaturisten Georges Wolinski bemalten Porsche 911 GT2. ➸ Brit Pop Vor sieben Jahren gestaltete Sir Peter Blake, berühmt für sein Cover des „Sgt. Pepper“- Albums der Beatles, ein Bentley Continental GT V8 S Cabrio für eine Wohltätigkeitsauktion. BMW Art Cars Geld & Genuss Fast & Curious oder seine Aerodynamik optimieren“, sagt Girst grinsend, „herzlich gern.“ Julie Mehretu ist da ganz auf Linie. Bei den 24 Stunden von Daytona, Flori- da, im Januar, ihrem ersten Besuch bei einem Autorennen überhaupt, zeigte sie sich Zeugen zufolge völlig fasziniert. Und befragt zur Performance des von ihr gestalteten Rennwagens, konsta- tierte sie im Guggenheim Museum unmissverständlich: „Ich will natürlich, dass er gewinnt.“ Sein erstes Rennen startet das 20. Art Car just dort, wo die Geschichte der Serie 49 Jahre zuvor be- gann, bei den 24 Stunden von Le Mans am 15. und 16. Juni nächsten Jahres. Was die Künstlerin mit ihrem BMW M Hybrid V8 anstellen wird? Thomas Girst, der bereits erste Studien für die Folie- rung ihres Art Car sehen durfte, muss über seinen Einblick Stillschweigen be- wahren. Aber so viel verrät er dann doch: „Es wird heftig. Es wird ein Auto, das man nicht im Rückspiegel sehen möchte.“ Koons-Stück: Der von US-Starkünstler Jeff Koons gestaltete BMW M3 GT2 schied zwar 2010 in Le Mans aus, entfachte aber das Inter- esse an den Art Cars neu KUNST AUF AUTOS